Anatole France
Die Götter dürsten
Anatole France

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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Du schläfst, Robespierre! Die Stunde verstreicht, die kostbare Zeit verrinnt . . .

Endlich, am 8. Thermidor, im Konvent, steht der Unbestechliche auf und redet. Sonne des 31. Mai, wirst du noch einmal aufgehen? Gamelin hofft und wartet. Robespierre wird also die Gesetzgeber, die schuldiger sind als die Föderalisten, gefährlicher als Danton, von den Bänken entfernen, die sie entehren . . . Nein! noch nicht. »Ich kann mich nicht entschließen«, sagte er, »den Schleier ganz zu zerreißen, der dieses große Geheimnis der Ungerechtigkeit verhüllt.« Und die Wetterwolke zerstreut sich, ohne einen der Verschworenen mit dem Blitz zu treffen. Aber alle erschreckt sie. Man zählte an sechzig, die seit acht Tagen nicht mehr in ihrem Bett zu schlafen wagten. Marat nannte die Verräter bei Namen, wies mit dem Finger auf sie. Der Unbestechliche zaudert, und sofort wird er zum Angeklagten . . .

Am Abend herrscht drückendes Gedränge im Saale der Jakobiner, in den Gängen, im Hofe. Alle sind zugegen, die lärmenden Freunde sowie die stummen Feinde. Robespierre verliest ihnen die Rede, die der Konvent in furchtbarem Schweigen anhörte, und der die Jakobiner bewegt Beifall zollen.

»Das ist mein Testament«, sagte er, »ich werde den Schierlingsbecher gefaßt trinken.«

»Ich trinke ihn mit dir!« ruft David.

»Alle, alle!« rufen die Jakobiner und trennen sich, ohne einen Beschluß gefaßt zu haben.

Während der Tod des Gerechten sich vorbereitete, schlief Evarist wie die Jünger auf dem Ölberge. Am nächsten Morgen ging er zum Tribunal, von dem nur zwei Abteilungen tagten. Die seine verurteilte einundzwanzig Mitschuldige der Verschwörung Lazares. Inzwischen trafen die Nachrichten ein: »Der Konvent hat nach sechsstündiger Sitzung beschlossen, die Anklage gegen Maximilian Robespierre, Couthon und Saint-Just zu erheben, desgleichen gegen Augustin Robespierre und Lebas, die das Schicksal der Angeklagten zu teilen wünschten. Die fünf Geächteten sind in Haft.«

Man erfährt, daß der Präsident der andern Abteilung, die im Nebensaal zu Gericht sitzt, der Bürger Dumas, auf seinem Präsidentenstuhl verhaftet ist, daß aber die Sitzung fortdauert. Man hört den Generalmarsch schlagen und Sturm läuten.

Evarist erhält auf seiner Bank den Befehl des Stadtrates, sich ins Rathaus zur Sitzung des Gemeinderates zu begeben. Bei Trommelwirbel und Glockenklang fällt er seinen Spruch mit seinen Kollegen. Dann eilt er nach Hause, um seine Schärpe umzulegen und seine Mutter zu umarmen. Die Place de Thionville ist menschenleer. Der Bezirk wagt weder für noch gegen den Konvent zu stimmen. Man drückt sich an den Wänden entlang, schleicht sich hinaus; geht nach Hause. Auf das Sturmläuten und den Generalmarsch antwortet das Klappern der Fensterläden und Türen, die sich schließen. Der Bürger Dupont der Ältere verkriecht sich in seinen Laden, der Portier Remacle verschanzt sich in seiner Loge. Die kleine Josephine hält Mouton ängstlich umarmt. Die Bürgerin Gamelin stöhnt über die teuren Lebensmittel, die an allem Elend schuld seien. Am Fuße der Treppe begegnet Evarist der atemlosen Elodie; ihre schwarzen Locken kleben an ihrem feuchten Halse.

»Ich suchte dich im Gericht. Du warst gerade fort. Wohin gehst du?«

»Ins Rathaus.«

»Geh' nicht hin. Du gehst ins Verderben. Hanriot ist verhaftet. Die Bezirke machen nicht mit. Die Sektion der Piken, Robespierres Bezirk, bleibt ruhig. Ich weiß es, mein Vater gehört zu ihr. Wenn du ins Rathaus gehst, so läufst du unnütz in dein Verderben.«

»Soll ich feig sein?«

»Es ist im Gegenteil mutig, dem Konvent treu zu sein und dem Gesetz zu gehorchen.«

»Das Gesetz ist tot, wenn die Frevler triumphieren.«

»Evarist, hör' auf deine Elodie, hör' auf deine Schwester. Komm und setze dich zu ihr, damit sie deine erregte Seele beruhigt.«

Er blickte sie an: noch nie war sie ihm so begehrenswert erschienen. Noch nie hatte ihre Stimme in seinen Ohren so wonnig und überredend geklungen.

