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Marili.

EEs war ein kleines Mädchen aus der Fremde, das zwischen die Dreizehnjährigen in die dritte Klasse von Fräulein Blenderbergs höherer Töchterschule hineinschneite. Das heißt, die Vorsteherin selbst brachte sie am ersten Schultage nach den Osterferien zur Morgenandacht mit ins Klassenzimmer und stellte sie nach dem Gesangbuchverssingen den Schülerinnen als Marie-Elise Ringhardt aus Bodenau bei Lindau vor. – Dann, als sich die sechsundzwanzig neugierigen Augenpaare an der unscheinbaren Neuen im schwarzblauen Sergekleide und der schwarzen Latzschürze sattgesehen hatten, wies Fräulein Blenderberg ihr den Platz zwischen Milly Breithaupt und Aenne Hellwig, zwei Busenfreundinnen an, und Nelle Wilde, die dritte im Bunde, die gleich dahinter saß, puffte Aenne unter der Bank mit dem Fuße: »Schade, daß solch ein dünner, schwarzer Trennungsstrich zwischen euch kommt!« sollte das malitiöserweise auf deutsch heißen. –

Uebrigens war die Maßregel eine ungemein weise vom klugen Fräulein Blenderberg, alldieweil das Trio sich fortwährend auskichern und einander Geheimnisse zuflüstern mußte. Milly schnob Wut und machte sich sofort in der Rechenstunde bei Herrn Hoopmann daran, eine reizende Karikatur zu kritzeln: Fräulein Blenderbergs griechisches Profil und strenge Miene auf das dürftige Figürchen dieser unangenehmen Marie-Elise gestellt, die sie von der geliebten Aenne trennte.

Aenne mit dem »besten Herzen von der Welt«, wie die Freundinnen sagten, faßte den Zwischenfall anders auf. Als sie sich den »Trennungsstrich« näher ansah, regte sich's gerührt in ihr. Was war's für ein schmales, kränkliches Gesicht, kaum ein bißchen Farbe darin. Die weichen, aschblonden Haare über dem bescheidenen Krägelchen paßten dazu, ebenso die schüchternen, treuherzig blickenden Augen, die nicht im mindesten hübsch waren. Aber der Mund, der auch beinahe so blaß erschien wie die Wangen, lächelte glückselig zum ersten freundlichen Flüsterworte, während Herr Hoopmann das große Bruchexempel mit der Kreide an die Wandtafel malte, daß es gen Himmel kreischte.

»Du!« sagte Aenne.

»Ja?«

»Weshalb bist du so dunkel angezogen?«

»Ach – nur so –«

»Trauerst du?«

»Eben jetzt nicht. Wir sind zwei Jahre schwarz gegangen wegen dem Vater. Die Mutter hat's noch in der Gewohnheit, daß sie uns keine bunten Kleider gibt.«

»Du hast keinen Vater mehr?«

»Nein.«

»Du, Nelle, sie hat nur eine Mama!«

»O, schon lang. Bald werden's drei Jahr –«

»Psch–sch–t!« machte Nelles Warnungsstimme hinter den zischelnd zusammengesteckten Köpfen, leider aber kam das dräuende Unheil dennoch.

»Anna Hellwig, ich muß dich heute schon wieder notieren,« zürnte der Lehrer.

»O, bitte, Herr Hoopmann, bitte, nein!«

»Ruhig!«

Herr Hoopmann ließ sich von Rosalie, der artigsten Klassenschülerin, das Klassenbuch reichen und machte mit seiner eigenen Füllfeder aus der Westentasche eine längere Eintragung.

»So–o! – Leg das Buch wieder hin, Rosalie. Warte mal, noch nicht. Wer ist die da neben Anna Hellwig; die soll auch 'ne schlechte Note kriegen.«

Alle Zeigefinger flogen in die Luft und Chorruf: »Herr Hoopmann! – Herr Hoopmann! Das ist ja eine Neue!«

»So–o? Hm – hm! – Na, tritt mal vor, Kleine.«

Die Kleine (denn das war sie wirklich) sah sich ängstlich nach Aenne um und wollte deren Hand nicht loslassen, aber sie mußte wohl; es half nichts. Zitternd vor Furcht arbeitete sie sich durch die lange Reihe der Bankgenossinnen und stand so vor dem Gestrengen, der doch nicht im geringsten wie ein Kinderfresser aussah.

