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Zwölftes Kapitel.
Gespenster

Am Abend desselben Tages versammelte sich eine auserlesene Gesellschaft in dem roten Saale der Marchesa. Pasotti hatte seine unglückliche Gattin gezwungen, ihn zu begleiten, und fast gewaltsam Herrn Giacomo Puttini mitgeschleppt, der vergeblich versuchte, sich den despotischen Launen des verehrtesten Kontrolleurs zu entziehen. Auch der Kurat von Puria und der Paolin waren gekommen, neugierig, zu sehen, welchen Eindruck die Tragödie von Oria auf das Marmorgesicht der Alten gemacht hatte. Der Paolin hatte den Paolon mit sich gezogen, der ebenfalls sanft widerstrebte wie ein großes, gutes Schaf. Es erschien der der Marchesa ergebene Kurat von Cima und der Präfekt der Caravina, der im Herzen zu Franco und Luisa hielt, aber als Seelsorger von Cressogno zu gewissen Rücksichten gegen deren Feindin verpflichtet war.

Diese empfing ihre Gäste mit dem gewöhnlichen gleichgültigen Gesicht, mit der gewöhnlichen phlegmatischen Begrüßung. Sie ließ Frau Barborin, der ihr Gebieter streng untersagt hatte, die Angelegenheiten von Oria auch nur anzudeuten, neben sich auf dem Sofa Platz nehmen, sie nahm die ehrerbietigen Begrüßungen der andern entgegen, tat die üblichen Fragen an Paolin und Paolon nach ihren betreffenden Freundinnen, freute sich zu hören, daß es der Paolina und der Paolona gut ging, faltete die Hände über dem Leib und schwieg würdevoll angesichts ihrer Höflinge, die einen Halbkreis um sie bildeten. Pasotti, der Friend nicht erblickte, erkundigte sich sogleich mit ehrfurchtsvollem Interesse nach ihm. »Und Friend? Der arme Friend!« obschon er, wenn er ihn solus cum solo in seinen Krallen gehabt hätte, dieses garstige, fletschende Satansvieh, das seine Hosen und die Röcke seiner Frau beschädigte, mit Wonne gewürgt haben würde.

Friend war seit zwei Tagen krank. Die ganze Gesellschaft bedauerte und beklagte den Fall in der geheimen Hoffnung, daß das verwünschte Ungeheuer krepieren möchte. Die Pasotti, als sie so viele Münder sprechen und alle Gesichter eine zerknirschte Miene annehmen sah, glaubte, da sie kein Wort hörte, man spräche über Oria; sie wandte sich an ihren Nachbar Paolon, fragte ihn mit den Augen, dabei den Mund aufsperrend und mit den Fingern nach der Richtung von Oria deutend.

Paolon schüttelte mit dem Kopf. »Sie sprechen vom Hund,« sagte er.

Die Taube verstand nichts, sagte »Ah!« und machte aufs Geratewohl ein betrübtes Gesicht.

Friend aß zu viel und zu gut, er litt an einer ekelhaften Krankheit. Paolin und der Pfarrer von Puria beeiferten sich, Ratschläge zu geben.

Der Präfekt der Caravina hatte sich andernorts maßvoll dahin geäußert, daß es das beste wäre, ihn in den See zu werfen, mit seiner Herrin als Gewicht am Halse. Während man so interessiert von dem Haustier sprach, mußte er an Luisa denken, mit dem verzerrten, totenblassen Gesicht, wie er sie am Morgen gesehen, als sie sich wie eine Rasende erst der Schließung des Sarges, dann der Überführung widersetzte, und dann auf dem Kirchhof mit eignen Händen Erde auf ihr Kind geworfen und ihm zugerufen hatte, auf sie zu warten, sie würde bald zu ihm kommen und an seiner Seite ruhen, und das sollte ihr Paradies sein.

