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Meine Beziehungen zu Ludwig Klages

 

»Zuweilen, wenn ein Gewitter über mir hinzieht und seine göttlichen Kräfte unter die Wälder austeilt und die Saaten, oder wenn die Wogen der Meeresflut unter sich spielen, oder ein Chor von Adlern um die Berggipfel wo ich wandere sich schwingt, kann mein Herz sich regen als wären wir noch vereint; aber sichtbarer, gegenwärtiger, unverkennbarer lebt er in mir, ganz wie er einst dastand, ein feurig strenger, furchtbarer Kläger, wenn er die Sünden des Jahrhunderts verrate. Wie erwachte da in seinen Tiefen ein Geist, wie rollten die Donnerworte der unerbittlichen Gerechtigkeit über die Zunge. Wie Boten der Nemesis durchwanderten unsere Gedanken die Erde und reinigten sie, bis keine Spur von allem Fluche da war.«

Hölderlin.

 

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Wenn ich versuche, die Entwicklung meiner Beziehungen zu Ludwig Klages aufzuzeichnen, so geschieht es aus dem Erwägen, daß nach kurzer Frist, wenn wir beide nicht mehr dasein werden, die Sache, welcher wir gedient haben, in Deutschland und über Deutschland hinaus, vielleicht noch manche Forscher beschäftigen und vielleicht noch viele Federn in Bewegung setzen wird, und daß dann (so wie die Dinge nun einmal liegen), wahrscheinlich mancher Gedanke, manche Leistung unter dem Namen von Ludwig Klages fortdauern wird, die, bei anderer Zuordnung der Schicksale oder der Naturen, auch gerade so wohl unter meinem Namen und als mein Lebenswerk auf die Nachwelt hätten kommen können.

Um der Sache willen wären nun die Entscheide des äußeren Erfolges und der geschichtlichen Legende freilich gleichgültig, und der Wunsch, länger zu dauern als der einstige Freund und ihn in dieser oder in jener Hinsicht in der Meinung der Menschen zu überragen, ein solcher Wunsch des gemeinen Ehrgeizes geziemte am wenigsten mir, der doch die »Sinnlosigkeit der Geschichte« erkannt und den Wahn aller äußeren Erfolge dargelegt hat. Was mich bekümmert, ist: denn auch nicht »des Ruhms, der Namensdauer Trug«. Ich mache mir freilich nicht vor, daß ich ohne Machtwillen und ohne Eitelkeit sei, – denn ich weiß: niemand ist es! – Aber weder der Geltungswille noch auch der Drang, die Wahrheit festgestellt zu sehn, könnte mich antreiben, meine Rechte geltend zu machen auf Gedankengut, welches statt unter meinem Namen unter dem Namen meines Jugendfreundes künftig segeln werde. Ich will es klar und ehrlich sagen: eine Furcht treibt mich an, diese Aufzeichnungen zu hinterlegen. Ich muß auf Angriffe, muß zum mindesten auf bewußtes Totgeschwiegenwerden gefaßt sein. Meinen Kindern und Enkeln soll nicht Wehe geschehn dadurch, daß aus einem Verhältnis, in welchem ich durch ein Jahrzehnt, wenn auch nicht der allein gebende, so doch der führende Teil gewesen bin, schließlich nichts übrigbleibt als eine vage Historie: »Theodor Lessing sei in seiner Lebensarbeit von Ludwig Klages abhängig gewesen, nicht aber dieser von ihm«. Denn, daß in den Jahren unsrer Jugend ich dem Freunde Erde, Luft und Heimat gewesen bin, so wie er mir, das liegt bezeugt in mehreren hundert Briefen, von denen sich aus den Jahren 1890 bis 1900 viele erhalten haben. Bei unsrer Trennung (1900) habe ich ihm die von ihm erhaltenen Briefe zurückgeschickt, während er die meinen behalten hat. Später hat sich dann ein Päckchen von etwa fünfzig Briefen von ihm noch vorgefunden, das ich nicht zurückgab. Für die Dokumentierung unseres Werdegangs wird viel davon abhängen, ob Klages meine und seine Briefe aufbewahrt oder ob er sie vernichtet hat. Der selbe Freund, welcher 1896 an mich schrieb: »Es ist mein fester Glaube daß man nach Deinem Namen einst unser Zeitalter nennen wird«, rächte diese Überschätzung später (seit 1900), indem er mit fanatischer Geltungswut nicht nur jede Erinnerung an diese frühe geistige Gefolgschaft, sondern sogar jede Erinnerung an unsre Freundschaft und mit ihr die Ehrfurcht vor unsrer gemeinsamen Jugend in sich austilgte ...

Großer Stolz (hinter dem doch oft nur das Bewußtsein unsrer Schwäche brennt), eiserner Anspruch auf Geltung haben den Freund so verhärtet, haben ihn so eigensinnig-blind gemacht, daß er alles, was er an sich hätte hassen müssen ( seinen »Willen zur Macht«, seinen immer regen doktrinären Ehrgeiz, seinen kalten Trieb, als groß und unter den Größten zu gelten), mit meinem Namen, mit dem Zeichen meines Blutes und mit dem Merkmal meiner Rasse benannte.

Und je mehr Ludwig Klages hätte fühlen sollen, daß er ungerecht irre und daß er ein heiliges Bündnis entweihe, um so trotziger steigerte er sich hinein in die Verpflichtung, mich übergehen zu müssen und vergessen zu müssen: unsre Jugend, unsre Brüderschaft und die schöne Zeit, wo jeder von uns, klar und rein, nur darum eiferte, den andern mehr zu lieben als sich selbst und den andern für höher zu halten als sein eignes Wesen.

In unserm dreizehnten Lebensjahre, 1886, zwei in benachbarten Häusern aufwachsende, ganz einsame und eigentlich heimatlose Knaben, kamen wir auf der Schulbank zusammen und schlössen uns, im Kampf mit der Umwelt, so an einander, daß Gedanken und Erlebnisse zusammenwuchsen zu einem einzigen, von zwei verschiedenen Naturen gespeistem Geiste.

Diese Gemeinschaft, durch Jahre hindurch fast allstündlich, dauerte bis zum sechsundzwanzigsten Lebensjahr (1900). In solchen Zeiten, wo sie von Trennungen unterbrochen war, wurde sie aufrecht erhalten durch häufige, zeitweise durch tägliche Briefe; sie schwollen oft an zu langen philosophischen Abhandlungen. Zerrissen wurde dieses Band um 1900, den Jahren meiner Heirat mit einer Frau, deren Lebensstimmung freilich zu der von Ludwig Klages den Gegenpol bildete.

Es muß nun gesagt sein, daß Ludwig Klages von dem Zeitpunkt unsres Auseinandergehens mein Dasein völlig ignoriert hat. Es sind jetzt achtundzwanzig Jahre vergangen, während deren er niemals mich erwähnte. Dadurch geriet ich in eine schiefe Stellung vor der Öffentlichkeit. Denn in nahezu jeder meiner Schriften wird man Klages genannt finden, und immer mit Ehrfurcht. Einfach darum, weil die Wahrhaftigkeit das von mir forderte! Niemals aber wird man umgekehrt auch mich erwähnt finden, weder bei ihm, noch in seiner Schule und seinem Kreis. Und selbst dort, wo es eigentlich unvermeidlich wäre, auch meine Arbeiten zur Charakterologie anzuführen (so zum Beispiel, als Klages und ich gleichzeitig Werke von Karl Gustav Carus herausgaben), da fanden doch Klages und seine Anhänger Auswege, das Nennen meines Namens zu umgehn. – Obwohl ich dreißig Jahre lang Ausdrucks- und Gestaltenkunde als mein persönlichstes Gebiet in tausend und aber tausend Lehrstunden und Vorträgen doziert habe, wurde ich doch von der Geschichte dieser Wissenschaft, die sich sehr wesentlich an Klages Namen anknüpft, schließlich ausgeschlossen. Man wird meine Vorarbeit kaum je erwähnt finden. Als ein sehr reicher Verleger (Niels Kampmann) schließlich ein Zentrum zur Pflege der zur Mode gewordenen physiognomischen Wissenschaften ins Leben rief, da wurde ich, obwohl der älteste Forscher auf diesem Gebiete, bewußt ausgeschlossen und von der Mitarbeiterliste der Zeitschriften, an denen der »Kreis um Klages« beteiligt war, gestrichen. So geschah es denn, zumal ich auch in allen öffentlichen Vorträgen Klages gern zitierte, daß mir immer und immer wieder der Glaube entgegentrat, ich sei zwar von Klages'schen Schriften entscheidend beeinflußt worden, nicht aber dieser von den meinen.

Ich weiß, daß nur diejenigen, die mich genau kennen, es mir glauben werden, was doch der Wahrheit entspricht, daß ich nur einen sehr kleinen Teil der Schriften von Klages gelesen habe, daß ich zwar mehrfach versucht habe, seine Bücher zu studieren, daß mir dieses Studium aber schmerzhaft ist und ich es daher immer wieder aufgab.

Ich mache nun diese Aufzeichnungen, um für die Zukunft klarzustellen, daß nicht etwa nur periphere Gedanken, nicht nur Ornamente der Klages'schen Werke an mich erinnern, sondern daß der philosophische Kern, die ursprüngliche Konzeption, daraus das ganze Weltbild für Klages hervorwuchs, durchaus von mir stammt! Ich meine damit nicht einen der so häufigen »Prioritätsstreite«, meine nicht die Frage, ob dieser oder jener Gedanke von einem von uns beiden »früher gedacht worden sei«, sondern ich weiß, daß eine bestimmte Philosophie oder besser gesagt ein bestimmtes Problem mit mir selber geboren wurde und der Inhalt meines Lebens gewesen ist, wie ich denn schon in Schülerjahren an einem Werk, welches ich »Philosophie der Not« nannte, zu arbeiten begann. Ohne Erloten meines Lebens und meines Denkens wäre Ludwig Klages und wäre sein Werk überhaupt nicht geworden oder wäre jedenfalls ganz anders geworden als sie durch mich und mit mir geworden sind. Ja, ich möchte, so weit die Klages'sche Gedankenwelt mir bekannt ist, behaupten: sie bietet in systematischer und unpersönlicher Form, deren Strenge keinerlei Ansätze für persönliche Angriffspunkte bietet, das Selbe, was von mir untermischt, mit vielleicht zu vielem Persönlichen und in lockerer, mehr »literarischer« Form im Dienste des Tages verstreut und als Literat, Lehrer und Schriftsteller eben dargelebt wurde. Gerade um dieser persönlicheren Beimengung und literarischen Formung wegen, bot ich der Welt der Gelehrsamkeit und den Wissenschaftlern allzu viele Angriffsflächen. Und abgesehn davon, daß mir vielleicht überhaupt die Talente ermangelten, die nötig sind, um Schule zu bilden, war es ungemein leicht mich abzudrängen, um »Außenseiter« werden zu lassen und mich so zu behandeln, als wenn ich nichts als ein Mitläufer gewesen sei.

