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21. Bonn

Herbst 1893, als sommermüde schon die Blätter tanzten durch die Poppelsdorfer Allee, miete ich ein Parterrezimmer nahe der Anatomie bei Witwe Martini. Es kostete, Frühstück und Abendessen inbegriffen, 45 Mark im Monat. Das Haus lag in einem unbebauten Gärtchen am Rande der Agrippinenstraße. Rundum starrte kahles Feld und Baugelände. Die kinderlose Frau Martini, eine hibbelige Person, wollte ihr Besitztum ausnützen und hatte daraus ein Studentenheim gemacht. Im ersten Stock wohnten vier Mediziner, Aktive der Makaria. Unterm Dach ein dichtender Theologe, Hugo Jüngst, und im Parterre hauste außer mir und einem liederlichen jungen Buchhändler die fahrige alte Dame.

Bonn war weder so arbeitsam noch so wohlfeil, wie mein schwarz tannenumhegtes Freiburg gewesen war. Feudale Korps, Saxoborussen und Saxosaxonen gaben den Ton an. Blaues Blut tobte durch die altertümlichen Gassen. Auf dem Rheine glitten weiße Segel ins frohe Frankenland, die Landschaft des klaren Goethe, des klugen Holbein. Alles lockte hier zum Leben und ich kam, um zu arbeiten.

In der kleinen Studentenfabrik waren die Tage ehern geregelt. Die blonde Magd verteilte ihre Fürsorge unter die sieben Pfleglinge und den Hund Titi. Morgens sieben schob sie jedem den ihm zukommenden Kaffee mit frischen Brötchen ins Zimmer. Abends acht den Tee, ein Ei und Aufschnitt. Über Vormittag gingen die Makaren ins Kolleg, an schönen Nachmittagen fuhren sie nach Godesberg, abends kneipte man auf dem Markte. Immer »keilten« sie mich, ich müsse Makare werden, aber da ich widerstand, als der einzige nicht »aktive« Student im Hause, so galt ich als ein »Streber«. In dem von Jugend überfüllten Hause dröhnte ewiges Lachen, treppauf, treppab. Wir schrieben uns Briefe von einem Zimmer ins andere und ärgerten einander mit Spritzen und Knallerbsen. Steckte ich den Kopf aus dem Fenster, kam jupp von oben ein Wasserguß. Röder unterm Dach kratzte Geige. Engelhardt und Piper hatten das große Zimmer in einen Fechtsaal verwandelt und übten mit Rapieren. Der lange de Ham lief in der Badehose und nahm Sonnenbäder. Herr Trappen, der Buchhändler ließ kein Dienstmädel der Nachbarschaft ungeküßt. Ich aber saß bei Balthasar oder am Mikroskop, auf dessen Besitz ich stolz war. Piper, der Schlesier verfertigte einen »physiologischen Frosch«; das Blut wurde abgelassen und statt des Blutes kreiste eine Kochsalzlösung zur Offenbarung der Herzarbeit. Wir sezierten Kaninchen und ein von der Anatomie gepaschtes Gehirn wurde gemeinsam abgetragen. Unser Theologe sprach von Sünde; der leichtfertige Buchhändler guckte zu, die Zigarette im zynischen Mund.

Die naturwissenschaftlichen Leuchten der Friedrich-Wilhelm-Universität dürften verwundert gewesen sein, als ein blasser Student vor Beginn des Wintersemesters jedem Professor einen Besuch abstattete mit der Bitte, ihn zu beraten; dem Physiker Hertz, dem Physiologen Pflüger und dem Chemiker Kekulé.

August Kekulé von Stradonitz war ein vornehmer alter Herr in schneeweißem Gelock, das ein weinrotes Gesicht kränzte wie ein Klaks Schlagsahne eine Riesenerdbeere. Er empfing mich im Kittel an der Tür des Laboratoriums: »Was wünschen Sie?« – »Chemie studieren.« – »Wo haben Sie bisher studiert?« – »Bin Anfänger.« – »Aber Sie beherrschen doch die Anorganische?« – Ach ich war so unwissend, daß selbst der Unterschied von Organischer und Anorganischer mir nicht deutlich war. Und hätte er gefragt, was Wasser sei, ich hätte Unsinn geantwortet. »So, so« sagte der feine alte Herr, »Sie gehören zu den Leuten, die das Haus vom Dache an aufbaun. Merken Sie sich, ich bin Organiker und nun gehen Sie nach Hause.« Da stand ich beschämt. »Donnerwetter«, brüllte er, »wozu sind Sie nach Bonn gekommen?« – »Ach« sagte ich hilflos, »um Kekulé zu hören«. Das gefiel ihm. »Gehn Sie zum Anschütz.« Anschütz, nachmals Kekulés Schwiegersohn, paukte das Repetitorium der Anorganischen und mit zähem Fleiß bekam ich es fertig, Kekulés Vorlesung folgen zu können, während ich die Elementarchemie nachholte. Das war möglich, weil der große Mann nie ein Thema zu Ende brachte. Er hörte sich allzu gern reden, machte viele geschichtliche Umschweife und rundete jeden Vortrag zu letzter Vollendung; aber bei Anschütz wurde einfach gearbeitet.

