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Sechstes Kapitel

Der Einfluß des Pfarrers Hussell Barter

Rings an den Wänden des Rauchzimmers über dem Lederpaneel sah man Abbildungen von Reitern in roten Röcken und Zylindern.

Zwei Geweihpaare überragten den Kamin – Erinnerungen an Mr. Pendyces schottische Jagd, Strathbegally, wo er unter dem Beistand seines guten alten Jagdgenossen Angus McBane jene Gestänge der Bergschluchtbeherrscher erbeutet hatte. Zwischen diesen sah man auf einem Buntdruck ein mit langen Hosen bekleidetes Wesen, mit einer Flinte unterm Arm und einem Lächeln auf den Lippen; daneben machten zwei große Jagdhunde sich an einem sterbenden Edelhirsch zu schaffen, während eine Dame auf einem Pony sich ihnen näherte.

Der Gutsherr und Sir James Malden hatten sich bereits zurückgezogen; die übrigen Gäste saßen um den Kamin herum. Gerald Pendyce stand an einem Seitentisch, auf dem sich ein Tablett mit Karaffen, Gläsern und Mineralwasser befand.

»Wer ist für einen Schluck Branntwein? – Einen einzigen Schluck Branntwein? Herr Pfarrer – wie denken Sie darüber? George, einen Schluck –?«

George schüttelte den Kopf. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, und dieses Lächeln hatte etwas Fernes, als ob es einer andern Welt angehörte und sich nur hierher verirrt hätte, auf die Lippen dieses Weltmannes – gleichsam gegen seinen Willen. Es schien, als bemühe er sich, es zu unterdrücken, seinem Gesicht den gewohnten Ausdruck aufzuprägen, aber mit der Kraft einer übersinnlichen Gewalt erzwang sich dieses Lächeln seinen Weg. Es beherrschte ihn, seine Gedanken, seine Gewohnheiten, seine Anschauungen; er hatte damit jede konventionelle Form abgelegt, wie ein Mensch am heißen Mittag zu kühlem Untertauchen entkleidet dasteht und kaum danach fragt, ob er je wieder emporkommt.

Und dieses Lächeln zog, nicht etwa wegen seines Seelengehaltes, sondern vermöge seiner Absonderlichkeit, die Aufmerksamkeit jedes der im Zimmer Anwesenden an, etwa wie in einer größeren Menge das am fremdartigsten aussehende Gesicht die meisten Blicke auf sich lenkt.

Mit einem Stirnrunzeln beobachtete Pastor Hussell Barter jenes Lächeln, und sonderbare Gedanken jagten durch sein Hirn.

»Onkel Charles, einen Schluck Branntwein – einen ganz kleinen Schluck Branntwein?«

General Pendyce streichelte seinen Backenbart.

»Na, einen Tropfen – aber wirklich nur einen Tropfen. Ich höre, daß unser Freund Sir Percival sich wieder aufstellen lassen will.«

Pastor Barter erhob sich und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer.

»Unerhört!« erklärte er. »Man sollte ihm sofort bedeuten, daß wir ihn nicht haben wollen.«

Der Ehrenwerte Geoffrey Winlow antwortete aus seinem Lehnstuhl heraus:

»Wenn er als Kandidat auftritt, wird er auch gewählt; sie können sich diesen Verlust nicht leisten.« Und indem er gemächlich eine Rauchwolke von sich blies, fügte er hinzu: »Ich muß gestehen, mein Lieber, ich sehe nicht ein, was jene Dinge mit seiner Stellung in der Öffentlichkeit zu tun haben.«

Mr. Barter schob die Unterlippe vor.

»Ein gewissenloser Mensch!« meinte er.

»Aber wenn er auch an so eine Frau kommt! Was kann ein Mann da noch wollen, wenn die ihn mal in ihre Fänge kriegt?«

»Als ich in Halifax stand«, begann General Pendyce, »da war sie die Schönste in der Stadt –«

Wieder schob Pastor Barter die Unterlippe vor.

»Sprechen wir nicht mehr von ihr – dieser Dirne!« Dann plötzlich zu George: »Lassen Sie uns Ihre Ansicht hören, George! Träumen von Ihren Siegen – was?« Und in seiner Stimme war ein eigentümlicher Ton.

Aber George erhob sich.

»Ich bin zu müde«, sagte er. »Gute Nacht, meine Herren!« Mit kurzem Kopfnicken verließ er das Zimmer.

