Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sinngedichte.

Zugabe.

(1)
Von meiner Zugabe.

                   

War meine Waare nicht recht gut, so geb ich etwas zu,
Damit was nicht die Güte thät, vielleicht die Menge thu.

(2)
Die aufgeweckte Chimära.

                   

Epigramma est brevis satira; satira est longum epigramma.
Jhr helikonisch Volk, euch ist zu viel geschehen!
Man hat euch nie geglaubt, dieweil man nie gesehen
Was ihr uns vorgesagt: Wie Lycus armes Land
Chimära einst erschreckt, verwüstet und verbrannt.
Von fornen war sie Löw, war Zieg am Bauch und Rücken,
Und hinten war sie Drach. Tod war in ihren Blicken,
Jhr Maul war voller Glut, ihr Leib war voller Gift,
Bis daß Alcidens Keul auf ihr Gehirne trifft;
Trifft aber nur so stark, daß sie betäubt entschlafen,
Und itzund, aufgeweckt durch unsre deutsche Waffen,
Tobt mitten unter uns, an Form und Namen alt,
An Kräften aber neu, und ärger an Gewalt.
     Es ist der tolle Krieg, der wild sich selbst verzehret,
Der um und um gestürzt, das Land das ihn ernähret;
Es ist der dumme Krieg, der sonsten nichts ersiegt,
Als daß er sagen mag: wir haben doch gekriegt!
     Jm Anfang war er Löw, verübte kühne Thaten,
Hielt höher auf die Faust, als tückisches Verrathen;
Und Deutschland war noch deutsch: man schlug noch ernstlich drauf,
Sah auf des Krieges End, und nicht auf fernern Lauf.
     Da nun der süße Brauch, zu machen fette Beute
Aus allem was Gott selbst gehabt und alle Leute,
Anstatt des Soldes kam, so wuchs dem Krieg ein Bauch,
Draus, wie von einer Zieg, ein schädlich dürrer Rauch
Für Kraut und Bäume fuhr: Die Nahrung ward vertrieben,
Der Ochsen saure Müh ist unvergolten blieben;
Ein andrer nahm Besitz: es hieß, der Wirth vom Haus'
Laß alles was er hat und zieh auf ewig aus.
Und nun war man bedacht den Krieg weit hin zu spielen;
Nicht auf den Feind so wohl, als auf den Freund zu zielen,
Der noch in gutem Land in seinem Schatten saß,
Und sein genüglich Brodt mit süßem Frieden aß.
Zu diesem drang man ein, stund Titan gleich erhöhet
Wo flammenathmend sonst der heiße Löwe stehet,
Noch mußt es Winter seyn, noch nahm man da Quartier,
Und alles was man fand war schuldige Gebühr.
Gleichwie der scharfe Zahn der Ziegen auch die Rinden
(An Blättern nicht vergnügt) von Bäumen pflegt zu schinden:
So war es nicht genug zu fressen unser Gut,
Man gönnt' uns in dem Leib auch kaum das letzte Blut.

Hieraus erwächst der Drach, das Ende wird zur Schlange:
Der Krieg, der alle Welt bisher macht ängstlich bange,
Wird ärger noch als arg, kreucht gar ins Teufels Art,
Wird rasend, wenn ein Mensch noch wo gefunden ward,
Der Gott, der Ehre, Zucht und Recht wünscht nachzustreben:
Will gar nicht daß ein Mensch auf Erden mehr soll leben,
Der nicht ein Kriegesknecht, und ihm sich ähnlich macht,
Und was nur menschlich ist verwirft, verbannt, verlacht.
Sein Gift schont keinen Stand, Amt, Würde, Freundschaft, Ehre;
Was lebt, lebt darum noch, damit er es zerstöre:
Bis daß nichts übrig ist, und niemand etwas hat,
Drauf wendt er alle Macht, drauf schärft er allen Rath.
Sein Gift ist so vergiftet, daß er sich selbst vergiftet,
Und ihm sein eignes End aus eignem Rasen stiftet.
So wie der Skorpion sich selbst zu stechen pflegt,
Wenn Feuer um ihn her wird etwan angelegt;
Und wie es Schlangen geht, daß ihnen ihre Jungen,
(Zu einem schönen Lohn für die ererbten Zungen,)
Zerreißen ihren Bauch: so auch des Krieges Frucht
Der Mutter Henker sey. — Was dies' umsonst versucht,
Führt Alexikakos Der Wender des Bösen Alcides aus der Höhe,
Vor dem der ganzen Welt durch Krieg entstandnes Wehe
Erbarmen hat erlangt, mit Ehren endlich aus,
Und bindet diesen Wurm ins heiße tiefe Haus.
Da, da seys ihm vergönnt zu fechten und zu schmeißen,
Den Hauswirth abzuthun, das Haus in Grund zu reißen;
Dann raub und plünder' er, dann wehr er seinen Mann,
Zu weisen, was sein Löw und Zieg und Drache kann.

(3)
Amadisjungfern.

                   

