Autorenseite

 << zurück weiter >> 

13. Kapitel.

Frau von Marfen hatte namenlos bittere Zeiten durchlitten, und auch als die Ereignisse, welche diese hervorgerufen, nach und nach begannen, der Vergessenheit zu verfallen, gab es noch unendlich viel, was drückend auf ihr lastete. Die Untersuchung, welche man gegen Hauptmann von Marfen eingeleitet hatte, war sozusagen resultatlos geblieben. Eine Schuld ließ sich ihm nicht nachweisen, wenn aber auch die Kameraden, in erster Linie Hauptmann von Büsing, trachteten, ihn aufzurichten und seinen Lebensmut zu stärken, so fühlte er doch selbst am besten, daß, wenn er auch noch so unschuldig war, doch ein Makel auf ihm hafte und sein ferneres Verweilen im Regiment ihm zur bitteren Qual werden mußte, weil er in manchem Blick, in tausend anscheinend belanglosen Nebensächlichkeiten einen Vorwurf sehen würde, einen Vorwurf oder einen Zweifel. Und sowohl den einen wie den anderen zu ertragen, fühlte er nicht die hinreichende Charakterkraft in sich. Nach vollendeter Untersuchung war er allerdings freigesprochen worden, aber daß dies eben nur hatte geschehen können »aus Mangel an Beweis«, das war der dunkle Punkt, der sein Leben verdüsterte, der ihn oft dem Wahnsinn nahe brachte. Wie sich die Zukunft gestalten, was nun werden sollte, das war der Gedanke, der ihn unablässig quälte. Weiter dienen? Nein, um keinen Preis der Welt. Er fühlte nur zu tief, daß er immer den Gedanken haben würde, den Kameraden könne ein Zusammenleben mit ihm, mit dem Manne, dem man, zum mindesten gesagt, eine »große Fahrlässigkeit vorwerfen konnte, nicht angenehm sein. Ihm aber würde es namenlose Pein bereiten, sich unausgesetzt denken zu müssen, daß man ihm mißtraue, ja vielleicht sogar eine gewisse Geringschätzung entgegenbringe. Im Familienleben hatte er, das ließ sich nicht in Abrede stellen, Schiffbruch erlitten, und er liebte heute noch seine Frau viel zu leidenschaftlich, um sich einzugestehen, daß an diesem Schiffbruch sie allein die Schuld trage; er war vielmehr geneigt, diese nur seiner Mutter beizumessen, und deshalb kehrte er gegen diese bei jeder Gelegenheit die schroffsten, unliebenswürdigsten Seiten hervor. Für die arme Frau war der Sohn fast ebenso verloren, als wenn der Tod ihn ihr entrissen hätte, und sie sah keinen Weg, der zu einer Verständigung führen konnte.

Die Kluft, welche die beiden trennte, wurde immer größer und größer, und die Verbitterung in Marfens Innerem nahm zu, und zwar in einer Weise, die seine Gesundheit zu untergraben drohte. Endlich gestand er sich selbst, daß es so nicht weitergehen könne und bat Oberstleutnant von König, ihm eine Privatunterredung gewähren zu wollen. In dieser nun teilte er ihm unumwunden mit, daß er zu der Überzeugung gekommen sei, es wäre für ihn ein Ding der Unmöglichkeit, noch länger dem aktiven Heer anzugehören und er glaubte, das Rechte zu tun, wenn er um seine Pensionierung bittlich werde. Er habe sich die Sache wohl überlegt, er wisse, was er tue, und fühlte sich unfähig, die Existenz, so wie sie jetzt geworden, auf die Dauer weiter zu ertragen. Nach minutenlangem Zögern erwiderte König ernsthaft:

»Du bist alt genug, um zu wissen, was du willst; ich habe als Privatmann nicht das Recht, dir zu befehlen. Als Freund kann ich dir aber nochmals wohlmeinend raten: Begehe keine Übereilung, überlege, was du tust. Frage dich auch, bevor du des Kaisers Rock ausziehst, wie sich deine Zukunft gestalten soll, welcher andern Lebensstellung du dich zuwenden willst!«

