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Gerichtstag über mich selbst

Geschrieben im Sommer 1925

 

Ich möcht erstens meiner Natur genügen
Und zweitens Menschen erfreun und vergnügen
Findet Ihr aber an mir kein Genügen
Dann laßt mich in Teufels Namen liegen.

Weiß nit ob mich verlieben würde
Würd ich mir selber vorgestellt
Doch wie ich bin, schlag ich mit Würde
Als Theodor Lessing mich durch die Welt.

Motto des ersten Gedichtbandes 1892.

 

Junge Menschen! Ihr habt mir einen Brief geschrieben, daß ihr eine Schrift zusammenstellen wollet von mir und über mich. Dazu möge ich euch meine »Selbstbiographie« schreiben und einen Kampfaufsatz gegen jenes Häuflein ahnungslos-blinder Studenten, die gegenwärtig mich und die Meinen vernichten wollen. Mir ist zu Sinne, als solle ich da kurzweg mein Testament machen. – Also: ich beginne ...

Geboren bin ich in Hannover im Februar 1872 als einziger Sohn eines Arztes. Aus einer oft leidvollen Liebe für meine undankbare Heimat habe ich mein ganzes Leben in Hannover dargebracht. Von meiner Jugend will ich euch nur wenig erzählen. Wenn ich an die Jugendzeit denke, so umsummt mich eine eintönige Melodie; sie beginnt so:

»Hinter mir wie ein Fiebertraum
Liegt meine arme Jugendzeit.
Schüttle den Baum, schüttle den Baum,
Kein süß Erinnern Blüten schneit.
Schüttle den Baum, schüttle den Strauch,
Fällt keine einzige Pflaume ins Gras.
Pflaumen vom Baum, Rosen vom Strauch,
Warum sind meine Augen naß ...«

Ich mag nicht sprechen von der Wüste, durch die ich hindurch mußte. In Strindbergs und Hebbels Jugenderinnerungen oder in den Jugenderinnerungen des Hannoveraners Moritz, dem Freunde Goethes, findet ihr wohl Ähnliches. – Aber ich will euch sprechen von dem Schönen und Ewigen, das ich gehabt habe. Ich hatte Heide und Moor, Wolken, Regen und Wind. Ich liebte Blumen und Tiere, wie ich nie einen Menschen geliebt habe. Außer einem, der als mein Freund diese Jugendjahre teilte. Er hieß Ludwig Klages und ist nachmals ein großer Denker geworden. Ich glaube nicht, Jünglinge, daß unter euch einer lebendig ist, so, wie wir beide damals waren: Naturschwärmer und Menschheitsverbesserer. – Aus meinen Lernjahren nur so viel: Ich war ein unbrauchbarer Schüler und erregte die Verzweiflung aller Lehrer. Ich sah in ihnen nur Peiniger. Den größeren Teil der Schuld trugen wohl verwickelte häusliche Verhältnisse. Denke ich an Elternhaus und Schuljahre, so bin ich immer wieder erstaunt, daß ich hindurchkam, ohne völlig zerrüttet zu werden. Ich begreife kaum mehr, daß die seelischen und auch körperlichen Marterungen den zarten Knaben nicht in den Tod trieben. – Als ich vierzehn Jahre alt geworden, zum zweiten Male »sitzen blieb«, da gab der Direktor des Gymnasiums, das ich besuchte (es war das jetzige Ratsgymnasium in Hannover), meinem Vater den Rat: »Lassen Sie den Jungen ein Handwerk lernen. Er ist zu geistiger Arbeit ungeeignet.« Ich kam nun eine kurze Zeit in die Gartenbauschule Ahlem. Dann, ebenfalls nur kurz, als Lehrling in das Bankhaus Alexander Simon. Schließlich aber, als ich zu allem viel zu störrisch und ungeschickt befunden wurde, setzte man mich auf mein eigenes Bitten doch wieder auf die Schulbank. Ich selber fühlte mich nur für geistige Arbeit berufen. –

Ich kam auf lange Jahre zu einem strengen Lehrer in Halbpension. Mein Leben war durch alle die Jahre so: Morgens bis elf, im Winter bis zwölf Uhr Schule, dann Klavierstunde oder Klavierüben. Nach dem Mittagessen, bei dem immer gestritten wurde, wieder Schule von zwei bis vier. Aber dann, von vier bis gegen neun, saß ich auf einem Stuhl im Zimmer des eiskalten Quälers und bewältigte »Lernstoff«, gegen den mein ganzes Wesen sich sträubte. Meine Tiere waren mir genommen, und bis ins zwanzigste Jahr habe ich außer in den Ferien mich kaum je meiner Jugend gefreut. – Eine Zuflucht aber waren die Nächte, wo ich insgeheim ganze Bände Dichtungen schrieb. Und ein Trost waren die überschwänglichen Stunden, wo ich mit meinem Freunde mich aussprechen konnte. Neunzehn Jahre war ich, als der entscheidende »Krach« kam. Ich wurde, als ich gegen einen Peiniger aus gequälter Seele losbrach, von der Schule relegiert. Nur durch besondere Fürsprache einflußreicher Personen fand sich ein Gymnasium bereit, mich nochmals aufzunehmen. Es war das Gymnasium in Hameln an der Weser. Sein Direktor war Verbindungsbruder meines Vaters: ein krankhaft aufgeregter Polterer. Ich kam in eine strenge Pension unter Aufsicht dieses Direktors. Wir waren dort drei Schüler, immer ein wenig ausgehungert. Wir verstanden uns nicht, aber waren doch gute Kameraden. Nun aber geschah etwas Merkwürdiges. Just dieser unerträgliche Direktor, dem ich als unverbesserliches »schwarzes Schaf« überantwortet war, wurde mir Fürsprecher und Helfer. Dies kam so: Ich war verbittert und extrem. Aber mein Radikalismus ging nach der nationalen Seite. Ich war ein viel wilderer »Patriot«, als die unwissenden Jungen, die mich heute als »Juden und Sozialisten« ächten wollen. – Zwei Männer haben meine Jugend beeinflußt, wie später nie wieder andere. Johannes Scherr, heute vergessen, war ein tiefer Menschenverächter von hochgestimmter, strenger Sittlichkeit. Der andere: Wilhelm Jordan, der Dichter des Nibelungenliedes, wurde mir später zum väterlichen Freund. Daß er heute vergessen ist (eine geistige Persönlichkeit, der ich wohl die eines Bismarck vergleichen möchte), das läßt mich oft zweifeln an Würde und Zukunft deutschen Geistes. Da ich nun auch in Prima wieder »sitzengeblieben« war, so ward ich in Hameln Primus eines weit jüngeren Jahrgangs. Es war damals üblich, daß am Sedantage, dem 2. September, alle Schüler, Knaben und Mädchen der Stadt, in die Berge zogen und auf der Heide den Holzstoß abbrannten. Dazu wurden von den Honoratioren vaterländische Reden geschwungen. Die Festrede für die Jugend hielt der Überlieferung gemäß der Primus des Gymnasiums. Das war nun damals ich. Und so habe ich am 2. September 1892 vor der Hameler Bürgerschaft die große Deutschlandrede gehalten. Dahinein legte ich mein ganzes Herz, durchwob sie auch mit vielen eigenen Versen und tat zuletzt namens der ganzen deutschen Jugend den Schwur, immer rein zu leben und für die Heimat ehrenvoll zu werden. Während des Redens stand neben mir der gräßliche Direktor Dörries: ein Deutschtümler mit wallendem Bart. Neben ihm der Bürgermeister Meyer und der alte Konsul Schläger. Dörries verschlang mich mit den Augen. Ich hörte, wie der Bürgermeister sagte: »Prächtiger junger Mensch.« Als ich endete, schloß mich der Direktor wie ein Kind in die Arme und sagte: »Lessing, ich habe Ihnen Unrecht getan. Sie sind ein braver Junge.« Da brach ich in Tränen aus, und der gräßliche Dörries war bewegt. – Von da ab hatte ich bessere Tage; vielleicht die schönsten in meinem Leben. Aber sie wären nicht so schön geworden, wenn unter den Lehrern nicht endlich einer gewesen wäre, der meine eingeborene Natur erkannte und mich ermutigte zu allem, was man bis dahin als »Alotria« und als »brotlose Kunst« mir hatte austreiben wollen: Versemachen, Träumen, Philosophieren. Das war Max Schneidewin. Mit ihm führte ich die ersten wissenschaftlichen Gespräche. Er wies mich auf Schopenhauer und auf Eduard von Hartmann, seinen Freund. – Einmal gab mir Schneidewin sein und seines Freundes »Glaubensbekenntnis« zum Abschreiben. Da fügte ich schüchtern mein eigenes »Glaubensbekenntnis« hinzu. Und es wurde wie von einem dritten Philosophen völlig ernst genommen. Max Schneidewin ist heute über achtzig Jahre alt. Aber durch über dreißig Jahre hat unsere Freundschaft gedauert. Er ist mir der einzig liebe Lehrer gewesen. Als man mir wegen eines Aufsatzes über Hindenburg nach achtzehn Jahren Privatdozententum neuerlich die Lehrerlaubnis entziehen wollte, da war unter den Zuschriften, die mir bewiesen, daß viele meine Meinung verstehen und teilen, am ergreifendsten das öffentliche Fürmicheintreten dieses alten konservativen Gelehrten, welcher schrieb: »Ich kann fast jedes Wort in dem Aufsatz billigen; er sagt mit zartem Takt die Wahrheit.« In dieser Atmosphäre von Wohlwollen blühte ich nun plötzlich auf. Nach wenigen Wochen galt ich, das »häßliche junge Entlein«, als hoffnungsvollster Schüler. Damals gewann ich meine Liebe für die Alten, zumal für das vorsokratische Griechenland. Und heute, wo mir Kinder und Enkel in Athen leben (mein Schwiegersohn wirkt dort als Professor für die Forstwissenschaften), ist mir gerade diese Vertrautheit mit dem Altgriechischen ein froher Besitz. –

