Autorenseite

 << zurück weiter >> 

2. Kapitel.

»Liebe Mutter, komme, ich brauche Dich.
Dein Robby.«

Dieses kurze Telegramm erschreckte Irma von Marfen. Was mochte geschehen sein, daß ihr Kind so dringend nach ihr rief. Ein Duell – war er verwundet? Bedurfte er der Pflege? Aber alles Kopfzerbrechen frommte zu nichts, und alsbald stand es bei ihr fest, unumstößlich fest, daß sie reise, sofort reise, war sie doch von jeher gewöhnt, seine Wünsche tunlichst rasch zu erfüllen. Der Kopf schmerzte sie, als sie bei Morgengrauen sich anschickte, ihren Handkoffer zu packen und im Kursbuch nachzusehen, wann der nächste Zug abgehe, den sie nach Hermannstadt benutzen könne. Es erübrigt ihr gerade noch die erforderliche Zeit, um die notwendigsten Vorbereitungen für eine möglicherweise längere Abwesenheit vom Hause zu treffen, sich mit den nötigen Geldmitteln zu versehen und zur Bahn zu fahren. Obzwar sie begreiflicherweise der Gedanke an das Wiedersehen mit dem geliebten Sohn freudig bewegte, konnte sie sich dennoch die Erkenntnis nicht verhehlen, daß die Sorge, die sie empfand, noch größer sei als die Freude.

» Cherchez la femme,« das waren die Worte, die wie mit Flammeninschrift immer wieder vor ihrem geistigen Auge erstanden, hatte sie doch schon zu oft im Leben Ursache gehabt, zu erkennen, daß der alte Dumas mit diesem Zitat den Nagel auf den Kopf getroffen, daß er salomonische Weisheit bekundet habe und seit den Tagen Salomons gewiß schon Milliarden Male sich die Tatsache wiederholt habe, daß bei den meisten wichtigen Lebensentschlüssen des Mannes das Weib den Impuls gegeben. Warum also in diesem Falle nicht.

Die langen Stunden der Nacht, während der Zug eiligst durch die Landschaft fuhr, trugen natürlich nicht wenig dazu bei, ihre Aufregung bis ins Fieberhafte zu steigern, und als sie endlich dem Ziel ihrer Reise nahe war, klopfte ihr das Herz zum Zerspringen. Vergeblich sann und grübelte sie, was sie sagen müsse als Antwort auf das, was Robby ohne Zweifel von ihr fordern würde.

Als der Zug endlich in die Bahnhofshalle einfuhr, fühlte sie sich einer Ohnmacht nahe; das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf, und angstvoll starrte sie auf den Bahnsteig hinaus, um zu sehen, ob Robby, den sie telegraphisch von der Stunde ihrer Ankunft in Kenntnis gesetzt hatte, sich wohl auch eingefunden, um die Mutter zu erwarten. Sie spähte und spähte nach ihm aus, doch bedurfte es einiger Zeit, ehe sie seiner schlanken, geschmeidigen Gestalt ansichtig wurde, und als sie ihn endlich gewahrte, da kannte ihre Verblüffung erst recht keine Grenzen, denn am Arme ihres Lieblings, ihres Einzigen, kam eine zierliche junge Dame auf sie zugeschritten, deren rotblondes Lockengeringel bis tief in den Nacken fiel.

»Da ist sie ja, da haben wir sie, unsere gute, alte Mammi, um sie so bald nicht wieder loszulassen,« rief Robby von Marfen mit heller Stimme und, die Mutter mit einem Arm umschlingend, führte er ihr das zierliche Persönchen zu, welches an seinem anderen Arm hing, und sprach mit übermütigem Lachen:

»Da hast du nun dein Töchterchen, Mama, und magst es lieb haben gerade so wie mich; ich will auf Ola gar nicht eifersüchtig sein!«

Im ersten Augenblick starrte die Mutter den Sohn ganz verständnislos an; darauf war sie wirklich nicht vorbereitet gewesen, obzwar sie sich sagen mußte, daß sie sich im Grunde genommen Ähnliches hätte denken können, aber nur die Möglichkeit von Schulden, die Möglichkeit irgendeiner dienstlichen Unannehmlichkeit hatte sie erwogen. Selbstverständlich hatte sie daran gedacht, daß er verliebt sei und sich daraus mit der Zeit eine Brautschaft entwickeln könne, daß sie aber gleich mit der Tatsache einer Verlobung überrumpelt werden solle, daß man von einer Minute auf die andere das Ansinnen an sie stellen könne, ein wildfremdes Wesen als Tochter zu begrüßen, das war ihr niemals in den Sinn gekommen.