Pfui euch, die ihr euch rühmt der geilen Buhlerlügen
Des frechen Amadis, die dahin deutlich tügen
Wo Circe machte Säu, wo Messalina gieng
Und für den schnöden Sieg der Wette Lohn empfieng!
Die Zunge schärft er zwar, allein er stümpft die Sinnen,
Lehrt was ihr thun sollt, will euch Beyfall abgewinnen
Durch das, was nie geschehn, durch das, was, wenns geschehn,
Die Ehre ganz verdammt, die Tugend nicht mag sehn.
     Nicht mir den weisen Mund, den Amadis gelehret!
Ob Zunge läufet gut, wird Sinn doch so versehret,
Daß manche Mutter wird, eh als sie Braut seyn mag,
Mag Braut bey Nachte seyn, und Jungfer auf den Tag.
     Dieß lernt die Neubegier vom Meister in den Lüsten,
Für dessen Schüler ich mir wünsche zuzurüsten
Ein Schiff nach Tomos hin, auf daß der Liebe Schweiß
Zu löschen Mittel sey durch ein erfrischlich Eis.
Wie Nasons Schicksal war, der, nach geschriebner Liebe,
Vom Pontus Klagebrief' und Trauerbücher schriebe,
Und wohl gewünschet hätt', daß er der Liebe Lust
Nie andere gelehrt und selber nie gewußt.
     Jhr Jungfern, glaubt es nur, so frech das Wort zu führen,
Das will dem züchtigen Geschlechte nicht gebühren.
Schon lange hat es Recht und Brauch so eingericht,
Daß immer jemand ist, der eure Worte spricht,
Wo Nutz und Noth es heischt. O wie erschrackt ihr Väter!
O wie befahrte Rom ein großes Unfallswetter,
Als weiland vor Gericht ein freches Weib auftrat,
Selbst Sach und Klage führt' und um die Rechte bat!
Man fragte drüber Rath, schlug auf Sibyllens Bücher,
Und bat die Götter drum, daß diese That sey sicher
Dem allgemeinen Heil: So seltsam war dieß Ding,
Weit mehr als da ein Ochs einst an zu reden fieng.
     Jst Scham und Ehr in euch, so spricht das Stilleschweigen
Genug von euch für euch; so kann die Herzen neigen
Zu euerm Schutz und Gunst ein sittsam Angesicht,
Das jedem von sich selbst zu Huld und Dienst verpflicht.
     Des edeln Goldes Preis darf keinem Advocaten
Auf seine theure Zung, in feilen Mund gerathen;
Es lobt sich durch den Glanz, es lobt sich durch die Kraft,
An welcher Erde, Luft, Glut, Flut nichts thut und schafft.
Die Damascener Ros', wenn sie aus grünem Bette
Am frühen Morgen stralt, und spielet in die Wette,
Leukothoe, mit dir: ist selbst ihr' eigne Pracht,
Die keine Zunge mehr noch minder zierlich macht.
Solls erst die Zunge thun, die Jungfern werth zu machen,
So ists gar schlecht bestellt, so sind der Tugend Sachen
Aufs Schlüpfrige gesetzt, und ihre Würde steht,
Nach dem die Zunge schwer, nach dem sie fertig geht;
Solls viel Geschwätze thun, so steigen Papageyen
Jm Preise doppelt hoch, so giebt der Schwalbe Schreyen
Jhr einen hohen Werth, und ein gemeiner Hähr
Gilt einer Jungfer gleich, wie schön sie immer wär.
     Fürwahr, ihr redet oft viel, prächtig, frey und lange.
Thuts euern Ohren wohl, thuts fremden doch sehr bange;
Und ist es ausgeredt, wird billig noch gefragt:
Jsts aus? Was will sie denn? Was hat sie denn gesagt?
Die Rhone lachet oft, und sauer sieht die Tiber,
Die Elbe rümpfet sich, die Augen gehen über
Dem armen Priscian, wenn euer strenger Mund
So martert, krüppelt, würgt, was keine je verstund.
     Ein Bach, ein Regenbach, vom Himmel her gestärket,
Wenn er den Ueberfluß und sein Vermögen merket,
Läuft über Damm und Rand, schießt über Schutz und Wehr,
Bricht da und dort heraus, ergeußt sich hin und her,
Mischt, was er in sich hat, treibt, was er führt, zu Haufen,
Daß Fisch, Frosch, Holz und Schlamm hin miteinander laufen,
Bis daß die Wolke weicht, die ihm gab kurze Kraft,
Dann bleibt das eine da, das andre dort verhaft.
Jhr Damen, so seyd ihr: Die krausen Complimenten,
Die euch das leichte Volk der freyen Liebsstudenten
Jn eure Sinnen geußt, die schwellen euern Muth,
Weil euch das Heucheln wohl, das Loben sanfte thut.
Sie werfen sich euch hin zu euern zarten Füßen,
Sie wollen sonst von nichts als nur von Knechtschaft wissen;
Sie küssen eure Hand, sie küssen wohl den Grund,
Den euer Fuß betrat, wo euer Schatten stund.
Sie stellen auf ein Wort von euch ihr Seyn und Wesen,
Auf einen Blick von euch ihr Wohlseyn und Genesen;
Jhr seyd der Seele Seel, und außer euch sind sie
Als wären sie nicht mehr, und vor gewesen nie.
Die Sonne selbst hat so zu stralen nie begonnen,
Als eurer Augen Licht, das göttliche Paar Sonnen.
Der Wangen Lilien mit Rosen untermengt
Jst ihre Frühlingslust, daran ihr Herze hängt.
Der theure Mundrubin, wem dieser kommt zu küssen,
Der mag sich einen Gott und keinen Menschen wissen,
Sich dünken mehr als Mars, auch als Adonis mehr,
Die Venus Mund geküßt, der vor berühmt war sehr,
Eh Jhr kamt auf die Welt, doch jetzt, nun eurer funkelt,
Wie vor der Sonn ihr Stern am Himmel, sich verdunkelt.
     So saust der Buhler Wind um euer offnes Ohr,
Schwellt die Gedanken auf; die suchen denn ein Thor
Am nächsten wo es ist: dann gebt ihr euch zu merken,
Wollt das gegönnte Lob nicht mindern, sondern stärken,
Sagt her, so viel ihr wißt, gebt was ihr bey euch fühlt,
Meynt, daß selbst Pitho Die Göttinn der Beredsamkeit. nie die Rede schöner hielt
Es gilt euch aber gleich geschickt und ungeschicket,
Gereimt und ungereimt, gesticket und geflicket,
Gemengt und abgetheilt, halb oder ausgeführt:
Es ist euch gar genug, wenns nur heißt discutirt.
     Viel Plaudern hat noch nie viel Nutzen heim getragen;
Viel Schweigen hat noch nie viel Schaden zu beklagen.
Ein wohlgeschloßner Mund verwahrt ein weises Herz,
Ein ungebundnes Maul bringt ihm und andern Schmerz.
     Jhr irrt, wenn euch bedünkt, ihr wäret angenehmer
Wenn ihr viel Worte macht. Jch halt es viel bequemer
Zu aller Menschen Gunst, wenn ihr nur so viel sagt,
Daß der euch fromm bemerkt, der euch um etwas fragt.
Man rühmet Jungfern nicht, die allzuviel gereiset;
Ein Weib, das mehr weiß als ein Weib, wird nicht gepreiset.
Die Jungfern, die so wohl im Lieben sind geübt,
Die übt man zwar noch mehr, nur daß man sie nicht liebt.
Wenn man den Zeitverdruß mit Schachbrett, Kartenspielen
Bey solchen Leuten stillt, die nicht nach Golde zielen
Und nach Gewinn, wie da, so bald die Lust gestillt,
Das Spiel im Winkel liegt, nichts Knecht noch König gilt:
So gehts mit euch: Des Schlafs sich etwan zu erwehren,
Den Unmuth abzuthun, die Weile zu verzehren,
Hört mancher, was ihr sagt, sagt, was ihr gerne hört;
Bald wird er eurer satt, ihr aber seyd bethört.

