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Sinngedichte.

Fünftes Buch.

(1)
Von meinen Reimen.

                   

Leser, daß du nicht gedenkst, daß ich in der Reimenschmiede
Jmmer etwan Tag vor Tag, sonst in gar nichts mich ermüde!
Wisse, daß mich mein Beruf eingespannt in andre Schranken.
Was du hier am Tage siehst, das sind meistens Nachtgedanken.

(2)
Ein Weltverständiger.

                   

Tapfre Männer sollen haben was vom Fuchse, was vom Leuen,
Daß Betrieger sie nicht fangen, daß sie Frevler etwas scheuen.

(3)
Fürstenbefehle.

                   

Sachen, die bequemlich sind, wollen Herren selbst befehlen,
Sachen, die gefährlich sind, sollen Diener selbst erwählen;
Nicht umsonst: ihr Absehn ist, daß sie mögen Mittel finden,
Diener ihnen, aber nicht sich den Dienern, zu verbinden.

(4)
Der Sieg.

                   

Wer durch das Eisen siegt, hat ritterlich gesiegt;
Betrieglich hat gekriegt, wer durch das Gold gekriegt.

(5)
Die Hofkassandra.

                   

Was Kassandra prophezeihte,
Ward gehört und nicht geglaubt:
Falschheit ist bey Hof erlaubt,
Wahrheit treibt man auf die Seite.

(6)
Zweifelhafte Keuschheit.

                   

Ein Biederweib im Angesicht, ein Schandsack in der Haut
Jst manche; Geiles liegt bedeckt, und Frommes wird geschaut.

(7)
Menschliche Thorheit.

                   

Oefters denk ich bey mir nach was die Menschen doch für Thoren,
Die da wissen, durch den Tod wird die ganze Welt verloren,
Wagen dennoch alles drauf, wagen wohl sich selber dran,
Und warum? — Daß jeder nur desto mehr verlieren kann.

(8)
Spötter.

                   

Wer andrer Leute hönisch lacht,
Der habe nur ein wenig Acht,
Was hinter ihm ein andrer macht.

(9)
An die Schweden.

                   

Alles Unschlitt von dem Vieh, das ihr raubtet durch das Land,
Asche von gesammtem Ort, den ihr setztet in den Brand,
Gäb an Seife nicht genug; auch die Oder reichte nicht,
Abzuwaschen innern Fleck, drüber das Gewissen richt!
Fühlt es selbsten was es ist, ich verschweig es itzt mit Fleiß:
Weil Gott, was ihr ihm und uns mitgespielet, selber weiß.

(10)
Menschliche Jrrthümer.

                   

Daß ich irre bleibt gewiß, alldieweil ein Mensch ich bin;
Wer nun mehr ist als ein Mensch, mag mich durch die Hechel ziehn;
Sonst weis' ich ihn von mir weg, weis' ihn auf sich selber hin.

(11)
Auf den Edo.

                   

Edo sammelt allen Schatz, was er zu und ein kann tragen,
Unter ein gedoppelt Schloß: unter Bauch und inner Magen.

(12)
Süßbittres.

                   

Jn einem Weiberrocke,
Jn einem Bienenstocke,
Steckt Schaden und Genuß,
Ergetzen und Verdruß.

(13)
Verdorbene Kaufmannschaft.

                   

Bey dem Bäcker kaufen Korn, bey dem Schmiede kaufen Kohlen,
Bey dem Schneider kaufen Zwirn, hilft dem Händler auf die Solen.

(14)
Träume.

                   

Die Träume sind wohl werth, daß man sie manchmal achte:
Die Frau im Traume ward, ward Mutter, da sie wachte.

(15)
Auf den Runcus.

                   

Runcus ist ein Edelmann,
Nimmt sich nur des Ackers an,
Will sich sonst auf nichts befleissen,
Will ein Edelbauer heissen.

(16)
Diebesstrick.

                   

Der Strick, daran ein Dieb erhieng, hilft für des Hauptes Weh,
Gebunden um den kranken Kopf. — O um den Hals viel eh!