»Mein liebes Kind, ich bin so überrascht, ich ahnte … ich wußte nicht,« stammelte sie noch immer ganz fassungslos, und mit hellem Lachen, aus dem ein scharfer Beobachter ganz deutlich einen gewissen Triumph herausgehört haben würde, rief Ola:

»Mein Plan ist also wirklich geglückt und die Überraschung trefflich gelungen! Nun wollen wir aber Mama auch rasch nach dem ›König von Ungarn‹ führen, wo Robby sie eingemietet hat.«

Die nächsten Stunden vergingen für Frau von Marfen in einem Taumel, in dem sie sich selbst nicht zurechtzufinden vermochte. Mit dem Sohne allein zu sprechen, bot sich ihr fürs erste keine Gelegenheit, und sie konnte sich die ganze Situation und alles, was sich ereignet hatte, um dieselbe herbeizuführen, gar nicht so recht erklären. Nur eines stand klar und deutlich als Schreckgespenst vor ihrer Seele: Robby war verlobt, eine andere stand ihm näher als die Mutter, er hörte auf, ihr Robby zu sein, und ohne zu ahnen und zu wissen, wie diese Verlobung zustande gekommen, ohne so recht deutlich darüber im klaren zu sein, wer die Braut ihres Sohnes denn eigentlich sei, wie, wo und wann er sie kennen gelernt, fühlte sie nur instinktiv, daß sie von nun an sich ohne Zweifel mit jenen Brosamen der Liebe ihres Sohnes werde begnügen müssen, für die Ola keine Verwendung mehr hatte. Etwas Fremdes, Bedrückendes stand zwischen Mutter und Kind, und wenn Robby seine Mutter auch nie durch übermäßige Zärtlichkeit verwöhnt hatte, so fremd wie heute war er ihr noch nie erschienen.

So sehr sich Frau von Marfen auch danach sehnte, mit dem Sohne allein zu sprechen, ihn um Aufklärung von all dem zu bitten, was sie bisher nicht begreifen, nicht verstehen konnte, was so überraschend auf sie eingestürmt war, es bot sich ihr keine Gelegenheit zu einem Gespräche unter vier Augen. Das junge Paar hatte sie nach dem eleganten ersten Hotel der Stadt geführt, in dem der Sohn seine Mutter eingemietet, und nachdem sie in aller Eile den Reisestaub ein wenig abgeschüttelt und Toilette gemacht hatte, brachte das junge Paar sie zu Olas Mutter, der Baronin Thorn, wo sie auf das liebenswürdigste begrüßt wurde und wo man die Abendmahlzeit einnahm. Die Zeit verging unter fröhlichem, harmlosem, dem Mutterherzen ganz gleichgültigem Geplauder und mit namenloser Ungeduld harrte sie des Augenblickes, in dem der Sohn sie nach Hause begleiten würde und sich ihr dann doch endlich Gelegenheit bot, ihn um Aufklärung von all dem zu bitten, was ihr bisher unfaßlich, ja geradezu unverständlich erschien. Zu bitten, ja, dieses Wort allein kennzeichnete das seltsame Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Sie war es, die immer um seine gute Laune warb, während das umgekehrte Verhältnis eigentlich das natürlichere und richtigere gewesen wäre. Aber auch in der Annahme, daß sie, wenn auch erst zu später Abendstunde, zu einer Verständigung mit dem Sohne gelangen könne, sollte sie sich täuschen, denn als sie, Ermüdung vorschützend, den Wunsch äußerte, ihr Absteigquartier aufzusuchen, erklärte Baronin Thorn sofort, die liebe, neugewonnene Freundin, die angehende Mutter ihres Nesthäkchens Ola, auch nach Hause begleiten zu wollen, und während das Brautpaar lachend und schäkernd voranschritt, mußte Frau von Marfen das oberflächliche und ihr völlig gleichgültige Geplauder der Baronin über sich ergehen lassen. Als dann in der Halle des Hotels das allgemeine Abschiednehmen erfolgte und sie an den Sohn fast schüchtern die Frage stellte, ob er sie denn nicht noch in ihr Zimmer begleiten wollte, erwiderte er mit sorglosem Lachen:

