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Vorrede.

Friedrich von Logau, der gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts, unter dem Namen Salomon von Golau, deutscher Sinngedichte drey Tausend herausgegeben hat, ist mit allem Rechte für einen von unsern besten Opitzischen Dichtern zu halten; und dennoch zweifeln wir sehr, ob er vielen von unsern Lesern weiter als dem Namen nach bekannt seyn wird.

Wir können uns dieses Zweifels wegen auf verschiedene Umstände berufen. Ein ganzes Jahrhundert, und drüber, haben sich die Liebhaber mit einer einzigen Auflage diesen Dichters beholfen; in wie vieler Händen kann er also noch seyn? Und wenn selbst Wernike keinen kennen will, der es gewagt habe, in einer von den lebendigen Sprachen ein ganzes Buch voll Sinngedichte zu schreiben; wenn er dem Urtheile seines Lehrers, des berühmten Morhofs, daß insbesondere die Deutsche Sprache, ihrer vielen Umschweife wegen, zu dieser Gattung von Gedichten nicht bequem zu seyn scheine, kein Beyspiel entgegen zu stellen weis: so kann er unsern Logau, seinen besten, seinen einzigen Vorgänger, wohl schwerlich gekannt haben. Jst er aber schon damals in solcher Vergessenheit gewesen, wer hätte ihn in dem nachfolgenden Zeitalter wohl daraus gerissen? Ein Meister, oder ein John gewiß nicht, die ihn zwar nennen, die auch Beyspiele aus ihm anführen, aber so unglückliche Beyspiele, daß sie unmöglich einem Leser können Lust gemacht haben, sich näher nach ihm zu erkundigen.

Wir könnten eine lange Reihe von Kunstrichtern, von Lehrern der Poesie, von Sammlern der gelehrten Geschichte anführen, die alle seiner entweder gar nicht, oder mit merklichen Fehlern gedenken. Allein wozu sollten uns die Beweise dienen, daß Logau unbekannt gewesen ist? Ein jeder Leser, der ihn nicht kennt, glaubt uns dieses auch ohne Beweis.

Was man mit besserm Rechte von uns erwarten dürfte, wäre eine umständliche Lebensbeschreibung dieses würdigen Mannes. Und wie sehr würden wir uns freuen, wenn wir dieser Erwartung ein Genügen leisten könnten! So aber sind alle unsere Nachforschungen nur schlecht belohnt worden; und wir haben wenig mehr als folgendes von ihm entdecken können.

Das Geschlecht derer von Logau, oder Logaw, ist eines von den ältesten adlichen Geschlechtern Schlesiens. Jhr Stammhaus, Altendorf, liegt in dem Fürstenthum Schweidnitz. Chr. Gryphius sagt, es sey aus Böhmischen oder Schlesischen Geschichtschreibern zu erweisen, daß schon in dem sechzehnten Jahrhunderte Freyherren von Logau, unter den Kaysern Carl dem fünften, und Ferdinand dem ersten, ansehnliche Kriegesbedienungen bekleidet hätten. Auch blühte unter der Regierung des erstern George von Logau auf Schlaupitz, einer der besten lateinischen Dichter seiner Zeit, dem wir die erste Ausgabe des Gratius und Nemesianus zu danken haben. Desgleichen besaß um eben diese Zeit Caspar von Logau, den Lucä und andere mit nur gedachtem George verschiedentlich verwechseln, den bischöflichen Stul zu Breßlau.

Unser Friedrich von Logau, ward, zu Folge seiner Grabschrift, die uns Cunrad aufbehalten hat, im Monat Junius des Jahres 1604 gebohren. Seine Aeltern und den Ort seiner Geburt finden wir nirgends benannt; auch nirgends einige Nachricht von seiner Erziehung, wo er studiret, ob er gereiset u. s. w. Wir finden seiner nicht eher als in Diensten des Herzogs zu Liegnitz und Brieg, Ludwigs des Vierten, gedacht.

