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Drittes Kapitel.

Der Vorgang auf dem Balle brachte die ganze Stadt in Bewegung, überall sprach man von den Epigrammen, und selbst in den Kreisen, welche den Teilnehmern an dem Feste fern standen, kannte man schon am nächsten Tage den Inhalt der Spottgedichte und recitirte sie an allen Ecken und Enden. Noch in der Nacht des Balles hatte man den Hauswart und die aufwartende Dienerschaft vernommen, man hatte an den folgenden Tagen die Lohnkutscher verhört, die Epigramme waren gesammelt, die verschiedenen Handschriften derselben verglichen worden, ohne daß es zu irgend einer Spur geleitet hätte. Trotz dem aber stellte sich die allgemeine Vermuthung dahin fest, daß der Streich von Militairpersonen ausgegangen sein müsse, weil es besonders die unvernünftige Strenge des Kamaschendienstes, der niederdrückende Einfluß der Disciplin und die Einsichtslosigkeit, Pedanterie und sonstigen Mängel der höheren Offiziere gewesen waren, die der Spott am schärfsten hervorgehoben und gegeißelt hatte. Schon lange war man darauf aufmerksam geworden, daß sich eine Anzahl jüngerer Offiziere ein paar Mal wöchentlich, angeblich zu wissenschaftlichen Vorlesungen versammelte, die aber meist in wilden Gelagen ihr Ende fanden. Georg war der Stifter dieses Vereines, Larssen der Lector desselben, und Vorträge über alte Geschichte und Poesie Anfangs allerdings der Zweck derselben gewesen. Indeß nach kurzer Zeit waren die regelmäßigen Vorlesungsstunden in freie Unterhaltungen verwandelt worden, und Larssen's Beleuchtungen der antiken Welt, hatten die Köpfe der jungen Männer mit einem Gährungsstoffe angefüllt, der in den engen Schranken der Disciplin nicht den Raum zu abklärender Entwicklung finden konnte, und sich also in vielfachen Maßlosigkeiten, in ohnmächtigem Trotz und unwilligem Gehorsam kund gab. Durch Mittellosigkeit und Rücksichten mancher Art im Dienste festgehalten, sich gegenseitig steigernd in der Unzufriedenheit mit ihrer Lage, und wie die meisten Menschen geneigt, lieber die Härte des Schicksals als die eigene thatenscheue Schwäche anzuklagen, ward eine Theorie der spottenden Weltverachtung, jenes wüsten Weltschmerzes, unter ihnen Mode und Lord Byron ihr Held.

Jeder von ihnen liebte es, sich mit dem Dichter, dem fürstlichen Grafen, dem freigeborenen Engländer zu vergleichen, der trotz der Vorzüge seines Genies, seiner Verhältnisse und seines Vaterlandes, sowohl an den eigenen Mängeln als an den Vorurtheilen seines Volkes untergehen mußte, und Niemand bedachte, wie so gar keine Aehnlichkeit obwalte zwischen dem wüsten Unbehagen eines Secondelieutenants in einer deutschen Garnisonsstadt, und dem Lebensschmerze eines fürstlichen Genies mitten in dem Strom der Welt und seiner Zeit. Träume von idealen Zuständen, in denen der freien Manneskraft keine Schranke die Entfaltung wehren sollte, wurden unter der Zucht einer Disciplin verkündet, gegen welche von den jungen Herren selbst eine um eines Viertelzolles längere Haarlocke als ein Verbrechen angesehen wurde, das zu begehen sie nicht wagten. Welt- und Menschenverachtung, Spott gegen alle bestehende Ordnung waren in aller Munde, während man die Avancementlisten sorgfältig verfolgte, und jene Entsittlichung, welche nie ausbleiben kann, wo die äußeren und inneren Verhältnisse des Menschen sich durch seine Schuld entgegenstehen, hatte so tief unter den jungen Offizieren Platz gegriffen, daß man es ihnen wohl zutrauen durfte, sich selbst und ihre Lebenslage ohnmächtig in anonymen Pasquillen zu verspotten.

