Joseph von Lauff
Die Brinkschulte
Joseph von Lauff

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Elftes Kapitel

Das war nicht unerwartet gekommen.

Auch der Schrei nicht.

Schon lange vorher hatten sich Knechte, Mägde und Stalljungen, auch der alte Brügelmann, näher herangezogen, um hier das Weitere abzuwarten, denn das war gewiß: mit dem Erscheinen des ungebetenen Menschen mußte irgend etwas passieren, und so saßen sie denn wie verdammelte Kinder, halb neugierig, halb verstört, aber zumeist unvermögend, irgend einen Entschluß zu fassen, und sahen in das Licht des Abends hinaus, das immer mehr eindunkelte. Bald mußte es sich in sich selber verzehren.

Der große Neufundländer, der bisher an der Kette gelegen hatte, um die Abendzeit herum aber freie Bahn erhielt, machte seine gewöhnliche, unheimliche Runde. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, witterte nach der Diele und belferte kurz auf. Dann ging es wieder rastlos um Scheunen und Herrenhaus.

Die Ziehharmonika schwieg. Keiner hatte mehr Verlangen nach ihr. Zusammengequetscht lag sie neben dem Schäfer, der ab und zu mit ängstlichen Blicken den Weg verfolgte, den Jaspers gegangen war. Alle Fenster waren noch blind und wollten nicht aufhellen. Zeitweilig schüttelte er den Kopf, ließ den Bartkranz, der sich von Ohrläppchen zu Ohrläppchen hinzog, durch die rissigen Finger gleiten und erging sich in Reden, die sich mit alten Zeiten befaßten. Nur er hatte unter den Anwesenden noch den Bruder des verstorbenen Herrn gekannt und war oft Zeuge der wilden Auftritte zwischen den beiden gewesen. »Das nimmt kein gutes Ende«, hatte er schon damals behauptet, trug es Jahre um Jahre mit sich herum und ließ es auch jetzt mit trockenen Worten von den Lippen fallen, obgleich er im Zweifel war, was er alles in diese Worte hineinlegen konnte und durfte. Sie waren verworren und halbwegs angestockt. Das hatten die Jahre zuwege gebracht. Die Einzelheiten des Durchlebten fügten sich nicht mehr wie Kettenglieder zusammen, wiesen überall Lücken und tote Punkte auf, und so kam es denn, daß die Zuhörer so recht nicht wußten, was sie mit seinen Auslassungen anfangen sollten.

Um so größer wurde ihre Begierde, das geheimnisvolle Dunkel zu lüften. Wie nächtige Tiere schlichen sich ihre Blicke an das Herrenhaus heran, das verwunschen unter dem Abendhimmel lag. Niemand ließ sich sehen; keine Stimme wurde laut. Das Gehöft hielt den Atem an, als dürfe es sich auch nicht durch den leisesten Hauch verraten.

Alle machten lange Hälse.

Die Spannung wuchs von Minute zu Minute.

Sicherlich war eine halbe Stunde herum, seit der alte Jaspers den Hausflur betreten hatte, und noch immer ruhte das ganze Anwesen wie unter dem Bahrtuch. Das konnte nicht so weiter gehen. Entweder der Eindringling mußte unverrichteter Sache den Hof verlassen, oder aber dem Geschick war Ellenbogenfreiheit zu geben.

Das fühlte auch Matthias Brügelmann. Irgend etwas mußte in die Erscheinung treten.

Langsam drehte er den Kopf mit dem lederfaltigen Gesicht auf den schmalen Schultern. Mit verblaßten Augen untersuchte er die einzelnen Dächer, ob sich keine Rauchwölkchen erhöben, ob keine Feuerchen durch die Strohdecken spielten. Er dachte dabei an den letzten Besuch des Alten vor zehn Jahren. Aber nichts ließ sich sehen.

Die meisten wurden ungeduldig, konnten sich aber nicht entschließen, ihren Platz zu verlassen.

Wo Ignaz nur blieb?

Sonst hatte er um diese Zeit schon längst die Arbeit für den morgigen Tag ausgegeben.

Für gewöhnlich verlangte keiner besonders heftig danach; aber heute war das eine andere Sache.

Endlich ...!

Langsam kam der gutmütige Riese von der Dielenseite her; aber er ging wie einer im Pfluge, gebückt und die Augen am Boden. So trat er zwischen die andern.