Nie würdigte Kekulé mich eines Worts. Im Praktikum (»Schiffkurs« genannt, weil man ewig Urin untersuchte) schlürfte der große Forscher durchs »Labor« und ließ goldene Worte fallen. Mittags um eins, wenn die Makaren und ich zum Mittagessen gingen, schlenderte er die Allee hinunter ins »Rote Hähnchen«. Wir gingen an ihm vorbei und grüßten tief. Eines Tages ruft er: »Halt« und winkt mich heran. »Warum sind Sie heute nicht in der Vorlesung gewesen?« – »Bin dagewesen, Herr Geheimrat!« – »Aber Sie haben nicht am Platze gesessen.« – »Ich habe den Platz gewechselt!« – »Bleiben Sie am alten Platz; ich habe mich an die dämlichen Gesichter gewöhnt.« – Ein paar Tage darauf winkte er abermals und fragte: »Haben Sie alles verstanden?« Ich nutzte die Gelegenheit, um von meinen Zweifeln zu sprechen. Nein, ich würde nie verstehn was ein Atom sei. Und ob er glaube, daß das wirklich sei? Die wirkliche Wirklichkeit? – In jenen Tagen orakelten alle über Atomphysik. Begriffe wie Elektron und Ion gingen um und die Ganzweisen sagten: »Atom? Das ist der Kosmos noch einmal.«

Kekulé erfüllte uns mit sinnfälligen Bildern der Materie. Wenn man Fragen stellte, dann griff er zu einer Art chemischen Baukasten. Das waren kleine Kugeln in vielerlei Farbe. Aus den Kugeln ragten Häkchen. Die Häkchen bedeuteten »Valenzen«. Die Kugeln verhäkelten sich ineinander. Eine der Kugeln benahm sich symmetrisch, die andere asymmetrisch. So konstituierten sie das Molekül der Milchsäure oder das der Apfelsäure. Und der Meister versicherte, das sei der Vorgang der chemischen Umsetzung. Wir turnten am Benzolring, und ich dachte: »Eine hübsche Erfindung.« Aber Klages klagte ich meinen Unglauben. – Es wurde bald zur Gewohnheit, daß wir den alten Herrn vom Laboratorium durch die Allee begleiten durften und nun erst entdeckte ich, daß der bewunderte Meister ein unglücklicher Mensch sei, ruhelos gequält von Schlaflosigkeit, bald vom Morphium bald im Alkohol Betäubung hoffend und eigentlich nur von einer glorreichen Vergangenheit zehrend. Alle heiklen Fragen schnitt er ab. Ich philosophierte von der »Welt als geschlossenem System« und vom »Leben als offenem System«. Von der Sicherheit des logischen Gesetzes und der Unsicherheit des physikalischen. Von der »primären Zuordnung der eigenschaftslosen Uratome«. Und er, ganz Ironiker, ganz Empiriker entschied: »Atom?! Das ist die kleinste Gewichtsmenge eines Elements, die in eine Verbindung eingeht. Basta!«

Ich habe dies Philosophieren bitter bereuen müssen. Beim Examen setzte er sich in große Haltung und begann ironisch: »Die Herrn Mediziner wissen von Chemie gar nichts. Einige aber philosophieren. Herr Kandidat, kennen Sie den Siedepunkt der Stickstoffwasserstoffsäuren? Bitte um die spezifischen Gewichte des Lithium und Osmium? Reden Sie uns a bisserl vom Bau der Amine und Imine.« Und da keine Antworten kamen, freute er sich und grinste: »Ja ja, wie leicht ist Philosophieren. Aber ernst ist die Wissenschaft.«

