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Sinngedichte.

Zwölftes Buch.

(1)
Von meinen Reimen.

                   

Jhr Reime, die ihr hinten steht, habt einen guten Muth!
Kein Mensch kömmt zu euch letzten her, wenn nicht die ersten gut.
Sind aber nur die ersten gut, so geht ihr euern Schritt,
Ob ihr gleich nicht den Rang bekommt, doch unter andern mit.

(2)
Menschlicher Zustand.

                   

Der Mensch bringt nichts davon, wie lang er immer lebt,
Als daß man ihn vergißt, gleichwie man ihn begräbt.

(3)
Ein ehrliches Leben und seliger Tod.

                   

Wer ehrlich hat gelebt und selig ist gestorben,
Hat einen Himmel hier und einen dort erworben.

(4)
Hoheit und Demuth.

                   

Man sieht nicht leicht, daß Demuth der Ehre Schritt begleite,
Vielmehr wenn diese steiget, weicht jene von der Seite.

(5)
Bald versagen und bald geben.

                   

Wer bald mir was versagt, der giebt mir dennoch was;
Wer bald giebt, was er giebt, der giebt mir zweymal das.

(6)
Ehre und Hoffart.

                   

Mancher meynet Ehr und Würde scheine nicht an ihm hervor,
Wenn sie nicht steh ausgestellet auf der Hoffart Berg empor.

(7)
Auf den Durus.

                   

Durus hört manch sinnig Wort, wird dadurch doch nicht bewogen;
Hat den Ohren, wie man meynt, einen Harnisch angezogen.

(8)
Werke des Krieges und des Friedens.

                   

Krieg der macht' aus Bauern Herren: Ey es war ein guter Handel!
Friede macht aus Herren Bauern: Ey es ist ein schlimmer Wandel!

(9)
Bescheidenheit.

                   

Wodurch wird Würd und Glück erhalten lange Zeit?
Jch meyne: durch nichts mehr, als durch Bescheidenheit.

(10)
Rathschläge.

                   

Die Vögel fängt man so, wie man nach ihnen stellt:
Der Ausschlag fällt nach dem, nach dem der Anschlag fällt.

(11)
An den Mirus.

                   

Mirus, daß die Kunstgöttinnen alles Wissen dir gewähret,
Jst zu wenig: du hast völlig die Vollkommenheit geleeret!

(12)
Auf den Hermes.

                   

Hermes ist der beste Redner, weit und breit und um und um;
Ein Gebrechen ist bedenklich: manchmal ist er silberstumm.

(13)
Grabschrift.

                   

Ein Todter lieget hier, der, wie er war sein Tod,
So war er auch sein Grab, und seines Grabes Spott.

(14)
Völlerey und Plauderey.

                   

Wer viel redet muß viel trinken; trinkt der Redner aber viel,
Kann er nur sehr selten reden was er will, und wenn er will.

(15)
Auf die Submissa.

                   

Submissa sucht ein schnödes Geld durch gar ein schändlich Leben;
Meynt, sey es schändlich gleich verdient, seys ehrlich doch gegeben.

(16)
Auf den Drances.

                   

Drances wünschet seinem Weibe langes Leben: (denn ihr Geld,
Das sie gab, verdient es billig;) — doch er meynt, in jener Welt.

(17)
Vom Orpheus und der Euridice.

                   

Niemand um ein todtes Weib fährt zur Höll in unsern Jahren;
Aber um ein lebend Weib will zur Hölle mancher fahren.

(18)
An den Plutus.

                   

Du hast viel Preis, und glaubst dieß sey der Ehre Sohn;
O nein! der Heucheley: man preiset dich ums Lohn.

(19)
Zärtlichkeit.

                   

Wer gar kein Ungemach begehret auszustehen,
Muß in der Welt nicht seyn, muß aus der Menschheit gehen.

(20)
Auf den Gniscus.

                   

Gniscus thut niemanden nichts, dennoch ist ihm niemand gut.
Eben darum, weil er nie keinem etwas Gutes thut.