»Na, laß dich mal angucken, du Plappertasche. Was soll das Geweine? Nützt gar nichts. – Name?«

»Marili.«

Kichern rechts und Kichern links. »Marili«: das war doch ein gar zu lächerlicher Name.

»Bitte, Herr Hoopmann!« (Die artige Rosalie hob einen dicken Zeigefinger auf und erhob sich, als die Sprecherlaubnis erteilt war.) »Sie heißt nämlich Marie-Elise Ringhardt und kommt aus – aus? – ich glaube aus Bodenau bei Lindau am Bodensee.«

»Schön. Setz dich nieder.«

»Affig!« dachte Aenne, weil Rosalie, das Tugendmädchen, ihr rotschottisches Kleid sittsam auseinander hielt beim Niedersetzen; und sie sowohl wie Milly und Nelle ärgerten sich schwer darüber, daß Herr Hoopmann die kleine Neue in seiner strafenden Ansprache vor »Anna Hellwig und Kompanie« warnte. Gewiß zehnmal nannte er ihren Namen: »Marie-Elise Ringhardt«, dann hieß er sie sich vorläufig neben Rosalie setzen und endlich mußte sie auch noch das schreckliche Bruchexempel an der schwarzen Tafel ausrechnen. Sie behielt aber immer vierhundertdreiundachtzig Tausendstel Rest und es sollten nur dreihundertneunundsiebzig sein.

Völlig vernichtet kroch sie, nach Schluß der Stunde, in den Winkel zwischen Bücherregal und Katheder, holte ein schwarzgerändertes Schnupftüchelchen hervor und fing ganz zerknirscht an vor sich hin zu weinen. Rosalie kümmerte sich gar nicht weiter um sie, sondern hakte die zwei »Nächstartigen« unter, und dann ging's schnurstracks hinaus in den Garten zur Butterbrotspause.

»Nein, wie übel ich Rosalie finde!«

Aenne schoß entrüstet ins Klassenzimmer zurück und zog das schluchzende Marili aus seiner Ecke ans Licht: »Komm mit, wein doch nicht so! Hast du Frühstück?«

Schluchzen und Kopfschütteln: »Ich mag nicht –«

»Doch! du sollst! Da nimm nur, ich habe zwei –«

Zuerst konnte Marili vor lauter Unglück gar nicht in das Korinthenbrötchen einbeißen, dann aber ging es und schmeckte herrlich, und im Schulgarten war's hübsch und sonnig. Im Rasen blühte schon das herzförmige Beet aus roten Primeln, umrandet von himmelblauer Scylla, und die vier Syringenbüsche sowohl wie der große Augustapfelbaum an der Planke hatten dicke Knospen.

»Mit den Aepfeln ist sie nun wirklich nett,« erklärte Aenne der Neugetrösteten, die von ihr und Nelle in die Mitte genommen war, während Milly ihnen auf den Hacken ging. »Weißt du, es sind solch fettige, knallrote Aepfel und gerade nach den großen Ferien sind sie reif. Was fällt, gehört uns, und wenn wir mal schütteln, tut sie so, als ob sie's nicht sähe!« (»Sie« war natürlich Fräulein Blenderberg.)

»Du mußt dich nur immer nahe bei Milly halten,« riet Nelle. »Milly wohnt sommers meist auf dem Gut, und wenn wir andern nur so 'n bißchen an den Zweigen 'rumwackeln, packt sie einfach den Stamm, daß es ordentlich prasselt. Sie ist das vom Land her so gewohnt.«

»O, ich war auch auf dem Lande, gar nicht fern vom Bodensee; im Algäu, so nennt man's dort,« fiel Marili ein, drückte die beiden Arme, den im resedagrünen Aermel und den im weißrotgestreiften, zärtlich an sich, und ihr blasses Gesicht hellte sich förmlich auf. »Mein Bruder Karl und die Kitty haben mir oft geschüttelt, Birnen und Pflaumen und Pfirsich. – Ja und erst die Walnüsse; ich sag' euch – das hat dann geprasselt!« – Sie hielt inne und sah wehmütig in den Sonnenschein. »Ich bin nicht so kräftig wie die Geschwister – vielleicht werd' ich's noch – später –«

»Du kleiner Mück', du kannst nur ruhig so bleiben, das paßt mir gerade,« sagte die lustige Milly, die selber aussah wie ein frischer Apfel, und sprang von hinten an Nelles und Aennes Schultern in die Höhe. »Halt, da geht deine Carry, Aenne; wir wollen ihr unsre fremde, kleine Pflanze mal vorstellen.«

Carry war Aennes Schwester, kaum ein Jahr jünger und ein ausgelassener Vogel. Sie gesellte sich zum Kleeblatt, und nun ging die Lust erst an für die letzten paar Minuten.