Draußen stand ein dunkler Eichentisch voller silberner Leuchter; eine einzelne Kerze nur brannte und bahnte einen schmalen goldenen Pfad in das samtne Dunkel. George zündete sein Licht an, und ein zweiter goldener Pfad leuchtete vor ihm auf; dann ging er die Treppe hinauf. Er hielt die Kerze in Brusthöhe, und das Licht fiel zur Seite und nach oben auf sein weißes Frackhemd und das hübsche, kräftige Gesicht darüber. Es leuchtete auch in seine grauen Augen, die ein wenig blutunterlaufen waren, als ob sich hinter ihrer Oberfläche Leidenschaften bargen, die gewaltsam nach Ausdruck rangen. An der Biegung des Treppenabsatzes hielt er inne. Das Herrenhaus, ganz in Dunkel gehüllt, lag schweigsam da; sein geschäftiges Tagesleben, seine leisen Geräusche, sein Getriebe, das Kommen und das Gehen, ja sein Atmen schienen in Schlaf versunken. All seine Lebenskraft hatte sich in jenem Lichtkreis zusammengefunden, in dem George jetzt lauschend stand. Der Schlag seines Herzens war der einzige Laut; in diesem schwachen Laut offenbarte sich der Pulsschlag dieses schlummernden Stückchens Welt. Lange blieb er da stehen, regungslos, dem Pochen seines Herzens lauschend, wie ein Mensch im wachen Traum. Dann drang durch die Dunkelheit grell herauf der Widerhall eines Lachens. George zuckte zusammen. »Der verd– Pastor!« brummte er und wandte sich wieder der Treppe zu; aber jetzt bewegte er sich vorwärts wie jemand, der etwas Bestimmtes vorhat, und er hielt die Kerze hoch, damit ihr Licht weit in das Dunkel hineinleuchte. Er ging an seinem eigenen Zimmer vorbei und blieb dann wieder stehen. Das Licht der Kerze ließ seine gerötete Stirn deutlicher erkennen, auf der das Blut in den Schläfenadern pulste und wogte; ließ auch das Beben seiner Lippen, das Zittern seiner Hand erkennen. Er streckte diese Hand aus und berührte den Griff einer Türklinke; dann stand er wieder wie aus Stein und wartete, ob das Lachen sich wiederholte. Nun hielt er die Kerze höher, und sie warf ihr Licht in jeden Winkel; seine Kehle würgte, als ob ihm das Schlucken schwer fiele...

Auf der Station Barnard Scrolls, die Worsted Skeynes am nächsten lag, stieg am folgenden Nachmittag ein junger Mann in ein Abteil I. Klasse des Londoner Drei-Uhr-zwanzig-Zuges. Dieser junge Mann trug einen Newmarket-Rock, weiße Waschlederhandschuhe und ein Monokel. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, einen schön gebürsteten braunen Schnurrbart, und seine blauen Augen mit ihrem zärtlichen Ausdruck schienen zu sagen: ›Seht mich an, ja seht mich nur an – kann jemand besser genährt sein?‹ Seine Handtasche und Hutschachtel aus bestem Leder trugen die Aufschrift ›E. Maydew, 8. Ulanen‹.

In der Ecke lehnte eine Dame, die bis ans Kinn in Pelz gehüllt war; der junge Mann, der durch sein Augenglas ihrem kühlen, spöttischen Blick begegnete, ließ das Monokel fallen und streckte ihr die Hand entgegen.

»Ah, Mrs. Bellew, ganz unerwartete Freude, Sie sobald wiederzusehen. Fahren auch in die Stadt zurück? Ball gestern abend sehr nett, was? Famoser alter Herr, der Gutsherr, und Mrs. Pendyce ganz entzückende Dame.«

Mrs. Bellew nahm seine dargebotene Hand und lehnte sich dann wieder in ihre Ecke zurück. Sie schien etwas bleicher als sonst, aber es kleidete sie gut, und Hauptmann Maydew meinte, nie ein reizvolleres Wesen gesehen zu haben.

»Habe eine Woche Urlaub, dem Himmel sei Dank. Jetzt eine recht öde Zeit! Fuchsjagd so gut wie vorüber, und wir fangen nicht vor dem Ersten an.«

Er wandte sich dem Fenster zu. Da draußen im Sonnenlicht flogen die Hecken golden und braun vorüber hinter den langgezogenen Rauchwolken der Lokomotive. Der junge Mann schüttelte den Kopf ob ihrer Schönheit.

»Das Laub ist noch so dicht, daß man nicht weit sehen kann«, meinte er. »Ein Jammer, daß Sie nicht mehr auf Jagd gehen!«

Mrs. Bellew sparte sich eine Entgegnung, und eben diese Selbstbeherrschung, diese kühle Überlegenheit der welterfahrenen Frau, ihre ruhigen, fast gleichgültigen Augen, das alles zusammen fesselte und reizte diesen jungen Mann. Ganz verschüchtert sah er zu ihr auf.

›Ich nehme an, du wirst bald mein Sklave sein‹, schienen jene Augen zu sagen, ›aber ich kann wirklich nichts dafür.‹

»Hatten Sie auf Georges Pferd gesetzt?« fragte er. »Ich hab' riesiges Glück gehabt. Ich bin mit George zusammen auf Schule gewesen. Famoser Mensch, mein alter George!«

In Mrs. Bellews Augen schien sich ganz tief drinnen etwas zu regen, aber Maydew sah aufmerksam auf seinen Handschuh. Der Wagengriff hatte einen Fleck da zurückgelassen, der ihn verstimmte.

»Sie kennen meinen alten George sehr gut, nicht wahr?«

»Sehr gut.«

»Es gibt Menschen, die's so ängstlich geheimhalten, wenn sie was Gutes für sich haben. Sie interessieren sich für Rennen, Mrs. Bellew?«

»Leidenschaftlich.«

»Ich auch.« Und seine Augen setzten hinzu: ›Es ist famos, sich für dasselbe zu interessieren wie Sie.‹ Wie gebannt hingen sie an diesem zarten Gesicht mit den vollen Lippen und den klaren, leise lächelnden Augen über dem hohen Kragen aus weißem Pelzwerk.

An der Endstation wurde seine Hilfsbereitschaft dankend abgelehnt, und ziemlich niedergeschlagen, den Hut in der Hand, blickte er ihr nach, wie sie davonging. Aber in der Droschke nahm sein Gesicht wieder den gewohnten Ausdruck an; seine Augen schienen zu dem kleinen Spiegel zu sagen: ›Sieh mich an; sieh mich nur recht an – kann jemand besser genährt sein?‹

 


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