Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Drittes Buch
Suchen und Sehnen

 

Ein tiefes Sehnen geht durchs Herz der Welt,
Nach einem Sonnenstrahl, der uns erhellt
Der Jugend Glaube sank uns tief hinab.
O Sehnsucht, wälze Du den Stein vom Grab.

 

20. Freiburg

Als ich im September 1892 die Universität bezog, da führte mich der Weg über Frankfurt, wo der Meister unsrer Jugend wohnte: Wilhelm Jordan. Wir hatten auf unsern hundert Wanderungen oft von der Stunde gesprochen, wo wir Auge in Auge ihm gegenüberstehen würden; und nun war die Stunde da! Als ich mich anschickte, vom Hotel Drexl an der Zeil zu dem stillen Haus am Taunusplatz zu gehn, war ich so erregt, daß ich zunächst, um würdig zu bestehn, in einer Apotheke zwei Antipyrinpulver schluckte. Dann klingelte ich an dem alten Glockenzuge, an dem ich später noch oft geläutet habe, wann immer mein Weg über Frankfurt führte. –

Es geschah zum erstenmal, daß ich einem Großen gegenüberstand. Schon Jahre zuvor hatte ich Worte überlegt, mit denen ich meine Ehrfurcht und Liebe offenbaren würde. Aber die erste Zusammenkunft stand unter ungünstigen Sternen. Da ich unangemeldet erschien und irgendeine Verwechslung mitspielte, so wurde ich von der alten Magd sogleich in Jordans Arbeitszimmer geführt, wo der gewaltige Mann just auf dem Diwan lag, in Hemdärmeln, die Hose aufgeknöpft. Überrascht, fast entsetzt sprang er auf, als der Besucher seine Rede begann. Ich aber, vor Eifer und Begeisterung nichts merkend und der verlegenen Lage nicht gewachsen, beginne die feierliche Rede über die Nibelungen und den herrlichsten Mann aus deutschem Blut. Peinlich überrascht, hat auch er nicht die Leichtigkeit, über die Komik der Lage zu lachen, sondern ist bemüht, sich Haltung zu geben und seine Kleidung in Ordnung zu bringen, indes er vor dem Huldigenden dasteht in der schamhaften Stellung der medizäischen Venus. Endlich begreift er, erwidert ein paar Worte und schiebt den Totverlegenen in das Nebengemach, wo die Tochter Emma ihn in Obhut nimmt und einlädt, zum Mittagessen dazubleiben. Es gab eine Suppe, Kalbsbraten und eine zu Ehren des jungen Gastes schnell vom Konditor besorgte Schaumtorte; dazu Wein und Kaffee. Ich aber, angstvoll bemüht, männliche Reife und Würde zu beweisen, schwebe aus Unsicherheit und Verlegenheit, gehoben und zugleich bedrückt, in einer wunderlichen Verfassung. Zunächst verschütte ich die Suppe auf das weiße Tischtuch. Sodann, als der Braten erscheint, schlage ich mit dem Messer an das Weinglas, wie ich das von Festen im Elternhaus her kannte, und beginne eine wohlüberlegte Festrede, die bezeugt, was diese Stunde in meinem Leben bedeutet, die Stunde, von der Klages und ich so lange Jahre geträumt hatten. Ich sagte alles frei heraus was uns beiden auf den Herzen brannte und was ihn ergreifen und erfreuen mußte, aber ich sagte es im unrichtigen Augenblick. Denn während einer solchen Rede konnte er doch nicht weiteressen, sondern mußte andächtig dasitzen. Die Kartoffeln, die Sauce wurden kalt. Fräulein Emma sah verzweifelt das Fett gerinnen. Ich hörte nicht auf. Endlich klangen unsre drei Gläser aneinander. Nachdem wir gegessen hatten, wollte er die Ansprache erwidern. Er tat es mit einem Gedicht, das den Refrain hatte: »Bescheide dich.«

»Bescheide dich. Den höchsten Lohn
für wackres Werk empfingst du schon
Indem du schufst: die Schaffenslust,
Das Gottgefühl der Menschenbrust.
Die Besten alle leben fort
In dir durch Zucht, durch Schrift und Wort;
Soweit du schufst und warst wie die
Vergehst du nie.«

Dann gingen wir in den Garten. Wir setzten uns unter den Kastanienbaum, den er selber gepflanzt hatte, indem er eine alte schon verschrumpfte Kastanie in die Erde steckte, welche er einst erhalten hatte von einer Tochter Charlotte von Steins. Die hatte ihrerseits sie gewonnen von einem Baum, dessen Kern Goethe ihr schenkte, als sie Kind war.

»Du hast aus dem Reich der Geister
Redend in des Wipfels Fiedern
Mir gebannt den großen Meister,
Der mir half zu großen Liedern.
Bis zum stillen Meeressaume
Siegreich durch die Welt geflogen
Rast ich ruhmsatt unterm Baume,
Den ich aus dem Kern gezogen.«

Während wir plauderten, bot er mir eine Zigarre, und ich nahm sie männlich mit einem Zitat aus seinem »Demiurg«: Ja, eine treffliche Havanna zu schmauchen, das ist mein Manna; aber in Wahrheit hatte ich noch nie eine Zigarre geraucht, und so wurde mir recht übel, und als ich schließlich verabschiedet wurde, da schwebte ich hinweg in einer Stimmung ähnlich wie nach einer schweren, nun doch glücklich überstandenen Zahnoperation.

Einige Wochen später kam ein Brief von ihm, der mein Gefühl des »begossenen Pudels« selig beschwichtigte. Denn er schrieb, keiner der Zeitgenossen habe ihn so gut verstanden und nach allen Seiten hin ergründet. Jetzt müsse ich das, was ich für mich selber errungen habe, auch der Welt zugute kommen lassen. Ich möge darangehen, über ihn ein Buch zu schreiben; daß er dazu die Fähigkeit mir zutraue, sei der beste Dank, den er zu geben habe. Ich war beglückt. Aber das Buch konnte ich nicht schreiben. Allzu schwer trug ich am eigenen Erstling.

Dichterbegegnungen! ... Ein schreckliches Kapitel! Immer neu wiederholte sich jene erste Ernüchterung!

