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12. Der Freund

Ludwig Klages ..., so oft ich diesen Namen gehört oder gelesen habe – (und mit zunehmenden Jahren habe ich ihn immer häufiger gehört und gelesen) –, da durchzuckte mich ein heller Strahl von Freude, als blicke ich in eine ewige Jugend und wüßte alles erfüllt, was ich von meinem Leben begehrt und erwartet habe. Denn meine Heimat, die norddeutsche Heide, die ungeheure Nordsee, die Wolken, welche über unsre gotischen Türme nach Dänemark wandern, die Harztannen auf den zackigten Felsen und der Sturm, der auf ihren Nadeln harft, unser Buchenwald, unser gespenstisches Moor, unser weiter Himmel, unsre karge Landschaft, in dem Freunde meiner Jugend gewannen sie zuerst für mich Menschensprache, und die Natur selber nahm mich an dieses Gefährten kindliche Hand, beschirmte mich vor vielen Abwegen und wirkte eine klare Liebe, die unsre persönliche Freundschaft überdauert hat, weil sie nicht Liebe zum Menschen war, sondern Liebe zum Lebensgrunde selbst.

Du, mit deinem trotzigen blonden Haupte! Du junge Birke! zugleich der härteste und zäheste, noch im erdkargen Gestein wurzelschlagende Baum, zugleich aber auch der mädchenhafteste und bräutlichste Baum mit dem zarten zitternden Blattwerk, mit der hellen, leicht blutenden Borke! Du warst glücklicher gezeugt und besser verwurzelt als ich. Unschuldig heiter wuchsest du empor in der klaren Luft des Glaubens an mich und, was wichtiger war, an dich selbst. Du mit den stolzen blauen Augen, unzerbrochen, unzerbrechlich neben dem früh gebeugten Genossen, du wurdest mir mit deinen dreizehn Jahren mein Lehrer, Führer, Jünger, Bruder, Gefährte und alles was ich bedurfte. Und ohne mich konntest auch du nicht werden, sondern bedurftest mich als deinen Befreier, der die Riegel deiner kleinen Welt gesprengt hat und dir größere Welten wies. Du zwangst meine wilderen Gährungen durch reinere Gestalt. Und wie hätte ich mich retten können als in die tiefere Liebe?

Auch heute gehe ich – wie vor fünfzig Jahren – die alten Wege, die wir zusammen gingen, in Eilenriede, Masch, Harz und Deister. Und mir ist, als hörte ich in den Lüften Glockenton, Posaunenton; so froh pocht noch die Erwartung seliger Ferne. Und an den Wegrändern stehn die guten Genien und winken mit blauen Fahnen und haben helle goldene Strahlen um die junge Stirn. Damals waren sie die Genien unsrer Zukunft. Heute sind es Erinnerungen.

Hier, am Benther Berge wars, da las der Freund seine Ode: »Über die weiße Ebene zieht der Staub, über die fernen Berge jagt ein Reiter.« Unter den Bäumen des Tiergartens las ich ihm meinen Gesang der Tannen: »Wie schwer, wie schwer ist das Holz beschwert, das alles Leben innig umfaßt, uns bald vollendeten Träumern gewährt die letzte friedliche Rast.« Auf dem Kronsberge, am Saum des Gaimwalds, schmetterten wir beide ins Abendrot: »Wenn die Sonne flammenseeletrunken in die ferne Flut des Westens sinkt.« »Wenn der Sonne flammendes Weltenherz westwärts sinkt zum heiligen Meeresschoß.« Ich weiß noch die Linde, die Bank, den Weidenbusch. Die Worte, Stimmungen, jungen Stimmen kommen wieder. Vulkane, Lichtblitze, Untiefen, Himmelsflüge. Unvergängliche Zwiesprache, phantastische Aufschwünge, Seelenerhebungen, weltumspannende Gedanken, kosmische Schauer, überstiegene Wunschträume. Magische Kraftfüllen, Vorsätze, Lebenspläne ... o so weltunklug! menschenferne! edelmutsrappelig! So verwegen, so überschwenglich. Und doch bluternst, aus letzter Innerlichkeit geboren.