(4)
Waffenanstand.

                   

Von Anstand und von Fried und vielen schönen Dingen
Will Fama dieser Zeit ein neues Liedlein singen;
Doch weiß ich nicht obs neu: der Anstand ist gar alt,
Der Fried ist auch vorlängst gar recht, gar wohl bestallt.
Was darf ein Anstand seyn, wo man noch nie gestritten?
Man führt die Waffen ja, nach dieses Krieges Sitten,
Gleichwie in einem Spiel, nur bloß zum Scherz und Schein,
Und daß sie Rost nicht frißt. Was darf ein Anstand seyn,
Wo niemand uns bekriegt, und wo kein Feind erscheinet,
Der zu bekriegen steht; wo mans nicht böser meynet,
Als daß man unser Land, nach draus geschöpftem Nutz,
Alsdann dem lieben Gott empfiehlt in seinen Schutz?
Was darf ein Anstand seyn, wo man die Kriegeskinder
Gar gut und glimpflich meynt, und bloß die feisten Rinder,
Samt ihrer jungen Zucht, und etwan Pferd und Schwein,
Schaf, Huhn, Hahn, Ente, Gans läßt seine Feinde seyn?
      Der Fried ist lange schon in unsre Gränze kommen,
Da jene viel zwar uns, wir ihnen nichts, genommen,
Jndem wir uns bemüht, (o eine feine Kunst!)
Zu brechen ihren Trotz durch unsre gute Gunst.
Es ist ja Fried und Ruh im Lande ganz die Fülle:
Das Feld hält Sabbattag, der Acker lieget stille,
Und seufzet nicht wie vor, als ihm viel Wunden schlug
Des Bauers frecher Arm und ein tyrannisch Pflug.
Es ist ja Friede da: man darf forthin nicht sorgen,
Wie jeder Hab und Gut vor Dieben hält verborgen
Jn sicherem Gemach. Es bleibt ja Gold und Geld
Jn festem Hause so, wie durch das offne Feld.
      Hierum singt Fama falsch von Anstand und von Friede;
Jhr Sinn sey dieser denn: daß, weil die Welt schon müde
Der alten Deutschen Treu, man mit Betrieglichkeit
Stets Frieden haben woll', und Krieg mit Redlichkeit.

(5)
Schutzrede einer Jungfrau über die gänge Zunge.

                   

Jüngst sagt ein alter Greis: »Je mehr die Jungfern schweigen,
»Je mehr wird, ohne Wort, ihr Preis gen Himmel steigen.
»Die stille fromme Zucht, die Eingezogenheit,
»Die Rede, welche schweigt, erwirbt Gefälligkeit.«
Schweig, alter Vater, schweig von so verrosten Sprüchen:
Sonst lohnt man dich dafür mit Alamodeflüchen!
Du hast den Amadis, woraus man discurirt,
Nie oder nicht genug gelesen und studirt.
Die Ethik deiner Zeit ist lange schon vermodert.
Von braven Damen wird anitzo mehr gefodert.
Nein, ja, ich weiß es nicht, das war nur damals gnug,
Als Jungfern, was die Kuh hergab, und was der Pflug
Erwarb, herzähleten; die Junker giengen seichte,
Sie waren nicht weit her, und zu erreichen leichte;
Giengs wo recht höflich zu, so klang ein Reiterlied,
Der grüne Tannenbaum, und dann, der Lindenschmidt.
Jtzt ist die Heldenzeit, itzt herrschen solche Sinnen,
Die nicht im Grase gehn; die in den hohen Zinnen
Der Ehr gestiegen sind; in denen Muth und Geist
Den Mund von nichts als Krieg, Sieg, Mannheit reden heißt,
Und dann von Courtoisie und süßem Caressiren
Der Damen, die es werth, und die sie obligiren
Zu dienstlichem Faveur durch schönen Unterhalt
Und lieblichen Discours, die nicht so kahl und kalt
An Worten wie ums Maul, die nicht, wie stumme Götzen,
Nur in die Kirche sind, nicht an den Tisch, zu setzen,
Und die man billig heißt ein hölzern Frauenbild,
Das nur zum Schauen taugt und nicht zum Brauchen gilt.
Hier hört Don Florisel der Helena Befehlen;
Das Fräulein Sydera kann auf die Dienste zählen
Des Don Rogelio; und Oriana hat
Den tapfern Amadis und alle seine That
Zu vollem Brauch und Pflicht. Die nur mit stummen Sitten
Und siegelfestem Mund ihr Angesicht uns bieten
Wie Larven ohne Hirn, die taugen nicht hieher,
Und ihres Bettes Hälft bleibt billig kalt und leer.
Die Zunge muß es thun, sie muß die süßen Trauben,
Die auf den Lippen stehn, verbieten und erlauben,
Nach dem es jeder werth. Soll ein ergetzlich Kuß
Seyn besser angebracht, als auf des Pabstes Fuß:
So giebt ein lieblich Wort dem Liebsten ein Gemerke,
Sein Thun sey wohl gethan, gefällig seine Werke.
Den andern schleußt sie zu die Korallinenpfort
Durch ein entsetzlich Pfui und durch ein bittres Wort.
Die Zunge muß es thun, daß Cavalliere lernen
Gescheuter Damen Witz, und niemals sich entfernen
Von ihrer Seite weg, das muß die Zunge thun.
Die macht den Helden Lust, sich heilsam auszuruhn;
Giebt ihnen neue Kraft, indem sie von den Lasten
Der Waffen und der Wut des Blutvergießens rasten;
Macht, daß ein kühnes Herz sich Thaten unterstund,
Die bis zum Himmel gehn, um aus der Damen Mund
Ein angenehmes Wort zu hören; kalte Sinnen
Befeurt sie, weiß die Kunst Feldschlachten zu gewinnen,
Die sonst Tyrtäus trieb, der durch den Schlachtgesang
Sein Heer erhitzte, daß es in die Feinde drang.
Die Zunge muß es thun und durch die Panzer dringen,
Und in idalische Gesetz und Rechte zwingen
Ein martialisch Herz; sie schafft, daß der sich bückt
Vor einer Dame, dem, so bald sein Auge blickt,
Sonst tausend Cavallier' Gehör und Folge geben
Und setzen, wenn er will, in Tod ihr frisches Leben.
Die Zunge muß es thun, und hat es schon gethan,
Daß eine Dame mehr als Schwerdt und Zepter kann.
Die Zunge hats gethan, daß niedriges Geblüte
Auf hohen Stülen sitzt, und gehet in der Mitte,
Und fährt mit sechsen her. Die Zunge hats gethan,
Daß einer Dame Wort kann was sonst niemand kann,
Daß sie sich edel kann, schön, reich und ehrlich machen,
Ob sie es vor nicht war, daß sie in allen Sachen
Recht hat und Recht behält, wiewohl sie Unrecht thut,
Und löblich all ihr Thun und herrlich heißt, und gut.