Des Barons Widerwille und Verachtung gegen die Urheber dieses Vorganges konnten den Seinen nicht verborgen bleiben, und der Gedanke, Georg könne Theil daran haben, könne den Zorn seines Vaters auf sich ziehen, ließen Augusten keine Ruhe. Sobald sie sich an einem der folgenden Tage allein mit ihrem Vetter sah, trat sie vor ihn hin, nahm seine Hand und sagte: »Ich habe eine Frage auf dem Herzen, Georg, die ich nicht wagen würde, könnte ein Anderer sie Dir thun? Kann ich Dir nicht helfen?«

»Mir helfen? und wozu?« entgegnete der Lieutenant.

»Hast Du Nichts auf dem Herzen, Georg?« forschte sie weiter, während mädchenhafte Befangenheit ihre Stimme beben ließ, denn so sehr sie das Alleinsein mit dem Vetter auch gewohnt war, machte es sie heute verlegen, weil sie es gesucht hatte.

»Auf dem Herzen habe ich Nichts, Auguste; aber ich glaube wahrhaftig, ich habe im Herzen was für Dich, ich glaube, ich habe mich neulich auf dem Balle Knall und Fall in Dich verliebt!«

»Scherze nicht, ich bitte Dich,« rief sie, während eine dunkle Röthe ihre Wangen färbte, »ich bin in Todesangst um Dich. Hast Du das Pasquill gemacht?«

»Hältst Du mich für solchen großen Dichter? Das schmeichelt mir, denn ich finde es prächtig!«

»Hast Du das Pasquill gemacht?« wiederholte sie dringender.

»Nein!« antwortete er ihr.

»Da sei Gott dafür gedankt! das wäre des Onkels Tod gewesen und – –«

Sie sah den Lieutenant an, er war blaß geworden. »Du hast es gemacht!« rief sie erschrocken.

»Und wenn das wäre, thörichtes Kind?«

»Dann würdest Du cassirt.«

»Und ich wäre frei!« unterbrach sie der Lieutenant mit kaltem Tone.

»Aber der Vater! der Vater!« mahnte das Mädchen.

Des jungen Mannes Stirne verdüsterte sich wieder, Auguste weinte. »Du bist sehr gut, Auguste,« sagte er.

»Dich cassirt, Dich im Gefängniß zu wissen,« rief sie, »das überlebte ich nicht!«

Der Wehruf tiefen Schmerzes schlug an das Ohr des Offizieres. Er war im Zimmer umher gegangen, jetzt blieb er plötzlich vor dem Mädchen stehen und sah es betroffen an. Sein forschendes Auge verwirrte die Aufgeregte bis zum Unertragbaren, und in dem Gefühle, sich seinem Blicke zu entziehen, warf sie sich an seine Brust, fassungslos die Worte wiederholend: »ich überlebe es nicht!«

Er hörte ihr Herz an dem seinen klopfen, die schöne Gestalt hing an seinem Halse, und als entzünde ihn plötzlich ein elektrischer Funke, so fest schloß er sie an sich. »Liebst Du mich, Auguste?« fragte er.

Sie antwortete nicht, aber sie weinte und hatte seinen Kuß geduldet, als sie Schritte im Vorzimmer hörten. Der Vetter ließ sie los und sie entschlüpfte, während es an die Thüre des Gemaches klopfte und Larssen hereintrat.

»Hört uns hier Jemand?« fragte er. Der Lieutenant verneinte. »Ich komme von Deinem Vater, der mich rufen lassen, und habe Dir eine Mittheilung zu machen. In einer Stunde findest Du mich zu Hause, sei aber pünktlich!«

Damit entfernte er sich, als wolle er nicht in der Gesellschaft des Lieutenants gefunden werden und verließ das Haus.

Georg folgte ihm um die angegebene Zeit.