1893 bezog ich endlich die Universität Freiburg, einundzwanzig Jahre alt. Es blieb mir keine Wahl, als Medizin zu studieren. Mein Vater nämlich, Chirurg und Gynäkolog, hatte freilich eine große Praxis; aber hatte alles, was er besaß, verloren. Es war kaum genug Geld da, um mich studieren zu lassen. Es ward also beschlossen, ich sollte möglichst rasch die nötigen Examina machen, um die Familie vor dem Ruin zu retten. In den Medizinjahren in Freiburg, Bonn und München zeigte es sich bald, daß ich zwar Gaben und Neigungen für reine Wissenschaft hatte, daß ich aber nach den schweren Entwicklungsjahren weder gesund noch leichtblütig genug war für die mir zugedachte ärztliche Praxis. Ich träumte auch von ganz anderem. Ich baute eisern auf mein erstes Buch, darein ich die ganze Sehnsucht der Jugend legte. Ein ungeheuerlich unreifes, lyrisches Welterlöserwerk in zwei Bänden: »Komödie«. Das erschien 1893. Auf eigene Kosten gedruckt. Die paar Menschen, die unverrückbar an mich glaubten: Ludwig Klages und Grete Ehrenbaum (meine Pflegemutter, der ich viel dankte) hungerten sich für mich das Geld zusammen. Kein Hahn aber krähte nach dem grandiosen »Welterlösungsmenschheitsriesenpoem«, gewoben aus Sehnsucht, Weltverzweiflung und Menschenekel. Die einzige Wirkung war, daß mein Vater mit mir brach, überzeugt, daß ich ein verlorener, zum Untergang bestimmter Mensch sei. Wieder rettete mich ein ungeahnter Gönner. Der Direktor der Bonner Anatomie, Freiherr von La Valette St. George, wandte mir bei einem zufälligen Gespräch so viel Wohlwollen zu, daß er mir anbot, ich möge sein anatomischer Assistent werden. Das Jahr, wo ich, das erste medizinische Examen vorbereitend, Tag um Tag auf der Anatomie arbeitete, war das Jahr meiner strengsten Selbstzucht; später hab ich nie wieder ähnlich gedient. Als ich das Examen mit Auszeichnung bestanden und mir ein Stipendium errungen hatte, verfiel ich in ein schweres Nervenleiden; sein Kernübel war, daß ich fast ein Jahr lang nicht einschlafen konnte. Diese Schlaflosigkeit verfolgte mich noch lange. Aber ich hatte mit der Gewaltleistung – binnen zwei Semestern: Examen, Erwerbsposten und Stipendium – das Elternhaus überzeugt, daß ich doch ein braver Mann sei, und wurde bald wieder in Gnaden anerkannt.