(21)
Auf den Glaukus.

                   

Um einen Sack voll Geld nahm Glaukus, wie ich meyne,
Sein ausgefleischtes Weib, den alten Sack voll Beine.

(22)
Stehlen.

                   

Stehlen darf nicht viel Verlag, und hat dennoch viel Genieß;
Trägt es sonst auch nichts mehr ein, ist doch Holz und Hanf gewiß.

(23)
Das andere Weib.

                   

Die andre Frau pflegt lieber als erste Frau zu seyn. —
Das macht, es ist die erste nichts mehr, als Asch und Bein.

(24)
Auf den Fürsprecher Ballus.

                   

Wenn Ballus etwan Sachen hat, ist allen Richtern bange;
Sie födern ihn: Ums Recht? o nein, — er redet grausam lange.

(25)
Freundschaft und Gold.

                   

Gold und Freunde sind gleich köstlich: jederley von dieser Waar
Sucht man mühsam, findt man sparsam, hat man immer mit Gefahr.

(26)
Das Leben.

                   

Lebeten wir hier stets nach unserm Willen,
Würde Lebenslust nimmermehr sich stillen.

(27)
Verstand und Unverstand.

                   

Ein fälschlicher Verdacht, ein blinder Unverstand,
Wo die Regenten sind, da räume du das Land.

(28)
Auf den Marcus.

                   

Man nahm dir, Marcus, alles Gut: wie bist denn du noch selbst genesen?
Man hätte dich wohl auch geraubt, wär nur an dir was Guts gewesen.

(29)
Auf einen Todtgesoffenen.

                   

Der vom Weine gestern todt, ist vom Tode heute todt:
Daß ihm Wein ins Handwerk fiel, hielt der Tod für einen Spott.

(30)
Armuth.

                   

Ob die Armuth gleich nichts hat, giebt sie dennoch reiche Gaben:
Durch sie kann man Sicherheit und ein gut Gewissen haben.

(31)
Blendung kömmt vor Schändung.

                   

Wer kürzlich werden soll gestürzet und geschändet,
Wird meistentheils vorher bethöret und geblendet.

(32)
Der Bauch.

                   

Der Bauch der ist der Beutel, drein legt man alles Gut;
Man thut nur ihm zum Besten das meiste was man thut.

(33)
Die Welt.

                   

Die Welt ist wie das Meer: ihr Leben ist gar bitter;
Der Teufel machet Sturm, die Sünden Ungewitter;
Die Kirch ist hier das Schiff und Christus Steuermann,
das Segel ist die Reu, das Kreuz des Schiffes Fahn,
Der Wind ist Gottes Geist, der Anker das Vertrauen,
Wodurch man hier kann stehn, und dort im Port sich schauen.

(34)
Auf den Cotta.

                   

Die Seel ist Herr, der Leib ist Knecht: Bekenn es, Cotta, frey,
Daß bey dir gar (wie ist der Herr?) der Knecht ein Schelme sey.

(35)
Auf den Cornius.

                   

Cornius hat auf dem Haupt einen unbenannten Schaden:
Weiland in Cerastia war manch Mann damit beladen.

(36)
Der Liebe Nahrung.

                   

Ein Buhler, daß er Lieb entzünde,
Nimmt Gold zum Holz, nimmt Lob zum Winde.

(37)
Krieg zwischen Hier und Dort.

                   

Hier und Dort sind Brüder zwar,
Doch ein ganz verkehrtes Paar:
Hier führt wider Dort viel Krieg,
Doch behauptet Dort den Sieg.
Jeder muß in diesen Zug:
Wer dem Dort dient, der ist klug;
Dort belohnt mit lauter Gott,
Hier bezahlt mit lauter Tod.

(38)
Gelehrt.

                   

Wenn einer meynt er lerne noch, so kömmt sein Witz empor,
Wenn einer meynt er sey gelehrt, so wird er itzt ein Thor.

(39)
Die Elemente.

