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Drittes Kapitel

Frau Köpke stieg die vier Treppen zu Herrn Purtallers Wohnung hinauf. Sie hatte ihren Alltagshut auf, ihren lila Kapotthut.

»Willst du nicht deinen neuen aufsetzen?« hatte Hanna gemeint. Aber Frau Köpke war nicht eitel und war schonsam.

Das Haus, in dem Purtallers wohnten, lag in einem abgelegenen Viertel, wo nur kleine Leute ihr Heim hatten. Es lag in einer dunklen, engen, schmutzigen Straße. Dunkel und schmutzig war es auch im Hausflur, dunkel und schmutzig waren die schmalen, knarrenden Treppen. Eine üble Luft herrschte im Hause; alle Küchendüfte, die aus den verschiedenen Wohnräumen in das Treppenhaus zogen, vermischten sich zu einem unnennbaren Etwas, das desto scheußlicher wurde, je höher man stieg. Was war gegen diese Dünste der Fellgeruch im Köpkeschen Hause!

Oben im vierten Stock lichtete es sich etwas. Durch die schmutzigen Scheiben des Oberlichtes schien trübe der Tag herein. Zwei gelbbraune häßliche Türen lagen sich gegenüber. Vor jeder lag eine abgetretene, zerfetzte Strohmatte.

Purtallers Visitenkarte, die mit Heftzwecken befestigt war, führte Frau Köpke an die rechte Tür. Sie las noch einmal aufmerksam: Kand. A. Purtaller.

Sie suchte die Klingel, aber es war keine vorhanden. Sie drückte auf den Türgriff, und die Tür öffnete sich und stieß gegen eine rasselnde Kette.

»Ist da wer?« fragte eine Kinderstimme.

»Ja, es ist da wer,« antwortete Frau Köpke.

Alsbald wurde aufgemacht, und ein zartes, blasses Mädchen von etwa vierzehn Jahren richtete zwei große blaue Augen erstaunt und fragend auf die Besucherin. Ein Wuschelwald von blondem Haar, den ein schmutziges blaues Band zusammenhielt, umrahmte das schmale Gesicht.

»Ist Herr Purtaller zu Hause?« fragte Frau Köpke.

»Nein, Papa ist ausgegangen,« sagte die Kleine.

Das ist also sein Kind, dachte Frau Köpke und sah die Kleine von oben bis unten forschend an.

»Ist deine Mama denn zu Hause?«

»Mama ist krank, Mama liegt im Bett.«

»Vielleicht könnte ich sie doch einmal sprechen, ich bin Frau Köpke.«

Die Kleine wurde rot und sagte:

»Aber bitte, treten Sie näher, ich will mal eben fragen.«

Sie ließ Frau Köpke in das Wohnzimmer eintreten und verschwand in den Nebenraum, wo alsbald eine klagende Stimme laut wurde.

Frau Köpke sah sich im Wohnzimmer um. Höchst dürftig, dachte sie. Ein Tisch, zwei Stühle, ein altes Haartuchsofa und eine Kommode bildeten das ganze Möblement. Über dem Sofa hing ein blinder Spiegel mit abgeblättertem Goldrahmen, darunter ein kleines stockfleckiges Familienporträt in rundem, schwarzem Rahmen, eine Frau und einen Mann darstellend, die Hände verschlungen auf dem Schoß. Vielleicht die Eltern Purtallers, oder er und seine Frau. An der gegenüberliegenden kahlen Wand hing eine einsame verstaubte Geige.

Frau Köpke trat an das Fenster, vor dem ein kümmerlicher Geranientopf stand. Das Fenster führte auf einen Hof hinaus. Man sah von dieser Höhe aus über die niedrigen Dächer der Nachbarhäuser hinweg in eine Welt von Schornsteinen und Drähten.