Man beliebe sich aus der Geschichte zu erinnern, daß Johann Christian, Herzog von Brieg, drey Söhne hinterließ, die nach seinem 1639 erfolgten Tode das Herzogthum gemeinschaftlich besaßen, doch so, daß jeder von ihnen seine eigenen Räthe hatte. Unter den Räthen des zweyten, des gedachten Ludewigs, befand sich unser von Logau. Als aber 1653 ihres Vaters Bruder, George Rudolph, starb, und die Fürstenthümer Liegnitz und Wohlau an sie fielen, fanden sie das Jahr darauf für gut, sich durch das Loos aus einander zu setzen. Ludewig bekam Liegnitz, wohin er nunmehr seinen Sitz verlegte, und seinen Logau als Canzeleyrath mit sich nahm.

Die Liebe zur Poesie muß sich zeitig bey ihm geäußert haben. Er sagt uns in einem von seinen Sinngedichten selbst, daß er in seiner Jugend verliebte Gedichte geschrieben habe, die ihm in den Unruhen des Krieges von Händen gekommen wären. Nach der Zeit erlaubten ihm seine Geschäffte allzukurze Erhohlungen, als daß er sich in größern Gedichten, als das kleine Epigramma ist, hätte versuchen können. Unterdessen hat er es in dieser geringern Gattung so weit gebracht, als man es nur immer bringen kann, und es ist unwidersprechlich, daß wir in ihm allein einen Martial, einen Catull und Dionysius Cato besitzen.

Er gab anfangs nur eine Sammlung von zwey hundert Sinngedichten ans Licht, die, wie er selbst sagt, wohl aufgenommen worden. Wir haben sie nirgends auftreiben können, und wer weiß, ob sie gar mehr in der Welt ist? Die vollständige Sammlung, die den schon erwähnten Titel: Salomons von Golau deutscher Sinngedichte drey Tausend führet, ist zu Breßlau, in Verlag Caspar Kloßmanns, gedruckt, und macht einen Octavband von ohngefähr drey Alphabeten aus. Das Jahr des Drucks finden wir nirgends darinn ausdrücklich angezeigt. Es muß aber das Jahr 1654 gewesen seyn, welches sich aus verschiednen Sinngedichten schließen läßt, und von den Bücherkennern bestätiget wird. Da unterdessen Sinapius sagt, daß Logau seine Sinngedichte im Jahr 1638 herausgegeben habe, so wird man dieses nicht unwahrscheinlich von der ersten kleinen Sammlung verstehen können.

Er war ein Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft, in die er 1648, unter dem Namen des Verkleinernden aufgenommen ward. Wenn der Sprossende, in seiner Beschreibung dieser Gesellschaft, ihn unter diejenigen Glieder nicht rechnet, die sich durch Schriften gezeiget haben, so ist dieses wohl ein abermaliger Beweis, daß das Publicum seine Sinngedichte sehr bald vergessen hat.

Er starb zu Liegnitz, den fünften Julius im Jahr 1655, und hinterließ aus einer zweyten Ehe einen einzigen Sohn. Es war dieses der Freyherr Balthasar Friedrich von Logau, der Freund des Herrn von Lohenstein, und der Mäcen des jüngern Gryphius.

Wir wollen nunmehr von unsrer neuen Ausgabe das Nöthige sagen. Die ganze Anzahl der Sinngedichte unsers Logau beläuft sich, außer einigen eingeschobenen größern Poesien, auf dreytausend, fünfhundert und drey und funfzig, indem zu dem zweyten und dritten Tausend noch Zugaben und Anhänge gekommen sind. Jst es wahrscheinlich, ist es möglich, daß sie alle gut seyn können? Unsere wahre Meynung zu sagen, diese ungeheuere Menge ist vielleicht eine von den vornehmsten Ursachen, warum der ganze Dichter vernachläßiget worden ist. Denn es konnte leicht kommen, daß die Neugierde das Bucht siebenmal aufschlug, und siebenmal etwas sehr mittelmäßiges fand.

