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22. München

In der Morgenfrüh trieb der bukolische Hirt seine Herde über die Ludwigstraße und ihre Glocken läuteten das Lob der Isarauen hinein in die Schlafsäle des bischöflichen Konviktes, die Hörsäle der Universität und die Audienzsäle der Residenz. Zwischen den Pflasterquadraten vor der Feldherrnhalle wucherten Kuhblumen und unter den Arkaden des Hofgartens, welche Ludwig Rottmann mit Fresken bemalt und Majestät höchstselbst bedichtet hatten, tranken Hofdamen und Bürgerfräulein den köstlichen Kaffee Zambonis. Auch die Frauen und Mädchen von Sendling erschienen im Geschnür voll Ketten und blanken Patentalern und die Burschen schweiften wie Auerhähne daher, stolz auf ihre gamslederne Wichs und das Edelweiß. Schon brannten in den großen Straßen abends die Gaslaternen, aber in den Gäßchen leuchteten noch rote Öl- oder Petroleumfunzen vor Heiligenbildern. Das Pferdebähnchen bimmelte brav bis zum neuerrichteten Siegestor. Hinterm Siegestor begann Schwabing, die Welt der spinnerten Leut, unsre Welt. Wir lebten in erfreulicher Gottnähe. Die schwarzgrüne Isar rauschte das bayrische Jahr entlang, ewige Sterne regelten des Jahres Kreislauf. Aufs Oktoberfest kam die Weihnachtsdult drunt in der Au; auf Christmetten und Krippenfest folgte der Fasching mit Bauernball und Aschermittwoch. Nach Karneval erschien der Salvatorfrühling auf den Nokherberge und dann kamen die heißen grünen Sommer auf den Kellern: Augustiner, Franziskaner, Pschorr, Löwenbräu, Thomas, Paulaner, Hofbräu, Kapuziner, Bavaria. Und Madeln, Madeln: Nannerl, Roserl, Reserl, Waberl, Mirl, Gustl, Lonerl, Vrenerl, Katerl. Poesie und Liebe in Nymphenburg; auf dem »Greanen Markt«, Bleamerl und Milli. Aber die bodenständige Bevölkerung trank net »Milli«, sondern spülte ihres kleinen Lebens Sorgen hinweg im Hofbräu am Platzerl. »'s Bier ist guat« sagte Herr Rendant Fiesel. Dann folgten zehn Minuten Schweigens. Nach zehn Minuten entgegnete Herr Geschwandtner vom Lechl, die Maß ansetzend: »Da feit si nix.« Dann schwiegen sie abermals zehn Minuten, und es erhob bestätigend Forstadjunkt Hinterstoißner die Maß: »Guat is scho.«

Uns norddeutsche Studenten, Saupreußen benannt, gefiel die sinnenfrohe Schlamperei einer Bevölkerung, so bärenhaft dumpf im Gehirn, wie hochgewachsen in den Hüften. Dieses Volk wusch sich nicht und badete nicht und war doch kunstnäher, als die gewaschene Menschheit des Nordens, wo der Spießbürger die erste Geige spielt. Deutschlands gewaschene Bevölkerung ist nicht deutsch; sie zerfällt in feindliche Klassen, Pöbel und Bourgeoisie, aber in Baiern lebte das einige drekete Volk, von Herzen auch nicht schöner als unsre norddeutschen Proleten aber welch schöne Namen hatten sie: Aloysius, Genoveva, Bartholomäus und Veronika und trugen keine Jacken sondern Janker und die waren nicht grau sondern violett und grün, und dazu gelbe Wadenstrümpf und blaue Hüterl mit Gamsbart, mit Adlerflaum. Katholischer Himmel goß Süßigkeit über die Grobiane. Himmelblaue Madönnchen am Wiesenrain, Zwiebeltürme, Kapellen und die Marterln, die Heiligen, die Fahnen der Prozession erzogen die Lackeln und damischen Schlampen zu Grazie und zarterem Gefühl, und es war rührend zu schaun, wenn so ein Rohling, den Schlagring am dicken Daumen und barbarische Blechringe im Ohrläppchen, vor seinem Namenspatron a Glockenbleamerl niederlegt und ein derbes Marktweib zwischen zwei Halunkereien schnell in Sankt Peter einen Rosenkranz betet »für die armen Seelen im Fegefeuer«. Die Isar und ihr Auenwald, die beschneiten Alpen am Horizont, die rauhe Hochebene und das Moor, dann die Anmut der Geschirre, Gläser, irdenen Krüge, die verwinkelten Bögen und Erker, die Kirchen, Leuchter und Altäre, aber auch der Rubenssaal, dieser rasende Urwald, die Aegineten, dieser erste hellenische Frühling, die Medusa Rondanini – o Schauder der Wissenden – alles berauschte uns. Denn wir waren jung. In unserm geliebten Bier-Kulturdorf brauste Jugend: Schüler, Studenten, Akademiker. In jedem dritten Hause winkte ein Café. In jedem Café tirilierte eine reizende Kellnerin. Jede Kellnerin war umblüht von einem himmelblauen Blumenkranze süßer Wassermadel. Ihnen schenkte man statt fünf Pfennig ein Isarveilchen, ein Busserl. Alle Geschäfts- und Büroangestellte waren weiblich und wie weiblich! Sie waren nicht abweisend, wie unsre nordischen Albino, die strohblonden, schellfischäugigen. Sie waren kätzchenhaft, eidechsenhaft, schlangenhaft, schon fast lateinisch, romanisch, italisch. Bauernmadel, die zum Dienst in die Hauptstadt geschickt, wie in Japan die holden Geishas in die Liebesschule, mit uns und von uns ihre Heiratskenntnisse erwarben und so Gott will einen stattlichen Schüler, Studenten, Akademiker. Duljöh!