                   

Wie viel sind Element? — Man sagt von vieren, auch von zweyen. —
Nein, fünfe: denn das Gold will auch sich mit darunter reihen.

(40)
Das Glück, ein Weib.

                   

Man malt das Glücke wie ein Weib nun schon seit langer Zeit:
Weil sie beständig, wie ein Weib, in Unbeständigkeit.

(41)
Auf den Morus.

                   

Morus kennet Kräuter, Steine, Erz und Vögel, Fisch und Thiere;
Kennt den Hasen doch nicht eigen, den er tränkt mit Wein und Biere.

(42)
Die Gestalt.

                   

Wer, Flora, dein Gesichte nennt, der hat ein schönes Gut genannt,
Das aber, wenn ein Fieber kömmt, in einem Nu ist weggebrannt.

(43)
Jch bin wer ich bin, so bin ich des Herrn.     Luth.

                   

Begehrt mich Gott nicht reich, und sonst von hohen Gaben,
So sey ich wie ich bin, er muß mich dennoch haben.

(44)
Feile Aemter.

                   

Wer die Aemter kauft um Geld, diesem ist ja nicht benommen,
Daß er Recht zu Markte führ', seinem Schaden nachzukommen.

(45)
Die Tugend.

                   

Tugend, rufet Echo wieder, wer im Walde Tugend ruft.
Tugend ist beym meisten Volke nichts als Schall und Wind und Luft.

(46)
Das Eisen.

                   

Die Eisen dürft ich mehr, das Gold viel minder preisen:
Ohn Eisen kömmt nicht Gold, Gold bleibt auch nicht ohn Eisen.

(47)
Auf den Säufer Bonosus.

                   

Bonosus ist ein Fleischer: das Glas, daraus er trank,
Dran hübe sich ein andrer, der nicht ein Fleischer, krank.

(48)
Selbstbetrug.

                   

Man sagte: Du Betrieger! — Das wollte Franz nicht leiden;
Man sagte: Deiner selbsten! — Deß mußt er sich bescheiden.

(49)
Unverschämt.

                   

Wer sich gern sieht aller Orten, wer sich nirgends nimmer schämt,
Kann dem Glück sich leicht bequemen, wenn Glück ihm sich nicht bequemt.

(50)
Von dem Milo.

                   

Mein Glück, spricht Milo, thut mir nichts von diesem allen,
Was ich mit gutem Fug verlange, zu Gefallen.
Glück spricht: Wenn du begehrst was grösser nicht als du,
Was in dir Raum nur hat, weis' ich dirs gerne zu.

(51)
Mißgunst.

                   

Mißgunst sey sonst wie sie will, dennoch ist ihr Eigenthum,
Daß sie immer mehr verklärt als verdunkelt unsern Ruhm.

(52)
Der Spiegel des Gerüchts.

                   

Was der Spiegel dem Gesichte,
Jst den Sinnen das Gerüchte.

(53)
Hier sind wir, dort bleiben wir.

                   

Jch bin, ich bleibe nicht in dieser schnöden Welt:
Und weil das Bleiben mir mehr als das Seyn gefällt,
So lieb ich Sterben mehr als Leben; denn alsdann
Hör ich zu seyn erst auf, und fang zu bleiben an.

(54)
Zweyerley Recht und zweyerley Tag.

                   

Zwey Nächte hat der Mensch, der Mensch hat auch zwey Tage,
Drauf er sich freue theils, theils drüber sich beklage:
Der Mutter Leib ist Nacht, das Grab ist wieder Nacht;
Geburt giebt Einen Tag, wie Tod den andern macht.
Die erste Nacht und Tag ist voller Noth und Leiden;
Der Tag nach letzter Nacht bleibt voller Heil und Freuden.

(55)
Zeitliche Güter.

                   

Weltlich Gut wird von sich selbst, oder wird von uns verzehret,
Oder wird durch List, durch Macht, andern zu, uns weggekehret.

(56)
Der Spiegel.

                   

Der Spiegel kann zwar weisen, doch reden kann er nicht;
Sonst hätt er mancher Stolzen den Jrrthum schon bericht.

