Autorenseite

 << zurück weiter >> 

16. Wieder Krach

War es ein Wunder, daß ein Jahr, so reich und herrlich, wieder mit Krach enden mußte? Bei der Versetzung Ostern 1889 von Unter- in Ober-Prima ging es abermals genau so zu, wie es bei der Versetzung von der Unter- in die Ober-Sekunda zugegangen war. Klages wurde versetzt, aber bekam viele Ermahnungen und eine Warnung vor dem Umgang mit dem Schüler Lessing. Lessing blieb sitzen und erhielt neuerdings den Rat, endlich doch die Schule zu verlassen. Was sollte nun geschehn? Der Großvater hatte inzwischen sein Bankgeschäft verkauft. Diese Gelegenheit also hatte ich verscherzt. Es wurde erwogen, mich ins Ausland abzuschieben. Ein Vetter namens Rudolf Pfaff hatte in Australien mit Schafzucht viel Geld verdient, andere Verwandte saßen als Finanzleute in New York und Chikago; alle schrieben, daß sie bereit seien, den unbrauchbaren Jungen in Zucht zu nehmen. Ich aber weigerte mich strikte, umzusatteln und wenn ich gefragt wurde, was ich denn nun eigentlich beginnen wolle, dann kam die Antwort: »Lernen.«

Über wüstem Streit und Zank vergingen die Ostertage. Mein Vater, immer noch unentschlossen, aber bewußt, daß man mich doch beschäftigen müsse, schickte mich zunächst auf die alte Schule zurück; dort wurde ich mit Hohn empfangen und in der alten Klasse auf den untersten Platz gesetzt.

Aber bald kam ein Ereignis, das die unhaltbare Lage endlich änderte. Der Klassenlehrer, Professor Freie, mit dem Beinamen »Pachuhn«, erging sich in bissigen Bemerkungen über mein unerwartetes Wieder-Erscheinen: »Lessing, die treue Seele! Er liebt die Schule innig, obwohl sie ihn nicht wiederliebt. Lessing! Wir haben Ihnen doch so deutlich mit dem Zaunpfahl gewinkt. Was können wir noch tun, damit Sie endlich begreifen, daß ein Schüler wie Sie nicht auf eine höhere Schule gehört?« – Dergleichen Bemerkungen entflossen »dem Gehege seiner Zähne«, während ich am Übersetzen einer Horazode würgte. Verzweifelt, bis aufs Blut gequält, kollerte ich hervor: »Es hat keinen Zweck, daß ich weiter übersetze.« Dabei stoße ich empört das Buch von mir, und es fliegt Pachuhn an den Kopf. Dies Unglück kam so schnell, daß ich nie darüber klar geworden bin, ob unbewußte Absicht oder nur Zufall dahinterstand. Die Klasse erstarrte. Der Lehrer schleppte mich augenblicks vor den Direktor. Direktor Capelle sagte: »Sie sind von der Anstalt hiermit ausgeschlossen.«

Ich stand neben dem verhungerten Schiller und wagte nicht nach Hause zu gehn. Die Welt war anders geworden in wenigen Minuten.

Zu Hause – (zum Glück war Grete Ehrenbaum anwesend und konnte die Wutanfälle meines Vaters auffangen) – wurde beschlossen: »Der Bursche kommt in eine Besserungsanstalt.« Aber in dieser abscheulichen Lage erwies sich Fritz Grahn als rettender Engel. Da er in ewigen Häkeleien mit seinen Kollegen lebte, so machte es ihm Spaß, dem ausgestoßenen Schüler, trotz der Verweisung, in eine andere Schule zu verhelfen. In Hameln an der Weser, damals ein liebliches Bergstädtchen mit etwa zwanzigtausend Einwohnern, herrschte als Schulwüterich ein alter Verbindungsbruder Grahns und meines Vaters, der Gymnasialdirektor Dörries. Er galt für den härtesten Schulmann unsrer Provinz. Grahn reiste im Auftrag meines Vaters nach Hameln, und Dörries fand sich um der alten Freundschaft willen bereit, das schwarze Schaf tatkräftig in die Mache zu nehmen.