Dort, wo heute der massive Quadratblock des Luitpold liegt, stand ein gelbes Häuserl, Briennerstraße Nummer Acht. Nach hinten hinaus am »Griechischen Markte«, gegenüber dem Kuhbogen befand sich ein Laden für Altertümer, der Kunstsalon der Baronin Flotow; eine stadtbekannte Persönlichkeit und älteste Freundin meiner Grete.

Was je ich begriffen habe von Teppichen, Stickereien und Gobelins, von Porzellanen und Bronzen, Figürchen aus Jett, Figürchen aus Speckstein, von chinesischen, indischen, altchristlichen Kultgeräten, das lernte ich im »Kunstsalon« der mannweiblichen, weibmännlichen Flotow. Sie saß in ihrem Gehäuse, darin Barock und Gotik, Biedermeier und Jesuiten, Orient und Griechenland all ineinander strömte. Aber eine schlimme Qual verbindet sich dem Gedächtnis an den Laden. Sommers, wenn ich nach München kam, mußte ich unter dem Gerümpel schlafen und an den Schreinen, Altären, Truhen und Kommoden klebten böse Streit- und Neid- und Haßgedanken der ganzen Stadt. Die Geisterschar stand nachts um mein Bett, Gespenster und Fratzen, hadernd, drohend; zum Glück duftete draußen der tröstliche milde Markt mit Heilkräutern, Weidenzweigen, Vogelbeeren und Daxen; das Isartal kam in die Stadt und vertrieb die Kobolde. Therese Flotow war eine geborene Ainmiller. Ihr Vater begründete die bayrische Glasmalerei. Jung heiratete sie einen Freiherrn Flotow, Sohn des Opernkomponisten. Er wurde im Kriege Oberst, aber kam als Krüppel zurück. Zwei fidele Schlingel von Söhnen, zwei blitzsaubere Töchter mußten versorgt werden. Die energische Mutter gründete den »Kunstsalon«. Da saß sie unter Zinnleuchtern und Barockmadönnchen, in graues Sackleinen gekleidet, kurzgeschnitten das schneeweiße Haar, im rotbraunen bäurischen Gesicht immer die Zigarre. Mit aller Welt redete sie bayrisch. Der Bischof kramte in Stolen und Missalen. »Hochwürden bring fein nöt die Parament durcheinand'.« – »Du Schmidt (das war ein gefeierter Volksdichter), die alten Brokaten sein fein nöt zum Fingerwisch'n. Sell möcht i bemerkt hab'n.« Der schöne Prinz Luitpold, die kluge Prinzeß Therese, ihre Firmpatin, kamen auf Heimgarten. Bei den Dachauer Riegelhaub'n saß Türkenhirsch. Ihm gehörte Anatolien und der Wald von Planegg. »Junge«, sagte Türkenhirsch, »wirf dich aufs Luxusgeschäft.« – Seinem Rate bin ich gefolgt und bin Philosoph geworden.

Im Januar 95, als ich die Universität bezog, sollte die Flotow mich in Obhut nehmen. Aber weil sie entfernt wohnte vom Medizinerviertel, so schickte sie mich zu ihrer Freundin Emma Rauh, Witwe eines Gerichtsvollziehers, deren einziger Sohn gestorben war. Der junge Tunichtgut war nach Rio davongeflogen. Vom Schiff aus schrieb er an seine Mutter, er sei an Malaria erkrankt, und dann kam keine Nachricht mehr. In den Wochen, während derer die Mutter nach dem Knaben forschte, bis sie die Bestätigung hatte, daß er gestorben sei, wurden ihre Haare schlohweiß. Nun war sie eine würdevolle alte Dame, starr, bitter, ganz allein. Ihre Freunde faßten den Plan, sie müsse wieder für einen jungen Menschen sorgen, darum bugsierten sie mich nach Müllerstraße 17 zu der alten Frau, bei der ich geblieben bin bis zu meiner Heirat 1900.

Es war die lauteste Wohnung, die ich je bewohnt habe. Nach hinten hinaus lagen »die Blumensäle«, nach vorne zu »Kils Kolosseum«, so hießen die zwei Varietetheater Münchens. Mein Bett stand in einer Brandung von Geräuschen. Jeden Morgen fluchte ich: »Ich ziehe aus! Ich habe nicht geschlafen.« Aber dennoch blieb ich um der alten Rauh willen.

