Wilhelm von Polenz
Liebe ist ewig
Wilhelm von Polenz

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XXIII

Eines Morgens erhielt Jutta, als sie noch beim Ankleiden war, durch Boten einen abgerissenen Zettel zugestellt. Lieschens Hausmeisterin schrieb: Fräulein Blümer gehe es schlecht, es sei nach dem Doktor geschickt worden. Wiederholt schon habe die Kranke nach der Freundin gefragt.

Mit zitternden Händen vollendete Jutta ihre Toilette und eilte zu Lieschen.

Der Arzt war noch da, die Untersuchung hatte bereits stattgefunden. Er war ungehalten, daß man ihn jetzt erst geholt habe. Es sei ja viel zu spät! Vor ein paar Monaten hätte man durch einen Eingriff vielleicht noch helfen können. Das komme von der »verdammten Schamhaftigkeit« der Weiber. Daß er selbst an Schamhaftigkeit nicht leide, bewies er, indem er von dem vorliegenden Krankheitsfalle in Juttas Gegenwart mit zynischer Deutlichkeit sprach. Er verschrieb etwas, erklärte, er werde abends nochmals nachsehen kommen und ging dann.

Jutta saß längst am Bette der Freundin und liebkoste sie. Mit verstörten Zügen lag Lieschen, wie ein verwundetes Tier, stumm, nur ihre großen, verängsteten Augen erzählten, was sie ausgestanden habe.

»Ist er fort?« stöhnte sie endlich. »Oh, das war von allem das Fürchterlichste!« Was sich mit ihr ereignet habe, wußte sie selbst nicht recht; aber die Hausmeisterin ergänzte das Fehlende mit viel Redseligkeit. Nachts hatte ein starker Blutverlust stattgefunden, dem eine schwere Ohnmacht folgte. So war die Kranke des Morgens gefunden worden.

»Er hat gesagt, daß es ganz schlimm mit mir stände«, sagte Lieschen, als endlich auch die Frau gegangen war. Juttas Tränen antworteten ihr. »Wenn's doch heute noch zu Ende wäre!« Ein befriedigtes Lächeln ging über Lieschens Züge.

Lange Zeit lag die Sterbende und sagte kein Wort. Der Arzt hatte das Fenster öffnen lassen. Luft und Licht strömten ungehindert ein. Ihr Gesicht war wachsbleich. Jetzt, wo die Augen, die sonst mit ihrem Glanz dem Ganzen Leben gaben, geschlossen in ihren dunklen Höhlen lagen, glich der Kopf einer Totenmaske. Jutta, die einen schwachen Rest von Hoffnung immer noch genährt hatte, sagte sich nun, daß alles aus sei, daß es sich hier nur noch um Stunden handeln könne. Sie weinte still vor sich hin.

»Ich möchte einen Priester haben!« sagte mit einem Male Lieschen, kaum vernehmbar.

Jutta wußte, daß sich die Freundin nicht allzu eifrig um Kirche und Gottesdienst gekümmert habe. Lieschen hatte ihr einmal erzählt, sie sei in den letzten Jahren nicht mehr zur Beichte gegangen, weil es ihr unmöglich wäre, mit den Lippen das als Sünde zu bekennen, was ihr Herz als das Größte, Wertvollste und Schönste ihres Lebens empfinde. Jutta hatte diese Scheu verstanden. Sie begriff aber auch, daß im Angesicht des Todes Empfindungen und Erwägungen die Oberhand gewinnen beim Menschen, von denen wir als Gesunde nichts ahnen mögen.

Das Mädchen überlegte hin und her, an welchen Priester sie sich wenden solle. Ihr eigener Beichtvater, an den sie zunächst dachte, schien nicht der rechte Mann. Er war ein Durchschnittspriester, prosaisch, abgestumpft, ohne Feingefühl. Da fiel ihr zur rechten Zeit ihr Religionslehrer aus der Schulzeit ein. Von allen Geistlichen, die sie jemals kennengelernt, hatte der den tiefsten Eindruck auf sie gemacht; von ihm wußte sie, daß er nicht nur ein kluger, gelehrter Mann sei, daß er vor allem auch Takt, Verständnis und Milde besitze.