(17)
Verleumder.

                   

Wer Verleumdung hört, ist ein Feuereisen,
Wer Verleumdung bringt, ist ein Feuerstein;
Dieser würde nichts schaffen oder seyn,
Wollt ihm jener nicht hülflich sich erweisen.

(18)
Auf die Varna.

                   

Von Trost steckt Varna voll. Jhr Mann ist jüngst gestorben,
Da spricht sie: Ob er todt, doch ist er nicht verdorben.
Der meine Wohlfahrt war, der ist gar wohl gefahren:
Drum mag auch ich mich nun mit neuer Wohlfahrt paaren.

(19)
Die Ostsee, oder das Baltische Meer.

                   

Alle Flüsse gehn ins Meer,
Alle kommen auch dorther.
Jn die Ostsee gehet zwar
Unsre Oder, das ist wahr:
Aber thut auch ihre Flut
Unsrer Oder viel zu Gut?
Ostsee! unsern Schmuck und Gold
Hast du von uns weggerollt:
Aber was du wiederbracht,
Werde dir dereinst gedacht!

(20)
Die Falschheit.

                   

Höflichkeit verlor den Rock, Falschheit hat ihn angezogen;
Hat darinnen viel geäfft, hat manch Biederherz betrogen.

(21)
Auf die Nivula.

                   

Nivula ist wie der Schnee,
Der kaum itzt fiel aus der Höh;
Wie auch ihre Redlichkeit
Jst wie Schnee zur Märzenzeit,
Der, wie neu er ist geacht,
Jmmer trübes Wasser macht.

(22)
Gerechtigkeit.

                   

Jn einer hat das Schwerdt, in andrer hat die Schalen
Gerechtigkeit; denn so sieht man sie meistens malen.
Wie so? Weil sich zur Wag ein Schwacher gerne kehrt,
Ein Starker aber nicht; denn der faßt gern das Schwerdt.

(23)
Erbarmung und Barmherzigkeit.

                   

Eines andern Pein empfinden, heißet nicht barmherzig seyn;
Recht barmherzig seyn will heißen: wenden eines andern Pein.

(24)
Ein Kriegeshund redet von sich selbst.

                   

Hunde, die das Vieh behüten,
Hunde, die am Bande wüten,
Hunde, die nach Wilde jagen,
Hunde, welche stehn, und tragen,
Hunde, die zu Tische schmeicheln,
Hunde, die die Frauen streicheln,
Glaubt, daß alle die zusammen
Aus gemeinem Blute stammen.

Aber ich bin von den Hunden,
Die im Kriege sich gefunden;
Bleibe nur wo Helden bleiben,
Wenn sie Küh und Pferde treiben,
Habe Bündnis mit den Dieben,
Trag am Rauben ein Belieben,
Pflege, bin ich in Quartieren,
Gäns' und Hühner zuzuführen;

Kann die schlauen Bauern riechen,
Wo sie sich ins Holz verkriechen;
Wenn sie nach den Pferden kommen,
Die mein Herr wo weggenommen,
Kann ich sie von dannen hetzen,
Daß sie Hut und Schuh versetzen;
Kann durch Schaden, kann durch Zehren
Helfen Haus und Hof verzehren.
Cavalliere kann ich leiden,
Bauern müssen mich vermeiden.
Drum bin ich in meinem Orden
Hundecavallier geworden.

(25)
Auf den Schliffel.

                   

Schliffel hat zwar eine Seele; aber was ist solche nütze? —
Salz ist sie, daß nicht sein Leib lebend wird zu fauler Pfütze.

(26)
Auf den Veit.

                   

Ey, siehst du nicht wie Veit vor Weibern sich verstecke? —
Ja! — Aber wo denn hin? — Ey unter ihre Decke.

(27)
Sicherheit.

                   

Schiffer, die am Ruder sitzen, kehren da den Rücken hin,
Wo sie dennoch hin gedenken und mit allen Kräften ziehn:
Menschen leben ohne Rücksicht, an den Tod wird nie gedacht,
Rennen gleichwohl ihrem Tode stündlich zu mit ganzer Macht.