(57)
Vorschub und Hülfe.

                   

Wer dem Nächsten meynt zu helfen, und will vor Warum? erst fragen,
Dem geht Hülfe nicht von Herzen, will nur auf den Ruhm was wagen.

(58)
Glück und Recht.

                   

Denen die da schliefen, ist viel Glück entzogen,
Denen die da wachen, ist das Recht gewogen.

(59)
Sorgen.

                   

Bey wem bleibt Kummer gerne und will am liebsten ruhn?
Bey denen, die ihn warten und die ihm gütlich thun.

(60)
Säufer.

                   

Gottes Werk hat immer Tadel: Wem der Tag zu kurz zum Trinken,
Diesem will auch zum Ernüchtern gar zu kurz die Nacht bedünken.

(61)
Kleider.

                   

Kleider machen Leute: trifft es richtig ein,
Werdet ihr, ihr Schneider, Gottes Fuscher seyn.

(62)
Auf die Vetla und den Jungus.

                   

Jungus Weib ist lauter Winter, Sommer ist er selbst; wer weiß,
Ob Eis Hitze dämpfen werde, oder ob die Hitz das Eis?

(63)
Krippenreiter.

                   

Es ist ein Volk, das seine Pferd' an fremde Krippen bindet,
Das sich bey fremdem Feuer wärmt, zu fremdem Teller findet:
Verhöhn es nicht! es ist das Volk, das uns im Werke weiset,
Daß hier der Mensch noch nicht daheim, und nur vorüber reiset.

(64)
Der Neid.

                   

Der Neid ist gar ein Wundergast: denn kehret er wo ein,
Wird ihm das allerbeste Ding zur allerärgsten Pein.

(65)
Schmeichler.

                   

Wer will alle Mücken können aus der Speisekammer treiben?
Heuchler werden nie vergehen, weil noch werden Höfe bleiben.

(66)
Krieg zwischen Holland und England.

                   

Jhr blanken Heringsheere, o sagt von Herzen Dank
Für Engelands und Hollands erneuten Waffenzank!
Weil beide selbst sich fressen, kann keines euch verschlingen,
Noch euch aus eignem Salze hin in ein fremdes bringen.

(67)
Auf den Atriol.

                   

Unter Augen, hinterm Rücken, lobt mich, schimpft mich, Atriol.
Was zu thun? An ihm und andern will ich mich dermaßen rächen,
Daß er hinterm Rücken lügen, vor den Augen Wahrheit sprechen,
Daß mir selbst das Lob verbleiben, ihm der Schimpf verbleiben soll.

(68)
Das Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige.

                   

Was ist, wie lange währts? Was war, was hilft michs wohl?
Was werden wird, wer weiß obs mir, obs andern soll?
Was hier ist, war und wird, ist, war, und wird ein Schein;
Was dort ist, war, und wird, ist, war, wird ewig seyn.

(69)
Undankbarkeit.

                   

Der uns giebt die ganze Welt, der uns will den Himmel geben,
Fodert nichts dafür als Dank; kann ihn aber auch nicht heben.

(70)
Wir wollen was wir nicht sollen.

                   

Wir dringen auf den Zaum, und wo wir sollen gehn,
Da laufen wir; wir gehn da, wo wir sollen stehn.

(71)
Wohlthätigkeit

                   

Wer Wohlthat giebt, solls bald vergessen; wer Wohlthat nimmt, solls nie vergessen:
Sonst ist um Undank der zu strafen, und jenem Hoffart beyzumessen.

(72)
Auf den Trullus.

                   

Trullus hat ein schönes Weib: wenn sie an der Thüre steht,
Sieht man nicht daß leicht ein Hund sich bey ihr ins Haus vergeht.

(73)
Auf den Säufer Thrax.

                   

Thrax ist der andre Mond: steht aber immer stille,
Und nimmt kein Vierthel an; bleibt immer in der Fülle.

(74)
Auf den Largus.