»Nein, nein, Mamachen, daraus wird nichts. Geplaudert, getratscht oder wie man es nennen will, ward genug für heute. Du siehst müde aus und sollst der Ruhe pflegen, und mich ruft morgen in aller Früh der Allerhöchste Dienst, so, daß es mir auch gut tun wird, mich in meine Bude zurückzuziehen. Auf Wiedersehen also morgen; Ola wird dich abholen, denn ich bin erst zu Mittag frei.«

In tiefe Gedanken versunken, durchwachte die arme Frau die ganze Nacht, ohne daß es ihr möglich gewesen wäre, der Bangigkeit Herr zu werden, die einem Alp gleich auf ihr lastete. Sie konnte ja doch unmöglich so im Ungewissen umhertasten, es mußte klar werden zwischen ihr und ihrem Kinde, das fühlte sie mit unumstößlicher Deutlichkeit; dabei wußte sie aber ganz bestimmt, daß Robby dieser unerläßlichen Klarheit aus dem Wege gehen wollte, das war immer seine Art gewesen, wenn er etwas im Sinne führte, wobei er glaubte, auf den Widerspruch der Mutter stoßen zu müssen. Wodurch aber würde dieser Widerspruch wachgerufen werden? Aus dem bloßen Umstand, daß er sich verlobt hatte, konnte ein solcher nicht hervorgehen, denn daß er ihr früher oder später eine Frau zuführen werde, mit diesem Gedanken hatte sie sich ja immer vertraut machen müssen und der war es auch nicht, der sie erschreckte. Im Gegenteil, jede normal denkende Mutter wird, wenn sie ihren Sohn wahrhaft liebt, in dem Gedanken Trost finden, daß auch dann, wenn sie nicht mehr ist, eine andere Frauenhand ihn liebend umsorgt, aber die Tatsache, daß, hellsichtig wie sie war, sie deutlich erkannte, daß er einer Aussprache ausweiche, daß es mithin ohne Zweifel etwas zu verbergen gab, das war es, was sie in unaussprechliche Angst und Sorge versetzte, und ihrer Phantasie Ungeheuerlichkeiten vorgaukelte, die ihr alle Ruhe und Fassung zu rauben drohten.

Tausend sorgenvolle, bange Gedanken hämmerten im Kopf der armen Mutter und raubten ihr die Nachtruhe, so daß, als Ola von Thorn sie gegen Mittag abholte, ein Paar recht müde, tränenschwere Augen zu der eleganten, schönen Mädchengestalt hinübersahen.

Und auch der zweite, der dritte, der vierte Tag bot keinerlei Gelegenheit zur Aussprache zwischen Mutter und Sohn. Man unternahm Ausflüge ins Stadtwäldchen, zur Platzmusik, zur Kalten Rinne, kurzum ein Vergnügen jagte das andere, aber zu einer Klärung der Situation kam es nicht. Acht Tage lang ließ Frau von Marfen diesen unerträglichen Zustand über sich ergehen, dann war bei aller Liebe, Zärtlichkeit und Schwäche für ihren Sohn ihre Geduld erschöpft und sie erklärte mit Bestimmtheit, daß die Zeit um sei, die sie für ihren Aufenthalt in Hermannstadt festgesetzt, daß sie aber bezüglich verschiedener Dinge auf einer Aussprache mit ihrem Sohn bestehen müsse. Da sich ihr nie Gelegenheit geboten hatte, mit ihm allein zu reden, hatte sie schließlich dieses ihr Verlangen vor Mutter und Tochter Thorn zum Ausdruck gebracht und alsbald bemerkt, daß eine gespreizte, fast kriegerische Stimmung die Folge ihres Verlangens sei. Trotzdem bestand sie darauf, und als sie abends wieder in ihr Hotel zurückkehrte, bat sie Robby, sie nach ihrem Zimmer zu begleiten und ihr, da sich untertags nie die Muße dazu finde, nun zu später Abendstunde noch ein halbes Stündchen zu gönnen. Von dem instinktiven Bewußtsein geleitet, daß sie das Wohlwollen ihres Sohnes nur dann zu erringen in der Lage sei, wenn sie ihm die Überzeugung beibringe, daß sie Ola mit zärtlicher Liebe in ihr Herz geschlossen, begann sie das Gespräch damit, daß sie in Worten des Lobes und der Anerkennung von seiner Braut sprach und schließlich daran die Frage knüpfte, wann denn Hochzeit gehalten werden solle. Eine verlegene Pause entstand, Robby biß, wie dies von Kindheit an seine Gepflogenheit gewesen, wenn ihn etwas erregte, unausgesetzt an der Unterlippe und suchte offenbar nach Worten, die sich nicht so leicht finden lassen wollten.