(6)
Geraubt ist erlaubt.

                   

Die Welt ist voller Raub: sie raubet Gott die Ehre
Und giebt sie ihr nur selbst; sie raubt sein Wort und Lehre,
Sein Ordnung und Befehl, und setzt an dessen Statt
Was ihr gefüllter Wanst zur Zeit geträumet hat.
Drauf raubt der Teufel nun das Glück und allen Segen,
Und ist geschäfftig nichts als Unmuth zu erregen:
Er raubet Fried und Ruh, er raubt die gute Zeit,
Er raubet Scham und Zucht, er raubt die Seligkeit.
Dem Menschen raubt der Mensch was ihm das Glück gegeben
An Leumuth, Ehre, Gut, Gesundheit, Wohlfahrt, Leben.
Der Oberstand raubt hin den letzten Bissen Brod,
Und läßt gemeiner Schaar nichts als die leere Noth.
Der Unterthan raubt weg Gehorsam, Pflicht und Treue,
Die Furcht vor aller Straf und vor den Lastern Scheue.
Die Liebe, die ein Christ zum Christen billig trägt,
Die ist durchaus entraubt, die ist seitab gelegt.
Was macht denn der Soldat? (das Volk vom Wildgeschlechte,
Das man forthin nicht mehr zu Menschen zählen möchte;)
Er hätte gar vorlängst, wärs ihm nur halb erlaubt;
Den Himmel und Gott selbst geplündert und beraubt.
      Was Räuber hat die Welt! Doch mag ein jeder glauben,
Daß den, der so geraubt, man wieder wird berauben:
Jch wett, ob er ihm schon geraubt hätt' alle Welt,
Daß er davon doch nichts als Höll und Tod behält.

(7)
Schutzrede einer Jungfrau über die spielenden Augen.

                   

Jhr Schwestern, lacht ihr nicht der alberklugen Herren,
Die Damen unsrer Art in blinde Kappen sperren,
Und es für schön ansehn, wenn unsre schönste Zier,
Der schönen Augen Licht nur selten zu der Thür
Hinaus blickt? Denkt doch nach! Durch finstres Sauersehen
Jst Liebe nie gestift und nie kein Bund geschehen.
Sind wir dem Himmel gleich: so muß der Aeuglein Schein,
Gleichwie das Firmament, frey zu beschauen seyn
Von jedem der da will. Was dienen uns die Stralen
Der Sonne bey der Nacht? Wer lobt des Künstlers Malen,
Wovor ein Umhang schwebt? Soll die, die lebt und lacht,
Jhr selbst, noch vor der Zeit, des Todes schwarze Nacht
Jn ihr Gesichte ziehn? Kann denn Natur auch leiden,
Daß man so schänden soll, und soll zu brauchen meiden,
Was sie zu brauchen gab? Wer munter um sich schaut,
Der giebet an den Tag, daß er ihm selber traut,
Und gut Gewissen hat, das sich vor nichts entsetzet,
Und nicht zu fliehen denkt, dieweil es nichts verletzet.
Ein Auge, das nicht kann ein fremdes Auge sehn,
Weiß, was geschehen war, weiß, was noch soll geschehn
Das nicht zu rühmen ist. — Soll dieses etwan gelten,
Der Damen beste Kunst zu tilgen und zu schelten?
Die Kunst, wodurch sie sich behutsam und mit List
Einspielen, und ein Herz bezaubern, das sonst Frist
Noch hatte? Das sey fern! Der Augen klare Blicke
Sind unsre stärkste Kraft, sind unsre Band und Stricke;
Hiedurch fällt uns ins Garn ein Wild das uns gefällt,
Und das vor unsrer Gunst sich allzuflüchtig stellt.
Jtzt decken wir sie zu, itzt lassen wir sie schießen,
Nach dem wir diesen schnell und jenen langsam wissen;
Hier brauchen wir den Sporn, dort brauchen wir den Zaum.
Wir halten jenen an, und geben diesem Raum.
Jm Fall sich einer scheut, will uns und ihm nicht trauen,
So öffnen wir das Licht durch freundlich Gegenschauen,
Erleuchten seinen Sinn, befeuern seinen Muth:
Der Zagheit kaltes Eis zerschmilzt und er fühlt Glut.
Wer eifrig seiner Brunst halb wütend nach will henken,
Muß plötzlich seinen Muth zur Ehrerbietung lenken,
Wenn unser Auge sich mit Wolken überzeucht,
Und für den goldnen Stral ein finstrer Unmuth leucht.
Doch lassen wir nicht gar in kalter Nacht ihn zagen,
Wir blicken einsmals auf und lassens wieder tagen;
So daß, ob das Gesicht ein kurzes Schrecken giebt,
Er dennoch Anlaß nimmt, daß er sich mehr verliebt.