Mitten durch die belebte Müllerstraße floß der Müllerbach. Zwischen dem Gasthaus »Blaue Taube«, wo ich mittagaß (die zwei Kellnerinnen hießen »teres major« und »teres minor« oder Elefäntle und Bohnestang) und dem Artistenlokal »Olymp«, wo ich mit vielen Schnurranten Freundschaft schloß, lag unter freiem Himmel ein Bassin, genannt das Müllerbad; darin badeten wir am schönen Morgen.

Alle Liebe ihres treuen Arbeitslebens sammelte die gute Frau auf den fremden Studenten, der an die Stelle ihres nicht wiedergekehrten Sohnes trat. Sie nähte meine Wäsche, bewachte meine Kleider, staubte meine Bücher, stopfte meine Strümpfe und wenn ich nicht bezahlen konnte, dann zahlte ich nicht. Ich hauste in zwei Vorderzimmern unter Urväterhausrat. Sie selber bewohnte das Hofstübchen neben der Küche, wo der Geistertisch stand, ein kleiner Tisch, daran sie allabendlich saß mit der guten Frau Auracher und dem dummlichen Fräulein Kirchmeir. Die Frauen legten ihre Hände auf den Tisch, machten »Kette« und warteten bis der Tisch zu wackeln begann, dann notierten sie sorglich die Botschaften, welche er aus dem Jenseits ihnen zutrug. Klages und ich hielten den Wunderglauben der frommen Seelen oft zum Narren. So inszenierten wir einmal eine deftige Teufelsbeschwörung mit Feuerzauber und Donnergepolter. Der Satan meldete sich, schleuderte Bürsten und Kämme nach der dummlichen Kirchmeir und befahl der Rauhmutter Klages einen Taler zu geben. Aber alle Ulkereien verstummten, als folgendes wirkliches Wunder eintrat: In der Nachbarschaft wohnte eine ähnlich gesinnte, dem Spiritismus ergebene Witwe namens Meurer. Auch sie hatte ihren einzigen Sohn in jungen Jahren verloren, und auch dieser Verstorbene schickte Botschaften aus dem Jenseits vermittels des klappernden Zaubertisches. Eine dieser Botschaften war an mich gerichtet und fragte an, ob ich mich des ertrunkenen Knaben nicht erinnere. Nun entsann ich, daß in meinem fünfzehnten Lebensjahr während des Badens im Starnberger See ein Knabe an meiner Seite ertrank. Damals hatte Grete mir die Erlaubnis gegeben, zu baden, während sie vor der Schwimmanstalt meine Rückkehr erwartete. Indes sie wartete, kamen Männer an der Bank vorüber, die erregt den Todesfall beredeten. In ihrer Angst stürzte die Erschreckte in das Männerbad und warf sich über die Leiche, in der sie mich vermutete. Diese Erinnerung wurde wach als zu Tage kam, daß jener Ertrunkene der Sohn unserer dem Spiritismus ergebenen Nachbarin gewesen war, und dieses Zusammentreffen deuteten nun die leichtgläubigen Seelen als eine göttliche Fügung; ihre zu früh zur Seligkeit berufenen Söhne hatten mich als Ersatz in die Müllerstraße gesandt, und ich ließ mir diesen Glauben zugutekommen. Dazu kam ein zweiter Zufall. Die alte Rauh besaß ein Zauberbuch, aus dem sie sich Rat holte, wenn Zweifel sie ankam. Sie stieß mit der Stricknadel in das Buch, und die Stelle, welche just aufblätterte, galt ihr als Weisung höherer Mächte. In den Tagen nun, wo ich schwankte, ob ich Mediziner bleiben oder mich der Dichtung widmen solle, überredete sie mich, ihr Orakelbuch zu befragen. Schließlich dachte ich: »Meinetwegen«, und als sie das Buch aufschlägt, erscheint fettgedruckt der folgende Satz: »Werdet endlich einmal recht nüchtern!« – Fortan störte ich nie mehr die Geisterstimmen.