Er fand Larssen im Schlafrock ausgestreckt in einem alten Lehnstuhl liegen, den er, wie das ganze Mobiliar, aus dem Schiffbruch seines früheren Lebens gerettet hatte, und dessen kunstreiches Holzschnitzwerk auffallend gegen das hie und da in Fetzen herabhängende Leder contrastirte, aus dem Leinwand und Roßhaar durcheinander hervorquollen. Auf der Marmorplatte seines Tisches standen und lagen leere Bierflaschen und Bücher, Papiere und Haarbürsten umher, so daß der Eintretende die peinliche Ordnung, welche der Besitzer in seinem Zimmer sonst fest zu halten pflegte, doppelt vermißte.

Larssen hatte sich eine Pfeife gestopft und blies die Rauchwolken behaglich in die Luft. »Dein Vater ist ein sonderbarer Mann!« das waren die Worte, mit denen er den Offizier empfing, und ohne ihm Zeit zu einer Frage zu lassen, fügte er hinzu: »Ich denke schon die ganze Stunde über diejenigen Elemente der Menschennatur nach, aus denen das Wesen der Racen besteht. Denn es ist etwas Mystisches um die Racen, sie sind unzerstörbar!«

»Aber was hat das mit meinem Vater gemein?« fragte der Andere gespannt.

»Ich sage Dir ja, daß er mich grade erst darauf gebracht hat, liebes Kind! Die Raceneigenthümlichkeit ist unzerstörbar, Dein Vater ist die Probe von dem Factum. Das gefällt mir an ihm.«

»Was gefällt Dir?« rief der Lieutenant noch eifriger, »überwinde Deine contemplativen Schrollen, Larssen! Was ist vorgegangen?«

»Es liegt in der ganzen Aristokratie noch Etwas von dem ritterlichen Geiste des: la bourse ou la vie! und Dein Vater hat diesen Zug in einer Weise, die mir Achtung einflößt. Aller Radicalismus hat etwas Respectabeles!«

»Du bist unerträglich, Larssen!« schalt der Andere, aber Jener ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen. Mit höchstem Behagen stopfte er die Pfeife nach, dehnte sich in seinem Sessel und meinte: »Weil ich endlich ein Mal die Lust genieße, die aus dem Nichtbesitzen entspringt, weil ich zum ersten Male mich der philosophischen Unabhängigkeit mit Freude bewußt werde, zu der mein Leben mich geführt hat, und weil ich nicht gleich bereit bin, dies wohlthuende Gefühl um Deinetwillen aufzuopfern, schiltst Du mich unerträglich. Das Glück erzeugt gleich Neider! – aber ich könnte Dir in dieser Stunde wie Diogenes sagen: »geh mir aus der Sonne!«

Sein ganzes Gesicht lächelte in dem Ausdruck höchster Zufriedenheit, indeß Georg unruhig im Zimmer auf und niederging, wohl wissend, daß man Larssen in solchen Stimmungen gewähren lassen müsse. Auch rauchte er noch eine Weile ruhig fort, ehe er, gegen den Lieutenant gewendet, also anhob: »Heute Morgen, wie ich eben aus der Schule komme und die Exercitienbücher meiner Kinderchen vor mich hinlege, kommt Euer Hermann und bestellt mir, Dein Vater wolle mich sprechen und zwar wo möglich gleich. Ich ziehe also nur den Schulrock aus und begebe mich pflichtschuldigst auf den Weg!« –

Larssen machte paffend und rauchend eine Pause, Georg trommelte vor Ungeduld mit den Fingern auf der alten politurlosen Marmorplatte des Tisches. »Als ich hinkomme,« fuhr Jener dann fort, »finde ich Deinen alten Herren allein. Er hatte seine ganze landständische Physiognomie angenommen, und es ist wahr, es liegt dann etwas Princières in seinem Wesen. Er nöthigte mich zum Sopha, das fiel mir auf, und sagte dann ohne alles Preambuliren: ›Sie wissen, lieber Larssen, weshalb ich Sie kommen lassen. Die Sache mit den Pasquillen ist mir sehr fatal. Georg ist, das steht bei mir fest, darin betheiligt, aber uns Beiden ist es bekannt, daß er nicht Verse machen kann. Die Verse sind von Ihnen!‹«

»Nun?« fragte Georg.