Ludwig Klages (das wünsche ich, weil es der Wahrheit entspricht, zu behaupten) ist sein ganzes Leben lang unbewußt von bestimmten, mit mir geborenen und bei mir immer wiederkehrenden Problemen und Gedanken abhängig geblieben. Dies hat nichts zu tun mit der Tatsache, daß er, wie in unsrer Jugend, so auch später der glücklicher konstituierte Mensch, sowie ein mehr systematischer und spekulativer Kopf, überhaupt die im strengeren Sinne wissenschaftliche Begabung von uns beiden gewesen ist. Es kam hinzu, daß er auch der härtere von uns beiden war, eine Natur, die, vor die Wahl zwischen Werk und Mensch gestellt, sicher, gleich Agamemnon, lieber das teuerste Blut geopfert, als sein Werk preisgegeben hätte, während er, mir feind geworden, wohl richtig schrieb, daß ich zu jenen gehöre, die »mehr ihr Leben als ihr Werk gestalten«. Klages begann etwa 1894 über sich wie über mich psychologische Notizen zu machen. Seine Selbstbekenntnisse überschrieb er: »Peer Gynt, ein Denker«, die Notizen über meine Person: »Ahasver, ein Dichter«. Die letzteren hat er in den »Graphologischen Monatsheften« veröffentlicht, unter einem Pseudonym, in sehr gehässiger Form.

Bevor ich meinen Anspruch auf bestimmte Inhalte der Klages'schen Gedankenwelt als auf meine Gedanken geltend machen kann, muß ich, so widrig es ist, einiges nur Persönliche zu klären unternehmen. Es soll nur so weit geschehn als es unvermeidlich ist.

In der Lage des verlassenen Freundes (aus Klages Natur heraus würde es wahrscheinlich heißen: in der Lage des Menschen, der »gewogen und zu leicht befunden wurde«), befand nicht ich mich allein, sondern eigentlich alle, welche einst unsre Jugendzeit geteilt haben. Klages brach mit Hans H. Busse, Georg Meyer, August Husmann, Hugo Pick, Friedrich Huch, Stefan George, Karl Wolfskehl, Richard Perls, und immer aus ähnlichen kleinen Vertrotztheiten eines leicht gekränkten Größe- und Geltungswillens. Er schien das Bedürfnis zu haben, alle Menschen aus seinem späteren Leben auszuscheiden, welche in den Jahren seines Werdens und seiner Unreife ihn gekannt hatten. –

Um das Jahr 1896 befand sich in München eine Schar von Freunden, fast alle aus Norddeutschland kommend, welche den ersten Stamm der von Hans H. Busse gegründeten »Deutschen Graphologischen Gesellschaft« bildeten. Aus diesem Kreise erwuchsen zu späteren Berufsgraphologen: Busse, Meyer und Klages, Schulgefährten schon von Hannover her, während ich, der vierte in diesem engeren Heimatkreise, mich nicht zu einer Spezialforschung zu begrenzen vermochte und damals nur als ein »Anregungen gebender Gast« die Unternehmungen meiner Freunde teilte. Die Gemeinschaft von Busse und Klages, die von vornherein weniger Freundschaft als Interessengemeinschaft war, hielt am längsten vor und zerbrach erst in viel späteren Jahren. Schon an früherem Zeitpunkt wurde durch Klages die Verbindung und Arbeitsgemeinschaft mit Georg Meyer gelöst. Auch Hugo Pick, ein sehr begabter Bremenser, der früh dem Morphinismus verfiel, wurde durch einen unerwarteten Brief von Klages auf immer abgestoßen. Nicht anders erging es Friedrich Huch, einem jung verstorbenen Schriftsteller, einem der begabtesten unsres Kreises. Auch Huch sprach trotz des jähen Bruches stets mit guter Liebe von Klages, aber auch mit Trauer über dessen allzu verwundbaren, nie zu befriedigenden Geltungswillen, welcher zäh seine Umgebung so einzurichten begann, daß er, ungestört durch alle Einwände, dauernd sich selbst überschätzen konnte.

Schlimmer trat dieser kranke Hochmut gegenüber Stefan George zu Tage. Die Freundschaft mit Stefan George, welchen Klages in seinem ersten Buche 1898 als die schlechthin größte Erscheinung des Zeitalters verklärte, wurde der erste Anlaß zu einer Entfremdung zwischen Klages und mir. Ich konnte die Stimmungen jenes ausschließlich auf das Künstlerische und Aesthetische gerichteten Kreises, der den Jugendfreund ganz in sich aufsog, damals nicht mitmachen. Nicht seine Gefühlsrichtung, seine Kulte, Gespräche, Feste. Ich wurde als störend empfunden und befand mich gegenüber George in einem zweifellos aus meiner unreifen Ungeklärtheit fließenden Widerstande. Bei den gelegentlichen persönlichen Begegnungen mit George gab es, zur Verlegenheit für Klages, manche aus meiner naiven Einstellung hervorgehende Zusammenstöße. Es ist mir heute ganz klar, daß ich zu unbedarft, primitiv, unfertig, kurz zu verständnisunfähig war, um Stefan George nach seinem Werte sehen und richtig schätzen zu können. Ich war damals zwischen 1894 und 1900 ein von jugendlichen Radikalismen erfüllter, noch ganz haltloser, wild bewegter Aufrührer und Pathetiker angesichts reifer, meine Unmittelbarkeit belächelnder, in aesthetischer Zucht sich kultivierender und sich begrenzender Männer. Klages aber ehrte in George seinen ersten Erzieher und Meister. Dieses Verhältnis dauerte fort als der Bruch zwischen Klages und mir bereits eingetreten war. Bald nach dem Bruche zwischen Klages und mir trat die erste Trübung auch der Freundschaft mit George ein, als Klages, der, damals sechsundzwanzigjährig, sich noch mehr zum Dichter denn zum Wissenschaftler berufen fühlte, den Argwohn hegte, daß seine Dichtungen durch den »Kreis der Blätter für die Kunst« mißachtet worden seien. Es handelte sich zunächst um wahre Bagatellen! Sie riefen Klages, der eine vermeintliche Demütigung nicht tragen wollte, zum Trotz gegen George auf und führten zu langen rechtwilligen Händeln. Im Laufe der Jahre fälschte sich dann in Klages Gemüt das Bild Georges ebenso wie das Bild seiner ursprünglichen Beziehungen zu George. Klages hielt es mit George genau so wie mit unser beider Jugend. Er verbog die Erinnerungen. In den »Abhandlungen zur Ausdruckslehre und Charakterkunde«, welche Klages 1927 herausgab, hat er in Form einer längeren Anmerkung Seite 377 bis 382 seine Beziehungen zu George zusammengefaßt und sich dagegen gewehrt, je zum Kreise Georges gehört zu haben. Ich glaube, daß niemand, der unbefangen diese Anmerkung liest, die Herabminderungsabsicht und ihre feindliche Mißwilligkeit verkennen kann. Bei dieser Gelegenheit nun bringt Klages einen Umstand zur Sprache, der auch für seine Stellungnahme zu mir entscheidend gewesen sein dürfte und den ich daher im Folgenden ausführlich klarstellen will.

Die ersten Freunde, welche Ludwig Klages, der aus niedersächsischem Kleinbürger- und Bauernblut stammt, als Anerkennende gewann: Stefan George, Karl Wolfskehl, Richard Perls, Theodor Lessing, waren ganz oder teilweise jüdischen Blutes. Indem Klages diese frühesten Gemeinsamkeiten abbrach, wuchsen in ihm groß (zuerst wohl in Abwehr der alten Freundschaft für mich, sodann auch in Abwehr gegen seine späteren Sympathien für George und dessen auch mehrere Juden mit umfassendem Kreis), bestimmte Gesinnungsrichtungen, die schon aus dem Elternhaus, aus Schule und Verwandtschaft ihm nicht fremd gewesen waren, aber durch unsre lange Gemeinschaft ganz verdrängt worden waren. Es wuchs in ihm groß: eine Abneigung gegen Juden und Judentum, als etwas Prinzipielles. Mit dem Begriff »Jude« bezeichnete Klages fortan alles das, was ihn lange gehindert habe, sein allereigenstes chthonisches Element zu entdecken und was ihn, den »arischen Menschen«, lange hemmte in der Entdeckung seiner selbst und seines eigensten Weges.

Ludwig Klages gehörte durchaus zu jenen halb aus der Phantasie, halb aus einem spekulativen Doktrinarismus schöpfenden Gelehrtennaturen, für welche alles und jedes, auch das Persönlichste, sich sofort umsetzt in generelle und sehr weite Begriffe. Und so verfestigt sich denn in der Klagesschen Philosophie, etwa von dem Zeitpunkt unsrer Trennung an, der folgende Komplex: »Das kritische und intellektuelle Prinzip, welches die anwachsende Seelenöde und Instinktverarmung der Menschheit verdeckt und recht eigentlich der Parasit und das Krebsgeschwür am Leben ist, das ist jenes Prinzip, welches man am richtigsten bezeichnet mit Worten wie: Judaismus, Semitismus, Jehovismus und dessen geschichtliche Träger die »jüdischen Menschen« sind. – Ich habe viele Gründe anzunehmen, daß Ludwig Klages dort, wo er gegen dieses » Prinzip« ankämpfte, in seiner scheinbar ganz unpersönlichen Art, auch mich und meine Lebensinhalte zu verurteilen wünschte. Zugleich aber auch das Werk des ihm feindlich gewordenen George zu demütigen vermeinte. In Wahrheit aber (um in diesem Punkt klar meine Meinung zu sagen), kämpfte Klages diesen vermeintlichen Kampf gegen Judaismus, Intellektualismus, Rationalismus, Machtwilligkeit, Personenkult usw. durchaus gegen sich selber. Gegen einen Teil seines eigenen Wesens, das stets unvergleichlich ehrgeiziger, rationaler, autokratischer und (in Klagesscher Sprache gesprochen) »semitischer« konstituiert war als das meine.

