Autorenseite

 << zurück weiter >> 

23. Kapitel.

Von den verschiedensten Empfindungen bewegt, hatte Frau von Marfen die Fahrt nach Venedig unternommen. Begreiflicherweise war ihr der Gedanke an das Wiedersehen mit Ola qualvoll. Nicht ohne vollste Berechtigung sah sie in ihr die Ursache dessen, daß sie aufgehört hatte, sich mit dem Sohne zu verstehen, oder richtiger gesagt, die Ursache dessen, daß er sie nicht mehr verstand, und sie zerbrach sich vergeblich den Kopf, wie sie es über sich bringen sollte, der Frau, die ihr den Sohn geraubt, der Frau, die diesem Sohne so schweres Unrecht zugefügt, liebevoll und freundlich entgegenzutreten, denn sie war eine viel zu kluge, ruhig überlegende Frau, um nicht zu wissen, daß einzig und allein Ruhe und Freundlichkeit den Abgrund überbrücken könne, der zwischen ihnen gähnte.

Umsonst las sie wiederholt den Brief, den die junge Frau an Major von Büsing geschrieben, lernte die Worte fast auswendig, um sich dadurch gewissermaßen die Überzeugung aufzunötigen, daß jene das Geschehene bereue und es Christenpflicht sei, ein bereutes Unrecht zu verzeihen. Mit dem Verstande sah sie das ja alles ein, aber ihr Herz bäumte sich dagegen auf, alles, aber auch alles vergessen zu sollen, was sie bis ins Mark getroffen. Wie das zustande gebracht werden sollte, das war ihr bis jetzt noch ein Rätsel, wenn sie es auch als eine teilweise Entlastung alles dessen ansah, was sie gegen Ola auf dem Herzen trug, daß jene wenigstens schuldlos sei an dem Verrat, der Roberts ganze Existenz zerstört hatte.

In Venedig angekommen, ließ sie sich in das Hotel Grünwald fahren, und nachdem sie sich hastig umgekleidet hatte, bestieg sie eine Gondel, um nach der von Büsing bezeichneten Adresse der Pension Luzius zu fahren. Nicht nur die Hände waren es, die wie zum Gebet gefaltet in ihrem Schoß lagen, während die Gondel lautlos durch den Canale Grande glitt, ihr ganzes Denken, Fühlen und Empfinden war ein heißes Gebet, daß es ihr gelingen möge, die Stürme und Schmerzen der Vergangenheit durch Mut und guten Willen friedlich ausklingen zu lassen. In der Pension angekommen, fragte sie, von der Mutmaßung ausgehend, daß Ola hier nur unter ihrem Mädchennamen bekannt sei, nach Baronin Thorn und fühlte sich schon angenehm berührt, als eine nett und einfach gekleidete Dienerin ihr darauf entgegnete, daß Frau von Marfen-Thorn zu Hause sei. Also war Ola seelisch doch nicht ganz so losgelöst von dem Manne, dem sie so schweres Unrecht zugefügt, verleugnete sie doch ihre Zusammengehörigkeit mit ihm nicht auf das vollständigste. Mit pochendem Herzen trat Frau von Marfen, die dem Dienstmädchen erklärt hatte, eine Anmeldung sei nicht notwendig, über die Schwelle des Gemaches, in dem sich die Frau befand, die Jahre hindurch der Quälgeist ihres Lebens gewesen. Schweigend trat sie ein, und ehe noch ein Wort über ihre Lippen kam, war Ola aufgesprungen, starrte sie halb fragend, halb zweifelnd an und stammelte endlich mit einer Schüchternheit, deren Frau von Marfen sie nie für fähig gehalten hätte:

»Du … Sie? … Kommen zu mir? Was ist es, was …, was Sie mir zu sagen haben?«

Mit einem einzigen Blick hatte Frau von Marfen die Situation überblickt und erfaßt, hatte sie erkannt, daß die einst so stolze, schöne, hochmütige Ola, die gegen die Mutter immer nur spöttische, kühle Abwehr zur Schau getragen, in ihrer ganzen Erscheinung unmöglich bis zur Unkenntlichkeit hätte verändert sein können, wenn nicht auch sie gelitten und vielleicht um so mehr gelitten haben würde, weil das Bewußtsein einer Schuld schwer auf ihr lastete. Und der ganze vornehme Edelmut, der ein Grundzug im Charakter der Mutter war, kam zum Durchbruch, indem sie, der Frau entgegentretend, die ihr jahrelang als Feindin begegnet war, dieser die Hand bot und sprach:

»Ich habe den Brief gelesen, den du an Major von Büsing schriebst, ihn auffordernd, dein Anwalt zu sein, und die Folge dieses Briefes ist es, daß ich hier bin, um den Versuch zu wagen, ein besseres Einvernehmen herzustellen, als bisher zwischen uns bestanden hat. Es wäre lügenhafte Heuchelei, wollte ich behaupten, daß alles verziehen und vergessen ist, was ich gegen dich im Herzen trug. Du kannst das weder von mir erwarten, noch mir zumuten, daß ich als Mutter leicht über das hinwegkomme, was du meinem Kinde angetan, aber der ärgste Stachel ist doch von mir genommen, seit ich weiß, daß du nicht gemeinsame Sache mit dem Verräter gemacht hast, und ich denke, bei allseitigem guten Willen müßte sich all das ebnen und beseitigen lassen, was trennend zwischen uns gestanden. Liegt dir ebensoviel wie mir daran, eine harmonische Lösung herbeizuführen, die in Frieden verwandelt, was einst Groll gewesen, so kannst du in mir eine Verbündete sehen, der es heiliger Ernst damit ist, dich dem Gatten, der dich so sehr geliebt, wieder zuzuführen, damit auch er aus solchem Schritt erkenne, daß es nie die Mutter war, die trennend zwischen euch gestanden!«

Es zuckte seltsam um Olas Lippen, und ehe Frau von Marfen wußte, wie ihr geschah, perlten zwei helle Tränen auf die Hand nieder, die sie der Schwiegertochter reichte.

»Mutter,« stammelte diese in mächtiger Erregung, »und wenn ich der Schlechtesten eine wäre, deine Großmut müßte mich entwaffnen. Sei aber auch überzeugt, daß ich mich derselben wert erweisen will. Ich danke dir, inniger, als ich es in Worten auszusprechen vermag, und bist du erst meine Verbündete, dann wird es mir auch gelingen, Roberts Verzeihung zu erlangen, für das Unrecht, das ich, kaum begangen, auch schon tief bereuen lernte. Verzeihe mir jede Unart, jedes böse Wort, das ich gegen dich auf dem Gewissen habe. Ich weiß, daß es Schweres ist, was ich von dir erbitte, aber glaube mir, ich habe in der Zeit, seit ich mich von meinem Gatten trennte, so herb gelitten, daß ich es lernte einzusehen, wie schwer ich mich vergangen, schon bevor ich den vernichtenden Schritt getan, durch den ich ja meine ganze Existenz, und was mehr gilt, die seine zerstört habe. Hilf mir, o Mutter, hilf mir zu sühnen, was ich verbrochen, lehre du mich, du, die du das Vorbild einer treuen Mutter bist, zu werden, so wie ich werden muß, um wieder meines Gatten und meines Kindes wert zu sein!«