Wenn man mit Interesse von dem räudigen Friend sprach, so waren dennoch die Gespenster des toten Kindes und der verzweifelten Mutter im Saal anwesend. Als niemand mehr etwas von dem Hunde zu sagen wußte und momentanes Schweigen herrschte, hörten alle, wie die beiden bleichen Schatten forderten, daß man von ihnen spräche, und jeder sah sie in den Augen derjenigen, die sie geliebt hatte, in den Augen der tauben Pasotti. Ihr Gatte versuchte sofort eine Ablenkung, er schlug Herrn Giacomo ein Tarockproblem vor. Einer, der Karten abzuwerfen hat und drei niedrige Karten, alle drei Bilder, eine Dame und zwei Pferde und noch dazu den Matto hat, was soll er tun? Die Dame und ein Pferd oder beide Pferde abwerfen? Herr Giacomo blies mit Volldampf, er blähte die roten Backen und die große weiße Krawatte auf: »Pff! Nein, teuerster Kontrolleur, nein. Erlassen Sie's mir. Von den Damen will ich nicht reden, aber von den Pferden habe ich mich immer fern gehalten. Pff!«

Die andern Tarockisten erörterten eifrig das Problem, die Gespenster verschwanden, und alle atmeten auf.

Es war neun Uhr. Gewöhnlich pflegte um neun der Diener mit zwei brennenden Kerzen einzutreten und in einer Ecke des Saales zwischen dem großen Kamin und dem Westbalkon den Spieltisch zurechtzustellen. Dann erhob sich die Marchesa und sagte mit ihrem schläfrigen Phlegma: »Wenn Sie jetzt wollen ...«

Die zwei oder drei Anwesenden antworteten: »Zu Ihren Diensten,« und man begann, je nachdem die Partie, zu dritt oder zu vieren.

Der alte, Franco treu ergebene Diener zögerte diesen Abend, die Lichter hineinzutragen. Es schien ihm nicht möglich, daß seine Herrin und ihre Gäste den Mut haben könnten zu spielen. Als er fünf Minuten nach neun noch nicht erschienen war, erklärte jeder sich diese Verzögerung auf seine Weise. Paolin hatte, ehe sie das Haus betraten, dem Präfekten gegenüber die Ansicht verfochten, daß man nicht spielen würde. Jetzt blickte er seinen Gegner triumphierend an, und dasselbe tat Paolon, dem es aus einem Solidaritätsgefühl heraus gefiel, daß Paolin recht behielt. Pasotti, der mit Sicherheit auf das Spiel gerechnet hatte, fing an, Zeichen der Unruhe von sich zu geben. Um neun Uhr sieben Minuten bat die Marchesa den Präfekten, die Klingel zu ziehen. Dieser gab Paolin den triumphierenden Blick zurück und legte seine ganze stumme Verachtung für die Alte mit hinein.

»Richte den Tisch her,« sagte sie zum Diener.

Gleich darauf trat er mit den beiden Kerzen ein. Auch auf dem Grunde seiner finster blickenden Augen konnte man das Gespenst des toten Kindes sehen. Während er die Lichter auf den Spieltisch stellte und die Karten und Elfenbeinmarken zurechtlegte, herrschte im Saale jenes Schweigen der Erwartung, welches dem Aufstehen der Marchesa vorauszugehen pflegte. Aber die Marchesa machte keine Miene, sich zu erheben. Sie wandte sich an Pasotti und sagte zu ihm:

»Kontrolleur, wenn Sie und die Herren spielen wollen ...«

»Marchesa,« antwortete Pasotti schlagfertig, »die Gegenwart meiner Frau darf Sie nicht abhalten, Ihre Partie zu machen. Barbara spielt schlecht, aber sie unterhält sich ausgezeichnet beim Zusehen.«

»Ich spiele heute abend nicht,« entgegnete die Marchesa. Die Stimme war weich, aber dies Nein war hart.

Der gute Paolon, der immer schwieg und nicht Tarock spielen konnte, glaubte endlich ein beredtes und weises Wort gefunden zu haben.

»Ja, ja!« sagte er.

