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9. Meine Tiere

 

»Meine Brüder, Licht suchende Brüder ihr
Kleine Vögel, Kinder der Luft,
Augen der Erde, arm Getier
Traumbilder aus Dunkel und Gruft.
Hinter menschlicher Mauern Grübelpein
Schwand mein Leben, in Ketten krank,
Ihr trugt der Ewigkeit Glück hinein.
Habt Dank, habet Dank.«

 

Ja! ich habe Helfer besessen! Sie kamen, so war es bestimmt, immer aus dem Dunkel. Immer von unten. Bald war es der Kutscher Georg oder Christiane, die kluge, unentbehrliche; bald ein Handwerker, ein Junge von der Straße. Alle halfen, aber das beste taten meine Tiere: Hunde, Katzen und Vögel, Mäuse, Kaninchen, Meerschweinchen; sogar die Raupen, Schnecken und Sonnenkäfer. Die Neigung, Tiere zu hegen, trug mich über den Abgrund der Jugend hin.

An den Festtagen ging ich mit der Futtertrommel zum Zoologischen Garten, immer in dem Wahn, daß einige Tiere, der Elefant, die Affen, die Seelöwen, sogar das Nilpferd warteten. Nie habe ich ein ganz reines Gewissen gehabt bezüglich des dunklen Punktes, daß ich Fleischesser und Tiernutzer geblieben bin.

Aber alle Bindung an das Außermenschliche und die oft bis zur Verzückung seliger Selbstvergessenheit gesteigerte Naturverbundenheit mit Landschaften und Jahreszeiten, Elementen, Urgewalten, Winden und Wolken, dem Baum, der Pflanzenseele und zuletzt den Tieren, konnte doch nie in mir die tiefste Unterstimme übertönen: »Nirvana«. Denn Mordhölle ist der Wald, Mordhölle das Meer, Mordhölle der Dschungel, Unterholz, Moor. Alles Leben – unbegreifliches Grauen.

Polio, der Hofhund in Herrenhausen; Sultan, der schwarze Neufundländer, Puck, der helle Spitz, Cäsar, der melancholische Schäferhund, Margo, mein grauer Silbermops ..., ich sehe so viele Hundegesichter wie Gesichter dahingegangener Freunde, und jedes Gesicht war einmalig und kommt nie wieder. Wenn aber (es wäre das schlechthin Schauerlichste und Grauenhafteste, was meine Phantasie auszudenken vermöchte), es Unsterblichkeit der Seelen gäbe, Wiedersehn und Wiederkehr nach dem Tode, so möchte ich von Menschen nur wenige wiedersehn; aber reizend fröhlich ist der Gedanke von all den geliebten Tieren wieder umjubelt zu sein.