Von zwei Lebensmächten will ich nun einiges sagen, als von den wichtigsten in meinem Leben. Zunächst: Das Verhältnis zu Liebe und Geschlecht; für jeden Menschen (so glaube ich heute) das schlechthin Schicksalbestimmende. Ich kann als mein bestes Glück rühmen, daß ich bis ins zweiundzwanzigste Lebensjahr ein unberührter Jüngling gewesen bin. Grade die Leiden der Jugend und das sittliche Pathos, mit dem ich gegen die Umwelt mich rüstete, hielt mich ab von Unlauterem. Dazu wirkte Schönheitsbedürfnis und Schamgefühl. Es kamen dann freilich die Jahre, wo dieser Schutzdamm durch Millionen Anreizungen und Verführungen zerbrach. Mit dem Zusammenbruch der Reinheitsideale brach zunächst meine Jugendwelt zusammen. Ich wurde ein »Zyniker mit blutendem Herzen«; denn, bis ich völlig unbefangen auch meine Sinnlichkeit bejahen lernte, das dauerte lange. – Hierzu half jedoch eine Seite meiner Natur, die sich als unzerstörbar erwies: – die »Mitleidsseite«. Ich erinnere mich nicht, jemals auch nur das leichteste und loseste Liebesspiel ohne menschliche Sympathien, ohne Beimischung von Mitverantwortlichkeit für Weg und Wohl des andern erlebt zu haben; vor der nackten Wertlosigkeit nackter Triebe habe ich ähnliches Grauen wie vor Fusel oder blutigem Fleisch; ich könnte das auch so sagen: In allen Leidenschaften überwog das Bedürfnis, Menschlichkeit zu erweisen und gütig zu bleiben, trotz der in jedem Manne steckenden Bemächtigungs- und Herrenwilligkeit. Als mein bitterstes Unglück aber stehe daneben, daß eine große, wahrhaft heldische Leidenschaft, die das ganze Leben zusammenraffen und heiligen kann, erst zu spät für mich gekommen ist und nach kurzem Glück weniger Jahre in grausame Tragik auslief, die bis etwa zum vierzigsten Lebensjahr mein Leben unstet, flüchtig und bitter werden ließ und nie – denn ich habe nur wenige Menschen geliebt und wurde von diesen als warm und treu befunden – gestorben ist. – – Als zweiten Punkt von Wichtigkeit für meine Entwicklung nenne ich mein für Außenstehende schwer zu klärendes Verhältnis zum Judentum. Ich wuchs auf als ein Knabe aus religiös-indifferentem Elternhaus. Die Eltern waren beiderseits Juden. Aber es hatte schon unter den Vorgeschlechtern christliche und arische Elemente gegeben. Ein Großonkel war englischer Erzbischof-Kardinal. Ein Vetter des Vaters evangelischer Pastor. Ein anderer war geadelt und baronisiert. Ein christlich gewordener Zweig der Familie führte den Namen Heuer. Der Berliner Zweig der Familie war mit Nachkommenschaft aus Gotthold Ephraim Lessings Familie versippt und wollte von jüdischer Abstammung nichts wissen. Ein Großonkel war leidenschaftlicher Antisemit; ebenso ein Bruder der Mutter. Ich nahm am Religionsunterricht der andern Kinder teil. Gelegentlich wurde ich dann wieder, nicht aus Prinzip, aber aus Bequemlichkeit von Religion dispensiert. Ebenso wurde ich fast immer von Turnen befreit, weil mir in früher Kindheit, wie ich glaube, durch einen Schlag über den Rücken, ein Rückenmuskel zerrissen war, so daß die grade und gestreckte Haltung mir zu unerträglicher Qual wurde; ein Umstand, der mich zwar vom Militärdienst später befreit, aber auch manche Träume, zumal den Traum, »zur Bühne zu gehn« zerstört und verbittert hat. Als ich mündig wurde, ließ man mir die Wahl, zu welcher Konfession ich gehören wolle. Und ich wählte, durchaus nur aus Bequemlichkeit, die evangelische. Grade damals aber kam mir zum Bewußtsein, was es heißt, als Jude geboren zu sein. Unter meinen Schul- und Studiengenossen hatte ich nicht als solcher zu leiden. Aber nun sah ich unter diesen Gefährten zum erstenmal sich »antisemitische« Neigungen erheben. Ich schämte mich dann, bei dergleichen nicht zu widersprechen. Andrerseits wußte ich ja aber fast nichts vom Judentum, hatte nur wenige Male und nur aus Neugier einen Tempel betreten und hatte nicht einmal das hebräische Alphabet gelernt. Da hörte ich um 1900 zum erstenmal von »Zionismus« und stieß auf ein selbstbetontes, würdebereites Prinzip. Ich wurde nun zwar an meiner deutschen Wesensart nicht irre, aber ich empfand es als geschmacklos, deutsch sein zu wollen; ich fühlte ja, daß man mich abdrängte und ausstieß. – Die Entscheidung aber brachte der mächtigste der Götter. – Ein Mädchen aus altem Preußenadel schenkte dem namenlosen Studenten fanatische Leidenschaft und verließ, als ihre Militär- und Junkersippe, stolz auf Verwandtschaft mit dem Hohenzollernhaus, die bürgerliche und judenblütige Verbindung ablehnte, folgerichtig ihre ganze alte Tradition. Wir beide wurden nun Freiwild. – Alles arbeitete daran, um uns auseinanderzubringen. Die Folge davon war, daß meine junge Frau und ich, allen zum Trotz, begeisterte »Zionisten« wurden, daß unsre Kinder jüdische Namen bekamen, und daß ich nunmehr erst offiziell zum Judentum übertrat oder besser zurücktrat. Ich bin ihm hinfort treu gewesen; aber daß ich das mit Kritik tat, als ein unerbittlicher Geißler jüdischer Entartung (zumal in der Welt schönen Schrifttums), das hat mich hüben und drüben fremd gemacht und mir Feinde links wie rechts zugetragen.

Es ist wunderlich, daß von allem, was ich je geschrieben habe, nichts so sehr mein äußeres Leben belastet hat, wie eine kleine Satire: »Samuel zieht die Bilanz«, in welcher ich die rechthaberische, abstrakte Rabulistik eines Schriftstellers Samuel Lublinski keck verulkte, welcher um 1908 ein feierliches Buch »Bilanz der Moderne« geschrieben hatte. – Ich habe später in »Philosophie als Tat« dem Frühverstorbenen einen tiefernsten Nachruf gewidmet und habe an seinem Grabe mich geprüft, ob ich wohl damals Unrecht tat, den auswertenden Besserwisser burlesk zu verulken. Ich habe auch heute mein Unrecht nicht eingesehn. Ich halte noch so wie damals jene übermütige Groteske für nicht unerlaubt und für treffend. Aber wenn ich darin irren sollte und wenn ich mit meiner Spottlust im Übermut ein Unrecht zufügte, dann habe ich jedenfalls redlich dafür gebüßt. Denn zwanzig Jahre hindurch, bis heute, haben alle Übelwollenden (und ich hatte oft den Haß fast der ganzen Zeitungsmenschheit zu tragen) immer wieder herausgerissene Sätze aus jener Literaturpersiflage ausgegraben und haben vor der Öffentlichkeit mich so lange diffamiert, bis mein Bild endlich ganz entstellt ward.

Wirklich wehgetan und meine äußere Existenz fast vernichtet hat aber nur eine Feindschaft, die an versteckter Bösartigkeit und verhohlener Giftigkeit nicht ihresgleichen hatte; die des schon damals berühmten Schriftstellers Thomas Mann, zu dem seit etwa 1903 allerlei Beziehungen bestanden hatten. Was er mir in zähester Geltungswilligkeit aus hier nicht darzulegenden Momenten angetan hat, durch sorgsam vergiftete, mich öffentlich infam machende Artikel (immer konventionell, immer mit der Geste des Darübererhabenen, jedem Schuldbewußtsein wie jeder Verantwortung ausweichend), – das halte ich für das menschlich Unschönste, was ich vom Leben erfuhr. Dies Geschehnis nun aber war es, was mich zu dem erweckte, der ich nachmals geworden bin: Psychologe am Geist, Skeptiker an der Kultur. – Die Leser meiner Bücher (»Untergang der Erde am Geist«; »Verfluchte Kultur«) wissen, wie diese ursprüngliche nur ganz subjektive Erfahrung später sachlich fruchtbar wurde. Heute aber weiß ich längst, daß die junge Generation, soweit sie lebensstark und unverbildet ist, die elementlose Triebverarmung des Kulturgrandentums und seinen Zusammenhang mit Muße, Geldbesitz, Treibhauszucht, Gefühlsindustrialismus eines bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters längst durchschaut. – Diese Zusammenhänge werden vollständig sichtbar werden, wenn auch Dichtertum und Philosophie zum »Metier« geworden sein wird, wie Kunsttöpferei oder Goldschmiedekunst. Wenn einst Dichter und Denker nicht mehr als Hundertjahrsblumen erscheinen, sondern wenn wohlsituierte Kulturfamilien ganze Ketten Dichter und Denker zeugen, einen immer noch kunsterlesener und sublimer als den andern, dann wird man endlich die elementlose Dürftigkeit des nicht auf Sein, sondern auf Leistung gestellten Menschentums durchschauen. –