Daß ich auf Jahre hinaus bei der Medizin blieb und die Kliniken besuchte (bei Ziemssen, Bauer, Winckel, Amann, Moritz und Angerer), das geschah zunächst unter dem Drucke des väterlichen Willens. Zugleich auch aus der bitteren Erfahrung, daß mein literarischer Ehrgeiz mich in Händel verwickelte, denen ich nicht gewachsen war. Das begann mit dem Fall Panizza. – Wenige Wochen, nachdem ich bei der Rauhmutter eingezogen war, erschien auf meiner Studentenbude ein alter Herr, Heinrich von Redern. Ihm war das im Druck erschienene Buch »Laute und leise Lieder« zu Händen gekommen, und der darin offenbarte Mut und Übermut ergötzte ihn. Er war ein Bramarbas mit einer Nachtigallenseele, ein etwa siebenzigjähriger massiger Mann, pensionierter Oberstleutnant, Jäger, Wanderer und Dichter. In seiner Gesellschaft kamen zwei Dackeln, Waldmann und Feldmann. Redern versuchte, mich zu bestimmen, einem Dichterzirkel beizutreten, genannt die Krokodile, welcher in einer Weinkneipe, genannt die Dichtelei, einmal in der Woche tagte oder richtiger gesagt, nachtete. Ein paarmal bin ich denn auch mit dem alten Herrn in seine Weinstube gegangen, wo Münchens Berühmtheiten wechselweise einander beweihräucherten und wo ich auch Otto Erich Hartleben und Detlev von Liliencron zu Gesicht bekam. Ich fühlte mich in dieser unfeierlichen Runde eher am Platz, als in dem von Klages bevorzugten Priesterkonzil um Stefan George, vielleicht aber nur darum, weil meine Spottlust nach Gelegenheiten suchte, die Brüder im Apoll beständig zu parodieren. Alsbald ritt mich der Teufel, mir den einflußreichsten von allen, Otto Julius Bierbaum zum dauernden Feinde zu machen, indem ich ein angeblich von ihm verfaßtes Liebeslied vortrug:

»Kolossal war mein Hochgenuß:
Sechzehnmaliger Liebeserguß
Ha! Meine süße Babette
Tags wäscht sie Hemden im Isartal
Abends jedoch nach dem Abendmahl
Liegt sie bei mir im Bette ...
Dulijöh!

Hell erglänzet im Sonnenstrahl
Gelbschimmernd Kornfeld im Isartal
Und an den Wiesen die Fladen.
Da passiert es zum ersten Mal
Beinaneinander, Brustanbrust
Riesige Lust.
Jessas!

Und nachher der Skandal
Ach! und die Waden, die Waden!
Dulijöh, Dulijoh!
Und der Prachtpopo
Dagloni, dagleia, dalglüh! ...
Und das ist: Poesie! ...«

Gutmütigerweise wurde der Ulk verziehen, weil der alte Oberst mir die Stange hielt, aber auch sein Wohlwollen war dahin, als ich mir nicht verkneifen konnte, den ganzen Literaturtisch zu verlächerlichen, indem ich immer dem einen Beweihräucherungsverse zugunsten des andern in den Mund legte.

Michael Georg Conrad spricht:

»In den Haaren des Max Halbe
Duftet ne geniale Salbe
Weltenwende-Wetterzittern
Lassen Maxens Haare wittern
Einzig Richard Dehmels Haar
Beut sich zum Vergleiche dar.«

Max Halbe erwidert:

»Aus des Michel Conrads Augen
Gottes Bienen Honig saugen.
Weltall-Urgrunds-Wunder schliefen
In des Michel Augentiefen.
Blickt der Michel hin und her
Gibt es keine Jungfrau mehr.
Einzig Georg Schaumbergs Augen
Dürften zum Vergleiche taugen.«

