Unbekannte Autoren
Tausend und eine Nacht. Band VII
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Châlid, der Sohn des Abdallāh El-Kasrī, und der junge Mann, der sich als Dieb ausgab.

Ferner erzählt man, daß, während Châlid, der Sohn des Abdallāh El-Kasrī, Emir zu Basra war, ein Haufen Leute zu ihm kam, die einen Jüngling von außerordentlicher Schönheit, sichtbarlich feiner Bildung und hohem Verstande, von schöner Gestalt, angenehm parfümiert, und von ernster und würdevoller Haltung mit sich schleppten. Als sie den Jüngling vor ihn gebracht hatten, fragte Châlid die Leute nach seinem Vergehen, und sie erwiderten ihm: »Der hier ist ein Dieb, den wir gestern in unserer Wohnung ertappten.« Da schaute ihn Châlid an, und da ihm sein schönes und feines Äußere gefiel, sagte er zu den Leuten: »Lasset ihn los.« Alsdann trat er an ihn heran und fragte ihn nach seiner Geschichte, und der Jüngling antwortete: »Die Leute haben die Wahrheit berichtet, und die Sache verhält sich so, wie sie es angegeben haben.« Hierauf fragte ihn Châlid: »Was hat dich hierzu bewogen, wo dein Äußeres so hübsch und deine Gestalt so schön ist?« Und der Jüngling antwortete: »Die Gier nach irdischem Gut und der Beschluß Gottes – Preis Ihm, dem Erhabenen! – hat mich dazu bewogen.« Da sagte Châlid: »Daß dich deine Mutter verliert! Hattest du nicht in deinem hübschen Gesicht, in deinem vollkommenen Verstand und in deiner schönen Erziehung ein Gut, das dich 13 vom Diebstahl abhielt?« Der Jüngling antwortete jedoch: »Laß dies, Emir, und thue, was Gott, der Erhabene, befohlen hat; meine Hände haben es verdient, und Gott ist gegen die Menschen nicht ungerecht.« Da schwieg Châlid eine Weile, über den Fall des jungen Mannes in Nachdenken versunken; dann ließ er den jungen Mann näher treten und sagte zu ihm: »Fürwahr, dein Geständnis vor Zeugen verblüfft mich, denn ich kann es nicht glauben, daß du ein Dieb bist. Vielleicht weißt du mir etwas anderes als eine Diebstahlsgeschichte zu erzählen; so sprich.« Doch der Jüngling entgegnete: »O Emir, laß dir nichts anderes beikommen, als was ich vor dir eingestanden habe; ich habe keine andere Geschichte zu erzählen, als daß ich in das Haus dieser Leute schlich und stahl, was mir unter die Hände kam; da überraschten sie mich und nahmen es mir wieder ab und schleppten mich zu dir.« Nun befahl Châlid ihn einzukerkern und gab einem Ausrufer den Auftrag in Basra auszurufen, daß, wer da Lust hätte die Bestrafung des und des Diebes anzusehen, und dem Abschneiden seiner Hand beizuwohnen, sich am nächsten Morgen in der Frühe an dem und dem Platz einfinden solle. Als aber der Jüngling im Kerker lag und man ihm das Eisen an die Füße gelegt hatte, seufzte er tief auf und sprach unter strömenden Thränen die Verse:

»Gedroht hat Châlid meine Hand mir abzuschlagen,
Wenn ich nicht vor ihm ihre Geschichte enthülle.
Doch ich sprach: Fern sei's, daß ich die Liebe enthülle,
Die mein Herz tief innen für sie hegt.
Meine Hand als Sühne für mein Geständnis zu opfern
Fällt leichter meinem Herzen als sie zu entehren.«

Die Wärter vernahmen jedoch seine Verse und begaben sich infolgedessen zu Châlid und teilten ihm das Gehörte mit, worauf er den Jüngling in dunkler Nachtstunde vor sich führen ließ. Als er vor ihn gebracht war, unterhielt er sich mit ihm und fand in ihm einen verständigen, gebildeten, einsichtsvollen, feinen und trefflichen jungen Menschen, so 14 daß er ihm Speise zu bringen befahl, und sich mit ihm, nachdem er gegessen hatte, eine Weile unterhielt. Dann aber sagte er zu ihm: »Nun weiß ich, daß du nicht gestohlen hast; wenn daher das Volk am Morgen kommt, und der Kadi erscheint und dich wegen des Diebstahls zur Rede stellt, so leugne ihn ab und gieb etwas an, was dich vor dem Verlust deiner Hand schützt. Hat doch auch der Prophet Gottes – Gott segne ihn und spende Ihm Heil! – gesagt: In zweifelhaften Fällen vermeidet die Strafen!« Alsdann ließ er ihn wieder ins Gefängnis führen, –

Zweihundertundachtundneunzigste Nacht.

