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20. Kapitel.

Für Frau von Marfen waren die Tage trübselig und schleppend vergangen, seit Anita Fiori bei ihr gewesen; sie lebte eigentlich nur von Poststunde zu Poststunde, lechzte nach Nachrichten, sehnte Ereignisse herbei und fürchtete dieselben anderseits auch wieder.

Oberstleutnant von König hatte Frau von Marfen sein ganzes Gespräch mit Anita Fiori bekanntgegeben, hatte auch versprochen, sie über alles auf dem Laufenden zu halten, was sich weiter in der Angelegenheit ereignen würde, und auf diese Kunden, welche Tag für Tag hätten eintreffen können und doch auf sich warten ließen, harrte die arme Frau in atemloser Spannung. Auch von Robert erhielt sie nur seltene und lapidare Nachrichten; es genügten diese dem sorgenden Mutterherzen natürlich nicht, und mit heißem Weh lastete das Bewußtsein auf ihr, daß es ihr immer noch nicht gelungen sei, den ungerechtfertigten Groll des Sohnes zu bannen. Er schrieb ihr kalt und fremd, und wenn sie zurückdachte an die Zeit, in der nichts zwischen ihr und ihrem Robby gestanden, in der sie um jede Regung seines Herzens gewußt, tat es ihr unermeßlich weh, fühlen zu müssen, wie alles so ganz, ganz anders geworden, als sie einst geträumt. Träne auf Träne perlte oftmals über ihre Wangen, wenn sie des Abends, sobald sie Alfi zu Bett gebracht, dasaß und der Vergangenheit dachte. Ihr Kind war ihr ein Fremder geworden, und daß es so kommen werde, das hätte sie nun und nimmer für möglich gehalten; sie wurde des Hoffens und Harrens so müde und fühlte sich schon versucht zu glauben, daß überhaupt nichts Gutes mehr kommen könne und daß sie in apathischer Lethargie jenes Ende werde hinnehmen müssen, zu dem böse Geister sie erwählt.

Da traf plötzlich ein Schreiben des Oberstleutnants von König ein, welches sie zu neuem Hoffen erweckte; er teilte ihr in demselben mit, daß Anita Fiori, ohne einen bestimmten Grund für ihre Annahme zu haben, doch der Überzeugung lebe, daß die Spur Baldonis sich einzig und allein in Rom werde finden lassen, daß sie aus diesem Grunde mit Ungeduld den Moment herbeisehnte, da ihr Kontrakt mit dem Teatro Communale zum Ablauf gekommen und sie dadurch die Freiheit des Handelns wieder erlange. Dieser Moment, so berichtete von König, sei jetzt eingetreten, und Fräulein Fiori habe die günstige Gelegenheit benutzt und sich durch einen geschickten Theateragenten ein Engagement in Rom zu verschaffen gewußt, wo sie nun mit größerem Erfolg ihre Nachforschungen nach Baldoni fortführen zu können hoffe. »Ich will Ihnen offen gestehen, verehrte Frau,« schloß König seinen knappen und sachlichen Bericht, »daß ich nicht glaube, daß Fräulein Fioris unzweifelhafter Eifer einzig und allein aus dem Wunsche hervorgeht, Gutes zu tun oder ein begangenes Unrecht zu sühnen? Unerforschlich, wie die Frauenherzen nun einmal sind, dürfte die kleine Fiori, davon bin ich überzeugt, immer noch in einem verborgenen Winkel ihres Herzens eine stille Neigung für den in unseren Augen höchst anrüchigen Baldoni hegen, und wenn sie ihn schließlich in Person auffinden sollte, wird sie doch Mittel und Wege finden, ihn zu schützen, selbst wenn ihre Macht über ihn so groß wäre, daß sie ihn dazu zu bewegen vermag, die Unschuld Ihres Sohnes darzulegen. Immerhin lassen Sie uns das Beste hoffen, lassen Sie uns annehmen, daß Anita Fioris Mitwirkung uns das heißersehnte Ziel sichert.«

Das war ein Hoffnungsstrahl, aber es war lange noch nicht alles, und der armen Mutter wurde es schwer, sich in Geduld fassen zu müssen, untätig sein zu sollen, während doch alles in ihr verlangte, mitarbeiten zu können an dem großen Werk der Rehabilitierung ihres Sohnes.

Da trat ein Ereignis ein, welches, sie erkannte das schon im ersten Augenblick, ganz darnach angetan war, sich zu einem weiteren Glied in der Beweiskette herauszubilden, die es vielleicht nach und nach ermöglichen sollte, die Unschuld ihres geliebten Sohnes zu beweisen.