Direktor Dörries, mit dem Beinamen »der Gelbe«, wohnte in einem Garten am Mühlentor. Neben seinem Hause, in einem großen alten Park, stand das Wohnhaus der Witwe Lüder. Weil die alte Frau ihr großes Haus allein bewohnte und gern nutzbar machen wollte – sie war ein geiziger und böser Drache – so hatte sie unter der Helferschaft des benachbarten Direktors eine kleine Schülerpension eingerichtet. Es wurde vereinbart, daß ich in dieser Drillmühle untergebracht und vom Direktor täglich geschliffen werden solle.

Gegen Ende April (der Unterricht war schon seit einiger Zeit im Gange), zog ich also ein in das blühende Städtchen. Tröstlich war, daß ich Margo mitnehmen durfte. Er führte in dem großen Park der alten Lüder ein herrliches Leben. Aber seinem Herrn erging es kläglich.

Das Gymnasium war bevölkert von schlaksigen norddeutschen Jungen derber Art. Die Lehrer waren Kleinstadtspießer mit begrenztem Gesichtskreis; einige, wie unser Mathematiker Forke, von dem man sagte, daß er eigentlich ein Lineal hätte werden sollen und nur aus Versehen ein Mensch geworden sei, waren verdrehte Käuze. Im Hause der alten Lüder befanden sich drei Pfleglinge, von denen ich der älteste war, sowie ein Lehrer der Mathematik, namens Schirks, der uns beaufsichtigte. Mit den dumpfen, etwas bäurischen Knaben hatte ich zunächst wenig Gemeinschaft. Mit meinen »literarischen Neigungen« und meinem Mopse erschien ich fremdartig, wie ein Wesen aus unbekannter Welt; daher hielten sie mich mit ganz verkehrter Seelenkunde für dünkelhaft, eingebildet, ja für ganz überstiegen; Dörries aber glaubte verpflichtet zu sein, mich von allen Einbildungen und Verdrehtheiten ausheilen und zum brauchbaren Philologen zurechtschleifen zu müssen.

Wenn wir an unsern Arbeitstischen schwitzten, so hörten wir über den Zaun des Nachbargartens Gepolter und Lärm. Dann wußten wir: »Der Gelbe prügelt seine Frau.« Der Gelbe war ein aufgeregter Rechthaber und Krakehler, nicht ohne eine gewisse Gutmütigkeit und idealen Schwung, aber ganz wie Grahn und mein Vater: Machtmensch, Ichmensch, geltungswütig und eigenwillig.

Für heranwachsende Jungen, sogar für kleine Dichter ist das Wichtigste: ihr Magen. Ich kam zwar aus einer Strindberghölle, aber in dieser Hölle wurde gut gegessen. Die Witwe Lüder, welche von jedem Pfleglinge eine Mark und fünfzig Pfennige für Kost und Logis bezog, wollte an uns verdienen. Sie gab uns knappes und schlechtes Essen. Wir halfen uns, indem wir nach Möglichkeit aus Garten und Vorratskammer stahlen. Um den großen Teich voll Wasserrosen und Iris standen Äpfel- und Kirschenbäume. Das kleine Dienstmädchen Minna steckte mit uns durch. Nach der Schule stiegen wir in die Kirschen. Die Alte, mißtrauisch aber zu kurzsichtig, schnüffelte im Garten. Sie stellte sich unter die Bäume und fragte: »Isser wer?« Sie sah im dichten Laub unsre Beine, aber selbst wenn wir ihr die Kerne auf den Kopf spuckten, so konnte sie nicht herausbringen, wer es getan hatte. Sie lief wütend ins Nachbarhaus und verklagte uns beim »Gelben«. Aber wenn der kam, so taten wir unschuldig, hielten zusammen und jeder nahm für jeden die Schuld auf sich. Unsre Mundvorräte verschlossen wir in unsre Kommoden. Aber bald merkten wir, daß die Alte Nachschlüssel für alle Schränke und Schubladen hatte. Da verfiel ich auf eine sonderbare Rache. Wir nannten sie »Liebesbriefe«. Wir schrieben Gefühlsergüsse, in denen wir unsre bedrängten Herzen erleichterten und legten sie in unsre Schubladen. Da stand etwa Folgendes: »Von allen garstigen Gebilden der Natur ist keines so garstig, wie eine gewisse Dame, die mit einem Nachschlüssel auf Zehen in der Dunkelheit schleichend, heimlich diese Kommode öffnete, weil sie mich beneidet, um die hier liegenden vierzehn Kirschen und sechs Walnüsse.« Oder: »Heißgeliebte, hochverehrte Frau Lüder, sollten Sie Lust haben, meine Briefe heimlich zu lesen, so liegen diese rechts unter den Unterhosen.« Zuweilen auch waren es Briefe gleich dem folgenden: »Geliebter kleiner Schelm. Schnubberst Du heimlich an meiner Wurst? Sonntag war unser Kuhfleisch verdorben. Fandest Du nicht auch? Liebling, wenn Du mal wieder Schokolade kochst, heimlich, auf Deinem Zimmer, gib mir was ab. Küßchen!« – So erzogen wir den Drachen, und er konnte nichts erwidern.