Es blieb also dabei: Seit 1900 etwa galt in der Klagesschen Begriffswelt »der Jude« als die lebenspolare und gegenlebige Bosheitsgewalt. Und damit kehrte sich (was mich immer wieder beunruhigt und geistig gestachelt hat), die von mir überkommene Begriffswelt in meinem nächsten Menschen gegen mich! Denn ich selber hatte ihn ja gelehrt, daß der »Geist der Parasit am Leben« sei und daß das wache Bewußtsein und Wollen ein Ergebnis der Not und der Lebenshemmung sei. Und nun wurde diese Wahrheit, die bei mir nur psychologisch fundiert war, von ihm gleichsam metaphysisch substanziert und jene lebenspolare wie Klages sagte: molochitische Gewalt wurde gleichgesetzt mit dem »Jüdischen«. Immer freilich blieben auch in Klages noch lebendig die großen Rätselfragen unsrer Jugend und die Gegensätze, die uns damals beschäftigten: Logos und Eros, Seele und Geist, Leben und Wahrheit. Diese uralten Gegensätze beschäftigten lebenslang sowohl ihn wie mich. Aber Klages übernahm meine »Philosophie der Not«, indem er sie in sein metaphysisches System so einordnete, daß sie fortan nicht etwa nur ihrem Urheber entfremdet wurde, sondern direkt ihren Stachel gegen mich, mein Leben und meine Wesensart zu kehren begann. So methodisch aber auch Klages vorging, so klar und folgerichtig er dachte, an diesem Punkte blieb in ihm doch ein geheimes Wissen wach um ein von ihm mir angeschehenes Unrecht. Und eben darum, weil Klages es nötig hatte, vor sich selber gerechtfertigt dazustehn, begann er mein Wesensbild herabzumindern, ja zu verunglimpfen, so wie ein Mensch, der an einem andern Unrecht tat, sich damit rechtfertigt, daß der andere eben nur dieser so schäbigen Behandlung wert sei. Unser Bewußtsein von Unrecht verrät sich leicht durch Übertreiben. So achte man denn auf die Punkte, an denen Ludwig Klages »übertreibt«. Der Seelenkundige muß an solchen Punkten spüren: Hier handelt es sich nicht mehr um Erkenntnis! Hier redet aus dem Philosophen ein Haß, und sei es auch nur der Haß der zertretenen Liebe. – Gehässig war der Klagessche Versuch, den Begriff der »Hysterie« grundsätzlich zu verkoppeln mit dem Begriffe: »Jüdisches Wesen«. Gehässig war seine Lehre, daß eine ganze Rasse, die semitische, von der Natur dazu verflucht sei, als der Typus des »hysterischen Lebensneides« und der »unsachlichen Macht- und Geltungswilligkeit« alles schöne, reine und junge Leben vergiften zu müssen. Gehässig war endlich auch der Wahn, daß der »Untergang der Erde am Geist« eben nichts anderes sei als »der Sieg des Semitentums« über die arischen Völker. Gehässig zu böserletzt war auch die Meinung, das Christentum (welches Klages nach dem Vorbilde des uns in der Jugend so viel beschäftigenden Eugen Dühring als die Fortsetzung des Judaismus auffaßte), das Christentum müsse ausgerottet werden als die Ausgeburt des »jüdischen Lebensneides«; ja, es liegt schon der selbstgerechte Haß in der von Nietzsche übernommenen Überzeugung, daß das Christliche durchaus das Antidionysische sei, das Gegenstück zu der von Nietzsche und Klages verkündigten »bacchischen Rausch-Religiosität« und der vom Geiste erlösenden »Ekstase des kosmogonischen Eros«. – Diese Klagessche Stellungnahme kehrt sich also gegen das Judentum und mithin auch gegen mich. Unter der Maske des Logos oder des Ethos, verborgen als Geist oder als Wille, schleicht sich das lebens-seelen- und phantasiearme Judentum ein in die reicheren und begnadeteren Lebens-, Seele- und Phantasiewelten der ursprünglicheren und argloseren Menschen und feiert nun zäh den Triumpf der bloß Gelehrigen, Zweitrangigen und Sekundären, der Ehrgeizigen, Verkrampften, Hysterischen über die schönen Lieblinge der Natur und des Lebens. So bemühte sich Klages seit 1900 unser Verhältnis zu sehen. So versuchte er unsre Freundschaft von nachhinein auszudeuten. Im Schwabinger Dialekt wurde in unserm frühesten Freundeskreis das »Jüdische« immer genannt »das molochitische Prinzip. Der Begriff stammte von Alfred Schuler. Er benannte das Judentum nach dem kinderfressenden Gewaltgotte der alten Semiten: dem Moloch. Dem gegenüber stand » das chtonische Prinzip«, die »arische Blutleuchte«, »der Geliebte der Mutter Erde«. Aber ein leises geheimes Bewußtsein von Unrecht und Ungerechtigkeit muß doch auch wohl in Ludwig Klages fortgewirkt haben. Denn die wildesten Darlegungen seiner ersten Schriften, zumal jene übertreibenden Gehässigkeiten, die er in den »Graphologischen Monatsheften« unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte, sind in den späteren Wiederabdrucken von ihm sehr gemildert oder aber ganz ausgetilgt worden. Dennoch blieb bis in unser Alter hinein immer noch genug übrig an Entäußerungen, welche beweisen, daß der Wunsch der Vater der Gedanken ist, und daß unser eigenster Wille manche scheinbar ganz sachliche Geschichtsdarlegung und Seelenausdeutung nur konstruiert. So erscheint mir die Anschauung, daß die Musik Richard Wagners den Sieg des »schauspielerischen Menschen« und mithin des »Semitismus« bezeuge, als eine von Wunsch und böser Absicht unterströmte Konstruktion. Und ihr nachgebildet ist die Klagessche Lehre, daß mit Stefan George und mit seinem Kreise das »Semitische« sich in Deutschland zur Personenkult treibenden Herrschaft aufgeworfen habe. Überall dort, wo Klages etwas ihn Hemmendes und Beunruhigendes fühlt (und was ist für uns hemmender und beunruhigender als unser schlechtes Gewissen?), da drängt sich ihm sogleich die bequeme und erlösende Formel auf: Das Jüdische ist daran schuld!

Solche kaum greifbare, weil in den sachlichsten Vortrag verkleidete Mißwilligkeiten, haben mich auf meinem Lebenswege oft gereizt, vom entgegengesetzten Standpunkt aus den Spieß einmal umzukehren. Ich wurde ja immerfort hineingedrängt in die Lage, die Tatsache meiner Geburt verteidigen zu müssen! Und mit weit besserem Rechte hätte ich beweisen können, daß der jüdische Mensch durch Europa und sein vermeintliches »Ariertum« beständig verbogen und verdorben, daß er vor allem vernutzt, danklos verbraucht und geopfert wird. Ist denn nicht jeder Mensch jüdischen Blutes auf deutscher Erde der immer Beargwöhnte, der ohne Dank Vernutzte und Aufgebrauchte? Bin denn nicht auch ich in meinem Verhältnis zu Ludwig Klages, welches ich doch ganz tief und schwer ernst genommen habe, nur der danklos Verbrauchte gewesen? Wenn von zwei mit einander zum Lichte hinstrebenden Freunden der eine blondhaarig und der andere schwarzhaarig ist, der eine aus jüdischer Fremde, der andere aus einem deutschen Acker erwuchs, – dann vorsteht es sich für die »deutsche Kulturgeschichte« wie von selbst, daß der Jude allemal auch der »minder ursprüngliche«, der »Sekundäre«, der nur Empfangende, der kluge Nutznießer, daß er nur der Schüler und Nachahmer des deutscheren gewesen sei. Gut denn! Richard Wagner, Stefan George, Rudolf Borchardt gelten für Klage« als »Juden«. Für die meisten Deutschen dagegen gelten sie augenblicklich als berufene Vertreter deutscher Kultur. Nun nehme man einmal an, es gelänge dem allgemeinen Volksgewissen der Deutschen, die Tatsache ins Bewußtsein zu hämmern: Wagner, George, Borchardt sind »Juden«! ... Sie möchten dann an sich selber so deutsch oder nichtdeutsch sein, so wertvoll oder so gering, so lebenmindernd oder so lebenerhöhend –, einzig der allgemeine Glaube, daß diese Männer undeutsch und jüdisch seien, würde verhindern, daß sie fürder noch als wesentlich für Deutschland gelten könnten. So würde es um Männer stehn, die heute allgemein anerkannt sind und deren Zusammenhang mit dem Judentum nicht einmal feststeht und sicher nie bemerkt wurde. Was aber soll unter so beschaffenen Umständen dann ich tun, der ich doch niemals ein »Anerkannter« war, der ich immer ganz allein da stand und mich durchaus immer als Jude bekannt habe? – Ludwig Klages also hatte von uns beiden von vorn herein die besseren »Chancen«. Er war schon dadurch bevorzugt, daß er nicht »Jude« war. Er war zudem körperlich weit robuster, gesunder und minder nervenzart als ich. Er hatte lebenslang immer nur für sich selber zu sorgen und wurde früh durch ein von seinem Vater ererbtes Vermögen unabhängig. Dagegen stand ich, der in der Jugend verwöhntere, als ich ins Leben hinaustrat, plötzlich vor dem Nichts. Ich blieb lebenslang ohne Besitz und Vermögen und mußte mich verbrauchen im Dienste der täglichen Erwerbsarbeit. Ich hatte Frau und Kinder und war im Gegensatz zu Klages in viele soziale Bindungen gestellt. – Wenn eine gerechtere Nachwelt dieses alles einst überblickt, so wird sie begreifen, daß das Verhalten dieses Freundes, für mich der schwerste Schlag in meinem Leben gewesen ist. Unsre Freundschaft verleugnen, das war von ihm gar nicht anders, als wenn man Vater und Mutter verleugnet. Man kann seiner ganzen Jugend weit entfremdet, ja man kann ihr feindlich geworden sein; aber man wird doch wohl immer seine Herkunft und seine Ahnen bekennen. Ludwig Klages aber behandelte mich »sachlich«. Und das hieß in unserm Fall ganz unmenschlich. Und eben darum unnatürlich, unwahr, erzwungen! – Mit Entsetzen fast erfüllt mich die Tatsache, daß nach Abbruch unsrer Beziehungen, Klages im Jahre 1906 unter dem Decknamen Edward Glinska eine angeblich schon 1898 niedergeschriebene Charakteristik meiner Person veröffentlichte, die den Titel trägt: »Ahasver, ein Dichter. Ein Beitrag zur Psychologie des Idealismus«, ein Charakterbild, welches 1927 in den »Beiträgen zur Ausdruckskunde« wieder abgedruckt wurde und von dem er dort sagt, es sei »ein Beispiel, das freilich keineswegs nur die Handschrift, sondern daneben auch die Daten verwertet, die der persönlichen Bekanntschaft mit dem Schrifturheber zu danken waren« – wobei er denn in Wahrheit für ein Zerrbild verwertet: die allerpersönlichsten und geheimsten Bekenntnisse, die von mir selbst in der Zeit unsrer intimsten Freundschaft aus rückhaltlosem Vertrauen ihm zugetragen wurden. So habe ich ihm denn die Waffen selber gegeben, mit denen er mich verwundet hat. Ja die Formeln, mit denen er mich charakterisiert, sind wörtlich ganz einfach meine Selbstbekenntnisse. So habe ich sie selber ausgesprochen. Er muß sie damals alle aufgeschrieben oder muß meine Worte im Gedächtnisse bewahrt haben. Er stellt mich dar als ein ahasverisch wirres Knäuel zerfahrener Begierden, flackernder Brunst und friedloser Flucht in die verstiegenen Lügen der Ideologie oder in die Wüsten einer verworrenen Dialektik. Als einen nach Wahrhaftigkeit dürstenden Lügner, einen nach Größe hungernden Minderwertigen, einen Gebrochenen, Gehetzten und Niezureichenden. Nicht der Inhalt dieser Charakteristik konnte mir wehtun. Er sah mich vielleicht wirklich so oder glaubte mich so zu sehn. Und es war auch durchaus möglich, unter seinem Gesichtspunkte das Charakterbild so zu zeichnen. Denn es ist mir wohl bewußt, daß alle die einzelnen Züge, die er neben einander stellt, als Möglichkeiten just genau so in mir lagen (womit ja noch nicht gesagt ist, daß das Bild als Ganzes stimmt und zusammenstimmt). Aber abscheulich, ja entsetzlich erschien es mir, daß er überhaupt mit nüchterner Kälte eines lieblos richtenden Auges, anteillos kühl mich »charakterisieren« und mein Leben, durch mehr als zwölf Jahre auch das seine, so als »wissenschaftliches Objekt« benutzen konnte, wo ich doch an nächste Gemeinschaft und selbst nach dem Bruche an eine unzerstörbare Verwurzelung geglaubt habe. Sollte ich mich durch alle die Jahre in unsrer Freundschaft getäuscht haben? Sollte ich in den andern hineingelegt haben, was nur in mir lag? Oder sollte Klages ganz ohne Pietät für die Vergangenheit sein? In den Jahren unsrer Freundschaft bewährte er sich als eine Seele voller Zartheit und Feinheit, voller Schönheit und Größe. Was ihm ermangelte das war: Wärme und Weichheit ...