»Auch darüber bin ich mir bereits im klaren. Ich will frei sein, ich will mein eigener Herr bleiben und gar keine bindende Stellung annehmen.«

»Das ist leicht gesagt, lieber Freund, aber bist du auch reich genug, um als Privatier leben zu können? Bedenke, daß du nicht allein stehst, daß du für eine Mutter, für ein Kind zu sorgen hast!«

»Meine Mutter war nie auf meine Unterstützung angewiesen, und mein Junge wird es eben auch lernen müssen, sich mit wenigem zu bescheiden. Übrigens liegt es nicht in meiner Absicht, dem lieben Herrgott den Tag zu stehlen, ich will mich schriftstellerisch betätigen, ich glaube, militärischen Zeitschriften manchen nicht eben wertlosen Beitrag zur Verfügung stellen zu können, und das dürfte doch zum mindesten eine ganz annehmbare Zubuße zu meiner bescheidenen Pension und zu meinem Privatvermögen sein. Ich kann ja so zurückgezogen leben als ich nur irgend will, und werde mich und meinen Seelenzustand jedenfalls in einen entlegenen Waldwinkel verschlagen.«

»Dazu, lieber Freund, besitzest du nicht das Recht; du darfst nicht vergessen, daß du ein Kind hast, ein Kind, das dem Leben entgegenstrebt, das lernen, Schulen besuchen muß, das man folglich nicht in irgend eine weltfremde Einsamkeit vergraben darf.«

»Ich bin aber in meiner gegenwärtigen Gemütsverfassung absolut nicht der Mann, der dazu geeignet wäre, ein Kind heranzuziehen. Du weißt ja, Herr Oberstleutnant, wie viel Schweres mich in meiner Häuslichkeit getroffen, und dies im Verein mit den dienstlichen Ereignissen ist wohl geeignet, mich als Jugendbildner unbrauchbar zu machen. Ich denke mir deshalb, daß Alfred mit meiner Mutter in Graz, Cilli oder Wien, wo letztere will, leben soll, die Schule zu besuchen hat und nicht durch einen melancholisch gestimmten, trübsinnigen Vater vielleicht von Jugend an zum Hypochonder heranreift. Ich aber muß alles, was in den letzten Monaten so unbarmherzig an mir gerüttelt hat, allein auskämpfen; ich werde, um mich zu zerstreuen, um das Grübeln über mein Unglück zu verlieren, arbeiten, mich geistig beschäftigen und vielleicht auf diese Weise nach und nach in fernen Jahren es lernen, die Ereignisse zu vergessen, die meine ganze Existenz zerstört haben.«

»Ich sehe, lieber Marfen, daß dein Entschluß schon feststeht, und ich kann die Verantwortung nicht auf mich nehmen, dich daran zu hindern. Von Herzen will ich wünschen, daß du nichts übereilst und nichts zu bereuen hast. Mache also in Gottes Namen alle dienstlichen Schritte, das weitere wird sich finden.«

*

Es hatte sich gefunden, und zwar in verhältnismäßig kurzer Zeit. Marfen reichte sein Pensionierungsgesuch ein, Oberstleutnant von König tat die erforderlichen dienstlichen Schritte, und da er recht gut einsah, daß die Situation unhaltbar war, trug er das Seinige dazu bei, die Erledigung zu beschleunigen. Nach wenigen Wochen war denn auch Robert von Marfens Pensionierung ein Fait accompli, und daß er unter den obwaltenden Umständen nicht den Majorcharakter erhielt, konnte ihn natürlich nicht wundernehmen, wenn es ihn auch schmerzte. Mit fieberhafter Hast drang er in seine Mutter, die Übersiedlung zu beschleunigen, überließ ihr die Wahl, wohin sie sich mit Alfi wenden wolle, und erhob auch keine Einsprache, als sie ihm auseinandersetzte, daß sie es für den weiteren Unterricht des Knaben am vorteilhaftesten halte, nach Wien zu übersiedeln.

