Wilhelm von Polenz
Liebe ist ewig
Wilhelm von Polenz

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IV

Am Tage darauf erfuhr Jutta durch Resi, im Rückhause sei der Herr Kunstmaler von Weischach gestorben. Früh am Morgen schon hätten Leute in schwarzen Mänteln und hohen Hüten einen Kasten hereingebracht und die Leiche auf einem Wagen fortgeschafft. Resi fügte dem Bericht noch einiges aus ihrer Phantasie hinzu, um das junge Fräulein nur ja gruseln zu machen. Und sie hatte die Genugtuung, daß Jutta sie, als es Abend wurde, bat, sie möge für diese Nacht bei ihr auf dem Sofa schlafen.

Durch Resi erfuhr Jutta auch, wo die Leiche hingeschafft worden sei: in den Leichensaal des katholischen Friedhofs. Dorthin würden sie alle geschafft, einerlei, wessen Standes oder Geschlechts. Dort könne man sie ausgestellt sehen, angetan mit ihren besten Kleidern. Resi hatte schon mehr als einen ihrer Freunde und Verwandten daselbst in Parade liegen gehabt: sie konnte es nicht schön genug schildern, wie »sauber« die ausgesehen hätten: »wie von Wachs«.

Für Jutta stand es von vornherein fest, daß sie den Verstorbenen noch einmal sehen wolle. Aber allein in die Leichenhalle gehen war unmöglich. Resi hatte keine Zeit, sie zu begleiten, an Frau Hölzl wollte sich Jutta nicht wenden, der Vater durfte erst recht nichts davon wissen: so blieb also nur Eberhard, dem man mit einem solchen Ansinnen kommen durfte.

Der Gymnasiast lachte zunächst bei der Idee. Dann fand er, die Sache aber doch »ganz interessant« und erklärte sich bereit, mitzumachen.

Es kam sonst nicht oft vor, daß Bruder und Schwester gemeinsam ausgingen. Ihre Interessen lagen nach zu verschiedenen Richtungen, auch liebte er es nicht, sich mit der kleinen Schwester auf der Straße zu zeigen. Man kam sich so komisch vor mit solchem Geschöpf, das lange Haare trug und kurze Kleider.

In der Straßenbahn, die sie benutzten, um den weiten Weg zum Friedhofe abzukürzen, hatte Eberhard sich von Jutta getrennt, um auf dem hinteren Perron »ungestört eine rauchen« zu können. Eberhard stand kurz vor der Maturitätsprüfung und fühlte sich bereits halb und halb als Student.

Er hatte die Absicht, Medizin zu studieren. Zwischen ihm und seinem Freunde Bruno Knorrig war es abgemachte Sache, daß dies für den Freidenker das einzig mögliche Studium sei. Jura war stumpfsinnig, Philologie altmodisch und Theologie vollends überlebt. In der Medizin jedoch feierte das Wissen des modernen Menschen seinen höchsten Triumph.

Die Geschwister schritten durch das Friedhofsportal und dann einen langen Gang hinab. Das Leichenhaus lag ganz am unteren Ende. An unzähligen Gräbern kamen sie vorbei, Monument reihte sich an Monument, Hügel an Hügel, Denkstein an Denkstein.

Schließlich langten sie bei einem niederen Gebäude an, vor dem eine verdeckte Halle hinlief. Nach Resis Beschreibung mußte es das sein.

In einer Nische hatte Jutta ein Weihwasserbecken entdeckt. Sie trat hinzu, tauchte ihre Finger ein und segnete sich, indem sie ein Kreuz schlug. Eberhard, dem im evangelischen Unterricht von früh auf eingeprägt worden war, alles Katholische zu verdammen, sah dem Tun der Schwester verächtlich zu.

Dann folgten sie einigen schwarz gekleideten Leuten, offenbar Leidtragenden, die vor einem breiten Fenster halt machten. Man blickte durch das Glas in einen weiten Raum, wo viele Gestalten lang ausgestreckt ruhten, mit geschlossenen Füßen, die Hände gefaltet, Haupt und Schultern ein wenig erhöht. So lagen sie, genau wie es Resi beschrieben hatte: Wachspuppen gleich.

Jutta drückte sich unwillkürlich an ihren Bruder an. So also sah man aus, wenn man tot war! – Sie war blaß geworden und zitterte am ganzen Körper.