Lichtstrahlung ist zwar der Wärmestrahlung überlegen, aber das Leben, welches Nestwärme braucht, kann am Lichte sterben. Klages konnte leuchten; Wärme gab er nicht. Er konnte sie nicht geben. Ihm, dem kühlsten Kenner aller Seelen, war versagt das Hingegebensein an das Leben im andern! Vielleicht erwuchs ihm aus diesem Mangel die einseitige Verklärung der ichzerschmelzenden oder ichzersprengenden Ekstase. Denn er steckte schmerzlich fest in dem Panzer eines nur selten frohen Ich. Dem Lobsänger des kosmogonischen Eros versagte sich der irdische Eros. Ihm fehlte auch der Eros zum Weibe und was vielleicht wichtiger wurde: zum Kinde. Von Gatten- und Vaterschaft ausgeschlossen, war er viel einsamer als ich. Zart aber gar nicht weich; zwar leicht zu biegen aber schwer zu wandeln, zwar nicht weiblich-mütterlich, aber durchaus eine zart mädchenhafte Natur, ohne alle Neigung zum Draufgängertum männlicher Aggressivität, aber zäh beharrlich in sich selber eingeriegelt und unaufhaltsam, unaufhörlich bauend an dem undurchdringlichen Panzer des Defensivmenschen. So war Ludwig Klages, wie ich ihn einst kannte und wie er (denn gewisse Grundzüge ändern sich nie), wohl auch geblieben ist. Die Verdikte seiner in sich selber unfrohen, aber zugleich sanguinisch-beweglichen Subjektivität verkleideten sich stets in die Formen der strengsten Sachlichkeit. Hätte Klages das Allerpersönlichste, ja Allerverschrullteste entäußert, er hätte es stets so vorgetragen, daß »Diskussion« nicht mehr möglich war, sondern daß es geheißen hätte »causa finita«. Vielleicht kam diese Eigenheit daher, daß Klages nur schwer Widerspruch ertragen konnte.

Schon in unserer Jugend war es für Ludwig Bedürfnis, im »pluralis majestatis« zu sprechen, so, daß ich oft zu ihm sagte: »Du kannst nicht wie andere Menschen gehen; du kannst nur schreiten.« Diese Flucht in Form und Feierlichkeit (der meine stärkere Unmittelbarkeit zuerst vorbildlich, später aber peinlich und verhaßt wurde), kam nur aus Verlegenheit. Sie stieg wie man heute sagen würde, aus Angst- und Minderwertigkeitskomplexen. Ihm war es früh Schutz und Notwendigkeit, niemals sein Persönliches als persönlich preiszugeben, sondern es immer nur in den Formen und im Namen der Wissenschaft (der Wissenschaftlichkeit schlechthin), ja ich möchte fast sagen in den Formen und im Namen des Welturgrundes zu entäußern. Dadurch gewannen selbst seine persönlichen Grenzen die unangreifbare Würde des wissenschaftlichen Gesetzes. Es blieb an seinen Schriften verborgen und undurchdringlich, wie vieles daran nur aus persönlichen Affekten entstieg und (wie in unserm Falle) nur eine langerhand verborgene und verkleidete Mißwilligkeit war. –

Was ich hier niederschreibe, weil ich fühle, daß die Bewahrung dieser Tatsachen für die Zukunft einst notwendig werden wird, das könnte man freilich ebenfalls als » nur subjektiv« zu entwerten versuchen. Aber meine Aufzeichnungen würden den Charakter unantastbar sicherer Dokumente tragen, wenn es statthaft wäre, auch diejenigen Untergründe der Naturen ins helle Licht zu heben, die jedermann am tiefsten behütet, am undurchdringlichsten verschleiert und dennoch als die entscheidenden Mächte jedes Lebens anerkennt: die erotische Tiefe, in welcher bei dem einen ein gefräßiger Kracke, beim andern das Bewußtsein der Lebensstiefkindschaft schlummert, bei einem dritten Gehemmtsein oder Schmerz sogar dann, wenn der Kopf flammend Leben und Lust predigt, wenn die Fantasie das Leben vergoldet und bejubelt oder der Stolz die »Prediger des Todes« verdammt. Solcher Widerspruch wirkte auch aus Friedrich Nietzsche. Solcher Widerspruch wirkte auch aus Ludwig Klages. Auf der Universität gaben uns die Kameraden Spottnamen, indem sie mich »Schopenhauer« und ihn »Nietzsche« nannten, und stets fühlte ich, daß wenn er gegen Schopenhauer loszog, er mir am Zeuge flicken, wenn er Nietzsche verfocht, er sich selber verteidigen wollte. Er kannte von früh auf die Tragik des Gottes, der immer nach der herrlichen Daphne die Hand ausstreckt, aber statt ihrer einen Lorbeer im Arme behält. Er war ein Weinlaubbekränzter, der Rausch und Rauschbringendes lobpries, nur um nicht bitter gestehn zu müssen, daß er das formlose, nur unbekümmert naive Leben – beneidet.

Diese Tragik seiner stolzen Seele wäre für alle Welt klar sichtbar geworden und hätte das hier Niedergelegte vollends geklärt, wenn die Briefe veröffentlicht worden wären, welche Franziska Reventlow, die auch mit mir eine Zeitlang gut bekannt war, von Klages durch viele Jahre empfing. Wie die Herausgeberin des Nachlasses der Reventlow mir mitteilte, war die Veröffentlichung dieses Briefwechsels in der Tat vorbereitet, als sich herausstellte, daß die von Klages an Franziska Reventlow geschriebenen Briefe (als einziges unter sehr zahlreichen Briefpäckchen der verschiedensten Korrespondenten), abhanden gekommen waren. Sollte die Zukunft an der Werdegeschichte von Ludwig Klages Interesse haben, so wäre damit die wichtigste Spur dieser Werdegeschichte verlöscht. Und wie Klages die Spuren auch unsrer Freundschaft auf immer getilgt hat, so hat er mit zähester Hartnäckigkeit seine Bastionen und Barren gebaut fast an jedem Punkte, wo die Abhängigkeiten seines Werdens und Werkes vermutet werden könnten. Nicht nur in meinem Falle wurde es ihm schwer, sein Abhängigsein von andern geistigen Existenzen zuzugeben. Und vollends um ein Wort der Dankbarkeit zu erlangen, dazu mußte man wohl erst tot sein! So hat Klages die Namen Carus, Bachofen und schließlich den Namen Melchior Palágyis (von dem er seine wesentlichsten logischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen empfing), auch seinen nächsten Bekannten gegenüber Jahre lang streng geheimgehalten.

Ich wußte nicht, als ich seit 1904 mich immer wieder mit Carus beschäftigte, daß auch Klages um die selbe Zeit die Carussche Gestaltsymbolik und Seelenlehre wiederentdeckt hatte, und es ist wirklich nicht festzustellen, ob er oder ob ich das Angedenken dieses Romantikers erneuert hat, zumal eine dunkle Kenntnis des Mannes schon in den Schülerjahren uns gemeinsam war. Mit dem Namen und Werke Bachofens wurde schon in der Zeit, wo unsre Wege sich trennten, eine Art Geheimkult getrieben, dessen Seele Alfred Schuler war, der einzige, welchem Klages »Dankbarkeit für entscheidende Gedanken« zu schulden behauptet, der einzige aber auch aus unserm alten Freundeskreise, dem Dankbarkeit zu zollen, zumal nach seinem Tode, vom Eigendünkel und Eigenstolze keinerlei Opfer abverlangte. –

Auch ich bin mit Alfred Schüler mehrmals zusammengetroffen, habe einmal durch mehrere Wochen einen Sommeraufenthalt gepflogen im Kloster Schäftlarn zu derselben Zeit, wo auch Schuler mit einem alten Fräulein Johanna von der Nahmer, seiner Tante, dort wohnte und habe, ich glaube im Winter 1908, nochmals am selben Orte einige Wochen in seiner Nähe geweilt. Schüler, von Klages als der Magiker und Offenbarer ältester Vorwelt und mythischer Wunder verklärt, war für mein anders geartetes Auge nichts als eine Mischung aus Hanswursterei und profunder Gelehrsamkeit. Ein an ungeordneten Gedanken überreicher, dabei aber ganz dilettantischer Anreger und zugleich ein geschwätziges altes Weib. Er war eine Mischung von Kinäde und Philosoph in der Tonne. Ein römischer Cäsarenkopf auf schwammig gedunsenem Leib. Persönlich ganz ohne äußeren Ehrgeiz. Völlig zufrieden in der Wirtsstube vor drei, vier staunenden Zuhörern seine historisierenden Orakel von sich geben zu können, nie in der nüchternen Gegenwart daheim, sondern in oft verschrobenen, oft wundervoll fantastischen Zusammenhängen lebend, bot er dar: eine mystagogische Mischung aus Archäologie und Romantik, aus Historie und Phrähistorie. Seine Lehrmeister waren der Archäologe Furtwängler und der alte Bachofen gewesen. In römischen, späthellenischen und byzantinischen Kulturwissenschaften war Schüler auf eine konfuse Art äußerst beschlagen. Ich möchte tausend kleine Züge aneinander reihen, die ein Bild seiner wunderlichen Person ergeben würden. Es ist wohl sicher, daß die Pythiasprüche Schulers, daß seine durch Bachofen entstandene Philosophie des Blutes, der »chtonischen Dämonen«, der Feuermythen, der Mutter- und Vaterwelten auf die fantastische Seite von Klages viel stärker eingewirkt haben als meine psychologischen Selbstanalysen und kritischen Reflexionen; dennoch glaube ich an allen Kerngedanken der Klagesschen Schriften einen unvergleichlich gewichtigeren Anteil zu haben, indem die in mir lebendige Notphilosophie und Kulturkritik Klages schon in sehr jungen Jahren die Richtung gab, in der er auch nach unserer Trennung sein ganzes Leben hindurch verblieben ist ...

2

Es besteht unter Schriftstellern ein Gegensatz solcher Typen, die durch geistige Werke sich selber offenbaren müssen, gegen solche, die sich mit ihrem Werke zu verpanzern oder gar zu vergessen suchen. Man wird häufig finden, daß diese beiden Gruppen einander schlecht verstehn, indem der Unmittelbarere dem Verpanzerten Versteckenspielen oder Unwahrhaftigkeit vorwirft, der Erbauer des Werkes dagegen dem andern: Formlosigkeit und Mangel an Werkzucht oder an Takt schuld gibt.

Wenn der Zwang zu philosophischem oder poetischem Schaffen (was ich nicht bezweifle) allemal aus einem Notstande der Seele bricht (und insofern auch auf eine psychopathologische Grundlage deutet), so kann dieses Notmoment entweder abreagiert werden, das heißt der Schaffende befreit und entlastet sich durch Werke oder aber: Der Notstand der Seele kann durch Flucht vor dem eigenen Ich, ja durch Verbergen alles Personellen umgangen werden, indem der Schaffende in die Sachlichkeit, mindestens in eine scheinbare Sachlichkeit hineinflüchtet, hinter deren Panzer dann die seelische Veranlagung und die eigentlichen Triebfedern nicht mehr sichtbar sind und oft nicht mehr analysiert werden können.