Warum bin ich das harrende Leben lang an die danklose Stadt verhaftet geblieben? Diese Jugend wars, die mich bannte! Diese schlimme, beleidigte und doch erlöste Jugend. Hier gibt es keinen Pflasterstein, auf welchem noch eine Enttäuschung, eine Bitterkeit, eine Lebensdemütigung liegt. Aber daneben liegt doch immer auch ein Endchen Goldschimmer aus unsern Träumen. Unsre jungen Jahre – endlos lang, weil endlos reich –, streuten edle Keime und große Illusionen in die nüchternen Gassen. Da wurde ich, im Leide früher reifend als du und dem Gefährten im Joch immer um eine Kopflänge voraus, klar und wahr. Denn an deinem Zuhause lernte ich das meine, an deiner Seele die meine begreifen und du verpflichtetest mich zu einem steten, männlichen Wachstum, einfach dadurch, daß du der erste Mitstrebende warst, der ehern an meine höhere Natur glaubte, indes ich deine höhere Natur nie zu enttäuschen bestrebt war. Damals war ich stark und fest, denn damals hatte mein Wille eine sichere Richte: »Vor den Augen des Freundes bestehn und nie das Bild vertrüben, das er vom Freunde in der Seele trägt.« Jeden deiner Gedanken habe ich mit der strengsten Folgerichtigkeit durchgrübelt und nie gerastet, bis er in mein eigen Fleisch und Blut gewandelt ward. Unsre Eltern, unsre Lehrer, die Meinungen der Menschen, die Versuchungen der Eitelkeit, die ganze Wüste der Erfahrungen, an uns Jünglingen wurden sie machtlos. Denn was Klages sagte, galt für Lessing, und was Lessing sagte, galt für Klages. Jeder hielt den andern für das richtende Gewissen seiner Seele und sich selbst dazu geboren, der Freund eines Großen zu sein. Denn daß es solch einen Menschen überhaupt gab, so himmelweit verschieden von der ganzen Herde der Viehmenschen, der Halbtiere, der Schweinemenschen – (o wie oft sagten wir einander die Formel: »2 r pi, ringsum im Kreis: Menschen-herden-vieh-geschmeiß«) –, das mußte ja doch ein Wunder sein, ein auf schönere Welten hindeutendes Wunder! Und dieses Glück des allmählichen Erfassens der eignen wie der andern Seele übergoldete die endlos schweren, randvoll erfüllten Entwicklungsjahre. Jeder war in jedem Augenblick bereit, als Blutzeuge für seine Überzeugung, daß Klages der Mann sein werde, mit welchem eine neue Epoche der Menschheit beginnt, daß Lessing (so heißt es in einem Briefe des Freundes), sich halten könne an des Freundes tiefer Gewißheit: »Es kommt ein Menschenalter, das man nach deinem Namen nennen wird.« Jeder hatte sicheren Halt an dem Bewußtsein, daß er eine gewaltige Lebens-Sendung besitze: dem deutschen Volk seinen adeligsten Genius zu erläutern. Mit sechzehn Jahren trugen wir unsre Doktorarbeiten fertig im Kopfe. Wir promovierten jeder mit einer Dissertation über die Philosophie des andern, und nicht im mindesten beirrte es uns, daß wir keinerlei Glauben fanden, sondern für die Umwelt nur galten als zwei verdrehte, überspannte Jünglinge. Wir wußten, was wir wußten. Und das Merkwürdigste war: Wir hatten damals Recht. Wir waren das, was wir zu sein glaubten. Wir haben unser ganzes Leben hindurch beide von diesen wenigen Jahren gezehrt. Es bestand auf dem Lyzeum I die tröstliche Sitte, daß der in der Klasse Sitzengebliebene zum Pflästerchen auf seine Wunde zunächst die Zubilligung erhielt, daß er den obersten Klassenplatz in der neuen Schülerschar einnahm. Und so war ich denn als hängengebliebener Untertertianer in die nie erträumten Rechte des Primus eingesetzt und neben mich setzte unser Lehrer »Ich, der Mann« einen helläugigen, hellblonden Jungen »mit Hochwasser«, (unter »Hochwasser« verstanden wir, daß einer zu kurze Hosen trug, weil er allzu mächtig aus ihnen herauswuchs); der Junge wurde mir beigegeben, damit ich durch ihn erlerne, wie man als Klassenprimus den Klassenschwamm feucht erhält und das Klassenbuch führt, ohne Fettflecken hineinzumachen, aber ich lernte es nie; ich war keine »Führernatur«. Vermutlich aber hatte »Ich, der Mann« gehofft, daß der weiße Rabe, der altbewährte Musterschüler, heilsamen Einfluß üben werde auf den schwarzen Raben, den altbewährten Jammerschüler; aber es geschah nun das Umgekehrte: nach kaum einem Jahre hatte auch der weiße Rabe unter Einfluß des schwarzen gleichfalls dunkle Flecke angesetzt. Vorläufig aber war er noch die Peinlichkeit, die Adrettheit in Person. Ein vorbildlicher Tertianer, schlank und rank, aus norddeutschen Heidjergeschlechtern, von feiner weißer Haut, in der man das leichtflüssige Blut kommen und gehn sah, so daß der Junge beim geringsten unrechten Gedanken sogleich errötete.

