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7. Yang Tschu

Dem Idealisten Mê Ti steht wie ein Gegenpol ein Mann aus ungefähr derselben Zeit gegenüber, von dem wir leider nur ungenügende Kenntnis besitzen, der Philosoph Yang Tschu (der Beiname »Tse tchü«, der ihm bei Mayers, Chinese Readers Manual, gegeben wird, kommt ihm nicht zu). Dieser Denker muß zur Zeit des Menzius ein Ansehen genossen haben, das dem des Mê Ti nicht nachstand, denn es heißt bei Menzius: »Die Worte des Yang Tschu und des Mê Ti erfüllen das ganze Land; wer es nicht mit Yang hält, der hält es mit Mê« [R244], weswegen er auch seine ganze Kraft eben der Bekämpfung dieser beiden »Extremisten« weiht. Infolge solcher erfolgreichen Polemik ist die Person und Lehre des Yang Tschu später noch mehr als die des Mê Ti der Mißachtung und dem Dunkel verfallen. Von seinem Leben wissen wir heute so gut wie gar nichts weiter, als daß er am Hofe des Fürsten von Liang im Staate Wei (Gegend des heutigen Kai fêng fu) geweilt hat und dort ein Haus mit Garten, eine Gattin und eine Nebenfrau besaß; das mag ca. 300 v. Chr. oder etwas später gewesen sein [R245]. Seine Gedanken, die er selbst wohl nur mündlich seinen Schülern vorgetragen hat, sind eingebettet in das Werk eines andern Philosophen auf uns gekommen. Sie machen heute das siebente Buch der Aeußerungen des Lieh tse aus, von dem weiter unten die Rede sein wird. Dazu fügen sich noch einige anderswo aufbewahrte Anekdoten. Außerdem hören wir, wie schon bemerkt, bei seinem Gegner Menzius Einiges über ihn.

Yang Tschu kennt keine göttliche Lenkung und Ordnung der Welt; ebensowenig achtet er jene idealen Werte und Ziele, denen so mancher sein Leben weiht und opfert, wie Ruhm und Ehre, Macht und Ansehn, Gelehrsamkeit und Forschung. Er nimmt den Menschen so, wie er sich empirisch in dieser Welt vorfindet; er nimmt jeden nach seiner Individualität. Jeder Einzelne muß nach seiner individuellen Anlage dem irdischen Leben so viel Gutes abgewinnen, wie ihm möglich ist, also sein individuelles Leben möglichst günstig zur Geltung bringen. Er trägt in sich gewisse Neigungen, Triebe, Anlagen. Das ist die in ihm zum Vorschein kommende Natur, und ihr nachzugeben, ist für ihn das Normale, das worin er sein Leben wirklich genießt. Faßt man andere, künstlich vorgestellte Ziele ins Auge, z. B. reich zu werden, geehrt zu werden, die Familie und die Nachkommen groß zu machen, so ist man ein Tor, der die Wirklichkeit für Phantome hingibt. Bietet ja doch das Leben sogar dem, der es recht auszukosten weiß, nicht besonders viel des Guten [R246]. Wer sich aber über das Notwendige hinaus noch durch das Gerede und die Schranken des menschlichen Herkommens und der menschlichen Verblendung oder durch Trugbilder vom Jenseits hindern läßt im Ergreifen des möglichen Lebensgenusses, der macht sein Leben selbst zu einem Kerker und sich zum eingesperrten Verbrecher.