Es dürfte zum Beispiel recht schwer sein, aus dem Werk eines Mathematikers oder eines Logikers ein Wesensbild seiner Seele zu entnehmen, und doch ist es sehr wohl möglich, daß diese Seele sich hinter dem Werke verschanzt und geborgen hat. In dem einen Falle tragen die Bücher das Gepräge der Beichte, der Konfession oder der Biographie und können nie ganz abstreifen die Farbe der Tage und der Gelegenheiten. In dem andern Falle aber scheint das Elementarische und Persönliche von der Eigenwelt des Werkes aufgesogen zu sein. –

So lange ich mich nun an Gespräche mit Ludwig Klages zurückerinnere und so viele Jahre ich aus nächster Vertrautheit und Nähe ihn kannte, immer erschien mir also der Kern seiner Natur, daß er nicht fähig sei (um eine Formel Ibsens zu gebrauchen) »im eigenen Namen zu bekommen«. Er bedurfte der abstrakten Gedanken, er bedurfte der Wissenschaft und der Erkenntnis, ja des »Weltgrundes« selber, hinter denen er sich vergottete, auch dann, wenn nur die persönlichen Gefühle und Selbsterhaltungsbedürfnisse sich in generelle Sätze umsetzten. Es war daher stets schwer, die subjektiven Hintergründe seiner Systematik aufzufinden. Und doch waren fast immer starke Subjektivismen vorhanden. Sie zu verbergen oder mythisch einzukleiden, das war wohl ein Zwang in des Freundes Natur. Ich möchte sagen, wenn Klages als Knabe mit einem anderen Mitschüler sich prügelte, dann war das nicht eine bloße Prügelei unter uns Jungen, sondern der Gegner wurde zu einem »Prinzip« und Klages zu dem Gegen-Prinzip, und die Söhne des Lichtes kämpften gegen die Söhne der Finsternis. So verschwand das Persönliche hinter den weitesten Allgemeinheiten, ganz gleich ob das aus Zartheit, aus Scham, aus Angst vor Schwäche, aus einer Selbstverachtung oder aus einer fantastischen Selbsterhöhung geschah oder ob alle diese Beweggründe zugleich und ineinander spielten.

Ich sagte zu ihm oft in unsern jungen Jahren: »Du bist der wahrheitsliebendste Mensch, aber du lügst immer, wenn aus dir › die Wahrheit‹ redet.« Einen besonders großen Eindruck machte auf Klages die Gestalt des Ibsenschen Peer Gynt. Er schrieb und sagte mir sehr häufig: »In mir liegt sehr viel vom Peer Gynt.« Ich glaube, damit meinte er dieses Bedürfnis, jedem persönlichen Belieben eine fantasieentsprungene Sanktion zu geben. Der stelzende Stil, der immer vierspännig daherrasselt, eine gewisse Geheimniskrämerei, welche Klages schon in der Kindheit eigentümlich war, die dunkle Andeutung, daß er noch viele ungesagte Geheimnisse im Busen berge, deren Preisgabe er der Welt nicht gönne, der Faltenwurf und die erhabene Feierlichkeit eines Auguren, dieses alles schien letzte Erkenntnisse aufblitzen zu lassen und war doch nur ein Selbstrechtfertigen und sein Selbstschützen; war sein Verbergen und nicht: Enthüllen. –

Ich will durchaus nicht sagen, daß Klages die Graphologie ergriff als ein Machtmittel, um mit Machtsprüchen über Seelen sich einen Nimbus zu geben (wie ich es bei geringeren Naturen wohl gesehn habe); das hatte er wahrlich nicht nötig. Aber sehr oft habe ich gefühlt, daß Charakteristiken, welche Klages entwarf und mit scheinbar unwiderleglichen, ja mit mathematischen Argumenten begründete und unantastbar zu machen wußte, dennoch nur Begründungen waren für seine personalen Sympathien oder Antipathien, die eben nur er selber empfand. Mit solchen Charakteristiken verteidigte er dann persönliche Positionen, aber tat es in der Form der scheinbar sachlichen Forschung. Und so machte er es auch in seinem Verhalten zu mir. Er war dabei nicht frei und nicht unbefangen. Es fiel ihm nicht ein, auch an seine eigenen Grenzen und an die Möglichkeit des Verständnismangels bei sich selber zu denken. Nein! wo er nicht mehr liebte, da hatte eben der andere schuld. Der andere hatte nicht bestanden und war »durchgefallen«. Das war ein Verhalten, worin doch schließlich nur unser rechthaberischer Hochmut und unsre eigensinnige Unduldsamkeit, nicht aber die freie und offene Erkenntnis und Selbsterkenntnis sich kund tat. Diese Unduldsamkeit wurde um so ungerechter, je mehr sie Demut, Ehrfurcht und Achtung immer nur vom anderen einforderte. Daß Klages trotz dieser unbescheidenen Bescheidenheit (die immer nur dem Sachlichen zu dienen glaubt und doch die Sache dem Selbstgefühl opfert), daß Klages trotz dieser Selbsttäuschung und phantasieentborenen Unwahrhaftigkeit meistens etwas Richtiges sagt und etwas Sachliches sieht, und somit viel echte Seelenkunde zu bieten hat, die von seiner Person unabhängig gilt und ewig dauert, das lag eher begründet in seiner sehr zarten Klugheit und taktvollen Sensibilität als in einer starken Menschenfühlung oder Seelenspürung. Ich habe nie einen Menschenkenner gesehn, der weniger von andern Seelen und aus andern Seelen heraus fühlte. Er war ein sensitiver, aber durchaus nicht ein irritabler, nicht ein leicht »ansprechbarer« Mensch. Nicht einfühlend, herzenswarm, tuistisch, altruistisch, sympathetisch; vielmehr: ein Ichmensch, übermäßig egozentrisch, aber dabei mimosenhaft und überempfindlich. Er empfand mehr vom andern als er von ihm fühlte. Wenn ich hier behaupte, daß Ludwig Klages an mir ein schweres und bitteres Unrecht getan hat (und ich kann eben aus meinem andersgearteten Wesen sein Verhältnis und sein Verhalten zu mir nur als unrichtig empfinden, ja ich muß es als gestelzt, vertrotzt und als unnatürlich tadeln), so sehe ich dieses Unrecht selbstverständlich nicht in dem Umstand, daß er mich ablehnt. Mich zu mißbilligen, mich gering einzuschätzen, zu bekämpfen oder zu verwerfen, das alles war sein gutes Recht. Es ist sein gutes Recht auch heute. Aber daß er das nicht frei und nicht natürlich tat, indem er sein persönliches Fühlen schlicht bekannte, sondern daß er dies Fühlen in die philosophische Toga kleidete, großspurig, erhaben-tuerisch und »wissenschaftliche Sanktionen« heischend dort, wo ganz einfach Mensch zu Mensch und Unerlaubtes des Menschen gegen den Menschen sich kundtat, das empfand ich als Unrecht. Darunter habe ich sehr gelitten, so wie wenn mein Kind oder wie wenn mein Bruder sich von mir abgewandt hätte und dann zur Begründung seiner »Antipathie« sich eine großartige Theorie zurechtgelegt hätte. Ich möchte ein klares Beispiel anführen für das, was ich hier tadele: Für die Verhehltheit und Verstecktheit eines Ablehnens von oben herab, das viel verletzender trifft als jede offenherzige Absage und jeder redliche Kampf. Ich greife aus mehreren Geschehnissen ähnlicher Art eine Angelegenheit heraus, die nicht mich, sondern Georg Simmel betraf, wobei ich jedoch vorausbemerke, daß ich den Tatbestand nur aus dem Munde Georg Simmels kenne und ihn daher nur mit Vorbehalt wiedergebe. –

Nachdem ich und andere oft von Ludwig Klages gesprochen hatten, wünschte Simmel eine graphologische Analyse seiner Handschrift von Klages zu haben. Dieser erhielt das Schriftmaterial zugesandt durch Vermittlung der Frau Sabine Lepsius, einer Freundin Stefan Georges und Georg Simmels, und das Klagessche Institut lieferte alsbald das Gutachten, welches seinem Inhalte nach durchaus hinauskam auf eine sorgsam vergiftete Herabminderung der Simmelschen Geistigkeit und ihres Werkes. Eingekleidet war das Klagessche Gutachten so, als ob der Schriftenbeurteiler mit exakter Wissenschaftlichkeit verfahren habe und gar nicht gewußt hätte, daß die Handschrift diejenige Georg Simmels sei, eines Philosophen, den er innig geliebt und verehrt wußte im Kreise von Stefan George, Richard Perls, Theodor Lessing, also derer, welche Klages hassen zu müssen wähnte. Nachträglich aber konnte klar bewiesen werden, daß Ludwig Klages sowohl vorher gewußt hatte, daß er die Schrift Simmels vor sich habe, wie auch, daß ihm die Schriften Simmels schon seit langem vertraut waren. Sein Verhalten war also gewiß nicht einwandfrei, aber man konnte aus der Klagesschen Einstellung heraus schließlich annehmen, daß er an den Sachverhalt und an die Sachlichkeit seines Urteils geglaubt hatte, denn sicher könnte eher die Welt untergehn, als daß ein trotziger Dogmatiker die Begründungen seiner Urteile eher in den Schwächen seiner eigenen Natur als in den Schwächen der Beurteilten suchen würde. Unentschuldbar aber in einer Lage, die veranlassen mußte die Gefühlshintergründe des eignen Urteils nachzuprüfen, wurde der verhärtete Trotz und der unbelehrbare Hochmut, mit dem Klages von nun ab sein Verschulden an Georg Simmel rächte. Er faksimilierte von nun an in allen seinen Lehrbüchern der Graphologie eine zurückbehaltene Schriftprobe Simmels, ohne dabei den Namen des Schrifturhebers zu nennen, mit der immer wiederholten Charakteristik: »Instinktarme Spitzfindigkeit«. In dem Werk »Die Probleme der Graphologie« vom Jahre 1910 findet man Simmels Handschrift auf Seite 226; in den »Beiträgen zur Ausdruckskunde« vom Jahre 1927 auf Seite 194, immer mit der selben Deutung: »Illustration jenes instinktarmen Intellektualismus, der unter billiger Rhetorik oder anschauungsloser Haarspalterei die Flachheit des innern Lebens birgt.« – Wer Georg Simmel gekannt hat, den Reichtum seines Lebens, die Größe seines Sterbens, der weiß, daß durch diese billige und nur scheinbar wissenschaftlich fundierte Charakteristik sein Gemüt ungemein leicht zu verwunden war, aber daß dennoch diese Charakteristik vollkommen an seinem Wesen vorbeisah. Handelte es sich lediglich um das Maß an Instinktstärke und Lebensfülle, so würde ich aus genauer Kenntnis beider Naturen keinen Augenblick zögern, Georg Simmel als den von Natur volleren und dichteren, Ludwig Klages aber als den im Blute verarmteren Menschen zu bezeichnen. –

Jeder Mensch von Rang und Bedeutung hat sich der Neider und Verkleinerer zu erwehren. So war auch Ludwig Klages das halbe Leben hindurch in Kampfesstellung. Oft genug sind an mich Zumutungen herangetreten, meine berechtigte Klage über Klages mit den Böswilligkeiten und feindlichen Angriffen anderer zu verbinden. Ich habe dann stets unmißverständlich wissen lassen, daß ich nie mich dazu erniedrigen würde, gegen meinen Freund und damit gegen mich und meine Jugend zu zeugen. Wir waren einst verbunden auf Recht und Unrecht. Und was er mir auch antat, hat doch im Kerne nichts daran geändert, daß ich sein Bild liebe und verehre und daß diese Freundschaft meines Lebens Stolz und Glück gewesen ist. Ich befinde mich ihm gegenüber in der selben Lage, in die ich mehrmals meinen Nächsten gegenüber geraten bin; auch gegenüber meinem Vater und meiner Mutter! Mein Herz mußte bitter gegen sie klagen und hatte tiefen Grund zur Klage, aber wenn andere sie angriffen, dann fühlte ich mich verpflichtet, auf ihrer Seite zu stehn und ihre Sache als meine Sache zu verteidigen. –

Es handelt sich um ganz persönliche Verbitterungen oder Verdunkelungen zwischen zwei Menschen, die dennoch wohl in den Wurzeln verbunden blieben. Schließlich kann ein Mensch, der wie Klages hartes und stolzes Licht ausgoß, nicht zugleich gutherzig, nicht warm und nicht weich sein. Umgekehrt wird ein im starken Maße rückwärts gebundener, im Gemüte geknebelter Mensch, wie ich selber einer gewesen bin, nicht so hoch fliegen und nicht so gewaltig wachsen können wie ein minder Pietätbelasteter. Und was weiß ich, ob unsre Formeln nicht immer nur besagen: »Ich bin so und du bist so«, oder: »Ich und du sind Zwei?« Was weiß ich, ob ich mich nicht selber täusche über Klages, ob ich mich nicht selber belüge über mich? Ob wir uns nicht beide täuschen oder belügen. Jeder über sich selber. Jeder über den andern? Dies alles ist hundertfach von mir durchgrübelt worden! Schließlich entscheidet nur Instinktives und Unbewußtes, und jeder kann sich nur darleben und durch dick und dünn gehn, so wie er ist. Bald sich liebend, bald sich hassend, bald kritisch, bald verlogen, bald gerecht, bald ungerecht gegen sich, gegen andere! Wie immer aber man entscheide: Jeder ist mit sich selber allein. Jeder hält und trägt sich durch eine Welt, in der jedes sich selber erhalten und ertragen muß. Warum also mäkeln? Warum begutachten? Das ist Unnatur. Aburteilen schädigt die eigene Seele. Tantum cognoscitur, quantum diligitur. Es wäre mir viel wohler, wenn ich das hier Niedergeschriebene nie geschrieben hätte und nie hätte zu schreiben brauchen. Aber: Es mußte geschehn ...

