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Zum guten Anfang.

»Seid ihr mit euren Schularbeiten fertig?« fragte Tante Klara eine Stunde später. »Aenne näht ja schon Puppenzeug und du, Carry?«

»O, nur noch die Aufsatzkladde für übermorgen, die mach' ich in einem Wups. Die Disposition hab' ich längst, und ich muß mir nachher eine neue Kladde kaufen.«

»– und geübt?«

»Heute früh vor der Schule, du hast natürlich auf beiden Ohren gelegen, süße Tante.«

»Carry, Carry, du bist wirklich ein unverbesserlicher Frechmaier!«

»Gar nicht – es ist ja auch wahr; getobt hab' ich immer mit allen zehn Fingern und das Pedal 'runter, und dazu noch gesungen!«

»Schön – und weil ihr anscheinend viel Zeit übrig habt, dürft ihr noch einmal für mich zu Frau Ringhardt in die Gartenstraße gehen und eine Palme hintragen. Papa hat mir vom Comptoir aus telephonisch eine hübsche bei Sommer bestellt. Die holt ihr ab und –«

»Famos, brillant, also schleunigst los, Aenne –«

»Carry!«

»Ach, Tante, schad't nichts, ich finde es auch zu gediegen! Was sollen wir denn bei der – bei Frau Ringhardt sagen?«

»›Guten Tag‹ und ›Adieu‹, und hier habt ihr ein Billett, das gebt ihr ab, und Lene soll euch den kleinen Blechkasten voll von den Vanilleplätzchen packen, die sie gestern fabriziert hat. Es sind am Ende noch kleine Kinder da?«

»Glaub' ich nicht, Tante Klärchen. Ich hab' bloß eine große Schwester gesehen: Kitty – die find' ich nun allerliebst. – Kuchen mögen aber doch alle Menschen gern.«

»Natürlich! Er ist ihnen auch gern gegönnt. Nehmt am Ende lieber die blau geblümte Tromme, die ist zwar nicht so hübsch –«

»Aber profitlicher! – Dürfen wir etwas bei Marili bleiben? Zum Beispiel, wenn sie gerade Kaffee tränken?«

»Kinder, seid nicht so unersättlich!«

»Oder mal bei Milly vorgehn? Bitte, süße Tante, es ist ja nur zwei Ecken weit von der Gartenstraße aus.«

»Meinetwegen. Um Sieben seid ihr mir pünktlich wieder da, verstanden?«

Seelenvergnügt zogen sie von dannen und zu Sommer in die Gärtnerei. Unterwegs stießen sie auf Milly und Nelle, die gerade zu ihnen wollten, »weil es so langweilig war,« und so fand sich die geliebte »Geschlossene« einmal wieder vollzählig zusammen, und es wurde eine richtige Prozession in die Gartenstraße hinaus. Carry schleppte die vermummte Palme, Milly die Kuchentromme und Nelle Tante Klaras Brief. Aenne trug ihr Herz voll Liebe immer fünf Schritte vor den andern her.

In der Gartenstraße öffnete ihnen diesmal Minna im hellkarierten Baumwollkleide und weißen Häubchen. Die »Herrschaft« saß in der Eßstube.

Ein urgemütlicher, süddeutscher Vespertisch, festlich gedeckt, Blumen in der Mitte, rechts davon die dampfende Kanne und links der angeschnittene Napfkuchen. In den Tassen Schokolade, vertrauenerweckend dunkel von Farbe. Seitab vom gedeckten Tische stand auf zwei zusammengerückten Stühlen ein großer flacher Korb voll sauberer Flickwäsche. Die Mutter hatte sich eine blaue Leinwandschürze vorgebunden, zur Schonung des schwarzen Kleides, und Kitty eine aus feuerrotem Kattun. Sogar in Marilis Schürzenlatz blinkerte eine eingefädelte Nähnadel, aber der himmelblaue Faden, der daran baumelte, sah nach Puppenkleidern aus, und richtig, da saß die kleine Puppenfamilie um ihr Tischchen, das mit Kittys abgelegtem Staatsschnupftuch gedeckt war, und guckte mit den dummen Augen das zuckerbestreute Fünfpfennigtörtchen und die Fingerhutstäßchen an.