»Nun,« entgegnete Larssen, »ich fand diese apodiktische Verhörsweise sehr auffallend, so sehr, daß sie wirklich nahe daran war, mich perplex zu machen. Indeß noch während ich mich besann, vor welchem Richterstuhle der alten oder der neuen Welt eine solche Art des Verfahrens vorgekommen sein könnte, schnitt er meine Betrachtung plötzlich ab. ›Ich lasse die Sache an und für sich ganz dahingestellt sein. Ich erlaube mir auch nicht, Ihnen meine Ansicht darüber auszusprechen,‹ sagte er, ›ich verlange nur, daß Sie sich willig finden lassen, sie zu applaniren, denn mich dünkt, Sie, als der ältere Mann, als der Erzieher meines Sohnes hätten sich zu solchem Unwesen nicht herbeilassen sollen!‹«

Larssen fuhr sich, als er so weit gekommen war, mehrmals mit der Hand durch das Haar, zog die Weste zurecht, klopfte die Pfeife aus und erhob sich, sie neu zu stopfen. »Und das Ende vom Liede?« drängte Georg.

»Das läßt sich ohne die Zwischenglieder gar nicht geben, lieber Sohn! und Du kannst es abwarten, da es Dich Nichts angeht.«

»Da es mich Nichts angeht? Ich denke, Du wüßtest, wie nahe es mich angeht?«

»Keines Weges! warte nur das Ende ab. – Ich konnte Deinem Vater im Grunde nicht so Unrecht geben, ich glaube sogar, ich fühlte eine Anwandlung von Reue oder gar von Scham, aber ich ließ sie nicht aufkommen in mir, denn Spinoza hat Recht, die Scham ist eine Schwäche. Auch schien es Deinem Vater gar nicht auf meine Empfindungen anzukommen, sondern nur auf meine Fügsamkeit. Er ist concret in solchen Dingen. ›Wie die Sachen liegen,‹ sagte er, ›ist es, da viele Personen um den Frevel,‹ so nannte er es, ›wissen müssen, unzweifelhaft, daß die ursprünglichen Thäter, die Urheber und Verbreiter dieser Epigramme, in kürzester Zeit bekannt werden. Sie, als Privatperson, trifft dabei nur eine gewöhnliche Geld- oder Festungsstrafe, die Offiziere aber kommen vor das Kriegsgericht, und bei der Frechheit, mit der die Pasquille sich gegen die Vorgesetzten, ja selbst gegen die Regierung äußern, droht den Teilnehmern des Complots eine weit schwerere Strafe, wo nicht Cassation. Zu dieser Aussicht haben Sie Georg verhelfen!‹ – Ich sah ihm an, daß die princière Physiognomie mit der väterlichen Kränkung, ja selbst mit Rührung kämpfte, und daß ich Dir es kurz gestehe, der Mensch hat wunderbare Momente, es kam eine Rührung auch über mich. Dein Vater that mir leid, man sieht es, daß Cornelie ihm Kummer macht, ich kam mir miserabel vor, daß ich Dich nicht abgehalten, in diese Patsche hineinzulaufen. Es war mir opferdurstig zu Muthe und ich fragte, was ich für Dich thun könne?

›Es handelt sich nicht allein um meinen Sohn,‹ sagte er, ›die Söhne mehrerer angesehener Familien sind von gleicher Strafe bedroht. Sie haben mir vor längerer Zeit den Wunsch ausgesprochen, in Paris zu leben. Gehen Sie nach Paris!‹

›Was kann das helfen, Excellenz?‹ erlaubte ich mir zu fragen.