Lautes Ärgernis aber erregte Margo. Er war der letzte der fast ausgestorbenen Silbermöpse, dem ganzen Städtchen bekannt. An unsern Park grenzte das Anwesen des Bürgermeisters. Während ich in der Schule hockte, unternahm Margo Ausflüge zu benachbarten Familien. Überall war er beliebt. Aber eines Sonntags erschien die Bürgermeisterin bei der alten Lüder: »Ich habe den Hund auf unser Sopha gelegt. Ich hatte den Sonntagsbraten auf den Tisch gestellt. Für ein paar Minuten gehe ich hinaus. Steigt mir doch der Hund auf den Tisch. Ich finde die Saucenschüssel umgestülpt auf dem gestickten Teppich. An dem Braten hat er nur herumgeleckt. Aber wir haben uns geekelt. Wir konnten nichts davon genießen. Hier ist der Braten, und der Schüler muß den Teppich bezahlen.« Die alte Lüder lief bei solchen Vorkommnissen sofort »zum Gelben« hinüber. Der Gelbe sagte: »Dieser Bursche gehört ins Zuchthaus.« Gegenüber unserm Garten, kalkweiß, lief die hohe Mauer des Zuchthauses. Hinter den Gitterfenstern erschienen die blassen Gesichter der Sträflinge. Da hatte auch mein Großvater gesessen.

Ich weiß nicht, ob Schule und Schulunterricht jemals Begabungen entfaltet haben. Die meine haben sie totgewalzt. In einer unvergeßlichen Nacht kneipte ich mit Wilhelm Ostwald. Der entwickelte, ganz erfüllt von der Allmacht der Naturforschung, den Plan, mittels Experimentalpsychologie eine großartige Auslese der Begabten, ja eine künstliche Aufzucht von Genies ins Werk zu setzen. Ich widersprach. Alles was er sagte, erschien mir platt; alles was ich sagte, fand er verschroben. Damals wurde mir klar: Wären wir ausgesiebt worden nach den Grundsätzen und Normen der Wissenschaft, weder Klages, noch ich hätten bestanden; wir wären auf allen Gebieten des Leistens und Wissens als minderwertige Individuen befunden worden.

Ich war zwanzig Jahre alt, hatte ganze Büchereien gelesen, kannte jede Zeile von Scherr und Jordan. An Erfahrungen des Herzens war ich jedem meiner Lehrer überlegen. Weder aus Dummheit, noch aus bösem Willen versagte ich im Unterricht, nur aus Langerweile. Die griechische und lateinische Grammatik, die Geschichtstabellen, die Mathematik, all das wäre wohl zu bewältigen gewesen, aber die Art wie es behandelt wurde, erstickte jegliches Interesse. Unterm Pult schrieb ich eine wilde Satyre: »Gymnasion.« Einige Jahre später wurde sie in meinem ersten Gedichtbuche »Laute und leise Lieder« gedruckt. Damals glaubte ich, daß ich die Pforte zur Freiheit nie erreichen werde. Und so verfestigte sich der Wille auf ein einziges Ziel: Flucht.