Auch dem Primaner war nicht ganz geheuer, aber rechtzeitig dachte er daran, daß er als künftiger Arzt erhaben sein müsse über dergleichen. »Schade!« rief er, »daß man nicht 'reingehen kann zu den Herrschaften. Das müßte lustig sein! – Nicht?«

Sie schritten langsam von Fenster zu Fenster. Die Toten schienen eingeteilt zu sein in solche erster und zweiter Klasse. Im Hintergrunde, dem Beschauer fast entzogen, lagen Leute in schlichterer Kleidung, ohne Palmenschmuck, ohne Lichter und Kranzspenden. Die Leute von Stande waren mehr im Vordergrunde aufgebahrt.

Um ein Fenster drängten sich die Neugierigen vor allem. Eberhard las von der ausgehängten Tafel ab: »Benno Lothar von Weischach, Oberstleutnant a. D. und Kunstmaler.«

Hier also war er! Als sich einige Leute entfernten, gelang es Jutta, an die Scheibe heranzukommen.

Sie vermochte kaum ihren Freund wiederzuerkennen. Man hatte ihm seine Uniform angezogen. Da lag er mit Orden und Denkmünzen auf der Brust, Säbel und Helm neben sich.

Sie begriff nicht, daß er das sein sollte.

Dann aber, als sich der Blick an all das fremde Drum-und-dran gewöhnt hatte, fand sie seine Züge heraus. Sein Haupt erschien ihr ehrwürdig, die hohe bleiche Stirn, der lange graue Bart. So etwa stellte sie sich das Angesicht der Patriarchen des alten Bundes vor oder die heiligen Väter der Kirche.

Sie hatte nun gar keine Furcht mehr. Er war so schön, so friedlich, so mild! Das Mädchen konnte sich nicht losreißen von dem Anblick.

Wie ein Glorienschein umschwebte es sein Haupt. Er war heilig. Wären nicht die vielen Menschen gewesen um sie her, sie wäre niedergekniet und hätte zu ihm gebetet.

Aber der Bruder drängte zum Gehen. Ihm fing die Sache an langweilig zu werden. Er begriff die Schwester nicht, die immer noch dastand und in die Scheibe starrte.

»Lebendig wird er davon doch nicht! – Komm!« sagte er ungeduldig und zog sie am Arme weg.

*

Bald nachdem das Begräbnis des Oberstleutnants a. D. von Weischach stattgefunden hatte, fand sich in den gelesensten Blättern Münchens ein Inserat, wonach sein künstlerischer Nachlaß, sowie seine Bücher, Teppiche und Möbel meistbietend versteigert werden sollten. Besonders aufmerksam wurden auf diesen Gelegenheitskauf Maler gemacht, die sich ein Atelier einrichten wollten.

Der einzige Blutsverwandte des Verstorbenen, ein Herr von Weischach aus Norddeutschland, war herbeigekommen, hatte sich angesehen, was es etwa zu erben gäbe, und da er nichts als Bilder, Skizzen, Bücher, Kunstgegenstände und andere unnütze Sachen fand, hatte er sich kurzerhand entschlossen, die Sachen versteigern zu lassen. Diese Mühe nahm ihm ein Auktionator ab: und der Erbe konnte nach kurzem Aufenthalt München wieder verlassen.

Herr Reimers las das Auktionsinserat, und da er von seiner Wohnung aus nur durch einen Hof zu gehen und ein paar Stiegen zu steigen brauchte, um die zur Vorbesichtigung angepriesenen Kunstwerke zu sehen, nahm er diese kleine Mühe auf sich. Er war ein wenig Sammler, weniger aus wirklichem Kunstverständnis, als aus dem Bedürfnis heraus, sein Heim mit interessanten, seltenen und dekorativen Gegenständen zu schmücken. Auf Auktionen hatte er schon manchen glücklichen Erwerb gemacht.

Wie erstaunte er, als er bei Besichtigung des Weischachschen Ateliers eine ganze Reihe von Bildern und Entwürfen fand, zu denen mehr oder weniger deutlich Juttas Züge verwertet waren.

Hatte der Maler denn seine Tochter gekannt? Hatte Jutta ihm Modell gesessen? –

Die Wirtin des Verstorbenen mußte ihm Rede stehen. Reimers erfuhr, daß Jutta längere Zeit hindurch fast täglich bei Herrn von Weischach gewesen sei.

Reimers war bestürzt. Gerade weil er selbst genug Werg am Rocken hatte, neigte er zur Ängstlichkeit. Es war das Mißtrauen des alten Sünders, der alle Schliche kennt und keinem Manne traut.