›Es rettet alle Uebrigen!‹ –

›Wie das, Excellenz?‹

›Man ist, ich weiß es, nicht begierig, den schlechten Geist zu documentiren, der unter den Offizieren Platz gegriffen hat, und so strafbar und verdammenswerth die Sache war, würde man sicher den Eclat einer massenhaften strengen Bestrafung der Offiziere vor den Gemeinen gern vermeiden. Indeß die Gerechtigkeit und die Gesellschaft fordern ein Opfer, und Sie sollen es ihr bringen!‹

Diese Intention war klar und deutlich ausgesprochen, bündig auch, aber noch immer verstand ich nicht, wie das mit meiner Reise nach Paris zusammenhängen könne, bis Dein Vater mir sagte: ›Lehnen Sie die Autorschaft der Epigramme nicht von sich ab. Man ist auf Ihrer Spur und wird Sie zum Verhöre ziehen. Läugnen Sie nicht, decken Sie die Anderen und gehen Sie vor der Entscheidung nach Paris. Sie haben gesagt, mit zweitausend Franken getrauten Sie sich in Paris zu leben. Ich garantire Ihnen die Summe für zwei Jahre!‹«

Da der Lieutenant überrascht war, hielt der Andere inne. »Nicht wahr,« sagte er, »das consternirt Dich auch. Es ging mir ebenso. – – Der Vorschlag leuchtete mir ein, aber ich konnte ihn nicht gleich so fassen, wie man seinen gewohnten Bierkrug anfaßt, ich mußte mir erst Paris vorstellen und mich in Paris. Aber da war es, wo das edelmännische la bourse au la vie! dann plötzlich durchbrach in dem Alten. Er war ganz ruhig und gelassen gewesen all die Zeit. Nun fuhr er auf: ›Sie haben zwei Alternativen,‹ sagte er, ›hier das Gefängniß, denn die Geldstrafe würde zu hoch sein für Ihre Mittel, und in Folge des Gefängnisses die Unmöglichkeit des späteren Wiedereintrittes in die Schulen, an denen Sie unterrichten – dort für zwei Jahre, an dem Orte Ihrer Sehnsucht, eine gesicherte Existenz und die Möglichkeit, sich in neuen Verhältnissen eine ehrenvollere‹ – er sagte nicht ehrenvolle, merke das, – ›sich eine ehrenvollere Zukunft zu begründen. Wählen Sie!‹«

»Und Du hast?« – – rief der Lieutenant.

»Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten!« antwortete Larssen, sich an der Verwunderung seines jungen Freundes ergötzend, während dieser selbst sich über sein persönliches Empfinden kaum Rechenschaft zu geben wußte.

Wie man dazu gekommen war, den ersten Gedanken zu diesen Spottgedichten zu fassen, wie dann die Einfälle des Einen die Maßlosigkeit und Tollkühnheit des Anderen gesteigert hatten, und Keiner vor dem Unternehmen zu warnen gewagt, aus Furcht für muthlos angesehen zu werden, das Alles wußte er sich nur theilweise klar zu machen. Es liegt in solchen Handlungen eine fortreißende Kraft, die uns schnell vom Ursprung unseres Wollens entfernt und uns immer über unser Ziel hinaustreibt. Diese Epigramme und das Vertheilen derselben, worauf man so großen Werth gelegt und von denen man sich eine Aufsehen machende und selbst nachhaltige Wirkung versprochen hatte, wurden im Publikum schon nach wenig Tagen von den Einen als strafbare Frechheit, von den Anderen als ein thörichter Jugendstreich angesehen, ohne daß irgend Jemand ihnen eine tiefere Bedeutung beizulegen dachte. Der Doctor, an dessen Urtheil dem Lieutenant vorzugsweise gelegen war und von dem er Lob zu hören erwartet, tadelte den Leichtsinn, Petarden abzufeuern vor dem Angriff und den Feind zu alarmiren. Georg selbst aber war zu gut erzogen, um nicht Reue zu fühlen über die, gegen den fürstlichen Besucher verübte Tactlosigkeit, und über den Bruch des Gastrechtes gegen denselben. Ob der Lieutenant sich damit geschmeichelt, man werde die Verfasser nicht entdecken, was er sich überhaupt gedacht, mochte er sich jetzt nicht eingestehen. Die gewollte und die vollbrachte That sehen sich in dem Auge des Thäters oft gar nicht mehr gleich. Er schämte sich vor seinem Vater der Rolle eines Pasquillanten, als hätte er einen Meuchelmord begangen. Selbst die oft ausgesprochene Behauptung, er wolle der Entdeckung froh sein, wenn sie ihn nur befreie aus dem Zwange des Soldatenlebens und ihn aus seiner Vaterstadt entferne, dünkte ihn jetzt Vermessenheit, da er eine den Sohn entehrende Bestrafung über dem Haupte seines Vaters schweben sah, und Augustens Liebe ihm plötzlich das Verweilen in der Heimath wünschenswerth gemacht hatte.