Erwartungsvoll hing jeder an seinem Munde, aber Ignaz Greving schüttelte den Kopf, drehte sich mit dem Gesicht wieder dem Gehöft zu und kaute undeutliche Worte zwischen den Zähnen.

Keiner verstand ihn.

Da sah ihn Brügelmann an, lange und mit offenem Munde, daß die gelben Zähne sichtbar wurden.

»Was ist denn los?« fragte er endlich.

Alle rückten näher zusammen.

Ignaz lächelte, aber er lächelte, wie diejenigen es an sich haben, die schwere und grimmige Gedanken mit sich herumtragen.

»Gute Armlänge ab,« sagte er mit gepreßten Lippen. Dabei griff er mit der rechten Hand in die leere Luft, als müsse ihm da irgend etwas in die geballte Faust hineinwachsen. »Man sollte ja dem feigen Kerl mit der dreckigen Visage die Schwarte verhauen. Toujours immer druff.«

Pfeifend ließ er den Arm durch die totenstille Luft sausen.

»Was will der infamtige Mensch denn?« fragte Brügelmann.

»Er ist mit 'nem neuen Kredo gekommen, aber es ist nicht so wie das in die Kirche.«

Ignaz zog einen Kreis um Hals und Nacken.

»Das will der Kerl,« sagte er mit gequälter Ruhe.

»Da soll doch ...!« fuhr Brügelmann auf. »Ich dächte, wir hätten noch Mark in den Knochen.« Mit leeren Augen, in deren Tiefe nur ein stechendes Fünkchen brannte, sah er die Knechte einzeln an.

»Ich sage euch,« entgegnete Ignaz, »Hand von die Sache. Was die Brinkschulte ist, die wird allein mit ihm fertig.«

Damit warf er sich neben den Alten und stützte das vierkantige Kinn auf.

»Mich hat sie ausgeklinkt,« setzte er verärgert hinzu, »sonst wäre alles besser gekommen.«

Hierauf schwieg er. Mit ihm die andern, aber keiner machte Anstalten, von der Stelle zu rücken.

Schatten fielen über die Erde. Die Konturen verwischten sich. Viertelstunde reihte sich an Viertelstunde. Von Sönnern her tönten vereinzelte Glockenschläge, weich und wie auf bauschiger Watte getragen, als plötzlich mehrere Fenster im unteren Stockwerk aufleuchteten.

»Da!« kam es wie aus einem Munde.

Es war der Ausruf einer Erlösung.

Gemächlich drängelte sich das Licht durch die Bohnenstangen, die sich in dem kleinen Gemüsegarten befanden. Darüber hinaus ruhte der Hof in feierlichem Dunkel.

Alle Augen hafteten an dem befreienden Schimmer. Die Spannung ließ nach. Jeder sehnte sich nach einem friedlichen Ausgleich.

Ignaz faltete die Hände, als wieder ein neues Licht aufblitzte. Im ersten Stock. Das Giebelfenster links erhellte sich. Es war das, hinter welchem Karl Mersmann wohnte.

»Nu liest er von Knipperdölling und Krechting,« sagte ein dralles Mädchen und versuchte zu kichern.

Aber keiner hatte Lust, ihm beizustimmen.

Ein Schatten ging hinter dem Fenster auf und nieder; heftig gestikulierend, von Zeit zu Zeit stehenbleibend. Er wuchs und streckte sich maßlos; dann sank er wieder in ein Nichts zusammen.

Das alte Interesse, das heimliche Grausen kehrte zurück.

Wenn doch noch etwas passieren sollte!

In aufsteigender Herzensangst rieb der alte Schäfer seine borkigen Finger zusammen. Er murmelte fahrig vor sich hin und zählte die einzelnen Minuten nach dem Auf- und Niedergehen seines Pulses.

Mit diesem monotonen Gemurmel wallfahrtete er alljährlich nach Billerbeck, im Hinblick auf eine glückliche Sterbestunde.

Und abermals war eine bange und lange Viertelstunde vergangen.

Da klirrte es, und dennoch war es kein Klirren. Schartig teilte es die Luft. Ein markerschütternder Schrei ließ die Kerzen gefrieren.

»Die Madam ...!« keuchte Brügelmann und riß sich auf.

Auch Ignaz erhob sich.

Fast gleichzeitig kam ein langgezogener Ton daher – heulend, kriechend, bohrend, um dann anzuschwellen und tierisch zu werden.