Gegen seine Mutter war er, wenn möglich, noch ablehnender als gegen jede andere Menschenseele, mit welcher der Zufall ihn zusammenführte. Frau von Marfen litt natürlich qualvoll unter der Entfremdung, die zwischen ihr und dem heißgeliebten Sohne eingetreten, und eben deshalb tat sie das möglichste, um ihre Übersiedlung zu beschleunigen. Daß sie nie vergessen konnte, was sie während der letzten Monate gelitten, das wußte sie genau, vielleicht aber würde sie in anderer Umgebung, lebhaft beschäftigt, sowohl durch die Übersiedlung als auch durch die Sorge um das Enkelkind, es nach und nach lernen, mit stoischer Ruhe hinzunehmen, was sich nun einmal nicht ändern ließ und was, solange sie lebte, der wundeste Punkt ihres Lebens bleiben würde. Daß sie das Gefühl haben mußte, den Sohn verloren zu haben, war hart genug, daß sie ihn aber auch noch wegen einer Frau verloren, die seiner nicht wert war, daß er sich um dieser willen von der Mutter losgesagt, daß er ihr, von deren selbstloser Liebe er überzeugt sein mußte, unrecht gab und jener Wertlosen die Stange hielt, das war der Stachel, der ihr tief im Herzen saß und sie nimmer froh werden ließ. Auch dem Kinde, dem kleine Alfi gegenüber, befand sie sich in einer unermeßlich peinlichen Lage. Ihm von der Mutter zu sprechen, ihr Bild in seinen Herzen heilig zu halten, die Selbstüberwindung rang sie sich nur schwer ab, und doch wollte sie anderseits dem Knaben gegenüber nicht zur Anklägerin werden gegen die Mutter, ja sie hätte es nicht gekonnt, weil solche Handlungsweise sich mit ihrem ethischen Fühlen nicht vertrug. Und so rang sie denn einen harten Kampf mit ihrem Rechtsgefühl und mit der Verachtung, die sie gegen die Frau im Herzen trug, die sie ihres Sohnes beraubt hatte. Hauptmann von Marfen sah mit fieberhafter Ungeduld den Übersiedlungsvorbereitungen der Mutter zu, es machte den Eindruck, als ersehne er förmlich ihre Abreise; wo er selbst aber seine Zelte würde aufschlagen wollen, darüber hüllte er sich in undurchdringliches Schweigen, und auf jede diesbezügliche Frage seiner Mutter gab er entweder gar keine oder eine ausweichende Antwort. Daß er nicht nur seelisch, sondern auch physisch litt, dafür legte sein übles Aussehen nur allzu beredtes Zeugnis ab, aber was ließ sich dagegen tun bei einem Manne, der sich förmlich gegen jeden Rat wehrte wie ein ungebärdiges Kind, das keine Vernunft annehmen will. Frau von Marfen erkannte nur zu deutlich, daß ihr nichts zu tun übrig bleibe, als sich von dem Sohn zu trennen und in heißer Wehmut zum Allmächtigen zu beten, es möge die Zeit nicht mehr allzu fern sein, in der er einsehen lernte, daß er der Mutter bitter unrecht getan, daß es niemand so gut, so treu, so ehrlich mit ihm meine wie eben diese. Freilich, kam ihm einmal diese Erkenntnis, dann mußte auch mit dieser Hand in Hand ihm Klarheit darüber werden, daß er seine leidenschaftliche, zügellose Liebe einer Undankbaren geschenkt, die alles daran gesetzt hatte, ihn von der Mutter loszulösen, weil sie deren klaren Blick befürchtete und ihr daran gelegen war, zu verhüten, daß der Sohn mit den Augen der Mutter sehen lerne; brach aber erst einmal die Stunde an, in der er fühlen mußte, daß er der Mutter unrecht getan, dann war auch die ideale Frauengestalt, die er blind angebetet, in den Staub getreten, dann wußte er, daß jenes Wesen, welches er für Edelmetall, welches er für eine verkannte Unschuld gehalten, nichts weiter gewesen war, als wertloses Talmigold, und diese Erkenntnis würde, das fühlte die Mutter nur zu genau, ihm das Herz brechen.