»Gewöhn dir nur das fremde Sprechen nicht ab, hörst du wohl?« meinte sie, »das find' ich zu putzig und Marili klingt wie ein Geschichtenname.«

»Meine Mutter schreibt auch Geschichten,« wollte Marili sagen, da kam die Klassenlehrerin, Fräulein Martiny, dazwischen: »Anna und Karoline, Helene und Emilie, ihr sollt nicht fortwährend zusammencliquen! Trennt euch augenblicklich. Du gehst mit Else Müller und du mit Dora Klein –: hier, Martha und Fanny, nehmt Anna und Helene mit euch. Marie-Elise hält sich zu Rosalie von Linden.«

»Bitte, Fräulein Martiny, darf ich nicht lieber in die Klasse zurück? Mein Hals tut noch immer weh,« sagte das Tugendmädchen, das absolut keine Lust zu Marie-Elisens Gesellschaft hatte. Da sie bei allen Lehrkräften in Gunst und Gnaden stand und stets das beste Zeugnis erhielt, stieß ihr Anliegen auf keinen Widerspruch, und Marie-Elise bekam die Erlaubnis, bis zum Schluß der Pause mit Fräulein Martiny zu lustwandeln. Allein das schüchterne Mädchen, das eben wie ein ängstliches Schneckchen angefangen seine Fühlhörner auszustrecken, zog sie schleunigst wieder ein. Linkisch und blöde ging die kindliche Gestalt neben der Lehrerin, die trotz ihrer Strenge ein sehr liebenswürdiges Mädchen war und Marilis verschlossenes Gemüt gern aufgeschlossen hätte.

Allein für heute gelang's nicht und versprach auch wenig Aussicht auf später. In den Stunden lauter Pech! Nicht etwa als hätten die verehrten Lehrkräfte gar zu viel Strenge gezeigt oder die wildfremde, kleine Schülerin an den Pranger gestellt. Es gab nur so ein rasches Stirnrunzeln, wenn die Fragen jedesmal ohne Antwort blieben, oder wenn das Unglückskind den Orinoko nach Asien und den Minfluß nach Deutschafrika verlegte.

Marili saß in Todesangst neben Rosalie in der Bank, ballte ihr Taschentüchelchen unter dem Tische zum Klumpen und bekam heiße Backen und Ohren, so schämte sie sich ihrer Unwissenheit. Der Herr Hauslehrer auf dem kleinen Gute im Algäu hatte nicht viel mehr als die heimische Geographie gelehrt: »Ihr werdet scho' nit viel verreise,« war seine stehende Redensart gewesen, und das hatte man nun davon!

»Orinoko in Südamerika – – Minfluß in China, Provinz Fu-kien –« sagte sich Marili unaufhörlich in Gedanken vor.

Gott sei Dank, daß Bruder Karl noch in Straßburg zur Uebung und nicht hier in der neuen Heimat war! O, wie würde sich der darob entrüsten; und Schwester Kitty würde gewiß hernach auch das bekannte Gesicht machen: halb mitleidig, halb lächerlich; Kopfschütteln, Augenaufschlag und Schulternhochziehen.