Major Büsing der Jugendfreund Roberts, von dem sich dieser seit den traurigen Ereignissen in Triest eigentlich vollständig losgesagt hatte und der als Generalstabschef in einer kleinen Stadt Siebenbürgens weilte, sandte ihr, der mütterlichen Freundin, die ihm stets wohlmeinend begegnet war, ein kurzes Schreiben, dem ein anderer Brief beilag, bei dessen Anblick sie in ein so heftiges Zittern verfiel, daß das Blatt ihrer Hand entsank und zu Boden flatterte; hatte sie ja doch die Handschrift jener Frau erkannt, der sie es zur Last legen zu müssen glaubte, daß ihr Sohn, obzwar er lebte, ihr im Grunde genommen doch gestorben war. Mehrere Minuten vergingen, ehe sie hinreichende Selbstbeherrschung erlangt hatte, um zuerst den Brief Büsings zu lesen und dann nach dem Blatte zu greifen, das ihr zu Füßen lag. Major von Büsing teilte in kurzen, herzbewegenden Worten mit, daß er es als seine Pflicht ansehe, ihr das Schreiben nicht vorzuenthalten, welches er bekommen, das ihn zwar ergriffen habe, welches aber zweifellos noch weit erschütternder auf seine verehrte Freundin wirken werde. Er bedauere, so fügte er hinzu, ihr Stunden der Aufregung nicht ersparen zu können, sehe es aber als seine heilige Pflicht an, ihr das nicht zu verheimlichen, was das inliegende Schreiben enthalte, und überlasse es ihrem weisen, edlen Mutterherzen, die richtigen Folgerungen zu ziehen und die entsprechenden Schritte zu tun. Frau von Marfen faltete, nachdem sie diese Zeilen gelesen, instinktiv die Hände wie zum Gebet; wußte sie auch nicht, was ihrer harre, so flüsterte doch eine innere Stimme ihr zu, daß es nur Schweres sein könne, weil es in Verbindung zu stehen schien mit jener Frau, die bisher für sie nichts anderes gewesen, als der Fluch ihres Lebens.

Nach einigen Minuten erst hatte sie sich hinreichend gesammelt, um das Blatt zu entfalten, das zu ihren Füßen gelegen; sie rückte ihr Augenglas zurecht und las:

 

»Geehrter Herr von Büsing!

