Autorenseite

 << zurück weiter >> 

3. Kapitel.

»Und glaubst du, daß sie das Opfer bringen wird?« Baronin Berta Thorn, Olas Mutter, war es, die mit einer gewissen Bangigkeit diese Frage stellte.

»Unbesorgt! Ihre Affenliebe für den Sohn ist so groß, daß sie sich, ohne zaudern, beide Füße oder meinetwegen auch die Arme abhacken ließe, wenn er es verlangte,« lautete die in spöttischem Ton gegebene Antwort der Tochter.

»Die Liebe dieser Frau für ihren Sohn hat etwas Wehmütiges an sich,« sprach die Baronin langsam, »fast fühlt man sich versucht, sie um diese Liebesfähigkeit zu beneiden!«

»Ja dir, Mama, mag dieselbe wohl ganz und gar unverständlich erscheinen, du hättest diesen Sport nie geübt. Mein Gott, ich erinnere mich noch ganz gut, wie ich als Kind immer und immer nur den Dienstleuten überlassen gewesen bin und tun und lassen konnte, was mir beliebte. Erst als ich heranwuchs, als du anfingst, meine Schönheit als ein Kapital anzusehen, das dir reiche Zinsen tragen konnte, erst da ist die Mutterliebe in deiner Seele erwacht, sind Baronin Thorn und Tochter zwei unzertrennliche Erscheinungen in den Salons der vornehmen Welt geworden.«

Die Baronin konnte nicht in Abrede stellen, daß ihre Tochter im Grunde genommen mit ihrer Behauptung recht hatte, aber sie empfand es peinlich, sich durchschaut zu fühlen, ihre Eitelkeit war dadurch verletzt, und in ablehnendem Ton sprach sie: »Ich denke, es ist nicht der eigentliche Zweck unserer Unterredung, uns über meine Eigenschaften als Mutter zu unterhalten, sondern ich möchte wissen, wie die Dinge zwischen dir und Robert Marfen stehen. Du weißt ganz gut, daß meine Hilfsquellen sozusagen erschöpft sind, weißt auch, daß, sei es nun durch deine Ungeschicklichkeit, sei es durch was immer für andere Beweggründe, jede Spekulation, die ich bisher bezüglich einer glänzenden Versorgung für dich in Szene gesetzt habe, fehlschlug. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, ich habe Geld aufgenommen ich habe alles Mögliche getan, um durch ein blendendes Auftreten die Aufmerksamkeit auf dich zu lenken und dir zu einer brillanten Partie zu verhelfen. Es war alles umsonst, und wir stehen vor dem Ruin, wenn es dir nicht noch in der elften Stunde gelingt, dein Schiff in den gesicherten Hafen der Ehe zu lenken. Es ist traurig, daß du dich damit begnügen mußt, Robert von Marfens Frau zu werden, aber weiß der Himmel, wie es gekommen, die paar glänzenden Kavaliere, die ich für dich in Aussicht hatte, sind aus dem einen oder dem andern Grunde ausgesprungen, und es bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der Tatsache abzufinden, daß du dich mit einer, wenn auch nicht glänzenden, so doch immerhin annehmbaren Partie begnügen mußt, wenn du nicht dem grinsenden Gespenst der Armut und Entbehrung gegenübertreten willst!«

Ola hatte mit gelangweiltem Gesichtsausdruck den Worten der Mutter gelauscht, jetzt sprach sie in einem Ton, der deutlich beweisen sollte, wie überflüssig ihr jede Debatte erschien. »Ich bin ja selbst so klug, einzusehen, daß wir uns hier auf die Dauer nicht halten können, daß die Leute anfangen, Verdacht zu schöpfen, und man sich da und dort schon Bemerkungen zuraunt, daß der Luxus, den du überall an den Tag zu legen für gut findest, den Leuten vielleicht nur Sand in die Augen streuen soll, um sie über das Unsichere unserer Stellung hinwegzutäuschen. Heirate ich Marfen, so ändert sich natürlich das alles, ich erlange durch ihn einen Namen, der einen besseren Klang hat wie der unsrige, und ich werde ihn auch dazu zu bewegen wissen, daß er um eine Versetzung in ein anderes Regiment einkomme, denn mir ist daran gelegen, die Zelte hier abzubrechen, wo jeder uns kennt, jeder von uns weiß, mehr als uns lieb sein kann. Aber einen Haken hat die Geschichte. Wenn ich auch in einer anderen Garnison, wo man nichts von meiner Vergangenheit weiß, eine viel bessere Rolle spielen kann als hier, wenn es mir auch zweifellos gelingen dürfte, meinen Mann am Gängelbande zu führen, so bleibt doch ein Punkt zu erwägen, der, von was immer von einer Seite ich ihn ins Auge fasse, dunkel genannt werden muß, und dieser Punkt ist: – die Mutter.«