3

Es lag meinem Wesen nahe, dort, wo ich in Strittigkeiten geraten bin, die »Schuld« zunächst in mir selber zu suchen. So konnte ich mit wirklichem Erfolge nur diejenigen Kämpfe durchdauern, in denen ich mit mir selber eins und im klaren blieb. Dagegen unterlag ich in vielen Lagen, weil im Tifteln, Reflektieren, Erforschen und Überwinden meiner eigenen vielen Mängel, Schwächen und Fehler, der beste Teil meiner Kraft verloren ging durch mein Selbstanbohren und meine Selbstquälerei.

Ich muß nun eingestehn, daß im Falle Klages ich nur das Opfer und eigentlich ganz kampfunfähig gewesen bin. Nicht weil es mir an Waffen fehlte, sondern weil sie zu gebrauchen ich so wenig fähig war, wie der alte Hildebrand, als er seinen Sohn erkennt in demjenigen, der ihn gern verwunden und überwinden möchte. Will man dies Verhalten schwächlich nennen oder weichlich oder sentimental, so muß ich das eben tragen! Wer kann wider die Natur? Ich weiß aber sehr wohl, daß von Klages Art und Standort aus gesehen, grade diese Art meiner Reaktion jede Möglichkeit der Gemeinschaft zerstört hat. Man könnte paradox sagen: Die Versöhnung von uns beiden wäre leicht gewesen, wenn ich minder »versöhnlich« gewesen wäre. Klages wünschte mich hart, stolz und unversöhnlich. Er mißbilligte die Art des Sichgehenlassens, meine »Gelöstheit«, wie denn die meisten Menschen eine gerechte Tyrannis nötig haben, so daß in jedem menschlichen Verhältnis eigentlich immer der weichere Teil der unterlegene ist, wovon der Talmud sagt: »Fällt der Stein auf einen Topf, wehe dem Topf. Fällt der Topf auf einen Stein, wehe dem Topf. Immer wehe dem Topf!« So nur kann ich verstehn, daß mir Klages durch einen gemeinsamen Bekannten etwa um 1920 sagen ließ: »Stefan George könne er wenigstens als seinen ebenbürtigen Feind gelten lassen, denn dieser hasse ihn und habe verboten, daß jemals der Name Klages in seiner Gegenwart genannt werde, dagegen meine weiche Trauer um eine verlorene Jugendzeit und gar mein stetes Bemühen, immer wieder eine Brücke zum Ehemals zu finden, hätte mich ihm nur verächtlich gemacht und sei so formlos und schwächlich als vergeblich.« –

So also lag die Sache von Klages aus gesehen! Aber selbst wenn ich nun zugeben würde, daß die Haltung von Klages die stärkere und größere wäre, so würde mich doch nichts irre machen können in der Sicherheit, daß die Triebfedern dennoch auf meiner Seite die männlicheren und die stärkeren sind und daß Klages unfähig war, von sich selber los- und über sich selber hinauszukommen. Was liegt schließlich am Einzelnen und diesem bißchen Leben? Kann der Mann, der das Leben symbolisch erlebt, verkennen, daß auch unsre Freundschaft oder Feindschaft nur eben »Symbol« gewesen ist? Da muß ich nun sagen, daß ich die Klagesschen Freundschaftskündigungen aus mimosenhafter Verletzlichkeit nie ganz ernst nehmen konnte, daß ich hinter seiner Feierlichkeit und Würde zu genau Unfreiheit, Befangensein, Schwerfälligkeit und Selbsttäuschung erblickte. Er wollte mich »feierlich«. Er wollte Ehrfurcht an einem Punkte, wo wirklich nur befreiendes Lachen half. Meine spontane, unmittelbare Lebendigkeit war ihm dem »Prediger des Lebens« an diesem Punkte unbequem. Aber wie denn konnte ich unsern Bruch als »große Schicksalsnotwendigkeit« empfinden, wo ich doch sah, daß so viel Allzumenschlichkeit dahinter stand? Hätte er wie ich nur die Kraft zur Demut gehabt, so wäre alles gut geworden. Wir hätten die Natur nicht um eine Gemeinschaft betrogen, die schöner und größer kaum ein zweites Mal geblüht hat ...

Es muß im übrigen wohl erwogen werden, daß der Bruch einer Gemeinschaft unter verschiedenen Gesichtspunkten gesehen, gleichzeitig sehr banal und auch sehr metaphorisch sein kann. Ich bin überzeugt, daß Richard Wagner die »Freundschaftskündigung« von seiten Nietzsches ebenso »banal« gesehn hat, wie ich die Freundschaftskündigung von Klages sehe. Wagner wußte, daß Nietzsche in persönlichen Kleinigkeiten gekränkt und in seiner Empfindlichkeit verletzt, seine überlegene dialektische Kraft nun dazu verwandte, den für ihn notwendigen Bruch durch eine ganze Psychologie und Metaphysik zu begründen. Mag man sie ihm glauben. Es schließt das doch nicht aus, daß die »banale« Auffassung Wagners dennoch die richtigere war. –

4

Man wird in meinen Büchern manche Gedankengänge, ja sogar manche Redewendungen oder Formeln finden, die man auch bei Ludwig Klages finden kann; ich habe sie nicht von ihm entnommen oder von ihm gelernt. Ich kann auch nicht sagen, daß er sie von mir entnommen oder gelernt hat. Ich muß also annehmen, daß ein Drittes, das weder ihm noch mir zugehört, in uns zwei verschiedenen Personen in zwei verschiedenen Zusammenhängen und Modalitäten getrennte Stämme emporgetrieben hat. Da es aber wohl mein Schicksal bleiben wird, als Feind oder als Bruder, negativ oder positiv, gewürdigt oder beschuldigt, mit dem Klagesschen Werk verkettet zu bleiben, so will ich zum Beschluß dieser meiner Schutzschrift möglichst klar alle einzelnen Punkte hervorheben, in denen ich Ludwig Klages von mir abhängig weiß oder besser gesagt, von denen ich zu wissen glaube, daß er seine Funde oder Formeln meinen Einflüssen oder dem Umgang mit mir zu danken habe.

1. Als den durch mein ganzes Leben sich hinziehenden Kern – und Grundgedanken betrachte ich eine Entdeckung, die schon im Titel meiner Schriften sich immer wieder kundtat. Ich führe einige solcher Titel und Überschriften an: »Philosophie der Not«, »Untergang der Erde am Geist«, »Der Geist als Parasit am Leben«, »Der Gegensatz in Wissen und Wesen der Welt«. – Unter solchen und ähnlichen Bezeichnungen legte ich Kollektaneen an; die ersten Aufzeichnungen zur »Philosophie der Not«, die ich bewahre, gehen zurück auf das Jahr 1895. – Dieser Gedanke, ja der ganze Zustand, in welchem der Geist sich selber zum Problem wird und der wache Zustand, die »Bewußtseinswirklichkeit« sich aus dem Unbewußten, aus dem Traum erklärt, lag Ludwig Klages ursprünglich völlig fern. Er wurde durch den Umgang mit mir täglich auf dieses Problem gestoßen. Ich war zwar von Natur naiver und ungehemmter als Klages, andrerseits aber viel früher leidend. Eben darum auch früher geweckt und wach, ja ich möchte sagen: Ich war der Überwachtere.

Ich erinnere mich sehr genau, von welchem Ferment aus diese Gedankenmasse, die in mir bereit lag, sich klar zu einem geschlossenen Weltbild zu kristallisieren begann und meine »Philosophie des Notausganges«, wie ich sie damals nannte (oder der Not-Wendigkeit) zu Gestalt zusammenschloß. Als Mediziner in Bonn 1896 lernte ich durch den Physiologen Eduard Wilhelm Pflüger eine »teleologische« Theorie der Atmung, also des Lebens kennen. Die Atmung sollte danach in der Lunge durch eine beständig sich erneuernde Hemmung unterhalten werden. Die Kohlensäure, durch den verbrauchten Sauerstoff entstehend, häuft sich und drückt auf die zarten Kapillargefäße und würde den Organismus vergiften, wenn nicht grade dieser sich häufende Druck die Gefäße zur Arbeit brächte, infolge deren dann das störende Element wieder ausgeschieden wird. Hier trat mir zum ersten Male klar mein eigenstes Prinzip zu Tage: Stauung ist allemal die Veranlassung zur Beseitigung ihrer selbst. Dieses selbe Prinzip bestätigte mir dann die damals übliche, wohl durch Virchow begründete Theorie der Krankheit, wonach der in den Organismus eingedrungene Schaden eben die Veranlassung wird zur Beseitigung seiner selbst. Diese Erkenntnis, ihres »teleologischen« Charakters entkleidet, wurde mein Ausgangspunkt zu tausend Reflexionen. Der erste Vortrag, den ich hielt (München 1901), hatte den Titel: »Das Verhältnis von Not und Geist«. Die Auffassung des Geistes, das heißt, des aus der unbewußten Natur herausgetretenen wachen Wissens um eine Objektwelt war seit 1900 das A und O aller meiner philosophischen Gedanken. Ich weiß, daß ich damals allen näheren und ferneren Bekannten, z. B. Max Scheler, Omar al Raschid, Busse und Meyer immer wieder diese meine Lehre vortrug.

Es ist nun sehr merkwürdig, in welcher Weise Klages sie übernommen und ausgebaut hat, indem aus meiner ursprünglich psychologisch gefaßten Theorie bei ihm sogleich ein metaphysisches Bild wurde, für welches Leben und Geist zu einander stehn, wie ehemals Gott und Teufel zu einander standen, wobei der »Gott« künftig Ludwig Klages und der »Teufel« künftig Theodor Lessing hieß.