Dennoch sträubte sich sein Ehrgefühl ebenso sehr dagegen, die Schuld auf fremde Schultern zu wälzen, als ihn die Art verwundete, in welcher der Baron, gleich einer allwaltenden Vorsehung, sich der Sache bemeistert hatte. Er vermochte ihm seine Sorgfalt nicht zu danken. Es dünkte ihm leichter die eigene Schuld zu büßen, als sich willenlos wie ein Knabe, durch das Zuthun eines Anderen, vor der Strafe bewahrt zu sehen, und dies letztere Gefühl behielt die Oberhand.

»Ich hoffe, Du wirst nicht gehen!« rief er aus, als Larssen schwieg.

Dieser sah ihn befremdet an. »Weshalb nicht?« fragte er.

»Also wirst Du gehen?«

»Das habe ich nicht gesagt! Denn daß ich Dir es ehrlich gestehe, es reizt mich grade, so die Wahl zu haben!«

Georg zuckte die Achseln, Larssen beachtete es nicht. »Ich habe mir immer gedacht, wenn ich einmal das große Loos gewönne«, sprach er, »so würde ich erst mit dem Bewußtsein meines Reichthums einen Tag noch ganz in der gewohnten Weise leben, um mir des Unterschiedes zwischen meiner Gegenwart und Zukunft recht scharf bewußt zu werden. Dann würde ich mich in Champagner betrinken, mich schlafen legen und mit dem respectabelen Bewußtsein jedes reichen Mannes mich am andern Morgen als ein ehrbarer Mensch von meinem Lager aufrichten. Laß mich heute noch der alte Larssen sein, ich werde Dir morgen weiter Antwort sagen!«

»Keiner von Allen nimmt es an, Dich fortschicken und sich so begnadigen zu lassen!«

»Ohne Weiteres Jeder!« meinte Larssen.

»Bestände mein Vater nicht darauf,« rief der Lieutenant, »ich könnte den Gedanken – – –« er stockte und fügte hinzu: »ich würde solchen Vorschlag für unmöglich halten.«

»Unmöglich, daß Einer Buße thut für die Sünden seiner Freunde? Was scheint Dir daran so unmöglich? Hat doch der Heiland die Sünden der Welt auf sich genommen, und die Menschheit fühlt sich Gott versöhnt dadurch. Weshalb sollte ich zaudern ein Märtyrer zu werden, und mich in der falschen Babylon Paris für Eure Missethaten an das Kreuz schlagen zu lassen? Ich war von je ein guter Mensch!«

Er schlug dabei sein heiseres Lachen auf, streckte die Beine, im Lehnstuhl liegend, über die Lehne des nächsten Stuhles und blies die blauen Rauchwolken mit solchem Entzücken in die Luft, daß man ihm ansah, wie glücklich er sich fühle.

Der Lieutenant ging während dessen im Zimmer auf und nieder. Plötzlich blieb er stehen. »Ich könnte der Sache mit einem Schlag ein Ende machen!« rief er aus.