Ich kehre nun zur kurzen Schilderung meines Werdeganges zurück. Mein Traum, als Erbe meines Vaters Arzt zu werden, wurde durch die unerbittlichste Gewalt zertrümmert: den Tod. Er kam für meinen Vater: schwer, grausam, durch lange Jahre marternd. Kurz vor dem Tode haben wir uns ausgesprochen und lieben gelernt. – Er starb, als ich noch meine Promotion vorbereitete (übrigens ohne das Staatsexamen gemacht zu haben). – Als ich fertig wurde, war die Praxis, die ich erben sollte, zerflogen in alle Winde. – Durch den Tod des Vaters wurde ich frei. Andererseits stand ich vor dem Nichts. Ich hatte damals einige beratende Freunde; die mir treuesten, Omar al Raschid Bey und Helene Böhlau, machten mir Mut, frisch in die Schriftstellerei zu springen. Daneben erteilte ich Unterricht. Bei diesen beiden Erwerbsquellen für das äußere Leben ist es geblieben. Um für mich und die Meinen Brot zu machen, schrieb ich und lehrte, lehrte und schrieb; heute wie vor dreißig Jahren. Aber immer noch träume ich nachts den immer wiederkehrenden Traum: Mein Vater kommt und schilt, daß aus mir nichts geworden ist. Der tyrannische Dörries, die Lehrer vom Ratsgymnasium kommen und sagen, daß ich für geistige Arbeit unbrauchbar sei. Und ich erwache immer mit demselben Angstgefühl: »Nun bist du alt. Und immer noch nichts geworden.« ...

Meine ganze Jugend und Jünglingszeit stand unter dem Zepter eines Schreckenswortes, des Wortes: »Nicht schulgemäß!« Eigentlich habe ich nichts gelernt, als gutes Deutsch schreiben. Und doch gelang es mir nicht, im Deutschen Normalnummer zu bekommen. Ich schrieb von allen Jungen den besten deutschen Aufsatz; aber die Lehrer sagten, er sei nicht schulgemäß. Ich hatte viele Gedanken und gute Einfälle; aber ich war verpflichtet, sie zu unterdrücken; denn sie waren nicht schulgemäß. Und ist es nicht immer so geblieben bis zum heutigen Tage? Gewiß, die Behörden und die Fachgenossen geben gern zu, daß auch ich das Recht habe, meine Meinung frei zu sagen; aber soeben noch hat der preußische Landtag konstatiert, daß ein Professor eine solche Meinung eigentlich nicht haben darf. Und wenn ich in dem großen Mordprozeß in meiner Heimatstadt, in dem Haarmann-Prozeß, jüngst die Wahrheit suchte, so sagte man mir: Dein Ethos ist ja gewiß menschlich und begreiflich, aber das preußische Kultusministerium muß leider bemerken, daß ein Beamter solchen Ethos nicht haben sollte. Kurz und schlimm: Es erging mir immer, wie den Dichtern im Staate Platos; man stülpt ihnen einen Lorbeerkranz auf den Kopf und gibt ihnen dann einen solchen Tritt in den Hintern, daß sie aus dem Staate hinausfliegen, denn sie sind allerdings aller Ehren wert, aber: Nicht schulgemäß ...

Mein Vater starb März 1895. Danach begannen die Wanderjahre. Ich habe viele Menschen gekannt. Jahrelang reiste ich als Wanderlehrer, Vortragsredner, Kritiker, Publizist, Rezitator. Es gibt kaum eine größere Stadt Deutschlands, in der ich nicht irgendwann einmal gesprochen habe. Auch Frankreich, England, Holland und Italien lernte ich gut kennen. Immer aber blieb ich in Erwerbsnot. Diese Erwerbsfrage wurde allein entscheidend seit dem Zeitpunkt der Heirat. Ich sagte schon: Wir heirateten im Jahre 1900 gegen den Willen der Sippe. Deren Aristokratendünkel versagte uns jede Hilfe. 1901 und 1902 wurden unsere Kinder geboren. Es begann nun eine Zeit großer Not. Ihr Kern war, daß wir aussichtslos in zwei Zimmern aneinandergefesselt saßen. Meine Gesundheit verfiel. Ich besaß gute geistige Gaben. Bei etwas Gunst und Hilfe hätte aus mir etwas Zeitendurchdauerndes werden können. Aber ich mußte mich täglich vernützen, ausmünzen, verhäckseln. – Im Grunde aber war, was ich vom Leben begehrte, recht wenig: Ein Häuschen fern von Menschen, Einsamkeit, Freiheit zu mir selbst. – Zwei Briefstellen fallen mir ein, die mir einst in die Seele schnitten. – Beethoven schreibt, als er von der Qual spricht, sich durch Klavierstundengeben ernähren zu müssen, etwa so: »Hätte man mir damals einen besseren Platz gegönnt, ich hätte es gelohnt; ich hatte nämlich wirklich Talent.« – Und Hebbel schreibt, als er in Rom im Haus der deutschen Künstler zur Weihnachtsfeier eingeladen ist: »Da lag vor jedem Teller ein Kränzchen und ich hatte auch ein Kränzchen und für jeden stand ein Stuhl am Tisch und ich staunte immer, daß auch für mich ein Stuhl am Tische stand.« – Wie demütig ist der Genius, den die Menschen hochmütig schelten. –

Es wird mir, indem ich diesen Rückblick auf mein Leben schreibe, klar, wie ich doch immer gut davongekommen bin. Zuletzt ward jeder Quälgeist ein Quellgeist. Als ich heiratete, 26 Jahre alt, da besaßen wir neunzig Mark im Monat. Damit gründeten wir unsern Hausstand. Meine junge Frau aß für zehn Pfennig Pferdebohnen im vegetarischen Restaurant. Sie machte mir vor, das müsse so sein; es sei ihr Lieblingsessen. Sie wollte aber nur, daß Geld übrigblieb, damit ich mir etwas Besseres dafür bestelle. – Der immer wiederkehrende Gedanke, das medizinische Staatsexamen nachzuholen und dann eine Praxis zu gründen, wurde aufgegeben, als ich in München Theodor Lipps kennenlernte. Durch ihn kam ich zur Psychologie. Zunächst holte ich in Erlangen das philosophische Doktorexamen nach, wobei ich wohlwollende Gönner fand, die mir ein wissenschaftliches Fach des medizinischen Doktorexamens auch für das philosophische gelten ließen, zumal da meine Arbeit über den Philosophen Afrikan Spir (eine wirklich schlechte Arbeit) für gut galt. – Wir kämpften aber nun auch weiterhin immer mit großer Not, bis mir Theodor Lipps ein Stipendium zu weiterem Studium verschaffte. – Dies weitere Studium der Psychologie wurde allzufrüh abgebrochen, als mir unerwartet und unerhofft eine Brotstelle angeboten wurde, durch einen der wunderlichsten Menschen, die mir je begegneten: Hermann Lietz, der damals die ersten Landerziehungsheime begründete. Zwei Jahre lang schienen wir Freunde und Genossen werden zu können, bis der unüberbrückbare Gegensatz unserer Naturen das kurze Bündnis jäh zerriß. Das Jahr 1903, im Landerziehungsheim Haubinda – (Gustav Wyneken und Paul Geheeb waren damals meine Weggenossen) –, pflanzte in mich eine unauslöschliche Liebe für Landleben und Jugend ...