Ihr ehemaliger Lehrer befand sich jetzt in der Stellung eines selbständigen Pfarrers. Jutta war aus alter Anhänglichkeit hier und da in seine Kirche gegangen, die in der Vorstadt lag.

Sie nahm einen Wagen, fuhr hinaus und hatte das Glück, den Geistlichen zuhause anzutreffen. Er erkannte die ehemalige Schülerin sofort wieder und schenkte ihr willig Gehör.

Ihr Herz hatte bange geklopft auf der ganzen Fahrt. Würde es ihr gelingen, dem Priester verständlich zu machen, daß er die Kranke nicht quälen dürfe, daß Lieschens Fall nicht zusammenzuwerfen sei mit soundso vielen anderen, wie sie so einem wohl täglich begegnen mochten. Wenn er nun Fragen stellte, indiskrete Fragen, wie es die Beichtiger für ihr gutes Recht hielten? – –

Aber als sie das wohlvertraute Organ ihres Lehrers vernahm, als sie seine würdige Erscheinung sah, den Hauch von Wohlwollen und Verständnis spürte, der von dieser echten Hirtenpersönlichkeit ausging, da verflog ihre Sorge. Es wurde ihr leicht, diesem Manne die Lage der Freundin zu schildern, sie fand für das schwer zu Sagende schnell den richtigen Ausdruck.

Der geistliche Herr hörte ihr mit der Miene eines Mannes zu, den die Übung gelehrt hatte, aufmerksam zu sein und zugleich undurchdringlich zu erscheinen. Er hatte den Fall in seiner Eigenart sofort begriffen und sagte zu, baldigst zu kommen.

Glücklich, daß ihre Hoffnung sie nicht getäuscht hatte, fuhr Jutta zurück, jetzt nur besorgt, wie sie Lieschen antreffen würde.

Der Zustand der Erschöpfung hatte während der letzten Stunden zugenommen. Ein mattes Lächeln war alles, was Jutta zur Antwort erhielt, als sie der Sterbenden mitteilte, ihr Wunsch werde in Erfüllung gehen.

Nun wurden in Eile Vorbereitungen getroffen für die heilige Handlung. Die Hausmeisterin mußte ein paar geweihte Kerzen besorgen, die auf einem weiß gedeckten Tischchen ihren Platz fanden. Dazwischen stellte Jutta ein Kruzifix, das Lieschen stets besonders wert gehalten hatte, weil es ein Geschenk war von Xaver, von ihm selbst aus heimatlichem Holze geschnitzt. Die Kranke wurde mit Hilfe von Kissen zu einer halbsitzenden Stellung aufgerichtet.

Dann kam der Priester mit seinem Meßdiener. Jutta und die Hausmeisterin zogen sich zurück, ebenso der Ministrant, nachdem er dem geistlichen Herrn die Alba angelegt und die Stola umgehängt hatte.

Die Beichte währte nicht lange, während der die Sterbende allein war mit dem Priester. Dann durfte Jutta wieder eintreten. Sie sah, daß friedliche Heiterkeit auf Lieschens Zügen lag. Der Beichtiger schien es nicht hart mit ihr gemacht zu haben: hatte ihrem Sündenbekenntnis die Absolution erteilt.

Nun erhob der Priester das Ziborium und ließ die Sterbende eine Weile den Anblick des heiligsten Symbols genießen. Mit den Worten des Bekenntnisses reichte er darauf ihren Lippen die Hostie dar. Der Diener legte ein Tuch über die Stirn der Sterbenden, um dem Vergeuden des Chrismas vorzubeugen, darauf vollzog der Priester die letzte Ölung. Nachdem er noch zum Segen die Hände aufgelegt hatte, war die Handlung zu Ende.

Jutta geleitete den geistlichen Herrn hinaus. Noch nie war es ihr so natürlich erschienen, einem Priester die Hand zu küssen wie hier. Er murmelte auch über ihrem Haupte den Segen, dann ging er, gefolgt von dem Ministranten.

