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12. Kapitel.

Die Calle del Sole in Venedig war eine schmale, hinter dem Hotel d'Angleterre sich dahinziehende Straße, die so recht deutlich von dahingeschwundener Pracht Zeugnis ablegte, denn die architektonische Bauart einzelner, wenn auch nicht gerade verfallener, so doch recht verwitterter Paläste wies darauf hin, daß dort ein Glanz und Reichtum geherrscht, wenn auch der Zahn der Zeit nun recht deutlich gewirkt und im Laufe verflossenen Dezennien so manche Verheerung angerichtet hatte. In einem dreistöckigen Palast, an dessen Eingangstor man rechts und links ein paar Karyatiden bemerkte, deren Glanzepoche auch der Vergangenheit angehörte und an denen da wie dort manches Stück abgeschlagen war, hatte man seit einigen Jahren schon eine deutsche Pension errichtet, in der jedoch der größte Wert auf den Schein gelegt worden war und in welcher man von Gediegenheit wenig bemerkte. Die Gesellschaft, die sich da zusammenfand, war aus aller Herren Länder zusammengewürfelt und bestand offenbar nicht aus sonderlich reichen Leuten. Die Preise, die man zu bezahlen hatte, waren allerdings auch nicht sehr hoch gehalten, aber das Hauptkennzeichen des ganzen Unternehmens war jenes einer gewissen schäbigen Eleganz. Mit dem Dampfschiff, das zu früher Morgenstunde aus Triest eintraf, war vor einigen Monaten eine Dame angekommen, die fast gar kein Gepäck mit sich führte, die italienische Sprache zwar redete, aber nicht beherrschte, so daß man in ihr alsbald die Deutsche erriet, die sie auch tatsächlich war. In den Meldezettel hatte sie sich als Baronin Thorn aus Hermannstadt eingetragen und hatte Frau Luzius, der Vorsteherin der Pension erklärt, daß sie jedenfalls monatelang, wenn nicht vielleicht gar ein ganzes Jahr in Venedig zu bleiben gedenke. Sie habe das Unglück gehabt, bei einem großen Brande die Mehrzahl ihrer Effekten zu verlieren und müsse, sobald sie sich von der Aufregung des ausgestandenen Schreckens nur einigermaßen erholt habe, daran denken, sich vollständig neu zu equipieren, vor allem aber wolle sie einige Tage der Ruhe pflegen.

Beiläufig eine Woche nach Ankunft der Baronin Thorn in der Pension Luzius war ein junger Mann dort eingetroffen, der sich Marchese Giuglio Torre nannte und offenbar von früher her intim mit der Baronin Thorn befreundet sein mußte, denn er hatte wenige Stunden nach seiner Ankunft um sie gefragt und ihr seinen Besuch abgestattet. Seither aber verkehrte er unausgesetzt mit ihr, begleitete sie bei Kommissionen wie Spaziergängen und hatte es sogar erreicht, daß er nicht seine Mahlzeiten an der Table d'hote einzunehmen hatte, sondern daß sie ihm im Verein mit der Baronin auf deren Zimmer serviert wurden, da die schöne Frau sich vom ersten Tag an ausbedungen hatte, nicht an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilnehmen zu müssen. Frau Luzius hatte zwar anfangs Anstand genommen, dieses separate Servieren zu bewilligen, da aber die Baronin darauf bestanden und der Marchese unumwunden erklärt hatte, er werde ausziehen, wenn man ihm nicht gestatte, mit der Freundin zu speisen, hatte sie sich gefügt, weil sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, den Marchese, der ein glänzender Zahler war, zu verlieren.

Tage, Wochen, Monate vergingen, und in dem intimen Verkehr der beiden Pensionäre des Hauses Luzius änderte sich nichts. Die Leute hatten sich nach und nach mit dieser immerhin etwas ungewöhnlichen Intimität abgefunden, und man kümmerte sich nicht viel um die beiden, die sich vollständig von den andern abschlossen. Trotzdem wirkte es überraschend, als eines Tages der Marchese an Frau Luzius das Ansinnen stellte, sie möge ihm seine Rechnung vorlegen, da er bemüßigt sei, plötzlich nach Rom zu reisen, und vielleicht erst nach Wochen, möglicherweise aber erst nach Monaten zurückkehren werde. Die Pensionsinhaberin war von dieser Mitteilung nichts weniger als erbaut, und einzelne Bewohner der Pension, deren Zimmer im gleichen Trakt mit der Baronin gelegen waren, wollten sogar behaupten, daß in dem Gemach derselben eine äußerst lebhafte Debatte stattgefunden habe, und man ganz deutlich die laute Stimme des Marchese gehört habe.

