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4. Kapitel.

»Sag' mir nur, wo in aller Welt nimmt die schöne Marfen das Geld her, sich solche Toiletten zu leisten? Ich versteh' ja nicht viel von dem Zeug, aber meine Frau behauptet, daß sie, ganz abgesehen vom Schmuck, immer Roben trägt, die mindestens sechs- bis achthundert Kronen kosten, und wir wissen doch alle, daß man sich derlei mit dem Kommißvermögen nicht leisten kann. Generalstäbler hin, Generalstäbler her, Marfen hat auch nicht mehr als wir. Ich gebe zu, daß er, der nur einen Jungen hat, im Haushalt weniger brauchen mag als wir, die wir vier Kindermäulchen zu füttern haben, aber trotz alledem verstehe ich den Luxus nicht, den Madame an den Tag legt, versteh' ihn um so weniger, als seine Mutter und sein Kind, wenn nicht gerade ärmlich, so doch jedenfalls sehr bescheiden gekleidet einhergehen, man folglich nicht einmal der Vermutung Raum geben kann, daß Mama Marfen Schätze Golcondas besitzt, mit denen sie der schönen Schwiegertochter unter die Arme greifen kann.«

»Lieber Freund, wozu zerbrichst du dir den Kopf über Dinge, die uns nichts angehen! Du hast ja recht, der Luxus, den die Frau treibt, ist auffallend, aber wir bezahlen ihn ja nicht; man muß annehmen, daß Marfen schwach genug ist, sein Kapital anzugreifen, nur um jede Laune der schönen Ola zu befriedigen. Aber das ist seine Sache.«

»Hm,« warf Hauptmann von Büsing, ein Klassenkamerad Marfens, ein, »du magst ja recht haben, es ist seine Sache, aber soll man es ruhig mit ansehen, wie er aus Schwäche für diese Hexe sein Kind schädigt, vielleicht auch seine alte Mutter an den Bettelstab bringt? Mir kommt das als ein Unrecht vor, und ich habe mir schon oft die Frage gestellt, ob ich, der ich jahrelang mit ihm auf derselben Schulbank gesessen, nicht verpflichtet wäre, ein ernstes Wort mit ihm zu reden, ihm die Augen zu öffnen.«

Die beiden Herren, deren Gesprächsstoff die schöne Ola von Marfen war, saßen an diesem warmen, hellen Sommerabend vor dem Café Specchi in Triest. Die Frau des Kameraden, der als Generalstabshauptmann vor einem Jahre in die Hafenstadt an der Adria versetzt worden war, hatte eben mit einem ganzen Kortege von Herren sich erhoben, um den Weg nach dem nahegelegenen Molo San Carlo einzuschlagen, und Hauptmann von Büsing nahm die Kappe ab, fuhr sich mit der Hand über das kurzgeschorene dunkle Haar und blickte mit ärgerlichem Gesichtsausdruck der schönen Frau nach.

»Lieber Freund,« entgegnete Hauptmann von Rotky, der um einige Jahre älter sein mochte als Büsing, »bist du denn wirklich noch so naiv, zu glauben, die bestgemeinten Worte des treuesten Freundes können auch nur von dem allergeringsten Nutzen sein, wenn einer verliebt ist; und daß Marfen heute noch in seine schöne Frau verliebt ist, wie in der Stunde, da er mit ihr vor den Altar trat, darauf gehe ich jede beliebige Wette ein. Beobachte nur einmal den Ausdruck seiner Augen, wenn er jeder ihrer Bewegungen mit den Blicken folgt. Es ist ja jedenfalls nicht ihre Schönheit allein, die ihn fesselt, sie muß erotische Vorzüge haben, die wir nicht kennen, denen gegenüber aber jedes noch so gut gemeinte Freundeswort verweht wie Spreu im Winde. Ich habe schon wiederholt im Leben Gelegenheit gehabt, diese Erfahrung zu machen, und mir längst gelobt, mir nie mehr den Mund zu verbrennen, wenn ich auch noch so viel sehe, höre, wogegen man eigentlich vom Standpunkte des Rechtes aus Stellung nehmen sollte. Glaube mir, man verliert nicht nur den Freund, wenn man als Warner auftreten will, sondern man ruft auch seinen Widerspruchsgeist wach.«