Das war nicht Komödie, das war echter, warmer Herzenston; dessen glaubte Frau von Marfen sicher zu sein, und ein weiches, wehmütiges Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Mag sein, Ola, daß die Mehrzahl der Menschen es Schwäche von mir nennen wird, wenn ich bereit bin, nicht nur zu verzeihen und zu vergessen, sondern wenn ich es auch gewissermaßen als meine Pflicht ansehe, dir helfend und stützend zur Seite zu stehen auf dem Lebensweg, den du zu betreten im Begriffe stehst. Robert hat mir bitteres Unrecht zugefügt, wenn er glaubt, ich sei es gewesen, die mit daran Schuld trug, daß du, dich unglücklich und unverstanden fühlend, dem Heim deines Gatten den Rücken wandtest, und da ich es bin, die dich ihm wieder zuführt, so wird ja auch der Allmächtige sein Herz lenken, und er wird einsehen lernen, daß ich mich dir gegenüber frei fühle von jeder Schuld. Noch wissen wir ja nicht, ob es meinem Sohne jemals gelingen wird, die Welt davon zu überzeugen, daß er niemals ein Verräter an Herrscher und Reich gewesen, aber es sind Schritte angebahnt, durch die es möglicherweise gelingen wird, seine Unschuld zu beweisen, und wie ich ihn kenne, wird er das Bewußtsein, noch immer als Geächteter und Verfemter vor der Welt zu stehen, leichter ertragen, wenn er erkennen gelernt hat, daß sein Weib ihr Unrecht eingesehen und reuig zu ihm zurückkehrt. Kannst und willst du meinen Rat befolgen, dann brich hier deine Zelte ab und kehre mit mir zurück in mein Heim; dort, mit deinem Kinde vereint, harren wir dessen, was das Schicksal über uns bestimmt, und sobald sich uns die Möglichkeit einer Vereinigung mit Robert bietet, eilen wir zu ihm. Du sprichst dich offen und rückhaltlos mit ihm aus, und wie ich dich jetzt kennen gelernt habe, wirst du ihm auch unumwunden sagen, daß ich es niemals gewesen, die, in Wort oder Tat, die Absicht hegte, trennend zwischen euch zu stehen. Glaube mir, mein Kind, grausamer wie ich gelitten unter der Entfremdung von meinem einzigen Kinde, grausamer kann niemand leiden, und wenn ich, ohne es zu wissen und zu wollen, gegen dich gefehlt, dich schroffer und liebloser beurteilte, als du es verdientest, so habe ich das durch die Qualen, die an meiner Seele rüttelten, reichlich gesühnt. Nun aber wollen wir die Vergangenheit mit ihren Irrtümern, ihrem Leid und ihrem Unrecht ruhen lassen und hoffnungsfreudig einer neuen Zukunft entgegensehen, die, durch den Geist des Friedens und der Versöhnung verklärt, uns für all das zu entschädigen hat, was wir mit und ohne Schuld gelitten. Ja, Schuld, denn es wäre Heuchelei oder charakterlose Schwäche, wenn ich behaupten wollte, du seiest ohne Schuld, und es wäre anderseits auch wieder Selbstüberhebung, wenn ich mir einredete, daß auch ich nie gefehlt, wenn auch in gänzlich anderer Weise als du. Ich hätte milder, weniger empfindlich sein müssen, hätte mehr danach ringen sollen, deine Neigung zu erwerben und nicht in heimlicher Klage um den Sohn, der mir entfremdet war, mich von dir abwenden dürfen, weil ich in dir die Schuld dieser Entfremdung sah. Alles verstehen heißt alles verzeihen! Ich glaube, daß ich durch die Schule des Leides, die erbarmungslos an mir gerüttelt hat, nun alles verstehen lernte, und deshalb sei es nicht nur fern von mir, den Stab über dich zu brechen, weil du dich einer momentanen Verirrung hingegeben, sondern ich will alles tun, um dir die Bahn zu ebnen, um dir den Weg zu weisen, der dich wieder mit Robert vereint! Durch das Unglück, welches ihn zu Boden gedrückt, durch das Unrecht, welches ihm widerfahren, ist er ein einsamer, verbitterter Mann geworden; aber wenn das Weib, dem immer sein ganzes Herz gehörte, seinen Pfad wieder kreuzt, wenn er erkennen lernt, daß sie begangenes Unrecht bereut, so wird er der erste sein, der, von namenloser Seligkeit erfaßt, die Arme ausbreitet, um dich an sein Herz zu ziehen. Diese Stunde aber, die uns entschädigen soll für alles Leid, das über uns hereingebrochen, die wollen wir vereint erwarten und zum Allmächtigen flehen, daß nicht allzu lange Zeit vergehen möge, bis solches Glück uns zuteil wird! Du kannst dir vorstellen, mein Kind, in welch qualvoller Aufregung ich die Reise zu dir zurückgelegt habe, wußte ich doch nicht, ob wir es lernen würden, einander zu verstehen. Ich verfüge nicht mehr über die ungebrochene Kraft, die mich Jahre hindurch aufrecht erhielt, aber trotzdem drängt es mich, so rasch als möglich heimzukehren zu dem Enkelkinde, das ich zurückgelassen und dem ich freudigen Herzens nun die Mutter zuführen will, die ihm fremd geworden. Einen Tag und eine Nacht muß ich dem ermatteten Körper Zeit lassen, sich wieder aufzurichten, dann aber laß uns heimkehren und in Ergebung dessen harren, was das Schicksal uns aufzuerlegen für gut befindet!«

Ola hatte in tiefer Ergriffenheit den Worten ihrer Schwiegermutter gelauscht, jetzt zog sie deren Hand an ihre Lippen und sprach, sichtlich bewegt:

»An mir soll es nicht fehlen, Mama, ich bin bereit, mich in allem deiner besseren Einsicht zu fügen, denn ich erkenne nur zu deutlich, daß, während ich selbstsüchtig nur meinen Wünschen gehorchte, ich auf Abwege geraten bin. Gott gebe, daß alles noch so werden möge, wie du und ich es wünschen! Du kannst mir glauben, daß ich über die Trennung von meinem Kinde unzählige heiße Tränen geweint habe, aber so selbstsüchtig und schlecht ich auch gehandelt haben mag, das eine erkannte ich doch, daß der Kleine in der Obhut seines Vaters und in der deinen am treuesten geborgen sei und ich nicht das Recht hatte, ihn in das abenteuerliche Leben mit hineinzuziehen, dem ich mich selbst gedankenlos in die Arme geworfen hatte.«


 << zurück weiter >>