Überall dort also, wo in Klagesschen Schriften Bilder oder Gedanken aus diesem Komplexe auftauchen (so etwa Gedanken über Byrons »Der Baum des Wissens ist kein Baum des Lebens« oder über Schillers »Verschleiertes Bild zu Sais« und die »Klage der Kassandra«, oder über Nietzsches »Geist ist ein Leben, das sich selber ins Fleisch schneidet«), da überall ist nicht nur anzunehmen, nein da ist es vollkommen sicher, daß mein Knabenbild im Hintergrunde steht und daß für Klages, ob ihm das nun bewußt oder unbewußt ist, dieses Bild führend blieb. Daran ändert auch nicht die Tatsache, daß just von diesem Punkte aus der spätere Ludwig Klages mich überwunden zu haben glaubte, indem er, beginnend um 1900, eine antiintellektualistische Rausch- und Lebens-Philosophie aufbaute, für welche »der Geist« das gegenlebige, ja lebenfeindliche Prinzip gleichgesetzt wird mit meinem, dem analytischen »jüdischen« Geiste, welcher die Lieblingssohnschaft und Unmittelbarkeit des Lebens, daran Klages teil hatte, zu stören drohte. Diese Philosophie ist nur die tendenziöse metaphysische Auslegung der von mir übernommenen psychologischen Gedanken. Schon in »Comödie« (veröffentlicht 1894) war dieser Untergrund meiner Gedankenwelt vorhanden. –

2. Dieser Bruch zwischen Bewußtseinshelle und Lebenselement als der Ausgangsort eines frühen Grübelns, führte von selbst zu der folgenden Frage: Was ist Welt und Leben vor Auftauchen dieses Welt und Leben auseinanderspaltenden Bruches? Was lebt »Jenseits von Subjekt und Objekt«? Dieses Grübeln über das Jenseits der Subjekt-Objekt-Relation führte mich etwa seit 1900 zum Ausbau der Ahmungslehre. Woher kam dieser Begriff »Ahmung«?

Er war gewonnen in einem inneren Kampfe mit Theodor Lipps. Etwa von 1898 bis 1900 hörten sowohl Klages wie ich die Kollegs von Theodor Lipps eine Zeitlang gemeinsam. Wir wurden beide durch sie beeinflußt. Klages übernahm von Lipps vor allem die Theorie von Bewußtsein und Gegenstand, nach welcher das letzte psychische Element der Gegen-Standwelt: eine Stauung (»some forcible«) sein soll. Diese Theorie bestätigte meine Philosophie der Not und Not-Wende, wonach »Geist« (dies Gleichnis war damals mein Lieblingsgleichnis), wie die Perle in der Muschel Produkt der Krankheit sowohl wie Überwinden aller Krankheit ist. Mich beschäftigte vor allem die sogenannte Einfühlungstheorie, auf welche Lipps seine Ästhetik aufbaute. Ich befand mich gegenüber der Lippsschen Einfühlungslehre in einem Zwiespalt. Schon nach kurzer Zeit der Schülerschaft bei Lipps schickte ich an diesen eine lange Abhandlung über »Einfühlung«, die mein Zustimmen wie Bedenken klar machte. Es leuchtete mir ein, daß es neben dem Wissen um die Welt, d. h. neben dem Haben eines Objektiven durch ein Subjekt, noch eine zweite Art des Habens geben müsse und daß diese zweite Art des Habens sein müsse ein Ineinessein beider, welches sowohl dem »Ich« wie dem »Gegen-Stand« vorausgehe. Widerspruch aber wurde rege durch die Lippsche Lehre, daß das Subjekt sich einfühle in das Objekt, daß also somit die Subjekt-Objekt-Relation schon dasei, daß sie eine letzte Tatsache sei, die nur »überwunden« werde dank des Ineinsfühlens. Ich kehrte diese Lehre um! Der subjekt-objektlo.se Zustand ist das erste. Er ist immer da. Wir haben also alle Gegenstände doppelt. Einmal als Gegen-Stand, insofern wir bewußt sind, sodann aber auch: seiend, indem wir den Gegenstand leben und nicht nur »empfinden« oder ihn »denken«. Das Dasein der Gegenstandwelt wie auch das Dasein des Bewußtseins wächst also heraus aus einer Urzuständlichkeit, in welcher beides in einem ist. Für diese nicht gegenständlichen Erlebnisse gebrauchte ich das Wort: Ahmung. Damit aber war nun auch klar gestellt, daß »die Welt« nicht nur eine Gegenstand-Seite, sondern zugleich auch eine Symbolseite habe, daß sie nicht nur Objekt für ein Subjekt, sondern zugleich auch Ausdruck der Lebendigkeiten sei (was übrigens schon aus Schopenhauers Philosophie, zumal aus dem »Willen in der Natur« uns beiden geläufig geworden war). Diese Tatsachen waren schon um 1898, wenn auch nicht so scharf formulierbar wie gegenwärtig, so doch schon in allem Wesentlichen mir klar bewußt und wurden in unserm Münchener Kreise hundertfach durchgesprochen; zu diesem Kreise gehörte damals auch Max Scheler, und ich bin fest überzeugt, daß die Wendung, die auch in ihm die Einfühlungslehre nahm, daß seine Lehre von der »Sympathie« (das Wort Ahmung haben späterhin alle vermieden), unmöglich zustande gekommen wäre ohne jene Gespräche.

Völlig unberechtigt ist Ludwig Klages' immer wiederholter Anspruch, die Ausdruckswissenschaft (d. h. das lebendige Auffassen der Gegenstandswelt nach der Symbolseite) begründet zu haben oder aber wiederentdeckt zu haben, jenes naturunmittelbare Wissen, das seit dem Zeitalter der Romantik unter der modernen Wissenschaft der Physik und Psychologie, verschüttet wurde! Das stimmt durchaus nicht! Mit dem selben Rechte, ja mit besserem Rechte könnte auch ich mich im Plural majestatis als »Begründer« der Symbol- und Ausdruckswissenschaften hinstellen. Gerade darum, weil ich dieses Wissen schon in weiterem Maße als Klages besaß, konnte ich 1898 die verengende Wendung zur Graphologie nicht mitmachen. Ich empfand genau, wenn ich auch noch nicht deutliche Formeln dafür hatte, daß Graphologie nur ein sehr enger Ausschnitt der Gestaltwissenschaft, ja daß sie vielleicht überhaupt nicht »Gestalt«-wissenschaft sei. Erst der letzte und dritte Schritt in meiner Entwicklung zum Philosophen, das Wachstum der von mir so benannten Drei-Sphären-Theorie machte mir klar, wo bei Klages der sachliche Irrtum beginnt. Er baute durcheinander und ineinander eine Charakterologie nach der Art einer Seelenchemie und nach der Art einer Gestaltsymbolik. Etwa seit 1910 begann ich grundsätzlich: Gestalt, Form und Idee zu unterscheiden und mit der Dreiheit von Leben, Bewußtsein und Vernunft in Verbindung zu bringen. Graphologie wurde mir seither (wie Kunstwissenschaft und Ästhetik) zu einem Wissen um Formen, klar unterscheidbar von biologischer Gestaltenkunde, während bei Klages die alte, von mir selbst verschuldete Verwechslung und Vermengung von Ästhetik und Biologie weiter fortwirkte! Ich bin sicher, daß meine Ahmungslehre die ursprüngliche Grundlage wurde auch für das, was Klages später Charakterologie und Ausdruckswissenschaft genannt hat. Auch die Bezeichnung »Charakterologie« stammte aus den Tagen unsrer Gemeinsamkeit. Ich sammelte damals die fast verschollenen Schriften Julius Bahnsens; zumal die »Charakterologie« und »Mosaiken und Silhouetten« beschäftigten uns gemeinsam; aus diesen Tagen überkam uns der Name. Ich glaube auch annehmen zu dürfen, daß die psychologische Grundlage Palágyis, daß zumal dessen Wahrnehmungstheorie (die ich bisher noch nicht kenne) und daß der aus ihr von Klages übernommene Gegensatz von Schauen und Empfinden, also von unmittelbarem und mittelbarem Haben der Welt, im Kern auf meine Lehre von der Ahmung hinausläuft und daß sie für Klages (vielleicht nicht bewußt, wohl aber unbewußt), eine willkommene Gelegenheit war, meinen Begriff »Ahmen« umgehn und vermeiden zu können, indem Klages seither statt seiner immer das Wort Schauen und Schauung gebraucht. Es war, wie wenn ich niemals dagewesen und niemals durch Klages' Leben gegangen wäre. –

Wesentlich für diese Entwicklung war wohl der Umstand, daß Klages immer weiter in sich hinein, ich immer weiter aus mir heraus getrieben wurde. Meine Gedankenwelt, ohnehin früh zur Reife kommend, entfaltete sich zeitig expansiv: ich begann viel zu frühe zu veröffentlichen, dabei verlor sich der Kern und das Wesen in einer Überfülle von Beiwerk und Nebenbei. Als Klages mit einem fertigen System in die Welt trat, da hatte ich schon ein Dutzend dichterische, meistens ganz unreife Bücher veröffentlicht. Klages aber bewahrte alle empfangenen Anregungen und Gedankenkeime jahrelang stumm und hatte, als er im späten Alter sich auszudehnen begann, alle Keime lange in sich reifen und auswachsen lassen. Das war seine Stärke! Mit vollem Rechte galt nun für ihn die Wahrheit: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« Aber leider schien er vergessen zu haben, woher die Keime kamen und wann und von wem er sie empfangen hatte. Er vermied nicht nur die Spuren dieser Einflüsse, er verwischte sie geflissentlich. In »Schopenhauer-Wagner-Nietzsche« (1904) meinem ersten philosophischen Buche, ist die Lehre von Mit- und Gegen-Ahmen schon ganz klar dargelegt. In der leider ganz verschollenen, aber sehr instruktiven Schrift »Hypnose und Suggestion« (Göttingen 1908) ist bereits methodisch das Prinzip aller Charakterologie und Ausdruckskunde entwickelt.

Ebenso ist die Anwendung dieses Prinzipes auf die Sprache (d. h. auf das Analysieren des Wortes nach seiner sinnfälligen Ausdrucksbewegung), keineswegs auf Klages'schem Acker gewachsen. Ich glaube, daß das Analysieren von Worten wie zu-neigen, abneigen, Trüb-sinn, Gegen-stand, Vor-stellen usw. in den Jahren unsrer Gemeinschaft von mir auf Klages übergegangen ist. Denn im Kreise von Omar al Raschid, damals nach Klages der mir nächststehende Freund, war ein solches Wortdurchforschen und -durchschauen geradezu unser tägliches Gesellschaftsspiel. Für al Raschids Werk »Das Hohe Ziel der Erkenntnis« lieferte ich zusammen mit al Raschids Schülerin Paula Winkler (heute die Gattin Martin Bubers), eine große Fülle solcher Sprachenanalysen und ich vermöchte noch heute zu sagen, bei welchen von den in jenem Werk enthaltenen zahllosen Sinnfälligkeiten des Wortes mein Mitwirken oder das al Raschids oder das Paula Winklers am Spiele war. Erst auf diesem Wege wurde damals Klages auf die Möglichkeiten einer Lehre vom Bewegungsausdruck aufmerksam; diese Anregung hat dann Jahre später in ihm reiche Frucht getragen. Daß sie übrigens auch bei mir keineswegs nur ein Nebenbei war, sondern daß ich die Sprache sehr bewußt in meine Ahmungslehre einbezog, wäre klar bewiesen, wenn die Briefe, die ich über diesen Gegenstand mit Rudolf Kleinpaul wechselte, veröffentlicht würden. Rudolf Kleinpaul besaß ein ungleich reicheres Erfahrungsmaterial als Klages; aber die Beziehung des Wortsinnes zum Lebensausdruck war ihm ganz unklar. Gab sich Klages als Begründer der Lehre vom Bewegungsausdruck und vom Ursinn der Worte, so hätte er ehrlicherweise auf diese Anregungen zur Zeit unsrer Gemeinschaft hinweisen müssen, damit ich nicht dastehe als einer, der von ihm das entlehnt habe, was ich doch in Wahrheit in ihm rege gemacht habe.