»Zwei Schritte, mein Freund, nur zwei Schritte!«

Sie zog ihn nach dem Uferdamm, auf dem der Sockel der gestürzten Statue sich erhob. Ringsum standen Bänke, mit Spaziergängern und Spaziergängerinnen besetzt. Eine Posamentenverkäuferin bot ihre Spitzen feil. Der Wasserverkäufer trug seinen Behälter auf dem Rücken und klingelte mit seiner Schelle. Kleine Mädchen spielten Federball. Am Flußufer saßen regungslose Angler, ihre Rute in der Hand. Der Himmel war bedeckt, ein Gewitter im Anzuge. Gamelin beugte sich über die Brüstung und blickte auf die Insel herab, die spitz wie ein Schiffskiel auslief. Er hörte die Baumwipfel im Winde rauschen und fühlte in seiner Seele ein unendliches Verlangen nach Stille und Einsamkeit.

Und wie ein köstliches Echo seiner Gedanken seufzte Elodies Stimme:

»Erinnerst du dich noch, wie du beim Anblick der Felder Friedensrichter in einem Dorfe sein wolltest! Da liegt das Glück.«

Doch durch das Rauschen der Bäume und die Stimme der Geliebten hörte er das Sturmläuten, den Generalmarsch, den fernen Hufschall und das Rasseln der Kanonen über das Pflaster. Zwei Schritte von ihm sagte ein junger Mann, der mit einer eleganten Bürgerin plauderte:

»Wissen Sie schon das Neueste? . . . Die Oper ist in der Rue de la Loi untergebracht . . .«

Man wußte schon alles. Man flüsterte Robespierres Namen, doch nur zitternd, man fürchtete ihn noch. Und die Frauen verbargen ein Lächeln bei der Kunde von seinem Sturze.

Evarist ergriff Elodies Hand und stieß sie fast unmittelbar zurück.

»Lebe wohl! Ich ließ dich mein furchtbares Geschick teilen; ich habe dein Leben für ewig zerstört. Lebe wohl! Suche mich zu vergessen!«

»Vor allem«, riet sie, »kehre heute Nacht nicht nach Hause zurück. Komm in den ›Amor als Maler‹. Klingle nicht; wirf einen Stein an meinen Fensterladen. Ich öffne dir selber die Haustür, ich verstecke dich auf dem Boden.«

»Du wirst mich als Sieger wiedersehen oder nie mehr. Lebe wohl!«

Als er sich dem Rathause näherte, hörte er das Getöse der großen Tage zu dem lastenden Himmel aufsteigen. Auf dem Grèveplatz ein Gewirr von Waffen, ein Leuchten von Schärpen und Uniformen, Hanriots Kanonen in Stellung. Evarist steigt die Ehrentreppe hinan und trägt sich im großen Ratssaal in die Präsenzliste ein. Der Gemeinderat erklärt sich mit vierhunderteinundneunzig Mitgliedern einstimmig für die Geächteten.

Der Maire läßt sich die Tafel der Menschenrechte bringen und verliest den Artikel, in dem es heißt: »Wenn die Regierung die Volksrechte verletzt, so ist die Auflehnung für das Volk die heiligste und unerläßlichste Pflicht.« Und der oberste Stadtbeamte von Paris erklärt, daß die Gemeinde dem Staatsstreiche des Konvents den Aufstand des Volkes entgegensetzt.

Die Mitglieder des Gemeinderats schwören, auf ihrem Posten zu sterben. Zwei städtische Beamte werden auf den Grèveplatz geschickt, um das Volk aufzufordern, sich mit seinen Beamten zur Rettung des Vaterlandes und der Freiheit zu vereinen. Alles sucht sich, tauscht Nachrichten aus, gibt Ratschläge. Unter den städtischen Beamten sind wenige Handwerker. Der jetzt vereinte Gemeinderat ist von den Jakobinern gesäubert worden: Richter und Geschworene vom Revolutionstribunal, Künstler wie Beauvallet und Gamelin, Rentner und Professoren, reiche Bürger, Großkaufleute, gepuderte Köpfe, Bäuche mit Uhrgehänge. Nur wenige Holzschuhe, lange Hosen, Karmagnolen und rote Mützen. Diese Bürger sind zahlreich und entschlossen. Aber recht bedacht, ist es fast alles, was Paris an wahren Republikanern besitzt. Aufrecht stehen sie im Rathause, wie auf dem Felsen der Freiheit, umbrandet von einem Meere von Gleichgültigkeit.

Immerhin treffen günstige Nachrichten ein. Alle Gefängnisse, in denen die Geächteten eingekerkert wurden, öffnen ihre Tore und geben ihre Beute frei. Augustin Robespierre kommt als erster ins Rathaus und wird mit Beifall empfangen. Um acht Uhr trifft die Nachricht ein, daß Maximilian nach langem Widerstreben auch kommen will. Man erwartet ihn; er erscheint. Ungeheurer Beifall braust zu den Wölbungen des alten Rathauses empor. Er erscheint, von zwanzig Armen getragen, der schmächtige, geleckte Mann in blauem Rock und gelben Kniehosen – das ist er. Er übernimmt den Vorsitz und spricht.