Er nahm Jutta vor. Wie kam sie dazu, hinter seinem Rücken einen fremden Herrn aufzusuchen? – Das Mädchen schwieg hartnäckig. Keine Frage, weder im Guten noch im Strengen, vermochte etwas aus ihr herauszubringen über das, was sie für ihr heiligstes Geheimnis hielt.

Solche Verstocktheit machte den Vater erst recht bedenklich. Die ganze Sache blieb rätselhaft. Er kannte seine Jutta als ein kleines, harmloses, gutwilliges Ding, das ihm viel Vergnügen bereitete und bis dahin eigentlich niemals Sorgen gemacht hatte. Und nun das! – Unbegreiflich!

Aber Reimers liebte die unangenehmen Eindrücke nicht, und nichts war diesem Manne verhaßter als das Gefühl der Verantwortlichkeit. Hier konnte er sich keinem von beiden entziehen.

Er hatte sich zu wenig um das Kind gekümmert. Zu seiner Entschuldigung stand ihm zwar die Ausrede zu Gebote, daß er keine Zeit habe, neben seinen Berufsgeschäften auch noch die Erziehung seiner Tochter zu leiten. Ein Witwer war eben in schwieriger Lage. Verschiedene seiner Freundinnen, die ihm diese Wahrheit andeutungsweise schon des öfteren nahegelegt hatten, waren damit nicht so ganz im Unrecht. Aber trotz alledem wollte er doch lieber ledig bleiben. Es mußte da noch einen anderen Ausweg geben als Heirat. Wie wäre es, wenn man eine Dame ins Haus nähme zu Juttas Beaufsichtigung? Jemanden: halb Gesellschafterin, halb Freundin, und möglichst wenig Gouvernante: denn vor der Menschenklasse graute ihm.

Er überschlug alle ledigen Frauenzimmer seiner Bekanntschaft und kam schließlich zu dem Ergebnis, daß sich am besten zu dem Amte eignen würde seine Nichte: Vally Habelmayer.

Zwar war Vally noch jung – eben erst zwanzig geworden – und hübsch dazu. Aber das letztere war nicht so gefährlich; zu Ostern sollte ja Eberhard aus dem Hause kommen. Und für ihn, den Hausherrn, war es schließlich netter, ein junges hübsches Gesicht um sich zu sehen als ein altes garstiges. Zudem hatte Vally Habelmayer noch einen anderen großen Vorzug: sie war völlig abhängig von Herrn Reimers. Ihre Mutter lebte seit dem Tode des bankerotten Gatten mehr oder weniger von der Gnade des wohlhabenden Schwagers. Zwar war ein Sohn da, Luitpold, der sich Kaufmann nannte und der seinem Auftreten nach für einen reichen Mann eingeschätzt werden mußte: in Wahrheit aber setzte Luitpold, oder wie er in Bekanntenkreisen genannt wurde »der schöne Habelmayer«, nur das Metier seines Vaters fort: gut zu leben, nobel aufzutreten, wenig zu arbeiten und viel zu borgen.

Vally lebte mit ihrer Mutter zusammen im Proletarierviertel. Die Damen Habelmayer waren im Gegensatz zu Luitpold ökonomische Genies. Man begriff nicht, wovon sie eigentlich lebten. Vally zog sich immer gut an. In der Faschingszeit fehlte sie auf keiner der größeren Redouten. Sie war ihres feschen Auftretens und ihrer harmlosen Munterkeit wegen eine überall gern gesehene Persönlichkeit. Ein einziges Mal bis jetzt hatte Herr Reimers am Schlusse des Faschings für seine Schwägerin Habelmayer die versetzten Möbel aus dem Leihhause loslaufen müssen: aber das war eine zum Münchener Karneval zugehörige Erscheinung, über die sich ein Mann wie Reimers höchstens belustigte. Im übrigen hatte ihm bisher sein Neffe Luitpold das Portemonnaie weit ausgiebiger erleichtert, als Schwägerin und Nichte zusammen.

Vally Habelmayer hielt also eines Tages im Reimersschen Hause Einzug. Jutta freute sich darüber. Sie hatte Vally schon von früh auf bewundert; wie ein junges Mädchen eben eine erwachsene Cousine bewundert. Vallys Selbständigkeit, größere Erfahrung und Freiheit der Bewegung imponierten der Vierzehnjährigen. Die Art, wie sich diese üppige Brünette frisierte, ihre reichgarnierten Hüte und lebhaft gefärbten Blusen waren für Jutta vorläufig maßgebend. So wollte auch sie sich mal anziehen, wenn sie erst soweit sein würde, ihre Toilette selbst bestimmen zu dürfen.