So schien es 1904, daß ich endlich Heim und Heimat gefunden hätte. Ich hatte feste Stellung in Haubinda. Da kam die große Wende und Wertprobe. – Zunächst eine antisemitisch-nationale Maßregel: »Juden sollen in die deutschen Landerziehungsheime fernerhin nicht mehr aufgenommen werden.« Da erklärte ich, daß ich dann auch nicht als Lehrer bleiben könne und wähnte sicher zu sein, daß ich die gesamte jüdische Elternschaft hinter mir hätte. Es war eine der tragikomischsten Enttäuschungen in meinem Leben, daß die sämtlichen jüdischen Eltern mit der neuen Maßregel sich abfanden, und daß ich der einzige blieb, der, in seinem Stolze beleidigt, die Brotstelle verlor. Indes bedeutete das in jenen Tagen wenig. Denn tieferes Schicksal war hereingebrochen.

»Du glaubst in einer guten Herberge angelangt zu sein und plötzlich erwachst du und merkst: Es ist eine Räuberhöhle. Du brütest dich, hoch auf dem Turme über den Menschen zu stehn und plötzlich merkst du, daß vom Rücken her du nun um so tiefer herabgestürzt werden kannst.« Ich mußte meinen Weg allein gehn; auf Weib und Kinder verzichtend. Damals ward ich vollkommen niedergeworfen. Daß ich noch wieder auferstehn würde, war unwahrscheinlich. Bis ich auf einsamem Wege der Überwinder wurde, das hat lange gedauert. –

Ich suchte und fand 1904 eine Lehrerstelle in Dresden. Zugleich stürzte ich mich auf Jahre in soziale Arbeit; gründete die ersten Unterrichtskurse für das Proletariat, schloß mich der Sozialdemokratie an und arbeitete mit den Gewerkschaften; kämpfte für Gleichstellung der Frauen, für Beseitigung der reglementierten Prostitution, für Enthaltsamkeit vom Alkohol, für friedliche Völkerverständigung, für Reform der Kleidung, – nie später habe ich so viele »Kongresse«, »Sitzungen«, »Mandate«, »Resolutionen« mitgemacht, wie in diesen meinen elendsten Jahren. Mein geheimes Ziel aber war: Habilitation an einer deutschen Hochschule. In Dresden wurde ich als »Sozialdemokrat« abgewiesen. Ich ging nach Göttingen, mit Empfehlungen meines Lehrers Lipps, um bei Edmund Husserl mich zu habilitieren. Der wieder empfahl mich, um zu verhindern, daß ein »Konkurrent« nach Göttingen komme, an die Technische Hochschule in Hannover. Und so landete ich 1908 in der Stadt, wo auf jedem Pflastersteine eine Träne und ein Seufzer meiner Jugend lag. Enttäuschter ist nie ein Kind in die Heimat zurückgekehrt.

So bin ich denn also Philosoph in Hannover geworden und bin es durch achtzehn Jahre geblieben, ohne je befördert oder besoldet zu sein und ohne irgendeine Aussicht auf Hilfe für mein Alter. Ich habe tausend und aber tausend Vorlesungen und Vorträge gehalten, und manche Knaben, deren Aufsätze ich korrigiert oder denen ich Lateinstunden gegeben habe (denn ich erteilte stets Unterricht), haben inzwischen mich weit überholt. – Die Niederlassung in der Heimatstadt brachte aber ein großes Glück. Zunächst: meine Kinder konnten nun zu mir (sie waren bis dahin in einem Landerziehungsheim), um auf immer bei mir zu bleiben, denn im Forsthaus im Walde fand ich meinen Lebensgefährten, meinen Kameraden; von nun ab in allen Lebensnöten mir zur Seite. Aber noch einmal kam etwas Furchtbares, das Furchtbarste: jäher, unerwarteter Tod. Der Tod Miriams, meines herrlichsten, geliebtesten Kindes, zehn Jahre alt. Ihr ein würdiges Denkmal zu hinterlassen (mein bisher reifstes Werk »Der Untergang der Erde am Geist« trägt ihren Namen), das ist seit dem Karfreitag 1912, wo wir sie begruben, meines Lebens einziger Ehrgeiz.

Erst mit dem Jahre 1908 beginnt meine philosophische Schriftstellerei. Was ich bis dahin veröffentlicht habe (Gedichte, Dramen, Novellen, Aufsätze), das ist längst vergriffen und aus dem Buchhandel verschwunden. Und doch hätte manches davon zu dauern verdient. Von dem Buche des Zwanzigjährigen »Laute und leise Lieder« behauptete Detlev von Liliencron, kein späteres Buch habe es wieder erreicht; Richard Dehmel schätzte »Saat im Schnee«, »Das schwarze Schiff mit einer Leiche an Bord«, und Prinz Emil von Schönaich-Carolath knüpfte auf »Einsame Gesänge« hin einen Bund, der durch mehrere Jahre gedauert hat, und davon er sagte: »Wir sind in allem Gegner, aber die zwei Letzten vom Stamm der Byroniden.« – Zwischen der Zeit, wo ich den dichterischen Träumen nachging und jener andern, wo ich zum abstrakten Philosophen geworden bin, lagen jene bewegten Wanderjahre, in denen ich nichts so ernst nahm, wie das Drama und das Theater. Und ich will nicht vergessen, daß die theater-ästhetischen Schriften und die Verbindungen mit dem Theater, als Dramaturg wie als Kritiker, mir die reichste Erfahrungsfülle gebracht haben und manche randvolle Stunde und manche gute Freundschaft. Kinder des Augenblicks, des vergänglichen Traums und Spiels, verstand ich wohl immer am besten.

Ich möchte somit glauben, daß ich in strenge Wissenschaft und starre Welterfahrung gleichsam hineingedrängt worden bin. Ich glaube heute ein geschlossenes System zu besitzen. Aber das ist nur auf vielen Umwegen aus einer intuitiven Weltschau mählich abstrakt-bewußt geworden, so wie aus einem nebelverhangenen Tale im Verlauf eines Lebens eine Bergkette kalter Gletscher hervortritt. – Ich glaube nicht, daß das »Fachstudium« auf dieses System wesentlichen Einfluß geübt hat. Immerhin werde ich stets zwei Männern für wirkliches Wohlwollen dankbar bleiben: meinem ersten philosophischen Lehrer Alois Riehl, einem strengen Kantianer und Kritizisten, der trotz all der befremdenden Umwege, die ich machte, mir immer wohlwollend verblieb, und sodann Alexius von Meinong, mit dem ich durch einige Jahre in geistigen Austausch trat. Er legte meine »Wertaxiomatik« seinen Seminarübungen an der Universität Graz zugrunde. Ihren Kerngedanken hatte ich in der Schule Husserls gewonnen. Dort aber wurde ich behandelt wie ein Fremdling und Schöngeist, der zufällig auf eine »exakte« Sternwarte kommt und durch das vom besten Techniker der Zeit bereitgestellte Fernrohr blickend, einen bisher übersehenen schönen Stern (eben die »Wertaxiomatik«) entdeckt. Er wird nun aufs liebenswürdigste und höflichste von der Sternwarte ins norddeutsche Flachland hinunterkomplimentiert, und der schöne Stern bezieht seine »wissenschaftliche Behandlung« künftig allein von dem Erbauer des großen Rohres.

Meine eigenste Philosophie war erst um 1914 zum geschlossenen System gereift. »Schopenhauer-Wagner-Nietzsche« und »Philosophie als Tat« waren die Vorbereitung. Sehr langsam wuchsen zur vollen Klarheit meine drei persönlichsten Zentrallehren: die Dreisphärentheorie; die Lehre von Stauung und Rauschsurrogat und die sogenannte Ahmungspsychologie, aus der dann später meine ganze »Charakterologie« hervorging.