(28)
Preis der Tugend.

                   

Der Tugend theure Waare wer sie für schätzbar hält,
Der kaufe sie um Mühe, hier gilt kein ander Geld.

(29)
Die höchste Weisheit.

                   

Gott, und sich, im Grunde kennen,
Jst der höchste Witz zu nennen.
Vielen ist viel Witz gegeben,
Dieser selten noch daneben.

(30)
Lebensregel.

                   

Sey, wer du bist; laß jeden auch vor dir seyn, wer er ist;
Nicht, was du nicht kannst, was du kannst, sey dir zu seyn erkiest.

(31)
Hoffnung und Furcht.

                   

Furcht und Hoffnung sind Gespielen:
Diese wird geliebt von vielen,
Und wer dies' ihm hat genommen,
Dem pflegt jene selbst zu kommen.

(32)
Ein redlicher Mann.

                   

Sein Ruhm der kann bestehn, und sein Gerücht ist ächt,
Wer dieses sagt, war wahr, und dieses thut, was recht.

(33)
Kleider.

                   

Pferde kennt man an den Haaren:
Kleider können offenbaren,
Wie des Menschen Sinn bestellt,
Und wie weit er Farbe hält.

(34)
Arzeneykunst.

                   

Wer die Krankheit will verjagen muß den Kranken nur vertreiben;
Wo kein Raum und Ort vorhanden, wird auch nichts mehr seyn und bleiben.

(35)
Zutritt bey hohen Häuptern.

                   

Ohne Gaben soll man nie vor den großen Herren stehen;
Ohne Danken soll man nie weg von großen Herren gehen.

(36)
Ein Raethsel und seine Lösung.

                   

Die Mutter frißt das Kind:
Daß dieser Stamm vergeh,
So frißt ihn Erd und Wind. —
Es regnet in den Schnee.

(37)
Der säumige Mars.

                   

Der Krieg geht langsam fort! — Die Pferde sind dahin;
Drum muß er sein Geräth anitz mit Ochsen ziehn.

(38)
Reich und grob.

                   

Wo der Geldsack ist daheim, ist die Kunst verreiset;
Selten daß sich Wissenschaft bey viel Reichthum weiset.
Ob nun gleich ein goldnes Tuch kann den Esel decken,
Sieht man ihn doch immerzu noch die Ohren recken.

(39)
Der Neidische.

                   

Wie ich essen soll und trinken, wie ich mich bekleiden soll,
Wie ich sonst mein Thun soll richten, sind die Leute kummersvoll.
Wenn ich nicht zu trinken, essen, noch mich zu bekleiden hätte,
Sonsten auch gar viel nicht gälte, gilt es eine starke Wette,
Ob nur einer findlich wäre, der nur einmal sorgt' um mich.
Jmmer dünket mich, sie kümmern nicht aus Gunst, aus Neide sich.

(40)
Der Mittelweg.

                   

Jn Gefahr und großer Noth
Bringt der Mittelweg den Tod.

(41)
Wittwen.

                   

Wer sich an ein Schienbein stößt, der hat große kurze Schmerzen:
Wittwen, welchen Männer sterben, fühlen gleiches in dem Herzen.

(42)
Lohn für Dienst.

                   

Treuer Dienst heischt seinen Lohn,
Sagt er gleich kein Wort davon.

(43)
Auf den Timax.

                   

Timax war bey vielen Schlachten, dennoch ist er stets genesen; —
Jst zum Treffen immer letzter, erster in der Flucht gewesen.

(44)
Tüchtige Waaren.

                   

Die Waaren, welche ganz voran
Jn einem Laden liegen,
Die kauft nicht gern ein kluger Mann,
Sie pflegen nicht in tügen:
Die Jungfern, welche zu dem Freyn
Die Freyer gleichsam laden,
Wo diese nicht verlegen seyn,
So haben sie doch Schaden.

(45)
Falschheit.