Heinrich Hertz war ein kindlicher einfacher und gar nicht imposanter Mann. Es ist ein freundlicher Irrtum zu wähnen, daß Geister, die in den Wissenschaften das Höchste leisten, darum auch in ihrem persönlichen Leben merkwürdige oder bedeutende Wesen seien. Gewöhnlich besteht die geistige Größe darin, daß jemand während eines Menschenlebens mit einem Gehirne das leistet, was ohne sein Erscheinen auf Erden nur viele hundert Menschen mit vielen Gehirnen auf mehrere Generationen verteilt geleistet hätten. So war es bei den meisten großen Ingenien, die ich gekannt habe. So bei Edmund Husserl, bei Wilhelm Wundt, bei David Hilbert. Ja, es schien mir nicht einmal nötig, daß der große Wissenschaftler auch ein durchbildetes, kultiviertes und geistig bewegtes Innenleben führe, erinnere ich doch, daß David Hilbert, zweifellos Deutschlands führender Mathematiker, auf dem Walle in Göttingen zu mir sagte: »Sie müssen ein Buch lesen; es ist das schönste was ich je gelesen habe.« Und was war es? Ein damals verbreiteter Schund, betitelt: »Die Memoiren einer Verlorenen«. Aber solche Kindlichkeiten gehören wohl zur Natur der »spezifischen Genies«. Sie sind die Schatten ihrer Tugenden.

Auch Heinrich Hertz war keineswegs besonders reich und elementar oder wie man damals sagte »differenziert«. Er war ein schlichter rastloser Arbeiter. Kekulé« nannte ihn boshaft: »Unser berühmtes Embryo«. Herbst 1893 stand er auf der Lebenshöhe und hatte eben den Vortrag über »Licht und Elektrizität« gehalten, welcher das neue Alter der Physik einläutete. Bald darauf klagte er über Zahnschmerzen. Der kranke Zahn veranlaßte eine Stirnhöhleneiterung. Der Eiter entzündete die Hirnhaut und nach ein paar Stunden erlosch das Licht. Der alte Physiker Lorberg, der statt Hertz uns prüfte, wagte kaum zu fragen. Die Studenten antworteten unverschämt. Mich prüfte der Assistent Lennartz, nachmals ein Fanatiker des nationalen Deutschtums, damals ein schwermütiger Preßburger Jude. Nach ein paar Fragen schrieb er: »Sehr gut.«

Von allen Lehrern der bestgefürchtete war Friedrich Wilhelm Eduard Pflüger, ein plumper launenhafter Mann, der in keiner guten Haut steckte und als streitbarer Rechthaber manches Steckenpferd ritt. Die zwei berühmtesten hießen: »Eiweiß ist die Quelle der Muskelkraft« und »Ich sehe die Nervenenden«. Voit in München lehrte: »Kohlenhydrate sind unersetzlich.« Pflüger erwiderte: »Nur Eiweiß ist unersetzlich.« Die Töchter Voits hießen bei den Studenten: »Zuckermädeln«, und wir nannten die Pflügertöchter »Eiweißmädchen«. Hekatomben armer Hunde wurden geopfert, um das eine oder um das andere zu beweisen. Schließlich kam ein neuer Begriff: »Vitamine«. Und Voit samt Pflüger wanderten zum alten Eisen. Auch das zweite Steckenpferd, »Ich sehe die Enden der Nerven«, endete beim Schinder. Er zeigte sie uns im Mikroskop. Weiß der Teufel was wir sahn? Jeder hätte beschworen, daß er sie erblicke. Aber die ganze Neuronenlehre wurde mir verdunkelt, als mir ein Buch von einem Arzt namens Kreidmann in die Hände fiel: »Der Nervenkreislauf«, daraus ich die Kunde vernahm, der Histologe von Apathy habe nachgewiesen, daß alle Nerven im Kreise laufen und die große Frage nun sei: »Kontinuität oder Kontiguität?« Ich suche seither im Mikroskop nach Nervenenden. In meiner »Philosophie als Tat« (1914) habe ich den naturwissenschaftlichen Betrieb jener Tage geschildert, denn alle Träume knüpfen sich seit dem Scheitern des Dichtertraums an die exakte Naturwissenschaft, jetzt wollte ich Physiologe werden und wenn ich Verse machte, so entstanden Ungeheuer wie dies folgende:

»Bevor ich für immer von hinnen muß gehn,
Um nie mehr im Kreise des Menschseins zu dienen,
Möcht gerne drei Dinge vollendet noch sehn,
Die für unsere Zeit mir die wichtigsten schienen:

Daß uns die Synthese des Eiweiß gelungen,
Daß der Schwerkraft Rätsel wir endlich verstehn
Und daß man die Nervenendigungen
In motorischen Muskeln endgültig gesehn.