                   

Andre ziehen an das Recht, Largus zeucht den Richter an:
Parten, denen er bedient, finden daß er gut gethan.

(75)
Huren und Soldaten.

                   

Soldaten und die Huren die dienten beid' ins Feld:
Denn jene leerten immer, die mehrten unsre Welt.

(76)
Hören.

                   

Jch höre manchmal viel;
Doch glaub ich was ich will.
Wer willig ist zum Hören,
Kann Thorheit selbst bethören.
Ein unverdroßnes Ohr
Lockt manche List hervor.

(77)
Tag und Nacht.

                   

Der Tag der ist der Mann, sein Weib das ist die Nacht;
Von denen wird die Zeit stets zur Geburt gebracht.

(78)
Geiziges Reichthum.

                   

Wer Geld nicht braucht, doch hat, warum hat der denn Geld?
Damit er etwas hat, das ihn in Marter halt.

(79)
Von meinen Reimen.

                   

Jch schreibe Sinngedichte; die dürfen nicht viel Weile,
(Mein andres Thun ist pflichtig,) sind Töchter freyer Eile.

(80)
Gefährlichkeit.

                   

Kohlen faßt man, daß die Hand sicher bleiben soll, mit Zangen:
Was gefährlich ist, hat man mit Bedenken anzufangen.

(81)
Fremde Diener.

                   

Fürsten bauen oft aufs Fremde, eigner Grund wird oft verschmäht:
Werden endlich inne werden, daß ihr Bau nicht Jhnen steht.

(82)
Gewalt für Recht.

                   

Gewohnheit wird Gebot durch Brauch und lange Zeit:
Krieg hat durch dreißig Jahr Gewalt in Recht gefreyt.

(83)
Das Zeitrad.

                   

Die Zeiten sind als wie ein Rad, sie reißen mit sich um
Wer sich dran henket, machen ihn verdreht, verkehrt, krumm, dumm.

(84)
Verschwiegenheit.

                   

Wer selber schweigen kann
Dem schweiget jedermann.

(85)
An den Tod.

                   

O Tod, du schwarzer Tod, du Schauer unsrer Sinnen! —
Thu ich dir auch zu viel? — Ja wohl! Du kannst gewinnen
Ein englisches Gesicht: denn du bists, der erfreut;
Du bists, der uns entzeucht dem Leben toller Zeit;
Du bists, der uns den Hut der goldnen Freyheit schenket;
Du bists, der uns ergetzt, (zwar unsre Freunde kränket!)
Du bists, der unsern Stul hin zu den Sternen trägt;
Der aller Frevler Trotz in unsern Füßen legt;
Du bists, der unsre Klag in lauter Jauchzen kehret;
Du bists, der uns für Zeit die Ewigkeit gewähret;
Du giebst uns, wenn du nimmst; dein so gefürchter Stich
Bereitet uns durch dich ein Leben ohne dich.

(86)
Wissenschaft.

                   

Wen Vernunft gelehrt gemacht
Wird viel höher oft geacht,
Als den oft des Buches Blatt
An Vernunft verwirret hat.

(87)
Gold.

                   

Der gelbe Kern der Erde, das Gold, hat alle Kraft.
Vor ihm ist alles Schale: Witz, Tugend, Wissenschaft.

(88)
Auf den Vertumnus.

                   

Macht dein Maler dich nicht ähnlich besser als du selber dir:
Ey so bist du immer Einer, bist ein Andrer für und für.

(89)
Unglück.

                   

Bey einer guten Zeit denk an die böse Stunde,
Die sich der guten Zeit gern auf dem Rücken funde.

(90)
Gasterey.

                   

Dieses Mahl gefällt mir wohl, dran sich frischt und speist
Nicht nur unser Aug und Leib, sondern auch der Geist.

(91)
Ruhm.

                   

Es ist kein größrer Ruhm, als Schmach und Tadel leiden —
Um seine Bosheit nicht; aus böser Leute Neiden.

(92)
Leben und Sterben.