Um 1914 waren alle Vorarbeiten getan. Wir wohnten in einem bescheidenen Häuschen in einem Dorf bei Hannover. Unsere Ruth war geboren. Bei großer Einschränkung konnte ich daran denken, mein systematisches Hauptwerk zu schaffen: die »Philosophie der Not«. Sie sollte vier Bücher umfassen. Da kam, alles umstürzend, der Weltkrieg.

Wie ich ihn erlebte (meiner ganzen Natur nach vom ersten Augenblick an als Frondeur; mit jedem Blutstropfen angewidert von der gräßlichen Barbarei des Zeitalters), das steht zu lesen in »Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen«, einem im Kriege niedergeschriebenen Buch, das mir den ersten Erfolg brachte.

In jenen Kriegsjahren wäre ich zweifellos zugrunde gegangen, wenn nicht mein altes Medizinstudium mir zur Rettung geworden wäre. Ich war nach meinem Militärpaß (und das war damals das einzig gültige Dokument) Doktor der Medizin. Ich stand als Arzt in der Stammrolle und hatte demnach Offiziersrang; was von mir im Lazarettdienst gefordert wurde, das konnte ich mit gutem Gewissen leisten, denn Menschenkenntnis ersetzte, was an Übung und Erfahrung gebrach. Ich habe freilich, übergewissenhaft und übervorsichtig, nichts gelernt als richtige Diagnostik. Im übrigen quälte mich damals das oft grauenhafte Leiden der Menschen und eben darum wohl klammerte sich jeder gern an mich, so daß ich immer im Dienst überanstrengt, zusammengeklappt wäre, wenn nicht schon 1915, als das Lehrpersonal knapp zu werden begann, sich Gelegenheit geboten hätte, als Hilfslehrer an die Gymnasien meiner Vaterstadt zu kommen. – Die drei Jahre Schulmeistern wurden wahrhaft köstlich. Ich liebte die Kinder und sie liebten mich; manche sind auch zu dauernden Freunden geworden.

Ja eigentlich hat mir erst die Zeit nach dem Kriege Freunde gebracht, an die ich immer mit Freude und Dankbarkeit denke.

Nunmehr möchte ich noch von zwei Sozialwerken sprechen. Das eine war der große Verband gegen unnötigen Lärm, den ich 1908, als ich endlich in Hannover festen Wohnsitz hatte, ins Leben rief. Er wuchs bald so ins Weite, daß ich ein Bureau mit zwei Sekretärinnen unterhalten mußten. Die verschiedenen Lärmarten, wie Klavierplage, Autoplage, Glockenplage, Teppichklopfplage, falsche Straßenpflasterung usw. mußten einzeln bekämpft werden. Die Zeitschrift des Vereines, »Der Antirüpel«, die ich ganz allein schrieb, ist heute sehr selten geworden. Mit der Begründerin des amerikanischen Verbandes, einer Neuyorker Multimillionärin, und den Häuptern der englischen »anti-noise«-Bewegung kam ich in London zusammen. Das Unternehmen wurde zuletzt so groß, daß ich vor der Frage stand: Soll ich mein Denkerleben aufgeben, um dieser praktischem Volksbewegung mich zu weihen, oder soll ich das soziale Werk aufgeben, um mir selbst zu gehören? Blieb ich dem Werk treu, so konnte ich nach einigen Jahren ein wohlhabender Mann werden. Aber Hamlets Wort galt für mich: »Wenn ich nicht dichten und nicht träumen kann, dann ist das Leben mir kein Leben mehr.« Ich gab mein Bureau ab an einen jungen Nationalökonomen; es bestand noch eine Zeitlang in Berlin, dann machte der Weltkrieg der ganzen »Antilärmbewegung«, die übrigens eine wahre Kulturbewegung war, das Ende. – Die zweite praktische Organisation, die einen Teil meines Lebens verschluckte, war die Volkshochschulbewegung. In Dresden 1904 errichtete ich ganz aus eigenem die ersten »Volkshochschulkurse«; sie trugen sich nicht nur selber, sondern unterhielten auch meine und der Kinder Existenz. Die Dresdner Erfahrungen kamen mir zugute, als nach der Revolution 1918 die Stadt Hannover daranging, eine Volkshochschule zu schaffen. Sie besteht dank verständnisvoller Kuratoren seit sechs Jahren als eine der besten Volkshochschulen Deutschlands.

 

Wenn es mir nun gestattet sein mag, einiges über Wesen und Person zu äußern, so möchte ich mit dem Bekenntnis beginnen, welches jedem Fernen unwahr erscheinen muß und jedem Nahen selbstverständlich. Gerade das bin ich nicht, als was die Öffentlichkeit mich beurteilt: Kämpfernatur, Polemiker, Praktiker, Aktivist. Immer lag es mir nahe, das ganze menschliche Ameisendasein und auch das eigene nie so ganz ernst und nur mit Humor zu nehmen. Jede Art Schauen und Wissen klang meinem Wesen vertrauter entgegen, als Praktik, Politik, Dialektik, Pathos oder Polemik. Wie nun ist es möglich, daß das öffentliche Wahnbild so anders aussieht?

Es liegt zunächst an einer Art Einfalt meiner Natur, die ursprünglich fast dumpf und für die Welt »dumm«, mählich der ungeheuren Menschenniedertracht bewußt geworden ist. Es eignet aber solchen Naturen ein dem Künstlertum verwandtes Spielerisches. So ist mir Geist, Witz, Satire immer nur ein künstliches Spiel (lusum ingenii) gewesen. So oft ich es trieb (und ich gab dabei mich selbst genau so preis wie die andern), stieß ich auf Verletzlichkeit. Was ich ohne Absicht und Böswilligkeit schrieb, einfach weil ich es so sah, das wurde alsbald als Böswilligkeit gedeutet oder mindestens doch als taktlos, unmöglich und unerlaubt empfunden. Für mich bestand aber eben nur die Frage: Ist das wahr?

Verhängnisvoll wurde mir, als eine Grenze meiner Natur, eine Unfähigkeit, »fünfe gerade sein zu lassen«. Immer wollte ich richtigstellen, aufklären, verständlich machen, ethisch auswerten bis zum Letzten. Auge in Auge gab das kaum je Mißverständnisse. Sobald ich aber als Schriftsteller naiv mich gehen ließ, war der Teufel los.

Eigentlich ist mein Grundverhältnis zur Welt dasselbe geblieben wie in der Kindheit. Ich stand gegenüber einer Schar von »Ernsthaften«, die mich beständig bombardierten mit Moralforderungen, die ich als unwahr durchschaute und die mir nicht gestatteten, unbefangen der Natur zu folgen. Ich wurde immer gescholten und begriff doch gar nichts. Dieses Gehetztsein (»die Welt: ein Parterre von Feinden, denen du dich darbringen sollst«) verfolgt mich noch in Angstträumen Nacht für Nacht.