Die beiden Knaben, der zartere dunkelschwarze, mit elfenbeinblassem Gesicht, und der derbere Blonde mit frisch geröteten Wangen, versuchten friedlich sich in die Regentschaft zu teilen. Als sie am ersten Schulmorgen nach der langweiligen letzten Stunde lange genug getündelt hatten beim hochwichtigen Abwischen der Wandtafel und dem Aufsammeln der liegengebliebenen Bleistift-Enden, da stellte sich zu beider Verwunderung heraus, daß sie denselben Heimweg hatten, ja, daß sie beide auf der Hildesheimerstraße, der eine schräg gegenüber dem andern wohnten. Und schon der erste gemeinsame Heimweg weckte Unruhe. Der blonde Musterknabe riß Mund und Nase auf, wie er die Urteile des »Sitzengebliebenen« über die Lehrer hörte. Die bewunderten Lehrer, an denen der Kleine nie gezweifelt hatte, wurden von diesem Mitschüler verulkt, und befremdet merkte der hellhörige Junge, daß der neue Genosse keinerlei Ehrfurcht hatte für Autoritäten, die ihm unantastbar galten. Der »Sitzengebliebene« spielte »Ich, der Mann«. Er machte nach, wie »Ich, der Mann« die Klasse betrat und als ein Leutnant schnarrt: »Setze er sich, er ist ein Schwätzer. Aber ein großer.« Er konnte piepen wie »Hornepipen« piept und konnte Glubschaugen machen wie »Manke«. »Manke von euch schläöfen. Kläges, haste äben nüch geschläöfen?« ... Ja! Das war ein Weltmann. Ein Lebenskenner. Und er wohnt in dem schönen Haus an der Planke. Wie manchesmal hatte der Kleine sehnsüchtig an dem Gitter gestanden und durch die Fliederbüsche auf den Tanz der Goldkugeln im Springbrunn geblickt ... Die Bekanntschaft war ein jäher Einbruch in die lammfromme Welt des braven, kleinen Ludwig Klages. Aber wie viel merkwürdiger noch wurde dem andern zu Sinn. Dieser Junge, der Erste der Klasse, der anerkannte Musterschüler wußte ja »reine gar nichts!« Er war noch nie im Theater gewesen. Er wußte nichts von Bad Pyrmont und von Bad Harzburg, von eleganten Frauen, von der Georgstraße, aber erzählte ein Langes und Breites von einem Spiel, das er im »Großen Zimmer« spiele; es heiße das Maschinenspiel. Dabei müsse man denken an riesengroße Lokomobilen. Die Räder stampfen. Das Wasser wütet vor Grimm gegen das Feuer. Die Dampfrohre laufen durchs Zimmer. Walzen, Bügel, Triebgurte knirschen. Alles riecht nach Öl. Und der siedende Schaum bricht aus dem Ventil. Da habe man genug zu tun, um ein Unglück zu verhindern und alle Schrauben und Kurbeln und Schwungrädchen rechtzeitig ab- oder anzudrehn ... »Und was steht denn in eurem Zimmer?« ... »Nichts; man stellt es doch nur vor.« ... Der andre wird nachdenklich, läßt sich aber nichts merken, sondern meint sehr von oben herab: »Hatte mal 'ne wirkliche Maschine, kleine Dynamo, puffte und krachte bannig.« ... »Wie der Niagara« sagte der Blonde ... »Wieso Niagara?« ... »Kochende Wasserlawinen stürzen schäumend zehntausende Meter runter. Grünweiße Schleier über Felsen. Dort der Marktturm zehnmal auf einander getürmt. Und darauf zehn Ägidienkirchen. Von Felsenspitze zu Felsenspitze ist das Seil gezogen über den Fällen. Das wackelt natürlich von der Wucht der Wasser-Orgel. Aber über das Seil trägt Blondin seinen Sohn Oskar.« ... »Is nich wahr!« ... »Doch wahr! Mein Vater sagts.« ... »Meiner lügt auch zuweilen.« ... »Dein Vater lügt?« Eine Pause des Befremdens friert zwischen beiden. Nach der bangen Pause fragt der Blonde nachdenklich: »Glaubst du, daß dein Vater schon mal gelogen hat?« ... »Aber glatt! Wenn er auf dem Klo sitzt, und es kommt ein Patient, dann muß Christiane sagen: ›Bitte warten! Herr Doktor ist grade bei einer schweren Operation.‹ So was macht deiner auch.« ... »Das täte er nie!« sagt der Schlanke zuverlässig. Dann kommt er vom Niagarafall auf Wasser und Wolken zurück. »Die Wolken saugen nämlich alle Kräfte aus der Erde. Das sind Kräfte, daraus die Blumen werden, die bildenden Kräfte. Sieh mal, drüben über Bäcker Wilhelms Laden die ganz schwarzen, das sind grausliche Ideen, jagen bis Amerika.« ... »Woher weißt du das?« ... »Es gibt Meerwolken, es gibt Bergwolken. In den Wolkenmeeren sieht man doch oft die Schiffe mit Segeln und Raaen. In den Wolkengebirgen hocken die roten Teufel; das hast du schon gesehn?« Der andre hat so was noch nie gesehn. Aber tut, als hätte er es auch gesehn. Was ist das für ein unheimlicher Junge! Woher hat er all diese Kenntnisse? Er weiß von Maschinen, Wassern, Gedanken hinter den Wolken; nur von Menschen weiß er nichts.

Unsre Freundschaft blieb auf lange hinaus beschränkt auf fabelhafte Gespräche, und kein Erwachsener hätte begriffen, wovon wir mit hochglühenden Köpfen, laut und gestikulierend, beständig aufeinander einsprachen: von den Seelen der Sterne, vom Leben in der Sonne, vom Erdinnern, von den Bildungen im Bauch der Gebirge, kurz von Geschöpfen und Gebilden ganz jenseits unsrer täglichen Wirklichkeit, von lauter Geheimnissen, die in der Schule nie erwähnt werden. Und bald merkten wir, daß wir viel entbehrten, wenn wir nicht zusammen waren. Und so liefen wir über die Straße hinüber und herüber, bald um ein Buch zu holen, bald um eine Mathematikaufgabe zu erfragen, aber in Wahrheit doch nur, um bei einander zu sein und fabelhafte Gespräche zu führen. Wir standen abseits in den Pausen auf dem Schulhof, wir hockten in der Turnhalle an der Mischstraße auf Barren und Bock; wir paßten einander ab auf dem Hinwege zur Schule morgens und nachmittags. Da stand ich ungeduldig am Fenster und spähte, bis atemlos eifrig die blaue Mütze und der Schaffell-Tornister die Mauer von Hansteins Garten entlang jagten. Dann ging ich hinunter, und er stand am Torweg und paßte auf. Niemals aber in den ganzen langen Jahren unsrer Kameradschaft wurde je irgendetwas Sentimentales oder gar Zärtliches zwischen uns gesprochen. Wir nannten uns auch niemals je bei den Vornamen; das hätte uns geniert. In der Schule und vor den Leuten nannten wir uns, wie alle Jungens, bei den Familiennamen. Und waren wir unter uns, wie kann man sich da einfacher nennen als »Mensch«? ... »Mensch, sag mal, wollen wir Sonntagfrüh wieder nach Erblichs Garten?« – »Erblichs Garten«, das war eine »Milchkuranstalt«. Das heißt: ein Kuhstall mit einem Gärtchen nahe dem berühmten Selbstmörderwasserfall »Schnelle Graben«. »Ich gäher innen schnellen Gräben«, das bedeutet für einen Hannoveraner, was für einen Buddhisten Nirvana heißt. Dort begab sich an einem Sommermorgen ein symbolisches Wunder.