In schweren Jahren meines Lebens, als ich als Vortragsredner durch viele Städte zog, sprach mich nach einer Versammlung in Dresden eine zarte kleine Frau an: »Ich bin Anna Möser, die Witwe des Dichters.« Aber das war ja der beste Freund meines Schneidewin und der Poet, dessen Hymnen und Oden ich auswendig konnte. Mit Freude besuchte ich seine Frau und Kinder. Am Teetisch begrüßte mich ein liebliches blondes Fräulein, die Tochter des Dichters. Ich kannte sie schon aus jener Dichtung, die mir einst sehnsuchterregend das Idyll des glücklichsten Familienlebens vor die Seele gezaubert hatte. Er erzählt in jenem Gedicht, wie er mit seinem Töchterchen Hand in Hand durch die Felder geht. Das Kind pflückt einen Strauß aus Kornblumen und Mohn. Einige Ähren sind beim Pflücken unter die Blumen geraten. Das kleine Mädchen wirft sie unwillig zu Boden. »Pfui, die häßlichen Ähren!« An dies Erlebnis knüpft der Dichter seine Betrachtung. Er erkennt im Wesen seines Kindes sein eigenes Poetenschicksal. Auch er ist ein Leben lang dem nutzlosen, schnell verwelkenden Blumenunkraut nachgegangen. Die braven nutzbringenden Brotähren hat er mißachtet. Alle Freunde seiner Jugend hielten es umgekehrt. Sie sammelten die Ähren und gingen vorüber am träumebringenden, berauschenden Mohn. Nun sind sie alle zu Ansehn und Würden gestiegen. Nur aus ihm ist nichts geworden als ein Träumer. – Indem ich dem schönen blonden Mädchen nun gegenübersaß, sprach ich bewegt von diesen frühen Wegen mit ihrem Vater. Aber zu meinem Befremden begegnete meinen Worten nur beklommene Verlegenheit. Später fand sich die folgende Erklärung. Der Dichter hatte immer getrennt gelebt von Frau und Kindern und nie sich um seine Familie gekümmert. Gelegentlich aber hatte er einmal, als er auf dem Lande weilte, sein Töchterchen holen lassen zu einem kleinen Spaziergang. Und das war ihm genugsam Anlaß gewesen zur Schöpfung jener entzückenden Familien-Idylle, die mich als Jüngling so ergriffen hatte. Seither denke ich immer mit Nietzsche: »Die Dichter lügen so viel.« – Die entnüchterndste all dieser entnüchternden Dichterbegegnungen vollzog sich wieder Jahre später gelegentlich eines Festes in Hamburg. Eine literarische Gesellschaft hatte eine Matinée veranstaltet zu Ehren der in Hamburg lebenden Dichter Gustav Falke und Prinz Emil von Schönaich-Carolath. Seit Jahren stand ich mit Carolath in Briefaustausch, auch pflegten wir unsre Bücher auszutauschen. Nun war ich erfreut, ihn in Person kennen zu lernen. Ein Festmahl schloß sich an jene Morgenfeier, aus welcher ich vor einem Kreise von Kunstfreunden und Literaten Falkes und Carolaths Gedichte vortrug. Man hatte mich ehrenvoll zwischen Falke und Carolath gesetzt, aber beide hatten einen Magenkrebs, dem sie nicht lange danach erlagen. Sie konnten sich nicht an dem Schmause beteiligen; dafür führten sie literarische Gespräche, immer über mein Gesicht hin. Edle Weine und erlesene Gerichte habe ich stets so andächtig zelebriert wie die Werke der Kunst. Aber bei diesem Mahle litt ich Qual, obwohl ich Serviette und Taschentuch vor den Mund drückte.

Als die Türme des schönsten deutschen Münsters auftauchten, umrahmt von den träumerischen Tannenforsten des Schwarzwaldes, da jubelte in mir das Leben aus goldener Kehle. Ich suchte alsbald ein Zimmerchen. Beim Maurer Steirer, der ein Rudel hübscher Töchter und ein zweites Rudel strammer Söhne hatte, fand ich Unterkunft; 20 Mark im Monat mit Frühstück. Das saubere Parterrezimmer lag just gegenüber dem damals noch unbewachsenen Schloßberg, auf dessen Höhe das kleine Weinrestaurant Dattler winkte zwischen Rebensteigen, aus denen der »Markgräfler« genannte Landwein, gepreßt wird. Neben mir wohnte ein zweiter Mediziner (der sich aber später als wunderlicher Hochstapler entpuppte), und über mir der Direktor des Stadttheaters Herr Treutler, dem ich eines Tages meine Dramen überreichte. Eine hübsche »filia hospitalis« bediente uns und die Bengelei, die gern auf den reinlichen Dielen meines Zimmers sich rangelte, trug heimlich meine Socken und benutzte meine Taschentücher. – Folgende Bücher standen auf der Kommode: Homer, griechisch, die Bibel, griechisch und deutsch; Schopenhauers Werke (Geschenk des alten Blumenthal) und Hebbels Werke (in Freiburg erworben); dazu Jordans Nibelungen. Sonst nichts, ausgenommen natürlich meine medizinischen Lehrbücher: Gegenbauers Anatomie, Fides Physiologie und der anatomische Atlas von Heitzmann.