      Manch Schiffer hat gezürnt, wenn trübe Wolkendecken
Jhm haben Cynosur und Helice verstecken
Und also seinen Lauf in Jrrthum wollen ziehn,
Daß er nicht konnte da wohin er wollte hin:
Jhr tapfern Cavallier', die ihr in Lieb und Waffen
Zu leben euch begehrt und auch darinn zu schlafen,
Auf, unterstützt die Sach, und stürmt eh alle Welt,
Eh dieser Buhlerfund der braven Damen fällt,
Dieß Kunstwerk, euch zum Trost mit Augen frey zu funkeln,
Um eurer Liebe Fahrt nicht irrsam zu verdunkeln.
Sie sind ja darum da, damit ihr wissen könnt,
Wo, wie, wenn euer Schiff in sichern Hafen ländt.
Wem ist die Fackel gut, die sich nur selbst verbrennet
Jn einer tiefen Gruft? bey der kein Wandrer kennet
Weg, Steig, Berg oder Thal? Was nützet ein Gesicht,
Das sich nicht auf sich selbst verlassen, dem auch nicht
Ein andrer trauen darf? Nicht uns sind wir geboren,
Auch nicht zur Einsamkeit. Nein, nein, wir sind erkoren,
Gesellschaft einzugehn. Drum schaut nur frisch umher,
ihr Augen, schaut, ob nicht an warme Seite der
Bald kömmt, der uns geweiht und dem wir zugehören.
Laßt euch das alte Lied vom Schämen nicht bethören:
Ein gar zu blödes Aug, (wie dieses oft geschehn,)
Hat das, was ihm gesollt, versäumt, verschämt, versehn.

(8)
Abschied von einem verstorbenen Ehegatten.

                   

Treues Herz, du zeuchst von hinnen,
Freud und Ruhe zu gewinnen,
Die der Himmel denen giebt,
Die ihn, so wie du, geliebt.
Mir und andern deinen Lieben
Jst an deiner Stelle blieben,
Bey der schon gehäuften Noth,
Herzens Leid um deinen Tod. —
Doch wie lange? — Bald ergetzet
Uns, die hier die Zeit verletzet,
Ewigkeit, die ohne Ziel
Uns aufs neue trauen will.
Eh ich kann dein Lob vergessen,
Wird man meinen Sarg mir messen.
Würdig bist du, daß dein Ruhm
Bleibt, weil bleibt das Menschenthum.
      Habe Dank für deine Liebe,
Die beständig war, wenns trübe,
So wie wenn es helle war,
So in Glück, als in Gefahr!
Habe Dank für deine Treue,
Die stets bliebe frisch und neue!
Habe Dank fürs werthe Pfand
Das du läßt in meiner Hand!
Habe Dank für Müh und Sorgen,
Die bis Abends, an vom Morgen,
Deine weise Redlichkeit
Pfloge mir zur Nutzbarkeit!
Habe Dank, daß deine Tugend,
Habe Dank, daß deine Jugend,
Obwohl eine kurze Zeit,
Mir gab so viel Gnüglichkeit!
Fahr im Friede! Gott wills haben.
Aber lasse deine Gaben
Deme, das zum Troste mir
Uebrig blieben ist von dir.
Fahr im Fried'! ich kanns nicht wenden,
Bin zu schwach des Herren Händen.
Du zeuchst weg, wo ich itzt bin;
Doch wo du bist, komm ich hin.

(9)
An mein väterliches Gut, welches ich drey Jahr nicht gesehen.

                   