                   

Wer noch kann und will nicht leben,
Dieser fehlt so gut und eben,
Als wer, wenn der Tod erscheinet,
Vor dem letzten Gange weinet.

(93)
Eigenwille.

                   

Hunde, die an Ketten liegen, Menschen, die nach Willen leben,
Sind bedenklich: beide pflegen leichtlich Schaden anzugeben.

(94)
Gleißnerey.

                   

Bey krummen Gesellen
Jst nöthig das Stellen;
Jst übel zu deuten
Bey Biedermannsleuten.

(95)
Theilung wüster Güter.

                   

Da wir mehr nichts Ganzes haben, sollen wir uns dennoch theilen:
Wollen lieber neue schneiden, als die alten Wunden heilen.

(96)
Gewaltsame Bekehrung.

                   

Wenn durch Tödten, durch Verjagen Christus reformiren wollen,
Hätt ans Kreuz Er alle Juden, Sie nicht Jhn, erhöhen sollen.

(97)
Vom Plutus und Ptochus.

                   

Am Ueberfluß ist Plutus, am Mangel Ptochus krank; —
Ein jeder kann vom andern verdienen Doctorsdank.

(98)
Ohrenbläser.

                   

Fürsten, die von Ohrenbläsern sich die Ohren lassen füllen,
Können nicht in Freyheit leben, dienen stets dem Widerwillen.

(99)
Auf den Gulo.

                   

Gulo ist sonst nichts als Maul, was er ist, und um und an:
Denn sein Thun ist nichts als Dienst nur für seinen Gott, den Zahn.

(100)
Sittsamkeit.

                   

Allzulanger Glimpf
Bringet endlich Schimpf.

(101)
Das Alte und das Neue.

                   

Jmmer fragten wir nach Neuem, weil sich Krieg bey uns enthalten:
Nun der Krieg von uns entwichen, fragen wir stets nach dem Alten.

(102)
Lebekunst.

                   

Wer langes Leben wünscht, der schlafe nicht zu viel;
Denn lange lebt nicht der, wer lange schlafen will.

(103)
Die Welt.

                   

Was ist die Welt? — Dieß ist sie gar,
Was sie wird seyn, und Anfangs war.

(104)
Der Schlesische Parnaß.

                   

Dein Zabothus, Schlesien, ward er nicht vor wenig Jahren
Was den Griechen ihr Parnaß, Helikon und Pindus waren?
Ward dein Opitz nicht Apoll? Und die andern klugen Sinnen
Deiner Kinder, sind sie nicht was dort sind die Castalinnen?
Ja, dieß sey dein Ruhm, dein Stolz! Glaube, was die Griechen dichten,
Wer da will; von uns kann selbst Ort und Tag und Jeder richten.

(105)
Selbstgunst.

                   

Selbstlieb handelt immer recht: denn ihr giebet Recht und Rath
Rath und Richter an die Hand, den der Mensch im Spiegel hat.

(106)
Thorheit und Halsstarrigkeit.

                   

Närrisch Hirn und harter Nacke dienen manchem klugen Mann;
Denn sie machen durch ihr Wüten, daß er was erwerben kann.

(107)
Tugend und Laster.

                   

Tugend läßt sich nicht begraben, auch die Laster sterben nicht;
Diese leben durch die Schande, jene durch ein gut Gerücht.

(108)
Sündenscheu.

                   

Wer Sünde weiß zu scheuen,
Der darf sie nicht bereuen.

(109)
Gesundheitspflege.

                   

Läßt der Arzt erst seinen Kranken essen, trinken, was er will,
Jst der Arzt der Meynung: Kranker sey nun nah an seinem Ziel.

(110)
Waschhaftigkeit.

                   

Weiberworte, böse Münze: wird man ihr das Kupfer nehmen,
Wird das Silber sich verkriechen und das Kupfer wird sich schämen.

(111)
Wahr und Recht.

                   

Die Wahrheit und das Recht die werden immer bleiben. —
Sie pflegen durch den Brauch sich nicht leicht abzureiben.