Wir ließen es also unsere erste Sorge seyn, ihn dieses nachtheiligen Reichthums zu entladen. Wir haben ihn fast auf sein Drittheil herabgesetzt; und das ist unter allen Nationen, immer ein sehr vortrefflicher Dichter, von dessen Gedichten ein Drittheil gut ist. Deßwegen wollen wir aber nicht sagen, daß alle beybehaltenen Stücke Meisterstücke sind; genug, daß in dem unbeträchtlichsten noch stets etwas zu finden seyn wird, warum es unserer Wahl werth gewesen. Jst es nicht allezeit Witz, so ist es doch allezeit ein guter und großer Sinn, ein poetisches Bild, ein starker Ausdruck, eine naive Wendung, und dergleichen. Auch wird das schlechteste noch immer dazu dienen, dem Leser zu zeigen, wie wenig er den Verlust der übrigen Stücke zu bedauern hat.

Es ist uns ein Exemplar unsers Dichters zu Händen gekommen, das sich aus der Stollischen Bibliothek herschreibt, und in welchem hier und da eine unnatürliche, harte Wortfügung mit der Feder geändert worden war. Der Zug der Schrift wäre alt genug, es für die eigene Hand des Herrn von Logau zu halten. Doch dazu gehören stärkere Beweise; und wir wollen es also nicht behaupten. Unterdessen haben wir doch für gut befunden, einige von diesen Aenderungen anzunehmen, und einige, ihnen zu Folge, selbst zu wagen. Der Leser stößt nirgends so ungern an, als in einem Sinngedichte, welches allzu kurz ist, als daß man die Unebenheiten darinn übersehen könnte.

Wir sind uns bewußt, daß wir durch diese wenigen und geringen Veränderungen den alten Dichter nicht im geringsten moderner gemacht haben; wir sind ihm nur da ein wenig zu Hülfe gekommen, wo wir ihn allzuweit unter seiner eignen reinen Leichtigkeit fanden; und haben es alsdann in dem Geiste seiner eignen Sprache zu thun gesucht.

Wie groß unsere Hochachtung für diese seine alte Sprache ist, wird man aus unsern Anmerkungen darüber, die wir in Gestalt eines Wörterbuchs dem Werke beygefügt haben, deutlich genug erkennen. Aehnliche Wörterbücher über alle unsere guten Schriftsteller, würden, ohne Zweifel, der erste nähere Schritt zu einem allgemeinen Wörterbuche unsrer Sprache seyn. Wir haben die Bahn hierinn, wo nicht brechen, doch wenigstens zeigen wollen.

Endlich können wir unsern Lesern auch nicht verbergen, daß bereits vor mehr als funfzig Jahren ein Ungenannter eine ähnliche Arbeit mit unserm Logau unternommen gehabt. Er hat nehmlich (1702) S. v. G. auferweckte Gedichte herausgegeben. Dieser Titel ist der letzte unwidersprechlichste Beweis, daß diese Sinngedichte damals schon begraben gewesen sind. Allein dieser Ungenannte war vielleicht Schuld, daß unser Logau noch tiefer in die Vergessenheit gerieth, und nunmehr mit Recht zu einer neuen Begrabung verdammt werden konnte. Derjenige Theil seiner Gedichte, welchen man, ohne Wahl, auferweckt hat, ist nicht allein mit unendlich schlechten und pöbelhaften Stücken vermischt worden; sondern die Logauischen selbst sind dergestalt verlängert, verkürzt, verändert worden, daß Nachdruck, Feinheit, Witz, alle Sprachrichtigkeit, ein jeder guter poetischer Name, eine jede gute Eigenschaft des Dichters, ja oft der Menschenverstand selber verloren gegangen ist. Wir führen keine Exempel an, um unsern Lesern den Ekel zu ersparen.

Werden die Liebhaber der Poesie an unserm alten Dichter, einigen Geschmack finden: so freuen wir uns, daß dadurch die Beschuldigung immer mehr entkräftet werden wird, als ob wir Neuern allbereits von der Bahn des Natürlichschönen abgewichen wären, und nichts mehr empfinden könnten, als was auf einer gewissen Seite übertrieben ist.

Berlin

Die Herausgeber.

den 5ten May

 

1759.

 

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