Ich bezog die Universität mit eisernen Grundsätzen. Ich regelte damals das ganze Leben nach Darwin-Jordan'schen Zuchtwahlprinzipien. Erst drei Jahre später in München geriet ich ins Wirre und litt Schiffbruch mit all meiner Moral. Den Tag begann ich um 6 Uhr mit kalter Abreibung des ganzen Leibes und Atemübungen und wenn ich um 8 Uhr in die Anatomie zur Vorlesung Robert Wiedersheims ging, so hatte ich schon hinter mir die Wanderung über den morgendlichen einsamen Schloßberg. – Was ich hörte? Zu Anfang Anatomie und Physiologie (bei von Kries), bald aber begann ich alles zu »schwänzen« und nur eine einzige Vorlesung habe ich ein Jahr hindurch nie versäumt: Mittags 12 bis 1 die Vorlesung August Weismanns über »Deszendenztheorie«. Weismann, schwer und monumental, erinnerte an einen treuen guten alten Bernhardinerhund. Seine Biologie imponierte mir gewaltig. Nicht so sehr durch den Glauben an die »Kontinuität des Keimplasmas«, die Ewigkeit des Lebensstoffes – (gegen die Auffassung des »Kosmos« als eines Perpetuum Mobile war ich von früh auf mißtrauisch und auf der Hut ) –, auch nicht durch die damals vielumstrittene, mir noch recht unverständliche Lehre von der Nichterblichkeit erworbener Eigenschaften. Nein! was mich fesselte, das war die Maschinentheorie des Lebens, Weismanns Auffassung der Zelle als eines kleinen Universums, in welchem dieselben Tragödien und Komödien sich abspielten wie im Molekül, im Atom und im Weltraum. Ich bin als Naturwissenschaftler immer dieser Mechanik treu geblieben. Nicht weil ich den später siegreich gewordenen sogenannten Vitalismus für unrichtig halte, sondern weil ich ihn für »unwissenschaftlich«, das aber will nur besagen für »praktisch-unverwendbar« halte. Er verkennt die Unterschiede von Leben und Lebenswirklichkeit (vitalité und réalité). Er verkennt die Verschiedenheit des Biotischen und Biologischen. Die Biologie hat es schon zu tun mit einer vermenschlichten Wirklichkeit, an das »absolute Leben« kommen wir auf den Wegen des Wissens nie heran. Weismann aber liebte ich wegen seiner Entsagung. Er besaß die ruhige Selbstbeschränkung auf das Verwendbare und für Menschen Wißbare.

Ein halbes Jahr lang lebte ich von Milch, Brot, Früchten und Käse. Ich aß kein Fleisch und leistete mir nur selten ein Schöpplein Wein. War auch noch fern von der später oft zur Passion gewordenen Gewohnheit des Tabakrauchens. So hatte ich schon nach Verlauf des ersten Semesters das Geld beisammen, um den Druck des Welterlösungs- und Erziehungs-Poems beginnen zu lassen. Ja, ich konnte noch ein Sümmchen darüber hinaus ersparen, als auf ein Inserat hin mir ein Privatschüler zuteil ward, ein Obertertianer, Sohn eines Weinhändlers, dem ich täglich seine Schularbeiten kontrollierte. Durch die Bekanntschaft mit dem Theaterdirektor kam ich sogleich in den Kreis, dem ich wohl lebenslang am tiefsten zugehörig verblieb: Bohêmemenschen, Musikmenschen, Bühnenmenschen, von den Bürgerlichen abgeschieden. Ich erhielt Freikarten zum Theater, aber da ich damals alles (mit Ausnahme meiner Jordan und Scherr) für Ungesundheit und Entartung hielt, so ließ ich nur die »Klassikervorstellungen« gelten und ging sonst nur ins Theater, um moralisch Zorn und Galle zu schnauben. Ich geriet in einen unklaren Konflikt, als ich zum ersten Male Richard Wagners »Rheingold« hörte und bemerkte, daß diese Musik mich tief bewegte. Ich lief mitten im ersten Akte hinweg, laut schimpfend und das umsitzende Publikum störend, welches wohl glauben mochte, der Jüngling sei verrückt geworden. Und da niemand ein Ohr für meine Bußpredigten hatte, so bestieg ich den Schloßberg und hielt den Bäumen eine abendliche Kapuzinade über die »Seelenlosigkeit des modernen Menschen«, der mit sechsstündigem Musiklärm seine stumpf gewordenen Nerven beizt und nur noch das Übertriebene, Unechte, Ungesunde reizvoll zu finden vermag. In dem schrecklichen Philologendeutsch, das ich bei Schneidewin mir angewöhnt hatte, pries ich den »splendor naturae« (Glanz der Natur) im Gegensatz zum »notor fucatus« (aufgeschminktem Schimmer) der Wagnerei. Ach, die Redlichkeit und Schlichtheit (Jordan und Scherr!) waren dahin.

Allabendlich ging ich spätestens um elf in mein »Futteral« – (Schneidewin hatte mir eingeprägt: »Septem horas dormisse sat est puero juvenique«) –, nachdem ich mindestens zwanzig Minuten lang geturnt hatte. Das Fenster blieb die Nacht über geöffnet. Vom Schloßberg herüber strömte der Duft großer Laubmassen. Ferne Musik kam vom Dattler. Da ich aber fürchten mußte, daß, während ich schlief, ein Unhold durch das niedere Fenster steigen könne, so befestigte ich am Fensterkreuz, von der Gardine verdeckt: Balthasar, das Skelett eines niedersächsischen Bauern. Mein Vater hatte mir Balthasar zum Studium mit nach Freiburg gegeben. Im Schutze dieses heimatlichen Gespenstes konnte ich ruhig schlafen, denn wenn jemand durch das Fenster eingestiegen wäre, so mußte er auf die: klappernden Totenknochen stoßen, sich erschrecken und mich wecken. Aber das Unerwartete geschah. Eines Morgens war das Gerippe verschwunden. Statt mich vor Dieben zu beschützen, war Balthasar selber gestohlen worden. Einige Wochen später geschah wieder Unerwartetes. In dem kleinen Museum der Anatomie erkannte ich, an einem Bügel hängend meinen Balthasar und konnte leicht dank den Tintenzeichen, mit denen die Knochen beschrieben waren, meine Besitzrechte nachweisen. Ich erhielt das Skelett zurück. Die Tat schob ich auf den Zimmernachbarn, der nach allerlei Hochstapeleien aus Freiburg verschwunden war. Aber dreißig Jahre später kam wieder etwas Überraschendes. Eine kleine Geldsendung von einem Arzte aus einem Nest in Bayern. Der Betrag, den er damals für den Verkauf meines braven Bauern an die Anatomie erhalten hatte. Der gute Balthasar aber hing auch damals noch in meinem Zimmer. Er hat mir immer Gutes gebracht.