* * *

»Milly ist schon fort; die Singstunde nimmt sie nicht mit,« sagte Aenne, als die Schule aus war, und nahm Marili ins Schlepptau. »Weißt du was? Ich bring' dich nach Haus, wir essen heute erst gegen Drei. Ich muß dir nämlich etwas erzählen, das, weshalb wir eigentlich Freundinnen werden müssen, du und ich und Carry. – Denke dir, es geht uns ganz ähnlich wie dir. Du hast keinen Papa mehr, und wir haben unsre Mama verloren, als wir noch ganz klein waren. Wir können uns kaum mehr darauf besinnen. Jetzt lebt Tante Klara bei uns, und die haben wir riesig lieb, aber siehst du – –!«

»Ach liebe Aenne!«

Auf der öffentlichen Promenade fiel Marili Aenne um den Hals: – Ach! das war doch sehr genierlich! Beinahe hätte die rührende Freundschaft sofort einen Riß bekommen. Allein zum Glück hatte der Vorfall keine Zeugen außer zwei alten Kinderfrauen nebst Schiebwägelchen und den mittagessenden Maurern am Neubau gleich an der nächsten Ecke. Aenne vergab. Darauf zogen die beiden sich ein wenig hügelab, setzten sich auf die grüne Bank vor knospendem Schneebeerengesträuch unter der alten Windmühle, und da schütteten sie sich in aller Gemütsruhe ihre Herzen aus.

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»Du mußt zu uns kommen und die Mutter kennen.«

Aenne hatte zehnmal soviel auszuschütten wie Marili. Zuerst mußte das schöne Vaterhaus – »siehst du, es ist da drüben hinter den beiden großen Kastanienbäumen am Wasser« – haargenau beschrieben werden und Tante Klara und Bruder Rudi. Dann kam die Tanzstunde an die Reihe und die himmlischen Kinderbälle und verschiedentliche der mittanzenden Herren Jungens; dann die Sommerreisen und Pensionshoffnungen: »gerade jetzt über drei Jahr komme ich in Pension, und denke dir: wahrscheinlich nach Lausanne oder Genf, wo man den Montblanc sieht. Wie findest du das? Himmlisch, nicht? Carry und ich gehen zusammen und wir werden auch zusammen eingesegnet, Papa will es: wir sollen uns gar nicht trennen!«

Es ging »wie geschmiert« mit dem Erzählen, und Marili machte immer größere Augen. Sie fing an, ihre Aenne, trotzdem sie sogar ein paar Lebensmonate weniger als sie selber zählte, hoch zu verehren, weil sie so viel erlebt hatte und noch immer mehr zu erleben gedachte. Sie fand nur herzlich wenig dagegen zu berichten: »Unsers ist solch ein stilles Haus – winzig klein, aber du mußt doch mit deiner Carry ganz gewiß kommen und dich bei uns umschauen und die Mutter kennen lernen und meine Kitty. – Die wird dir schon gefallen.«

»Soll ich jetzt gleich? Es ist ja nur ein Katzensprung. Da schlägt's erst halb Zwei, und von euch aus renn' ich nachher.«

Gesagt, getan. Mit schlenkernden Schulmappen setzten sich die neuen Freundinnen in Schnelltrab, und fort ging's, quer über die elegante Promenadenallee in den stillsten Teil der Vorstadt. Da schoben sich neue Straßenzeilen zwischen die altmodischen hinein; lauter großartige Namen an den Ecken: Blumenthalstraße, Moltkestraße, Kronprinzstraße – und lauter Uniformhäuschen, eins beinahe genau wie das andre. Rotes Mauerwerk mit gelben Verblendsteinen, oder weißes Arabeskengekringel zwischen den Stockwerken und ein Extragekringel über der Haustür. Aus dessen Mitte gähnte abwechselnd ein wehleidiges oder ein lächerliches Steinfrätzchen die lieben Gäste des Hauses offenmäulig an. – »Entsetzlich stillos,« behaupteten die gelehrten Herren Architekten; Aenne und Marili fanden es nun gerade reizend mit den Frätzchen und Leberwurstkringeln. In den Vorgärten lagen die Rosenstöcke noch niedergebogen, aber auf den Mittelbeeten und Rabatten, längs der Einhegegitter standen Schneeglocken und Leberblumen, gelbe Krokus und feuerrote Frühtulpen in bunten Trupps, und die Vögel zwitscherten im Sonnenschein.