Pasotti sah ihn grimmig an. »Was geht's ihn an?« dachte er, aber er wagte nicht zu sprechen. Die Marchesa schien Paolons Entdeckung keinen Wert beizumessen und fügte hinzu:

»Sie können spielen.«

»Auf keinen Fall!« rief der Präfekt, »nicht im Traum!«

Pasotti zog die Tabaksdose aus der Tasche. »Der Herr Präfekt,« sagte er, jede Silbe einzeln betonend und dabei die Hand mit einer Prise zwischen Daumen und Zeigefinger ein wenig hebend, »spricht in seinem Namen. Ich meinerseits, wenn die Frau Marchesa es wünscht, bin bereit, ihrem Wunsche nachzukommen.«

Die Marchesa schwieg, und der hitzige Präfekt, durch dieses Schweigen ermutigt, murmelte halblaut:

»Schließlich ist es Familientrauer.«

Seitdem Franco das Haus verlassen hatte, war sein Name niemals bei den Abendunterhaltungen im roten Saal ausgesprochen worden, nie hatte die Marchesa eine Anspielung auf ihn noch auf seine Gattin gemacht. Jetzt brach sie das vierjährige Schweigen.

»Ich bedaure das kleine Wesen,« sagte sie, »aber für seinen Vater und seine Mutter ist es eine von Gott geschickte Züchtigung.«

Alle schwiegen. Nach einigen Minuten sagte Pasotti mit leiser Stimme im feierlichen Tone:

»Ein Blitzstrahl.«

Und der Pfarrer von Cima setzte lauter hinzu:

»Ohne Zweifel.«

Paolin hatte Furcht, zu schweigen und zu sprechen und sagte »aber!«, worauf Paolon ein »so ist's« hören ließ.

Herr Giacomo pustete.

»Eine Strafe Gottes!« wiederholte emphatisch der Pfarrer von Cima. »Und unter den waltenden Umständen auch ein Zeichen seines besonderen Schutzes über einer andern Person.«

Alle, mit Ausnahme des Präfekten, der sich in Wut verzehrte, schauten die Marchesa an, als schwebte die schützende Hand des Allmächtigen über ihrer Perücke.

Aber die göttliche Hand lag auf dem unförmigen Hut der Pasotti und schloß ihr vorsorglich die Ohren, daß kein verderbliches Wort der Bosheit hineindränge.

»Pfarrer,« sagte Pasotti, »da die Marchesa es vorschlägt, wollen wir ein Spielchen machen? Sie, Paolin, der Herr Giacomo und ich?«

Die vier, die sich an den Spieltisch setzten, ließen sich sofort in ihrer Ecke in behaglicher, aufgeknöpfter Unterhaltung gehen, in den ambrosianischen Witzen, die wie Fett am Tarock kleben.

»Sie sind nicht einmal bis nach Barlassina gekommen!« rief Pasotti nach dem ersten Spiel, laut lachend seinen Sieg und seine Freude verkündend. Diese hatten sich von den Gespenstern befreit; die andern nicht.

Die Taube, kerzengerade und unbeweglich auf dem Sofa sitzend, hatte Todesqualen ausgestanden, in der Erwartung, der Gatte könnte ihr durch eine Bewegung befehlen, sich am Spiel zu beteiligen. O Herr, mußte sie auch diese Prüfung auf sich nehmen? Gott sei Dank blieb das Zeichen aus, und ihr erstes Gefühl, als sie die vier an dem Spieltisch sitzen sah, war das der Erleichterung. Aber gleich darauf stieg ein bitterer Ekel in ihr auf. Welche Beschimpfung für Luisa, dieses Spiel, welche Verachtung für die teure, kleine tote Ombretta! Niemand redete mit ihr, niemand beachtete sie; und so sprach sie im Geiste eine Reihe Paters, Aves und Glorias für das schlechte Geschöpf, das in der andern Ecke des Kanapees saß, für die alte Frau, die so bald vor Gottes Thron erscheinen mußte. Sie widmete ihr das Gebet für die Bekehrung der Sünder, das sie morgens und abends für ihren Gatten zu sagen pflegte, seitdem sie hinter gewisse Vertraulichkeiten gekommen war, die er sich mit einer niedrigen Person des Hauses erlaubte.

Bei Pasottis geräuschvollem Lachen erhob sich der Präfekt und verabschiedete sich.