Frau von Thorn entgegnete kalt:

»Die Mutter? Ich dachte, es sei schon eine feststehende, abgemachte Sache, daß die Mutter gar nicht erst aus dem Hause geekelt werden muß, sondern daß sie dieses gar nicht betritt, daß sie in einer Pension oder was weiß ich wo untergebracht werden soll.«

»Ja, ja, natürlich, sie war so vernünftig, das selbst zu wünschen, und hat wohl auch von allem Anfang an begriffen, daß wir beide, sie und ich, nicht zueinander passen, daß die eine die Sprache nicht versteht, welche die andere redet, und es somit am klügsten ist, nicht zusammenzukommen, aber Robby will es ja nicht so. Ich durchschaue ihn, er denkt sich, daß, wenn er die Mutter in einer Pension unterbringt, ihn das Geld kostet und er dieses Geld viel besser und viel lieber für sich verausgabt. Natürlich ist er aber klug genug, diese nackte Wahrheit nicht so klipp und klar auszusprechen, sondern ihr ein hübsches Mäntelchen umzuhängen, das Mäntelchen der treuen Sohnesliebe, die es nicht über das Herz bringt, sich ganz von der Mutter zu trennen, die ihm Opfer brachte, indem sie ihm Mittel zur Verfügung stellt, die es ihm ermöglichen, zu heiraten.«

Die Baronin blickte ihre Tochter mit ernster Miene an, vielleicht kam sie in dieser Stunde zum erstenmal im Leben dazu, sich die Frage zu stellen, ob sie wohl klug daran getan, ihr Kind so modern, so losgelöst von jedem sentimentalen Empfinden heranzubilden? Vielleicht ahnte sie, daß mit der gleichen Rücksichtslosigkeit, mit der Ola die Absicht hegte, gegen ihre künftige Schwiegermutter zu verfahren, sie, wenn es ihr in den Kram paßte, auch gegen ihre eigene Mutter vorgehen würde, und so sehr die Baronin auch selbst eine geschworene Feindin weicherer Gefühle gewesen war, empfand sie es doch peinlich, wenn die starre Selbstsucht, die sie immer als höchste Lebensweisheit erkannt, nun plötzlich gegen sie in Anwendung gebracht werden sollte, und daß dieses im Bereich der Möglichkeit lag, darüber konnte sie keine Zweifel hegen. Von dieser Überzeugung durchdrungen, flüsterte sie fast unwillkürlich die Worte »Arme Frau«, und mit spöttischem Auflachen fragte Ola: »Wen bemitleidest du eigentlich? Dich, mich oder Frau von Marfen?«

»Einstweilen nur letztere, ob ich später Ursache haben werde, auch für mich selbst Mitleid zu empfinden, das wird die Zukunft lehren.«

»Wie seltsam du mir heute erscheinst, Mama! Du hast mich zu jener klugen, verständigen Person herangebildet, die ich nun einmal geworden, und jetzt, da ich es bin, scheint dir das nicht recht zu sein! Anstatt daß du dich an der gelehrigen Schülerin freust, scheinst du nun plötzlich deine Ansichten geändert zu haben. Das ist doch ein Widerspruch, den ich nicht verstehe.«

»Übereile wenigstens nichts, Ola; vielleicht macht sich alles besser, als du denkst, vielleicht siehst du dich nicht gezwungen, deine Schwiegermutter aus dem Hause hinauszuekeln, vielleicht lernst du es, dich mit ihr zu vertragen, und überdies mag sie dir ja möglicherweise eine sehr bequeme Hilfe im Hause sein; denn Hand aufs Herz, du mußt ja doch selbst zugestehen, daß du von den Freuden und Leiden eines Haushalts blutwenig verstehst und es dir somit vielleicht sehr angenehm sein kann, an ihr eine Hilfe oder, sagen wir, einen Wegweiser zu haben, der dir in allem, was du von der Leitung eines Hauswesens nicht verstehst, an die Hand geht.«

»Du meinst wohl, ich solle mir an ihr einen Koadjutor heranziehen? Köstliche Idee! Mama als Anwalt der Frau von Marfen, was man doch alles erlebt!« rief Ola spöttisch. »Nun, die Zukunft wird es ja lehren, wie die Dinge sich gestalten und wer den Sieg davonträgt! Einstweilen will es mir nicht so vorkommen, als ob ich die Unterliegende sein könnte, das steht fest!«

»Triumphiere nicht zu früh, mein Kind, und laß die Klugheit nicht aus dem Spiel; schon manche hat ihr Lebensschiff dadurch ins Schwanken gebracht, daß sie allzu stürmisch ihr Ziel erreichen wollte.«