Was würden die lieben Mitbewohner, Freunde konnte man sie ja nicht nennen, darum gegeben haben, zu wissen, was Baronin Thorn eigentlich denke, wie sie sich in Zukunft dem Marchese gegenüber verhalten werde. Wie würden sie triumphiert haben, wenn sie hätten sehen können, in wie heftiger Erregung sie, ihr feines Batisttaschentuch in der Hand zerknüllend, in ihrem Gemach auf und ab stürmte und dabei leise, zornige Worte vor sich hinmurmelte: »Unerhört! Unglaublich! Was soll es heißen, ich will und muß eine Erklärung haben!«

Instinktiv ahnte Baronin Thorn, daß man sich alle Mühe gebe, sie zu belauschen, zu ergründen, welches Band denn eigentlich zwischen ihr und dem Marchese bestehe, und ebenso instinktiv war sie fest entschlossen, jenen Leuten, die nur Neugierde und kein wirkliches Interesse für sie empfanden, auch nicht den geringsten Einblick in ihr Tun und Lassen zu gestatten. Um dies aber auch tatsächlich durchführen zu können, galt es, zu verhindern, daß die Aussprache, die sie selbst um jeden Preis zwischen sich und dem Marchese zustande bringen wollte, außerhalb der Mauern dieses Hauses stattfand. Wie eine solche Aussprache überhaupt zustandegebracht werden sollte, das war ein Rätsel, dessen Lösung ihr einstweilen noch sehr unklar erschien, denn sie war eine viel zu kluge Frau, um nicht selbst bemerkt zu haben, daß der Mann, der sich hier Giuglio Torre nannte, den sie aber ursprünglich unter ganz anderem Namen kennengelernt, sich alle Mühe gab, einem Zusammensein mit ihr aus dem Wege zu gehen. Was aber konnte eine kluge Frau nicht ergründen, wenn sie ernstlich wollte? Mit Geld und guten Worten pflegt man ja bei käuflichen Menschen alles zu erreichen, und die Kategorie der Käuflichen stirbt ja nicht so leicht aus; es wurde der Baronin mithin auch nicht schwer, dem Marchese nachspüren zu lassen. Sie erfuhr denn, daß er gegen Abend jetzt meist in ein Kaffeehaus am Lido hinauszufahren pflegte, und ihr Entschluß war rasch gefaßt. Zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden mußte es kommen, besser, wenn dieselbe auf neutralem Boden stattfand, wo die Rücksicht auf eventuelle Horcher den Marchese nötigte, sich zu mäßigen und jedes Aufsehen zu vermeiden. Was sie ihm zu sagen hatte, war ja im Grunde genommen nicht viel, wenn sie selbst auch ihre Worte als inhaltsschwer bezeichnete.

»Er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wenn er glaubt, daß ich mich abschütteln lasse wie ein lästiges Insekt, das man mit dem Absatz des Stiefels zertreten kann. Wenn ich mit der Vergangenheit abgeschlossen habe, so geschah es nur, weil ich von dem besten Willen beseelt war, einer besseren, glänzenderen Zukunft entgegenzugehen. Um die lasse ich mich nicht betrügen, dessen mag Ettore oder Giuglio, wie er jetzt plötzlich heißt, gewiß sein; Frauen meines Schlages rechnen nur mit sicheren Tatsachen und lassen sich nicht durch eitle Vorspiegelungen täuschen. Nun, wir werden ja sehen, und selbst wenn es zum ärgsten, zum definitiven Bruch kommen sollte, so ist ja meine Macht über Robert eine so große, hypnotische, daß er überzeugt sein wird, mir unrecht getan zu haben, wenn er überhaupt jemals Böses von mir geglaubt. Ich habe es ja immer verstanden, ihn am Gängelbande zu führen, und kann doch in dem halben Jahre, das verflossen, seit ich von ihm gegangen, nicht meinen ganzen Einfluß auf ihn verloren haben. Das ist undenkbar. Kommt es wirklich zu einem Bruch mit Giuglio, dann verschwindet eben die Baronin Thorn wieder von der Bildfläche, und Frau von Marfen findet Mittel und Wege, ihren alten Einfluß auf den Gatten zur Geltung zu bringen.«

