Anatole France
Die Götter dürsten
Anatole France

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Achtundzwanzigstes Kapitel

Am 10. fuhr Evarist, auf einer Gefängnispritsche liegend, aus seinem Fieberschlafe mit unsäglichem Entsetzen auf. Paris strahlte im Sonnenschein in seiner Anmut und Größe. Hoffnung kehrte in die Herzen der Gefangenen zurück; die Kaufleute öffneten fröhlich ihre Läden, die Bürgersleute fühlten sich reicher, die jungen Leute glücklicher, die Frauen schöner, – alles dank Robespierres Sturz. Nur ein Rudel von Jakobinern, ein paar Priester, die den Eid geleistet, und einige alte Weiber erbebten darob, daß die Macht nun in die Hände der Bestochenen und Böswilligen käme. Eine Abordnung vom Revolutionstribunal, bestehend aus dem Staatsanwalt und zwei Richtern, begab sich in den Konvent und beglückwünschte ihn, daß er den Verschwörungen ein Ende bereitet hätte. Die Versammlung beschloß, die Guillotine von neuem auf dem Revolutionsplatze aufzustellen. Die Reichen, die Elegants, die hübschen Frauen sollten, ohne sich zu bemühen, Robespierres Hinrichtung beiwohnen können, die noch am selben Tage stattfand. Der Diktator und seine Mitschuldigen waren geächtet; es genügte also, daß zwei städtische Beamte ihre Identität feststellten, damit das Gericht sie sofort dem Scharfrichter überlieferte. Doch eine Schwierigkeit ergab sich: diese Feststellung konnte nicht in vorschriftsmäßiger Form stattfinden, da der ganze Gemeinderat geächtet war. Der Konvent ermächtigte das Gericht, sie durch gewöhnliche Zeugen vornehmen zu lassen.

Die Triumvirn wurden mit ihren Hauptschuldigen zum Tode geschleppt, unter Wut- und Jubelgeschrei, unter Flüchen, Gelächter und Freudentänzen . . .

Am Tage darauf wurde Evarist aus seinem Kerker geholt und vor Gericht gestellt. Er war etwas zu Kräften gekommen und konnte fast auf seinen Beinen stehen. Man setzte ihn auf die Tribüne, die er so oft voll Angeklagter gesehen hatte und auf der nach und nach so viele berühmte und unbekannte Opfer erschienen waren. Jetzt ächzte sie unter der Last von fünfundsechzig Individuen, meist Mitgliedern des Gemeinderats und etlichen Geschworenen, die gleich ihm geächtet waren. Er erblickte seine Bank wieder, die Rückenlehne, gegen die er sich sonst gelehnt hatte, den Platz, von dem aus er so viele Unglückliche in Schrecken versetzt hatte. Dort war er den Blicken von Jacques Maubel, Fortuné Chassagne, Maurice Brotteaux und den flehenden Augen der Bürgerin Rochemaure begegnet, der er seine Ernennung zum Geschworenen verdankte und der er seinen Dank durch ihr Todesurteil abgestattet hatte. Auf der Tribüne thronten die Richter in drei Mahagoni-Lehnstühlen, die mit rotem Utrechter Samt bezogen waren; darüber erblickte er die Büsten von Chalier und Marat und die des Brutus, bei der er einst geschworen hatte. Nichts war verändert: weder die Äxte und Rutenbündel, die roten Papiermützen, die Schmährufe, die die Trikoteusen von den Tribünen herab auf die Todgeweihten schleuderten, noch die Seele des dickköpfigen, arbeitsamen Fouquier, der eifrig in seinen mörderischen Papieren blätterte und als vollendeter Beamter seine gestrigen Freunde aufs Schafott schickte.