»Ja, wann Hochzeit gemacht werden soll, Mama,« platzte er endlich heraus, »ja, das wird von dir abhängen!«

»Von mir, mein Kind, wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht!«

»Mein Gott, Mama,, das ist doch leicht zu begreifen, du mußt deinem Robby die Mittel geben, glücklich sein zu können, denn Ola – Ola hat kein Geld!«

»Aber Kind, geliebtes, einziges, ich habe dir doch unsere Vermögensverhältnisse nie verheimlicht, habe dir immer gesagt, daß ich für zwei Haushaltungen nicht genug besitze, daß du ein mittelloses Mädchen nicht heiraten kannst, um so weniger, heiraten kannst, weil du nicht das Zeug in dir hast, dir auch nur die geringste Entbehrung aufzuerlegen. Ich sehe ein, daß mich die Schuld trifft, daß dem so ist, weil ich zu schwach gegen dich war und immer gab, wo ich hätte versagen sollen. Aber retrospektive Reue ist nun zu spät, wir müssen uns mit den bestehenden Tatsachen abfinden, mein geliebtes Kind. Und ich verstehe die ganze Situation auch nicht! Wie kann man ein Mädchen so heranwachsen lassen, wie sie heranwuchs, wenn man nicht in der Lage ist, ihr all das zu geben, dessen sie bedarf, um in der Weise weiterzuleben, wie sie es von klein auf gewöhnt war!«

»Liebe Mama,« rief der junge Mann mit schlecht verhehlter Ungeduld, »darüber wollen wir uns nicht den Kopf zerbrechen, da es zu nichts frommt. Als ich mich in Ola verliebte, habe ich nicht zuerst nach dem Geldsack gefragt, und erst nachdem es zwischen uns zur bindenden Aussprache kam, erfuhr ich, daß die Mittel fehlen. Soll ich deshalb das Mädchen, das mit oder ohne Geld doch immer das gleiche bleibt, weniger lieben, soll ich ihr die Treue brechen? Könntest du das schön, könntest du das achtenswert finden?«

»Nein, nein, das behaupte ich nicht, mein armes Kind,« sprach die Mutter mit zuckenden Lippen, »aber bevor du die Dinge so weit kommen ließest, bevor die Aussprache stattfand, hättest du bedenken, überlegen, erwägen, dir sagen müssen, daß du nicht das Recht habest, ein mittelloses Mädchen, das, nebenbei bemerkt, noch sehr verwöhnt zu sein scheint, an dein Leben zu fesseln! Du brauchst für dich allein nicht wenig, und deine Mittel würden kaum ausreichen, wenn ich nicht gelernt hätte, zu entbehren. Wie willst du eine Frau erhalten, der du gern allen Luxus verschaffen möchtest, den sie offenbar bisher gewöhnt gewesen?«

Mit finster gefurchter Stirn hatte Robby den Auseinandersetzungen der Mutter gelauscht, nun erwiderte er ungeduldig: »Ich sagte dir doch, Mama, daß ich von dem mangelnden Geldsack erst Kenntnis erhielt, als sich unsere Herzen bereits gefunden hatten; ist es da etwas so Ungeheuerliches, daß ich, der ich Jahre hindurch, ja der ich, ich kann es mit gutem Gewissen sagen, seit ich auf der Welt bin, von der Liebe einer Mutter umgeben war, mir auch sagte, diese Mutter werde schon das Richtige finden, um mir die Wege zu ebnen, die mich zu meinem Glück führen sollen? Sollte ich mich wirklich getäuscht haben, solltest du mir dieses nicht gönnen, nicht alles daran setzen, damit ich es erreiche! Ja, dann fürwahr, dann bin ich tief unglücklich, dann werfe ich angeekelt das Leben von mir, das keinen Wert für mich hat ohne die Bereinigung mit der Geliebten, von dem Bewußtsein gequält, daß nicht einmal die Mutter, die mir das Leben geschenkt, mit wirklich opferfähiger Hingebung an mir hängt!«