wo er die Nacht über zubrachte. Am nächsten Morgen versammelte sich das Volk, um der Exekution beizuwohnen, und es fand sich niemand in Basra, sei es Mann oder Weib, der nicht gekommen wäre, um der Bestrafung des jungen Mannes zuzuschauen. Alsdann ritt Châlid in Begleitung der Angesehensten des Volkes von Basra und anderer hinaus und berief die Kadis. worauf er den jungen Mann vor sich kommen ließ. Humpelnd kam er in seinen Fesseln heran, und niemand in der Menge sah ihn, der nicht über ihn geweint hätte, und die Frauen erhoben ihre Stimme und klagten, als handelte es sich um einen Toten. Der Kadi aber sprach zu ihm, nachdem er den Weibern zu schweigen geboten hatte: »Die Leute behaupten, daß du in ihr Haus eingedrungen bist und ihr Gut gestohlen hast; vielleicht aber hast du weniger als das MindestmaßDas Mindestmaß eines Diebstahls, für welchen die Hand abgeschlagen wurde, betrug einen Vierteldinar. gestohlen?« Der Jüngling entgegnete: »Nein, es war das volle Maß.« Nun fragte der Kadi: »So hattest du vielleicht mit jenen Leuten ein Anrecht auf einige Sachen?« Doch der Jüngling entgegnete wiederum: »Nein, alles gehörte ihnen, und ich hatte kein Anrecht darauf.« Da erzürnte sich Châlid über ihn und, an 15 ihn herantretend, versetzte er ihm einen Peitschenhieb ins Gesicht und sprach in Bezug auf seinen Fall den Vers:

»Der Mann will seinen Willen haben,
Doch Gott gewährt nur, was er will.«

Dann rief er den Schlächter ihm die Hand abzuschneiden, und der Schlächter kam und zog sein Messer hervor; und schon hatte er die Hand ergriffen und das Messer darangelegt, als mit einem Male mitten aus dem Weibervolk ein Mädchen in zerlumpten SachenDie Lumpen trug sie zum Zeichen ihrer Trauer. hervorbrach und sich mit einem lauten Schrei auf den Jüngling stürzte; dann entschleierte sie ein Antlitz, das wie der Mond strahlte, und nun erhob sich unter der Menge ein lautes Toben, daß deswegen beinahe ein Aufruhr lichterloh ausgebrochen wäre. Hierauf rief das Mädchen so laut wie sie es vermochte: »Ich beschwöre dich bei Gott, o Emir, übereile dich nicht mit dem Abschneiden der Hand, sondern lies erst dieses Blatt,« und überreichte ihm ein Blatt Papier. Da öffnete es Châlid und las es, und siehe, da standen folgende Verse darauf geschrieben:

»O Châlid, dies ist ein verstörter Sklave der Liebe,
Den die Bögen meiner Lider mit Blicken verwundeten.
Ein Pfeil meiner Blicke hat ihn zu Boden gestreckt,
Denn der Liebe ist er verfallen, und nichts heilt ihn von seiner Krankheit.
Einer That ist er geständig, die er nie begangen hat,
Dieweil er solches für besser hielt als einer Geliebten Entehrung.
Gnade drum einem bekümmerten Liebenden,
Denn der Edelstgesinnten einer ist er und kein Dieb!«

Als Châlid die Verse gelesen hatte, zog er sich aus der Volksmenge zurück und ließ das Mädchen vor sich kommen, um sie nach dem Sachverhalt zu befragen, und nun erzählte sie ihm, daß dieser junge Mann ihr Geliebter wäre, und daß er nur, um sie zu besuchen, zum Hause ihrer Angehörigen gekommen wäre, worauf er einen Stein ins Haus 16 geworfen hätte, um ihr sein Kommen anzuzeigen. Ihr Vater und ihre Brüder hätten jedoch den Fall des Steines gehört und hätten sich über ihn hergemacht; er aber hätte, als er sie kommen hörte, alles Zeug im Hause zusammengerafft und sich so den Anschein eines Diebes gegeben, um seiner Geliebten Ehre zu schützen. »Als sie ihn nun in dieser Verfassung sahen, packten sie ihn und brachten ihn vor dich, worauf er den Diebstahl bekannte und bei der Aussage beharrte, um mich nicht bloßzustellen; und nur in seiner außerordentlichen Großmut und edeln Gesinnung machte er sich zum Diebe.« Da versetzte Châlid: »Fürwahr, er verdient es seinen Wunsch zu erreichen.« Darauf ließ er den jungen Mann vor sich kommen und küßte ihn zwischen die Augen; dann ließ er den Vater des Mädchens kommen und sprach zu ihm: »Scheich, wir waren entschlossen das Gesetz an diesem jungen Mann, das die Verstümmelung der Hand erfordert, auszuführen, doch Gott, der Mächtige und Herrliche, hat uns hiervor bewahrt, und nun bestimme ich für ihn zehntausend Dirhem zum Lohne dafür, daß er seine Hand für deine und deiner Tochter Ehre opfern und euch beide vor der Schande bewahren wollte. Ferner bestimme ich zehntausend Dirhem für deine Tochter zum Lohn dafür, daß sie den wahren Sachverhalt angab; und ich bitte dich um Erlaubnis, sie beide miteinander zu verheiraten.« Da erwiderte der Scheich: »O Emir, ich erlaube es dir.« Und so lobte Châlid Gott und pries ihn und hielt eine schöne Predigt.

Zweihundertundneunundneunzigste Nacht.

Dann sprach er zu dem jungen Mann: »Ich vermähle dich mit dem und dem Mädchen, das hier anwesend ist, mit ihrer Erlaubnis und Einwilligung und ihres Vaters Zustimmung: und ihre Hochzeitsgabe soll diese Summe im Betrage von zehntausend Dirhem sein.« Der Jüngling erwiderte hierauf: »Ich nehme die Vermählung von dir an;« und nun befahl Châlid das Geld in das Haus des jungen 17 Mannes in Prozession auf Tabletten zu tragen, während das Volk sich fröhlich zerstreute. Und niemals sah ich einen merkwürdigeren Tag als diesen, der mit Thränen und Unheil begann und in Freude und Fröhlichkeit endete.

 


 


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