Der blonde Junge mit seiner zarten hellen Mädchenhaut und unheimlich raschem Blutumlauf bekam sommers bei jeder Erregung Nasenbluten. (Er machte übrigens daraus ein System, indem er immer Nasenbluten bekam, wenn es im Unterricht brenzlich wurde und er gern aus der Klasse verschwinden und auf den Schulhof geschickt werden wollte); und so auch, während wir am Fluß Leine herumliefen und auf den Wassern mit Steinchen »Jungfernwerfen« übten. Wir holten aus dem Stalle eine Schüssel, füllten sie an der Zucke, kühlten die Nase und ließen das Blut abtropfen. Das blutrot werdende Wasser brachte uns auf Bluttaten, Blutwunder, Blutrache und Blutsbrüderschaft. In dem Buche »Kalulu, Prinz, König und Sklave« hatte ich gelesen, daß die Neger »Blutsbruderschaft« schließen, wenn zweie ihr Blut mit einander tauschen. »Würde ich jetzt dies Wasser trinken«, so folgerte ich, »dann würde mit deinem Blut ein Stück von deiner Seele in mich hineinkommen.« »Gitte gitt, das könnte doch kein Mensch.« Im selben Augenblick hatte ich schon das Gefäß angesetzt und trank ruhig es leer, ihn fest anblickend. Dann ritzte ich mit dem Taschenmesser, Weihnachtsgeschenk von Onkel Carl, mir »die Maus«, das heißt den Daumenballen und forderte, er solle die Wunde aussaugen. Er tat es zitternd und grauend. Dann schlenderten wir durch die sonnverdörrten satten Maschwiesen ohne mit einander zu sprechen, schaudererfüllt und überzeugt, daß etwas Unheimliches geschehen sei.

Allmählich fingen wir an, die Elternhäuser auszutauschen. Die Familie Klages wohnte im ersten Stock des kleinen zweistöckigen, von der Straßenfront etwas zurückliegenden, gelben Backsteinhauses neben dem großen Blindenhausgarten. Und wenn man die schmale Holztreppe hinaufkam und in den engen Flur trat, so fand man immer dasselbe Familienbild. Die Wohnung bestand aus fünf bescheidenen Räumen, von denen aber nur das heizbare Hinterzimmer für gewöhnlich benutzt ward. Da saßen sie alle zusammen um den mächtigen, viereckigen, wachstuchüberspannten Holztisch. Zwei schmale Türen führten von diesem Hinterzimmer in die beiden schmalen Kämmerchen, deren jedes grade Platz hatte für zwei hinter einander stehende Betten. In der Kammer rechts schlief Vater Klages und Ludwig. In der Kammer links schlief Tante Ida, die Schwester der verstorbenen Mutter, mit Lenchen.

Der Vater Klages, in Firma Louis W. Klages, ein breiter großer dunkelblonder Mann auf der Höhe des Lebens, streng und jovial, saß immer auf dem breiten Kanapee an dem viereckigen Wachstuchtisch und rechnete etwas oder »sortierte eine neue Kollektion Muster«. Vor ihm auf dem Tisch stand die Waschschüssel mit Mandelkleie, denn er litt an erfrorenen Fingern und wollte sie ausheilen; darum lag meist eine Hand in der warmen Kleie. Tante Ida, schon viel gealterter, etwas verwachsen, schmal und dürr, saß im Winkel vor der Tür, die in die »gute Stube« führte und stopfte etwas oder flickte etwas. Das Fenster, im Sommer immer geöffnet, ging auf den Garten der Blindenanstalt. Vor dem Fenster stand der kleine Kindertisch; auf dem Kindertisch, über einander gebaut, stand Lenchens Puppenküche und Ludwigs Kaufmannsladen. Die Küche: ungeheuerlich voll von Geschirren und Pfannen und Töpfen; der Kaufmannsladen: unheimlich beladen mit Gewürzen und Spezereien. Unter den Kindertisch geschoben stand der Puppenwagen mit Lenchens vielen Puppen. Dies war Lenchens Ecke. Sie hockte dort jahrelang stillvergnügt, immer der Familie den Rücken kehrend, auf einem ganz niedren roten Kinderstuhl vor Puppenküche und Kaufmannsladen und probierte etwas oder scheuerte etwas blank. Ludwig aber saß vor dem Tisch, gegenüber dem Vater und der Tante zur Seite, auf eine Arbeit gebeugt, rotglühenden Kopfes und schrieb oder las etwas; angeblich waren es immer »Schularbeiten«.