»Warten Sie,« sagte die Marchesa, »Sie trinken noch ein Glas Wein.«

Um halb zehn Uhr pflegte eine Flasche des kostbaren alten San Colombano serviert zu werden.

»Heute abend trinke ich nicht,« antwortete der Präfekt heroisch. »Der Pfarrer von Puria weiß warum.«

»Ja,« entgegnete der Purianer leise, »es ist wahr, es war eine furchtbare Tragödie.«

Allgemeines Schweigen. Der Präfekt verneigte sich vor der Marchesa, grüßte die Pasotti mit der Miene »wir verstehen uns« und entfernte sich.

Der Pfarrer von Puria, ein starker Körper und ein feiner Kopf, beobachtete die Marchesa verstohlen. Hatten die Ereignisse in Oria Eindruck auf sie gemacht? Daß sie auf das Spiel verzichtete, schien ihm ein zweifelhafter Beweis. Sie konnte es ganz abstrakt, aus Achtung vor dem eignen Blut getan haben. Indem er sie genau beobachtete, bemerkte der Kurat, daß ihre Hände zitterten: das war neu. Sie vergaß Pasotti zu fragen, ob der Wein gut sei: das war neu. Über die wächserne Maske ihres Gesichtes ging von Zeit zu Zeit ein Zucken: etwas ganz Neues.

›Es hat sie getroffen,‹ dachte der Kurat. Da sie schwieg, die Pasotti schwieg, Paolon schwieg, die ganze Gruppe in Stein verwandelt schien, versuchte er das Eis zu brechen, und es fiel ihm nichts Besseres ein, als die Aufmerksamkeit auf den Spieltisch zu lenken und Pasottis Ausrufe, Paolins Proteste und die »ich sag' nicht« und »pff« des Herrn Giacomo zu glossieren.

Die Marchesa raffte sich ein wenig auf, es schien ihr Vergnügen zu machen, zu sehen, daß die Spieler sich unterhielten.

Die Pasotti hörte und sprach kein Wort, und die andern drei fingen schließlich an, über sie zu sprechen.

Die Marchesa äußerte ihr Bedauern, daß sie so taub sei, daß man nicht ein wenig mit ihr plaudern könnte. Die andern beiden lobten sie so, wie sie es verdiente, und wie es noch heute jeder tut, der sich an sie erinnert. Sie blieb melancholisch und stumm, ohne im geringsten zu ahnen, daß sie der Gegenstand dieser Unterhaltung war. Der Herr behütete ihre tiefe, kindliche Demut und ließ nicht das Lob der Leute in ihre Ohren dringen, sondern nur die harten Verweise des Gemahls. Ihre großen traurigen Augen belebten sich, als Herr Giacomo ein lautes Schlußschnauben ertönen ließ und seine Kollegen, nachdem sie die Karten beiseite gelegt, sich bequem in ihre Stühle zurücklehnten, um das Vergnügen des Spiels wiederzukäuen. Endlich näherte sich ihr Herr und Gebieter dem Sofa und machte ihr ein Zeichen, sich zu erheben.

Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben freute sie sich, in das Boot zu steigen, zum größten Erstaunen des Pfarrers von Puria, der erklärte, daß er bei Nacht auf dem See ein Hasenfuß sei.

Und in der Tat, hundert Schritte von Cressogno packte sie von neuem der Schauder des Sees und der Finsternis. Mit Neid dachte sie an den Kuraten, dessen Stimme man oben vom Tention zwischen den Olivenbäumen hörte.

»Adieu, Hasenfuß!« rief Pasotti.

Der »Hasenfuß« hörte nicht. Er war in leise geführtem eifrigem Gespräch mit Paolin; sie erörterten die Worte der Marchesa, des Präfekten, Pasottis, versuchten das Herz der Alten zu erforschen und stritten darüber, ob Mitleid oder Gewissensbisse es erfüllten. Der Kurat meinte ja, Paolin widersprach.

Paolin ging mit der Laterne voran und ließ ein fortwährendes unverständliches Grunzen hören.