Die Bedürfnisse des Menschen sieht Yang Tschu vor allem in der Befriedigung der Sinne. »Laß deine Ohren hören, was sie begehren! Laß deine Augen sehen, was sie begehren! Laß deine Nase riechen, was sie begehrt! Laß deinen Mund reden, was er begehrt! Laß deinen Leib genießen, was er begehrt! Laß deinen Willen tun, was er begehrt« [R247]. Die Unterdrückung der natürlichen sinnlichen Ansprüche (wobei der »Geist« als sechster Sinn gezählt wird wie in Indien der Manas) ist die schlimmste Tyrannei: man versagt der Natur des Menschen, wozu sie angelegt ist. Doch sind Yang Tschus Sinnenansprüche bescheidener, als man nach solchen Aeußerungen annehmen könnte. Er ist durchaus kein dissoluter Genußmensch, sieht vielmehr den rechten Weg in einer vernünftigen Mitte zwischen Armut und Reichtum. Diese beiden bringen ja ihre besonderen Nachteile mit sich, während ein gemäßigter, verständiger Lebensgenuß sich über beide erhebt: »Freue dich des Lebens und mache es dir behaglich, denn wer es versteht, es sich behaglich zu machen, fragt nicht nach Reichtum« [R248]. Auch fehlt dem Yang Tschu keineswegs ein warmes Gefühl für seine Mitmenschen, und er rechnet tatkräftige Hilfe zu den natürlich gesetzten Aufgaben des Lebens. »Ein altes Wort sagt: die Lebenden sollen sich übereinander erbarmen; im Tode muß man voneinander lassen. Dies Wort ist treffend. Der Erweis gegenseitigen Erbarmens aber besteht nicht in dem bloßen Gefühl; vielmehr soll man fähig sein, dem Erschöpften Erquickung zu verschaffen, dem Hungrigen Sättigung, dem Frierenden Wärme, dem Elenden ein Fortkommen. Daß man im Tode voneinander lassen muß, will nicht sagen, daß man einander nicht betrauern soll. Aber man braucht den Toten keine Perlen und Edelsteine in den Mund zu legen, sie nicht in gestickte Seidengewänder zu kleiden, keine Schlachtopfer für sie zu bringen und keine prächtigen Gerätschaften für sie aufzustellen« [R249]. Wer zufällig reich geboren ist, der tut am besten, seinen Reichtum in der angenehmsten Weise, indem er möglichst viele daran teilnehmen läßt, zu verbrauchen, aber nicht sein Herz daran zu hängen. So war der Lebenslauf des Tuan Mu schu, der sein gewaltiges Vermögen frisch und fröhlich in lauter Genuß für sich und viele andre umsetzte, beständig Gäste unterhielt, Verwandte und Nachbarn unterstützte, schließlich all seine Besitztümer verteilte und als ein gänzlich mittelloser Mann starb. Man mußte Geld zusammenschießen, um ihn zu beerdigen. Er aber, sagt Yang Tschu, stand hoch über seinen Vorfahren, die das große Vermögen angesammelt hatten, er hat von seinem Leben den rechten Gebrauch gemacht, obgleich die Masse ihn nicht begriff [R250].

Die sogenannten » höheren Bestrebungen« der Menschen, die durch das Herkommen gepriesen werden und woran so manche verblendeterweise ihr Leben verschwenden, »die Welt in Ordnung bringen«, die menschliche Gesellschaft verbessern, den Staat reformieren zu wollen, – all dergleichen ist nichtig. Der Weise bildet sich nicht mehr ein, er »könnte was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekehren«, – was haben denn die Berühmtheiten der Vorzeit, die sich solchen Bestrebungen ergaben, Leute wie Yao und Schun selbst, oder wie der große Yü, wie der Herzog von Tschou, wie Konfuzius, was haben sie weiter davon gehabt, als ein rastloses mühseliges Leben, Kampf und Widerwärtigkeit, Verfolgung und Undank? Zwar erwarben sie sich dadurch einen Namen bei der Nachwelt, aber ein berühmter Name ist nichts gegen die Wirklichkeit des Lebens [R251].

Vor allem zieht ja der Tod durch alle solche Bemühungen der Menschen immer wieder einen Strich. Der Tod ist der große Gleichmacher, dem alle menschlichen Ideale Seifenblasen sind, der erbarmungslos umstößt und vernichtet, die starke Gegenmacht gegenüber dem Leben. Darum muß man keine großen Bahnen anlegen in dieser Welt, keinen hohen Aspirationen nachjagen, welche einem das Leben erschweren und verbittern. Man suche die Freude des Lebens nach seiner Anlage und seinen Umständen.

Yang Tschus Lebensanschauung ist nicht so oberflächlich, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte. Sie hat eine tiefere Wurzel.