»Seht ihr, das hab' ich ja gewußt!« triumphierte Carry in der Tür, und Kitty klatschte lachend in die Hände: »Aber so etwas! Jetzt krieg' ich gar noch Geburtstagsvisite, ihr Leute!« Sie ließ Aenne nicht einmal zu Wort kommen, sondern »verküßte« sie und schüttelte den übrigen die Hände, und es war ein fürchterlicher Augenblick für Aenne mit dem guten Herzen, als Carry dem Geburtstagskinde die Palme nicht abgeben wollte, sondern frank und frei den Zusammenhang der Sendung erklärte.

»Macht nix, was dein ist, das ist auch mein, gelt, Mutter? 's Marili darf an den guten Plätzchen riechen, bis ihm die Nase ein bissel länger davon wird,« beruhigte Kitty und zupfte das schwesterliche Stumpfnäschen. »Sitz nicht wie angewachsen, Kleines; trag Stühle herbei. Wir haben genug und übergenug Schokolade. Mir ist's recht, wenn's morgen keine aufgewärmte mehr geben wird, sondern Kaffee. Da – setzt euch: zum Geburtstag dürft ihr mir keinen Korb geben, ihr Kinder.«

Was konnten sie Besseres tun? Erstens fanden sie, als echte Schulgöhren, nicht den richtigen »Dreh« aus dem Zimmer; und zweitens war's etwas ganz Neues für sie, bei einer schriftstellernden Mutter Schokolade zu schlürfen und selbstgebackenen Napfkuchen zu schmausen. Merkwürdigerweise fanden sich auch weder abgebrochene Stahlfedern im Kuchen, noch Streusand auf dem Tassengrunde und das Tischtuch war gänzlich ohne Tintenflecke; keine einzige kleine Serviette entpuppte sich unversehens als Löschpapier oder Manuskriptblatt. Wirklich wunderbar! Die Mutter sprach und lachte nebenbei ganz naturgetreu und fragte dies und das, und als Carry bei der zweiten Tasse ganz munter herausplatzte: »Bitte, bitte, bringen Sie uns mal in ein Buch, aber mit der Schule und der Tanzstunde und den Kinderbällen,« da wurde ihr das ohne viel Fisimatenten versprochen.

Wie eine kleine Elster schwatzte das angehende Backfischchen mit seinen dicken, braunroten Defreggerzöpfen und dem frischen Apfelgesicht. Sie hätte immer nur fragen mögen und diese fidele Kitty anhimmeln.

Worin lag nur deren Anziehungskraft? Wer könnte so etwas ganz genau erklären bei einem gesunden, lachenden Mädchengesichte? Lebendige Augen, in denen sich die helle Daseinsfreude spiegelte, eine heitere Stirn, um die sich natürliche Löckchen kräuselten, weich und aschblond wie Marilis schlichtes Haar; ein energisch geschweifter, roter Mund und die Gestalt voller Beweglichkeit. Daß beim raschen Sprechen die Zunge manchmal ein wenig gegen die weißen Zähne stieß, fanden die Schulmädel noch besonders amüsant. Kurzum: Fräulein Kitty Ringhardt machte vier Eroberungen auf einmal an ihrem neunzehnten Geburtstage.

* * *

»Ich finde sie nun geradezu einfach wonnig: so lustig, ich könnte mich geradezu schieflachen, wenn sie so spricht wie die Tiroler und solche!« schwärmte Carry, als sie das kleine Haus verlassen hatten, während Aenne darüber nachdachte, wie ihr stilles Marili wohl je neben dieser Schwester bestehen könne.

Sie waren eben um die zweite Ecke hinter der Gartenstraße gebogen und standen plaudernd vor einem der hübschesten Blumenläden der Vorstadt. Flieder, Narzissen, Orchideen und Rosen – entzückend! Gerade in der Mitte eine Lafrancerose im Topf, mit rosa Krepppapier umhüllt und von einer Atlasschleife gebunden. Drei Blüten, eben aufgebrochen und zwischen dem Laube vier oder fünf Knospen, klein und groß.