(112)
Die entschiedene Streitigkeit.

                   

Stadt und Land hat viel gestritten,
Wer im Kriege mehr gelitten.
Aber nun kömmt an den Tag,
Was die stolze Stadt vermag,
Und wer hier die Haut gefunden,
Die dem Lande weggeschunden.

(113)
Ein Weiser unter Narren.

                   

Wer unter Narren wohnt, wie viel auch deren seyn,
Jst unter ihnen doch als wär er gar allein.

(114)
Flüchtige Zeit.

                   

Wer die Zeit verklagen will, daß sie gar zu früh verraucht,
Der verklage sich nur selbst, daß er sie nicht früher braucht.

(115)
Das Glücke.

                   

Jst unser Glücke schwer, drückt, beugt und macht uns müde:
Geduld! wir schlagens selbst in unsrer eignen Schmiede.

(116)
Gottesdienst ist ohne Zwang.

                   

Wer kann doch durch Gewalt den Sinn zum Glauben zwingen?
Verleugnen kann wohl Zwang, nicht aber Glauben bringen.

(117)
Stillstand.

                   

Jst gleich mancher nicht der Klügste, dennoch kann ihm etwas gelten,
Daß ihn ja für keinen Narren Kluge pflegen auszuschelten.

(118)
Hitzige Rathschläge.

                   

Rath, der gar zu spitzig, pflegt sich umzusetzen;
Rath, der nicht zu spitzig, läßt sich leichte wetzen.

(119)
Menschlicher Wandel.

                   

Unsers Lebens ganzer Wandel steht im Lernen und Vergessen:
Nur wird Lernen und Vergessen falsch getheilt und abgemessen;
Was vergessen werden sollte, pflegen wir sehr gut zu wissen,
Was gelernet werden sollte, wollen wir am liebsten missen.

(120)
Auf den Lukas.

                   

Lukas ist ein Licht des Landes; aber seinen Schein nimmt er
Nicht von seinem eignen Feuer, nur von seinen Vätern her.

(121)
Knechte und Herren.

                   

Manche sind geborne Knechte, die nur folgen fremden Augen;
Manche sind geborne Herren, die sich selbst zu leiten taugen.

(122)
Auf die Veturia.

                   

Veturia schimpft alte Leute: Wer ihr drum etwan wünschen will,
Daß sie der Tod mög ehstens holen, der saget wahrlich viel zu viel:
Wie kann sie durch ein altes Leben denn treffen auf ein junges Ziel?

(123)
Auf den Druda.

                   

Was kann man, Druda, thun, das jemals dir gefällt? —
Du bist doch noch kein Land, vielweniger die Welt.

(124)
Fromm seyn ums Lohn.

                   

Umsonst ist keiner gerne fromm; wenn Tugend nur was trägt,
So wird sie, weil sie Früchte bringt, geachtet und gepflegt.

(125)
Hunger und Durst.

                   

Durst und Hunger sind die Mahner, die man nimmer kann bestillen;
Morgen kommen sie doch wieder, kann man sie gleich heute füllen.

(126)
Unehrbare That.

                   

Prava stund im Hurenbuche, bessert aber ernstlich sich:
Ward drauf ausgelöscht im Buche; dennoch aber bleibt der Strich.

(127)
Lügen.

                   

Wer ihm des Lügens nur zum Nutzen, zum Schaden keinem, hat gepflogen,
Was meynst du wohl von einem solchen? — Jch meyne doch, er hat gelogen.

(128)
Wasser und Wein.

                   

Es kann, wer Wasser trinkt, kein gut Gedichte schreiben;
Wer Wein trinkt, kriegt die Gicht und muß erschrecklich schreyn.
Jst dieses wahr: so mag das Dichten unterbleiben,
Eh ich im Gichten will so stark geübet seyn.

(129)
An mein Buch.

                   

Geh hin, mein Buch, in alle Welt; steh aus was dir kömmt zu.
Man beiße dich, man reiße dich: nur daß man mir nichts thu.

*


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