Viel weniger entzückt zeigte sich Aenne von der Gartenstraße, in der die Ringhardts Hütten gebaut hatten. Die war nun wirklich zu altmodisch. Schmales, holperiges Trottoir; mitten hinein sprang der Bäckerladen, und Schuster und Schneider, Kohlenhändler und Klempner reihten sich an. Bescheidene Leute konnten sich ihren ganzen Haushaltsbedarf in der nächsten Nachbarschaft zusammenholen und brauchten die eleganten Prachtläden der großen Geschäftsstraßen nicht, deren rotfingerige Jünglinge ihre Ellbogen auf eitel Marmor stützen durften und jeden Heringsschwanz in Pergamentpapier und rosabesterntes Seidenpapier einwickelten. Durch diese nette, alte Gartenstraße zogen auch noch bäuerliche Eier- und Gemüseweibchen und hagere Männer, die Reisigbesen und selbstgeflochtene Schilfmatten feilboten. Die Hausfrauen in der Küchenschürze handelten vor den Haustüren auf plattdeutsch ein, und durch alle Hinterfenster sah man in lauter Gärten und Baumwipfel. Ueber denen ragte nicht nur der wunderhübsche, gotische Kirchturm von St. Matthäi, sondern in der Ferne erhoben sich sogar die grün überhauchten Kupferdächer der beiden Paulstürme, unten breit und oben spitz wie Riesenzuckerhüte. –

Endlich erreichten sie dann Marilis neues Daheim. Es war unbestreitbar das kleinste der kleinen Häuser, aber frisch mit Oelfarbe gemalt, die Fenster groß und hell, und im Vorgärtchen dufteten die ersten Hyazinthen süß und stark. Der kurze Gang zur steinernen Eingangstreppe war mit bunten Fliesen belegt.

»Nur zwei Fenster Front, wie merkwürdig!« dachte Aenne und beinahe hätte sie sich geschämt, mit herein zu kommen. Am Ende waren diese Ringhardts nur so Mittelstandsleute, und dann würde Tante Klara schelten; denn sie war natürlich »eigen«, was Aennes und Carrys Verkehr betraf. Noch stutziger wurde sie indessen, als sie das weiße Namensschild an der Tür las, während Marili am Windfang klingelte: »Frau H. Ringhardt-Loß.« – Hieß denn nicht so die Verfasserin von Aennes Weihnachtsbuch vor zwei Jahren? »Zu einer Schriftstellerin hinein! wie beklemmend!« – Aber nun ging's nicht anders; vorwärts in die Löwenhöhle! Die Windfangtür wurde nämlich von einer lebhaft blickenden jungen Dame geöffnet. Sehr einfach und dunkel zum Ausgang gekleidet, machte sie doch einen ganz eleganten Eindruck: »Nun, Marili? Glücklich davongekommen? Wie war's? – Ja, wen bringst du da? Guten Tag!«

»Meine beste Freundin, denk doch, Kitty! Es ist Aenne – Aenne? – – Du, wie heißt gleich der andre Name?«

»Aenne Hellwig.«

»– und dies ist meine Schwester Kitty.«

»Eine Vorstellung im Flug! So, gib mir die Hand. Man darf dir noch ›du‹ sagen, gelt? Bis aufs nächstemal; ich muß noch geschwind etwas Dessert einholen. Oder willst du zu Tisch dableiben, Aenny?«

»Ich möchte wohl – aber, ich darf nicht – ich habe Tante Klärchen nicht gefragt.«

Aenne war feuerrot geworden.

»Also dann bis nächstens, gelt? Die Mutter ist drinnen, Marili.«

Fort ging die schlanke Mädchengestalt mit raschen und leichten Schritten. Aenne sah sie gerade auf den Apfelsinenberg, drüben im Fenster des Krämerladens zusteuern und dabei rechts zum Konditor Hammernagel hinübergucken. Das war der Konditor, der die unvergleichlichen Kokosnußmakronen verfertigte, und zwar gab's vier davon für zehn Pfennig. »Was für ein ideales Dessert,« dachte das Leckermäulchen.

»Du, sag mal, dichtet deine Mama eigentlich Kindergeschichten?« fragte Aenne noch rasch, indem sie Marili aus dem engen Schuljäckchen half. »Das ist doch gewiß nicht wahr?«

»Doch, gewiß. Immer zu Weihnacht, und die meiste Zeit tut sie so übersetzen, aus dem Englischen und dem Französischen, weißt du. – Jetzt, hier ist die Mutter. – Guten Tag Mutter; sieh, ich hab' schon eine Freundin: Aenne Hellwig.«