»Nu aber, Ignaz ...!«

Die kleinen, stechenden Fünkchen des Schäfers phosphoreszierten. Mit der Faust schlug er sich auf die offene Brust: »Mensch, du bist doch der nächste dazu.«

Dicht trat er an die Seite des Großknechtes. Seine Hand streckte sich: »Dahin gehörst du.«

»So lang die Madam nicht das Fenster aufreißt und um Hilfe schreit ... Ich kenne die Brinkschulte.«

»Du mußt,« gebot der Schäfer. Seine Augen brannten jetzt wie flackernde Kerzen.

»Na denn ...« sagte Ignaz. »Aber ich weiß, was mir blüht.«

Wie ein vor den Kopf geschlagener Stier wankte er vorwärts, über den Hof, durch den Krautgarten, die Stangenbohnen entlang, bis er vor dem erleuchteten Fenster stand.

Drinnen war es taghell. Greifbar nahe sah er die Brinkschulte vor sich. Jaspers bemerkte er nicht; aber Karl Mersmann stand in voller Beleuchtung.

Ihm war es, als griffe die Not durchs Fenster.

Da hob sich der blonde Hüne. Mit hartem Knöchel pochte er gegen die Scheiben.

»Madam,« polterte er mit fester Stimme in die Helle hinein, »wenn Ihr mich nötig habt ... Hier ist Ignaz Greving ... toujours en vedette.« Das letztere war eine überkommene Redensart aus seiner Militärzeit, die er bei den vierten Kürassieren abgedient hatte.

Er brauchte nicht lange zu warten.

Der Riegel schob sich zurück. Die Brinkschulte erschien in dem lichtumsponnenen Rahmen.

Sie machte eine Handbewegung, als wenn sie die ganze Welt beiseite schieben wollte.

»Ich brauche keine Hilfe,« sagte sie bestimmt, »wenigstens jetzt nicht. Aber ich danke Euch, Ignaz. Im übrigen: es ist Schlafenszeit für den Hof. Morgen ist auch ein Tag. Gute Nacht.«

Damit stand Ignaz vor dem verschlossenen Fenster und hatte einen Fluch zwischen den Zähnen.

»Ich dachte mir's ja,« sagte er unwillig. »Toujours immer dieselbe,« und er ging rückwärts. Schritt für Schritt, und sah noch, wie der Spökenkieker stur und steif in der Tiefe des weiten Raumes aufragte, gewaltig und den Blick scharf in eine Ecke gerichtet. Und ganz benommen ging Ignaz seines Weges, während sich die drei Menschen drohend gegenüberstanden, in qualvoller Stille, in einem Erraten und Betasten der gegenseitigen Gedanken: Jaspers geduckt und abwartend, Karl Mersmann die Bruchstücke seines kranken Geistes zusammensuchend, ohne sie richtig finden zu können, die Brinkschulte wieder im Besitz ihrer Herrschaft.

»Kardel,« gebot sie, »was ich Ignaz schon sagte, gilt auch für Euch. Ich habe keine Hilfe vonnöten – und daher: Ihr sollt Ruhe geben. Es ist Schlafenszeit für den Hof. Morgen ist auch ein Tag.«

»Wo der da noch steht?« fragte der Spökenkieker.

»Ja, wo der da noch steht.«

»Brinkschulte, der will was.«

»Das ist meine Sache; geht schlafen.«

»Brinkschulte, das ist ja der Kerl mit dem Feuer. Wo der da noch hier ist?! Der bricht Euch das Kreuz! – Brinkschulte ...!« und Karl Mersmann gab sich, als wäre ein neuer Geist in ihn gefahren. Nichts Verwehtes mehr, keine Halbheit, nichts mehr von dem Aussehn eines Gottesnarren! Gerade wie damals, vor langen Jahren, von denen Juffer Eli berichtet hatte, also sah er aus ... und war einer, der umherging wie jemand, der Sonnenlicht um sich hatte und festen Grund unter den Füßen. Dann bröckelte sein Denken wieder langsam auseinander, Glied für Glied, Stück für Stück, wie ein künstlich aufgeführtes Gemäuer, dem man vergessen hatte, Fundamente zu geben. Nur sein Äußeres blieb, und die Stimme, die sonst was Heulendes an sich hatte, nahm ihren einstigen Ton an.