Glück zu, du ödes Feld! Glück zu, ihr wüsten Auen!
Die ich, wenn ich euch seh, mit Thränen muß bethauen,
Weil ihr nicht mehr seyd ihr: so gar hat euern Stand
Der freche Mordgott Mars von Grund aus umgewandt.
Seyd aber doch gegrüßt! seyd dennoch vorgesetzet
Dem allen, was die Stadt für schön und köstlich schätzet!
Jhr wart mir lieb, ihr seyd, ihr bleibt mir lieb und werth;
Jch bin, ob ihr verkehrt, doch darum nicht verkehrt,
Jch bin noch der ich war. Seyd ihr gleich sehr vernichtet,
So bleib ich dennoch euch zu voller Gunst verpflichtet,
So lang ich Jch seyn kann; und wird mein Seyn vergehn,
Mag meine Muse denn an meiner Stelle stehn.
      Gehab dich wohl, o Stadt! die du in deinen Zinnen
Zwar meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen;
Gehab dich wohl! Mein Leib ist nun vom Kerker los;
Jch darf nun nicht mehr seyn wo mich zu seyn verdroß.
      Jch habe dich, du mich, du süße Vatererde!
Mein Feuer glänzt nunmehr auf meinem eignen Herde.
Jch geh, ich steh, ich sitz, ich schlaf, ich wach umsonst;
Was mir dort theuer war, das kann ich hier aus Gunst
Des Herren der Natur um Habedank genießen
Und um gesunden Schweiß; darf nichts hingegen wissen
Von Vortheil und Betrug, von Hinterlist und Neid,
Und allem dem, wodurch man sich schickt in die Zeit.
Jch eß' ein selig Brodt, mit Schweiß zwar eingeteiget,
Doch das durchs Beckers Kunst und Hefen hoch nicht steiget,
Das zwar Gesichte nicht, den Magen aber füllt,
Und dient mehr, weil es nährt, als weil es Heller gilt.
Mein Trinken ist nicht falsch: ich darf mir nicht gedenken,
Es sey gebrauen zwier, vom Brauer und vom Schenken;
Mir schmeckt der klare Saft, mir schmeckt das reine Naß,
Das ohne Keller frisch, das gut bleibt ohne Faß,
Um das die Nymphen nicht erst mit der Ceres kämpfen,
Wer Meister drüber sey; das nichts bedarf zum dämpfen,
Weils keinen Schwefelrauch und keinen Einschlag hat;
Das feil steht ohne Geld, das keine frevle That
Den jemals hat gelehrt, der ihm daran ließ gnügen.
Der Krämer nützer Schwur und ihr genießlich Lügen
Hat nimmer Erndt um mich: der vielgeplagte Lein
Der muß, der kann mir auch anstatt der Seide seyn.
Bewegung ist mein Arzt. Die kräuterreichen Wälder
Sind Apotheks genug; Gold tragen mir die Felder.
Was mangelt mir denn noch! Wer Gott zum Freunde hat,
Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stadt,
Der vortheilhaften Stadt, wo, Nahrung zu gewinnen,
Fast jeder muß auf List, auf Tück, auf Ränke sinnen.
      Drum lebe wohl, o Stadt! Wenn ich dich habe, Feld,
So hab ich Haus und Kost, Kleid, Ruh, Gesundheit, Geld.

(10)
Ueber die deutschen Gedichte Herrn Wenzel Schärfers.

                   

Kein Kraut dient für das Tödten. —
Nein, sagen die Poeten:
Ein Blatt von unserm Kranze,
Der frischen Lorbeerpflanze,
Erwärmt von unsrer Stirne,
Begeistert vorn Gehirne,
Giebt Balsam zum Genesen,
Und trotzet das Verwesen.

      Nicht anders. — Jhr Poeten,
Der Tod kann keinen tödten,
Den ihr und eure Sinnen
Nicht lassen wollt von hinnen.
Die alten kühnen Degen
Gehn noch auf unsern Wegen,
Die ihrer Druden Lieder
Nicht ließen sinken nieder.
Was wüßten wir von Helden
Und ihrer Thurst zu melden,
Wenn nicht Poetengeister,
Des schwarzen Grabes Meister,
Die Sterblichkeit verbürget,
Daß sie sie nicht gewürget?
Was wär von tapfern Thaten,
Was wär von klugem Rathen
Der Nachwelt kundig blieben,
Wenn diese nicht geschrieben?
Es macht poetisch Dichten,
Daß alles bleibt im Lichten:
Sonst fiel in lauter Nächte
Was Herz und Witz vollbrächte.
      Es sind zwar ihrer viele,
Die nach dem fernen Ziele,
Die nach den Ewigkeiten
Uns gleiche Fahrt bereiten:
Doch dünkt mich, daß Poeten
Noch mehr als andre röthen,
Was Todtenasche blasset.
      Jhr Thun ist so gefasset,
Daß ihre süßen Sachen
Viel Buhler ihnen machen,
Daß ihre Zierlichkeiten
Die Sinnen mächtig leiten:
Sie zuckern alle Worte,
Es blüht an jedem Orte,
Sie schreiben nicht, sie malen.
Die ungezählten Zahlen
Der andern Künstlichkeiten
Die taugen alle Zeiten
Und Völker, alle Sinnen
Und Herzen zu gewinnen;
Drum hat der Tod nicht Beute
An Werken dieser Leute.
      Wie dein Poete singet
Und mit dem Alter dinget
Dich, Brieg, und die darinnen,
Vom Sterben zu gewinnen,
Das zeugen seine Lieder:
Was sonst noch hin und wieder
Er künstlich artig spielet,
Daß Lust und Nutz man fühlet,
Dieß kann genüglich zeigen,
Wie hoch Poeten steigen.
      Brieg, ehre dieß Bemühen,
Willst du nach dir noch blühen.
Zwar können ihr Gerüchte
Durch eigenes Gewichte
Verewigen die Dichter:
Doch durch bewährte Richter,
Die ihnen hold und günstig,
Wird erst ihr Trieb recht brünstig,
Sich selber und die Jhren
Gar himmelan zu führen.

(11)
An einen guten Freund, über den Abschied seiner Liebsten.

                   

