Anatole France
Die Götter dürsten
Anatole France

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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Plötzlich erhebt sich ein Berg im Tuileriengarten. Der Himmel ist wolkenlos. Maximilian Robespierre schreitet vor seinen Kollegen daher, in blauem Rock und gelben Kniehosen, in der Hand einen Strauß von Ähren, Kornblumen und Mohn. Er besteigt den Berg und verkündet der gerührten Republik den Gott Rousseaus. O Reinheit! O Sanftmut! O Glaube! O antike Schlichtheit! O Tränen der Frömmigkeit! O fruchtbarer Tau! O Güte! O Brüderlichkeit! Umsonst erhebt der Atheismus noch sein scheußliches Haupt. Maximilian ergreift eine Fackel; die Flammen verzehren das Ungeheuer, und die Weisheit erscheint, mit der einen Hand gen Himmel weisend, in der andern einen Sternenkranz haltend.

Auf der Tribüne, die vor dem Tuilerienpalast aufgeschlagen ist, steht Evarist Gamelin inmitten der gerührten Menge, vergießt holde Tränen und dankt Gott. Eine Ära der Glückseligkeit sieht er heraufkommen.

»Endlich«, seufzt er, »werden wir glücklich und unschuldig sein, wofern die Frevler es zulassen . . .«

Ach, die Frevler ließen es nicht zu! Noch immer muß hingerichtet werden, müssen Ströme unreinen Blutes fließen. Drei Tage nach dem Feste des neuen Bundes und der Aussöhnung zwischen Himmel und Erde erläßt der Konvent das furchtbare Prairial-Gesetz, das in entsetzlicher Biederkeit mit allen überlieferten Gesetzesformen bricht und alles, was seit den Tagen der gerechten Römer zum Schutz der verdächtigsten Unschuld ersonnen ward, abschafft. Keine Voruntersuchungen, keine Verhöre, keine Zeugen, keine Verteidiger mehr: die Vaterlandsliebe ersetzt alles. Der Angeklagte bewahrt sein Verbrechen oder seine Unschuld im Busen und zieht stumm an dem patriotischen Richter vorüber. Kann man in dieser kurzen Zeit seinen oft schwierigen, verwickelten, dunklen Fall erkennen? Wie soll man jetzt richten? Wie im Handumdrehen den Ehrenmann vom Verbrecher, den Patrioten vom Vaterlandsfeind unterscheiden? . . . Nach einem Augenblick des Stutzens begriff Gamelin seine neuen Pflichten und fand sich in seine neuen Funktionen. In der Abkürzung des Verfahrens erkannte er das Wahrzeichen jener heilsamen, schrecklichen Justiz, deren Diener keine Richter in hermelinverbrämten Roben waren, die auf ihren gotischen Waagen das Für und Wider der Muße abwogen, sondern Sansculotten, die in patriotischer Erleuchtung urteilten und alles blitzschnell erkannten. Wo Vorsicht und gesetzlicher Schutz ins Verderben führten, da mußten die Regungen eines redlichen Herzens alles retten. Man mußte der Stimme der Natur folgen, dieser guten Mutter, die niemals irrt; man mußte mit dem Herzen urteilen. Und Gamelin rief Rousseaus Schatten an:

»Tugendhafter Mann, erfülle mich mit Menschenliebe und mit der Glut, die Menschen zu bessern!«

Die meisten seiner Kollegen teilten sein Empfinden. Sie waren fast alle einfache Leute, und bei der Vereinfachung des Verfahrens fühlten sie sich wohl. Die abgekürzte Gerechtigkeit befriedigte sie. In diesem hastigen Verfahren verwirrte sie nichts mehr. Sie forschten nur nach der Gesinnung der Angeklagten und faßten es nicht, daß man ohne Bosheit anders denken konnte als sie. Da sie die Wahrheit, die Weisheit, die höchste Güte zu besitzen wähnten, so schrieben sie ihren Gegnern den Irrtum und die Schlechtigkeit zu. Sie fühlten sich stark: sie sahen Gott!

Sie sahen Gott, diese Richter vom Revolutionstribunal. Das höchste Wesen, das Maximilian Robespierre wiedererkannt hatte, überschüttete sie mit Licht. Sie liebten und glaubten.