Paolon begann nun alles, was ihm zwischen die Zähne kam, in seiner bissigen Art zu zermalmen, nichts verschonte er: die Härte der Marchesa, Pasottis Bosheit, die Einfalt seiner Gattin, Cimas unwürdige Kriecherei, die Unbesonnenheit des Präfekten, Luisas und Francos Verrücktheiten, die Schwachheit des Ingenieurs Ribera, und was es sonst noch an Vergehen von Toten und Lebendigen gab. Härte, Schwachheit, Bosheit, Eigensinn, Kriecherei: überall war seiner Meinung nach gemeiner Egoismus das Grundmotiv.

»Was für ein großes Narrenhaus, die Welt,« war das Endresumé seiner Anschauungen. »Und hören Sie, mein lieber Pfarrer, wenn man sein bißchen Reis und Kohl mit 'nem bißchen Käse darauf hat, dann soll man all das andre zum Teufel gehen lassen, das ist das beste.«

Nach einer so logischen Sentenz gab's nichts mehr zu sagen noch zu grunzen, und die kleine Gesellschaft, die jetzt die Höhe der Steigung erreicht hatte, setzte ihren Weg in Schweigen fort durch die feuchten Schatten des Campo, in dem frischen Duft der Kastanien und Nußbäume, ohne ein Gespenst zu gewahren, das durch die Luft in der Richtung nach Cressogno schwebte.

*

Nachdem ihre Gäste sie verlassen hatten, läutete die Marchesa zum Rosenkranz, den man nicht zu der üblichen Stunde hatte beten können. Dieser Rosenkranz des Hauses Maironi war etwas Lebendiges, das seine Wurzeln in den alten Sünden der Marchesa hatte und sich immer weiter entwickelte und in dem Maße, wie die alte Dame an Jahren, an neuen Aves und Glorias zunahm. Daher war dieser Rosenkranz recht lang. Die süßen Sünden der in die Länge gezogenen Jugendzeit belasteten ihr Gewissen nicht allzu schwer; aber ein großer Betrug ganz andrer Natur, in Lire, Soldi und Gold zu bemessen, der von ihr unvollkommen gebeichtet und daher ihr nur unvollkommen verziehen war, beschwerte ihr Gemüt und sollte durch das Rosenkranzbeten niedergehalten werden, aber immer von neuem erhob sich das Gespenst. Während sie den großen Gläubiger um den Erlaß ihrer Schuld bat, schien es ihr, als könnte er ihn ihr voll und ganz gewähren; aber dann sah sie wieder im Geiste die finsteren Gesichter der kleinen Gläubiger, und mit ihnen kehrte der Zweifel an die Vergebung der Sünden zurück, und ihr Geiz, ihr Hochmut hatten einen Kampf zu bestehen mit der Furcht vor dem ewigen Schuldgefängnis jenseits des Grabes.

Als die Gebete für die Bekehrung der Sünder und für die Heilung der Kranken gesprochen waren, kündigte sie, ehe man zum Deprofundis überging, drei neue Ave Maria an.

Die Küchenmagd, ein einfaches, frommes Bauernmädchen aus Cressogno, nahm an, daß die drei Ave Maria den Unglücklichen in Oria galten, und sprach sie mit tiefster Inbrunst.

Die Ave Maria der Dienstmagd verdrängten und zerstreuten die der Herrin, die um Schlaf, Ruhe der Nerven und des Gewissens baten. Was die Ave Maria der andern anbetraf, so wurden sie nach ihrer gemeinsamen Absicht so gebetet, daß sie nicht endgültig, wie es nur allzu häufig geschah, vom Rosenkranz abhingen. Niemand aber vermochte das Gespenst auf seinem Wege aufzuhalten.

Gegen elf Uhr zog sich die Marchesa zurück. Als sie ihre Limonade getrunken hatte und die Kammerfrau anfing zu erzählen, daß das Gerücht ginge, Don Franco sei nach Oria zurückgekommen, gebot sie ihr Schweigen.