Der junge Mann hatte sich auf einen Stuhl geworfen, schlug die Hände vors Gesicht und brach in einen konvulsivischen Tränenstrom aus. Frau von Marfen sagte sich in diesem Augenblick nicht, daß es unmännlich sei, sich wegen des ersten versagten Lebenswunsches so schrankenlosem Schmerze hinzugeben, denn wie immer, wenn es sich um den geliebten Sohn handelte, gewannen Mitleid und Schwäche in ihrer Seele die Oberhand. Sie trat auf ihn zu, zog sein Haupt an ihre Brust und sprach zärtlich: »Robby, sei ein Mann, sei stark, wirf doch nicht gleich die Flinte ins Korn, wenn du ein Ding nicht erreichen kannst, nach dem du begehrst! Du bist jung, das Leben liegt vor dir, du wirst vergessen lernen, du wirst glücklich sein, und auch Ola wird einsehen, daß es zu euerm beiderseitigen Besten ist, wenn ihr nicht zusammenkommt! Zwei verwöhnte Menschen, denen das Schicksal alles verwehrt, was ihnen von Belang erscheint, die sich bald das, bald jenes versagen, die sich einschränken müssen, glaube mir, das tut nicht gut.

»So, Mama, also du, die tugendstarke Frau, die immer Moral gepredigt hat, du bist plötzlich zum Apostel des Treubruches geworden? Verzeih', aber auf diesen Bahnen kann ich dir nicht folgen. Ich gehöre nicht zu den Frömmlern, zu den Kirchenläufern und Pharisäern, aber um die Liebe eines Mädchens werben, um es dann schnöde zu verlassen, nur weil es nicht den genügenden Mammon besitzt, dazu, Mama, bin ich mir entschieden zu gut, dazu gebe ich mich nicht her, und es wird stets und immer die bitterste Erfahrung meines Lebens bleiben, daß die Mutter, die mir immer ein leuchtendes Vorbild korrekten und vornehmen Fühlens gewesen ist, mir nun plötzlich jedes Nimbus' beraubt erscheint und ich erkennen muß, daß sie nicht um ein Haar besser sei, als jene Tausende und Abertausende, die huldigend vor dem goldenen Kalb im Staub liegen und nur dem Wort und nicht der Tat nach edeldenkend und vornehm sind.«

Frau von Marfen hatte in tiefer Erschütterung den Worten des Sohnes gelauscht. Sie kannte ihn zu genau, um nicht zu wissen, daß jeder Versuch eines Zuspruches in den Augenblicken der Erregung bei ihm ein Ding der Unmöglichkeit sei. Ihn austoben lassen und hoffen, daß dann, wenn die Reaktion eintrat, er klarem, wohlwollendem Zuspruch wieder zugänglicher sein werde, das war das einzige, was man für den Moment tun konnte.

»Du mißverstehst mich absichtlich, mein Junge,« sprach sie nach einer längeren Pause, während er wie ein Bär im Käfig im Zimmer auf und ab gestürmt war, »ich mache dir ja nur den Vorwurf, daß du hättest überlegen sollen, bevor du ein anderes Leben in den Bannkreis des deinen gezogen, und ich zerbreche mir nun den Kopf, um einen Ausweg zu finden, der es dir ermöglichen kann, deinen Wunsch zu erreichen und dir doch keine allzu herben Entbehrungen auferlegen zu müssen. Ich habe im Prinzip eine heilige Scheu vor dem Gedanken, daß ein Offizier seinen Beruf aufgebe, um auf anderem Wege sein Fortkommen zu finden, weil ich sehr genau weiß, daß die gewesenen Offiziere meist tief unglückliche Menschen sind, die in ihre neue Lebensstellung nicht hineinpassen. Der Gedanke, daß mein Sohn zu diesen Unzufriedenen gehören soll, kann mich daher unmöglich erfreuen.«