Wie das immer zu gehen pflegt, wenn man längere Zeit fern von einem Orte gewesen und dann nach demselben zurückkehrt, berührte sie manche Veränderung im Kreise der Freunde, die sie einst in der alten Kaiserstadt besessen, gar schmerzlich. Diesem oder jenem hatte der Tod die Augen geschlossen, andere waren in die Ferne gezogen. Wieder andere hatten sich entfremdet, waren apathisch oder gleichgültig gegen alles geworden, was sie bewegte, und so kam es, daß sie sich recht einsam und verlassen fühlte und nicht ohne Bitterkeit die Frage an das Schicksal stellte, wozu sie denn noch auf Erden weile, da sie ja in nichts das richtige Verständnis, die richtige Befriedigung fand. Wozu mußte sie die Last des Lebens denn weiterschleppen, das aufgehört hatte, sie zu freuen, seit ihr Robby nicht mehr im Herzen mit ihr vereint war.

»Großmama, du sollst mit mir Mühle spielen, bitte, bitte, Oma, tu es doch; ich spiele mit niemand so gern als mit dir!«

Die helle Kinderstimme des kleinen Alfi schlug an ihr Ohr, gerade während Frau von Marfen, in düstere Gedanken versunken, sich die Frage gestellt, wozu denn sie eigentlich noch lebe. Nun hatte das ahnungslose Kinderstimmchen ihr die Antwort gegeben, und feuchten Blickes sah sie zu ihrem kleinen Liebling nieder.

»Ja, mein Goldjunge, die Oma ist noch da und spielt mit dir, wie sie es einst mit dem Papa getan,« erwiderte sie lächelnden Mundes, während ihre Augen feucht schimmerten. Und Alfi umschlang sie zärtlich und zog sie mit sich in die Spielecke, die die Großmutter ihm in ihrem gemütlichen Wohnzimmer eingeräumt. Es war ein freundlicher, heller Erker, der die Aussicht auf den Wiedner Gürtel bot, von dem aus man zur größten Freude des kleinen Jungen im Laufe des Tages unzählige Bahnzüge auf und nieder fahren sehen konnte. Alles, was mit der Eisenbahn im Zusammenhang stand, interessierte Alfi ganz ungemein, und einstweilen gehörte es ja noch zum Traum seines Lebens, »wenn er einmal groß sein werde,« Weichenwärter auf der Südbahnstrecke zu werden. Was er sich darunter vorstellte, darüber war er wohl mit sich selbst nicht ganz im klaren; er wußte nur, daß es auf der Eisenbahn Bedienstete gab, die da oder dort eine weiße oder rote Scheibe aufstellten, daß man Beamte sah, die mit feuerroten Mützen auf dem Bahnsteig auf und ab gingen, daß man auf der Strecke blau uniformierte Wächter mit Silberknöpfen oder wenigstens mit Knöpfen sah, die Alfi für Silber hielt, und all das interessierte ihn unbändig und ließ den Wunsch in ihm aufkommen, nur ja einmal dem Bahnpersonal angehören zu dürfen.

Als die Großmutter sich mit dem Enkel erst kurze Zeit in Wien eingelebt hatte, kamen ein paar flüchtig hingeworfene Zeilen des Sohnes, in denen er ihr mitteilte, daß sein Pensionierungsgesuch bewilligt worden sei und er seine bisherige Garnison bereits verlassen habe. Fürs erste wollte er eine große Fußtour unternehmen, um durch physische Erschöpfung den Schlaf wieder zu erlangen, der ihn seit Monaten gemieden. Wohin er sich wende, wisse er selbst noch nicht, werde aber nicht ermangeln, gelegentlich Kunde zu senden. Das war alles. Auf diese spärliche Nachricht hin hoffte und ersehnte Frau von Marfen den Tag, an dem Robert ihr wieder ein Lebenszeichen senden werde, aber Woche um Woche, Monat um Monat verging, ohne daß ihr das Glück zuteil geworden wäre, nach dem sie so sehnsüchtig begehrte.


 << zurück weiter >>