Freund, da jeder sich itzt freut, daß auf der erfrornen Erde
Auch des langen Krieges Eis endlich einmal schmelzen werde,
Und der nächste Frühlingstag werd ein Tag des Friedens seyn:
O so seh ich dein Gesicht trübe, blaß und naß allein?
      Wollte Gott! noch dir noch mir wär die Ursach also kündig;
Mir zwar ist sie nur im Sinn, aber dir, dir ist sie fündig
Wo du hin gehst, siehst und stehst; was du denkest, was du thust,
Drüber mangelt leider! dir deine Friedensfrühlingslust. —
Deine Friedensfrühlingslust hat des Krieges rauhes Stürmen
Oft geblasen, nie gestürzt: aber ach! des Grabs Gewürmen
Opfert sie der Tod zuletzt, ohngeacht das halbe Theil
Deiner dran verbunden hieng, auch wohl gar Dein sterblich Heil.
      Weder Schatz, wie groß er sey, ist uns Männern so ersprießlich,
Weder Freund, wie gut er sey, ist uns Männern so genießlich,
Als der uns in Armen schlief: denn die angetraute Treu
Herrscher über Leid und Zeit, wird durch Altseyn immer neu.
      Wem ist mehr als mir bewußt, wie die Jugend eurer Liebe
Erstlich wuchs, und weiter wuchs? Aller Grund, worauf sie bliebe,
War die Treu und Redlichkeit; alles andre dauert nicht.
Was sich auf vergänglich Ding stützet, das verfällt und bricht;
Was die Tugend baut, das steht. Denk ich weiter noch zurücke
An die nun verrauchte Zeit, an mein mir begrabnes Glücke,
O so denk ich auch zugleich an der Freundschaft Schwesterschaft,
Drinnen dein und meine Lust unverbrüchlich war verhaft;
Wie sich dein und meine Lieb unter sich so lieblich liebten,
Und des Blutes nahe Pflicht durch vertraute Sinnen übten.
Ob der Tod mein erste Treu gleich verbarg in frischen Sand,
Dennoch hat das liebe Mensch ein vertrautes Freundschaftsband
Auf die Meinen unverfälscht immer fort und fort erstrecket,
Bis nun auch des Todes Neid ihr das letzte Ziel gestecket.
      Sey gesichert, treuer Freund, daß dein' Augen nicht allein
Sondern mir und meinem Haus' in Gesellschaft wäßrig seyn.
Wer das allgemeine Falsch, das die Welt für Witz verhandelt,
Kennt und haßt, dem wird sein Herz auf betrübten Muth gewandelt,
Wenn ein redlich frommer Christ hin sich sichert in das Grab:
Arges wird dadurch verstärkt, Frommes nimmt hingegen ab.
      Nun was hilfts? Es muß so seyn. Jn der Welt von Kindes Beinen
Hat man, daß der Mensch verstarb, hören klagen, sehen weinen;
Nun sie auf der Grube geht wird es wohl nicht anders seyn:
Auf ihr gehet Jedermann und zuletzt sie selber ein.
      Ey gar gut! Was dünkt uns wohl, wenn wir stets hier sollten leben,
Sollten stets der Teufeley dieser Welt seyn untergeben?
Nähmen wir wohl eine Welt, und bestünden noch einmal
Was bisher uns dreyßig Jahr zugezählt an Noth und Quaal?
Jn der Welt sey was da will, find ich doch nichts bessers drinnen,
Als daß frommes Biedervolk einst ein ruhig Grab gewinnen.
      Weiche Gott, geliebter Freund! Jhm, der dir die Kinder nahm? —
Aber der auch wußte, daß bald nachher die Mutter kam.
Auch den Sohn, der ehe starb als anfieng hier zu leben,
Der, mit finstrer Nacht umringt, sich bereits ins Grab begeben
Eh er sich ans Licht begab? — Diesem sagte Gott: Geh vor,
Sage deine Mutter an oben in der Engel Chor!
Nun er auch die Mutter nimmt? — O nun wird auch hier sich zeigen,
Daß zu deinem Besten sich seine weisen Schlüsse neigen.
      Deine Friedensfrühlingslust hat des Todes Tuch verhüllt.
Aber sind wir wohl gewiß, daß sich aller Unfall stillt?
Daß sich, wenn der Friede nun mit dem Frühling eingetroffen,
Aller Zorn des Unglücks legt? — O wer darf doch hierauf hoffen?
Welt wird immer bleiben Welt, ist des Bösen so gewohnt,
Daß sie den, der nicht wie sie rasen will, mit Spott belohnt.
      Giebt der Herr den Frieden gleich: dennoch will mich immer dünken,
Wie ich sehe seinen Arm ausgestrecket, uns zu winken;
Weil wir gegen seine Gnad alles Dankes uns verzeihn.
Wissen wir, wo künftig Brodt wird für uns zu sammeln seyn,
Weil der Himmel fast ein Jahr so gar reichlich weinen wollen?
Wissen wir, wie Mensch und Vieh sich wird länger sichern sollen
Vor der Seuchen schnellem Gift? O wer weiß was sonst nicht noch
Uns der Unfall schnitzen kann für ein unerwartet Joch?
Weil der Teufel nun forthin wird vom Kriegen müssig werden,
Wird er sonst gar wirthlich seyn, uns zu kochen viel Beschwerden.
Was die Welt am höchsten schätzt: daß man Hab und Gut erwirbt,
Lieber, wem ist dieses gut? O durch welchen man verdirbt,
Diesen lohnt man noch damit. Wie die Honigmeisterinnen,
Wie das Wolkenträgervolk, ihnen selber nicht gewinnen,
Was sie sammeln, so auch wir: geben was der Stirne Schweiß,
Schweiß wie Wasser ausgepreßt, alles unsern Räubern preis.
      Drum so bleibt es festgestellt: Wen der Tod hinweg genommen,
Dieser ist mit nichten todt, dieser ist zum Leben kommen;
Denn hier ist der sichre Port aller Unvergänglichkeit,
Denn hier ist die feste Burg aller stolzen Sicherheit.

(12)
An die Fichte auf meinem Gute.

                   