»Kinder, ich habe eine großartige Idee!« fuhr Carry fort, »laßt uns nochmal zurück in die Gartenstraße stürzen es sind ja nur dreißig Schritt – und ihr die Rose zum Geburtstag schenken. Eigentlich sah es doch schofel aus mit der Palme, Aenne hat auch fürchterlich dabei gelitten, habt ihr's nicht gesehn? Wie findet ihr die Idee?«

»Famos! Wer hat aber Geld bei sich?«

»O, ich kann pumpen, ich habe drei Mark; davon geht nur die Aufsatzkladde ab.«

»Laß mal sehen: was hast du, Milly? Ich siebzig Pfennig.«

»– macht drei Mark fünfzig – (zwanzig für die Kladde, nicht, Carry?) – und Aenne?«

»Rund eine Mark; Nelle fünfundachtzig Pfennig: Kinder, das reicht über und über. Wollen wir also?«

»Naturgeschichte! Bedenkt nur, wir haben ihr drei Viertel von ihrem Kuchen aufgegessen, dafür –«

»Nein, pfui, wie gräßlich! So als Bezahlung!« Aenne war entrüstet. »Dann lieber gar nichts! Womöglich auch noch die alte Kuchentromme wieder abfordern!«

»Bitte, was bildest du dir ein? Das muß sein, das ist in der Ordnung und Tante Klärchen erwartet es! Aenne Hat immer so verrückte poetische Einfälle. Kinder, um Sieben müssen wir zu Hause sein; meine Aufsatzkladde! – Wollen wir nun die Rose kaufen?«

»Ja, ja, nur zu. Aber daß du nichts abhandelst, Carry, das mag ich nicht.«

»Ulk muß dabei sein, beste Aenne. Kommt!«

Zwanzig Pfennig ließ das Ladenfräulein herunter; sie amüsierte sich zu sehr über Carry. Aenne legte noch vierzig Pfennig auf den Tisch und erstand sich ein Sträußchen Maiblumen: »Marili soll auch was haben.«

»Ganz wie Aenne; findet ihr nicht? Mich wundert nur, Aenne, daß du Marili, das Wunderkind, nicht sofort mit in die Geschlossene bugsieren willst.«

»Möchte ich auch am allerliebsten.«

»Ach was! Ich glaube, sie ist ein rechtes Schäfchen!«

* * *

Als sie aber die entzückte Dankbarkeit der Unscheinbaren neben Kittys sprudelndem Vergnügen ob dieser neuen Ueberraschung empfangen und genossen hatten, schlich sich das Marili doch auch in die widerwilligen Herzen hinein. Beim zweiten Hereinplatzen hatte das Freundinnenvierklee die Puppen und das Geschirr schon fortgeräumt gefunden und Mutter und Töchter emsig bei der Näharbeit. Marili stichelte übrigens kein Puppenkleid, sondern faßte Kittys Teeschürze frisch mit himmelblauem Bande ein. Tante Klaras Blechtromme stand bereits sauber verpackt und mit gelbem Bindfaden umschnürt auf dem Büffett und ein Brief lag dabei. Minna, der dienstbare Geist, oder Marili hätten es gleich morgen mit Dank zurückbringen sollen. Nun konnten Aenne und Carry die Besorgung selbst übernehmen.

* * *

»Es ist da, bei den Ringhardts, wirklich ganz ordentlich in den Stuben, Tante Klärchen, keine Spur genial,« berichtete Carry daheim.

»Ei, du! – was weißt du von genial? Dafür, daß ihr den Leuten zweimal an einem Nachmittag so dreist ins Haus fallt, verdient ihr, genau genommen, exemplarische Strafe,« sagte Tante Klara.

»Süße Tante, wir haben ihnen doch beide Male 'was Himmlisches mitgebracht,« verteidigte sich Carry, und die gestrenge Tante konnte nicht anders, als solch überwältigende Beweisführung unter die mildernden Umstände rechnen. »Na, es ist gut für heute; geht jetzt flink an eure Arbeiten und nicht so viel Nebengedanken.«

»Beste Engelstante, bitte, jetzt sag uns nur noch eins: Besuchst du Frau Ringhardt?«

»Wenn sie mich besucht –«

»Natürlich, das tut sie! Sie muß sich erstens für die Palme und die Plätzchen persönlich bedanken, nicht? – Das verlangst du ja auch immer von uns, Tante, und zweitens ist sie keine Idee grob –«

»Nicht genial und nicht grob: reizende Schilderuna! O Carry, Carry!«

»Und wenn sie dich nun besucht hat, ladest du sie dann nicht bald zu Tisch ein? Und können wir dann wohl Reispudding mit Schlagrahm und Saftsauce essen?«