In dieser Art lobten sich die Sänger des Froschtümpels, denn jeder sah im andern den Geschäftsfreund und wollte Ruhm, Gold, Unsterblichkeit, wo doch dichten nichts anderes ist als der Zwang, verbluten zu müssen. Mit seinem Blute ein Testament schreiben in den Sand der Wüste, indes man weiß, daß in einer Stunde der Wirbelsturm kommt, der das Geschriebene hinwegweht. Sie aber blicken einander vorbei und keiner liebte den andern. Denn Eitelkeit, der Pol des Menschlichen, wird nirgends so offenbar wie unter denen, die ihre Namen der Geschichte aufdrängen, weil sie immer an den Fenstern sitzen. An den Fenstern der Zeitungen und Luxusautos, der Expreßzüge, der Luftschiffe, der öffentlichen Geselligkeit, die Zeit bespiegelnd, alles sehend, aber zugleich auch, wie die Frauen der Fenster, sich selber anbietend, hübsch geschminkt und von der schönen Photographierseite. – Als ich durch Redern bei den Dichtern eingeführt wurde, berieten sie gerade, was unternommen werden solle zu Gunsten eines Gefährten, der in schlimme Lage geraten war. Er hieß Oskar Panizza, war Sohn eines Hotelbesitzers in Bad Kissingen und hatte sich mißliebig gemacht durch eine die Kirche verspottende Komödie »Das Liebeskonzil«, welche der Staatsanwalt Freiherr von Sartor wegen Gotteslästerung unter Anklage stellte, worauf das Schwurgericht den Dichter zu einem Jahr Gefängnis verurteilte. Die Krokodile redeten auf mich ein. Panizza sei Mediziner wie ich, Assistent unseres edlen Lehrers Grashey, und ich habe doppelt Anlaß, mich kollegial zu bewähren. Und so in derselben Nacht, trunken von Wein, Ehrgeiz und Zorn, setzte ich mich nieder und schrieb in wildem Furioso eine Verteidigungsschrift, ohne das verurteilte Stück überhaupt zu kennen. (Ich kenne es bis heute nicht.) Ich lieferte einen höchst allgemeinen und höchst arroganten »Weckruf an die Menschheit«. Der Begriff »Gotteslästerung« sei sinnlos; jedenfalls unanwendbar bei Werken der Kunst, denn Witz, Satire, Ironie müßten unumschränkt schalten dürfen wie die Fantasie. Fragen der Dichtung gehören nicht vor bürgerliche Gerichte. – Ein junger Buchhändler, namens Max Wohlfahrt, nahm den Sermon in Verlag; in wenigen Tagen war die Schrift vergriffen. Der beleidigte Staatsanwalt ließ bei der alten Rauh Haussuchung veranstalten; die Polizei konfiszierte meine Gedichte und die Klopfoffenbarungen der verstorbenen Söhne, und ich stand unter geheimer Aufsicht als des Atheismus oder Kommunismus oder sonst eines -ismus verdächtig. Aber dank dieses Ereignisses kamen nun Anerbieten und Anfragen und ohne das gewollt und bedacht zu haben, schwamm ich plötzlich im frischen Wasser der Literatur. Ade Studium und Medizin! Weltunerfahren und wirkungswillig ließ ich Hans Merian in der »Gesellschaft« »Beschauliche Briefe eines Münchener Eremiten« drucken und übernahm für den Zeitungsverleger Doktor Haas allerlei Buch- und Theaterkritik. – Alsbald machte ich auch die Bekanntschaft von Franz Josef Brakl, Operettentenor des Theaters am Gärtnerplatz; der hatte eine Dramenagentur, genannt »Drei-Masken-Verlag«. Der muntere Mann las »Christus und Venus« und ließ das Drama drucken; dem folgte bald ein zweites Drama »Recht des Lebens« und die Lustspiele »Nationen« und »Nur nicht lügen«. Aber auch die Dramen und Lustspiele brachten Enttäuschungen, so daß bald der Antrieb erlahmte, diese Arbeit für das Theater fortzusetzen, obwohl ich auch künftig stets mit dem Theater in Verbindung blieb. Man darf indes nicht glauben, daß diese Mißerfolge völlig unverdient waren, denn es fehlte mir zwar nicht an Gaben, wohl aber an Maß und Form, wie denn wohl nur wenige so schwer um Gestalt und Grenze haben ringen müssen; bis weit über das Schwabenalter hinaus geriet ich immer neu in das Chaos. – Als der arme Panizza aus dem Gefängnis Amberg entlassen wurde, kam ich zu ihm in nähere Beziehung; aber nun zeigte sich seine Verlorenheit. Er zerrüttete seinen starken Verstand durch wahllose Neigung zur Mystik und seinen gesunden Leib durch wahllosen Umgang mit abenteuerlichen Existenzen. In seiner Wohnung an der Nußbaumallee herrschte ein toller Betrieb. Jedes junge Mädchen, das ohne Bleibe und Heim war, wurde bei Panizza aufgenommen und jeder junge Literat ohne Zukunft und Zucht konnte bei ihm seinen seelischen Mist abladen. Schließlich kam es dahin, daß der kluge, überlegene Irrenarzt, unfähig sich bürgerlich zu disziplinieren, selbst um Aufnahme in eine Irrenanstalt bat. Aber zu der Zeit, wo ich ihn kannte, war er weder krank noch irre. Er flüchtete in die Krankheit und starb als unheilbar Verwirrter.

So plätscherte ich also, unfertig und leichtgläubig, im Strom des Tagesschrifttums, wollte das Große und schonte mich nicht, aber wußte noch nicht, daß ich Wahrheit suchte in einer Sphäre, in welcher es keine Wahrheit gibt und Ewiges in den Gassen der Welt, wo nur die schnell verwelkenden Kränze und die kurzatmigen Erfolge auf dem Pflaster liegen. Hätte ich freilich, die Gelegenheit nutzend, zäh und stetig an meinen Schriften gemeißelt, mit jener sparsamen Zurückhaltung, die mir nie gegeben war, so wäre, wenn auch kein Dichter, so doch leicht einer der sogenannt führenden Geister oder doch mindestens ein brauchbarer Publizist aus mir geworden. Aber ein bitteres Geständnis dürfte hier geboten sein.