Das schüchterne, unhübsche Gesichtchen strahlte vor Freude, und Aennes Antlitz strahlte zur Gesellschaft mit, wesentlich erleichtert, denn Marilis Mutter hatte die Nase mitten im Gesicht wie andre Mütter und Tanten und war überhaupt eine ganz gewöhnliche, reichlich starke Dame im modernen, schwarzen Alpakakleide, die Haare schlichtweg gescheitelt und aufgesteckt; nicht gebrannt und nicht aufgeplustert. Rollaugen und Theatersprache waren ebenfalls nicht vorhanden; die Sprache klang sogar nach Norddeutschland. Als Aenne ihren Schulmädelknicks gemacht, hatte die Mutter ein paar engbeschriebene Blätter fortgelegt und die Feder aufs Tintenfaß. Sie saß nämlich an ihrem großen Schreibtisch und arbeitete, und Aenne erhaschte glücklich auf einem der Blätter den Titel: »Von kleinen Leuten«. – O, gewiß ein Buch für kommende Weihnachten! –

»Es ist wirklich allerliebst von dir, daß du mir mein Marili wiederbringst, Aenny,« sagte die Mutter, behielt Aennes Hand in der ihrigen und nahm Marili in den freien Arm. »Ich danke dir schön, und wenn du magst und deine Mama es erlaubt, so komm doch bald wieder – gemütlich zum Kaffee.«

»O Mutter – –!«

Marili faßte die Mutter beim Kopf und flüsterte ihr etwas ins Ohr – daß Aenne keine Mama mehr habe und nur eine Tante. Aenne, die das Geflüster natürlich erriet, sagte warm und ehrlich: »Wir haben unsre Tante Klärchen so lieb, als wäre sie wirklich unsre rechte Tante. Manchmal ist sie ziemlich strenge, aber das schadet ja nichts.«

»Nein, ganz gewiß nicht, liebes Kind; das gehört mit dazu, sonst ist die Liebe nur halb. Sage mir: heißt deine Tante Klärchen vielleicht Fräulein Klara Leutwein? Ja? – Dann mußt du sie herzlich von mir grüßen, und ich würde sie nächster Tage besuchen. Sie ist meine Cousine um die Ecke, und damit habe ich nun auch wohl ein kleines Anrecht an dich? Was meinst du, Aenny? Kannst du zwei strenge Tanten gebrauchen?«

»Hundert!« platzte Aenne heraus und lachte übers ganze Gesicht. »Soll ich denn richtig Tante sagen? Das finde ich nun brillant.«

»Natürlich, Tante Henriette oder Tante Jettchen, was dir am besten gefällt.«

»Wahrhaftig, Tante Jettchen?«

»Natürlich; es geht ja schon von selber. – So lange soll es gelten, wie ihr gute Freundinnen bleibt, du und unser Marili.«

»Dann gilt es immer und ewig!« Flink mußte Aenne einmal küssen und sich wieder küssen lassen. Da hörte sie's zum Unglück halb Drei schlagen, und Ringhardts Minna schob die kleine Schiebetür zurück: »Is gefällig zum Essen?«

Fort sauste Aenne, daß der Zopf flog und der Federkasten in der Schulmappe tanzend klapperte. An der Straßenecke hielt Kitty sie noch erst auf, aber es war gerade nicht unangenehm; sie steckte ihr nämlich eine Kokosnußmakrone aus der kleinen Desserttüte in den Mund.

»Zum Trost auf den Weg, du wildes Aenny!«

Kokosnußmakronen waren für Aenne – zumal wenn sie der berühmte Hammernagel gebacken hatte – der Gipfel des Hochgenusses.

Sie ließ sich den kleinen Aufenthalt gern gefallen.

Kauend, keuchend und hopsend wie ein menschgewordenes Heupferdchen kam sie dann daheim an und warf die schwere Haustür zu, daß es dröhnte: »Lene! Lene!« rief sie über den Flur: »Lene, sind sie schon bei Tisch?«

»Sie sitzen all lange, Doris zerwirt den Schellfisch. Mach du man flink zu, Fräulein is all böse auf dir, sagt Doris.«

»Gott, Lene, hilf mir doch! Hast du keinen Kamm da, Lene?«

»Du dumme Deern, wo soll ich woll Kämme in meine Küche zu liegen haben, hier bei's Geschirr! Da wollt' ich Fräulein ihr Gesicht bloß mal sehn!«

Aenne schlug Lenens Küchentür mit Bombenknall ins Schloß, nicht mit bösem Willen, nur aus Eile, stürzte in die Garderobe, striegelte sich und kam endlich wieder zu Atem. Es war ein Segen, daß Tante Klara ihre gute Aenne so genau kannte, und daß Carry schon berichtet hatte: »Aenne verbummelt sich gewiß vor lauter Aufopferung, Tante Klärchen; sie ist noch mit der Neuen aus ihrer Klasse losgeschoben.«

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Kokosnußmakronen waren für Aenne der Gipfel des Hochgenusses.