Dies war ein Zuhause höchst verschieden von dem meinen. Viel enger, verschlossener, herber, keuscher. Aber nie Geschrei und Zank, nie Launen und Überraschungen. Louis W. Klages war ein strenger Mann nach der Uhr. Er war Unteroffizier in der alten hannoverschen Armee, hatte noch als Sergeant die Tochter des Bäckermeisters Kolster aus dem Heidedorfe Walsrode geheiratet, ein stilles blondes, etwas schwindsüchtiges Mädchen. Als die Armee aufgelöst wurde, nach der Schlacht bei Langensalza, hatte er in der Handelsschule sich kaufmännische Bildung erworben und lebte nun, Jahr um Jahr ein kleines Vermögen für die Kinder zurücklegend, als Tuchreisender der Firma »Rocholl und Heise«. Die feine zarte Frau schenkte dem starken Manne erst einen hellblonden Knaben; im Jahre darauf ein dunkleres Mädchen. Und dann hatte sie zu kränkeln begonnen und war, als die Kinder noch klein waren, an der Lungenschwindsucht gestorben. Der Witwer nahm die ältere Schwester der Verstorbenen ins Haus, eine herzensgute, rastlos fleißige Altjungfer. Die pflegte nun Ludwig und Lenchen und zog die Schwesterkinder groß. Louis W. Klages war so liberal wie konservativ, aber gar nicht revolutionär. Er hatte strenge bürgerliche, kleinbürgerliche Ehrbegriffe. Er war für Gehorsam und Ordnung. Alles an ihm war bronzestirnige, ehrenhafte Nüchternheit. Er bildete sich weiter aus dem »Hannoverschen Kurier« und Hardens »Zukunft«, er hatte Achtung vor tüchtigen Leuten, die es in der Welt zu was bringen; aber gegen geistige Freuden war er mißtrauisch; sie mußten sich erst mal vor ihm legitimieren, wozu sie nütze seien. Und doch lebte in dieser nüchternen Trockenheit etwas Rührendes, Inniges. Das war seine Liebe zu der zarteren Jungverstorbenen. Daß er je noch eine andere Frau erwählen, je nach einer anderen ausschauen könnte, das wäre dem ehrenfesten, getreuen Manne ganz unsinnig erschienen. Er blieb immer mit der Verstorbenen verbunden. Lene war dem Vater nachgeschlagen. Ludwig der Mutter. Sie war unsichtbar immer um ihn, sie lebte mit ihrem Knaben. Jahre lang gingen alle vier an jedem Sonntag zum »Engesohder Friedhof«. Die Pflege des Grabes ersetzte ihnen den Garten. Später ging der alternde Mann allein. Folgerichtigkeit, unerbittliche, war der Grundzug seines durch Militärzucht festgelegten Wesens. Die rührendste Figur war die Tante. Sie hatte eine zarte ehrfürchtige Liebe für den Schwager, der sie immer streng behandelte, um nur ja keine verkehrten Gedanken aufkommen zu lassen.

Ludwig hatte zwar die Eigenwilligkeit, ja Selbstgerechtigkeit des Alten im Blut und war keineswegs ohne die Gabe kühler Berechnung, aber er war lebendig, phantasievoll, biegsam und zart, wie der Vater gar nicht zu erfühlen vermochte. Der Vater wünschte, daß er eine bessere Schule genießen solle, um später etwas Ehrenvolles: Fabrikant, Chemiker oder Ingenieur werden zu können. Helene war ein liebes goldbraunes Mäuschen mit zwei geflochtenen »Rattenschwänzchen« und einem Gummikamm im naßgebürsteten, rotbeschleiften Haar. Sie sollte mal eine gute Hausmutter werden, aber sie stand ganz unter dem Einfluß des Bruders und offenbarte eine Art knochentrockenen Fanatismus. Ein Leben wie das in meinem eigenen Elternhause war diesen Menschen überhaupt nicht vorstellbar. Sie konnten sich davon auch nicht den mindesten Begriff machen, und ich andrerseits hatte noch nie so viele philiströse Gewissenhaftigkeit, Sicherheit und starre Korrektheit gesehn. Aber ich fühlte mich wohl in dieser klaren Luft. Im Sommer, wenn der Gesang der blinden Mädchen aus dem Garten ins Fenster stieg, nach Weihnachten, wenn der kleine Lichterbaum in der guten Stube leuchtete, wie tat es wohl; wie war es schön, wenn die Tante Ida uns den Inhalt von »Don Carlos« oder den »Freischütz« erzählte. Längst hatte ich das alles auf dem Theater gesehn, dennoch lauschte ich kindlich. Sie hatte eine sentimentale Ader und las gern aus Witschels »Abendopfern« und Geibels »Juniusliedern«; schlechte wortereiche Gedichte, über die ich mich lustig machte, wenn ich mit dem Freunde allein war. Und dennoch hörte ich sie gern, es war keine Verstellung, ich lauschte wie auf die tränenreichen Volkslieder der Blinden oder auf Lenchens kleine Spieluhr. Die Wahrheit war, daß nur äußerlich ich der freie, überlegenere von uns beiden war, im Innern war ich der weichere und gefesselt. – Der Freund fühlte es früh heraus. »Mensch«, sagte er, »wenn du Witze machst, so bete ich immer, Gott erlöse ihn von seinem Witz.« Oder er sagte »Du bist der Humorist, dem die Galle überläuft. Um nicht vom elendesten Rührwerk der Familie gerührt zu werden, verspottest du lieber die ganze gerührte Familie. So verbirgst du, daß keiner ergriffen ist als nur du.« Darin war einige Wahrheit. Aber was den Witz in diesen Jahren mächtig weckte, das war auch die Bewunderung, die er in diesem Kreise fand. Zu Hause wurde mir beständig die überlegene Weltgewandtheit und Gelehrigkeit meiner Schwester Sophie vorgehalten. Hier war es einmal umgekehrt. Beständig wurde dem armen Ludwig gepredigt, er solle sich an der Welterfahrenheit seines Freundes Lessing ein Muster nehmen. Daß Ludwig mit einem »Juden« verkehre, war dem Vater freilich nicht ganz recht, aber da der Junge so ganz erfüllt war von dem Freunde, so meinte schließlich der Alte, ich sei kein »richtiger«. –