Lieschen lag mit weit offenen Augen und lächelte. Sie hatte auf einmal ihr altes Gesicht wiederbekommen: eine Erscheinung, die man bei Sterbenden manchmal kurz vor der Krisis beobachtet. Jutta setzte sich zu ihr. »Das Kruzifix!« flüsterte Lieschen. Es wurde ihr gereicht. »Von ihm!« hauchte sie, warf einen langen heißen Blick darauf und küßte es.

Eine geraume Weile war in Schweigen vergangen, als Jutta aus dem Mienenspiel der Kranken zu lesen glaubte, daß etwas sie beunruhige. Sie beugte sich zu ihr: »Soll ich ihn rufen lassen?«

Lieschen schüttelte energisch das Haupt. Nach einiger Zeit kam es unter beseligtem Lächeln leise, wie ein Hauch von den blassen Lippen: »Sage ihm: ich bin glücklich! – Er hat mich so glücklich gemacht.«

Mit dem friedlichsten Ausdrucke auf dem stillen Gesichte lag sie lange, bis ganz allmählich eine Wandlung eintrat in den Zügen. Sie wurden härter, gedehnter, wie von unsichtbarer Hand gewandelt. Noch einmal öffneten sich die Lippen, machten einen Versuch zu sprechen, arbeiteten ungeduldig. Jutta neigte das Ohr ganz zu ihr.

»Du – er – ihr beide!« kam's hervor. »Verstehst du mich?«

»Ja, ja!« flüsterte Jutta, nur um die Sterbende zu beruhigen.

»Ihr beide – – ich will es!« . . . Der Rest war ein Röcheln.

Von da ab sprach sie kein Wort mehr. Jutta hielt die Hand der Freundin in der ihren. Schwächer und schwächer wurde der Pulsschlag, schwerer und schwerer die kleine Hand. Als Jutta sanft die Finger aus den ihren löste, fiel der Arm leblos auf die Decke herab.

Es war in der siebenten Stunde abends, als Lieschen starb; die Zeit, wo Xaver sie zu besuchen pflegte.

Jutta wollte um keinen Preis der Welt hier bleiben. Der Gedanke, ihm mitteilen zu müssen, was sich ereignet, zu erleben, wie er beten und weinen würde, wie er an der Leiche niederknien, sie liebkosen würde, war in der bloßen Vorstellung unerträglich. Sie konnte sich im Augenblicke nicht Rechenschaft geben, weshalb sie sich vor einem Zusammensein mit ihm so sehr fürchte. Aber die Furcht war da, der Abscheu. Sie waren stärker fast noch als ihr frischer Schmerz, der mehr einer Betäubung glich, noch nicht zum Kummer sich zu vertiefen Zeit gehabt hatte.

Ängstlich lauschte sie auf jedes Geräusch. Jetzt ertönten Schritte auf der Stiege. War er das? – Aber die Schritte gingen vorbei.

Jutta schlich sich von der Tür zu der Leiche zurück. Das Kruzifix war vom Bett herabgesunken. Sie bückte sich und hob es auf, legte es der Toten auf die Brust, die feinen weißen Leichenhände leicht darüber. Wie kalt sie schon war! –

Mochte er sie so finden! Vielleicht würde er denken: sie schlafe. Schreckliche Erkenntnis dann! Aber Mitleid konnte sie mit ihm nicht empfinden.

Von der Tür aus warf sie noch einen scheuen Blick zurück in das Zimmer, das schon halb im Dämmerlichte lag. Auf den etwas erhöhten Kopf der Leiche fiel ein heller Schimmer vom Fenster her. Die Augenhöhlen ein paar dunkle Flecke, Stirn und Nase fein und scharf wie aus Stein gemeißelt. Die Lippen – als lächelten sie. Unheimlich! Jutta floh.

Als sie zwei Stiegen, sie wußte nicht wie, hinter sich gebracht hatte, hörte sie die Haustür gehen. Jäh machte sie halt. Das war er. –

Nur nicht ihm begegnen! Gerade noch Zeit hatte sie, in den dunklen Korridor zu treten und sich an die Wand zu pressen.

Gleich darauf kam Xaver an ihr vorbei. Sein Gesicht war heiter. Sie sah, daß er Blumen in der Hand trug.

 


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