Von diesen und ähnlichen Gedanken in Anspruch genommen, war die Pensionärin des Hauses Luzius auf dem Lido angekommen und schlug nun in behaglichem Promenadeschritt die Richtung nach dem Grand Café International ein, wo, wie sie wußte, Marchese Giuglio Torre in neuester Zeit allabendlich anzutreffen war. Der Zufall schien ihr günstig sein zu wollen, denn sie sah schon von einiger Entfernung aus, daß er, den sie suchte, mit einem einzigen ihr bekannten Herrn der Venetianer Gesellschaft, dem Cavaliero Guido Roselli, etwas abseits von der buntgewürfelten Menge an einem kleinen Tischchen saß. Mit liebenswürdigem Lächeln, anscheinend ganz harmlos und vergnügt, trat sie auf die beiden Herren zu, und sowohl Roselli als der Marchese sagten sich, daß sie unstreitig eine sehr schöne und imposante Erscheinung sei. Ein enganliegendes schwarzes Spitzenkleid umschloß ihre ebenmäßige Gestalt, und ganz nach dem Stil der venezianischen Damen trug sie ein schwarzes Spitzentuch auf dem Kopf, das auf der Brust von einer dunkelroten Rose zusammengehalten war. Sie fühlte, daß sie gut aussehe, und freute sich dessen.

»Sie sehen, Marchese, es ist Bestimmungssache, daß Sie mir nicht entkommen,« rief sie, mit freundlichem Lächeln an die beiden Herren herantretend, die alsbald aufstanden, um sie zu begrüßen. »Der schöne Abend lockte mich ins Freie, hier vorbeischlendernd, ward ich Ihrer ansichtig und konnte mir das Vergnügen nicht versagen, an Sie heranzutreten. Sie gestatten mir wohl, hier ein wenig Platz zu nehmen und mein Gelato in Ihrer Gesellschaft zu verzehren,« sprach sie. »Sie, Cavaliere,« fügte sie lächelnd hinzu, »leisten uns ja ohnedies nicht lange Gesellschaft; man kennt die Herren, die wie Schmetterlinge dahin fliegen, wo es Blumen gibt.« Sie sprach diese Worte zwar anscheinend ganz freundlich und harmlos, aber sie wünschte dabei doch, der Cavaliere möchte sie als Aufforderung verstehen, sich baldigst aus dem Staube zu machen. Und ihr Wunsch sollte auch in Erfüllung gehen. Ein paar gesellschaftlich höfliche Phrasen flogen noch hin und her, dann erhob sich der Cavaliere und sprach, indem er dem Marchese die Hand reichte: »Ich lasse Sie in so guter Gesellschaft zurück, daß ich nur kein Gewissen daraus machen brauche, andern Verpflichtungen nachzukommen. Ich lege mich Ihnen zu Füßen, Baronin, Sie sind und bleiben doch immer die schönste der Frauen.«

»Und Sie ein unverbesserlicher Schmeichler, dessen Worte man nicht allzu ernst zu nehmen braucht,« entgegnete die Baronin, während er sich grüßend entfernte.