In dem Freiburger Jahr bin ich viel gewandert. An jedem Nachmittage ging es hinaus nach Sankt Loretto, nach Günterstal oder mit der Bahn an den Titisee. An jedem Sonntage auf den Feldberg oder in entfernte Gegenden des Schwarzwalds wie Oppenau und Allerheiligen (wo ich schon 1893 mit den Eltern während der Sommerferien gewesen war). Da sah ich denn die Wasserfälle wieder, die weltverlorene »Zuflucht«, den Mummelsee und die von zahlreichen Laubmoosen und Farren überwucherten Felsen, zwischen denen zehnjährig ich geklettert war mit meinem Freunde Richard Barth aus Stuttgart. Wenn er Farren köpfte und die Moose von der Borke riß, so fühlte ich leiblichen Schmerz. Ich schwur ihm zu, daß Bäume und Büsche Gefühle hätten. Dann graulte er sich. Nun fand ich die Stämme wieder, in deren Rinden noch unsre Namen standen. Ich habe die Namen der Ortschaften vergessen, aber sehe die Landschaft oft in Träumen. Zumal ein Gehöft in der Nähe einer Irrenanstalt, auf welchem ein fantastischer Mord spielte. Sodann Appenweier, den dicken Wirt Mittenmeier und das Dorf Nordstetten, das ich besuchte aus Verehrung für Berthold Auerbachs Dorfgeschichten.

Es fehlte mir jegliche Anleitung zum fruchtbaren Studium der Medizin. Mein Wissensdrang war grenzenlos. Grenzenlos aber auch die Verworrenheit meines Kopfes. Während ich in einer idealischen, gar nicht mehr greifbaren Welt daheim war, wurde ich zugleich, zumal im Präpariersaal, mit den deftigsten mechanistischen Lehren angefüllt. Robert Wiedersheim, burschikos und trocken ironisch, pflegte, wenn ein Gehirn angeschnitten wurde, zu fragen: »Nun, wer will sogenannte Seele studieren?« Die Leichenteile, die wir zu bearbeiten hatten, wurden ausgelost. Ich erhielt durchs Los: »Brust- und Bauchmuskeln. Männliche Leiche.« Die Präparierarbeit war mir nicht unangenehm, aber höchst widerwärtig bestimmte Ordnungsregeln. Wer mit seiner Arbeit vor der Zeit aufhörte, der war verpflichtet – (denn Hugo, der Saaldiener war immer »anderswo beschäftigt«) – eigenhändig sein Präparat in den Aufguß zu tragen, wo es mit verwesunghinderndem Chlorkalk übergossen wurde. Alle später aufhörenden türmten dann ihre Präparate auf die früher abgelegten. Damit keine Verwechslungen vorkämen, waren die Teile durch daran befestigte Visitenkarten kenntlich gemacht. Am nächsten Morgen also mußte derjenige, der zu früh aufgehört hatte, einen Berg Leichenteile abtragen, ehe er das ihm gehörende Präparat wiederfand. Dies war abscheulich. Hugo aber ließ sich jede Hilfeleistung bezahlen. Eines Tages wurden vom »Pathologischen Institut« Studenten angefordert, die dem Professor Ziegler helfen sollten bei der Herstellung feiner Gefäß-Präparate, und ich befand mich unter denen, die zu dieser leichteren Feinarbeit zugelassen wurden. Nach mehr als zwei Jahrzehnten habe ich unsre damals in Freiburg hergestellten Präparate im anatomischen Museum in Wien wiedergefunden. – Es ereignete sich in jenem Jahr ein abscheulicher Skandal. Eine Horde Couleurstudenten hatte auf der Anatomie die Geschlechtsteile männlicher Leichen abgeschnitten und sie anderen Leichen wie Zigarren in den Mund gesteckt; die grausigste Rohheit, die ich je von Zöglingen der humanen Studien gehört habe; sie wurde bestraft, indem sämtliche Übeltäter, die sich mit Betrunkenheit verteidigten, für immer von allen Universitäten ausgeschlossen wurden. Da ich für derartige Widerlichkeiten überempfindsam war, dazu weit weniger im Praktischen brauchbar als begabt für Theorie, so überkamen mich früh genug quälende Zweifel, ob ich wohl recht getan hätte, nach dem Wunsche meines Vaters Mediziner zu werden, als der ich doch viel Widerwärtiges und Menschlich-Schwaches zu sehen bekam. Und diese Zweifel wuchsen, als ich zum ersten Male in das stille Reich der Philosophie gezogen wurde. Das kam so: Einer der Studiengenossen, Wilhelm Weygandt – (ich sah ihn während des Weltkrieges wieder, da war er der Leiter der großen Irrenanstalt Friedrichsberge bei Hamburg) – hatte das Studium der Philosophie bereits durchlaufen, steckte voll von geistigen Interessen und beteiligte sich neben dem Studium der Medizin zugleich am philosophischen Seminar des Professors Alois Riehl. Gelegentlich begleitete ich Weygandt. Er ermunterte mich, Riehl in Person aufzusuchen und um Rat zu befragen, was ich um so lieber tat, als dessen Sohn Reinhold mir befreundet war. Riehl empfing mich freundlich, wie er denn bis zu seinem Tode mir ein gütiger Gönner geblieben ist, und forderte mich auf, an seinem Seminar über Lockes »Essay concerning human understanding« teilzunehmen. Weygandt übernahm ein Referat, ich das Korreferat, und obwohl ich sehr unwissend war und für formales, logisches und mathematisches Denken nicht mehr als nur mittelmäßig begabt, so war doch unverkennbar, daß sich meine Natur besser eignete für die intellektuelle Betätigung als für die technischen Arbeiten in Laboratorien oder auf der Anatomie. Ein andrer Studiengenosse, Richert, hatte einen älteren Bruder, der sich soeben für Philosophie habilitierte; auch in dessen Vorlesungen wurde ich gelegentlich mitgenommen. Und so geriet ich in einen Kreis von Ideen, der mit den bei Weismann und Wiedersheim gebotenen Studien nicht zusammenhing. Alois Riehl war Kritizist. Weismann dagegen bestärkte mein altes Jordan-Darwinisches Weltbild. Aber diese beiden Betrachtungsweisen, die kausalgenetische Naturwissenschaft und die phänomenologische Erkenntnis- oder Begriffskritik stimmten nicht zusammen. Und so geriet ich ins Wirre. Ich lernte bei den Naturwissenschaftlern, wie die Natur geworden, wie die Welt entstanden sei, aber sollte nun der Philosophie einräumen, daß »Natur« und »Welt« vom logischen Ich getragene Begriffe seien und ihre Ordnung »das Apriori der weltdenkenden Bewußtheit«. Das stimmte mich zum Widerspruch. An der Tür des Seminars hing eine Schiefertafel, auf welcher Anfragen oder Veränderungen bekannt gegeben wurden und auf dieser Tafel machte ich dem gepreßten Herzen Luft, indem ich eines Tages daran schrieb:

»Professor Riehl doziert mit Kraft
Und ich begreif mit Schweiß
Philosophie die Wissenschaft
Von dem, was man nicht weiß«

Wenn diese Ungehörigkeit noch lächelnd verziehen wurde, so war doch schon verstimmender als einige Wochen später an der Tafel stand:

»Zum Teufel alle Philosophie
Die Rätsel des Daseins löst sie nie,
Zuletzt bleibts aller Orten
Ein Spiel mit deutbaren Worten«

Schließlich aber wurde mir die Einsicht, daß es ratsamer sei, mich im Seminar nicht mehr blicken zu lassen. Riehl hatte auf die Tafel geschrieben: »Infolge einer Zahnoperation muß ich heute die Übung ausfallen lassen«, und er fand darunter geschrieben, zwar aus dem Geiste Robert Wiedersheims aber von meiner Hand:

»Heut hemmt ihn am Philosophieren
Zahnschmerz real und immanent,
Ließ er den Zahn sich extrahieren
Dann denkt er wieder transzendent.«

Diese Verwirrungen des Studiums wirkten sich aus an meinem unseligen Welterlöserwerke. Es war ursprünglich wohl nur ein Dichterbekenntnis. Aber nun widerlegte jeder Tag den andern. Was ich gestern mit Mühe gelernt hatte, das schien mir heute durch einen andern Gedankengang überholt zu sein. All diese Kämpfe drangen in das Manuskript aus Zorn und Galle, Sehnsucht und Wille zum Höchsten. Ich rannte stundenweit einsam durch die Wälder, bekritzelte viel Papier und fühlte doch bereits in meinen nüchternen Stunden, daß das ganze Werk jämmerlich mißlang. Sogar den Familiennamen wollte ich aufgeben. Aus dem Raupenzustand befreit wie der seligste Schmetterling wollte ich davonfliegen. Aber schon stand auf dem dicken Schreibewerk als Motto:

»Unter Leiden bist du entstanden
Geboren unter Beschwerden
Nun geh um mißverstanden
Und totgeschwiegen zu werden.«

Und darunter als noch gröberer Ausdruck der Verzweiflung:

»Je größer der Mann ist um so dreister;
Gefühlvoll sind auch die lumpigsten Wichter.
Viel besser der letzte der Schlächtermeister
Als der oberste sämtlicher lyrischer Dichter.«

Und doch war nun mal das Geld für den Druck zusammengehungert und das brutal unreife Werk an den Verleger abgesandt. Erst zehn Jahre später war ich reif genug, ein schon halb fertiggedrucktes philosophisches Werk im letzten Augenblick zurückzuziehen und auf meine Kosten einstampfen zu lassen. Das geschah in meinen schwersten Hungertagen, aber »Comödie« von Theodor Lensing, dieser Wunschtraum, machte nun seinen Ikarusflug.

Als das Geld an den Verleger entrichtet war, da stellte sich heraus, daß ich genug übrig behielt, um eine Osterreise wagen zu können. Ein Reisebüro in Zürich veranstaltete billige Gesellschaftsreisen an die oberitalienischen Seen. Studenten bekamen Ermäßigung. Zürich war das nächstersehnte erste Ziel, denn dort hatte der Mann gelebt, den ich am tiefsten liebte. Immer ist Zürich die Stadt meiner Sehnsucht geblieben, mir die liebste Stadt neben Graz. Eine vergebliche Sehnsucht, denn mein Los wollte, daß ich lebenslang der nordischen Heimat verhaftet bleibe. Ich kaufte einen Kranz und legte ihn nieder vor der Büste Johannes Scherrs auf seinem Grabe an der Friedhofsmauer. Dort leistete ich aus der Unerfahrenheit reinen Herzens einen verhängnisschweren Schwur. Lebenslänglich wollte ich treu, unbestechlich und keusch bleiben. Wenn ich aber diesen Schwur nicht werde halten können, dann wolle ich freiwillig aus dem Leben scheiden. Von Scherrs Grabe kommend, ging ich zu seinen Hinterbliebenen. Frau, Tochter und junger Sohn blickten sehr verwundert auf den ekstatischen Studenten. Er sprach von ihrem Vater wie von einem Gotte. – Es lebte damals in Zürich ein Dichter aus dem Baltikum, namens Maurice von Stern, dem ich einst Gedichte für seine Zeitschrift gesandt hatte. Den suchte ich auf. Aber es wurde wieder eine neue Enttäuschung. Er redete Literatur, las gockelhaft eitel seine endlosen Gedichte vor. Dann brachte er Wein und forderte mich zum Trinken auf. Schließlich wurde er zärtlich, so daß ein an Grauen grenzendes Entsetzen mich ergriff. Als er einen Augenblick das Zimmer verließ, lief ich fort; für die Enttäuschung des Besuches rächte ich mich, indem ich ihm eine Postkarte schickte mit folgenden Zeilen:

»Ein Tröpfchen Wein begehrt ich von dem Musensohn
Kaum hörte ers, da hielt er mich beim Schopf
Und goß mir, eh ichs hindern konnte schon
Zehn Eimer Limmatwasser übern Kopf.«