3. Einige Gemeinsamkeiten von Ludwig Klages und mir erklären sich weder aus Einflüssen, welche ich auf ihn, noch aus Einflüssen, welche er auf mich ausgeübt hat, sondern dürften zurückgehn auf entscheidende Eindrücke, die wir etwa vom siebzehnten bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr gemeinsam erfuhren durch die uns damals immer wieder beschäftigenden Werke Wilhelm Jordans. Es ist ein liebenswerter Zug, versöhnend angesichts der Gleichgültigkeit, die Klages späterhin unsrer gemeinsamen Jugend bewies, daß wenigstens das Bild Wilhelm Jordans stets im alten Glanze von ihm bewahrt wurde und daß er an manchen Stellen seiner Schriften auf diese alte Verbundenheit zurückkommt. »Wirklichkeit ist verwirklichtes Bild.« Dieser Satz (um den sich zumal Jordans Buch »Die Erfüllung des Christentums« dreht), wurde von mir und Klages hundertmal durchgesprochen; wir philosophierten gern über das Thema Verwirklichung und Idee, wobei uns freilich in unsrer Jugend das Reich der Ideen und Bilder immer auch mit dem Reich unsrer Ziele und Ideale zusammenschmolz. Aber bis zu diesen gemeinsamen Gesprächen über die Jordansche Gedankenwelt (eines letzten Ausläufers der Hegelschen und Feuerbachschen Philosophie), laufen die Wurzeln zurück von Klages »Theorie der Bilder« und ebenso die Wurzeln von meiner Lehre von »Geschichte als Mythos«, »Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen«. In diesem Falle also kamen wir zu ähnlichen Lehrmeinungen, weil unser Ausgang der gleiche war.

4. Als unsere Wege sich trennten, also seit 1900, geriet Ludwig Klages unter Einflüsse, welche ich damals nicht verstand und daher ablehnte und nicht mitmachen konnte; er kam ganz von mir ab durch Mächte und Gedanken, die ich erst viel später gerecht würdigen und schätzen lernte. Ich glaube, daß dieses Auseinandergabeln unsrer Wege darum erfolgen mußte, weil ich in den Jahren 1900 bis etwa 1908 durchaus praktisch und rationalistisch eingestellt war: ich war Sozialist, Pädagoge, Agitator, jedenfalls aber ganz aktivistisch geworden. Es mag dabei Heirat, Frau, die Sorge für zwei Kinder, die Notwendigkeit des Broterwerbs und beständigen zweckhaften Tätigseins mitgespielt haben. Jedenfalls habe ich in den Jahren 1900-1908 mich von der Welt, die Ludwig Klages und ich in der Jugend teilten, himmelweit entfernt. Von der völlig entgegengesetzten Richtung, welche Klages gerade in den Jahren 1900-1908 annahm, erfuhr ich in der Folgezeit einzig durch Vermittlung von Franziska Reventlow, welche damals Klages' große Liebe (eine schwere, tragische Liebe) und wahrscheinlich die einzige Liebesleidenschaft seines Lebens gewesen ist. Da inzwischen die Tagebücher der Reventlow sowie ihre Romane, zumal die ironischen Aufzeichnungen aus Wahnmoching »Herrn Dahmes Erinnerungen« (in welchen sie den Kreis um Stefan George und um Klages ironisiert), im Druck erschienen sind, so weiß man, daß zumal durch Alfred Schulers Einfluß eine wunderliche Mystik und Geheimniskrämerei in jenen Schwabinger Kreisen üblich war, die damals den äußersten Gegenpol zu meiner und meiner Nächsten Lebensführung bildeten; denn grade dadurch, daß dieser Orden mich ablehnte und abdrängte, erwuchs in mir um 1900 eine vielleicht krampfhafte Opposition: Das ausdrückliche Bekennen zu Intellektualismus, Rationalismus, Sozialismus, Mechanismus, Monismus, kurz zu alle dem, was jene »Kosmiker« als Moloch-Geist bekämpften und nicht dulden wollten. In den Tagebüchern Franziska Reventlows (erschienen bei Langer in München), in denen Klages unter dem Namen Hallwig figuriert, zeigt sich wie in einem fernen Spiegel die Tragödie jenes unmöglichen Bundes zwischen Klages und ihr: Sie schätzte den Freund, bei dem sie eine geistige Heimat fand, aber eine Heimat in der Gletscherregion. Sie hat ihn nie als Mann geliebt. Sie führte auch vor mir beständig Klage, daß er von »ressentiments« zerfressen sei, ein das Leben Beneidender, der eben darum beständig sie übermächtigen, sie geistig beherrschen und durch seine geistige Persönlichkeit erreichen wollte, was doch dem Mann in ihm versagt blieb. – Meine Begegnungen mit der Reventlow fallen in den Sommer 1901. Im Januar, Februar und März 1902 waren wir gemeinsame Wintergäste in Schäftlarn und täglich zusammen. Merkwürdigerweise sind die Tagebücher aus diesen drei Monaten, welche die Spuren zahlloser Gespräche über Klages enthalten müssen, genau wie die von Klages an die Reventlow geschriebenen Briefe spurlos verschwunden. Es fand sich in den »Tagebüchern« nur unterm 7. September 1901 noch die folgende Notiz: »Dr. Lessing hier. Erst das Gefühl unbedingter Abwehr wegen seiner Beziehungen zu Klages. Dem Verkehr war nicht auszuweichen, und allmählich war er mir sympathisch. Sind viel zusammen gegangen, viel geredet. Guter Kerl und viel Ästhetisches. Gestern seine Frau hier, um ihn abzuholen, hat mir auch gefallen, nur zu frauenbeweglerisch geistig sein wollend. Da kann ich nicht mit.« – Klages geriet 1899, vielleicht schon früher unter Einfluß von Alfred Schuler und dadurch von Johann Jakob Bachofen. Ich las bis heute (1927) nichts von Bachofen; weiß aber heute, wo eine Art Bachofenrenaissance blüht, daß aus dieser Richtung viele von meiner Welt ablenkende, an die fantastischen und mystischen Saiten in Klages anklingende Eindrücke kamen. Wir wuchsen von da ab völlig auseinander! Ich zum Psychologismus und dann zum Rationalismus und Logismus hin, Klages zur Mystik und kosmischen Metaphysik hinüber; ich also zum Logos hin und Klages zum Eros. Unser »Leben« aber war dem allem genau entgegengesetzt; Klages wurzelte in der Wissenschaft, ich: im Elementaren.

5. Ich glaube, daß erst rund zwanzig Jahre später wir beide auf einem Punkt angekommen waren, wo ein Wiederzusammenfinden wohl möglich gewesen wäre, wenn nicht inzwischen die Jahre Klages vereist und vergletschert hätten bis zu eigensinnigem Doktrinarismus und selbstgerechter, harter Feierlichkeit. Mag sein, daß inzwischen nun auch noch persönlicher Haß sich in Klages vernistet hatte. – Seit 1912 etwa gewann die Klagessche »Charakterologie« eine logische Grundlage, geschaffen durch den Ausbau einiger Kerngedanken des Philosophen Melchior Palágyi. Insbesondere die Lehre von den Bildern (Fantasmen) und dem auf das Bildbewußtsein zurückgreifenden zweiten reflektiven Bewußtsein ist durchaus von Palágyi herübergenommen, wenn auch vielleicht schon angeregt durch Lippsens klare Unterscheidung der Inhalte des Bewußtseins von den Bewußtseinsgegenständen. Es ist nun aber sehr merkwürdig, daß obwohl ich von diesen Gedanken bei Klages nicht das mindeste wußte, auch meine Entwicklung zu ähnlichen Erwägungen hingeführt hatte. In den Jahren 1907 bis 1908 lebte ich in Göttingen als Schüler Edmund Husserls, in dessen Seminaren und Kollegs mir eben dieselben Probleme nahe traten, die einige Jahre später auf Klages durch die Vermittlung Palágyis zu wirken begannen. Palágyi hatte 1902 eine Schrift gegen Husserl erscheinen lassen: »Der Streit der Psychologisten und Formalisten.« (Deren zweite Hälfte scheint mir fast direkt in die Klagesschen Schriften übergegangen zu sein.) So wurde also auf meinem Wege das Studium der Phänomenologie, was für Klages das Studium Palágyis wurde. Vielleicht ist auch der Umstand kein zufälliger, daß diese beiden »Richtungen« zwar vom selben psychologischen Probleme ausgingen, aber mit entgegengesetzter Einstellung.

6. Endlich möchte ich anmerken, daß unsre Bemühungen um Karl Gustav Carus (den Klages freilich weit über Schopenhauer stellt, welcher lebenslang mein Meister geblieben ist), wahrscheinlich unabhängig von einander und doch aus gleicher Quelle erfolgten. Daß ich schon um 1904, als Klages offenbar noch nicht um Carus bemüht war, der eifrigste Carusforscher war, muß sich aus den Entleih-Registern des Japanischen Palais und Grünen Gewölbes in Dresden nachweisen lassen, den Büchereien aus denen ich damals alle dort vorhandenen Carusschen Schriften entlieh, so weit sie nur zugänglich waren. Damals auch entstand der später in »Philosophie als Tat« aufgenommene Aufsatz über Carus; ich konnte damals nicht wissen, daß Klages auf demselben Wege zu den Naturforschern der Romantik gekommen war.

 

Müßten wir heute streiten, wer dem andern etwas genommen, wer zu danken habe, so müßten wir schamrot werden vor den Bildern zweier junger Menschen, die täglich darum eiferten, wer einst Künder und Vorkämpfer für den andern sein dürfe. Die Zeitgenossen haben Ludwig Klages so wenig getragen und verstanden, wie sie mich getragen und verstanden haben. Die Nachwelt aber und ihren »Ruhm« verachten wir beide! Und wer von uns der Gebende oder der Empfangende, wer von uns stärker oder schwächer, reicher oder ärmer gewesen ist, das kann nur in jedem die strengste und stillste Stunde entscheiden, niemals aber der Spruch der Nachwelt, der vielleicht uns beide sehr verkennen, jedenfalls aber schließlich vergessen wird, wie zuletzt alle vergessen werden. Ich aber wäre sicher fähig gewesen und willens, in jener strengsten und stillsten Stunde die Krone von meinem Haupt zu nehmen und sie ihm allein zuzusprechen. Und so will ich meine Schutzschrift schließen, von der ich wünschte, daß ich sie nie hätte zu schreiben brauchen. Denn herabmindern werde und kann ich ihn nie; mich schweigend verunrechten lassen aber, das kann ich auch nicht. –

Es ist bitter auf dieser Welt, daß das Gesindel in Rudeln, daß alles Gemeine gesellig lebt, bitterer aber, daß, wo Seltene und Ungemeine mit reinem Willen zur Wahrheit streben, sie einander nicht verstehn. Ich habe diesen Menschen mehr als mich selber geliebt. Darum hoffe ich, daß auch jetzt nach dreißig Jahren, nicht die Eigenliebe und nicht der Eigenwille mir das Bild der Wahrheit getrübt hat. Dixi et salvavi animam.

Beendet am 1. Januar 1928.


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