Ich begann einen üppigen Briefwechsel. Alle paar Tage kreuzten Briefe zwischen mir und Klages, Reflexionen, Gedichte, Tagebücher. Hilfesuchend schrieb ich an alle einflußreichen Zeitschriftenherausgeber. An Theophil Zolling, der die »Gegenwart«, an Ferdinand Avenarius, der den »Kunstwart« herausgab. Ich knüpfte auch eine Verbindung an mit Carl Bleibtreu und Michael Georg Conrad, welche damals viel Lärm machten, indem sie eine »Revolution der Literatur« ankündigten. Zwar konnte ich ihre Bücher nicht ausstehn, aber sie fahndeten ja nach jungen Talenten. Die Antworten waren immer die selben: »Recht viel Begabung. Brave Gesinnung. Suchen Sie nach einem Verleger. Hoffen Sie auf bessere Zukunft.« Da endlich geriet ich an einen Zeitgenossen, der einen klaren positiven Bescheid gab.

In der »Gegenwart« hatte ich polemische Aufsätze gelesen; sie erinnerten an meinen geliebten Johannes Scherr. Sie waren voller Witz, klärend, scharf und von reiner Gesinnung. Der Verfasser nannte sich »Apostata«, und der Buchhändler Brecht sagte, das sei der Theaterkritiker Maximilian Harden. Ich wurde sein glühendster Leser. Schließlich schrieb ich und schickte ihm Proben aus meinen Schriften. Sofort kam die Antwort: »Wer so viel Talent hat, der braucht nicht zu verzweifeln. Wozu Gymnasium, wozu Examina? Werfen sie den dummen Krempel von sich. Springen Sie in die Literatur. Gelingt es Ihnen, auch nur jede Woche einen brauchbaren Artikel unterzubringen, dann können Sie leben und haben die Arme frei zu den Taten, die Ihnen am Herzen liegen.« Das war die Sprache, auf die ich gewartet hatte. Das Glück hatte endlich mich zu einem Manne geführt, der mich verstand, denn seine Zustände waren den meinen ähnlich gewesen. Auch er war von jüdischen Eltern geboren, war in einem zerrütteten Hause groß geworden, war vom Berliner Gymnasium weggelaufen und jahrelang mit einer Wanderbühne durch die Lande gezogen. Nun wirkte er in Berlin als der anerkannte unabhängige Publizist. Der Rat Hardens fiel auf fruchtbaren Boden. Die Tage in Hameln waren unerträglich. Ewige Quälerei. Mißerfolge und Selbstmordgedanken. Schließlich nach einem ganz schlimmen Schultage war der Entschluß reif: Ich will es wagen. Und so schrieb ich dem neuen Freunde: »Ich werde nach Berlin kommen.«

Vor Pfingsten sollte in Hannover umgezogen werden. Mein Vater hatte das Haus Hildesheimerstraße 17 an einen Bauunternehmer verkauft; nun zogen sie in das große Eckhaus am Ägidientorplatz. Während dieser Umzugstage war ich unwillkommen und bekam Erlaubnis, die Ferien über im Harze zu wandern. Ich fuhr also zum Schein in den Harz, schickte aus Braunschweig eine Ansichtskarte, aber reiste in Wahrheit vierter Klasse nach Berlin, nachdem ich an Harden ein Telegramm gesandt hatte, meldend, daß ich nachmittags am Potsdamer Bahnhof ankommen werde. Erkennungszeichen: rote Schülermütze. Ich hatte den naiven Glauben, er werde dastehn und sprechen: »Bruder in Apoll, sei willkommen, junger Adler.« Aber als ich in Berlin ankam, stand ich verlassen im wilden Menschentrubel mit meinem Kofferchen, das mehr Gedichte enthielt als Wäsche.


 << zurück weiter >>