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5. Kapitel.
Von Irrtum, Falschheit und Fehlschlüssen

1. Man irrt nicht nur beim Bejahen und Verneinen, sondern auch beim Wahrnehmen und stillen Nachdenken. Wir irren beim Bejahen und Verneinen, wenn wir einem Dinge einen Namen geben, der ihm nicht zukommt, z. B. wenn wir die Sonne zuerst im Wasser reflektiert sehen, darauf diese direkt am Himmel wahrnehmen und beiden Anschauungen den Namen Sonne zuerteilen und behaupten, es gäbe zwei Sonnen. Das kann nur dem Menschen widerfahren, denn andre Lebewesen gebrauchen keine Namen. Diese Art Irrtum verdient allein die Bezeichnung Falschheit, da er nicht in der Sinneswahrnehmung noch aus dem Dinge selbst entsteht, sondern aus dem unbedachten Aussprechen; denn Namen gründen sich nicht auf das Wesen der Dinge selbst, sondern auf den Willen und die Übereinkunft der Menschen. Und daher kommt es, daß Menschen durch ihre eigne Nachlässigkeit sich falsch äußern, wenn sie von den festgelegten Benennungen der Dinge absehen, während sie doch von den Dingen selbst oder von ihren Sinnen nicht getäuscht wurden; denn daß jenes Ding, welches sie sehen, Sonne genannt wird, nehmen sie nicht wahr, sondern dieser Name ist willkürlich und auf Grund freier Übereinkunft gegeben.

Stille Irrtümer, nämlich Irrtümer der Sinne und des innern Nachdenkens, entstehen, wenn man von einer Vorstellung zur Vorstellung eines ganz verschiedenen Dinges übergeht, oder wenn man annimmt, daß etwas, was nie gewesen oder nie sein wird, vergangen ist oder geschehen wird. So wenn wir z. B. beim Anblick des Spiegelbildes der Sonne im Wasser uns einbilden, die Sonne selbst dort zu sehen oder beim Erblicken von Schwertern vermuten, daß Kämpfe stattgefunden haben oder stattfinden werden, weil es meistens der Fall ist; oder wenn wir aus Versprechungen auf eine bestimmte Gesinnung der Versprechenden schließen oder endlich, wenn man irgend etwas als Zeichen für etwas anderes deutet, was aber in Wahrheit gar nicht zutrifft. Diese Art Irrtum ist allen sinnbegabten Wesen gemeinsam; und doch wurzelt die Täuschung weder in unsern Sinnen, noch in den Dingen, die wir wahrnehmen, sondern in uns selbst, indem wir fälschlich annehmen, daß Dinge, die nichts als Bilder sind, etwas mehr als nur Bilder seien. Aber weder Dinge noch Vorstellungen der Dinge kann man als falsch bezeichnen, da sie in Wahrheit das sind, was sie vorstellen; auch kündigen sie als Zeichen nichts an, was sie nicht erfüllen, denn sie kündigen überhaupt nichts an, sondern wir schließen dies aus ihnen; die Wolken künden keinen Regen an, sondern wir schließen aus ihnen auf Regen. Um sich daher von solchen Irrtümern, die in der falschen Deutung natürlicher Zeichen wurzeln, zu befreien, ist es das beste, ehe man über die mutmaßlichen Dinge sich ergeht, zunächst unser Nichtwissen klarzustellen, um dann erst mit dem strengen Denken zu beginnen. Denn solche Irrtümer entstehen gerade aus Mangel an Vernunft, wohingegen Irrtümer des Verneinens oder Bejahens (d. h. Falschheit der Sätze) Fehler des verkehrten Denkens sind. Da diese mit der Philosophie unverträglich sind, werde ich sie hauptsächlich besprechen.

2. Irrtümer des syllogistischen Schließens beruhen entweder auf der Falschheit der Prämissen oder der der Folgerung selbst. Im ersteren Fall nennt man den Syllogismus fehlerhaft der Materie wegen, im zweiten der Form wegen. Zuerst will ich die Materie betrachten, auf wie viele Arten ein Satz falsch sein kann, dann erst von der Form sprechen und feststellen, wie es kommt, daß die Schlußfolgerung sich als falsch herausstellt, wenn auch die Prämissen richtig sind.