Ein Aufleuchten ging über Robbys Gesicht, der Schatten eines Lächelns umspielte seine Lippen, und in diesem Lächeln würde ein Welterfahrener vielleicht schon den Triumph eines kommenden Sieges gesehen haben, dann sprach er mit merklich gemildertem Tonfall der Stimme: »Ich sehe die Notwendigkeit nicht ein, Mama, weswegen ich den Offiziersrock, der, nebenbei bemerkt, dir viel heiliger als mir ist, ausziehen sollte. Du hast mir doch immer eine schöne Zulage gegeben, verdopple die und gib mir überdies die Kaution: somit ist es gar nicht nötig, daß ich es aufgebe, der fesche Husar zu bleiben, der ich bisher gewesen!«

»Die Zulage verdoppeln und die Kaution geben?« fragte sie tonlos. »Du vergißt nur eine Kleinigkeit, nämlich, daß durch solche Opfer, wie du sie von ihr forderst, deine Mutter an den Bettelstab gebracht würde!«

»Pah, Bettelstab, lächerlich!« erwiderte er, seine Mutter zärtlich umschlingend. »Solange wir etwas zu leben haben, hast du es auch. Du ziehst einfach zu uns und lebst mit uns, du sollst sehen, daß das herrlich wird; du verliebst dich in meine Ola gerade so sterblich, wie ich in sie verliebt bin, und wir leben fröhlich in den Tag hinein.«

Frau von Marfen hatte sich nie so wortarm gefühlt wie in dieser Stunde. So viel, so unendlich viel gab es, was sie dem Sohne hätte sagen mögen, aber es gebrach ihr an Worten, zum Ausdruck zu bringen, was ihre Seele bewegte. Einerseits bangte ihr davor, durch Einwendungen die schrankenlose Heftigkeit seines Temperaments heraufzubeschwören, die sie nur zu gut kannte, anderseits wußte sie doch, daß es ihre Pflicht sei, ihn nicht zu täuschen, ihm die Illusion zu nehmen, daß sie sich dazu herbeilassen könne, zu dem jungen Paar zu ziehen, denn das fühlte sie schon zu dieser Stunde, daß Ola nie die Sprache verstehen werde, die sie redete, während sie ihrerseits dem kein Verständnis entgegenbrachte, was dem jungen Mädchen mundgerecht erschien.

»Mein liebes Kind, an meinem guten Willen, dir zu helfen, wenn es mir möglich wäre, kannst und darfst du nicht zweifeln, aber die Art, wie dies zu geschehen hat, ist mir noch vollkommen schleierhaft, und wenn du meinst, es sei dies möglich, indem wir einen gemeinsamen Haushalt führen, ich meine Selbständigkeit aufgebe und zu dir ins Haus ziehe, so muß ich dir darauf in allem Ernst erwidern, daß dies nun und nimmermehr sein kann. Ich bin eine alte Frau, ich habe vielfach Gelegenheit gehabt, in meinem Leben Erfahrungen zu sammeln, und ich wüßte keinen einzigen Fall, in dem es von gutem Erfolg begleitet gewesen wäre, wenn die Mutter als störende Dritte sich in einen jungen Haushalt eingenistet hätte. Das tut nie gut, man kann vielleicht keinem Teil die Schuld beimessen, aber daß es nun einmal so ist, darüber besteht kein Zweifel. Die Verschiedenheit der Jahre, die naturgemäß anderen Anschauungen, die ein jedes hat, bringen es mit sich, daß es niemals gut tut, wenn verschiedene Elemente sich in gar zu enge Gemeinschaft gepreßt sehen. Entblöße ich mich aber aller mir zu Gebote stehenden Mittel, indem ich dir das gebe, dessen du bedarfst, um standesgemäß leben zu können, so drängt sich mir unwillkürlich die Frage auf, was ich dann anfangen soll, denn leben, ja leben muß ich ja schließlich doch.«

»Ich habe dir doch klar und deutlich gesagt, Mama, was du anfangen sollst,« warf Robby mürrisch ein.