Die Baronin ihrerseits kannte ihr Kind genau und wußte ganz gut, daß sie mit Reden alles schlechter mache und Olas Widerspruch reize, aber sie fühlte sich trotzdem manchmal verpflichtet, zu sprechen, weil sich stets die Angst ihrer bemächtigte, Ola könne am Ende durch irgend ein unbedachtes Wort, durch irgend eine voreilige Handlung die geplante »Partie« zur Unmöglichkeit machen und damit die letzte gesicherte Hoffnung zerstören, welche die Mutter auf gebesserte Verhältnisse hegte, denn daß auch sie an diesen »gebesserten Verhältnissen« Anteil haben wollte, das stand fest. Deshalb legte sie denn auch so großen Wert darauf, Frau von Marfen für sich und Ola einzunehmen, deswegen riet sie dieser wieder und immer wieder, vorsichtig zu Werke zu gehen und alles daran zu setzen, die Liebe der künftigen Schwiegermutter zu gewinnen, denn wer konnte wissen, ob nicht noch im letzten Augenblicke, wenn Ola Frau von Marfen erzürnte oder sich ihr auch nur von einer ungünstigen Seite zeigte, diese nicht doch noch so viel Einfluß auf den Sohn gewann, um ihn zu veranlassen, die Bande, die ja bis jetzt doch nur locker geknüpft waren, gewaltsam zu lösen und jene Freiheit wieder zu erlangen, die für Ola und deren Mutter gleichbedeutend wären mit dem Ruin.

Frau von Marfen hatte, Unwohlsein vorschützend, sich schon seit zwei Tagen nicht gezeigt und auch den Besuch der beiden Damen nicht empfangen, angeblich, weil ihre Migräne so heftig war, daß sie nur im verdunkelten Zimmer liegen und mit niemand sprechen konnte, in Wirklichkeit, weil die stürmische Szene mit ihrem Sohn noch in ihr nachklang und sie nach der nötigen Ruhe rang, um ganz mit sich selbst ins Reine zu kommen und sich die Zukunft zurechtlegen zu können, bevor sie diese tatsächlich heraufbeschwor.

Eifersucht! War es denn wirklich eifersüchtige Liebe, die sich in ihrer Seele regte und die ihr den Gedanken gar so schwer machte, den Sohn hergeben zu sollen? Im Grunde genommen, so redete sie sich ein, war es ja gar kein Hergeben, und Robby war der erste gewesen, der den Vorschlag gemacht, mit der Mutter gemeinsam den Haushalt zu führen. So sehr nun auch ihr Verstand sich dagegen auflehnte, so sehr sie sich gestand, daß zwei Frauen in einem Haushalt selbst dann höchst selten guttaten, wenn sie einer Sinnesart waren, so hatte sie doch der Vorschlag Robbys, sie bei sich zu behalten, so sehr beglückt, daß alle Vernunftgründe, die gegen denselben sprachen, plötzlich zum Schweigen gebracht schienen.

Robby von Marfen hatte natürlich längst begriffen, daß er den Sieg davon getragen über das schwache Mutterherz, war aber klug genug, nun, da er wußte, daß er erreicht, was er gewollt, nur Freude und nicht den Triumph zu zeigen, den das Bewußtsein, immer und überall seinen Willen durchsetzen zu können, bei ihm hervorrief.

Nach einigen ziemlich lebhaften Kontroversen, die er noch mit der Mutter gehabt, war man schließlich darüber einig geworden, daß Frau von Marfen fürs erste in Begleitung des Sohnes nach Wien zurückreisen sollte, der kurzen Urlaub nehmen wollte, um die nötigen Schritte zur Erlangung der Heiratsbewilligung, wenn auch noch nicht einzuleiten, so doch um sich über dieselben zu orientieren. Er hatte in jüngster Zeit in Erfahrung gebracht, daß sein Gesuch um Aufnahme zur Vorprüfung für die Kriegsschule Aussicht habe, bewilligt zu werden. War dieses tatsächlich der Fall, dann sah er bei aller tollen und heißblütigen Leidenschaft für Ola doch ein, daß er verpflichtet sei, die zwei Jahre Kriegsschule zu absolvieren, schon deshalb verpflichtet sei, weil er durch eine weit raschere Karriere der Geliebten ein glänzenderes Schicksal bieten konnte. Natürlich hatte auch die Mutter mit beredten Worten darauf hingewiesen, daß er schon aus Liebe zu dem Mädchen seiner Wahl seine Existenz, seine ganze, voraussichtlich glänzende Zukunft nicht aufgeben durfte, und sie war dabei klug genug, nicht einzugestehen, daß sie sich im stillen dachte: Zeit gewonnen, alles gewonnen! Junge Menschen pflegen ja nicht immer mit felsenfester Beharrlichkeit an einer Idee festzuhängen: Andere Städtchen, andere Mädchen! Hatte sie ihn nur erst von hier losgelöst, konnte es möglicherweise nicht so schwer fallen, ihn auf andere Gedanken zu bringen, aber sie begriff, daß sie vorsichtig sein müsse und nur durch scheinbare Nachgiebigkeit es vielleicht doch bewerkstelligen könne, ihn von Ola zu trennen, was ihrer festen Überzeugung nach nur ein Glück für ihn sein würde.