Der Philosoph ging von dem taoistischen Gedanken aus, daß alles Dasein durchdrungen und beherrscht wird von der Urmacht des Tao, die zahllose Gestaltungen schafft und in ihnen zur Erscheinung kommt. Die Individualität jedes Wesens wird also durch die Art, wie das Tao gerade an dieser Stelle sich äußert, begrenzt und bestimmt. Daraus folgt als wichtigstes Leitmotiv für jedes Dasein, daß es dem Tao in ihm folgen muß ( naturam sequi). Das Tao nun gibt sich kund in dem, was wir Triebe, Neigungen, Anlagen nennen. Dem nachzuleben fordert das Tao, und es lohnt dem Folgsamen mit Genuß. Hier allein ist also der feste Standpunkt, den ein Mensch einnehmen kann, alles andere ist unsicher, ist Chimäre. Theorien aufzustellen über das Dasein ist zwecklos, wir verstehen nichts weiter davon, müssen vielmehr Leben und Tod als etwas Gegebenes hinnehmen und das Beste daraus machen. Aber dem Leben, solange es unser ist, die Wendung zu geben, die das Tao in uns fordert und zu der es durch unsre Eigenart drängt, soviel vermögen wir. Gut ist also das, was unsrer Eigenart zusagt und Befriedigung bringt, das Gegenteil ist böse; denn jenes ist Wille des Tao, dieses Widerstand gegen das Tao.

In der fragmentarischen und unzureichenden Wiedergabe der Gedanken des Yang Tschu, wie sie uns Heutigen vorliegt, kommt die taoistische Ableitung der Einzelheiten freilich nicht hinreichend zur Geltung. Doch begegnen uns Aussprüche genug, in denen die taoistische Voraussetzung zwischen den Zeilen zu lesen ist; hie und da gewinnt sie auch ganz deutlichen Ausdruck. Die Abhängigkeit des Individuellen von dem in ihm wirksamen Tao ist dargelegt in den Worten: »Meine Individualität gehört mir nicht zu eigen, denn im Laufe meines Lebens muß ich sie notwendig zur (in ihr angelegten) Entwicklung bringen« [R252]. Im Anschluß daran wird noch weiter die Abhängigkeit der Individualität von inneren und äußeren Faktoren ausgeführt. Darum entfernen sich die Einzelnen auf ihrem Lebenswege auch so sehr voneinander, daß des einen Befriedigung des andern Tod sein würde [R253]. Ein andermal drückt der Philosoph seinen Glauben an die Determination durch das Tao so aus: »Im Leben finden wir den Unterschied von weise und töricht, vornehm und gering; im Tode finden wir die allgemeine Gleichheit von Verwesung und Auflösung. Beides (das Los im Leben wie im Tode) steht gleichermaßen nicht in unsrer Macht. Darum: das Lebende geht nicht aus sich hervor, das Tote ist nicht durch sich tot, die Weisen sind nicht aus sich weise, die Toren nicht aus sich töricht, die Vornehmen nicht aus sich vornehm, die Geringen nicht aus sich gering« [R254]. So malt Yang Tschu denn auch die Menschen der allerältesten Zeit, von denen er annimmt, daß sie allgemein den richtigen Weg instinktmäßig gegangen seien, als Leute, die »ihrer Neigung folgten und ihren natürlichen Wünschen nichts in den Weg legten, die sich nichts versagten, was ihrer Individualität wohltat. Da sie kein Haschen nach Ruhm kannten, so folgten sie ruhig ihrer Natur und widerstrebten nicht dem, was die Kreatur gern hat« [R255]. Wenn die zerstreuten kleineren Stücke, die hin und her im Buche des Lieh tse von Yang Tschu reden, als authentische Zeugnisse gelten dürften [R256], so hätten wir da Aussagen, in denen der Philosoph ganz deutlich die Sprache des Taoismus redet. Indes darf man sich auf jene Fragmente nicht sicher verlassen.

Man hat die Philosophie des Yang Tschu gelegentlich als »Pessimismus« bezeichnet. Dies Wort würde unsern Philosophen aber doch wohl verkehrt charakterisieren. Er hat durchaus nichts Düsteres, Schwermütiges an sich, vielmehr steht er, wie jenseits des moralisch Guten und Bösen, so bis zu einem gewissen Grade auch jenseits der Erwägung von Glück und Unglück und sucht sich und seine Jünger vielmehr zu einem ruhigen, überlegenen Hinnehmen der Schicksale des Lebens zu erheben. Auffallend ist die Aehnlichkeit mancher seiner Gedanken mit der altindischen Schule der Cârvâkas [R257]. Indes sind die Parallelen leicht verständlich als Ausdrücke derselben Geistesgestimmtheit, wie sich ja auch sonst allerlei Verbindungslinien von Yang Tschu aus ziehen lassen, zu Epikur hinüber wie zum Qoheleth des Alten Testaments, ja selbst bis zu Max Stirner.


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