Die Bürger Remacle, Portier und Schneider, sowie Dupont der Ältere, Tischler an der Place de Thionville und Mitglied vom Überwachungsausschuß des Bezirks Pont-Neuf, rekognoszierten Evarist Gamelin, Kunstmaler, früheren Geschworenen am Revolutionstribunal und früheres Mitglied des Pariser Gemeinderats. Für diese Leistung erhielten sie vom Bezirk ein Assignat von hundert Sous auf Bezirkskosten. Doch da sie Nachbarn und Freunde des Geächteten waren, so machte sein Blick sie verlegen. Zudem war es heiß, sie waren durstig und gingen rasch ein Glas Wein trinken.

Nur mit Mühe bestieg Gamelin den Henkerkarren. Er hatte viel Blut verloren, und seine Wunde schmerzte ihn heftig. Der Kutscher schlug auf seinen Klepper ein, und langsam setzte der Zug sich in Bewegung, von Hohngelächter begleitet. Frauen, die Gamelin erkannten, riefen ihm zu:

»Nur zu! Blutsauger! Mörder für achtzehn Franken pro Tag! . . . Er lacht nicht mehr. Seht, wie bleich er ist, der Feigling!« Es waren dieselben Weiber, die früher die Aristokraten und die Verschwörer, die Gemäßigten und die Heißsporne verhöhnt hatten, die von Gamelin und seinen Kollegen in den Tod geschickt wurden.

Der Karren kam auf den Quai des Morfondus, fuhr langsam über den Pont-Neuf und erreichte die Rue de la Monnaie. Es ging nach dem Revolutionsplatz, zu Robespierres Schafott. Der Gaul lahmte, der Kutscher schlug ihm in einem fort seine Peitsche um die Ohren. Der fröhliche Schwarm der Zuschauer versperrte der Bedeckung fortwährend den Weg. Das Publikum jubelte den Gendarmen zu, die ihre Pferde zurückhielten. An der Ecke der Rue St.-Honoré verdoppelten sich die Schmähungen. Junge Leute, die im Zwischenstock in den Moderestaurants zu Tisch saßen, traten mit der Serviette in der Hand an die Fenster und riefen:

»Kannibalen! Menschenfresser! Blutsauger!«

Der Karren geriet in einen Schmutzhaufen, den man an diesen beiden unruhigen Tagen nicht fortgeschafft hatte. Die goldene Jugend brach in Jubelgeschrei aus.

»Der Karren steckt im Dreck! . . . In den Kot mit den Jakobinern!«

Gamelin war in Gedanken versunken, und eine Erkenntnis ging in ihm auf.

»Ich sterbe gerecht«, dachte er. »Es ist recht und billig, daß diese Schmähungen, die der Republik gelten, auf uns fallen; wir hätten sie davor schirmen sollen. Wir waren schwach. Wir haben uns der Nachsicht schuldig gemacht. Wir haben die Republik verraten. Unser Schicksal ist verdient. Selbst Robespierre, der Reine, der Heilige, sündigte durch Milde und Sanftmut. Seine Sünden sind durch sein Martyrium gesühnt. Wie er, verriet auch ich die Republik; sie geht unter: es ist gerecht, daß ich mit ihr sterbe. Ich schonte das Blut anderer; möge das meine fließen! Möge ich untergehen; ich hab' es verdient! . . .«

Während er so dachte, erblickte er das Schild des »Amor als Maler«, und ein Strom von Süße und Bitterkeit quoll wild in seinem Herzen auf.

Der Laden war geschlossen, die Jalousien der drei Fenster im Zwischenstock ganz heruntergelassen. Als der Karren vor dem linken Fenster, dem des weißen Stübchens, vorbeikam, hob eine Frauenhand, die am Finger ein silbernes Ringchen trug, den unteren Rand der Jalousie auf und warf ihm eine rote Nelke zu, die Gamelin mit seinen gefesselten Händen nicht auffangen konnte, aber er betete es an, dieses Symbol und Abbild der roten duftenden Lippen, die seinen Mund so oft erfrischt hatten. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und ganz versunken in den Zauber dieses Abschieds sah er auf dem Revolutionsplatze das blutige Fallbeil aufragen.


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