Zu den wunderlichen Zwiespälten der Seele gehört ihr Doppeldrang zur Stete und Unstete. Wie es mir nie möglich gewesen ist, Geschehenes zu vergessen, sondern das Gedächtnis jede kleine Unbeträchtlichkeit bewahrt, so bestand auch immer der Zwang festzuhalten, treu zu sein und des Lebens Ring zu schließen. Aber gleichzeitig mit dieser bewahrenden Grundkraft wirkte doch auch eine Gegenneigung dahin, daß ich so manches treu Bewahrte nie wieder hervorgeholt habe. Ein fortgelegtes Manuskript noch ein zweites Mal vorzunehmen, das wäre für mich eine solche Qual, wie wenn mir zugemutet würde, im Takte Atem zu holen. Es fiele mir leichter, ein Buch neu zu schreiben als ein geschriebenes wieder durchzusehn. Und wenn ich heute gezwungen wäre, meine im Druck erschienenen Schriften, sei es die älteste oder die jüngste, je nochmals lesen zu müssen, ich glaube, ich stürbe vor Scham. So war Alles, was ich schuf, abgestreifte Schlangenhaut, nur Lebensabdruck und Spur. Aber eben darum reifte kein von der Person unabhängig zu machendes Kunstwerk, es sei denn, daß das Leben selber zu Gestalt reifte. Ich will bekennen! Wolke, Blume, Tier, Kind, Volk, Verbrecher, Hure, alles erscheint mir lebensnäher als Kultur und Stil, als Gespräch mit Kulturgranden und Intellektuellen. Sie haben mir nichts gegeben. Im steten Zusammenleben mit Tieren und Landschaften, unter einfachen Menschen, im Spiel mit meinen Kindern habe ich viel gelernt. Die Kultur hat mir nichts gegeben. Es gab kaum einen Schriftsteller, Maler, Musiker, Schauspieler von Bedeutung, dem in vielen ahasverischen Jahren ich nicht irgendwo begegnete und über Begegnungen mit berühmten Leuten könnte ich, ein rastloser Psychologe, dicke Bücher füllen. Offenbarungen brachten Nächte, die der Weingott segnete. Spieler, Abenteurer, Landstreicher, Tramps, Entgleiste, Irrsinnige, alle waren mir verwandt, aber nicht die Professoren und nicht die Literaten. Die Engel aber, die mich zur Weisheit leiteten, erkannte ich erst spät. Sie hießen nicht Moral und nicht starker Charakter, sondern Armut und schlechte Gesundheit. –

Was ist geblieben von dreißig Büchern, die ich schrieb? Von hundert und aber hundert Buchkritiken und Theaterkritiken. Von hundert und aberhundert Geschichten, Plaudereien, Feuilletons? Von gewißlich tausenden Kollegs und Vorträgen?

Von gewißlich hunderttausend erteilten Unterrichtsstunden? Vom lebenslänglichen Reden und Schreibenmüssen vor mindestens einer Million Menschen, denen ich meine Saat unbekümmert hinstreute? Was ist geblieben? – Ich bewahre ein Lorbeerblatt, das in jener Frühzeit ein junges Mädchen, Christine Hebbel, aus ihrem ersten Lorbeerkranze mir zuwehen ließ, denn bevor sie, eine hoffnungsvolle Schauspielerin, ihren ersten empfangenen Kranz niederlegte am Grabe ihres Großvaters, verschenkte sie daraus einige Blätter an Menschen, durch die sie sich gefördert fühlte. Das ist der Dank: Lorbeeren aus den Kränzen der andern, Dankesgrüße jener, denen Freude durch uns zufloß und der Mut zu sich selbst. Das ist der wahre Ertrag alles Wirkens. Sonst kam nichts dabei heraus.

Indes ich im Südviertel mit der Literaturflut trieb, die das ernste Studium dahinschwemmte, befand sich der Freund im Nordviertel in ähnlicher Wahlklemme. Zwar ging er noch täglich ins Laboratorium am Glaspalast, aber schon stellte sich heraus, daß er kein Examen machen konnte, und auf seinem Tische lagen kaum noch chemische Bücher, immer die »Blätter für die Kunst« und Dichter aus der Romantik.