»Ist es dir nicht aufgefallen,« warf Büsing ein, »daß Marfens Mutter in dem Milieu, in dem sie sich bewegt, unmöglich glücklich sein kann, mich erinnert sie immer an eine Statue der Niobe, die ich auf einem Grabe des Wiener Zentralfriedhofes einmal gesehen, und schon aus Hochachtung für die arme Frau, die Dame vom Wirbel bis zur Sohle ist, möchte ich den ohne Zweifel verfahrenen Karren gern wieder in das richtige Geleise bringen, aber man steht da und weiß nicht, was man tun soll. Frau Ola beobachtet auch immer eine gewisse Vorsicht, und es dürfte schwer halten, Tatsachen in Erfahrung zu bringen, die gegen sie sprechen. Daß sie sehr elegant ist, daß ihre ganze Lebensweise anzudeuten scheint, daß sie eine reiche Frau sei, das allein genügt nicht, um ihm die Augen zu öffnen, denn er ist zu wahnsinnig in sie verliebt, um sich die Frage zu stellen, wie sie es möglich macht, mit dem Kommißvermögen zu leben, als ob sie, wenn auch nicht gerade Millionärin, so doch sehr wohlhabend wäre, und selbst wenn man ihn darauf hinweisen wollte, würde sie es sicherlich verstehen, ihm plausibel zu machen, daß alles mit rechten Dingen zugeht.«

»Wer weiß, ob du nicht zu schwarz siehst! Zugegeben, daß die schöne Ola weit über ihre Verhältnisse lebt, daß sie einen Luxus treibt, der sie und durch sie auch ihn in ein schiefes Licht bringt, so kann sich die Sache doch vielleicht in ganz harmloser Weise aufklären. Wir sehen ihnen ja nicht in die Tasche, wir wissen ja nicht, ob die Leutchen vielleicht ein großes Los gewonnen, das sie berechtigt, so zu leben, wie es tatsächlich der Fall ist. Es kann ja auch irgendwo im weiten Erdenrund eine Erbtante existieren oder existiert haben, die den jungen Leuten ihre Schätze in den Schoß geworfen hat, und wir Philister zerbrechen uns ganz überflüssigerweise den Kopf über ihr Soll und Haben. Wir wollen uns den schönen Abend nicht verderben lassen, komm, folgen wir vielmehr der schönen Frau, die voraussichtlich, wie jeden Abend, an der Spitze des Molos steht und in die blauen Fluten hinabblickt, während ihre Verehrer sie umschwärmen und ihr süße Worte zuraunen. Was geht denn das Ganze uns an! Wenn du dich aber schon gar so lebhaft für das Lebensglück deines Freundes Marfen interessierst,« fügte er mit einem vielsagenden Blick hinzu, »so werden wir oder wirst du demselben vielleicht größere Dienste leisten können, wenn wir uns dem Bannkreis der schönen Frau nahen, als wenn wir, in den Mantel sittenstrenger Tugend gehüllt, demselben fernbleiben.«

»Was soll das heißen, Rotky, weißt du irgend etwas? Willst du eine bestimmte Spur verfolgen?«

»Ich weiß gar nichts, aber eben deshalb will ich forschen, und glaube das besser zu können, wenn ich der Flamme nahe, als wenn ich ihr scheu aus dem Wege gehe. Braucht Marfen Freunde, die ihm in schwerer Stunde beistehen, so kann er sich auf mich ebenso verlassen wie auf dich, das magst du mir glauben, Büsing, aber eben deshalb ist es unerläßlich, daß wir alles daransetzen, möglichst klar zu sehen. Du mußt aber auch begreifen lernen, lieber Freund, daß es dabei von höchster Wichtigkeit ist, das Mißtrauen der schönen Frau in gar keiner Weise zu erwecken. Ihr Tun und Lassen, ihr Sprechen und Denken soll nach besten Kräften beobachtet werden, das will ich zugeben, aber sie darf nicht ahnen, daß es geschieht, und deshalb müssen wir harmlos und unbefangen in ihrem Hause verkehren.«