Mit diesem Freuen am Lebensspiel hängt zusammen irgendein Mangel an »Zweckwillen«. Bis ins Mannesalter bekam ich nichts so oft zu hören wie: »Dir ermangelt der Ehrgeiz«. Und doch hatte ich sittlichen Ehrgeiz und einen starken Helferwillen. Dagegen ist mir in der Tat alles geschäftlich-politisch-praktische Bezwecken ganz versagt. – Es ist eine immer wiederkehrende Erfahrung, daß ich mit jedem naiven Menschen harmoniere, dagegen Anstoß errege, wo irgendwelche Absichten oder wo Philisterei sich regt; Philisterei aber ist immer Zweckwille. – Eigentlich sind alle meine Schriften der fortgesetzte Versuch, mir Atemluft und Duldung zu verschaffen; sie sind Lebensspur und Lebensausdruck einer ursprünglich heiteren und gesunden Natur, die in sich hineingetrieben und abstrakt-bewußt gemacht, gleichsam an Reflexion erkrankte. Alle tragen das Ethos der Stunde. –

Man denke sich einen schönen tief verschlungenen Park: manche künstliche Anlage, manche waldursprüngliche Wildheit ist darin: Element und Bewußtheit des Menschen in untrennbarer Mischung. Wer in Laubengänge und Waldwege dringt, wird bald hier, bald dort etwas Liebes oder Fesselndes finden. Nun aber naht ein Rohling, dringt ehrfurchtslos in den verwunschenen Garten, ergreift das erste beste Kleininsekt, bringt es unter das Vergrößerungsglas (»öffentliche Meinung«) und schreit in die Welt: »Solch ekelhafte Tiere zeugt dieser Boden! Auf denn, und lasset uns den alten Park »zertrampeln!« So handeln Menschen, die nach einzelnen Leistungen über ein Menschenleben aburteilen. Es gibt zweifellos innerhalb der »Kultur« zahlreiche Werker, Schaffer, Könner und Leister, die durch schlechte Arbeiten widerlegt wären. Für diese Menschen gilt immer die Formel: »Niveau halten.« »Auf der Höhe bleiben.« Aber Goethe, Nietzsche, Hölderlin, Beethoven, Schubert, Mozart liebt man nicht darum, weil sie dies oder jenes getan haben, sondern weil sie in tausend ungleichen Stunden das waren, was sie sind. Der Mensch aber, der nur arbeitet, ist gegen Angriffe minder empfindlich als jener, der ist. – Denn jener kann ja auch schließlich anders; dieser aber empfindet schon Kritik als Negation seines Wesens und kann seinen Ausdruck und Stil so wenig ändern wie seine Haarfarbe. –

Zum Beschluß noch einige knappe Bekenntnisse: Ich vermochte und vermöchte niemals, mich auf einen bürgerlichen Beruf oder auf eine Partei festzulegen. Es war mir immer natürlich, die Partei des jeweils verunrechteten Teiles zu wählen. Ich würde instinktiv doch immer diejenige Partei ergreifen, die mich am nötigsten hat (nicht, die ich am nötigsten habe). Ich werde also immer mit der Not, nie mit der Macht im Bunde sein. – Es ist für mich notwendig, Betätigungsformen zu wechseln, jeweils aber das, was ich tue (und sei es ein Kegelspiel), mit Einsatz der ganzen Person zu tun. – Es kommt mir dabei nicht darauf an, »bei der Stange zu bleiben«. Wenn ich in eine Sache hineingezogen bin, so kann ich an nichts anderes denken. (Es handelt sich dabei weder um »Encyklopädismus« noch um »Zersplitterung«.) Ich war mit ganzer Seele Arzt, mit ungeteilter Seele Lehrer, mit voller Hingabe Psychologe, mit ganzer Kraft Philosoph. (Sehr bewegt hat mich ein Motto in einem Siegelring von Leibniz: »Je ne méprise presque rien: »Es gibt fast nichts, was ich mißachte.«) – Aber eigentlich war ich immer, was ich in der Jugend war: »Nur Narr, nur Dichter«. – Meine weitaus schönsten Stunden waren die Spiele mit meinen Kindern und unsere Gespräche. Das schönste Buch, das ich gelesen habe, sind die Studien von Adalbert Stifter. Von den Mitlebenden haben im tiefsten mich beschäftigt: Rudolf Borchardt und Stefan George. (Sie waren mir Gipfel und von dort lernte ich Abgründe sehen.) Fachphilosophisches hat mich immer enttäuscht und abgestoßen. Dagegen verging wohl kein Jahr, ohne daß ich wieder und wieder in Schopenhauer las, dem Menschen, zu dem ich am tiefsten Wesensverwandtschaft fühle. Ich liebe über alles die Wolken. Ich vermöchte leicht auf alles zu verzichten, nur nicht auf Einsamkeit. – Das Alter hat mir noch zwei Freundschaften gebracht, auf die ich stolz bin und die ich festhalten will: den königlichsten, ethisch-stolzesten, am tiefsten zeit- und weltverachtenden Geist unserer Tage: Sir Galahad, und den erlöstesten, frohesten und glücklichsten: Rudolf Hans Bartsch, rastlosen Wanderer, Jäger, Trapper, naturhingegeben, allem Leben verwandt, aber vollkommen gleichgültig gegen Literatur, Probleme, Kultur, Makulatur ...

Frage ich nun zum Schluß: Was war denn nun der Kern dieses Lebens? so muß ich eingestehen: Wolke, Wind, Welle und Flut! – Da war nichts als rastlos wogende Bildkraft, die heute nur noch fortlebt in einem ganz unfaßlichen Traumleben. Sie hätte aus mir nur einen Angstgequälten gemacht, wenn nicht zwangsmäßig das eingetreten wäre, was ich doch nur als »sekundäres Leben« empfinden kann: die Flucht in den Geist und in den logisch-ethischen Charakter, worin durchaus mein Reifen, aber auch wohl mein Absterben und allmähliches Flauwerden lag. – Alle Klage gegen dies Schicksal geschwundener Ekstase und Illusionen kommt doch zuletzt nur hinaus auf Klagelieder über das eigene Ich. Und die geziemen nicht der Seele guter Kämpfer. Es ist ganz sinnlos, zu fragen: »Wie ist das alles so geworden?« Es ist eben alles, wie es sein muß. Und wer »Ewiges« sucht, muß leiden unter Eitelkeiten derer, die nur von Geschichte und für Geschichte leben. Da aber alles Menschenleben auf einen Widerspruch und das heißt auch auf eine Schuld hinausläuft, so war meine Schuld wohl dies, daß ich ein Bürger und Philister geworden bin, das heißt: aus Angst um Brot und die äußere Existenzform immer das anstreben mußte, was nicht erstreben zu müssen doch der ganze Sinn meines Strebens gewesen ist. Dieses Paradox spürte ich schon im achtzehnten Lebensjahr, als ich in ein Tagebuch schrieb: »Was ich vom Leben mir wünsche? Ich wünsche, daß mir künftig viele Liebe erweisen, daß nie ich ihrer Liebe bedarf!« –

Oft haben zwei Sprüche, die ich in der Jugend las, mich beschäftigt. Das eine war ein Stabreim aus Jordans Nibelungen: »Nicht das Werk, das Wirken ist meine Wollust«; das andere eine Zeile Georges: »Die reichsten Schätze lernet froh verschwenden.« – Ob ich meinen Kindern Märchen dichtete oder ernste Studien betrieb, ich nahm alles gleich wichtig und gleich nichtig. Und bei immer wechselnden Betätigungen war, was ich lebte, zweifellos besser, als was ich gedacht oder gedichtet habe. Aber ich bereue es doch nicht, daß ich in hunderttausend Briefen, Artikeln, Reden, Unterrichtsstunden, und selbst in Scherzen oder flüchtigen Gelegenheitsversen mich so hinein verschwendete ins Lebendige, statt als zuchtvoller Haushälter alle Kraft zu sammeln in ein »Werk« für das Mausoleum »Deutsche Kultur« sich auch noch an meinem Gehirn entzünden. Ich hatte ja gar nicht den Ehrgeiz, ein Lehrbuchparagraph zu werden. Ich meinte es ganz ernst, als ich mich selbst verspottete:

»Hast in deiner Qualen Stockhaus
Endlich doch erlangt,
Daß im Lexikon von Brockhaus
Auch dein Name prangt,
Daß der deutsche Oberlehrer
Dich auch mit bekennt,
Wenn er dreißigtausend Mehrer
Deutscher Bildung nennt. –«

Der Weg zur Größe, so schrieb einst Emile Zola, beginnt damit, daß man lernt, an jedem Morgen kalte Kröten zu schlucken. Vertrauensselig, weich und von Natur geneigt, alle Menschen und alle Meinungen allzu schwer zu nehmen, dabei lammsgeduldig im Eingehen auf das Schicksal der andern, so war ich wohl dazu bestimmt, beständig »enttäuscht« werden zu müssen; aber da jede Enttäuschung und das heißt jede Störung des Wachstums im Unbewußten, auch gleichzeitig immer ein Zuwachs ist an harter Bewußtheit, so gelangte ich vom sachlichen Erkennen aus, im Gegensatz zu einer aus Glauben gewobenen Natur zu einer vollkommen objektiven heute durch nichts mehr zu erschütternden Menschenverachtung. Dagegen habe ich das Außermenschliche immer ernst genommen. Am Menschen wurden seine Leiden und Leidenschaften mir zuletzt viel wichtiger, als all sein Geistiges: Logisches wie Soziales.

Daß man aber solches aufs Ursprüngliche zurücktastendes Lebensgefühl weltfremd und lebensfern nennt, das war mir das Wunderlichste, da ich allen Ernstes glaube, daß ich die Welt besser kenne als sie sich selber kennt, und da ja der Einblick in die Lebensferne unserer sogenannten »Wirklichkeit« (in die mechanische Natur selbst der Biologie und der Geschichte) meine eigentliche Kernentdeckung war. Gerade darum aber, weil ich durchaus ein Selbstrichter und Selbstquäler, ja ein Selbstanbohrer gewesen bin, konnte ich ohne dadurch je irre zu werden, sehr viel Mißwohlwollen, Feindschaft und Neid über mich ergehen lassen, denn: »Viele Hunde sind des Hasen Ehr'.« Strebte der Geist ins Breite, so hieß er: flach; flüchtete die Seele ins Einsamste, so hieß sie unsozial. Demut wurde Feigheit genannt und Stolz Frechheit. – Erst im Alter, nachdem manche meiner Schriften in fremde Sprachen übersetzt worden sind, besitze ich einen kleinen Kreis vertrauender Leser, aber gerade dies ist nun bitter, daß ich in fernen Ländern Schüler habe, zur selben Stunde, wo ich in der Heimat nicht einmal davor sicher bin, Literat, Dilettant, Narr, Frechling, Jude, Anarchist, Bolschewik und ich weiß nicht wie alles von Behörden, Zeitungen, Studenten, Professoren, Schriftstellern, Ministern, Fachleuten, und ich weiß nicht von wem selbstgerecht-verachtend benannt zu werden. Schließlich aber: Was kommt auf all das an? Und was kann es mir noch anhaben?

 

Junge Menschen! Ich habe dieses lange Testament niedergeschrieben an einem der schönsten und köstlichsten Sommertage, darin Gott sich hat offenbaren wollen. Ich schreibe es im Landhause des frohesten und heidnischsten deutschen Dichters. Das Haus liegt einsam hoch auf südlichem Hügel. Mein Arbeitsstübel ist unterm Balkenwerk des Daches. Und wenn ich vom Schreiben aufblicke, so fällt der Blick auf den endlos silberblauen See. Dahinter liegen heitere Hügel, und über die Hügel ragen ewige Alpen. Es ist Sonntag. Unten im Dorf wallen Beter. Am See wird ein Regattafest gefeiert. Der ganze Wasserspiegel ist übersät von tausend farbigen Schmetterlingen. Das sind blumengeschmückte Segelboote. Sie messen sich im großen Wettsegeln. Drunten am Strand stehen Tanzzelte. Da tanzt die Jugend. Im Garten und Haus knistert und kracht es vor Leben. Kleine Hühner, Enten, zwei gezähmte Stare, Katzen. Bienenorgelton; Julikäfergesumme; Vogelzwitschern! Nackte Buben schwimmen in den Wellen. Die Luft ist ein heißer, fließender Goldglanz. Drei schöne Mädchen gehn nackenumschlungen durch die Rosenlaube ... Und ich sitze hier oben und komme mir namenlos dämlich vor mit diesem »Testament an die Jugend«. Für Wohlwollende und Frohe ist das alles ja gar nicht nötig. Aber Mißwohlwollen, Dummheit, Blindheit, Neid und Haß kann man ja doch nicht versöhnen; man mag tun, was man will. Und doch hab ich blickend auf diesen holdesten Winkel unserer Erde die sicherste Gewißheit: »Mir kann gar nichts geschehen; was auch kommt.« – Es ist möglich, daß solch ein fanatischer Querkopf mich niederschlägt, wie sie Rathenau und Harden niedergeschlagen haben. Nun, dann werde ich zu Gott beten, daß es schnell geschehe. Am Leben gehangen, das habe ich nie. Und auf den Tod freue ich mich als auf die beseligende Heimatheimkehr. Denn ich werde das sein, was jetzt mein Kind ist und was wir alle Millionen Jahre schon waren und Millionen Gezeiten wieder sein werden. – Ich weiß: diese Scham- und Ehrfurchtlosen können mich auch mißhandeln, und dann freilich werde ich leiden. Denn jeder würde nachträglich beweisen, wie schuldlos gerade er sei. Aber dann würde die Rohheit und Niedertracht keine Ruhe mehr finden. Ich werde an das Wort Shelleys denken: »Nun will ich als ein Geist in ihrer Seele umgehen.« Und auch damit rechne ich, daß ich aus der Heimat fort muß und wieder neu beginnen. Aber ist denn das eine »Heimat«? Und wenn diese Menschen deutsche Menschen sind, was verliere ich an den deutschen Menschen? Und wenn das, was man mir antut, deutsch ist, wie kann es da für mich ehrenvoll sein, Deutscher zu heißen? – Und schließlich: Dies alles ist nur menschlich, nur historisch, nur zeitlich. Ich aber bin im Bunde mit Mächten, die ihr nicht versteht, darum, weil sie nicht eure Sprache haben: die Wolken, der See, der Wind, die Berge, die Wälder, ihre Blumen, ihre Tiere und die Geschöpfe da drunten und all die Einfach-Starken und die Kinder, – alle und alles ist mit mir im Bunde. Und wenn ihr für dies frohe Gefühl des Tiefgeborgenseins gelten lassen wollt die Menschenworte: Gott und Frömmigkeit, so darf ich sagen: »Ich bin in Gottes Arm.« Aber gerade darum will ich noch eine Zeitlang kämpfen, daß auf Erden das Leiden der Menschen ende und Gerechtigkeit und Wahrheit wurde.

Am Attersee, am 9. August 1925.


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