Unsre Heimwege gestalteten sich merkwürdig. Immer brachte ich Klages noch das kleine Stück bis zu seinem Haus. Aber dort angelangt, waren wir in so gewaltige Gegenstände vertieft, daß nun er wieder mit zurückging bis zum Gitter unsres Hofes. Dort blieben wir stehn, wollten eigentlich »Djüs« sagen, aber gerieten in so gewaltige Sachen, daß nun ich nochmals bis zu seiner Haustür mitgehn mußte, und so pendelten wir zwischen den zwei Häusern her und hin, indem jeder den andern immer wieder »noch ein Stück brachte«, bis dann schließlich vom Balkon herab die Tante rief: »Ludwig, es wird Zeit«, oder ich entsetzt die Taschenuhr aus der Tasche zog mit dem silbernen Zifferblatt, auf die ich so stolz war: »Mensch, ich muß ja noch Klavier üben«, oder »Mensch, ich habe ja ›Homer‹ für Nachmittag noch nicht gemacht.«

Ungemein früh kamen wir darauf, den Unterschied unsrer beiden Artungen feststellen zu wollen; dieser Gesprächsgegenstand (denn schließlich dreht jeder junge Mensch sich unaufhörlich um sein eingeborenes Selbst) – blieb unausschöpflich, auch noch in den reiferen Jahren. Wir hatten uns bestimmte scharfe Formeln zurechtgemacht, auf deren Erfindung wir sehr stolz waren. Es war zum Beispiel Glaubensartikel, daß Klages feurig sei, Lessing aber leidenschaftlich. Daß Klages sanguinisch sei, Lessing aber cholerisch; Klages ein Blutmensch, Lessing ein Nervenmensch; Klages eine fliegende Seele habe und Lessing eine brütende. Die Klagessche Seele (so kamen wir überein) sei mädchenhaft, die Lessingsche aber mütterlich. Die Klagesseele sei heller, die Lessingseele heißer. – »Mensch, guck mal, ich neige sehr zur Enthemmtheit, du aber bist gehemmt. Das liegt an eurer Familie. So großartig ergänzen wir uns.« – »Nein, Mensch, paß mal auf, der große Unterschied ist, ob Dichter streben vom Himmel zur Erde oder von der Erde zum Himmel. Du bist der Erdgeborene, der zum Himmel schwebt, aber ich schwebe nur so im Äther, ich muß Wurzeln schlagen.« – »Quatsch, Mensch, umgekehrt wird ein Schuh daraus! Einige große Männer gibt es, die erfüllen einfach ihr Ich. Andere erstreben ihre Ich-Ergänzung; das ist sozusagen das große Gesetz des Ausgleichs.« – »Du, was du da sagst ist fabelhaft Das ›Große Gesetz des Ausgleichs!‹ Mensch! Du bist mal wieder einem Urgesetz des Kosmos auf der Spur.« – »Schön, aber wende das Urgesetz des Kosmos mal auf uns an. Wo steckt dein Ausgleich? Du bist ewig in Gefahr, Schulmeister zu werden, das gibst du doch zu?« – »Nein! Ich will kein Schulmeister werden. System und Dogma ist doch nicht dasselbe. Kannst du das zugeben?« – »Na, gut, aber du bist doch eben im Vergleich zu mir ein dogmatischer, ich bin eben nur ein reflektierender Denker, du aber bist spekulativ.« – »Mensch, der Unterschied ist brauchbar. Du mußt mal was schreiben über den Unterschied des spekulativen und des reflektiven Menschheitsdenkens.« – »Aber, eigentlich bin ich doch der naivere. Damit werde ich nie fertig. Du wirst spät bewußt, aber unbewußt bist du nicht. Ich meine im Sinne Goethes.« – »Ja, die Sache ist sehr verwickelt. Es ist ein Problem. Aber wer kanns fassen?« –

Je älter wir wurden, umso reicher an Fremdwörtern und Tiefsinn wurden diese Dialoge. Klages ward ernannt zum »Sensoriker«, Lessing zum »Motoriker«. Klages zum »Eidetiker«, Lessing zum »Irritaliker«. Wir lasen kein Buch, wir sahen keine Landschaft, ohne daß wir nicht alles auf uns und auf unsre zweiseitigen Seelen bezogen. Klages behauptete, er wolle lieber wie Goethe werden, aber sei leider mehr wie Schiller. Lessing behauptete, er wolle lieber wie Schiller werden, aber sei verflucht, ein Goethe werden zu müssen. Der eine fand sich in Mozart wieder, der andere in Beethoven. – »Mensch, ich bin elementarisch und möchte zur Moral.« – »Mensch, freu dich doch; ich werde nie elementarisch, könnte ich doch los von der Moral.« – »Ja, siehst du, das ist das, was Schiller nennt ›Die schöne Seele‹; das bist du.« – »Ne, Mensch, intensives Leben, Dämonie, das ists; und das bist du.« – »Ach, Mensch, ahntest du, wie ich das Dämonische verfluche.« – »Kein Wunder, das war bei allen Genies so; seit ich dich kenne, versteh ich den jungen Byron.«