Sie werden sich wundern, daß ich mich schriftlich gerade an Sie wende, denn wir sind einander immer seelisch fremd gegenübergestanden. Wenn ich aber auch, durch die Macht der Verhältnisse dazu getrieben, in Ihnen niemals freundliche Gesinnungen für mich mutmaßte, so habe ich mir trotz der in Ihren Augen ohne Zweifel großen und vielen Fehler, die ich besitze, immer eine gewisse Klarheit des Blickes bewahrt, und dank dieser Klarheit habe ich gesehen und erkannt, daß Sie ein treuer, wohlmeinender und aufrichtiger Freund Robert von Marfens und seiner Mutter gewesen sind. Und an diesen richte ich nun sowohl meine Mitteilungen als auch meine Bitte! Ich bin mir klar bewußt, daß, durch meine Flucht aus dem Hause meines Gatten bedingt, der ethische Wert, dessen man mich für fähig hielt, auf ein sehr tiefes Niveau herabgesunken sein dürfte und man mir wenig Gutes zutraut! Solange es sich nur um ein Liebesabenteuer handelte, in das ich mich zum Teil aus Trotz, zum Teil von dem Wahne beseelt, eine unverstandene Frau zu sein, verwickelt habe, ließ ich das absprechende Urteil der Welt stillschweigend über mich ergehen und quittierte es mit einer gehörigen Portion Menschenverachtung. Für meinen Gatten hatte ich nie leidenschaftliche Liebe im Herzen getragen und vielleicht auch infolgedessen mir nie die entsprechende Mühe gegeben, die Zuneigung seiner Mutter zu gewinnen; ich fühlte mich von ihr unverstanden, ja mehr noch, ich glaubte zu wissen, daß ich ihr ein Dorn im Auge sei, und hielt mich für ehrlich, wenn ich die Abneigung, die ich mutmaßte, mit gleicher Münze heimzahlte. Wegen des Liebesabenteuers, in das ich, ehe ich mich dessen versah, mehr aus Übermut und Laune, vielleicht auch durch hypnotischen Einfluß, verstrickt worden war, würde ich mich kaum entschließen, auch nur ein Wort der Aufklärung und der Entschuldigung an Sie zu richten; derlei Dinge muß ein jedes mit sich selbst abmachen, und bei krassen Differenzen, wie sie in unserer Ehe gang und gäbe gewesen sind, kann möglicherweise auch beide Teile ein Partikel der Schuld treffen. Was mich aber bedrückt, was mir keine Ruhe läßt, ist folgendes: Durch Ihren Stiefbruder, den Konsul von Fries, der mir auch auf meine Bitte hin Ihre Adresse gegeben hat, erfuhr ich erst von dem schweren, niederschmetternden Verdacht, unter dem Robert von Marfen steht! Auch ohne daß man es mir gesagt, wußte ich, daß er, seiner individuellen Charakterveranlagung nach, unter diesem Verdacht zusammengebrochen sein muß, um so mehr, als ich ebenfalls durch Herrn von Fries erfahren mußte, daß man mich nicht freihielt von dem Gedanken, eine Mitschuldige zu sein an dem Verschwinden wichtiger Papiere oder Pläne, wegen deren Raub man Leutnant Baldoni beschuldigt. Ich bin keine sentimental veranlagte Natur und keine Freundin der Phrase, aber bei dem Gedanken, daß der Mann, dessen Namen ich trage, daß der Vater meines Kindes auch nur eine Sekunde lang annehmen könnte, ich habe in dem Bewußtsein, es mit einem Landesverräter zu tun zu haben, mit diesem gemeinsame Sache gemacht, empört sich alles in mir. Es drängt mich daher, Sie zu bitten, Robert bei dem, was ihm am heiligsten war, bei seiner Liebe zu mir, zu schwören, daß ich dieser ganzen entsetzlichen Sache vollkommen fern stehe; ich mag unwissentlich Baldonis Werkzeug geworden sein, weil ich ihn häufig in unser Haus lud und ihm so vielleicht Gelegenheit geboten wurde, auszukundschaften, was er erfahren wollte; mit Wissen und Willen aber habe ich die militärische Ehre meines Gatten niemals geschädigt, war nie die Mitschuldige eines Hochverräters, durch den ein falscher Verdacht auf meinen Gatten fiel. Auch bereue ich tief, im rasch verflüchtigten Sinnesrausch einer tändelnden Leidenschaft seiner Familienehre zu nahe getreten zu sein, und ich bitte Sie, geehrter Herr Major, dieses unumwunden ausgesprochene Geständnis zur Kenntnis meines Gatten zu bringen, und zwar auf dem Wege durch seine Mutter, denn auch sie soll wissen, daß man mich für schlechter gehalten, als ich tatsächlich bin, soll auch wissen, daß ich so viele ernste und schwere Stunden durchlitten, seit ich aus dem Hause meines Gatten geflohen, daß ich längst einsehen gelernt habe, wie sehr ich im Unrecht gewesen. Geschehenes läßt sich leider nicht annullieren, aber teilen Sie meiner Schwiegermutter mit, daß selbst sie nicht glühender wünschen kann, die Unschuld Roberts klarzulegen, wie ich. Ich demütige mich vor der Mutter und halte sie für groß und vornehm genug, um sie zu bitten, bei dem Sohne mein Anwalt zu sein.

Dies alles mußte ich Ihnen sagen und rechne auch auf Ihre Fürsprache bei der Frau, die mir verzeihen möge um der Liebe willen, die ihr Sohn für mich im Herzen trug und deren Wert ich erst erkennen lernte, als es schon zu spät geworden!

Ola von Marfen-Thorn.

 

In tiefer Ergriffenheit hatte Frau von Marfen dieses Schreiben zu Ende gelesen; sie war tatsächlich eine viel zu großzügig veranlagte, rechtschaffene Natur, um sich nicht zu sagen, daß es angesichts dieser offen und unumwunden ausgesprochenen Reue ihre klar zutage tretende Pflicht sei, zu verzeihen, ja nicht nur das, Ola selbst wies ihr ja den Weg, den sie einzuschlagen hatte, indem sie sie indirekt bitten ließ, ihre Fürsprecherin bei dem Sohne zu sein; aber ach, es war leichter, diesen Weg anzudeuten, als ihn einzuschlagen, nicht, weil es ihr an gutem Willen dazu gebrach, sondern weil sie kaum wußte, wie sie es anstellen solle, die Brücke zu bauen, die von ihr zu Robert führte, zu Robert, dem die Mutter einst alles gegolten und dem sie jetzt eine Fremde geworden! Wie sollte sie es jetzt bewerkstelligen, schriftlich Einfluß auf ihn zu gewinnen, da sie ihn gänzlich verloren hatte, da er in ihr nur eine Feindin sah, gegen die auf der Hut sein zu müssen, er sich selbst eingeredet hatte? Sie wußte auch nicht, ob, selbst wenn sie ihm Aug' in Aug' gegenübertrat, sie die hinreichend warme Herzensüberzeugung werde an den Tag legen können, um der beredte Anwalt zu sein, dessen Ola bedurfte, denn die Abneigung und das Mißtrauen, welche sie Jahre hindurch gegen die junge Frau gehegt, waren so groß gewesen, daß sie sich nicht ganz darüber Rechenschaft abzulegen vermochte, ob sie blindlings der Wandlung vertrauen könne, auf welche jener Brief hinzuweisen schien, ob er nicht vielleicht doch nur ein kluges Machwerk war, durch das sie hoffte, ihren alten Einfluß auf den Gatten wieder zu erlangen und dann der Mutter erst recht ein Schnippchen zu schlagen? Die Annahme einer solchen Möglichkeit war nicht erfreulich, aber das Mißtrauen nährte sie, und so kam Frau von Marfen auf den Gedanken, daß sie am klügsten daran tue, die Schwiegertochter, die nie nach ihrem Sinn gewesen und deren Neigung sie, wie sie recht gut wußte, auch nie besessen, zu überraschen, zu ihr zu fahren, sich mit ihr auszusprechen und den Versuch zu wagen, in ihren Augen zu lesen, was wahre Empfindung, was kluge Berechnung sei. Dann, das gelobte sie sich, aber auch nur dann, wollte sie trachten, den Groll, den ihr Sohn gegen sie im Herzen genährt, zu beschwichtigen, ja zu entwaffnen, indem gerade sie es versuchte, ihn mit der Frau zu versöhnen, der sein ganzes Herz gehört hatte und die Wiederzufinden er nur nicht versucht, weil er, unter dem erniedrigenden Verdacht des Landesverräters stehend, sich nicht mehr für berechtigt hielt, ein anderes Leben in den Bannkreis des seinen zu ziehen, nicht einmal das Leben einer Frau, die ihm die Treue gebrochen.