»Brinkschulte, weißt du noch ...!« und er trat bis in die Mitte des Raumes, während Jaspers scheu zurückwich und sich hinter den Tisch verschanzte – »Brinkschulte, geschrieben steht: Gestorben, begraben, abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage wieder erstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, wo er sitzet zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten ... Und siehe, da sitzen sie: Jan van Leyden, Knipperdölling und Krechting und wollen Gericht abhalten. Ganz famöste Kerle, die drei! – und sie machen sich auf – und gehen zum Brinkschultenhof – und kommen über die Diele ... Und Jan van Leyden macht ein Rasiermesser blank. Gut so, gut so! – Komm mal her, mein Hühnchen; jetzt wollen wir das neue Kegelspiel spielen. Es tut nicht weh. Na, so was! – da steckt ja das Messer ...«

Seine Blicke änderten sich. Es war Glut und Brand darin, und sie fielen über den Alten her, als müßten sie ihn bei lebendigem Leib verdorren. Dann irrten sie nach links, ungefähr dorthin, wo die Brinkschulte entsetzt neben dem Herdfeuer stand.

Sprachlos sah sie ihn an.

So war er noch niemals gewesen.

Sie wollte sprechen, aber Karl Mersmann gab ihr keine Zeit dazu.

»Da sieh doch!« brach es aus ihm heraus. »Ganz famöste Kerle – die drei! – Knipperdölling, ziehe dein Schwert aus der Scheide... Das Schwert, das Schwert!«

Er machte einen Schritt auf Jaspers zu.

»De Kärl is riep!« schrie er auf, tat einen wilden Satz zur Seite und hatte das Beil aus dem Hauklotz gerissen. Wie ein häßliches Licht stand die blanke Schneide zwischen Kopf und Decke. Jeden Augenblick konnte sie fallen.

»Kardel ...!«

Drohend stand die Brinkschulte neben ihm.

»'runter damit!«

»Wo der da noch steht?! – Keiner soll an dich heran. Brinkschulte, heilig bist du. Und der da will dein Heiligtum verschandelieren. Da soll doch der leibhaftige Bülo Krawallo ...«

Die Faust packte am Stiel nach.

»Ich sage dir, Kardel: Hab' keine Bange um mich. Ich habe mit dem da zu reden. Drum bekriege dich man. Wenn Not an mich kommt – ja, dann bist du der nächste dazu.«

»So ...?!«

»Ja.«

»Gut, das will ich Knipperdölling vermelden.«

»Dann geht schlafen.«

Karl Mersmann duckte sich. Die Spannung in ihm ließ nach, wie ein Sturmwind plötzlich abflaut, und drückte ihm Arm und Beil herunter.

Dann aber ...

»Gut, ich geh!« brach es von neuem aus ihm heraus, und die Faust krampfte sich wieder, »aber kommt der Feuermensch noch mal auf den Hof und will Euch das Kreuz brechen – Brinkschulte, dann bin ich der nächste dazu, um zu richten die Lebendigen und die Toten. Heiliger Knipperdölling...! – Dessen will ich ein Zeichen geben. Brinkschulte – aufgepaßt...!« und ehe es die Erschreckte hindern konnte, beugte er sich rücklings, holte zum Hieb aus, ein Riese mit grenzenloser Kraft und Gewalt, fähig, Eisenstangen zu brechen.

Und dann ein Klirren und Klingen...

Mit hellem Schrei fraß sich die Schneide in den Türpfosten, zitterte nach und ließ noch geraume Zeit hindurch ein klagendes Singen vernehmen. Das Beil saß. Karl Mersmann griemelte und kam näher: »So wacht Knipperdölling für dich – und wacht, solange dir der Feurio im Nacken sitzt, solange das verflüchtige Ding von den Sattelmeiern steht, wo es steht, aber« – und seine Stimme begehrte auf – »kommt ein Hochzeiter ins Haus – verfluchtig noch mal! – nee, dann bin ich nicht aus der Bodenluke gefallen... Brinkschulte, Josepha, heilige Elisabeth Wandscherer, dann fällt dir der Kopf herunter, und wir alle singen dabei den Lobgesang ab: Ehre sei Gott in der Höhe!«

Er brach in die Knie, streckte die Hände zu ihr, wie zu einem Heiligenbilde empor, um hierauf den Nacken zu beugen und den Staub von ihren Schuhen zu küssen.