»Wie das?« fragte der Andere.

»Wenn ich hinginge und mich als das Haupt des Unternehmens nennte.«

»Welch abgeschmackte Imitation Karl Moor's! Wenn man das Haupt abschlägt, lähmt man die Glieder! Bedenke, lieber Sohn! daß Deine Strafe auch die Deinen träfe, und daß Du mir die Wollust dieses Tages, die Aussicht raubtest, in Paris ein ehrenvolleres Leben, wie's Dein Vater nannte, zu beginnen. Nur in der Grammatik bilden zwei Negationen eine Bejahung, im Leben macht man eine Dummheit nicht durch die zweite Dummheit todt.«

Georg ging wieder auf und ab im Zimmer, aber was er auch gegen die Absichten seines Vaters sagen mochte, Larssen wußte es von seinem Standpunkte aus zu widerlegen, und man kam endlich darin überein, auch die Uebrigen zu befragen und es von dem Willen der Mehrheit abhängig zu machen.

Als der Lieutenant in seine Wohnung zurückkehrte, fand er einen alten Wachtmeister seiner wartend, der ihm in Dienstsachen eine Meldung zu machen hatte. Nachdem der Rapport zu Ende war, blieb der Alte noch stehen. Georg hatte ihn lieb und die ganze Escadron sah ihn als ihr Orakel an. Unerbittlich und selbst tyrannisch im Dienste, war er nachsichtig und mitleidig gegen die Leute und half mit Rath und That bereitwillig aus, wenn ein Bursche außerhalb desselben in irgend welche Verlegenheit gerieth. Ohne Neugier oder Zudringlichkeit wußte er Alles, was in der Escadron passirte, und selbst die Abenteuer der Offiziere waren ihm nicht unbekannt, obschon Niemand anzugeben vermochte, auf welche Weise er sie erfuhr. Denn er lebte meist für sich, und seine Erholung bestand darin, Hunde zu dressiren und Vögel abzurichten, wenn er am Tage Pferde zugeritten und Recruten exerzirt hatte. »Er sei einmal zum Lehrmeister geboren,« sagte er von sich selbst.

Den Lieutenant hatte er schon als kleinen Knaben gekannt, denn der Wachtmeister war einst der Bursche seines Onkels und mit diesem häufig auf dem Stammschlosse gewesen, ehe der Obrist von Heidenbruck das Regiment verlassen und sich in Steinfelde niedergelassen hatte. Daß wieder ein Herr von Heidenbruck bei den Cuirassieren eingetreten war, hatte dem Alten zu einer besonderen Genugthuung gereicht, und wie er dem Onkel, unter dem er die Campagne durchgemacht, mit Leib und Seele ergeben war, so hatte er auch den Lieutenant von erster Stunde an in Affection genommen.

Einen Augenblick schwieg der Alte, dann sagte er: »Der Herr Lieutenant von Massenbach hat Malheur mit seinem Fuchs!«

»So? was ist ihm geschehen?« fragte Georg.

»Er war mit ihm am Strande, da haben sie ihn nicht abgewartet, wie er ankam, und da ist das arme Vieh verschlagen, daß es ein Jammer und 'ne Schande ist.«

»Ist denn Nichts damit zu machen?«

»Glaub's kaum, er wird kaput sein; und so 'n prächtiges Thier. Er konnte noch vorige Woche siebzig Friedrichsd'or dafür kriegen!«

Damit schien die Sache erledigt zu sein, und Georg, der in sich beschäftigt war, hatte keine Neigung, weiter mit dem Wachtmeister zu verkehren. Dieser bemerkte das wohl, ohne sich jedoch zu entfernen, so daß Georg ihn endlich fragte, ob er ihm noch Etwas zu sagen habe?