»Sprich nicht wie ein reisender Handwerksbursche, Carry,« hatte Tante Klärchen auf das »Losschieben« hin gemahnt. Jetzt, da die arg Verspätete reuezerknirscht eintrat, bekam sie nur unter Kopfschütteln einen Tadelblick. Zum besonderen Glücke beschäftigten sich alle eingehend und sorgsam mit dem Schellfisch auf ihren Tellern; die Erwachsenen mußten jede Gräte mit dem Kneifer auf der Nase suchen. Beim Kalbsbraten hatten sich die dräuenden Wolken völlig verteilt, und länger konnte sich Aenne unmöglich mit ihren Neuigkeiten im Zaum halten: »Denk mal, Papa, – ich muß dir was rasend Interessantes erzählen: die Neue in unsrer Klasse – –«

»Gutes, bestes Kind, plappere nicht; iß jetzt erst deinen Fisch, daß du auch an den Braten kommst, und verschlucke keine Gräte.«

»Gott ja, Tante Klärchen, Süße –! sieh mal – –«

»Pscht, Aenne, gleich. Nimm dir Zeit. – Doris, den andern Teller für Aenne.«

»Na also, Maus, was ist das mit eurer Neuen für eine interessante Geschichte?« fragte der Papa und legte seiner Aeltesten ein schönes, saftiges Bratenstück auf den warmen Teller. Aenne jedoch fühlte sich, dank dem grätenreichen Schellfisch, ganz aus ihren Himmeln gerissen und berichtete deshalb vorderhand ziemlich nüchtern.

»Ich soll dich von deiner Cousine um die Ecke grüßen, Tante Klärchen, von Marilis Mama. Die heißt Frau Ringhardt-Loß.«

»Was? Wie? Das gute Jettchen wieder hier? Davon hat man ja keine Ahnung gehabt und nicht mal irgend eine kleine Freundlichkeit zum Empfang habe ich ihr angetan. – Erzähle ruhig und ordentlich, Aennekind.«

Ganz aufgeregt wurde die ernsthafte Tante darüber, daß die alte Jugendgespielin, die sie vollständig aus den Augen verloren hatte, nach neunundzwanzig Jahren als Witwe in die Heimatstadt zurückgekehrt war.

»Ist das etwa die schreiblustige Dame, die all das gedruckte Zuckerzeug für die Unmündigen fabriziert, Tante Klärchen?« fragte der Papa.

»Ja, ja,« schrie Aenne los und erschrak über sich selber, »die ist es, Papa. So niedlich wohnen sie da hinten in der gräßlichen alten Gartenstraße; du solltest das Puppenhaus nur mal sehn, Papa, bloß zwei Fenster Front, ganz wonnig klein!«

»Aber der Ringhardt ihr Marili ist keine Spur hübsch,« beeilte sich Carry zu bemerken und bekam verdientermaßen sofort eins auf den Mund: »Carry, was ist das für eine Manier? Es heißt Frau Ringhardt. – Untersteh dich noch einmal!«

»Ich darf Tante Jettchen sagen; ja es ist ganz gewiß wahr!« verkündete Aenne, und der Papa rollte lachend seine Serviette zusammen und schob sie in den silbernen Ring.

»Bravo! Daran erkenn' ich meine Aenne! Schnellzugsexpedition, gleich betantet und angeliebt. Dir muß es nochmal extra gut dafür gehn, Aenne. Was meinen Sie zu dieser Tanterei, beste Tante Klara?«

»Meiner Cousine gegenüber wüßte ich wirklich nichts dagegen einzuwenden, Herr Hellwig,« erwiderte die Gefragte und damit war die Sache schönstens in Ordnung.

»Frau Ringhardt soll meine Tante ebensogut werden, wenn ich sie leiden mag,« erklärte Carry bestimmten Tones.


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