Dann sah ich genug. Mit zufriedenem Sinn
Will auf Ewig ins ewige Urnichts verschwinden,
Denn ich weiß: Wenn schon lange ich nicht mehr bin
Wird die Menschheit den Weg zur Vollendung finden.«

Ein ganzes Jahr lebte ich wie Homunkel in der Retorte und erforschte durch künstlich verschliffene Gläser eine künstlich verschliffene Natur. Die wenigen Male, wo ich am Rhein spazieren ging oder ins Siebengebirge und zur Loreley fuhr, trug ich Präparate in der Tasche und Analysen im Kopf. Und kaum noch regte sich in schwermütigen Stunden das geheime Wissen um den Unsinn meines Wissens:

»Ich sprach und hörte zu viel tote Worte,
Die mir Gerüll auf meinen Garten legten,
Wo keines Liedes Stimmen mehr sich regten
Und keine Pilger wandern nach dem Horte.«

Wohl flüchtete ich zuweilen in die sogenannte Geisteswissenschaft, hörte den Philosophen Jürgen Bona Meyer und den Literaturforscher Berthold Litzmann, aber deren Geschwätz konnte ich nicht ernst nehmen, und nach jedem Ausflug in die Geisteswissenschaft ging ich froher in die Laboratorien und ermunterte mich selbst:

»Wo ist Wahrheit? Worte! Worte. Such zu lernen, das ist klüger,
Meide die Geniekohorte, geh zu Kekulé und Pflüger.«

So lebte ich einsam, aber schließlich fand ich einen Gönner, Herrn von La Valette. Freiherr La Valette von St. George war ein gemütlich jovialer Aristokrat, welcher nebenher Anatomie trieb. Man sagte von ihm: »Er schlummert auf den Schwänzchen der Samenfäden«, denn in seiner Jugend hatte er ein paar gute Arbeiten geliefert über die Eigenbewegung der Samenschwänzchen, danach aber kümmerte er sich nur noch um sein Landgut, darauf er Tauben und Forellen züchtete. Er liebte es, Anekdoten zu erzählen, umgeben von einem Hofstaat von Assistenten im blauen Rauche der Tabakspfeife. Kavalier und Rheinländer hegte er in seinem guten ehrgeizlosen Herzen ein großes Wohlwollen für alle Menschen, mit Ausnahme von Juden, besonders aber für die blaublütigen Studenten feudaler Korps.

Es gab noch zwei andere Professoren für Anatomie: Schiefferdecker, steifleinener Embryonensammler und Max Nußbaum, an Geist und Kenntnissen allen überlegen, aber als Jude fünftes Rad am Wagen und mit La Valette in Gegnerschaft. Es kam für mich sehr überraschend, daß just La Valette an mir Gefallen fand. Das fing an mit dem gemeinsamen Frühgang. Fünf Mediziner aus der Studentenfabrik Martini stapften morgens über verschneite Felder. Der alte La Valette mußte an unserm Hause vorüberkommen. Wir benutzten ihn als Weckuhr. »Röder wie spät ist es?« – »Mensch, in der Baumschulenallee schnauft es. Gleich wird er da sein.« Kam er nun heran, so traten wir aus der Haustür, und dann knarrte sein martialischer Baß: »Lente, meine Herrn, Lente! sagte der Lateiner. Zu Deutsch: Nehmen Sie mich mit«, oder er dampfte: »Meine Herrn! Was sagte der Dieb als er zum Galgen ging? Nur immer sinnig! Ehe ike nich dabin, kann die Festivitas nich losgehn.« Meistens verspätete er sich. Darauf hatten wir ein Lied gemacht, zu singen nach der Melodie »Im schwarzen Walfisch zu Askalon«. Bei wachsender Vertraulichkeit begrüßten wir ihn mit folgendem Kantus:

»Der edle Freiherr von La Valette liest morgens um acht Kolleg;
Halb neune liegt er noch zu Bett, dann macht er sich auf den Weg.
In Myo-Osteao-Splanchno-logie ist keiner so gescheit,
Jedoch das Schlafen morgens früh ist eine schwache Seit'.«

La Valette gewöhnte sich daran, daß morgens acht die »makarische Eskorte« bereitstand. Er klopfte mit dem Krückstock an die Scheiben. Hinter der Gardine hing Balthasar und der Militärbaß dröhnte: »Na, wo bleiben die Herrn? Raus aus den Betten.«

Um Weihnachten 1893 kam eine Krise. Mein Vater hatte »Komödie« gelesen. Er forderte, daß das Zeug eingestampft werde. »Wenn nur ja niemand deine Bücher liest.« Ich stellte mich trotzig, aber ich hatte die Unbesonnenheit dieser vorschnellen Veröffentlichung eingesehen. In das erste Exemplar schrieb ich:

»All Leiden und Ringen umsonst gewesen, so gut als nicht vorhanden
Kein Teufel wird deine Bücher lesen, kein Freund hat sie verstanden
Aber das Schlimmste von allem Bösen: Ich kam mir selbst abhanden.«

Der Großvater hatte versprochen, daß er meine Studien unterstützen wolle; ich ersehnte vom Vater unabhängig zu sein. Wie konnte ich Geld verdienen? Aus solchen Erwägungen pochte ich leis bei La Valette an, ob er mich beschäftigen wolle. Bald darauf fragte er, ob ich Lust hätte sein Vorlesungsassistent zu werden. Ich hatte während der Vorlesung neben dem Katheder zu stehn und kleine Handreichungen zu leisten. Zudem war ich verantwortlich für die Präparate. Ich konnte in der Anatomie mich jederzeit aufhalten. Ich stellte mich in das leere Rund des Hörsaals und hielt angesichts kahler Bankreihen Vorträge, indem ich durch scheinbares Lehren erst lernte. Der Tag war immer der gleiche. Morgens 8-9 Anatomie. 9-10 Physiologie, 10-11 Chemie, 11-12 Physik. Nachmittags Botanik bei Straßburger, Zoologie bei Ludwig und dann bis Dämmerung Arbeit auf der Anatomie. Zu Hause wiederholte ich das am Tage Empfangene bis tief in die Nacht. Alle Monat einmal fuhr ich Sonntags nach Düsseldorf und sah in Köln die angebetete Miezi; sie heiratete den Kommilitonen Engelhardt. So gings bis Frühjahr 1894, da geschah etwas Merkwürdiges.

La Valette war Dekan der Medizinischen Fakultät, bei welcher ich zum Examen die Personalpapiere einzureichen hatte. Er nimmt sie, blättert darin, blickt verdutzt auf und sagt naiv erschrocken ohne Rücksicht auf die umstehenden Studenten: »Teufel! Sie sind ja e Jud.« – »Jawohl, Herr Geheimrat.« Und ohne zu fühlen, wie undelikat diese Sympathiekundgebung ist, springt er auf, klopft mir den Rücken und tröstet: »Is nich weiter schlimm. Gott ne! Sein Se man zufrieden.« – Ich war überangespannt und schlaflos. La Valette sah es und mahnte, nicht weiter zu arbeiten. »Bei mir kommen Sie ohnehin durch, und wenn die andern Sie fragen was Sie nicht wissen, dann bin ich auch noch da.« In der Tat pflanzte er sich bei der Prüfung hinter meinen Stuhl und versuchte vorzusagen. Aber schon bei Kekulés ersten Fragen knarrte sein beleidigter Baß: »Verflucht! Das weiß ich nicht.« Und so blieb es auch bei allen sonstigen Fragen. Schließlich brummte er: »Was die Brüder alles wissen wollen. Ein Anatom braucht das nicht zu wissen.« Aber als ich dann von ihm selber geprüft werden sollte, lehnte er sich zufrieden in seinen Ehrensessel und knurrte: »Schießen Sie los. Was können Sie?« Und zur Erklärung an die Umstehenden: »Dies ist mein Assistent; passen Sie auf, da können Sie was lernen.« Und noch ehe ich anfing vorzutragen, wozu ich just Lust hatte, stand im Prüfungsprotokoll: »Summa cum laude«, und nach fünfzehn Minuten erklärte er befriedigt: »Meine Herrn, begießen wir unsern Hypoglossus mit nem guten Schluck. Amen.«

Indessen die Aufregungen des Examens gruben sich tief ins Mark. Ich merkte es daran, daß Jahre lang ein bestimmter Traum wiederkehrte. Ich befinde mich in Bonn auf der Anatomie, zugleich Lehrer, Lernender und Präparat. Mein Leib liegt auf dem Seziertisch, ich seziere, frage und soll zugleich Antwort geben; die unheimlichste Ichspaltung, die ich erlitt.