»Und ich habe dir ebenso klar und deutlich gesagt, mein Kind, daß ich darauf nicht einzugehen gewillt bin,« entgegnete Frau von Marfen in einem Ton, der vielleicht schroffer klang, als sie selbst es ahnte, weil es sie denn doch verletzte, daß ihr Sohn ohne jede Rücksicht auf das Behagen seiner Mutter nur sich und seine eigene Zukunft im Auge hatte.

»Ich sage dir aber, Mama, daß es keine flüchtige Laune von mir ist, wenn ich dir erkläre, ich kann ohne Ola nicht leben, du hast zu wählen: entweder du bringst mir das eine Opfer, von dem das Glück meines Lebens abhängt, oder –« fügte er nach sekundenlanger Pause hinzu, »oder du hast aufgehört, einen Sohn zu haben, weil – nun ja, weil – du ihn selbst in den Tod treibst!« Tief aufatmend hielt er inne, er kannte ja seine Mutter, er wußte, daß seine Macht über sie eine unbegrenzte sei, und nicht so sehr in der Absicht, eine Komödie zu inszenieren, als vielmehr von dem Verlangen hingerissen, um jeden Preis seinen Wunsch zu erreichen, spielte er den Trumpf aus, der ihm, dessen glaubte er, überzeugt sein zu können, zum Sieg verhelfen mußte. Und die Wandlung, die, als sie diese Worte vernahm, in den Zügen Frau von Marfens vor sich ging, tat deutlich dar, daß er mit seiner Annahme im Recht sei. Totenblässe bedeckte ihre Züge, die Hände preßten sich konvulsivisch ineinander und ein Wehelaut trat auf ihre Lippen. Dann sprach sie leise: »Solcher Drohungen bedarf es nicht! So sei es denn, nimm alles hin, was ich habe, sei glücklich und kümmere dich nicht weiter um mich! Ich will dir geben, was ich besitze, gründe damit dein Heim, in dem du das Glück finden mögest, welches du erwartest! In einem Punkte aber bleibe ich fest: ich ziehe nicht zu dir, mein Sohn, ich bringe dir damit ein schweres Liebesopfer, denn welche Mutter wäre nicht glücklich, mit ihrem Kind vereint zu sein, aber ich tue es zu deinem Besten. Solange meine Kräfte reichen, werde ich mir ja eine Existenz schaffen können, davor bangt mir nicht. Ich bin sprachengewandt, ich bin musikalisch, ich habe vielerlei Verbindungen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß ich mir eine Stellung als Hausrepräsentantin oder als Gesellschaftsdame verschaffen kann. Du siehst –«

»Eine dienende Stellung? … Mama, was dir nicht einfällt! Diese Schande wirst du mir doch nicht antun! Was würden die Leute sagen! Wir Marfens so weit herabgekommen, daß meine Mutter in Dienst geht! Denn, wenn man der Geschichte auch ein elegantes Mäntelchen umhängt, dienen bleibt dienen, und es verträgt sich nicht mit der Ehre meines Standes, daß meine Mutter derlei auf sich nehme!«

Vielleicht fühlte sich Frau von Marfen in innerster Seele versucht, ihm die Frage zu stellen, ob es sich den mit der Ehre seines Standes vertrage, der Mutter die herbsten Entbehrungen aufzuerlegen, nur um ein heißersehntes Ziel zu erreichen? Wenn sie sich aber auch in ihrem Innern diese Frage stellte, zu Worten formte sie sie nicht, und er ließ ihr gar nicht die Zeit, lange zu überlegen. »Abgemacht, Mamachen,« rief er triumphierend, »du wirst sehen, daß sich alles in Frieden und Wohlgefallen auflöst. Ola wird dich so herzlich und lieb bitten, daß du dich doch entschließen wirst, zu uns zu kommen, was du sicherlich nie bereuen wirst. Bleibst du aber halsstarrig und willst du es absolut nicht, so wird sich doch wohl eine Pension oder ein Kloster finden lassen, in dem für dich einzuzahlen mir meine Mittel erlauben werden!«

Frau von Marfen schwieg, schwieg nicht, weil sie nicht gewußt hätte, was sie dem Sohn zu sagen habe, sondern schwieg, weil es ihr zu namenlos weh tat, sehen zu müssen, wie leicht und sorgenlos er sich mit dem abfand, was aus der Mutter werden sollte, wenn er nur seinen Wunsch erreichte. Das war Selbstsucht.


 << zurück weiter >>