In diesem Augenblick leuchtete ihm ein schönes Licht, das Licht der Erkenntnis, und dennoch war alles eitel und nichtig. Das graue Gespenst mit den tiefliegenden Augenhöhlen, das bizarre Gedanken beschwor und verrenkte Bilder zeitigte, kehrte zurück, redete ihm gut zu und führte ihn abermals in das purpurblaue Reich, wo die Flamme nach unten brennt und die Wasser zu Berg gehen.

Eine bange, schreckliche Minute verrann. Ohne sich zu rühren, eine Leblose, stand Josepha Brinkschulte neben der Feuerstelle, den Rücken an die Bekrönung gelehnt, eine andere wie vorhin, weiß wie der Tod und wie von seiner grauen Nähe berührt. Eisig wehte es um ihre Stirn. Sie stierte Jaspers an, der wieder aufatmete, die Tischplatte umgriff, sich vorbeugte und etliche Schriftsätze aus dem offen liegenden Testament seines verstorbenen Bruders zu fischen suchte.

Draußen erneute sich das kurzausgestoßene Belfern des Hundes. Es wurde zu einem bösartigen Gekläff, das sich bald entfernte, bald näherte. Jetzt gab das Tier Standlaut vor dem Fenster und stand Posten davor. Dann trollte es weiter. Wie das Kreise um Kreise zog! Ewig dieses Trotten und Anschlagen! Der Alte hörte darauf. Seine Zuversicht verlor an Boden. Ängstlich kroch er in sich zusammen.

»Das verfluchte Biest!«

Die Brinkschulte hatte kein Ohr dafür. Ein dumpfes Rauschen wälzte sich gegen sie an – ein Racken und Brechen. Mit dröhnenden Glockenschlägen polterte es um sie her. Von der Balkendecke löste sich ein dunkles Gefieder, das ihr Denken und Fühlen einhüllte und sie ihrer Besinnung beraubte. Und immer die Glockenschläge, die sich nicht scheuchen ließen, immer entsetzlicher wurden und sie wie eherne Vögel umschaukelten. So ging das nicht weiter! Sie mußte die Flore zerreißen, den Glocken gebieten, mit ihrem Dröhnen inne zu halten, und sich selber entschließen, dem unabänderlichen mit offener Stirn gegenüberzutreten. Aber woher die Kraft dazu nehmen? Sie war zu Ende damit. Sie fühlte: ihr Wesensinnere fiel Stück für Stück auseinander. Die Erlebnisse der letzten Augenblicke waren zu mächtig. Es gab keine Überraschung mehr für sie, aber die letzte genügte, ihr das Lächeln für immer von den Lippen zu nehmen. Dort wartete das Unheil: der zusammengedrückte Mensch, der ihre Gedanken beherrschte und mit diabolischer Freude ihrem Vater das Stigma des Verbrechers aufstempeln wollte – und hier: da kauerte der andere zu ihren Füßen, der von Gott Gezeichnete, der Narr mit der Hundetreue und dem Kindergemüt, dessen Geist aufgefahren war in wütigem Zorn, für Gedankenspanne in heller Beleuchtung gestanden hatte, um dann wieder in hoffnungslose Umnachtung zu stürzen. Nur die Treue blieb, die Treue, die selbst an den Sargbrettern nicht haltmachte und noch jenseits des Grabes ihre Wurzeln schlug – aber wie dem auch sein mochte ...