Das Jahr in Bonn war Pallas Athene geweiht. Vielleicht hätte sie mich in ihren Schutz genommen und es wäre aus mir etwas Rechtes geworden, wenn nicht jener Einbruch des Dionysos gekommen wäre. Ich war zum Karneval nach Köln gefahren, hatte den großen Korso mitgemacht und stand im Begriffe zurückzukehren zu Büchern und Mikroskop, als Herr Direktor Thiele mir begegnet und im Gespräch den großen Maskenball erwähnt, auf den er seine Tochter zu führen gedenke. »Kommen Sie auch?« – »Ja, ich werde kommen.« Und alsbald gab ich mir Mühe, noch eine Karte zu erhalten. In einer Theaterleihe entlieh ich das Gewand eines polnischen Ritters, Pluderhose, Federbarett, Stulpen, Galanteriedegen. Ich wollte Hildegard im Schutze dieser Maske das sagen, was Klages in Rudolphs Hotel, des Knopfes wegen, nicht hatte sagen können. Endlich mußte die Entscheidung fallen. Hildegard oder Miezi? Miezi war zum Verlieben für einen lyrischen Dichter die bessere gewesen. Zum Heiraten aber für einen Anatomen war Hildegard geeigneter. So gesund, so wohlgebaut. Und eines wußte ich: Lange würde mein Blut nicht mehr zu zähmen sein. Zerbrachen aber in mir Jordan und Scherr, was sollte dann werden? An Scherrs Grabe hatte ich den Eid geschworen. Konnte ich ihn nicht halten, dann starb ich freiwillig. Hätte man mir damals gesagt, daß ein paar Jahre später alle meine Begriffe von Tugend, Moral, Ziel und Ideal zerbrochen sein würden, ich hätte es vorgezogen, tot umzusinken. Ich fürchtete den Sprung ins formlose Nichts. Ich flehte zu Pallas Athene und sie, tiefer mich durchschauend als ich noch mich selber durchschaute, schickte den Dionysos. Denn der Verlauf des wackeren Vorsatzes war dieser: In den riesigen Hallen des »Gürzenich« herumstreifend, fand ich zwar Herrn Direktor Thiele, aber die Tochter, welche er zu Balle führte, war weder Hildegard noch Miezi, sondern eine mir unbekannte, in Köln zu Besuch weilende Adoptivtochter aus Österreich. Die Enttäuschung war bitter. Entschwunden war die einzige Gelegenheit, sich bürgerlich zu verloben. Aber der bitter enttäuschte Knabe im Kleide des Minneritters war ja nun doch mal auf »Erleben« gestimmt. So stürzte er voll Wehmut in das Maskentreiben und blieb hängen an einem entzückenden Pierrot, der nach ein paar Neckereien in französischer Sprache fragte, ob der Minneritter schon je ein Mädchen geküßt habe. Sie war ein Bürgerkind aus dem Elsaß, Französin, bei Verwandten zu Besuch. Die Demaskierung brachte eine liebliche Überraschung, darum schon, weil jedes eine Enttäuschung erwartet hatte. Wir gefielen einander sehr und erregt von Tanz, Wein und Jugend, begannen wir sogleich hinter tannengrünbehängten dicken Säulen einander zu küssen, hundertmal und abermal hundert, bis das Mädchen, gewitzter und listiger, vorschlug, den sie bewachenden Tanten und Onkeln zu entfliehen, worauf wir unsre Überkleider holten, in einen der vorm Portal wartenden Wagen stiegen und den Kutscher beauftragten, den Rhein entlang zu fahren. Aber der Knabe war so tief befangen in bürgerlichen Ehrbegriffen, daß er die Hingabe eines Mädchens nur als Bindung für das ganze Leben genommen und jedes ihm zugeneigte Glück zu Tode moralisiert hätte. Unbegreiflich war es und ein schwerer Schlag, daß das klügere Mädchen nach vertobtem Fest sich verabschiedete mit der Versicherung, es sei besser, daß wir einander weder schrieben noch uns wiedersähen. Zu innerst aufgewühlt kam ich zurück zu Balthasar und Mikroskop.

Das Ergebnis dieses Jahres war ein gutes Examen und ein Zusammenbruch. Der Kinderschlaf war dahin. Ich erschien mir als ein Priester, der seine Gelübde nicht halten kann. Meine Gelübde aber galten der Wissenschaft. Was war das für eine Wissenschaft? Es war die Wissenschaft, welche die blühende Erdenjugend verwüstet, ihre Wälder hinwegrasiert, ihre Flüsse einreguliert, ihre Naturkinder abmetzgert und das europäisch-amerikanische Menschengesindel in hundert Jahren verdoppelt hat; es war die Wissenschaft, welche Goethe geheimrätlich weimarisiert, von welcher Romantik erschlagen wurde, die aber Newton und Darwin und deren insularen Nützlichkeiten zum Siege gebracht hatte. Die Wissenschaft des Fortschritts, des kapitalistischen Machttaumels; unsres deutschen Kaiserreichs und seines hochnäsigen Bürgertums. Es war die Wissenschaft, vor welcher Klages und ich versagten, denn auch ihm war es unmöglich, sich einreihen zu lassen. Immer wenn der Tag des Examens kam, Jahr um Jahr, befiel ihn Angstneurose. Er legte sich ins Bett und war nicht zu bewegen, sich zur Prüfung zu stellen, bis er schließlich notdürftig »den Doktor baute«. Nun, ich hatte mir das Examen abgetrotzt, und mein Vater war versöhnt, als ich in die Heimat zurückkam.