Spät am Abend kam ich nach Luzern und bestieg den ersten besten Hotelwagen, in dem Glauben, billige Zimmer gäbe es überall. Aber der Wagen brachte mich in ein Luxushotel und ich hatte nicht genug Gewandtheit, mich loszueisen. So mußte ich für ein einziges Übernachten hergeben, wovon ich mehrere Tage hatte leben wollen. Aber dann kam auf Isola bella im Laggo Maggiore ein glücklicher Zufall. In der Reisegesellschaft, mit der ich fuhr – ungeschliffene, lärmende gewöhnliche Leute – befand sich eine Gruppe Studenten, Freiburger Rhenanen. Am Morgen, etwa eine Stunde vor Abgang unsres Dampfers sitzt die ganze Reisegesellschaft an der langen Tafel im Speisesaal, als aufgeregt ein ungarischer Herr erscheint und in deutscher Sprache anfragt, ob unter den Anwesenden ein Arzt sich befände: seine Frau sei von Übelkeit und Erbrechen befallen, schnelle Hilfe tue not und kein Arzt sei vorhanden auf der kleinen Isola bella. Sämtliche Studenten der Medizin springen auf und stellen sich dem Besorgten zur Verfügung, und da ich dachte, was diese Dachse können, das kann ich auch, so reihe auch ich mich ein in das Hilfskorps, und der Fremde wählt aus Zufall oder Vertrauen just mich und führt mich auf das Zimmer, wo eine junge Frau stöhnend und wimmernd im Bette liegt. Nachdem ich Puls und Zunge geprüft, auch die Unwahrscheinlichkeit organischen Leidens oder einer Schwangerschaft erfragt hatte, lautete die Diagnose: »Magenstörung«, wogegen ich, das hatte ich meinem Vater abgeguckt, Rhabarber, Natron und Pfefferminz verschrieb. Der beruhigte Gatte drückte mir zwanzig Lire in die Hand, das erste und einzige ärztliche Honorar, das ich je verdient habe und Ersatz für den Geldverlust im Schweizer Hof. Ich kam noch rechtzeitig zur Abfahrt des Dampfers, aber merkte bereits an den Mienen der Rhenanen, daß ein dunkles Übel drohe. Indes entging ich zunächst dem Drohenden, weil ich, angeekelt von dem Treiben der Reisegesellschaft, in Bellinzona mich vereinzelte, die Gesellschaft weiterfahren ließ und fortan als angeblich verspäteter Nachzügler mit meinem billigen Billett immer hinter dem Trupp herreiste. So kam ich bis Mailand. Als ich dort einen billigen Osterzug nach Venedig angekündigt las, wurde die Sehnsucht mächtig, diese Traumstadt auch noch mitzunehmen. Das wurde möglich, wenn ich in der letzten Klasse reiste und einige Tage frugal lebte. Ein junger Mensch, mit dem ich auf der Bahnfahrt mich anfreundete, bot mir billiges Quartier an. Er führte mich durch zahllose Gäßchen über Brücken und Kanäle. Das Quartier war ein steinernes Verlies mit einem kleinen Gitterfenster, durch das man in einen häßlich dünstenden Kanal blickte. Ich verbrachte die Nacht in Unruhe, merkte ein aufsteigendes Fieber und erwachte mit Schmerzen im Mund und an den Zähnen. Nun suchte ich zunächst aus dem Loche herauszukommen, konnte mich aber nur schlecht verständigen und hatte zu wenig Geld. Ich schleppte mich fiebernd auf den Markusplatz und fand in dessen Nähe ein kleines Hotel »Vittoria«, in welchem ich ein Zimmer mietete und mich zu Bett legte. Die Schmerzen wurden stärker und es kamen Fieberfröste. Es befand sich in dem Hotel eine Plättfrau, welche Deutsch verstand; diese wurde dem Kranken zur Pflege geschickt. Sie übernahm es, den fremden Studenten zu betreuen, aber tat es mit widerwärtiger Zärtlichkeit. Der Mund war zugeschwollen, so daß ich nicht reden konnte, und da ich es mit der Frau nicht verderben durfte und doch voll Angst schwebte, bewußtlos vor Schmerzen dem Drachen ausgeliefert zu sein, so riegelte ich das Zimmer ab und forderte einen Arzt.

Es wurde mir bedeutet, daß die Ärzte in den Apotheken Sprechstunde abhalten und daß in einer Poliklinik mir geholfen werden könne; dorthin also ließ ich mich von der südtirolischen Plättfrau führen. Ich wurde auf den Untersuchungsstuhl gedrückt, der Arzt betastete das Zahnfleisch, sagte, es sei Eiter im Munde und der müsse abgeleitet werden und kaum hatte ich »Ja« genickt, so setzte schon die kalte Zange an und ein völlig gesunder Backenzahn, der einzige Zahn, den ich bis zum fünfzigsten Jahre einbüßte, hing an der Zange. Irr und taumelig vor Schmerz setzte ich mich zur Wehr, und ehe die Zange wieder eingreifen kann, bin ich zur Türe hinaus. Nun fordere ich, daß ein Arzt ins Hotel geholt werde, welcher Deutsch versteht. Es war ein erlösender Augenblick als ein rundlicher, Vertrauen erweckender Herr im Gehrock an mein Hiobslager trat und auf Deutsch mich anredete: »Armes Herr Studente.« Er hieß Doktor Vinzenzo Magno und war Gynäkologe. Er gab Fiebermittel, ließ den Mund fleißig spülen und behandelte die Entzündung mit heißen Kompressen. Nach einigen Tagen war ich gesund. Ich schickte einen Eilbrief an meinen Vater; der fluchte zwar tüchtig über meinen eigenwilligen Ausflug, aber ließ umgehend telegraphisch Geld anweisen. Ich war leichtsinnig genug, bei meinem ersten Ausgang am Lido zu baden. Die Erinnerung an Venedig und die lange Rückfahrt durch die Schweiz blieb in mir haften wie Traumbilder jenseits von Raum und Zeit. Als ich gegen Pfingsten wieder in dem Stübchen am Schloßberg saß, da war mir zu Sinne wie dem Faust, der aus dem Reiche der »Mütter« zur Oberwelt zurückgekehrt, das Toten- und Schattenreich mit dem Reiche der Sonne mengt, ferne Gefühle, die mir neu gegenwärtig werden, wenn ich in den vielen Gedichten aus jenen Tagen blättere:

»Den Tod im Herzen wiegte mich die Gondel im Kanale Grande
Da schwangen meine Wünsche sich wie Tauben auf zum Vaterlande.
Die alten Helden, ernst und still, mir still und ernst herüberwinken
Die kaum erglühte Sonne will im Meer, im tiefen Meer versinken
Doch wenn die Woge nordwärts zieht, tönt aus der kalten Wassergruft
Vertrautes Lied, ein deutsches Lied, geliebter deutscher Lindenduft
Du willst ihn grüßen, Lindenbaum, den Sohn, der sich umsonst gemüht
Groß war er nicht, war glücklich kaum, doch wahrer keiner hat geglüht.«

Um Pfingsten erschien ein Chargierter des Korps Rhenania auf meinem Zimmer. Ein Aktiver der Verbindung, er hieß Viktor Schmieden, hatte meine Personalien festgestellt. Jetzt ließ die Rhenania nachforschen, ob ich in der Lage sei, für »ein disqualifizierendes Verhalten Satisfaktion zu bieten«. Ich hatte nun freilich ein paar Fechtstunden genommen, aber sicher war, daß nur eine tüchtige Abfuhr zu holen sei, wenn ich mich den Paukanten der Rhenania stellen würde. Ich lehnte also ab mit der Begründung, daß mir fern gelegen habe, die älteren Kommilitonen zu beleidigen. Wenn ein Student im zweiten Semester zu einer Hilfeleistung geholt werde, so bestünde nicht die Verpflichtung, daß er zurücktreten müsse, falls ältere Studenten in klinischen Semestern anwesend seien. Ich habe mich nicht vorgedrängt, sondern sei von dem ungarischen Herrn gewählt worden. Approbierte Ärzte seien die Rhenanen so wenig wie ich. – Aber, wehe, von da ab hatte ich in Freiburg keine ruhige Stunde. Es schien, als ob an alle Mitglieder der Rhenania die Parole ausgegeben sei: Dieser unverschämte Bengel muß abgestraft oder fortgeekelt werden. Wo immer die roten Käppis auftauchten, da hatte ich Anrempelei zu erwarten. Kam ich die Kaiserstraße herunter und es begegneten mir Studenten in Couleur, so wurde ein Wink erteilt, ich habe mich vom Bürgersteige zu begeben, und tat ich es nicht, so ranzten ein paar mich an, bis ich die Straßenseite wechselte. Sehr unangenehm wurde diese üble Ulkerei gelegentlich eines Promenadenkonzertes im Stadtgarten. Plötzlich befand ich mich eingekeilt in einer Gruppe rotkappiger Studenten, welche mich höhnend anpflaumten: »Nun Herr Medizinalrat, wie geht's der Schönen auf Isola Bella?« Sie ließen mich erst frei, als ich drohte, laut zu rufen. Diese Erfahrungen drängten mich, an meinen Vater die Bitte zu richten, daß ich die Universität wechseln dürfe, aber noch ehe die Frage des Ortswechsels entschieden war, kam eine Überraschung.

Mein Vater trat in Person in mein Zimmer. Er lobte den Schädel auf meinem Arbeitstisch und beanstandete die daran gelehnte Photographie der reizenden Thessa. Er habe den Entschluß gefaßt, seine Ferien in Tirol zu verbringen, sei über Freiburg gefahren und wolle mich mitnehmen. Das war gut und freundlich. Aber wann hätten wir beide uns in einander fügen gelernt? Es war das erste und einzige Mal, daß ich auf längere Zeit mit ihm allein war, und es gab stündlich Krach und Streit. In Konstanz fanden wir das Inselhotel besetzt bis auf das letzte Bett. Mein Vater ließ den Besitzer rufen und forderte, in seiner naiven Art, daß da eine Persönlichkeit wie er angekommen sei, eine minder wichtige aus dem Bette geworfen werden müsse. Einwände ließ er nicht gelten und schimpfte, als wenn ein weltgeschichtliches Unrecht geschähe, wenn ein Mann wie er kein Zimmer bekäme. Ich schämte und ärgerte mich, aber zu meinem Staunen bot der Geschäftsführer sein Privatzimmer an. In Schaffhausen weigerte er sich aus dunkler Laune, den Rheinfall zu sehen. »Rheinfall ist Reinfall. Für Naturschönheiten Entreebilletts lösen, das ist Frevel. Nein, mein Sohn, gehe du allein zu deinem Reinfall, dein Vater raucht indessen im Wirtsgarten eine Pfeife und liest die ›Frankfurter Zeitung‹.« In Innsbruck begann er just vor dem Denkmal Walthers von der Vogelweide eine seiner gräßlichen Predigten. »Merke dir mein Junge und präge dir ein, was dein Vater an dieser geweihten Stelle sagt. Und wenn du hier mal wieder stehst und ich schon lange verwest bin, dann erinnere dich an die Lehren deines Vaters. Ein Mensch, der nicht wenigstens einmal am Tage die Strümpfe wechselt und ein reines Taschentuch nimmt, der ist kein richtiger Mensch, und wäre er ein Walther von der Vogelweide. Ich wünschte, Goethe stünde hier und hörte unser Gespräch, er würde sagen: ›Ihr Herr Vater hat Recht.‹« Im Gasthaus Sterzing war das Kind der Wirtsleute erkrankt und der Dorfarzt hatte es falsch behandelt. Er schimpfte das ganze Haus in Grund und Boden. »Ihr solltet Gott auf den Knieen danken, wenn es mir gelingt, Kati gesund zu machen. Prügel habt ihr verdient. So ein Kollege ..., ich will nichts gesagt haben. Während ein Mann in eurer Gaststube sitzt, der beim ersten Blicke weiß, daß Scharlach keine Windpocke ist. Aber der Himmel ist barmherzig und wird euch nicht für eure Dummheit strafen.«