Sie hatte sich immer gut mit Vally gestanden. Die Cousine behandelte Jutta nicht als kleines Mädchen, sondern mehr als Vertraute: erzählte der Jüngeren manches Interessante aus Gesellschaft und Leben, wovon man in der Schule kein Sterbenswörtchen erfuhr. Die beiden schliefen fortan in einer Stube, und damit war die Vertraulichkeit zwischen ihnen erst recht besiegelt.

Daß Vally zu dem Zwecke ins Haus gekommen sei, um sie zu beaufsichtigen, ahnte Jutta nicht; schwerlich würde sie sonst die Cousine mit solcher Freude aufgenommen haben. Vally besaß geheime Instruktion von ihrem Oheim über die ihr zugedachte Aufgabe. Von Zeit zu Zeit mußte sie ihm Bericht erstatten über Juttas Verhalten. Vally war voll Eifer und zeigte Verständnis für ihre Pflicht, und Reimers war mit ihr und dem Erfolge seiner Maßregel zufrieden.

Auch noch einen anderen Genossen sollte Jutta in dieser Zeit bekommen. Nach dem Begräbnis des Herrn von Weischach war die schöne Angorakatze, die sein Liebling gewesen, spurlos verschwunden. Vielleicht hatte sich Mucki, schlau wie das Tier war, der Möglichkeit, mit dem übrigen Nachlaß des seligen Oberstleutnants versteigert zu werden, durch die Flucht entzogen.

Eines Vormittags, als Jutta von der Schule heimkehrte, fielen ihr in einem dunklen Winkel des Treppenhauses ein paar grünlich leuchtende Punkte auf, die unbeweglich auf sie gerichtet waren. Sie erschrak anfänglich, sah aber doch nach, was dahinterstecke. Wie sie vermutet hatte, war es Mucki. Die Katze ließ sich aufnehmen und streicheln. Aber wie war das arme Tier heruntergekommen! Abgemagert, schmutzig, das schöne, einstmals glänzende Fell zerzaust.

Jutta nahm Mucki zu sich. Der Vater, der sich über diesen wunderlichen Gast im Hause gelegentlich aufhielt, erfuhr nichts von den eigentlichen Beziehungen, die zwischen seiner Tochter und dem Tiere schon früher bestanden hatten. Die Katze sei zugelaufen, hieß es. Das junge Mädchen nährte Mucki mit den besten Leckerbissen, säuberte ihr das Fell, sorgte für ein bequemes Lager, wartete das Tier ab wie ein Kind. Nach einiger Zeit hatte sie die Freude, Mucki die alte Schönheit der Farben und Fülle der Gestalt wiedergewinnen zu sehen. Fortan ward Mucki wie ein kleiner Abgott behandelt als das Liebste, was Jutta auf der Welt besaß; sie war viel klüger und besser als alle Menschen zusammen. Die Katze ließ sich mit stoischem Phlegma den Kultus gefallen. All die stürmischen Liebkosungen, die ihr zuteil wurden, erwiderte sie bestenfalls mit einem Krümmen ihres Katzenbuckels und einem verschlafenen Schnurren. Eberhard verhöhnte die Schwester wegen ihrer »Verliebtheit« in ein Tier, und Vally war drauf und dran, eifersüchtig zu werden auf die Kreatur.

Jutta ließ sich dadurch nicht beirren. Was Mucki ihr im Grunde bedeute, konnte ja niemand verstehen. Mehr als bloße Laune und Spielerei war ihr die Pflege dieses Tieres. Sie glaubte auch nicht, daß es Zufall sei, daß die Katze zu ihr den Weg gefunden hatte. An Mucki konnte sie vielleicht begangenes Unrecht gutmachen, welches sie mehr ahnte, als daß es ihr zum vollen Bewußtsein gekommen wäre.

Bei der Auktion im Atelier des verstorbenen Kunstmalers gingen die Gemälde zu lächerlich niedrigen Preisen ab. Weischach hatte eben nicht zu den bekannten Malern gehört, niemals hatte er eine Ausstellung seiner Werke veranstaltet, die Zeitungen kannten ihn daher nicht. Außerdem waren seine Sujets und seine Malweise so altmodisch, daß die paar Händler, die erschienen waren, kopfschüttelnd weggingen.

Den größten Teil der Sachen brachte schließlich ein jüdischer Trödler an sich, der Bilder nach der Elle ankaufte, um sie für teures Geld nach Amerika zu verschachern.

 


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