Da ja nach Kapitel III, Abschnitt 7, nur der Satz richtig ist, in welchem zwei Namen für ein und dasselbe Ding verbunden werden, aber der immer falsch ist, in welchem Namen verschiedener Dinge aufeinander bezogen werden, sieht man schon, auf wie vielerlei Weise Namen verschiedener Dinge miteinander verbunden werden können, und auf ebenso vielerlei Art kann ein falscher Schluß gezogen werden.

Alle benannten Dinge können in vier Klassen geteilt werden: Körper, Accidenzien, Phantasmen und die Namen selbst. Deshalb müssen in jedem richtigen Satz die verbundenen Namen entweder beide Körpernamen oder beide Accidenzien oder beide Namen für Phantasmen oder schließlich Namen von Namen selbst sein. Denn andersverbundene Namen sind ohne Zusammenhang und geben ein falsches Urteil. Es kann auch vorkommen, daß ein Körpername oder der eines Accidenz oder eines Phantasma mit dem Namen eines Satzes verknüpft wird, dann kann jene Verbindung von Namen in siebenfacher Weise gegen die allein berechtigte Verknüpfungsweise verstoßen:

1. Wenn ein Körpername
2. Wenn ein Körpername
3. Wenn ein Körpername
4. Wenn der Name eines Accidenz
5. Wenn der Name eines Accidenz
6. Wenn d. Name eines Phantasma
7. Wenn der Name eines Körpers, Accidenz oder Phantasma
  }  verbunden wird
mit dem
  {  Namen eines Accidenz
Namen eines Phantasma
Namen eines Namens
Namen eines Phantasma
Namen eines Namens
Namen eines Namens
Namen einer Rede

Für all diese Fälle werde ich Beispiele anführen.

3. Nach erster Art entstehen falsche Sätze, wenn abstrakte Namen mit konkreten verbunden werden: wie im Lateinischen und Griechischen esse est ens, essentia est ens, τὸ τί ἦν εἶναι, quidditas est ens und viel derartiges, wie man es in Aristoteles' Metaphysik findet. Ebenso: der Verstand ist tätig, der Verstand versteht, der Gesichtssinn sieht; der Körper ist Größe, der Körper ist Quantität, der Körper ist Ausdehnung; Mensch-sein ist Mensch, das Weiß-sein ist weiß usw., welches ebensoviel heißt, als ob man sagt: der Läufer ist das Laufen oder der Spaziergang geht spazieren. Oder weiter: die Essenz ist getrennt, die Substanz abstrakt und ähnliche oder von diesen abgeleitete Sätze (deren es in der gewöhnlichen Philosophie eine Menge gibt). Denn da kein Subjekt eines Accidenz (d. h. kein Körper) ein Accidenz ist, darf man auch keinem Körper den Namen eines Accidenz geben, noch den Namen eines Körpers einem Accidenz zuerteilen.

4. Falsche Sätze der zweiten Art sind: ein Gespenst ist ein Körper oder ein Geist, d. h. ein dünner Körper; sensible Spezies fliegen durch die Luft, bewegen sich hierhin, dorthin, ein Vorgang, der nur Körpern eigen ist; der Schatten bewegt sich oder er ist ein Körper; die Farbe ist Objekt des Sehens, Schall Objekt des Hörens; Raum oder Ort dehnt sich aus und zahllose andere ähnliche Urteile; denn da uns Geistererscheinungen, sensible Spezies, Schatten, Licht, Farbe, Schall, Raum ebenso im Schlaf wie im Wachen erscheinen, können sie nicht Dinge, die außerhalb unser sind, sondern nur Phantasmen des vorstellenden Geistes sein; folglich können ihre Namen, mit Körpernamen verknüpft, keine richtigen Schlüsse ergeben.

5. Falsche Sätze der dritten Art sind: genus est ens, universale est ens, ens de ente praedicatur. Denn genus und universale und praedicare sind Namen von Namen und nicht von Dingen. Eine falsche Aussage ist ebenfalls: »Die Zahl ist unendlich«, denn keine Zahl kann unendlich sein, sondern das Wort Zahl wird nur dann ein indefiniter Name genannt, wenn im Geiste keine bestimmte Zahl ihm untergelegt wird.

6. Zur vierten Art gehören falsche Aussagen wie diese: ein Objekt ist von solcher Größe und Figur, wie sie der Beschauer sieht; Farbe, Licht, Schall sind im Objekt. Denn dasselbe Objekt erscheint manchmal größer, manchmal kleiner, mal viereckig, mal rund, je nach der Verschiedenheit des Abstandes und der Medien; aber die wahre Größe und Figur des wahrgenommenen Gegenstandes ist immer ein und dieselbe; weshalb die von uns geschaute Größe und Figur nicht die wahre Größe und Figur des Objektes ist, sondern nur ein Phantasma, und daher werden in derartigen Aussagen die Namen von Accidenzien mit Namen von Phantasmen verknüpft.