Im Stall des alten Generals stand die goldbraune Stute Barbara. Jederzeit konnte ich mich unter ihren warmen Leib kauern, den Kopf legen an das große Herz und in die tiefen, klaren Augen schauen. Sie wieherte und hauchte heiß in mein Gesicht aus glänzenden Nüstern und leckte meine Hände, wenn ich vom Kaffeetisch der Eltern etwas Zucker stahl. Neben ihr lebte Sultan sein schweres Proletenleben, ein ungeheurer, zottiger Tapps mit traurigen Augen, tagsüber an der grünen Hundehütte angekettet, damit die Kranken, die zu meinem Vater aus- und eingingen, nicht erschrecken sollten. Die beste Stunde in seinem Leben war, wenn ich mittags aus der Schule kam, die Bücher fortschleuderte, ihn von der Kette löste und im hinteren Garten mit ihm tobte und dann Futter brachte. Puck, der schönste weiße Spitz, lebensprühend, quicklebendig, war viel klüger als die meisten Menschen, von denen er sich nur durch den Mangel der Sprache unterschied, und selbst das stimmte nicht, denn er sprach mit Bellen, Rute, Behängen und jede Meinung war ihm anzusehn. Nachts bewachte er den Obstgarten bis ihn böswillige Nachbarn vergifteten. Cäsar war ein Schäferhund, der vom Lande kommend, an Heimweh litt. Er galt für bösartig, aber wenn ich ihn streichelte, so legte er sich demütig auf den Rücken und aus seinem Weinen klang Heimweh nach Schäfer und Schafen, freier Ebene mit Wolken am Horizont hinter Stoppelfeldern, nach Wacholder, Föhren, Birken und Heidekraut. Margo, mein Silbermops, ja, das wäre ein langes Kapitel, denn er ist durch sieben Jahre mein bester Kamerad gewesen, unendlich anmutig, süßschnäuzig, dummschlau, komisch; der letzte englische Näschenhund; seine Art ist ausgestorben. Dann hatte ich manche Katzen. Stammutter war Gerda, benannt nach dem Ort Gernrode im Harz, wo ich auf einer Ferienwanderung sie im Waldgebüsch fand, noch blind und halb verhungert. Ich nahm sie im Ranzen mit und übergab sie dem Kutscher Georg. Sie erwuchs zu einem gewaltigen Katzentier und wurde Ahnin starker Geschlechter, denn alle paar Monate hieß es: »Gerda hat vier, hat sechs, hat acht Junge bekommen.« Aber immer bekam Georg heimlich den Befehl, ohne daß die Kinder davon merkten, die jungen Katzen einzugraben, bis ich schließlich, spät abends im Gebüsch versteckt, den schwarzen Mord belauschte, alsbald nach Entfernung Georgs die Katzen wieder ausgrub und wenigstens dreien das Leben rettete. Ein holdes Glück schenkte mir der Kanarienvogel Manne, der eine Zeitlang frei in meinem Arbeitszimmer lebte und Zucker von den Lippen pickte. Im Pferdestall wohnten meine weißen Mäuse, denen ich gemeinsam mit zwei benachbart wohnenden Mitschülern eine pomphafte Wohnung baute, aus mit Kaliko zusammengeleimten Glasscheiben auf einem Untergestell aus Wellblech. Sie verbrauchten eine Menge Torf, in den sie künstliche Gänge und Höhlen gruben, in welche die Weiber halbnackte, rosige Junge ablegten, welche der Mäusevater Kastor meistens fraß. Aber dieser mächtige Mäusevater erwies sich als dressierbar. Ich steckte ihn in die Hosentasche, wo er bei einem Knust Brot sich still verhielt, bis ich einen kurzen Pfiff ertönen ließ. Dann kam er vorsichtig, oft umkehrend und argwöhnisch spähend, leise aus der Tasche, huschte über die Brust zum Gesicht empor, wo auf den Lippen ein Stückchen Speck lag, das er schnappte, worauf er »wie ein geölter Blitz« schon wieder in die Tasche verschwunden war. Eine ähnlich kluge Maus sah ich als Kind bei einem Besuch in Berlin in der Rocktasche des Schriftstellers Paul Lindau. Über dreißig Jahre später traf ich diesen gelegentlich eines Literaturprozesses, den ein anderer Dichter jener Tage, Hermann Sudermann angestrengt hatte, wobei ich Angeklagter, Lindau Sachverständiger war. Es war so ein Sensationsfall, bei welchem die berühmten Ehrgeizler und Eitelkeitler der »Kultur« alle Wichtigtuereien ihrer öffentlichen Mannheit spazieren führten, die Zeitgrößen Alfred Kerr, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Julius Bab und ich weiß nicht wer. Monatelang hatte der widerwärtige Literaturzank mich in Atem gehalten. Rechtsanwälte zeterten, Publikum beaugenscheinigte uns durch Operngläser. Alle Nerven zitterten. Da, just in der Pause vor der Verkündigung des Urteils, während der Gerichtshof sich ins Beratungszimmer zurückgezogen hat, fiel im Gespräche mit dem fast achtzigjährigen Lindau der Name Fifi und ich erlebte eine Beschämung, wie ich sie noch manchmal bei allen vermeintlich bedeutenden Ereignissen und Wichtigkeiten erfahren habe. Die ganze Angelegenheit, an die ich durch Monate Arbeit, Kraft und Schlaf hingegeben hatte, erschien plötzlich fremd, gleichgültig, ja lächerlich. Es war nur störend, daß während wir mit Fifis seligem Gedächtnis beschäftigt waren, der Gerichtshof wieder erschien, um sein Urteil zu verkünden. Denn was eigentlich ist wichtig? Weltkrieg? Revolution? Begegnungen mit großen Männern? Weltgeschichtliche Ereignisse? Ach! es geschah mir zu oft, daß, wenn inmitten solcher Ereignisse und Begegnungen, die mir bedeutsam und wichtig erschienen, der Blick auf eine Blume fiel oder über das Meer schweifte, eine Wolke ziehen sah oder das Ohr eine Amsel singen hörte, plötzlich die ganze Nichtigkeit all unserer Sorge und Kampfnot klar vor mir stand. Völlig sinnlos aber erschien mir der ganze Schwindel der »Weltgeschichte«. Diese Filmstreifen von Abenteuer, Macht und Liebe, von Kriegserlebnissen und Menschenwirklichkeiten, die in hundert Jahren schon ein wenig komisch, in tausend völlig vergessen sein werden. Aber alle Augenblicke, die uns in das außermenschliche Leben hinein verschlangen, die wir mit Pflanze und Tier verlebten, führten wieder in das Ewige, das dauern wird auch dann, wenn das Meer wieder rauscht und der Wald wieder dahinwächst über die ganze vermeintliche elende Wirklichkeit des armen Menschengeschlechtes. Ich weiß, daß alles, was ich erfahren und gedacht habe, wieder eingegraben wird mit mir und dahin ist. Aber daß mit Stein, Pflanze und Tier ich ewig lebe im Ewigen.


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