                   

Mohren haben weiße Zähne, sind sonst schwarz fast aller Orten:
Falsche Leute bleiben Schwarze, sind sie gleich von weißen Worten.

(46)
Bücherlesen.

                   

Wie die Honigmacherinnen
Jhren süßen Nektarsaft
Vielen Blumen abgewinnen:
So wächst unsre Wissenschaft,
Durch ein unversäumtes Lesen,
Jn ein gleichsam göttlich Wesen.

(47)
Auf den Gulanus.

                   

Weil Gulanus von dem Tode fort und fort Gedanken hat,
Jßt und trinkt er jeden Abend sich sehr satt und übersatt;
Denn er meynet, jede Mahlzeit werde sein Valetschmaus seyn:
Schafft in sein sonst leeres Schiffchen drum vorher den Ballast ein.

(48)
Vom Gerast.

                   

Gerast legt zur Gesellschaft sich Schelm' und Diebe bey; —
Damit man sehen möge, wie viel Er besser sey.

(49)
Des Krieges Ungelegenheiten.

                   

Krieg ist die allerschärfste Zucht,
Womit uns Gott zu Hause sucht;
Denn unter seinen sauern Nöthen
Jst noch die süßste Noth, das Tödten.

(50)
Kenne dich.

                   

Kannst du dem, der vor dir geht, seine Mängel bald erblicken,
Wird dir auch die deinen sehn, wer dir nachsieht, auf dem Rücken.

(51)
Fürstliche persönliche Zusammenkunft.

                   

Fürsten sollen sich nicht kennen
Durch das Sehen, nur durchs Nennen:
War das Ohr erst groß gemacht,
Hat das Auge drauf verlacht.

(52)
Lebenssatt.

                   

Canus ist zwar lebenssatt; eh der Magen sich soll schließen,
Will er gleichwohl zum Confekt etwas Jahre noch genießen.

(53)
Auf den Harpax.

                   

Harpax haßte Müßiggehn; wollte ihm niemand was befehlen,
So erbrach er Thür und Thor, Lad und Kiste, was zu stehlen.

(54)
Poeten und Maler.

                   

Man pfleget mehr was Maler malen,
Als was Poeten, zu bezahlen;
Da doch die Farben werden blind,
Reim' aber unvergänglich sind.

(55)
Freye Zunge.

                   

Wo das Reden nichts verfängt, hat das Schweigen beßre Statt;
Besser, daß man nichts gesagt, als gesagt vergebens hat.

(56)
Hofleute.

                   

Bey Hofe haben die den allergrößten Gold,
Die gar nichts weiter thun, als fressen und als saufen.
Fürwahr! wer Seele soll und Körper soll verkaufen,
Dem ist kein Silber nicht genug und auch kein Gold.

(57)
Auf den Trepicordus.

                   

Trepicordus soll sich raufen; will nicht kommen; denn er will
Nicht verrücken, will vollenden sein von Gott gesetztes Ziel.

(58)
Weiber.

                   

Die nicht Weiber haben,
Wünschen ihre Gaben;
Die sie nun genossen,
Werden drob verdrossen.

(59)
Aenderung des Anschlages.

                   

Zu Wasser muß nach Hause, wer nicht zu Lande kann;
Wem Ein Rath nicht gelinget, greif einen andern an.

(60)
Des Mars Drechslerkunst.

                   

Daß aus einem Bauern itzt
Mars bald einen Herren schnitzt,
Wundert euch? Wird nicht gebrochen
Manche Pfeif aus Eselsknochen?

(61)
Deutschland wider Deutschland.

                   

Das Eisen zeugt ihm selbst den Rost, der es hernach verzehret;
Wir Deutschen haben selbst gezeugt die, die uns itzt verheeret.

(62)
Lebenslauf.

                   

Es mühet sich der Mensch, damit er was erwerbe,
Und was er dann erwirbt, soll ihm, daß er nicht sterbe;
Und wann er nun nicht stirbt, so soll er darum leben,
Damit er kann, was er erwirbt, zur Steuer geben.
Und also hilft ihm nichts das Mühen und Erwerben,
Und alles was er giebt, als — eher nur zu sterben.