Der Lehnstuhl des Angeklagten war durch eine große Tribüne ersetzt worden, auf der fünfzig Menschen Platz hatten: man prozessierte nur noch mit ganzen Abteilungen. Die Anklage vereinigte zu ein und derselben Sache Leute, die sich vor Gericht oft zum ersten Male sahen, und beschuldigte sie als Komplizen. Mit der furchtbaren Leichtigkeit, die das Prairial-Gesetz erlaubte, verurteilte das Gericht die angeblichen Verschwörungen in den Gefängnissen, die auf die Ächtungen der Dantonisten und der Stadtverwaltung folgten, und die durch die Kunststücke rabulistischen Denkens mit ihnen verknüpft wurden. In der Tat hatte man, um die beiden Grundtypen eines mit dem Gelde des Auslands angezettelten Komplotts gegen die Republik zu veranschaulichen, um in der unzeitigen Mäßigung und in der berechneten Übertreibung noch das dantonistische und hébertistische Verbrechen zu erkennen, zwei Köpfe dieser entgegengesetzten Richtungen preisgegeben, zwei Frauenköpfe, den der Witwe Camilles, der liebenswürdigen Lucile, und den der Witwe des Hébertisten: Momoro, jener Eintagsgöttin und fröhlichen Klatschschwester. Aus Symmetrie hatte man sie in dasselbe Gefängnis geworfen, wo sie zusammen auf derselben Steinbank geweint hatten, aus Symmetrie hatten beide zugleich das Schafott bestiegen. Ein allzu sinnreiches Symbol, das sicher in der Seele irgendeines Staatsanwaltes entstanden war, dessen Ehre man aber Robespierre zuschrieb. Alle glücklichen oder unglücklichen Ereignisse in der Republik, Gesetze und Sitten, der Lauf der Jahreszeiten, Ernte und Krankheiten, alles wurde diesen Volksvertretern angerechnet. Eine wohlverdiente Ungerechtigkeit; denn dieser kleine, geleckte, schmächtige Mann mit dem Gesicht einer abgehäuteten Katze hatte Macht über das Volk . . .

An jenem Tage schickte das Tribunal einen Schub der großen Gefängnisverschwörung aufs Schafott, gegen dreißig Verschwörer aus dem Luxembourg-Gefängnis, lauter sehr demütige, aber ausgesprochen royalistische oder föderalistische Gefangene. Die Anklage stützte sich auf das Zeugnis eines einzigen Angebers. Die Geschworenen hatten keine Ahnung von der Sache; sie kannten nicht mal die Namen der Verschwörer. Als Gamelin seine Blicke über die Bänke der Angeklagten schweifen ließ, erkannte er unter ihnen Fortuné Chassagne, Julies Liebhaber. Er war infolge der langen Kerkerhaft abgemagert und bleich. Das grelle Licht, das in den Saal fiel, machte seine Züge hart, obwohl noch etwas Anmut und Stolz darauf lagen. Seine Blicke begegneten denen Gamelins und füllten sich mit Verachtung.

Von stiller Wut gepackt, stand Gamelin auf, bat ums Wort und sagte, die Augen auf die Büste des älteren Brutus heftend, die über dem Gerichtstische thronte:

»Bürger Präsident! Zwischen mir und einem der Angeklagten bestehen vielleicht Beziehungen, die, wenn sie bekannt würden, als verwandtschaftliche gelten könnten. Trotzdem verweigere ich mein Urteil nicht. Auch die beiden Brutusse verweigerten ihre Richterpflicht nicht, als die Wohlfahrt der Republik und die Sache der Freiheit es erheischte, einen Sohn zu verurteilen oder einen Adoptivvater zu strafen.«

Damit setzte er sich.

»Ein netter Lump!« brummte Chassagne zwischen den Zähnen. Das Publikum blieb kalt, sei es, weil es der erhabenen Charaktere müde war, sei es, weil Gamelin die natürlichen Gefühle zu leicht bezwang.

»Bürger Gamelin«, sagte der Präsident, »nach dem Wortlaut des Gesetzes soll jede Urteilsverweigerung innerhalb vierundzwanzig Stunden vor Eröffnung des Verfahrens schriftlich eingereicht werden. Überdies bedarf es bei dir keiner Verweigerung, ein patriotischer Geschworener steht über den Leidenschaften.«

Jeder Angeklagte wurde drei bis vier Minuten lang verhört. Die Anklage lautete für alle auf Tod. Die Geschworenen votierten das Urteil mit einem Wort, einem Kopfnicken oder durch Beifall. Als die Reihe an Gamelin kam, sagte er: »Alle Angeklagten sind überführt; das Gesetz ist unverbrüchlich.« Als er die Treppe des Justizpalastes hinabschritt, vertrat ein junger Mann in flaschengrünem Carrick, der siebzehn bis achtzehn Jahre alt sein mochte, ihm plötzlich den Weg. Er trug einen runden, zurückgeschobenen Hut, dessen Krempe seinen schönen bleichen Kopf mit einem schwarzen Nimbus umrahmte. Mit furchtbarer Stimme, voller Zorn und Verzweiflung, schrie er dem Geschworenen ins Gesicht:

»Verbrecher! Ungeheuer! Mörder! Schlage mich, Feigling! Ich bin ein Weib! Laß mich festnehmen, guillotinieren, Kain! Ich bin deine Schwester!«

Und sie spie ihm ins Gesicht.

Der Schwarm der Trikoteusen und Sansculotten war in seiner revolutionären Wachsamkeit erlahmt, sein patriotischer Eifer war abgeflaut; und so entstand um Gamelin und seinen Angreifer nur eine unbestimmte, wirre Bewegung. Julie brach sich Bahn durch die Rotte und verschwand in der Dämmerung.


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