In diesem Augenblick fühlte sie alles, sah sie alles. Es gab kein Dunkel mehr für sie, kein barmherziges Dunkel mehr! Grelle Lichter fielen in ihr vergangenes Leben. Unberufene Hände wühlten darin herum. Mochten sie alles beleuchten, alles betasten! Sie hatte nichts zu verheimlichen und nichts zu fürchten. Nichts haftete ihr an, was andermanns Leid war. Und was in heißer Stunde sie aufgeschreckt und sehend gemacht hatte, das ging keinen etwas an. Aber ihr Vater ...? Ein wuchtiger Eichenstamm, eingepfählt auf westfälischer Erde, borkig und rissig, aber auch kernig und wetterhart bis ins Mark hinein, also hatte er stets und unwandelbar in ihrem Andenken gelebt – und lebte er jetzt noch. Anmaßend bis zur Brutalität, eigenwillig bis zur Unbarmherzigkeit, so hatte er sich immer gegeben, ohne Ansehn der Person und nur seinen eigenen Vorteil im Auge; das konnte selbst die Kindesliebe nicht von ihm nehmen. Trotzdem hatte sie ihn bewundert, wenn auch mit Furcht und heimlicher Scheu, denn seine Stirn war offen und sein Gang aufrecht wie der eines Gerechten gewesen ... und nun kam einer daher, sein eigener Bruder, der Mann, der schon in der Jugend angestockt und wurmstichig war, und hatte die Stirn ... Sie führte den Gedanken nicht weiter, wollte ihn nicht weiter führen, obgleich sie an den Schlußfolgerungen doch nicht vorbei konnte. Wenn der Mensch recht behielte ...! – wenn der andere, der da zu ihren Füßen, dem entsetzlichen Kläger beipflichten würde! – denn worauf zielten sonst die Worte des Irren? Und wenn sie auch nur den Lippen eines Minderwertigen entsprangen, mit der Wirklichkeit vielleicht gar nichts zu schaffen hatten – sie ließ es sich nicht mehr ausreden: hier wollte die Vergangenheit den Mund auftun – Unglaubliches trat in den Bereich des Möglichen – alte Tage wurden lebendig – zerrissene Saiten huben wieder an zu klingen ... Sie hielt's nicht mehr aus. Das ging über ihre Kraft und stieß sie dem Abgrund zu. Eine fliegende Angst kam über sie. Mit feurigen Striemen peitschte es durch ihre Seele. Dem mußte ein Ende gemacht werden, sofort und ohne langes Besinnen, selbst auf die Gefahr hin, einen Teil ihres gerechten Stolzes einzubüßen und mit dem Verhaßten paktieren zu müssen. Auge in Auge, Mensch zum Menschen. Das war der richtige, der einzige Weg, weil der allein mögliche Weg: Paktieren, um den Mann mit Ekel von sich zu stoßen. Nur so war ihre Position und die des Hofes zu halten. Mit dem Verlähmten wurde sie schon fertig, war sie schon Jahre um Jahre fertig geworden. Aber der Alte ... Der streckte die Hände und war willens, das Andenken ihres Vaters und das ihrer ganzen Familie an den Galgen zu schleppen. Sie mußte handeln. Es gab kein Rückwärts mehr. Sie war ihrem Vater verpflichtet; sie hatte vor die Ehre und das Andenken des Verstorbenen zu treten.

»Kardel...!«

Ihre Stimme klang weich. Sie legte ihm die Hand auf den Scheitel.

Er stierte in die Höhe, ohne Empfinden dafür, wo er sich befand, was kurz vorher geschehen war. Nur – er hatte das Gefühl eines überwundenen Schmerzes. Karl Mersmann war glücklich. Ihm fehlten die Grenzen von Leben und Tod. Sein Geist erging sich in seligen Gefilden.

»Nun geht,« sagte sie ruhig. »Habt keine Sorge um mich. Alles hat sich in Frieden gegeben.«

»Seid Ihr auch jetzt allein?« fragte er leise.

»Ganz allein.«

»Wißt Ihr das ganz bestimmt?«

»Ganz bestimmt.«

»Und alle Ratzen sind fort?«

»Alle sind fort.«

»Und Knipperdölling ...?«

»Auch fort.«

Da hob er sich auf, geduldig und folgsam wie ein Kind, das man auf das heilige Christfest verwiesen hatte, und er ging rückwärts schreitend zur Tür, mit leuchtenden Augen, die alles haarscharf sahen und doch nichts sahen. Lautlos trat er auf die Diele hinaus.

»Und nun zu Euch,« sagte die Brinkschulte.

Ihre Worte klangen wie sprödes Metall.

Jaspers schob langsam und vorsichtig den Kopf aus den Schultern.

»Habt Ihr Euch endlich besonnen?« fragte er lauernd. »Ich dachte schon, Ihre hättet alle Besinnung verloren.«

»Mir hat es nie an Besinnung gefehlt – auch jetzt nicht.«

»Soeben doch,« konstatierte er mit hämischer Genugtuung, »aber gut Ding, was Einsehn lernt und sich einen andern Dreh zulegt. Ich sah das kommen, und es mußte so kommen – sonst: Weib, ich hätte Euch unbarmherzig von Eurem hochfahrigen Thron gestoßen.«

Mit aufgestützten Händen flegelte er sich von seinem Stuhl, ließ sich die Lampe grell ins Gesicht fallen und sah über den Tisch fort, in das Halbdunkel hinein, wo die Brinkschulte noch immer geborgen stand.