Zwei Landsleute kamen nach München. Sie hatten die selbe Schule wie wir besucht und waren uns gleichalterig: Georg Meyer und Hans Heinrich Busse. Georg Meyer war das einzige Kind eines Musikers in Hannover; sein edles Bild steht vor mir so, wie es unser gemeinsamer Freund Franz Hecker aus Osnabrück damals gemalt hat: ein kluger sinnender junger Gelehrter, gewissenhaft, zuverlässig. Er war zäh und hager, aber früh durch ein Brustleiden anfällig geworden. Seiner trockenen Haut wegen nannten wir ihn »Schildkröte«. Seine Augen blickten forschend von unten auf. Er sprach nicht viel, aber wenn er sprach, so traf er den Nagel auf den Kopf. Er studierte Medizin und war mir um einige Semester voraus. Sein eigenstes Gebiet war die Psychiatrie, und man konnte sich kaum eine Persönlichkeit vorstellen, die zu gerechterer Beurteilung Seelenkranker geeigneter war. Aber er war so sehr Psychiater, daß er den ganzen Kreis, der uns umgab, medizinisch auswertete. Stefan George? Ein Fall von Mono- und Megalomonomanie. August Husmann: religiöse Paranoia. Alfred Schuler: paranoider Egozentriker. Auf unsern Wegen im Isartal beschäftigten uns kaum je die Inhalte der Meinungen, sondern immer ihr Krankheitsbild, denn wir waren beide überzeugt, daß alle Menschen, wir selber inbegriffen, eine Sammlung klinischer Fälle seien. Meyer war mein »schlechtes Gewissen«, denn er beschämte mich durch zielbewußten Fleiß und war mit meinem zersplitterten Leben nicht einverstanden. Nachdem Meyer in München seine Prüfungen bestanden hatte, wurde er Arzt an der Irrenanstalt Herzberge bei Berlin; aber nun war es merkwürdig, wie der Interessenkreis unsres andern Landsmanns Macht über seinen ruhigen Kopf gewann, genau so wie er für Klages' schweifendes Naturell richtunggebend wurde. Hans Heinrich Busse war als Sohn eines Postbeamten in Mölln in Mecklenburg geboren. Früh war er nach Hannover gekommen, wo er schon als Knabe zu uns in Beziehung trat, ohne daß Klages oder ich ihn besonders beachteten. Nun trafen wir ihn wieder als einen selbständigen, von seinem Elternhaus unabhängigen, wie man in München sagte, »gewappelten« Herrn. Er hatte die Bekanntschaft Wilhelm Preyers gemacht, eines Physiologen, der die Ausdrucksbewegungen beim Schreiben studierte. Preyer hatte ihn auf die Handschriftendeutung gebracht, eine damals noch unbebaute Wissenschaft, deren Grundlagen durch Crépieux-Jamin und Abbé Michon geschaffen waren. Nun besaß Busse in der Neureutherstraße nahe der Wohnung von Klages ein »Institut für wissenschaftliche Graphologie«, wurde auch von Gerichten als Sachverständiger in Anspruch genommen und hatte mit seinen Unterrichtskursen, Vorträgen, Lehrbüchern und Gutachten eine so große Praxis, daß er auch uns Studenten manche Beschäftigung zuwenden konnte, blickte er doch als gesicherter Mann auf unsre schwankenden Hoffnungen. Er war ein dunkler langer, etwas schlaksiger Mensch, scheinbar verträumt, müde, betrachtsam, in Wahrheit alle seine Fähigkeiten mit angespanntem Willen überwachend. Er besaß weder die nüchterne Sachlichkeit Meyers noch die fliegende, flutende Theoretik von Klages, welche beide ihre Zukunft auf die Graphologie bauten. Er war im Kern ein Geld- und Machtstreber, der die Graphologie und die unermeßliche Eitelkeit der Menschen zu seinen Zwecken nutzte, wie ich es nachmals an vielen scheinbar sachbegeisterten Unternehmertypen gesehn habe. Lehrhaft und seiner Sache sicher, führte er uns ein in die Kunst der Formendeutung, und es leuchtete uns ein, daß dies Gebiet noch aussichtsreich sei. So traten denn Meyer, Busse und Klages alsbald zusammen zur Begründung einer »Deutschen Graphologischen Gesellschaft«. Noch ein paar andere Freunde taten mit: Hugo Eick aus Bremen, Friedrich Huch, ein angehender Dichter und Oskar Schulze, Sohn des Würzburger Anatomen. Ich war ebenfalls mit bei dem Unternehmen; aber unter dem alten Fluche, nie im Chore mitsingen zu können, wollte oder konnte ich mich nicht auf das enge Gebiet der Schriftanalyse beschränken, sondern umwarb den Gedanken der Allgemeinen Ausdruckskunde oder Phänomenologie, davon die Graphologie als eine mehr der willkürlichen Form als der unbewußt wachsenden Gestalt zugeneigte Analysis nur einen kleinen Ausschnitt übernehmen konnte. Ich grübelte über einer Seelenkunde, für welche ich ein altes vergessenes, aus dem Nibelungenlied entnommenes Wort gebrauchte: Ahmen und Ahmung, womit ich die Wahrheit festzuhalten wünschte, daß wir immer das, was wir wissen, auch selber sind oder richtiger gesagt, daß alles jederzeit doppelt gegeben ist, einmal als Gegebenheit eines Objektes für ein Subjekt, zugleich aber auch, alles bewußte Wissen unterströmend, in einer vorbewußten, unmittelbaren Wesensschau. Die Pflanzenseele, die am ganzen Kosmos teilhat, das Fernsehn der Tiere, das Träumen, die Intuition und Vision, das somnambule Hellsehn, aber auch alles ästhetische und alles religiöse Erfassen erschien mir als Ahmung. Diese Einsicht aber, daß jenseits der »Subjekt-Objekt-Relation« jederzeit ein anderes Wissen schlummert, spaltungslos und jenseits vom Dort und Hier, erwuchs und quoll aus meiner frühesten, im Abschnitt 19 berichteten Grundkonzeption, wonach alles Subjekt-Objekt-Wissen, das heißt alle Bewußtseinswirklichkeit hat stets zum Lebenskerne die Störung oder Polarisation innerhalb des an sich spaltungslosen Lebens. Die Ahmungslehre war also nur der weitere Ausbau meiner Lehre vom Bewußtsein als dem »Schwärpunkt« des Lebens, meiner Philosophie der Not und Drei-Sphären-Theorie. Dies aber blieb nun das Feld, das ich mit Klages gemeinsam noch hatte, indes unsre Wege immer weiter auseinander fielen.