Es war in Hannover das alte Lied. Wutausbrüche, Türenzuschlagen, Tränen und Unfrieden. Der Vater ein Todeskandidat. »Angina pectoris auf Grund von Koronal-Arteriosklerose.« Jeder wußte wie das endete. Keiner sprach davon. Ebstein-Göttingen schickte ihn nach Karlsbad, Gerhard-Berlin nach Gastein. Er besuchte Heilstätten und Autoritäten, hielt sich für genesen, nahm die Praxis wieder auf, bekam neue Herzkrämpfe. Die Geldmittel wurden knapp. Er hatte ein Grundstück an der Königstraße gekauft und konnte nicht zahlen. Schwester Sofie hatte sich verlobt; ihr Liebhaber, ein junger Arzt, der den Vater behandelte, Corpsstudent, Draufgeher, Prahlhans mißfiel dem Vater. Der tobte: die Tochter gehöre ihm, er gönne sie keinem, er habe seine Praxis nicht dazu gesammelt, daß nun dieser Kerl ernte. Schließlich überredete er das Mädchen, das Verlöbnis zu lösen. Das entzweite sie mit mir. Ich hatte mich dem Bewerber befreundet und sah in der Folgsamkeit gegen den Vater nur Charakterlosigkeit. So blühte der Kampf aller gegen alle.

Aber in diese Dunkelheiten leuchtete ein Stern. Wieder gingen wir unsre alten Wege. Wieder planten wir gemeinsames Werk. Flogen wieder in das gemeinsame Blau. Trunken vor Erwartung verabredeten wir zusammen nach München zu gehn. Die Alten sollten es nicht wissen. Die Verwirklichung dieses Planes wurde nicht schwer. Ich sah so krank aus, daß der Vater, milde gestimmt durch das Examen und durch sein eigenes Leiden, bereit war, mich ins Hochgebirge zu entlassen. Der Großvater gab das Geld. Grete befand sich in Partenkirchen und erbot sich, mich gesund zu pflegen. Wenn ich in Partenkirchen genesen war, dann sollte ich im benachbarten München weiterarbeiten. Dort wohnte der Bruder meiner Mutter. Ziemssen, der Internist und Winkel, der Gynäkologe, waren mit dem Vater bekannt und Winkels Assistent war ein Vetter. Freilich mußte ich La Valettes Anerbieten, sein Assistent zu bleiben ausschlagen. Es war ein verhängnisvoller Wechsel. Und doch! Wenn mir heute die Norne freistellte, das gewesene Leben noch einmal zu wiederholen, ich würde erwidern: »Laß alles Vergangene auf Ewig vergessen sein. Ich will nichts und niemanden wiedersehn. Will Vogel bleiben oder Blume oder Wolke. Aber eine kurze Zeitspanne möchte ich noch einmal leben: den Herbst und Winter 1894.«

Leidend und krank kam ich in die Berge und erfuhr dort das schönste Glück, das es auf Erden gibt: Genesungsfrohsinn, Gesundheitsfreude, Muskelfröhlichkeit. Woran denn war ich erkrankt? An Überlastung mit Wirklichkeit. Mein ganzes Leben bis dahin war Anspannung des Willens oder des Denkens gewesen. Immer sollte ich etwas, immer wollte ich etwas. Immer standen vor mir Forderungen, Grundsätze und Ideale. Immer lauerten um mich Neider, Gegner, Unterdrücker. Dadurch wurde ich wach, bewußt und schlaflos. Nun zum ersten Male hatte ich kein Ziel mehr. Nach dem Examen, so dachte ich, darfst du getrost ein halbes oder ganzes Jahr bummeln. Ich wollte nichts und bedachte nichts. Ich lebte wie Pflanze und Tier im Augenblick, das heißt in der Ewigkeit und jenseits der Bewußtheit. Weitab von der Nähe und ihrem Schmerz. Das ist nie später wiedergekommen. Denn immer hat die Not, haben Armut und Krankheit mich ins Ich und zur harten Denkerklarheit hingestoßen, damit aus einem Dichter ein Philosoph erstünde, aus einem Träumer ein sozialer Aktivist. Aber nun zum ersten Male war ich entspannt, durfte dichten und träumen in der Nähe der mütterlichen Hüterin und, o Seligkeit, endlich vereint mit dem herrlichsten aller Menschen.