Frau von Marfen war von jeher die Frau der raschen Entschlüsse gewesen, und diese ihre Eigenschaft ließ sie auch jetzt nicht im Stich. In warmen Worten schrieb sie Herrn von Büsing, ihm dankend für den erneuten Beweis von Freundschaft, den er ihr gegeben, und bat ihn auch, ihr umgehend die Adresse ihrer Schwiegertochter bekanntgeben zu wollen. Sie ließ ihn darüber im unklaren, was sie zu tun gedenke, so daß für ihn die Annahme nahe lag, daß sie nur an Ola schreiben wollte; sie selbst aber traf mit einer gewissen Hast alle nötigen Vorbereitungen zu einer kurzen Reise, und da sie sehr gut einsah, daß mit Rücksicht auf den Zweck dieser Reise Alfi ihr nur im Wege sein könne, fuhr sie noch am selben Nachmittag zu ihrer langjährigen Freundin Frau von Walden und bat diese, ihrem Enkel für die Dauer ihrer Abwesenheit Obdach zu gewähren. Da das Kind einen großen Teil des Tages in der Schule zubrachte, glaubte sie durch ihre Bitte kein allzu hartes Ansinnen an die Dame zu stellen, und diese gab auch mit größter Bereitwilligkeit ihre Zusage. Mochte Büsing, feiner Menschenkenner wie er war, ihre Absicht geahnt haben, zu Ola zu reisen, und wollte er ihr nicht die Zeit lassen, klügelnd zu überlegen, oder meinte er nur einen Akt der Höflichkeit zu begehen, wenn er möglichst rasch antwortete, Tatsache blieb, daß sie am zweiten Tage, nachdem sie ihr Schreiben an den Major abgesendet hatte, seine telegraphische Antwort erhielt, die in aller Kürze ihr mitteilte, was sie zu wissen brauchte: Thorn-Marfen, Venedig, Pension Luzius.

Robert von Marfens Mutter zögerte nun nicht länger. Am Nachmittag des gleichen Tages wurde Alfi bei Tante Walden, wie er die Freundin der Großmama nannte, installiert und erhielt noch strikte Verhaltungsmaßregeln von dieser, ja recht artig zu sein, damit sie keine Klage höre, wenn sie von der kurzen Reise, zu der sie gezwungen war, zurückkehrte. Am folgenden Morgen mit dem Eilzug der Südbahn trat Frau von Marfen die Reise nach Venedig an. Von jeher nicht unempfindlich, gegen äußere Eindrücke glaubte sie es als günstiges Omen ansehen zu sollen, daß die Sonne hell und freundlich schien und der tiefblaue Himmel ihr gleichsam als ein Vorbote des Südens deuchte, dem sie entgegenreiste; ein Gang nach Canossa war es ja nicht, den sie auf sich genommen, aber sie fuhr auch nicht hin, um zu richten, sondern sie gestand sich vielmehr, daß, wenn sie auch einerseits als Friedensvermittlerin vor ihre Schwiegertochter trat, welche eine Versöhnung mit dem Gatten herbeiführen wollte, sie anderseits auch ihr, wenigstens innerlich, Abbitte leisten wollte, wenn sie das eine oder das andere Mal zu vorschnell und zu schroff in ihrem Urteil über die junge Frau gewesen.


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