So oft ich zählen kann, daß ich, du edle Fichte,
Des Sommers meinen Gang zu deinem Schatten richte,
So oft auch beicht ich mir die Schuld, die mich beschwert,
Daß ich dich nicht nach Pflicht und nach Verdienst geehrt. —
      Du mußt der Attes seyn, den Jupiter beneidet,
Den Rhea lieb gehabt; sie hat dich so verkleidet,
Sie hat dich, wo du stehst, so hoch und frey gesetzt,
So daß sich nah und fern an dir ihr Aug ergetzt.
      Da wo das schöne Kind vom Vratislav Breslau. geboren
Der alte Guttalus Die Oder zu seiner Braut erkohren;
Da wo Zabothus Der Zobtenberg. fühlt, ob Juno geußt, ob stürmt;
Wo Rondevall Rübenzalberg. sein Haus in Wolken aufgethürmt;
Da wo des Chzechus Stamm Böhmen. mit Bergen sich gegürtet;
Da wo Lyäus uns mit süßem Wein bewirthet,
Mit reinem Golde Dis Ungarn., dahin ist für dein Haupt
Dein krauses Haupt ein Paß und offner Weg erlaubt,
Auf Ordnung und Befehl der Mutter aller Götter.
Dein Fuß ist so gesetzt, daß Aeol und sein Wetter
An dir in Schanden wird: ein harter Felsenstein
Muß dir in seinen Leib zu bauen zinsbar seyn.
      Auch dir ist Pan geneigt, und unter deinen Aesten
Hat er das liebe Volk der Nymphen oft zu Gästen.
Kein' unter ihnen ist, die jemals um dich war,
Die heimlich nicht gedacht: o wären wir ein Paar!
Dir aber liebet nicht das unbefreyte Freyen,
Und deiner selbst zu seyn willst du dich nicht verzeihen.
Du hast genug an dem, daß der dein Thun gefällt,
Die dich da wo du stehst mit Ehren hingestellt.
Zu mehren deren Preis, die deine Kräfte mehret,
Steht einzig nur dein Sinn. Drum ist dir auch verehret
Zum Zeichen deiner Treu das immergrüne Kleid,
Das seinen Schmuck behält, das nur umsonst bedräut
Mit Eise Boreas, und Sirius mit Brande:
Du bist kein Mondensohn, der nichts weiß von Bestande.
      Um dich ist freyer Tag, du scheuest nicht das Licht
Der Sonne, du stehst da vor Jedermanns Gesicht:
Kein Berg ist der dich birgt, kein Wald der dich verstecket,
Und dein gerader Leib bleibt immer aufgerecket,
Kennt keine Krümme nicht. — Mars hat dir oft geflucht,
Wann du von fernen hast dem Mann, der dich besucht,
Sein Häuflein nutzbar Vieh vor diebschen Hinterlisten
Wo gänzlich nicht bewahrt, doch vielmals helfen fristen.
Zwar hast du müssen sehn, wie die verkaufte Schaar
Hat ganz zu nichts gemacht, was vormals herrlich war;
Das hast du zwar gesehn, und drüber viel geweinet,
Daß noch der Thränen Gold an deinem Rock erscheinet;
Jedoch was einst geschah kann nicht seyn nicht geschehn:
Wann du nur ferner nicht siehst, was du sonst gesehn,
So sey das Alte gern in dessen Schooß vergraben,
Der drüber seinen Kerb wohl halten wird und haben.
      Jndessen bin ich froh, vergönnt mir nur die Zeit,
Daß ich dich preisen mag; daß ich durch dich mein Leid,
Das allgemeine Leid ein wenig mag verschieben:
(Vertrieben wird es nicht.) Denn will mich Unmuth üben
Jn seinem engen Kreis', so nehm ich ihm den Zaum,
Und suche mir für mich und mein Gemüthe Raum.
Jch pflege mich dir bey in freyes Blau zu paaren,
Und lasse meinen Sinn hin mit den Augen fahren,
Die purschen weit und breit, erforschen dieß und das,
Und haben ihre Lust an Himmel, Wasser, Gras,
An Wald und Berg und Thal, an Feldern und an Auen,
Und allem was Natur so künstlich konnte bauen;
Dann bin ich nicht daheim und die Melancholey
Muß warten, bis ich sonst zu Haus', und müßig sey.
      Auch wann der heiße Hund, der dürre Flammen sprühet,
Macht daß die goldne Glut der Sonne stärker glühet,
Auch dann komm ich zu dir: da hab ich was ich will,
Da lab ich mich bey dir durch ein erquicklich Spiel,
Das stets um deinen Raum Asträus Kinder Argestes, Zephyrus, Notus, Boreas. spielen.
Wann Ceres sehnlich wünscht sich wieder abzukühlen
Durch ein gedeylich Naß, und Jupiter verzeucht,
So seh ich bald bey dir was den Silenus Zobtenberg deucht,
Ob ihm sein Haupt verhüllt mit einer feuchten Hauben,
Und ob er mir vorher zu sagen woll erlauben:
Ein Regen zeucht herauf! Wenn dann die feuchte Schaar
Der Wolken rückt ins Feld, und, mehr als nöthig war,
Den nassen Zug erstreckt, so giebst du mir zu kennen,
Ob, oder auch wie bald ihr' Ordnung sich wird trennen
Durch Titans heißen Stral: so klärlich stellst du dar
Theils was noch fern und weit, theils was noch gar nicht war.
      Und darum wärst du werth, hoch auf Parnassens Höhen,
Und da wo Daphne steht, zu wurzeln und zu stehen,
Auf daß der Musen Reyh um dich häg ihren Tanz,
Und dich ihr Fürst gebrauch als seinen Lorbeerkranz.
Jndem du aber dir läßt meinen Grund gefallen:
Ey so gefällt mirs auch, daß eben dieser allen
Von dir bleibt vorgesetzt. Jm Fall ich was vermag
An Helikonergunst, so soll kein neidisch Tag
Bezwingen deinen Ruhm; du sollst betagten Eichen
Und ihrem festen Stark mit nichten dürfen weichen.
Der Lorbeerbäume Frisch, der Zedern Ewigkeit,
Und was noch mehr macht stumpf den argen Zahn der Zeit,
Soll nicht dein Meister seyn. O daß dich nicht verletze
Des Jupiters Geschütz! O daß nicht an dich setze
Noch Mulcibers Gewalt und Grimm, noch Aeols Trutz,
Noch sonst ein freches Beil! Es leiste dir den Schutz
Die, die dich so geliebt; die, die dich hergestellet,
Die halte deinen Fuß, daß solcher nimmer fället,
Daß du, weil dieser Grund steht, bleibest für und für
Sein Wächter, sein Prophet, sein Nutz, sein Spiel und Zier.

(13)
An den Leser.

                   

Deine Arbeit, lieber Leser, und mein Buch, sind hier geschlossen.
Mir genügt, wo dir nichts gnüget, wenn dich auch nur nichts verdrossen.

ENDE

*


 << zurück weiter >>