7. Nach der fünften Art begehen diejenigen Fehler, die behaupten, die Definition sei das Wesentliche (Essenz) des Dinges; das Weiße oder ein anderes Accidenz sei eine Gattung oder ein Allgemeines. Die Definition ist nämlich nicht das Wesentliche eines Dinges, sondern sie ist ein Satz, der das ausdrückt, was wir für das Wesentliche des Dinges halten; ebenso ist nicht das Weiße an sich, sondern das Wort Weiß ein genus oder ein universaler Name.

8. In der sechsten Art und Weise irrt man, wenn man behauptet, die Vorstellung irgendeines Körpers sei allgemein, gleichsam als befände sich im Geiste das Bild etwa von einem Menschen, das nicht einen einzelnen Menschen vorstellte, sondern einfach den Menschen an sich, was unmöglich ist; denn jede Vorstellung ist eine und die Vorstellung nur eines einzigen Dinges; man täuscht sich deshalb, wenn man den Namen des Dinges für seine Vorstellung setzt.

9. In der siebenten Art irren diejenigen, welche bei seienden Dingen solche, die durch sich selber notwendig existieren, von denen unterscheiden, die nur zufälligerweise existieren; weil nämlich der Satz: »Sokrates ist ein Mensch« eine notwendige Aussage ist, und »Sokrates ist ein Musiker« eine zufällige, behaupten sie, daß manche Dinge notwendigerweise an sich existieren müssen, andre dagegen nur zufälligerweise oder accidentiell. Wenn also: notwendig, zufällig, an sich, accidentiell nicht Namen für Dinge, sondern für Sätze sind, verbindet man in der Behauptung: »Irgendein Seiendes existiert accidentiell« den Namen eines Satzes mit dem Namen eines Dinges. Ebenso irren diejenigen, die eine Idee im Verstande, eine andre in der Phantasie annehmen; als ob wir beim Verständnis dieses Satzes: »Der Mensch ist ein Lebewesen« eine Idee oder ein aus der Sinneswahrnehmung gewonnenes Bild eines Menschen im Gedächtnis und eine andere Idee im Verstand hätten. Die Täuschung beruht darin, daß sie meinen, die eine Idee entspräche dem Namen, die andre der Aussage, was falsch ist; denn Aussage bezeichnet nur die Ordnung ebenderselben Dinge, die man in der Vorstellung »Mensch« betrachtet; weshalb die Aussage: »Der Mensch ist ein Lebewesen« nur eine Vorstellung in uns erweckt, obgleich wir bei jener Vorstellung zuerst das ins Auge fassen, was den Menschen zu einem Menschen macht, und dann erst daran denken, weshalb er ein Lebewesen genannt wird. Die Fehlerhaftigkeit all dieser verschiedenen Aussagen kann durch die Definition der in ihnen verbundenen Namen leicht ermittelt werden.

10. Wenn aber Körpernamen mit Körpernamen, Accidenznamen mit Accidenznamen, Namen von Namen mit Namen von Namen und Namen von Phantasmen mit Namen von Phantasmen verbunden werden und wir gleichwohl zweifeln, ob solche Aussagen richtig sind, müssen wir zunächst die Definitionen jener beiden Namen und dann wieder die Definitionen der Namen, die in jener Definition vorkommen, feststellen und so in fortgesetzter Auflösung weitergehen, bis wir zu den einfachsten Namen gelangen, d. h. zu den allgemeinsten, den universellsten Namen seiner Gattung. Wenn aber auch dann noch nicht Wahrheit oder Falschheit zutage tritt, müssen wir es auf dem Wege der Philosophie, nämlich des systematischen Schließens, herausfinden, indem wir mit den Definitionen beginnen. Denn jedes Urteil, das allgemeingültig ist, ist entweder eine Definition oder ein Teil einer Definition oder empfängt seine Evidenz aus Definitionen.