Ja, es hatte sie getroffen. Immer stand ihr Marias Bild vor Augen, wie sie sie einmal im Boot an der Villa Gilardoni hatte vorbeifahren sehen, ein kleines Mädchen mit einem weißen Schürzchen, langen Haaren und nackten Armen, seltsam einem Kinde von ihr gleichend, das ihr mit drei Jahren gestorben war. War es Liebe, Mitleid, das sie fühlte? Sie wußte es selbst nicht! Vielleicht Ärger und Schrecken darüber, daß sie sich nicht von einer lästigen Vorstellung freimachen konnte. Vielleicht Furcht vor dem Gedanken, daß, wenn jene alte, schwere Sünde nicht begangen, wenn das Testament des Marchese Franco nicht verbrannt worden wäre, das Kind nicht gestorben sein würde.

Als sie im Bett war, ließ sie sich von der Kammerfrau andre Gebete lesen, hieß sie das Licht auslöschen und verabschiedete sie. Sie schloß die Augen und versuchte, an nichts zu denken. Unter den geschlossenen Lidern sah sie einen formlosen hellen Fleck, der sich allmählich als ein kleines Kissen abzeichnete, dann zu einem Brief wurde, sich in eine große weiße Chrysantheme verwandelte und dann in ein ruhendes Totenantlitz, das kleiner und kleiner wurde. Sie hatte schon die Empfindung einzuschlummern, aber diese letzte Wandlung erweckte in ihrem Herzen den Gedanken an das Kind, sie sah nichts mehr unter den geschlossenen Lidern, die Müdigkeit schwand, und unruhig, unzufrieden öffnete sie die Augen. Sie nahm sich vor, eine Tarockpartie auszudenken, um die lästigen Vorstellungen zu verscheuchen und den Schlaf zurückzurufen. Sie dachte an die Trümpfe, und mit einiger Anstrengung gelang es ihr, im Geiste den Spieltisch, die Spieler, die Kerzen, die Karten vor sich zu sehen; als sie nun aber mit der geistigen Anstrengung nachließ, um sich einer passiven Vision dieser angenehmen Vorstellungen hinzugeben, erschien ihren geschlossenen Augen ein ganz andres Bild, ein Kopf, der seine Züge, seinen Ausdruck, seine Haltung beständig wechselte, und der zuletzt sich langsam vornüber neigte, wie im Schlafe oder im Tode, so daß man nichts als die Haare sah.

Wieder zuckten die Nerven der Marchesa zusammen, und wieder öffnete sie die Augen. Sie hörte die Uhr auf der Treppe schlagen. Sie zählte die Schläge: zwölf. Schon Mitternacht, und sie konnte nicht schlafen! Sie blieb einige Zeit mit offenen Augen liegen, und nun sah sie im Dunkel Bilder wie vorher unter den geschlossenen Lidern. Sie begannen mit einem formlosen Fleck und wechselten beständig. Das Zifferblatt einer Uhr war es erst, das sich in ein entsetztes Fischauge, in ein streng blickendes Menschenauge verwandelte.

Plötzlich kam der Marchesa der Gedanke, daß es ihr nicht gelingen würde einzuschlafen, und wieder war der beginnende Schlaf verscheucht. Nun läutete sie.

Die Kammerfrau ließ sich zweimal rufen und erschien dann halb entkleidet und verschlafen. Der Befehl lautete, das Licht auf einen Stuhl zu stellen, so daß man vom Bett aus die Flamme nicht sehen könnte, einen Band der Predigten von Barbieri zu nehmen und halblaut zu lesen. Die Kammerfrau war daran gewöhnt, derlei Narkotika zu beschaffen. Sie begann zu lesen, und beim Anfang der zweiten Seite, als sie den Atem ihrer Herrin schwerer gehen hörte, senkte sie die Stimme allmählich mehr und mehr, ging in ein unartikuliertes Murmeln über, bis sie schließlich ganz schwieg. Sie wartete ein Weilchen, horchte auf die regelmäßigen und schweren Atemzüge, stand auf, um das auf doppelten Kissen ruhende finstere Gesicht mit den gerunzelten Brauen und dem halb geöffneten Mund zu betrachten, nahm das Licht und zog sich auf den Zehenspitzen zurück.