Er wohnte damals, bevor er nach Augustenstraße 30 zu Frau Bernhard, einer Freundin meiner alten Rauhmutter, zog, in einer kleinen Pension in der Heßstraße, wo wir auch gemeinsam aßen. Ihm waren die Menschen der unmittelbaren Umwelt kaum je anders gegenwärtig, als allenfalls auch die Bilder an den Wänden seines Gemachs. Mich aber, als einen der Nähe und Unmittelbarkeit Verhafteten, fesselte der humorige Tiergarten. Wir saßen an einem langen Eßtisch. An der Spitze die Inhaberin der Pension, eine winzige bewegliche Frau und neben ihr das noch winzigere, noch beweglichere Töchterchen Renate. Aber neben diesem Liliputanerpaar ragte wie eine Kathedrale ein Riesenweib, namens Emilie von Hörschelmann, Kunsthistorikerin aus Riga; dann folgte eine Baronin Vangerow mit einer hübschen, aber mannstollen Tochter und allerlei Studiermädeln und Studierjünglinge. Aber die anerkannte Perle in der Pension Fuchs war eine rätselhafte Melusine, eine junge Malerin, von allen hofiert, die doch mit unbeirrbar gutem Instinkt ihre Liebe just dem stillsten unscheinbarsten der wechselnden Gäste zuwandte, einem jungen jüdischen Schriftsteller, Jakob Wassermann aus Fürth, der arm, schweigsam, unbekannt, Tag um Tag im kleinsten Hofzimmer saß, schreibend und lesend, lesend und schreibend. Heute ist mir das Bewußtsein beschämend, daß ich diesen stillen Gefährten nicht erkannte, denn Klages und ich betrachteten ihn nicht viel anders denn als einen der zahlreichen »Schaffer und Macher«, wie mein Haß sie nannte, eine der vielen »Talentdrohnen« und »Kulturbrummer«, die im Schwabing von damals aus und ein summten. So ließ ich mir mit ganz unangebrachtem Geisteshochmute die vielleicht einzig wichtige Begegnung jener Tage entgehn, indem ich alle Annäherungen dieses Einsamen mit hochtrabendem Eigendünkel begegnete. Ich wollte von ihm nichts lesen und wissen, denn so scheint es tragisches Gesetz zu sein, daß, während die Gemeinen in Scharen sich gesellen und wohlfühlen, die Besseren und Besten einander fliehen, ja kränken müssen. Aber indes ich die tausend schönen Tage in schnell verwehende Händel und Abenteuer verschüttete, baute dieser zarteste unsrer Weggenossen gewissenhaft verantwortlich an einem Lebenswerk, von dem ich nicht wußte, bis sehr spät, während des Weltkrieges in der blutigen Hölle eines Lazarettes, mir zwei Bücher in die Hände fielen: »Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens« und »Das Gänsemännchen«, die inmitten des Grausens der Hoffnungslosen und Verdammten die Probe der Echtheit bestanden und beschämend mir vor die Seele führten, daß, während ich die reichen Kräfte an Tage und Gelegenheiten verstreut hatte, dieser zuchtstrengere, demütigere Geist die seinen gesammelt hatte zu einem Werk von letzter Würde des Herzens. Nahezu vierzig Jahre nach unserm verständnislosen Nebeneinander sah ich ihn wieder, da war er der mit Recht geschätzteste Erzähler Deutschlands.

Aber wenn wir nun auch diesen Mitbewohner von Pension Fuchs nicht erfühlten, so wohnte doch neben uns ein anderer, der um so mehr unsre Gemüter zu beschäftigen begann, jung wie wir, herrisch wie wir, zukunftsgewiß, ein schlanker Jüngling, ein Dantekopf in dunkelblondem Gelock.

Sollte ich den Umkreis meiner Gedankenwelt um das Jahr 1895 knapp bezeichnen, so geschähe es auf das erfüllendste mit den folgenden vier Namen: Johannes Scherr, Wilhelm Jordan, Friedrich Hebbel, Arthur Schopenhauer. Das waren meine Führer. Über sie hinauszufliegen, schien mir unmöglich. Zwei Jahre lang, während der Studien in Freiburg und Bonn, war ich vom Freunde getrennt gewesen, aber in dieser Zeit hatten zwei mir fremde Mächte von seiner Seele Besitz ergriffen: Friedrich Nietzsche und Stefan George. Stefan George, der strenge Dichter im Turme aus Elfenbein, war für meine auf Kampf oder Predigt gestellte Lebenshaltung ganz feindlich, und Nietzsche vollends war der Entzauberer und Erschütterer aller jener Ideale, die das Ziel meines Suchens und Sehnens waren. Beugte ich mich vor George, dann wurde mein naives, kunstloses, am Volkslied geschultes Singen zum wertlosen Spiel eines Dilettanten; beugte ich mich vor Nietzsche, dann zerbrachen die Dämme, die bis dahin all meine Wildheit im Zaum gehalten hatten und nichts mehr hinderte, daß ich so heidnisch-hedonisch im Fleische leben würde, wie die Dionysiker um Nietzsche es damals in der Theorie taten. Was sollte werden?


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