11. Formalfehler eines Syllogismus liegen immer entweder in der Verwicklung der Kopula mit einem der Satzglieder oder in der Zweideutigkeit irgendeines Wortes; in beiden Fällen wird es vier Satzglieder geben, welche (wie ich es schon gezeigt habe) nicht in einem wahren Syllogismus vorkommen dürfen. Die Verwicklung der Kopula mit irgendeinem Satzgliede entdeckt man sofort, wenn man die Urteile auf ihre präzise Form bringt, z. B. könnte man folgendermaßen argumentieren:

»Die Hand berührt die Feder,
Die Feder berührt das Papier,
folglich: Die Hand berührt das Papier«.

Das Trügerische zeigt sich sofort durch die Reduktion, nämlich:

»Die Hand, ist, die Feder berührend,
Die Feder, ist, das Papier berührend,
folglich: Die Hand, ist, das Papier berührend« –

Hier unterscheiden sich deutlich die vier Glieder: Hand, Feder berührend, Feder und Papier berührend. Aber die Gefahr, von derartigen Sophismen getäuscht zu werden, scheint nicht so groß, um dabei noch länger zu verweilen.

12. Wenn also bei doppelsinnigen Ausdrücken eine Täuschung möglich ist, so doch nicht bei denjenigen, die dies offenbar zeigen; auch nicht bei Metaphern, denn diese bekunden von vornherein die Namenübertragung eines Dinges auf ein anderes. Trotz alledem können Doppelsinnigkeiten (und zwar gar nicht tief verborgen) täuschen; wie etwa in dieser Beweisführung: Es ist Sache der Metaphysik, Prinzipien zu erörtern; aber das vornehmste Prinzip ist, daß eben dasselbe nicht zugleich ist und nicht ist; und deshalb muß die Metaphysik herausfinden, ob ein und dasselbe Ding zugleich existiert und nicht existiert. Hier liegt das Trügerische in der Zweideutigkeit des Wortes Prinzip; denn wenn im Anfang seiner Metaphysik Aristoteles sagt, daß das Erörtern der Prinzipien zu der »ersten Wissenschaft« gehört, versteht er unter Prinzipien die Ursachen der Dinge und gewisse Klassen des Seienden, die er primär nennt, aber wenn er einen Hauptsatz ein Prinzip nennt, versteht er unter Prinzip den Anfang und die Ursache der Erkenntnis, d. h. die Einsicht in die Worte, bei deren Fehlen man nicht mehr fähig ist, zu begreifen.

13. Aber die Trugschlüsse der Sophisten und Skeptiker, durch die sie in alten Zeiten Wahrheiten lächerlich zu machen und zu bekämpfen pflegten, waren größtenteils nicht der Form, sondern der Materie des Syllogismus nach fehlerhaft; und jene Sophisten selbst wurden dadurch noch öfter getäuscht, als daß sie andre damit täuschten. So stützte sich etwa jener berühmte Beweis des Zenon gegen die Bewegung auf folgende Behauptung: Alles, was in unendlich viele Teile geteilt werden kann, das ist unendlich. Wenn Zeno ohne Zweifel dies selbst für richtig hielt, ist es doch falsch. Denn etwas in unendlich viele Teile teilen, heißt nur es in so viele Teile teilen, als man will. Es ist aber nicht notwendig, daß von einer Linie, wenn ich sie auch beliebig teile und wieder teile, gesagt wird, sie besitze eine unendliche Zahl von Teilen oder sei unendlich; denn so viele Teile ich auch bilde, ihre Zahl wird stets begrenzt sein. Aber weil der, welcher einfach »Teile« sagt, ohne hinzuzufügen, wie viele, und ihre Zahl nicht begrenzt, sondern deren Bestimmung dem Hörer überläßt, pflegt man gewöhnlich zu sagen, eine Linie kann bis ins Unendliche geteilt werden, was aber in keinem anderen Sinn richtig sein kann. –

Das genügt über den Syllogismus, der gewissermaßen der erste Schritt in die Philosophie ist, und worüber ich so viel gesagt habe, als nötig ist, um zu erkennen, woher jede richtige Beweisführung ihre Stärke erhält. Es würde ebenso überflüssig sein, diesen Gegenstand weitläufiger zu behandeln, als wenn man (wie ich schon sagte) einem kleinen Kinde Gehvorschriften geben würde. Denn die Kunst des vernünftigen Denkens lernt man besser als durch Regeln durch Praxis und durch Lesen solcher Bücher, in denen alle Schlußfolgerungen durch strenge Beweisführungen erreicht werden. Nun gehe ich zum Wege der Philosophie über, d. h. zur Methode der Forschung.


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