Ein paar Minuten herrschte lautloses Schweigen, während die beiden einander allein gegenübersaßen. Dann sprach Ola von Thorn: »Ist es Zufall oder Absicht, daß ich durch fremde, mir gleichgültige, ja durch bezahlte Elemente von der Absicht erfahre, daß der Mann, der sich mein bester Freund nennt, plötzlich verreisen will? Vor einigen Tagen, als ich zufällig von dieser Ihrer Absicht hörte, habe ich Sie zur Rede gestellt. Sie aber leugneten, erklärten sogar ganz unumwunden, daß dies müßiges Gerede sei, an dem nichts wahr. Ich gab mir den Anschein, Ihrer Beteuerung Glauben zu schenken, und benützte eine ruhige Stunde, um an Frau Luzius die direkte Frage zu stellen, wie es sich mit Ihrer Abreise verhalte. Da erfuhr ich denn, daß Sie mir die Unwahrheit gesagt, als Sie Ihre Reiseabsicht leugneten, erfuhr, daß Tag und Stunde schon bestimmt seien und Sie nicht nur den Wunsch geäußert hätten, die Sache solle geheim gehalten werden, sondern auch hinzugefügt, Sie wissen gar nicht, ob und wann Sie zurückkehren. Sie werden mir aber doch wohl zugestehen, daß ich das Recht habe, zu fragen, was das zu bedeuten hat. Ihnen zuliebe habe ich geordneten Verhältnissen den Rücken gekehrt, habe ich meinen Gatten und mein Kind verlassen, habe Ihnen Glauben geschenkt, als Sie mir gelobten, mich reichlich entschädigen zu wollen für alles, was ich verloren. In den glühendsten Farben haben Sie mir eine prunkvolle, glänzende Zukunft ausgemalt, haben mir geschworen, daß Ihre Liebe mir über alles hinweghelfen soll, mich lehren werde, die Vergangenheit zu vergessen, und ich Törin glaubte Ihren Worten und kam zu spät zu der Erkenntnis, daß Ihre glühendsten Beteuerungen nichts weiter gewesen sind als leere Phrasendreschereien und Sie bisher nichts von alledem gehalten haben, was Sie versprochen. Wenn Sie nun auch noch von hier fort wollen, was in aller Welt soll dann mit mir geschehen und woher soll ich die Mittel nehmen, um halbwegs standesgemäß weiterzuleben, ganz abgesehen davon, daß Sie jetzt gar nicht mehr davon sprechen, mir eine Position zu schaffen, mich zu heiraten, wie Sie es ja doch immer angedeutet haben! Ich machte Ihnen kein Hehl aus meinen Verhältnissen, Sie wußten, daß ich nicht reich war. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß alle pekuniäre Hilfe, die ich von meiner Mutter erwartete, mir versagt wurde. »Angeblich,« fügte sie mit spöttischem Lächeln hinzu, »weil sie behauptete, entrüstet zu sein, daß ich Mann und Kind verlassen, in Wirklichkeit wahrscheinlich, weil die Spielhölle von Monte Carlo ihr nicht jene Mittel eintrug, die sie mit Bestimmtheit erwartet hat.« »Ich bin ja,« fuhr sie fort, »meiner Mutter nur Mittel zum Zweck gewesen, und sie trug die Liebe für mich nur dann zur Schau, wenn sie glaubte, durch mich irgend einen Vorteil erringen zu können. Nun ist das nicht der Fall und scheint auch jene Brücke abgebrochen, die zu meiner Mutter hätte führen können. Ich bin also tatsächlich auf Sie angewiesen und muß Sie folglich auch mit aller Entschiedenheit bitten, bevor Sie Venedig verlassen, mir klaren Wein einschenken zu wollen und mir kurz und bündig zu sagen, wie Sie für meine Zukunft Sorge tragen wollen. Ich bin kein Backfischchen mehr, mit dem man heute tändelt, um es morgen zur Seite zu schieben; in dem Moment, da ich um Ihretwillen und Ihren Einflüsterungen Folge leistend das Haus meines Gatten verließ, haben Sie volle Verantwortung für meine Zukunft auf sich genommen, und Sie müssen einsehen und begreifen, daß ich nun endlich nach Klarheit begehre.«

Der Marchese hatte mit merklicher Ungeduld den Redeschwall der Baronin angehört. Als sie endlich stillschwieg, entgegnete er in nicht allzu verbindlichem Tone:

»Offen gestanden, liebe Freundin, neige ich zu der Ansicht, daß Sie bisher nicht den leisesten Grund hatten, über mich zu klagen. Ich habe, seit Sie das Haus Ihres Gatten verließen, mir alle Mühe gegeben, jeden Ihrer ziemlich kostspieligen Wünsche zu befriedigen, habe Sie reichlich mit Geldmitteln versehen und werde gewiß, auch wenn meine Familienverhältnisse mich zwingen sollten, zu verreisen, dafür Sorge tragen, daß Sie nichts zu entbehren brauchen. Wenn ich bisher von meiner Absicht, Venedig für einige Zeit zu verlassen, nicht zu Ihnen sprach, haben Sie darin keinen bösen Willen zu sehen, sondern ich schwieg einfach, weil ich Ihr impulsives, leicht reizbares Temperament kenne und unliebsame Szenen gern vermeiden wollte. Tun Sie mir den Gefallen, nicht jetzt eine solche heraufzubeschwören. Sie müssen doch selbst einsehen, daß ich nicht einzig und allein von der Rücksicht für Sie geleitet werden kann. Sie wissen auch, daß der Tod meines Onkels, des Marchese Torre, der zur Folge hatte, daß das Majorat auf mich überging und ich seinen Namen annehmen mußte, mir eigentlich sehr gelegen kam, da es mit dadurch ein leichtes wurde, den österreichischen Leutnant Baldoni, der einer schönen Frau wegen seine militärische Karriere hinwarf, von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Sie sprechen nur immer von den Opfern, die Sie mir gebracht, daß ich aber Ihretwegen mich geradezu großen Gefahren ausgesetzt habe, daß für mich vieles sehr schief hätte ausfallen können, das wird nicht bedacht.«