(63)
Fromm und unfromm.

                   

Heuchler wächst in Einer Erde leichtlich nicht und Biedermann;
Denn wo jener hebt zu grünen, hebet der zu dorren an.

(64)
Drey schädliche Dinge.

                   

Spiel, Unzucht und der Wein,
Läßt reich, stark, alt nicht seyn.

(65)
Sieg.

                   

Wenn man Feinden obgesiegt, soll man Feinde so besiegen,
Daß sie klagen, daß sie nicht eher sollen unterliegen.

(66)
Die lachende Wahrheit.

                   

Siedend Wasser kann man stillen,
Wenn man kaltes dran will füllen.
Glimpf kann auch durch frommes Lachen
Bittre Wahrheit süße machen.

(67)
Hofgunst.

                   

Die Kinder lieben den, der nachgiebt ihrem Muthe,
Die Kinder hassen den, der ihnen zeigt das Gute.
Es ist die Hofegunst als wie die Gunst der Kinder:
Die Heucheley hat Preis, die Wahrheit Haß nicht minder.

(68)
Das Unrecht der Zeit.

                   

Was frag ich nach der Zeit? Wenn der mir nur will wohl,
Der alles schafft was war, was ist, was werden soll.

(69)
Die einfältige Redlichkeit.

                   

Andre mögen schlau und witzig,
Jch will lieber redlich heißen.
Kann ich, will ich mich befleißen
Mehr auf glimpflich, als auf spitzig.

(70)
Liebe und Wollust.

                   

Wo die Lieb und Wollust buhlen, zeugen sie zuerst Vergnügen;
Aber bald wird Stiefgeschwister, Schmerz und Reu, sich drunter fügen.

(71)
Reichthum.

                   

Reichthum soll man zwar nicht lieben, mag ihn, wenn er kömmt, doch fassen;
Mag ihn in sein Haus zwar nehmen, aber nicht ins Herze lassen;
Mag ihn, hat man ihn, behalten; darf ihn nicht von sich verjagen;
Mag ihn wohl in sein Behältniß, sich nur nicht in seines, tragen.

(72)
Auf den Levulus.

                   

Levulus hat keinen Kopf, sein Gesicht steht auf der Brust:
Was er denkt und was er thut, ist nur alles Baucheslust.

(73)
Das Verhängniß.

                   

Willst du dein Verhängnis trotzen: ey so wolle, was es will.
Ungeduld, Schreyn, Heulen, Schelten, ändert wahrlich nicht sein Ziel;
Macht vielmehr was arg ist, ärger, macht aus vielem allzuviel.

(74)
Der Neid.

                   

Dieses oder Jenes Neiden
Will ich, kann ich besser leiden,
Als daß da und dort wo einer
Spreche: Gott erbarm sich seiner!

(75)
Winterlager.

                   

Weiland hielten unter Häuten Krieger jeden Winter aus;
Jtzund muß in Schnee der Bauer, und der Krieger nimmt sein Haus.

(76)
Ein langsamer Tod.

                   

Der ärgste Tod ist der, der gar zu langsam tödtet;
Die ärgste Noth ist die, die gar zu lange nöthet.

(77)
Hoffart.

                   

Hoffart heget nicht Vernunft. Wer aus Hoffart uns veracht,
Dessen lacht man, wie es Brauch, daß man eines Narren lacht.

(78)
Vertriebene.

                   

Wer Tugend hat und Kunst, wird nimmermehr vertrieben;
Jst, wo er ist, als wär er stets zu Hause blieben.

(79)
Falschheit.

                   

Die alte Welt hat ihren Witz in Fabeln uns berichtet. —
O! was die neue Welt uns sagt ist ebenfalls erdichtet.

(80)
Geschwister.

                   

Wie kömmt es, daß Geschwister so selten einig lebt? —
Weil jedes gern alleine für sich die Erbschaft hebt.

(81)
Das beste Band zwischen Obern und Untern.