»Ja, Herr Lieutenant!« antwortete er näher tretend und den Helm abnehmend, »ich hab' was auf dem Herzen, was der Wachtmeister freilich sich nicht 'raus nehmen darf, dem Herrn Lieutenant zu sagen, aber ich denke, ihr alter Exerzirmeister vom Gut darf es Ihnen wohl sagen!«

Er legte den Helm auf einen Stuhl, als werfe er mit der Aufhebung der reglementsmäßigen Tracht auch sein Dienstverhältniß ab, und bis an das Fenster tretend, an dem Georg sich niedergelassen hatte, sagte er: »Herr Lieutenant! es hat gar Nichts zu sagen, wenn die jungen Herren über die Schnur hauen, das schadet gar Nichts!«

»Wie kommst Du darauf? Ist Etwas passirt?« fragte Georg, der außerhalb des Dienstes den Wachtmeister, wie als Knabe, auch jetzt noch Du zu nennen liebte.

»Passirt so recht eigentlich ist Keinem Etwas, Herr Lieutenant! – Aber wenn der Bulldog, den ich jetzt für den Hauptmann von Wernsdorf in Dressur genommen habe, merkte, daß mir beizukommen ist, so wollt' ich nicht mehr einen Groschen für meine alten Hände geben. Wenn so ein Vieh weiß, daß es beißen kann, so beißt es auch, und der Soldat, der gemeine Mann, ist nicht viel besser!«

»Was hat das aber mit den Offizieren zu thun?«

»Sehen Sie, Herr Lieutenant! der gemeine Mann denkt: leben und leben lassen. So 'n Handel mit einem Frauenzimmer, oder einmal Lärmen und Skandal, oder ein Glas über den Durst, das gefällt ihm gut, er thät es auch, wenn's ginge. Aber da oben, da muß Nichts geruckt werden und gerührt! Wenn die Herren Offiziere nicht mehr an den General wie an ihren lieben Herrgott glauben, da ist im Regiment der Satan los, und der Teufel holt die Mannszucht, halten zu Gnaden!«

Der Lieutenant war betroffen. »Was sagt man davon?« fragte er.

»Das Sagen wollt' ich ihnen wohl verboten haben!« rief der Alte, »aber seit die Kerle lesen können und alles ungewaschne Zeug in den verdammten Zeitungen gedruckt wird, da kriegen sie zu erfahren, mehr als ihnen Nutz ist, und ich wollte den Herrn Lieutenant bloß gebeten haben, zu machen, daß es davon still wird. Das Exempel ist Alles im Regiment!«

Er nahm bei diesen Worten seinen Helm wieder auf, und schickte sich zum Fortgehen an. Da der Lieutenant schwieg, drehte er nochmals um. »Nichts für ungut, Herr Lieutenant!« sagte er.

»Im Gegentheile! ich danke Dir, und Du hast Recht!« entgegnete der Lieutenant, dem die Worte des Wachtmeisters das Blut in die Wangen trieben.

Die einfache Ermahnung dieses Mannes machte ihn erschrecken. Sie wirkte tiefer auf ihn, als hätte sein Vater oder einer seiner Vorgesetzten ihm die Unmöglichkeit vorgestellt, die militairische Organisation ohne Disciplin aufrecht zu erhalten, und trotz seines alten Widerstrebens gegen die Erniedrigung des Menschen zu willenloser Folgsamkeit, überkam ihn zum erstenmale der Respect, den alles in sich organisch Festgegliederte dem achtsamen Betrachter einflößt. Diese Organisation aus persönlichem Mißempfinden angetastet zu haben, ohne daß er ein Besseres an ihre Stelle zu setzen gewußt hätte, beschämte ihn und dünkte ihn selbst jetzt knabenhafter Leichtsinn. Er fühlte, daß er seinem Eide zu nahe getreten sei, und daß es nicht immer darauf ankomme, durch einen Act der Buße seinem Gewissen und seinen Ehrbegriffen zu genügen, sondern daß es hier seine Pflicht wäre, sich schweigend selbst zu vergessen, wo es galt, die mangelnde Achtung der Offiziere vor dem Chef, die fehlende Ehrerbietung vor den Institutionen zu verbergen.


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