»Wird wieder der Erpresser lebendig ...?«

Das wollte sie sagen, ihm die Worte ins Gesicht schleudern und die Hand daneben setzen ... Aber was hätte das alles geholfen? Nichts, reineweg gar nichts. Sie hatte keine andere Wahl, sie mußte sich beugen – immer tiefer, immer tiefer herunter ... Sie konnte nicht anders. Sie mußte den Schritt tun, wenn sie nicht wollte, daß die Leute sagten: »Die Stätte auf der Diele ist unheiliger Boden geworden,« und daher: noch ein letztes Aufbäumen, ein Sichsperren gegen sich selbst, dann aber ... sie schritt vor, trat an den Tisch, ohne den Blick von dem Antlitz ihres Blutsaugers zu lassen, und legte die Hand auf das Testament ihres Vaters.

»Nun denn,« sagte sie mit gefaßter Stimme, »also was wollt Ihr?« Jaspers lachte auf.

»Das wißt Ihr noch nicht?« fragte er heiter. Aber diese Heiterkeit hatte den Satan im Nacken. »Zum Henker, wofür ist denn die ganze Unterredung gewesen? Brot will ich haben.«

Er warf sich zurück und zerknüllte seine Seidenmütze: »Brot, Brot, Brot ...!«

»Hättet Ihr gleich darum gebeten, ich hätte mit vollen Händen gegeben – aus freien Stücken; nicht durch Gewalt, nicht durch Bedrohung. Ich bin kein Unmensch, aber Erpressern gegenüber sind die Kieselsteine weich gegen mich. Verstanden?«

Der Alte sprang auf: »Weib, du – infames!«

»Ruhe – Ihr! – oder wollt Ihr, daß wieder einer ungebeten hereintritt?«

Sie sprach es mit unerbittlicher Schärfe, obgleich eine Stimme ihr zuraunte: »Willst du das Spiel aus den Händen geben, dann fahre so fort.«

»Der Mensch von soeben?« fragte Jaspers.

»Ja, der von soeben.«

Da fiel sein Blick auf den Türpfosten. Noch stak das Beil darin, noch spielte das Lampenlicht mit der gierigen Schneide. Obgleich stumm wie ein Sargnagel, redete das Beil. Es hatte seine eigene Sprache, und gebieterisch äugte es herüber. Der Alte verstand, was es wollte. Kalt lief es ihm über den Nacken. Er lebte also unter dem Beil, und in dessen Anwesenheit sollte paktiert werden. Auch der Hund schlug wieder an – kurz und bösartig. Sein heißer Atem stand dicht unter dem Fenster.

Da schluckte Jaspers den ›Erpresser‹ herunter. Auch ihm war ein Ziel gesetzt, wenn er nicht wollte, daß seine Pläne wie Kartenhäuser zusammen purzelten. Auch ihm brannte die Not auf den Nägeln.

»Bäuerin,« meinte er heiser, »ist es Euch ernst mit dem, was Ihr mir anbietet?«

»Ja, ich will Euch Brot geben, aber wie schon gesagt: nur aus freien Stücken heraus.«

»So gebt es; ich nehme Euer Brot an.«

Die Brinkschulte horchte auf. Das war anders gesprochen, so ganz anders wie früher und berührte sie eigenartig. Es war ihr so, als klänge ein versöhnlicher Ton aus diesen Worten heraus.

Da nahm sie das Testament, warf noch einen kurzen Blick hinein und zerknitterte es nervös zwischen den Händen.

»So will ich ein übriges tun,« konstatierte sie nach einigem Besinnen, »und gegen den letzten Willen meines Vaters eine Abmachung treffen, die meinem Erbe nicht, aber meinem Gewissen Schweres zumutet. Und daher: mit dem heutigen Tage setze ich Euch eine Rente von 2000 Talern aus, zahlbar in monatlichen Raten durch die Hand und auf der Amtsstube meines Rechtsanwaltes Klemens Berlage in Dortmund. – Nehmt Ihr an, so soll es mir recht sein, wenn nicht – mögt Ihr die wirkliche oder erdichtete Schuld meines Vaters im Kirchspiel und in den Bauernschaften herumschreien. Ich sehe dem Weiteren gefaßt entgegen und warte darauf. Also – ja oder nein?«

Sie stützte sich mit den Knöcheln, den Blick zielbewußt auf ihren Partner gerichtet, ruhig und bestimmt, obgleich alles Blut aus ihren Lippen gewichen war. Aber sie hatte sich gefunden. Das Königliche in ihr begann wieder zu siegen.