                   

Wenn Willigkeit im Leisten und Billigkeit im Heißen
Sich wo zusammenfügen: wer will dieß Band zerreißen?

(82)
Hofwerkzeug.

                   

Mäntel zum bedecken,
Larven zum verstecken,
Pinsel zum vergolden,
Blasen zum besolden,
Polster einzuwiegen,
Brillen zum Betriegen,
Fechel Wind zu machen,
Mehr noch solche Sachen
Sind bey Hof in Haufen;
Niemand darf sie kaufen.

(83)
Auf den Parcus.

                   

Parcus hat sonst keine Tugend, aber gastfrey will er seyn:
Läßt, damit er dieß erlange, keinen in sein Haus hinein.

(84)
Auf den Pätus.

                   

Pätus ist gar milder Art; hat er was, so giebt er auch:
Einen Theil für manche Hur, andern Theil für seinen Bauch.

(85)
Die Zukunft Christi.

                   

Christus hat durch erstes Kommen
Uns des Teufels Reich entnommen;
Kömmt er nun nicht ehstens wieder,
Kriegt der Teufel Meistes wieder.

(86)
Arbeit und Fleiß.

                   

Die Welt ist wie ein Kram, hat Waaren ganze Haufen;
Um Arbeit stehn sie feil, und sind durch Fleiß zu kaufen.

(87)
Auf einen Fresser.

                   

Edo lobt und hält für Gut,
Wenn ein Mensch stets etwas thut:
Nichts thut er; doch thut er das,
Daß er ißt, wenn er kaum aß.

(88)
Diana und Dione.

                   

Der Diana sollte rufen Elsa, rufte der Dione;
Sollt' ins Kloster, lag in Wochen vor mit einem jungen Sohne.

(89)
Wein.

                   

Der Wein ist unser noch, wann ihn das Faß beschleußt;
Sein aber sind wir dann, wann ihn der Mund geneußt.

(90)
Auf den Phanus.

                   

Phanus will mit Christus ärmlich in der Kripp im Stalle liegen,
wollte nur ein Stern erscheinen, der es also könnte fügen,
Daß die Weisen zu ihm kämen, legten ihre Schätze aus,
Und von Ochsen immer wäre und von Eseln voll ein Haus.

(91)
Lügen.

                   

Willst du lügen, leug von Fern;
Wer zeucht hin und fraget gern?

(92)
Ein jedes Werk fordert einen ganzen Menschen.

                   

Wer irgend was beginnt und täglich will beginnen,
Der bleibe ganz dabey mit Leib und auch mit Sinnen.
Jm Kriege kann man dieß: man wagt Fleiß, Schweiß, Rath, That,
Man waget Seel und Leib zu stehlen was man hat.

(93)
Auf den Cornutus.

                   

Cornutus und sein Freund bestehn auf Einem Willen:
Wer sagt denn, das sie nicht der Freundschaft Pflicht erfüllen?
Ob jener liebt sein Weib, liebt dieser die nicht minder,
Ob jener etwan denkt, denkt dieser auch auf Kinder.

(94)
An den Naso.

                   

Naso, dir ist deine Nase statt der Sonnenuhr bereit,
Wann der Schatten weist gerade auf das Maul, ists Essenszeit.

(95)
Auf den Thraso.

                   

Thraso wagt sich in den Krieg:
Seine Mutter will nicht weinen;
Denn mit seinen schnellen Beinen
Stund ihm zu manch schöner Sieg.

(96)
Schönheit.

                   

Trau der Farbe nicht zu viel! Was Natur so schön gebildt,
Drunter hat sich Geilheit, Stolz, Thorheit, Faulheit oft verhüllt.

(97)
Eines Fürsten Amt.

                   

Ein Fürst ist zwar ein Herr; doch herrscht er fromm und recht,
So ist er seinem Volk als wie ein treuer Knecht.
Er wacht, damit sein Volk sein sicher schlafen kann;
Er stellt sich vor den Riß, nimmt allen Anlauf an,
Jst Nagel an der Wand, daran ein jeder henkt
Was ihn beschwert und drückt, was peinigt und was kränkt.
An Ehren ist er Herr, an Treuen ist er Knecht.
Ein Herr ders anders meynt, der meynt es schwerlich recht.

