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7. Kapitel.

Frau von Marfen war wenige Tage nach ihrer Zusammenkunft mit Hauptmann von Büsing tatsächlich abgereist. Am Abend vorher hatte ihre Schwiegertochter noch ein kleines Abschiedsfest inszeniert, »damit die näheren Bekannten der lieben Mama doch Gelegenheit haben, ihr Lebewohl zu sagen«. Unter den Gästen war auch Büsing, der aber keine Gelegenheit mehr fand, allein mit seiner mütterlichen Freundin zu sprechen, dessen Blick ihr höchstens beim Abschied sagen konnte, daß er getreulich die ihm gegebene Mission erfüllen werde. Frau Ola, die als Hausfrau wie immer die größte Liebenswürdigkeit an den Tag legte, aber von einer etwas gekünstelten Lebhaftigkeit war, bedauerte in anscheinend sehr warmen Worten das bevorstehende lange Fernsein der »lieben Mama« und bat die verschiedenen Freunde und Bekannten, die sich eingefunden hatten, ihre Besuche recht häufig zu wiederholen, damit sie und ihr Robby leichter über die Vereinsamung hinwegkämen, die doch jedenfalls durch die Abreise der Mama hervorgerufen werden würde. Ihre Worte waren an die Allgemeinheit und nicht an die einzelnen gerichtet, und Büsing hätte somit die Aufforderung des häufigen Kommens nicht auf sich beziehen müssen, wenn er es nicht gewollt.

Da Büsing immer mehr und mehr zu der Überzeugung kam, daß Robert wirklich ganz und vollkommen glücklich sei und er, selbst bei scharfer Beobachtung, nichts in dem Wesen der jungen Frau bemerkte, was ihm Anlaß zu irgendwelchem Verdacht hätte geben können, sah er sich auch veranlaßt, seiner mütterlichen Freundin in ihr ländliches Tuskulum wiederholt Briefe zu schreiben, die nicht nur den Zweck hatten, sie vollständig zu beruhigen, sondern aus denen man auch ganz deutlich herauslesen konnte, daß er zu der Ansicht neige, sie habe ihre Schwiegertochter falsch beurteilt, woraus er der Mutter fast einen leisen Vorwurf zu machen schien. Mit bitterem und wehmütigem Lächeln las Frau von Marfen diese Briefe und gestand sich, daß es ihr offenbar nicht gelungen sei, den Zweck zu erreichen, den sie hatte erreichen wollen. Sie hatte mit Büsings ruhiger, besonnener Art gerechnet und nicht geglaubt, daß es Ola gelingen werde, ihn für sich einzunehmen, wie das offenbar der Fall gewesen. Ihre Unruhe wuchs daher, und sie wäre am liebsten gleich wieder nach Hause zurückgekehrt, wenn die Vernunft ihr nicht geboten hätte, so lange auszuharren, wie es ursprünglich festgesetzt gewesen war. Noch nie im Leben war ihr die Zeit so sehr zur nicht enden wollenden Qual geworden wie in diesen langen Wochen des Fernseins. Mit namenloser Ungeduld sehnte sie die Stunde herbei, die sie wieder mit ihrem Sohne vereinen sollte, und die Zeit, zu welcher die Briefpost, die von Cilli aus befördert wurde, eintraf, war für sie naturgemäß die interessanteste des ganzen Tages.