In Prima einigten wir uns dahin, daß Klages ethisch-kosmisch-chtonisch-anarchistischer Pathetiker sei, Lessing ein individualistisch-sozialistisch-kosmischer sozialer Pathetiker. – Keiner, außer uns beiden, verstand diesen Geheimjargon. Wir besaßen hunderterlei Zwiespaltereien, und wenn Klages »Schopenhauer« sagte, dann meinte er eigentlich Lessing, und wenn Lessing »Nietzsche« sagte, so meinte er eigentlich Klages; wenn Klages sich meines Einflusses erwehren wollte, so hielt er eine Zornrede gegen den »Geist der Bibel« und ich erwiderte mit Spott auf die Roheit der Edda. Wir schufen uns so den Grundstock für all unsre spätere Philosophie. –

Hatten wir nun aber lange genug uns Seele, Gesicht, Handschrift, Gang und Stimme erläutert, dann tauchte zum Schluß immer die Frage auf, wer denn wohl der bessere, der größere sei, denn jeder hielt den andern für weit höher und überlegener; keiner aber wollte die gute Meinung des andern zugeben. Mir wurde dieses für Größer-gehalten-werden zu einem wahren Gewissenskonflikt, indem es so viel in der Vergangenheit gab, was ich ihm nicht sagen konnte und dessen Nachwehn ich noch nicht abgestreift hatte. Vor allzu persönlichen Beichten behütete uns die Scham, und die Ehrfurcht voreinander steigerte auch das persönlichste Bekennen ins Höchste und Allgemeine. Erst nachdem wir uns lange Jahre genau kannten, gab es auch im Persönlichen keinerlei Geheimnisse zwischen uns beiden. Aber während der völlig amoralisch eingestellte spätere Klages zur übertreibenden Selbstanklage herausforderte (denn: je unmoralischer, um so bewunderungswürdiger!), hätte vor den Augen des Knaben Klages alle Ungebundenheit mich verlegen gemacht. Die Konflikte des Elternhauses mußte ich allein auskämpfen. Ich fühlte, daß er das meiste an mir nicht verstand, ich fürchtete, daß er mich nicht mehr lieben werde, wenn er mich ganz durchschaue. Das suchte ich ihm zu bedeuten, aber er verstand davon gar nichts. Da geschah eines Tages folgendes.

Zu Hause angelangt nach einem aufregenden Gespräch, wer wohl der bessere sei, gräme und quäle ich mich, daß er meine schlechtere Natur nicht genügend kennt und mich doch nur falsch sieht; ich will aber richtig gesehn sein, nicht besser als ich bin und komme mir vor, als ob ich den nächsten Menschen belöge. Ich entschließe mich also geschwind zu einem entscheidenden Schritte des Bekennermuts, laufe unter irgendeinem Vorwand von Hause fort über die Straße, klingle bei »Louis W. Klages, Kommission« und sage, ich müsse Ludwig noch einen Augenblick sprechen. Er kommt erstaunt. »Was willst du denn?« – »Mensch, ich muß dir unbedingt etwas sagen, etwas ganz Ernstes. Bitte komm auf die Treppe.« – Wir setzen uns also auf eine Treppenstufe. – »Hat es was mit vorhin zu tun?« – »Ja, ich hab es mir nochmals überlegt. Glaube mir. Ganz, ganz wahrhaftig! Du weißt ja nicht alles. Ich muß es dir doch sagen. Du bist der größere.« – Nachdem ich das meinem Stolze abgerungen, blickt der junge Klages mich an, so klug, so dämlich und sagt, kleiner Doktrinär, wie er schon damals war: »Dadurch, daß du das gemacht hast, was du nun gemacht hast und noch einmal hierher liefst, hast du gerade den Tatbestand bewiesen, den abzuleugnen du hierher kamst. Jetzt ist es vollkommen evident zu Tage getreten, daß ich recht habe: du bist der Größere.« –

Unsre Eltern standen zu Anfang unserm Umgang nicht unfreundlich gegenüber. Mein Vater machte zwar sich gern lustig über meine Schwärmerei für den »Busenfreund«, aber er sah in dieser Freundschaft etwas wie Wiederholung seiner eigenen Schülerjahre mit Fritz Grahn. Der guterzogene gerade Junge, der, wenn ihn ein Erwachsener ansprach, errötete, gefiel ihm gut. Er beförderte die Freundschaft nicht, aber verbot sie auch nicht. Vater Klages dagegen und Tante Kolster wurden mißtrauisch von dem Zeitpunkt an, wo Ludwigs Schulzeugnisse schlechter zu werden begannen, und da wir uns mit wichtigeren Dingen befaßten als mit Schularbeiten, so verloren wir beide sehr bald die Primuswürden an den strebsamen kleinen Willi Lange. Daß ich auf Schulkenntnisse keinen Wert legte, den Ehrgeiz in der Schule nicht begreifen konnte, die Lehrer teils für Dummköpfe, teils für Tyrannen hielt, über jedes Ding lieber nachdachte als über Schulpflichten, das kam der ursprünglichen Natur des Freundes entgegen, denn seine Traumwelt wurde in der Schule verschüttet und seine Eigenart vom strengen Vater eingekäfigt, durch mich wurde er kritisch und frei. Aber er verlor der Lehrer und des Vaters Billigung. Und der Schuldige war nun ich.