Partenkirchen war ein Bergdorf am Fuß des Wetterstein. Einige Jahre zuvor (es ist im »Fröhlichen Eselsquell« geschildert) hatte ich die Eröffnung der ersten Bahn zwischen Murnau und Partenkirchen miterlebt. Aber jetzt gings zum Winter, und es kamen keine Gäste mehr. Ich war der einzige Gast beim »Werdenfelser Michl« und genoß für drei Mark den Tag herrliche Wohnung und üppige Verpflegung. Es war der wundervollste Herbst. Allerseelen lag ich in Hemdsärmeln auf den Felsen unter Sankt Anton und schrieb Gedichte. Der Verleger Friedrich wollte trotz des Mißerfolgs von »Komödie« doch die Jugendlieder drucken. Ich stellte sie zusammen. Es wurde mein schönstes Buch. Ich widmete es den Manen meines geliebten Lehrers Johannes Scherr und gab ihm denselben Titel, den auch Scherrs Jugendgedichte trugen: »Laute und leise Lieder.« Zu Weihnachten lag ich immer noch unter Sankt Anton und schrieb ein Drama: »Christus und Venus.« Der Dämon des Geschlechts ließ mich in Ruhe, weil er durch Sport und Wandern täglich ermüdet wurde. Mit dem uralten Bergführer Pitzner machte ich die schönsten Klettertouren: Krottenkopf, Schachen, Kuhflucht. Dutzendmal ging ich nach Wamberg, zur Rußhütten, nach Schlattan, zum Bauern im Eck. Mein liebster Ort aber war der kleine Weiler Hammersbach. Überall saßen Freunde, einfältige Menschen, die mir vertrauten und ich war so schrecklich unwissend und naiv, daß ich mit gutem Gewissen dokterte, aber je mehr ich in den kommenden Jahren zulernte, um so mehr verschwand mein jugendliches Zutraun.

An jedem Freitag lud die junge Lammwirtin mich zur Fastenspeise. Nach dem Mahl saß ich mit Herrschaft und Knechten in der Küche um den Herd und wir sangen zur Zither. Ich liebte die Dampfnudeln mit gelber Weinsauce und sang:

»So viel gelbe Saucen zu den Nudeln du gibst,
Daran werd' ich erkennen, wie sehr du mich liebst.«

Und nie, Jahre durch, bin ich im »Lamm« eingekehrt, ohne daß der größte Krug mich empfing, gefüllt mit Weinsauce. Mit solchen Harmlosigkeiten verzettelte sich der Sommer, der Herbst und der halbe Winter. Übrigens lernte ich doch einiges für die Medizin. An einem Fieranten, der durchs Dorf kam, sah ich die rätselhafteste Krankheit, die je mir begegnete: die gonorrhöische Verhornung der Oberhaut; dreißig Jahre später sah ich das noch einmal im Orient. Ich riet auf Gangrän oder Krebs und schickte den Todgeweihten nach München, wo das Leiden erkannt wurde. Auch Entkropfungsübel bekam ich zu Gesicht, und da grade die Entdeckungen der Organotherapie begannen, so erwachten die alten Wiedersheimerschen Stimmungen:

»Welche chemische Säfte prävalieren,
macht Talent, Charakter und Schicksalsknoten,
Wenn wir die Schilddrüse exstirpieren,
wird das größte Genie zum dümmsten Idioten.«

Ich beschloß, mit einer Schilddrüsenarbeit zu promovieren; sie wurde nie fertig. Schließlich kam Neujahr. Ich mußte nach München, wollte ich nicht das Semester ganz verlieren. Das Gedichtbuch wurde in den Druck gegeben und ich beschloß es mit Zeilen, die den Frieden meines letzten guten Sommers atmen, dessen Reichtum nie wiederkam:

»Der Sturm ist verflogen, die Wolken verzogen und Friede ist nun,
Du rastloser Wille in wonniger Stille darfst endlich du ruhn.
Und wie man mich quälte, wie Schmerz mich beseelte, kaum weiß ich es noch?
Wie ich haßte und sprühte und tobte und glühte – wie war es denn doch?
O vergessen, vergeben und Genien umschweben beruhigte Bahn
Zu sinnvollem Streben fängt siegendes Leben, fängt neues mir an.
Wie mein Herz Ihr zerrissen, ich will es nicht wissen, kein Zorn blieb zurück.
Kein Ehrgeiz, kein Wollen, kein Hassen, kein Grollen, nur Atmen ist Glück,
Muse breite die Hände über all deine Spende, aus des Nichtigen Dunst;
Laß zum Ziel mich gelangen und den Lorbeer empfangen schlicht maßvoller Kunst.«


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