Einige Wegstunden von Sterzing liegt ein Hochtal, genannt Riednaun. Dort wollte die Sektion Hannover des deutschen Alpenvereines eine Schutzhütte stiften. Zu ihrer Einweihung hatten mehrere hannoversche Familien eine gemeinsame Sommerfrische vereinbart: Senator Heiliger, Justizrat Leon, Zahnarzt Bruns, Holzhändler Zucker, alles Patienten meines Vaters. Mit denen saß er vier Wochen lang in dem kleinen Gasthaus Haller, spielte Skat und rauchte Pfeife, während ich mit dem verrückten Professor Müller aus Teplitz und dem Chemieprofessor Arnold aus Hannover kleine Gletschertouren unternahm. Unter den Sommerfrischlern der einsamen Alpenwirtschaft befand sich eine Familie aus Köln, Versicherungsdirektor Thiele mit Frau und zwei Töchtern, Hildegard und Miezi. Ich verliebte mich furchtbar, ohne zu wissen, ob es die braune Hildegard sei, die klare energische, oder die blonde Miezi, die zarte lyrische, so daß ich in den Liebesgedichten die Adjektiva für die Farben der Haare und der Augen vorerst noch offen ließ. Wohl aber war mir klar, daß die beiden Schwestern das Herrlichste auf Erden seien und daß ich alle Mühe daran setzen müsse, nach Bonn zu kommen, denn dann würde ich an jedem Wochenende nach Köln fahren, um Hildegard oder Miezi zu sehen. Mein Vater war mit diesem Plan einverstanden, wenn auch aus anderem Grunde. Er sah voraus, daß ich bald für mein Fortkommen allein auf die Gnade des Großvaters angewiesen sein werde, und obwohl er selber mit dem Großvater in Feindschaft lebte, so wollte er mir doch diese einzige Chance nicht verderben. Studierte ich aber in Bonn, so konnte ich an jedem Wochenende zum Großvater fahren. Ich aber dachte: die Fahrt nach Düsseldorf geht über Köln.

In diesem schönen Alpensommer offenbarte sich an meinem Vater das Leiden, das die drei Jahre, die ihm noch gegeben waren, zum Duell mit dem Tode machten. Bei Spaziergängen überkam ihn Angst, selbst auf ebensten Wegen. Er weckte mich nachts und klagte über Angstgefühle. Ich aber begriff nicht den Ernst der Lage. Auch auf der Rückfahrt im offenen Wägelchen lachte ich, als er angesichts der rot brennenden Alpen sagte: »Es ist schwer, auf immer Abschied zu nehmen.« Dann erzählte er eine Duellgeschichte, ganz in der Schwebe lassend, ob er auf mein Erlebnis in Freiburg anspiele oder seinen Zustand schildere. Ein fröhlich dahinlebender Mann findet sich verwickelt in einen Ehrenhandel. Es ist vereinbart, daß die beiden Gegner sich nach Jahresfrist zu stellen haben. Dann sollen sie Lose ziehen. Einer von beiden muß sterben. Der Leichtsinnige versucht fröhlich weiter zu leben, aber je näher der vorbestimmte Zeitpunkt kommt, um so furchtbarer wächst die unsagbare Angst. Die Angst wird schließlich so schrecklich, daß er vorzieht, sich freiwillig zu töten, statt den Tag der Entscheidung abzuwarten. – Wir trennten uns in Bitterkeit. Und die Bitterkeit zwischen uns wuchs unheilbar, als ein paar Wochen später ihn das Erscheinen meines unseligen Erstlingswerkes überraschte. Nun sah er, wofür ich Zeit, Kraft und Geld vertat. Und jedes Wort des Buches mußte ihn kränken und erzürnen.

So war denn also das Buch nun da, das Werk, von dem ich eine Besserung der Welt und eine Veränderung meiner demutvollen Lage mir erträumt hatte. Und was geschah? Gar nichts. Kein Zuspruch, kein Widerspruch. Es blieb alles beim Alten.

Die Rückreise in die Heimat machte ich auf Umwegen. In Straßburg bestieg ich das Münster und erlebte in Sesenheim, auf Goethes Spuren eine unvergeßliche Kirmes. In Kannstatt besuchte ich das Grab Freiligraths. Die auf den Besuch bezüglichen Zeilen des Tagebuches enden so:

»Dieses Veilchen ist dein Aug, das die heitre Welt gespiegelt,
Hast nun deine Pflicht besiegelt und die meine tu ich auch,
Denn wir deutschen Dichter werden stets geschunden bis aufs Blut
Aber nirgendwo so gut schläft sich's wie in deutscher Erden.«

Als ich sieben Jahre später an der gräßlichsten Wende des Lebens auf einen Tag nach Stuttgart mußte, erkannte ich mit Schaudern, daß ich, ohne es zu wissen und zu wollen, noch einmal im selben Gasthof, ja wahrscheinlich im selben Zimmer mich befand, wo ich auf dieser Fahrt nach Bonn verweilt hatte und spürte wie Oedipus vor dem Abgrund: »Und also kam ich unbewußt wohin ich kam.«

Herbst 1893 kam ich nach Bonn. Es erreichten mich in der Folge einige Ermutigungen von Menschen, die aus dem monströsen Jugendwerk einen Funken verschluckt hatten, jenen Funken, von dem Klages schrieb: »Es ist nichts als ein Funke von jenem Schmerz, dessen Überwindung die Meisterwerke gibt.« Eine dunkelglühende Dichterin, Maria Janitschek, schrieb: »Ein bloßgelegtes Menschenherz seh ich zucken und höre es klopfen«, und eine Freundin der späteren Jahre, Helene Böhlau: »Was Sie tun ist Torheit, Sie wollen Maulwürfen predigen von der Herrlichkeit des Lichtes.« Georg Brandes schickte aus Kopenhagen ein paar vorsichtig tastende Zeilen, aber die herzlichste Anerkennung kam aus Paris von Max Nordau: »Mein lieber junger Kollege, Ihr Buch ist noch ganz weltunerfahren und unreif, aber ich lese über die dumme Geschichte einfach hinweg, denn an den Stellen, wo Ihr Wesen und Denken durchbricht, da muß ich aufhorchen, und ich sage mir: ›Es ist Most, aber das gibt einmal Feuerwein, Firnenwein.‹ Ein Temperament wie das Ihre kann sich nicht begnügen, Rezepte zu schreiben. Sollte ich von Ihnen in Zukunft nichts Großes hören, so werde ich annehmen, daß Sie jung gestorben sind.« Mit solchen Bestätigungen des guten Willens berauschte die Eitelkeit sich nur allzu gern, aber heimlich raunte schon mein besseres Wissen: »Vergeblich möchtest du Gipfel erspringen, die nur wenige Genien zu erfliegen vermögen. Fliegen wirst du nie; also arbeite.«


 << zurück weiter >>