Anatole France
Die Götter dürsten
Anatole France

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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Während die Thermidorsonne in blutiger Pracht unterging, irrte Evarist düster und sorgenvoll durch den Garten Marbeuf, der Nationaleigentum geworden war, und in dem die müßigen Pariser spazieren gingen. Man trank Limonade und aß Eis. Ein Karussell mit Holzpferden und ein Scheibenstand für die patriotische Jugend war eingerichtet. Unter einem Baume saß ein kleiner zerlumpter Savoyarde mit schwarzer Mütze und ließ zum scharfen Klang seiner Fiedel ein Murmeltier tanzen. Ein jüngerer, schlanker Mann in blauem Rock, mit gepuderten Haaren, von einem großen Hunde begleitet, blieb stehen und lauschte dieser ländlichen Weise. Evarist erkannte Robespierre. Er fand ihn blaß und abgemagert, mit harten Zügen, das Gesicht von schmerzlichen Falten durchfurcht. Und er dachte:

Wie viele Anstrengungen und Leiden haben ihr Siegel auf seine Stirn gedrückt! Wie schwer ist es doch, für das Menschenglück zu arbeiten! Woran mag er jetzt denken? Lenkt ihn der Klang der Bergfiedel von seinen Amtssorgen ab? Denkt er daran, daß er einen Pakt mit dem Tode geschlossen hat, und daß die Stunde der Erfüllung naht? Plant er, als Sieger in den Wohlfahrtsausschuß zurückzukehren, aus dem er ausgetreten ist, weil er es satt hatte, mit Couthon und Saint-Just von einer aufrührerischen Mehrheit in Schach gehalten zu werden? Welche Hoffnungen regen sich hinter diesem undurchdringlichen Antlitz oder welche Befürchtungen? Indessen lächelte Maximilian dem Knaben zu und stellte ihm mit sanfter Stimme ein paar wohlwollende Fragen über sein heimisches Tal, die Hütte, die Eltern, die der arme Junge verlassen; dann warf er ihm eine kleine Silbermünze zu und setzte seinen Spaziergang fort. Nach einigen Schritten drehte er sich um und rief seinen Hund, der das Wild gewittert hatte und das Murmeltier anfletschte, das sein Fell sträubte. »Brount! Brount!« rief er.

Dann verschwand er in den dunklen Baumgängen.

Aus Ehrfurcht näherte sich Gamelin dem einsamen Spaziergänger nicht; doch als er die schmächtige Gestalt in der Dämmerung verschwinden sah, richtete er an ihn dieses stille Gebet:

»Ich sah deine Trübsal, Maximilian; ich erriet deine Gedanken. Deine Schwermut, deine Ermüdung, ja selbst der Ausdruck des Schreckens in deinen Blicken, alles an dir sagt: ›Möge die Schreckenszeit enden und die Brüderlichkeit beginnen! Franzosen, seid einig, seid tugendhaft, seid gut. Liebet einander . . .‹ Wohlan, ich will deinen Plänen dienen! Auf daß du in deiner Weisheit und Güte dem Bürgerzwist ein Ziel setzen, den brudermörderischen Haß auslöschen und den Henker zum Gärtner machen kannst, der nur noch die Kohl- und Salatköpfe abschneidet, will ich mit meinen Kollegen vom Tribunal der Güte Bahn brechen, indem ich die Verräter und Verschwörer ausrotte. Wir wollen unsre Strenge und Wachsamkeit verdoppeln. Kein Schuldiger soll uns entgehen. Und wenn das Haupt des letzten Feindes der Republik unter dem Richtbeil gefallen ist, dann kannst du ohne Frevel nachsichtig sein und Unschuld und Tugend über Frankreich herrschen lassen, o Vater des Vaterlandes!«

Der Unbestechliche war schon fern. Zwei Männer mit runden Hüten und Nankinghosen begegneten ihm an der Biegung einer Allee. Der eine, groß und hager, von scheuer Miene, hatte einen braunen Fleck über dem Auge und sah Tallien ähnlich. Sie warfen ihm im Vorübergehen einen schiefen Blick zu und taten, als erkannten sie ihn nicht. Als sie weit genug waren, um nicht gehört zu werden, murmelten sie leise:

»Da ist er ja, der König, der Papst, der Gott. Denn er ist Gott. Und Katharina Théot ist seine Prophetin.

Diktator! Verräter! Tyrann! Es gibt noch Brutusse!

Erzittre, Frevler! Der tarpejische Fels ist neben dem Kapitol!« Der Hund Brount kam auf sie zu. Sie schwiegen still und beschleunigten den Schritt.


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