»Mein lieber Rotky, du mutest uns da zu, gewissermaßen Detektiv zu spielen, und das ist eine Rolle, die mir nicht behagt. Es ist eines, Robert Marfen geradeaus ins Gesicht zu sagen, Freund, sei auf deiner Hut, und es ist etwas anderes, zu intrigieren, nachzuspüren, Beweismaterial zu sammeln und dann ihn mit einem Keulenschlag niederzuschmettern.«

»Wie willst du ihn denn überzeugen, wenn du kein Beweismaterial in Händen hast? Auf ein bloßes Gerede, eine simple Verdächtigung hin wird er dich einfach hinauswerfen, und hat in diesem Falle auch vollkommen recht. Tatsachen, Tatsachen allein vermögen zu überzeugen, und diese müßte man sammeln. Was du Frau Ola vorwirfst, das weiß ich eigentlich gar nicht, ich aber würde mich herzlichst freuen, wenn sie nichts weiter auf dem Gewissen Hütte, als ein bißchen gar zu luxuriösen Fetzenkultus. Das ist schließlich eine harmlose Kinderkrankheit, die fast jede Frau einmal im Leben durchmacht. Glaube mir, lieber Büsing, das wäre das Schlimmste nicht.«

»Du sprichst in Rätseln. Was in aller Welt ist es, was dich beschäftigt?«

»Eben weil ich das jetzt noch nicht sagen kann und darf, da es mir an Beweisen gebricht, deren ich benötige, laß mich schweigen, aber geloben wir uns beide, die Augen offen zu halten, um, so bald es not tut, im richtigen Moment eingreifen zu können. Zu diesem Zwecke aber müssen wir uns ebenfalls einreihen lassen in die große Schar der Bewunderer Frau von Marfens. Es bietet sich uns dann leichter Gelegenheit, alles zu sehen und zu hören, was um sie vorgeht, alles zu beobachten, was sie tut und läßt. Es sollte mich sehr wundern, wenn sie besonders entzückt wäre über die zwei neuen Eroberungen, die sie gemacht hat. Mir ist es schon wiederholt aufgefallen, daß ein auf sie gerichteter ruhiger, durchdringender Blick ungefähr so auf sie wirkt, wie auf den Stier ein rotes Tuch.«

»Deine Art, die Sache ins Auge zu fassen, ist mir entsetzlich. Übrigens täuschest du dich, wenn du mich zu Marfens Intimen rechnest. Das waren wir in den Tagen der Jugend, in der Oberrealschule und selbst in der Akademie, als seine gute Mutter mich, den Waisenknaben, oftmals gleichzeitig zum Ausspeisen lud und ich diese seltene Frau verehren lernte. Schon um ihretwillen würde ich wünschen, daß Marfens Geschick sich immer freundlich gestalten möge, denn es war rührend, mitanzusehen, wie sie in dem Sohne lebte, wie sie ihm jeden Wunsch zu erfüllen bestrebt war. Vielleicht habe ich, der ich, früh verwaist, Mutterliebe immer entbehren mußte, dies doppelt schätzen gelernt. Jedenfalls erinnere ich mich genau, daß ich als Knabe schon und als Jüngling noch, Marfen oft um diese Liebe beneidet habe, die er als etwas ganz Selbstverständliches hinnahm. Doch sage mir, was ist es, was dich beschäftigt und woran du denkst?«

»Frage nicht, mein Freund, sondern wünsche nur mit mir, daß ich auf dem Holzwege sei. Und nun laß uns gehen.«

Arm in Arm schlenderten die beiden Freunde an dem Statthaltereipalast vorbei, dem Molo zu, wo sie denn auch alsbald der Gruppe ansichtig wurden, in deren Mitte Frau von Marfen lebhaft plaudernd stand. Ihr Gatte hatte sich, wie Rotky ganz richtig vermutet, schon zu ihr gesellt, und seine Augen ruhten mit dem Ausdrucke begeisterten Entzückens auf ihrem schönen, lachenden Antlitz.


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