Die Marchesa schlief und träumte. Sie träumte, sie läge auf Stroh in der dunkeln Zelle eines Gefängnisses mit Ketten an den Füßen, des Mordes angeklagt. Der Richter trat mit einem Licht zu ihr ein, setzte sich neben sie und las ihr eine Predigt über die Notwendigkeit der Beichte vor. Sie beteuerte ihre Unschuld und sagte: »Aber wissen Sie nicht, daß sie durch eigne Schuld ertrunken ist?« Der Richter antwortete nicht, sondern las und las immer weiter mit ernster, feierlicher Stimme, und die Marchesa beteuerte immer dringender: »Nein, nein, ich habe sie nicht getötet.«

Sie war nicht phlegmatisch im Traum, sie gebärdete sich wie eine Verzweifelte.

»Hüten Sie sich,« antwortete der Richter. »Das Kind sagt es.« Er stand auf und wiederholte: »Sie sagt es.« Dann klatschte er laut in die Hände und rief: »Tretet ein!« Bis hierher hatte die Marchesa im Traum gefühlt, daß sie träumte; jetzt glaubte sie zu erwachen und sah mit Entsetzen, daß wirklich jemand eingetreten war.

Eine menschliche Gestalt, von der ein schwacher Schein ausging, hatte sich auf den mit Kleidungsstücken bedeckten Armsessel neben ihrem Bett niedergelassen, so daß sie den unteren Teil der Erscheinung nicht sehen konnte. Der Hals, die Arme, die gefalteten Hände schimmerten weiß und zeigten nur verschwommene Umrisse; der gegen die Lehne gestützte Kopf hob sich klar und deutlich ab und war von einem blassen Lichtschein umgeben. Die dunkeln, lebhaften Augen hefteten sich auf die Marchesa. O Grauen! Es war wahrhaftig das tote Kind. Entsetzlich, entsetzlich! Die Augen der Erscheinung sprachen, sie sagten es. Der Richter hatte recht, das Kind sagte es, ohne Worte, mit den Augen. »Du, Großmutter, du bist es gewesen, du. Ich hätte in deinem Hause zur Welt kommen müssen und dort leben. Du hast es nicht gewollt. Du bist verdammt zum ewigen Tod.«

Nur die Augen, die starren, traurigen, klagenden Augen sagten dies alles gleichzeitig. Die Marchesa stöhnte laut auf, sie streckte die Arme nach der Erscheinung aus, sie wollte etwas sagen, aber sie brachte nichts als ein röchelndes: »Ach ... ach ... ach ...« heraus, während Brust, Hände und Arme der geisterhaften Erscheinung sich im Nebel auflösten, die Konturen des Gesichts verschwammen und nur der eindringliche Blick blieb, bis auch dieser sich endlich verschleierte und wieder in einer Weite, einer Tiefe versank, so daß nichts von der Erscheinung blieb als ein phosphoreszierendes Leuchten, das von der Dunkelheit aufgesogen wurde.

Die Marchesa fuhr aus dem Schlafe auf, in ihrer Angst dachte sie nicht an die Glocke, sie versuchte zu schreien, brachte aber keinen Ton aus der Kehle. Mit einer letzten Anstrengung ihres Willens, der selbst bei dem Versagen ihrer Kräfte noch mächtig war, fuhr sie mit den Beinen aus dem Bett, stand auf, tat im Dunkel ein paar Schritte, wankte, stolperte gegen den Armsessel, klammerte sich an einen Stuhl und fiel mit diesem in ihrer ganzen Schwere zu Boden, wo sie stöhnend liegen blieb.

Die Kammerfrau erwachte von dem dumpfen Geräusch des Falles, sie rief, erhielt keine Antwort, hörte das Stöhnen, zündete eine Kerze an, eilte hinein und sah in dem Halbdunkel zwischen dem Stuhl und dem Lehnsessel etwas Weißes und Unförmliches, das sich auf dem Boden wand wie ein Meeresungeheuer, das man aus dem Wasser ins Trockene gezogen hat. Sie schrie auf, lief zu der Glocke, weckte mit einem Schlage das ganze Haus und stürzte der Alten zu Hilfe, die röchelte: »Der Priester, der Priester! Der Präfekt, der Präfekt!«


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