Bei seiner Ankunft ordnet der Gemeinderat an, daß die Fassade des Rathauses sofort illuminiert wird. In ihm ist der Sitz der Republik. Er redet, redet mit dünner Stimme, mit Eleganz. Er spricht rein und wortreich. Die Anwesenden, die ihren Kopf auf sein Leben gesetzt haben, merken zu ihrem Entsetzen, daß er ein Mann der Worte ist, ein Mann der Ausschüsse, der Tribünen, unfähig zu raschem Entschluß und zu revolutionärer Tat.

Man zieht ihn ins Beratungszimmer. Jetzt sind sie alle beisammen, die berühmten Geächteten: Lebas, Saint-Just, Couthon. Robespierre redet. Es ist halb ein Uhr nachts. Er redet noch immer. Inzwischen drückt Gamelin im großen Rathaussaale die Stirn gegen die Scheiben und schaut mit bangem Blick hinaus. Er sieht die Lampions in der dichten, finstern Nacht schweben. Hanriots Kanonen stehen vor dem Rathause aufgefahren. Um halb ein Uhr tauchen Fackeln an der Ecke der Rue de la Vannerie auf. Sie umringen einen Delegierten des Konvents mit den Abzeichen seiner Würde. Er entfaltet ein Papier und verliest im roten Lichtschein ein Dekret des Konvents, das die Mitglieder des aufständischen Gemeinderats und die Bürger, die seinem Befehl gehorchen, ächtet.

Ächtung! Tod ohne Urteil! Der bloße Gedanke läßt die Entschlossensten erbleichen. Gamelin fühlt, wie seine Stirn eiskalt wird. Er sieht die Menge den Grèveplatz mit großen Schritten räumen. Und als er sich umdreht, sieht er, daß der Saal, in dem die Stadträte sich noch eben erdrückten, fast leer ist. Doch sie sind umsonst entflohen. Sie hatten sich eingezeichnet!

Zwei Uhr morgens. Der Unbestechliche berät im Nebensaal mit dem Gemeinderat und den geächteten Volksvertretern.

Gamelin bohrt seine Blicke verzweifelt in den finstern Platz. Beim Schein der Laternen sieht er die Holzlichte am Schaufenster des Krämers wie Kegel zusammenschlagen; die Laternen baumeln und flackern: ein Sturm hat sich aufgetan. Im nächsten Moment stürzt ein Platzregen nieder. Der Platz leert sich völlig, und die, welche das furchtbare Dekret nicht vertrieben hatte, nehmen vor einem Regengusse Reißaus. Hanriots Kanonen sind verlassen. Bei Blitzesschein sieht er aus der Rue Antoinette und vom Seinekai gleichzeitig die Truppen des Konvents anrücken, und die Eingänge zum Rathause stehen offen . . .

Endlich hat Maximilian beschlossen, über das Dekret des Konvents an die Sektion der Piken zu appellieren. Der Gemeinderat läßt Säbel, Pistolen, Piken herbeischaffen . . . Doch ein Getöse von Waffen, von marschierenden Truppen und zertrümmerten Scheiben erfüllt das Haus. Wie eine Lawine stürzen die Truppen des Konvents durch das Beratungszimmer und ergießen sich in den großen Rathaussaal. Ein Schuß kracht: Gamelin sieht Robespierre mit zerschmettertem Kinnbacken stürzen. Er selbst ergreift ein Messer, das Sechsdreiermesser, mit dem er eines Tages, als Hungersnot herrschte, einer darbenden Mutter sein halbes Brot abgeschnitten, das Messer, das Elodie eines schönen Abends im Gasthofe zu Orangis als Pfand auf ihrem Schoße gehalten hatte. Er klappt es auf und will es sich ins Herz stoßen. Die Klinge prallt gegen eine Rippe, schnappt zu und zerschneidet ihm zwei Finger. Gamelin bricht blutüberströmt zusammen. Er kann sich nicht rühren, leidet jedoch an grausamem Frost. In dem furchtbaren Handgemenge, das über ihn hinstampft, hört er deutlich die Stimme des jungen Dragoners Henri schreien:

»Der Tyrann ist nicht mehr; sein Gefolge ist zerschmettert. Die Revolution nimmt ihren majestätischen, furchtbaren Fortgang.«

Gamelin wird ohnmächtig.

Um sieben Uhr morgens kam ein Arzt, vom Konvent geschickt, und verband ihn. Der Konvent war sehr fürsorglich für Robespierres Mitschuldige: keiner sollte der Guillotine entgehen. Auf einer Tragbahre wurde der Maler, Geschworene und geächtete Stadtrat in die Conciergerie geschafft.


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