(98)
Wollust.

                   

Wer der Wollust sich verleihet, wird er nicht ums Hauptgut kommen,
Hat er Krankheit doch am Ende statt der Zinsen eingenommen.

(99)
Gewissen.

                   

Was niemand wissen soll, soll niemand auch begehen.
Ein jeder muß ihm selbst statt tausend Zeugen stehen.

(100)
Poeterey.

                   

Es bringt Poeterey zwar nicht viel Brodt ins Haus;
Was aber drinnen ist, wirft sie auch nicht hinaus.

(101)
Eifrige Geistliche.

                   

Wie ein Ottomannisch Kaiser wollen Geistliche regieren,
Der, den Zepter ihm zu sichern, läßt die Brüder stranguliren;
Also sie in Glaubenssachen, wollen herrschen, und die Brüder
Lieber von dem Brodte räumen, wenn sie ihrem Wahn zuwider.

(102)
Aegyptische Dienstbarkeit.

                   

Jakobs Stamm klagt alter Zeit
Ueber schwere Dienstbarkeit.
Steht er da denn so gar übel,
Wo man Fleisch hat, Knoblauch, Zwiebel?
Unsre Leut in dieser Zeit
Hielten es für Herrlichkeit.

(103)
Geizige Huren.

                   

Wer Hund' und Huren will zu Freunden haben,
Der muß sich rüsten mit Geschenk und Gaben.

(104)
Tischfreundschaft.

                   

Vermeynst du wohl, daß der ein treues Herze sey,
Den dir zum Freunde macht dein' öftre Gasterey?
Dein' Austern liebt er nur, dein Wildbret, deinen Fisch;
Auch mein Freund würd er bald, besäß ich deinen Tisch.

(105)
Auf den Veit.

                   

Fünf Sinnen hat zwar Veit, doch sind ihm drey entlaufen,
Zwey suchen drey: was gilts? er bringt sie nicht zu Haufen.

(106)
Eigenlob.

                   

Doppelter, nicht einzler Mund
Zeugt und macht die Wahrheit kund;
Drum gilt der nicht allzuviel,
Der sich selbst nur loben will.

(107)
Regierungskunst oder Weltkunst.

                   

Die Weltkunst ist ein Meer: es sey Port oder Höhe,
Es ist kein Ort, wo nicht ein Fahrzeug untergehe.
Der eine segelt fort, wo jener fährt in Sand;
Wer fremd ist irret hier, hier irret wer bekannt.

(108)
Auf den Schmeckel.

                   

Schmeckel könnte wohl sein Laufen
Großen Herren hoch verkaufen,
Könnte sich sein Fuß so regen,
Wie sein Zahn sich kann bewegen.

(109)
Geizhals.

                   

Den Geizhals und ein fettes Schwein
Sieht man im Tod erst nützlich seyn.

(110)
Auf den unbeständigen Volvulus.

                   

Für dein Herz und für den Mond, Volvulus, dient gar kein Kleid;
Beides bleibt nie, wie es war, wandelt sich zu aller Zeit.

(111)
Nachfolge.

                   

Ob zwar Maler ihre Farben bey dem Krämer nehmen,
Dürfen sie sich ihrer Bilder darum doch nicht schämen.
Wer von andern was gelernt, bring, es steht ihm frey,
Doch mit andrer Weis' und Art, solches andern bey.

(112)
Von meinem Buche

                   

Jst in meinem Buche was, das mir gaben andre Leute,
Jst das meiste doch wohl Mein, und nicht alles fremde Beute.
Jedem, der das Seine kennet, geb ich willig Seines hin.
Weiß wohl, daß ich über manches dennoch Eigner bleib und bin.
Zwar ich geb auch gerne zu, daß das Meine Böses heisse;
Gar genug, wenn fremdes Gut recht zu brauchen ich mich fleisse.

*


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