»Das glauben Sie,« rief die Baronin in steigender Erregung, »aber meinen Sie denn, daß die schiefe Stellung, in die ich mich gebracht habe, für mich ein Hochgenuß sein kann? Glauben Sie, ich weiß nicht ganz genau, daß die Bewohner der Pension Luzius, auch wenn sie selbst nicht alle ganz einwandfrei sind, über mich die Nase rümpfen, ihre Glossen machen, unsere Freundschaft bespötteln?«

»Sie stellen mich ja hin, als ob ich der erste beste Abendteurer wäre; das brauche ich mir doch nicht bieten zu lassen. Fehler haben wir alle, Sie auch, schöne Frau, denn wenn Sie fehlerlos wären, so würden Sie nicht mit mir …« Er brach ab, gebannt durch den funkelnden Blick ihrer Augen.

»So würden Sie nicht mit mir durchgebrannt sein, wollten Sie wohl sagen, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel! Mein Gott was wollen Sie? Einen Schwabenstreich begeht wohl jedes Weib im Leben, und je später es geschieht, je verhängnisvoller wirkt er. Geschehenes läßt sich leider nicht auslöschen, aber ich bin nicht gesonnen, einen zweiten Schwabenstreich zu begehen, indem ich Sie jetzt ziehen lasse und einer ungewissen Zukunft preisgegeben bleibe.«

»Das sollen Sie auch nicht, schöne Ola, ich kann es nicht hindern, daß ich in wichtigen Familienverhältnissen eine Zeitlang verreisen muß, aber ich werde Ihnen Anweisungen an die Banca Veneziana zurücklassen, mit denen Sie allmonatlich den Betrag von, sagen wir 2000 Lire, beheben können, und damit werden Sie ja doch wohl bis zu meiner in nicht allzu ferner Zeit zu gewärtigenden Rückkehr auskommen können!«

»Ich danke Ihnen, aber ich gehöre nun schon einmal zu den mißtrauischen Personen und glaube an das Gute erst, wenn ich es positiv in Händen habe. Fixieren Sie mir also Tag und Stunde, wann Sie mir diese Einweisung übermitteln wollen, und orientieren Sie mich auch gefälligst, wenigstens approximativ, sowohl über den Termin Ihrer Rückkehr als auch über die Art wie und wo ich mir mein Leben einzuteilen habe.«

»Mein Gott, liebe Freundin, die Sache ist leicht geordnet. Ich trage mein Scheckbuch immer bei mir und kann die Beträge gleich ausfüllen, sagen wir, für drei Monate, Jede Anweisung zu 2000 Lire. Und für den laufenden Monat, der ja schon zur Hälfte zur Neige gegangen ist, gebe ich Ihnen noch 1000 Lire in barem. So ist der gegenwärtige Moment am praktischesten ausgenützt, und da ich ein Feind von Rührszenen und Abschiednehmereien bin, so bieten wir uns hier heute ein freundliches Lebewohl, und ich reise morgen sans adieu.« Mit einer gewissen Hast zog er seine umfangreiche Brieftasche hervor und füllte mit Tintenblei die Schecks aus, die er der Baronin nebst dem Bargeld mit einer tiefen Verbeugung überreichte. Sie griff lässig danach und reichte ihm dankend die Hand.

»In Geldsachen bin ich immer für die Klarheit, und nun, da Sie mir bündig erklärt haben, wie Sie mich zu stellen gesonnen sind, vermag ich auch ohne Groll von Ihnen zu scheiden, gebe ich mich sogar in vollem Ernste der Hoffnung hin, daß wir in nicht allzu ferner Zeit ein Wiedersehen feiern werden. Behalten Sie mich in freundschaftlicher Erinnerung und seien Sie überzeugt, daß ich dankbar anerkenne, was Sie für mich tun. Ich bin Ihnen sogar dankbar,« fügte sie mit leiser Ironie hinzu, »daß Sie mir den feierlichen Abschiedsschmerz ersparen wollen, denn auch ich liebe Rührszenen nicht; eine Frau, die weint, ist immer häßlich, und nun sollte ich denn nicht weinen, wenn es gilt, von dem Freunde Abschied zu nehmen, um dessentwillen ich mit der Vergangenheit gebrochen habe, selbst wenn dieser Abschied nicht auf ewig genommen zu werden braucht. Sagen wir uns also heute nicht Lebewohl, sondern auf Wiedersehen, wenn auch dieses Wiedersehen nicht gerade in den allernächsten Tagen zu gewärtigen sein wird.«

Sie bot ihm die Hand, die er mit feierlicher Grandezza an die Lippen zog.


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