Ola aber war entzückt von der Idee, daß Robby nach Wien komme und rief lachend: »Das ist famos, da kehren wir auch diesem Nest den Rücken und ziehen nach Wien, denn so unvorsichtig werde ich doch nicht sein, meinen feschen Robby den schönen Wienerinnen preiszugeben!«

Und sie verstand es auch, ihren Willen entsprechend zur Geltung zu bringen. Noch vor Frau von Marfens Abreise wurde die Verlobung Olas offiziell bekanntgegeben und zugleich allen Freunden Mitteilung gemacht, daß Mutter und Tochter nach Wien übersiedeln würden, weil man sich dort in aller Muße daran machen könne, eine den neuen Verhältnissen angepaßte moderne und schöne Ausstattung zu besorgen. Überdies habe die Absicht, Hermannstadt zu verlassen, schon längst bestanden, und der äußere Anlaß dieser Verlobung beschleunige jetzt nur das, was im stillen schon früher geplant war.

*

Ola hatte es verstanden, immer mehr und mehr Einfluß auf Robert von Marfen zu gewinnen, und der heiße Wunsch der Mutter, daß diese Heirat nicht zustande kommen möge, war nicht in Erfüllung gegangen. Selbst der Umstand, daß die Vermählung, dank den Tatsachen, daß ihr Sohn wirklich in die Kriegsschule gekommen war, um zwei Jahre hatte hinausgeschoben werden müssen, hatte nicht vermocht, die Bande zu lockern, mit denen das schöne Mädchen ihn an sich zu fesseln verstand. Baronin Thorn war mit ihrer Tochter nach Wien übersiedelt, hatte dort in kürzester Zeit festen Boden gefaßt und alte Bekannte aufgesucht, hatte vielleicht auch im stillen den Wunsch gehegt, für Ola noch glänzendere Beziehungen zu suchen und sie von Robert von Marfen loszulösen, war aber klug genug, das Verhältnis zu diesem aufrechtzuerhalten und sich, als sie sah, daß nichts Besseres nachkomme, damit zu begnügen, daß er ihr Schwiegersohn werde.

In der letzten Zeit hatte Baronin Thorn schon mit fast fieberhafter Ungeduld den Tag der Hochzeit ihrer Tochter herbeigesehnt, hatte auch der Klugheit Olas volle Anerkennung gezollt, als sie sah, wie es dieser gelungen war, so unbeschränkte Gewalt über den Verlobten zu bekommen, daß er wirklich nur mehr mit ihren Augen sah, mit ihren Ohren hörte, und als sie auch bemerkte, daß die Zurückhaltung, welche Frau von Marfen anfangs Ola gegenüber an den Tag legte, immer mehr und mehr zu weichen begann. Die Mutter, die ihr Kind so genau kannte und recht gut wußte, daß Berechnung die Grundlage war, auf der Ola all ihr Denken, Fühlen und Handeln aufbaute, fragte sich verwundert, ob denn wirklich eine erwachsene Menschenseele so naiven Köhlerglauben besitzen könne, um alles für bare Münze zu nehmen, was das Mädchen an überschwenglicher Herzlichkeit zur Schau trug. Und so war denn die Heirat zustandegekommen; das junge Paar unternahm eine kurze Reise in die Tiroler Berge, während welcher Zeit Frau von Marfen ihnen das Nest in der neuen Garnison herrichten sollte, in die Robert nach absolvierter Kriegsschule als zugeteilter Generalstabsoffizier versetzt worden war. Die zärtliche Mutter hatte sich richtig überreden lassen, wenigstens für eine längere Spanne Zeit bei dem jungen Paar zu bleiben. Was dann werden würde, das mochte die Zukunft zeigen. Baronin Thorn aber reiste ganz plötzlich einen Tag nach der Hochzeit ihrer Tochter ab, niemand wußte wohin, und die enttäuschten Gläubiger taten vergebliche Schritte, um der Flüchtigen und ihres Geldes habhaft zu werden. Das Mobiliar ihrer Wohnung hatte sie brieflich dem Hausherrn als Deckung für den schuldigen Zins zur Verfügung gestellt, und selbst den Bemühungen der Polizei, deren Hilfe man in Anspruch nahm, gelang es fürs erste nicht, ihre Spur zu verfolgen.


 << zurück weiter >>