Ola fand es nie der Mühe wert, der Mutter Nachricht zu senden, sondern schickte stets durch ihren Gatten nur einen Gruß, und Frau von Marfen war mehr als überzeugt, daß sie in innerster Seele zu Tod froh war, die Schwiegermutter auf eine Zeit lang los zu sein, deren ruhigen, ernsten Blick sie schwer vertragen konnte, vermutlich weil sie in demselben immer einen Vorwurf witterte, der sie treffen solle, wegen irgend etwas, was sie getan oder unterlassen. Tage und Stunden gab es, in denen Frau von Marfen sich fast unheimlich belastet fühlte, in denen ihr zumute war, als müsse sie ihrem Sohn zu Hilfe eilen, freilich wofür und gegen was, das ahnte sie selbst nicht, aber die Bangigkeit ließ sich nicht bannen, und doch sagte die gesunde Vernunft, daß sie einstweilen nichts tun könne als abwarten und beten, daß die bangen Ahnungen, die sie belasteten, sich als trügerisch und unnötig erweisen möchten. So waren einige Wochen vergangen, als sie plötzlich eine Depesche bekam, welche sie in namenlose Aufregung versetzte und sie veranlaßte, die schwärzesten Bilder vor sich zu sehen. Es waren nur wenige Worte, die das Telegramm enthielt, aber hinreichend, um sie zu alarmieren, wenn auch die Kunde, daß Robert wohl sei, gewissermaßen als Beruhigungsmittel allen vorangesetzt war. Die Depesche lautete:

»Robert wohl, doch Rückkehr dringend erwünscht. Erwarte Sie Freitag abend Wiener Eilzug.
Handkuß Büsing.«

Was in aller Welt konnte sich zugetragen haben? Außergewöhnliches gewiß, denn sonst hätte Hauptmann von Büsing sie nicht telegraphisch zurückbeschieden. Die arme Frau zerbrach sich den Kopf darüber, um was es sich handeln könne, ohne daß es ihr möglich gewesen wäre, zu irgend einer erklärenden und beruhigenden Schlußfolgerung zu kommen. Die Gesinnungen, die sie in Bezug auf Ola hegte, ließen es nicht unbegreiflich erscheinen, daß sie sich sagte, die alarmierende Nachricht müsse jedenfalls in irgendeinem Zusammenhang mit der Schwiegertochter stehen, und daß dieser Zusammenhang kein freudiger sei, dessen glaubte sie überzeugt sein zu können. Mit größtdenkbarster Eile traf sie alle Vorbereitungen zur Abreise, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen, als sie endlich in vorgerückter Abendstunde der Stadt nahte, die sie vor Monatsfrist schon bangen Herzens verlassen, um jetzt in noch viel gedrückterer Stimmung zurückzukehren.

»Nabresina,« rief die schrille Stimme des Schaffners, und plötzlich flog die Tür des Abteils auf, eine hohe Männergestalt blickte spähend durch den Raum, und gleich darauf zog Hauptmann von Büsing ihre Hand an seine Lippen und sprach in sichtlicher Erregung: »Ich bin Ihnen entgegengefahren, gnädigste Frau, um Sie zu orientieren, um Ihnen berichten zu können, bevor Sie Ihr Heim wieder betreten. Ich tat es, weil ich glaubte, sowohl Ihnen als auch Robert Erleichterung zu verschaffen, wenn Sie wissen, um was es sich handelt, bevor Sie ihm entgegentreten. Frau Ola ist fort und – und nicht allein! Sie hat sich Baldoni, den Welschtiroler, den Leutnant unseres Regiments, als Reisemarschall mitgenommen und einen Brief an Robert zurückgelassen, der an zynischer Roheit alles überbietet, was man sich nur irgend vorstellen kann.«

Mit zuckenden Lippen hatte Frau von Marfen den Worten des jungen Offiziers gelauscht. Wie froh war sie doch in allem Leid, daß durch den Umstand, daß sie durch einen kräftigen Händedruck an den Schaffner schon von Cilli aus sich hatte ein Abteil sichern können, in dem sie allein war, ihr diese halbe Stunde der Aufklärung und Orientierung geboten wurde.

»Und Robby, mein armer Junge, wie faßt er die Sache auf? Wie trägt er sie?« fragte Frau von Marfen leise.