So kamen Jahre, in denen alles wie verschworen war uns auseinander zu bringen. Es hat freilich lange gedauert, ehe die Stellung des Vaters zu offener Ablehnung unserer Beziehung und damit zur Kampfstellung gegen den Sohn wurde. Aber schon während unseres Jahres in der Obertertia, wo ich in der Schule wieder völlig versagte und die Höllentour bei Grahn wieder einsetzte, schrieb Vater Klages einen Brief an meinen Vater, daß er meinen Umgang mit dem Sohne nicht gern sähe, worauf mein Vater den Umgang verbot. Unser Klassenlehrer »Tappermann« achtete auf Wunsch beider Eltern darauf, daß die Jungen einander, wie sie sagten, »keine Graupen in den Kopf setzten«. Was nützte es? Erst das Verbot machte unsern Fanatismus rege. Wir liefen in den Pausen nach verschiedenen Richtungen aus der Schule. Er um die Ecke Prinzenstraße, ich um die Ecke Ägidientorplatz, und hinter der Pappel am Schäferdamm trafen wir uns und tauschten rasch die grünen Bände Heinrich Heine aus, die wir heimlich unterm Pulte lasen. Sahn wir uns in Gegenwart der Angehörigen, so kannten wir uns nicht und grüßten kaum, aber hinterm Pferdestall legten wir Briefe unter den Stein, die aufmerksam machten auf neue Dichter und große Ereignisse. Der kleine Klages lebte in Reichen der Phantasie und was seinen Träumen Nahrung gab war ihm willkommen. Im Sommer nach der Schule gingen beide Jungen zum Baden. Wir sollten zwar in verschiedenen Badeanstalten baden, und das taten wir auch. Aber beide Badeanstalten lagen »Am Archiv« und am selben dreckigen Flusse, man brauchte nur ein Stück unter Wasser zu schwimmen, dann tauchte ein blonder Jungenkopf auf neben einem schwarzen. Es kamen aber auch Monate, wo wir uns auf der Schulbank sahn, ohne je ein Wort zu tauschen. Auch war ich viel krank und kam dann lange nicht zur Schule, und auch Klages kam oft zur Großmutter nach Walsrode. Es kamen in mein Leben Eindrücke, Verwicklungen, die er nicht mitmachte und nicht ahnte. Die eigentliche Zeit inniger Lebensgemeinschaft kam erst auf der Universität. Als Jungen waren wir oft ruppig und struppig miteinander.

Bei all unserer frühen Vorschau waren wir beide unbedarfte Kinder. Er kroch noch unter die Fittiche Tante Idas, ich unter die Grete Ehrenbaums. Erstaunliche Unreife steckte in unsrer beider Reife. Seine Gedichte waren gleichzeitig weltenweit und stubeneng. Ich entsinne mich eines »kosmischen Poems«, in welchem der Sturm vom Turm herabhöhnte: »O Menschenkind, du Wurmkind im Sturmwind« und aus den Himmeln zwischenhinein das weltverdammende Verdikt erscholl: »Denn nie gedeihn euch Denker und Poeten, wo Seligkeit erwächst aus Fleischpasteten.« Wir träumten eben nicht nur von Sternenorgien, wir hatten auch noch nie eine Pastete gegessen. Beim Abendbrot galt als Gesetz, daß, wenn Leberwurst auf den Tisch kam, keine Butter gestrichen wurde; »Leberwurst oder Butter? Beides zugleich ist Luxus.« Eine der riesigen »Tenzonen«, in denen der Siebzehnjährige mit dem »Zeitalter des Kapitalismus« abrechnete, begann mit den Worten: »Es war einmal ein reicher Mann, aß Leberwurst auf Butterbrot.« Nie in meinem Leben habe ich je Leberwurst gegessen, ohne daß dieser Vers mir einfiel, und wenn ich meine Kinder Leberwurst auf Butterbrot streichen sah, so sagte ich ihnen: »Bedenkt, was Ludwig Klages in seiner Jugend gedichtet hat.«

Dies waren die liebenswürdigen Reste einer frühen Enge. Aber weniger liebenswürdig waren andere Vorurteile, die aus der Schule und Umwelt in ihn eingingen. Denn für seine Leute galt er stets als der thumbe Parzival, der unter meinen schlechten Einfluß, »unter den zersetzenden Einfluß semitischen Geistes« geraten war. Und so brachte selbst dieser Freieste der Freien meine Jugendnöte billig auf die Formel: »Ringkampf des edleren. Selbst gegen die angeborne Rassenseele«. Bald aber trat ein Ereignis ein, das den Vater Klages beruhigte, weil es den Jungen von dem verhängnisvollen Einfluß frei machte. Trotz aller Hockerei bei Grahn: in der Untersekunda blieb ich abermals sitzen. Klages aber kam mit einer Verwarnung davon. Mein Vater und sogar Grahn, der diesen Ausgang nicht erwartet hatte, wurden überrascht durch folgenden Brief des Direktors:

»Herrn Dr. med. S. Lessing, Hannover. Sehr geehrter Herr Doktor! Nach gewissenhafter Erwägung hat das Lehrerkollegium der Klasse II b einstimmig beschlossen, den Schüler Th. Lessing die Reife für II a nur unter der Bedingung zuzubilligen, daß derselbe von der Schule genommen wird. Die körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Schülers lassen sein Fortkommen in den höheren Klassen zweifelhaft erscheinen. Das Kollegium möchte aber andrerseits das anderweitige Fortkommen des Schülers nicht erschweren. Sollten Sie es vorziehen, Ihren Sohn auf der Schule zu belassen, so müßte er das Pensum der Klasse II b wiederholen. Persönlich möchte ich dazu raten, Ihren Sohn ein einfaches Handwerk erlernen zu lassen, da er für geistige Betätigung lebenslänglich unfähig bleiben wird. Der Direktor: Prof. Dr. Carl Capelle.«


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