»Beste Carry – hör auf!«

»Und Tante: du sollst bloß ›sie‹ sehen!«

»Wer ist ›sie‹?«

»O, Kitty Ringhardt – ich sage dir –«

»Ich sage dir, mach dich an deine Aufsatzkladde und du, Aenne, mußt noch eine halbe Stunde üben. Kinder, Kinder, was für ein Sack von Fragezeichen seid ihr!«

»Wir gehn ja schon – sei doch nicht so, Tante!«

»Wie bin ich denn? Vernünftig, und ihr seid das Gegenteil. Der Rest wird sich finden.« –

* * *

Er fand sich auch wirklich, wenngleich nicht mit Depeschengeschwindigkeit, wie die angehenden Backfischchen sich's gewünscht hätten. Erst mußten acht häßliche, aber fruchtbare Regentage vorüber sein, alldieweil Tante Klara für ihre eigene Person weder überflüssige Droschken zu spendieren liebte, noch auch ihr schönes Besuchskleid und den Sammetmantel mit Seidenverschnürung verderben mochte. Dann wollte sie vor allen Dingen erst Papas große Herrengesellschaft hinter sich haben. Papa fand überhaupt, daß der Hausverkehr schon über Gebühr ausgedehnt sei und deshalb gar keine Eile vonnöten sei.

Frau Ringhardt jedoch kam Tante Klara zuvor, zu Fuß und höchst einfach gekleidet im strömenden Regen: »Knapp standesgemäß,« meinte Carry zu Aenne. Gott weiß, wo Fräulein Carry den Ausdruck aufgeschnappt hatte. Kitty begleitete ihre Mutter, und diese bemerkte ausdrücklich, daß sie niemals Geselligkeit mitmache, und Kitty nicht vor kommendem Winter. Sie hatten nur ihren Dank für die Freundlichkeit nicht länger hinausschieben wollen: auch für die Kinderfreundlichkeit gegen ihr schüchternes Marili.

»Ich habe sehr stark zu arbeiten, bis meine drei glücklich selbständig sind, liebe Klara,« sagte die Mutter, »und meinen Haushalt gebe ich ungern aus den Händen. Kitty will schon zu Pfingsten einen Pflegerinnenkursus im hiesigen Roten Kreuz durchmachen. Lieber hätte ich's, sie täte es gleich in Frankfurt; die Oberin dort ist meine Freundin. – Vielleicht später einmal.«

»Ist sie nicht noch sehr jung, gutes Jettchen?«

»Achtzehn vorbei, grad' recht,« antwortete Kitty. »Zum Krankenpflegen hab' ich Beruf, zur Lehrerin keinen, und doch – wenn ich jetzt fortgeh' – unser Marili tut mir leid!«

»Meine beiden haben sie sehr gern; sie muß nur noch aus ihrer Aengstlichkeit und Zurückhaltung heraus.«

»Eben, das ist's, das hängt ihr an; aber alle Tage spricht sie von ihrer Aenny und der lustigen Carry, gelt, Mutter? und hat so Sehnsucht nach ihresgleichen und nach Freundschaft.«

»Also soll sie nur kommen, Jettchen; bei mir ist sie gut behütet, und Herr Hellwig hat nichts einzuwenden.«

»So gut behütet wie die Aenny und die Carry bei meiner Mutter,« fiel Kitty ein, die von Natur sehr lebhaft war. »Die Mutter ist immer im Nebenzimmer, und dann liest sie oft einmal vor und dann muß das Marili fürs Abendbrot sorgen: so gute Dinge richtet's schon her, und niemals führt's eine häßliche Redensart, gelt, Mutter? Ihre beiden werden die Freundschaft gewiß nicht bereuen.«

* * *

Auf diese Weise ereignete sich's, daß schon acht Tage später das schüchterne Marili als fünftes Blümchen in den geheiligten Boden der »Geschlossenen« verpflanzt wurde, alle Geheimnisse erfuhr und alle Bildung eingetrichtert bekam, die, nebst Tee, Kuchen, einer möglichst unschuldigen, süßen Speise und rastlosem Geplauder und Gekicher, Inhalt und Reiz dieser regelmäßigen Zusammenkünfte ausmachten.

Natürlich gab es auch hundertzehn Geheimnisse und nebenbei eine unbegrenzte Neugier (oder sollen wir höflich sein und Wißbegier sagen?) auf Marilis großen Bruder Karl, den Marili als einen Ausbund von Tugend, Ritterlichkeit und edlem Biedersinn den Freundinnen schilderte.


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