»Ich wollte, es wäre mir möglich. Ihnen zu antworten wie ein Mann,« entgegnete er, »aber das ist leider nicht der Fall. Ich habe nie im Leben einen so schrankenlos wilden, fassungslosen Schmerz gesehen wie jenen, den der arme Robert zur Schau trägt. Eine halbe Stunde, nachdem er ihre Flucht entdeckt hatte, ließ er mich durch seinen Diener zu sich bescheiden, und als ich, der Aufforderung Folge leistend, ahnungslos über das, was sich zugetragen, bei ihm eintrat, reichte er mir wortlos das Schreiben und brach gleichzeitig in einen Weinkrampf aus, der mich auf das tiefste erschüttert hat.«

»Ola, meine Ola, ich kann nicht, ich will nicht ohne sie leben,« das war der Refrain, über den er nicht hinauskam.

»Und woher wissen Sie denn, daß Baldoni der Begleiter war?« warf Frau von Marfen ein.

»Weil sie schamlos genug war, Robert ganz offen mitzuteilen, daß sie ihn nicht mehr liebe, daß sie eigentlich kaum wisse, ob sie ihn jemals geliebt habe, und daß sie an der Seite eines andern, an der Seite Ettore Baldonis, dem ihr Herz gehöre, einer neuen, glücklicheren Zukunft entgegenzugehen hoffe. Als ich zuerst bei Robert war, wußte ich natürlich noch gar nichts Näheres, und erst als ich, seinem Wunsche folgend, ihn verließ, um Erkundigungen einzuziehen, brachte ich in Erfahrung, daß Leutnant Baldoni um einen zweimonatlichen Urlaub ins Ausland angesucht und denselben am verflossenen Abend auch angetreten habe. Es scheint, daß das Pärchen mit dem Mitternachtsdampfschiff nach Venedig gefahren, von wo aus es sich, Gott mag wissen wohin, begeben hat. Schwer dürfte es ja wohl kaum sein, der beiden habhaft zu werden, aber nach meinem Dafürhalten steht es wohl nicht dafür, eine Frau, wie diese, wieder auf den Weg der Pflicht zurückführen zu wollen. Fort mit Schaden, das ist die Empfindung, die ich hege, denn ein Weib, das imstande ist, Mann und Kind zu verlassen, weil der Taumel einer sinnlichen Leidenschaft größer ist als jedes Pflichtgefühl, ein solches Weib verdient es nicht, daß man auch nur einen einzigen Schritt tue, um es sich wieder zu erringen. Leider Gottes steht Robert noch so sehr unter dem Bann dieser Circe, daß es mir bisher ganz unmöglich gewesen ist, ihn zu meiner Anschauung zu bekehren, und in erster Linie deswegen, verehrte Frau, habe ich Ihnen telegraphiert. In Stunden des Schmerzes und der Seelenqual ist sicherlich niemand so geeignet wie eine Mutter, dem Sohne Stütze zu sein. Weichen Sie nicht von seiner Seite, weisen Sie ihn darauf hin, daß er die Pflicht habe, an sein Kind zu denken, sich diesem zu erhalten, diesem nicht nur Vater, sondern auch Mutter zu sein. In seiner jetzigen Verfassung gibt es für ihn nur zwei Wege, entweder er jagt sich eine Kugel durch den Kopf, um allem Leid ein Ende zu machen, oder er trachtet die Spur jener Frau zu finden und verlegt sich bei ihr, jeder Manneswürde bar, aufs Bitten und Betteln. Unzurechnungsfähig ist er momentan auf jeden Fall, und wir müssen mit vereinter Kraft darnach streben, ihn vor einer Torheit zurückzuhalten. Ich habe Ihnen noch Abbitte zu leisten, gnädigste Frau. Als wir uns an jenem Nachmittag, an dem Sie mir die Ehre erwiesen, mich um eine Unterredung zu bitten, zum letztenmal allein sprachen, saß der Gedanke in meinem Kopfe fest, daß Sie Ihrer Schwiegertochter möglicherweise unrecht tun, daß Sie dieselbe schroffer beurteilen, als sie es verdient. Ich habe Ihnen das abzubitten, denn die Tatsachen, welche sich seither vollzogen haben, lieferten mir den deutlichen Beweis, daß das Mutterauge vom richtigen Instinkt geleitet gewesen, daß es schärfer sah als wir, die wir uns nur durch den Schein blenden ließen. Ich habe Ihnen im Geiste schon unzähligemal meine Torheit abgebeten, und Sie mögen überzeugt sein, daß ich, schon um dieselbe zu sühnen, das möglichste tun werde, um Ihnen beizustehen, um Robert wieder in normale Bahnen zu lenken, um Ihnen den Sohn von neuem zuzuführen, der momentan für nichts anderes Sinn hat als für seine Leidenschaft zu der schönen Frau.«