»Ich warte auf Antwort.«

Es klang hart und zuversichtlich.

Da griff der Alte nach seinem Stock und stülpte sich die Schirmmütze über.

»Ich nehme an,« sagte er mürrisch, nicht ohne dabei einen schiefen Seitenblick auf den gezeichneten Türpfosten zu werfen.

»Und damit hat der Hof wieder seinen Frieden?« fragte sie eilig.

»Soll ein Wort sein.«

»Und mein Vater seine Ruhe im Grabe?«

»Meinetwegen – obgleich die Abfindungssumme ... lumpig! – da lachen ja die Hühner darüber. Aber so seid Ihr. Wie der Baum, so der Ableger. Nur noch schlimmer mit dem Sattelmeierblut drin. Ihr seid Kieselsteine – ihr Brinkschultenhöfer.«

»Das habe ich schon vorhin behauptet. Ihr sagt mir nichts Neues, nur – es handelt sich nicht um mich, sondern um Euch, und darum, um eine runde Antwort zu haben: Wollt Ihr die Sache tot machen, wenn Ihr die Rente empfangt? Das Weitere laßt meine Sorge sein.«

»Na, ja denn,« gab er schartig zurück, »tot soll sie sein.«

Seine leichenfarbige Hand machte einen kurzen, horizontalen Strich durch die Luft.

Die Brinkschulte atmete auf. Verächtlich wandte sie sich von ihm ab und schritt der Tür zu, riß sie auf und sagte: »So wären wir fertig.«

»Merci.«

Mit eingezogenen Schultern ging er unter dem Beil fort, wie unter dem Schatten des Schwertes. Die Brinkschulte folgte bis zum großen Dielentor. Als erste trat sie ins Freie. Eine fahle, dunstige Mondnacht lag unter dem Firmament.

Der Hund schlug von neuem an. Er kam von der Roggenscheune her, im Nebel und mit heiserem Röhren. Wie ein Phantom wuchs er aus den Schwaden heraus. Mit schleppendem Kopf trollte er näher.

Der Alte wollte zurück.

Da sprang der Hund an.

»Kusch dich!«

Und das gewaltige Tier duckte sich knurrend und mit fließenden Lefzen zu Boden, drängelte sich dicht an seine Herrin und schmiegte sich an sie, während Jaspers ungefährdet den Hof verließ und im ziehenden Nebel untertauchte.

Es war zehn Uhr unter dem Monde geworden. Die Kastenuhr meldete die Stunde.

Noch lange sah die Brinkschulte in die Nacht hinaus. Erst als die Schritte des Alten verhallt waren, gab sie den Hund frei und schloß das Tor ab. Dann ging sie ihrer Kammer zu, wo Dörte noch wachte.

Die Diele war matt erleuchtet und blieb es, bis der Tag graute.

Das Vieh spürte die Gegenwart der Herrin. Leise Bewegung ging durch die Tiere, als sie vorbeikam.

In der Höhe der Bodenluke hielt sie den Fuß an, unwillkürlich, ohne daß sie es wollte. Ein Zittern ging über sie hin. Sie konnte nicht weiter. Hier auf heiliger Erde hatte ihr Vater zwischen den schwarzen Brettern gelegen, bevor er seinen Grund und Boden verließ. Über ihr gähnte die Luke ... Von dort war Karl Mersmann ... und ihr Vater hatte neben ihm gestanden ... und das war an jenem furchtbaren Tage gewesen, wo es zuvor über sie fortgebraust war wie Sturm im jungen Frühlingswald, aber dieser Sturm hatte Blüten gebrochen.

Jetzt begriff sie ... jetzt erst konnte sie die Fäden entwirren ... jetzt erst fand sie eine Verbindung zwischen dem Absturz und ihrem eigenen furchtbaren Tage ... Die Stunde hatte ihr die Binde von den Augen genommen. Sie wußte alles.

Und das Entsetzen stand bei ihr – und da: ihr Haupt neigte sich, ihre Hände falteten sich, ihre Knie beugten sich: »Jesus Christus! – Erbarmen, Erbarmen ...! – Mir will das Herz auseinander ...!«

Ihre Gedanken flogen nach Sönnern: »Wenn der Herr doch käme!«

So fand sie Dörte, und mit verweintem Gesicht geleitete diese ihre arme Herrin zur Kammer.

Der Brinkschultenhof hatte seine Ruhe gefunden.


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