»Momentan?« wiederholte Frau von Marfen mit bitterem Lächeln. »Seit er zuerst in ihre Augen geblickt, habe ich den Sohn verloren, mein lieber Büsing. Das ist ein Schmerz, an dem ich seit Jahren trage, mit dem ich mich zwar abgefunden, in den mich zu fügen ich aber unter heißem Weh gelernt habe, Gott möge mir nur die Kraft verleihen, mich aufrechtzuerhalten und ihm in dieser schweren Zeit die Stütze zu sein, deren er bedarf.«

Der Zug fuhr in die Bahnhofhalle ein, während Büsing Frau von Marfen auseinandersetzte, daß er Robert nichts von der Ankunft der Mutter gesagt habe, weil er hoffte, daß das unerwartete, plötzliche Wiedersehen mit ihr ihn dazu veranlassen werde, aus seiner starren Verzweiflung herauszutreten und sich alles Leid von der Seele zu sprechen, das ihn quälte und peinigte, seit die Frau, mit der er einen wahren Götzenkultus getrieben, ihn in so schnöder Weise verlassen.

»Ich werde sie bis nach Hause begleiten, gnädige Frau, dann aber mich zurückziehen, bevor Sie Robert gegenübertreten. Was der Sohn mit der Mutter spricht, das braucht kein Dritter zu hören. Ich will glauben und hoffen, daß in dem schweren Leid, welches Robert widerfahren ist, er es als unermeßliche Wohltat empfinden wird, seine Mutter zu haben, die sicherlich mit linder Hand bestrebt sein wird, ihm alles aus dem Weg zu räumen, was ihn an das Leid erinnern könnte, welches ihn bis ins innerste Mark getroffen hat. Seien Sie stark, gnädigste Frau, und helfen Sie ihm, es zu werden. Meine Natur ist von der seinen sehr verschieden, ich kann es nicht begreifen, wie man imstande ist, einer Frau nachzutrauern, die den eklatantesten Beweis der Untreue gegeben, der sich überhaupt auf Erden finden läßt, indem sie mit einem andern in die Ferne ging. Ich bin zu wenig sentimental, zu wenig weichherzig, um da Liebe empfinden zu können, wo es mir unmöglich gemacht wird, an Gegenliebe zu glauben. Robert aber ist aus anderm Holz geschnitten, er betet da noch immer an, wo ich mir energisch denken würde: »Fort, nur fort, mit Schaden vielleicht, aber fort!« Ein Wesen aus dem Leben streichen, das mir das herbste Leid zugefügt, welches das Weib dem Manne zuzufügen imstande ist – verzeihen, meinetwegen, verzeihen könnte ich vielleicht alles – aber vergessen, einer Frau nachjammern, die mich nicht liebt, mich offenbar nie geliebt hat, nein, das brächte ich nicht übers Herz, oder, wenn Sie es so nennen wollen, ich könnte diesen Grad von Versöhnlichkeit meinem Stolze nicht abringen!«

Hauptmann von Büsing war Frau von Marfen beim Aussteigen und bei der Erlangung ihres Gepäcks behilflich und begleitete sie in dem Auto, das er vorsorglich schon bestellt hatte, bis zu der am entgegengesetzten Teil der Stadt gelegenen Wohnung ihres Sohnes. Mit einem letzten »Mut und Kraft, gnädige Frau,« verabschiedete er sich dann von ihr, während sie ausstieg und schweren Herzens, nach der im zweiten Stockwerk gelegenen Wohnung emporstieg.


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