Die klagende Stimme nebenan ließ sich noch ein paarmal vernehmen; man hörte verschiedene Geräusche, ein Stuhl wurde gerückt, eine Bettdecke geklopft, dann kam die Kleine und sagte schüchtern: »Mama läßt bitten.«

Frau Purtaller lag im Bett und erschreckte Frau Köpke durch ihr leidendes Aussehen. Mit eingefallenen, hektischen Wangen und fiebernden Augen lag sie da; sie versuchte sich ein wenig zu erheben und verbindlich zu lächeln, aber beides mißlang.

»Ich bin Frau Köpke. Sie wissen wohl – ich wollte doch mal sehen –«

»Ach ja, mein Mann ist schon zweimal nicht bei Ihnen gewesen. Seien Sie nur nicht böse.«

»Er schrieb, daß Sie krank seien,« sagte Frau Köpke. »Da wollt ich mich doch mal persönlich danach umschauen. Sind Sie sehr krank?«

Die Kranke lächelte schwach.

»Ich glaube, ja.«

Dann nickte sie apathisch vor sich hin und sah auf den Ofen, der zu Füßen ihres Bettes stand.

»Ja, ja, krank sein ist nicht schön,« sagte Frau Köpke, indem sie sich einen Stuhl näher ans Bett zog. »Haben Sie denn ordentliche Pflege?«

»Mein Mann tut ja, was er kann,« sagte die Kranke, »und mein Donchen auch.«

Ein zärtlicher Blick traf die Tochter, unter dem die Kleine errötete und sich bis ans Fenster zurückzog.

»Entschuldigen Sie,« sagte Frau Köpke. »Aber Sie kommen mir so furchtbar bekannt vor, je länger ich Sie ansehe. Nur weiß ich nicht gleich, wo ich Sie hintun soll.«

Die Kranke wurde aufmerksam und sah ihren Besuch mit großen Augen an.

»Malchen Schönemann sind Sie wohl nicht?« fragte Frau Köpke.

»Das ist mein Mädchenname,« antwortete Frau Purtaller.

»Male!« rief Frau Köpke. »Du bist es? Ich bin Minna.«

Ein Erkennen lief über das Gesicht der Kranken.

»Minna?«

»Minna, deine Minna.«

Frau Köpke hatte Frau Purtallers Hand ergriffen und sah sich nach Donia um.

»Das ist also deine Tochter? Ja, man sieht es doch auf den ersten Blick. Ganz die Mama. Sag mal, dein Mann hat wohl ganz gut zu tun, so billig wie er ist?«

Frau Purtaller machte eine krampfhafte Kopfbewegung, ein Hustenanfall würgte sie. Dann befreite sich die gepeinigte Brust mit bellendem, pfeifendem Geräusch. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, antwortete sie:

»Ach nein. Er verdient ja kaum das Nötigste.«

»So, so. Ja, es laufen so viele junge Leute herum, die Stunden geben. Ja. Das ist wohl recht schwer. Wer kocht dir denn nun?«

»Donia,« antwortete die Kranke.

»Donia? Den Namen habe ich noch nie gehört,« sagte Frau Köpke.

»Es ist die Abkürzung von Sidonia,« erklärte Frau Purtaller, die das Sprechen sichtlich angriff.

»Ein schöner Name, Sidonia,« sagte Frau Köpke, und sah sich nach dem Mädchen um, das noch immer bescheiden in der Fensternische stand. Sie nickte ihr freundlich zu.

»Kannst du denn schon ordentlich kochen?«

»Ein klein wenig. Mutter ist immer so gut und ist immer zufrieden.«

»Und der Papa?«

Die Kleine schwieg verlegen.

»Die Männer sind immer anspruchsvoller,« sagte die Kranke entschuldigend.

»Mein Mann war das gar nicht,« versetzte Frau Köpke. »Im Gegenteil, ein so anspruchsloser, bescheidener Mann, wie mein Mann, – na, wir sind ja alle verschieden. Sage mal, Male, möchtest du wohl mal ein Glas Wein trinken, so recht schönen, guten Wein?«

Die Kranke lächelte und sagte:

»Ach Gott, du bist so gut, liebe Minna. Wein bekommen wir allerdings seit langem nicht mehr zu sehen.«

»Er ist aber so stärkend. Ich meine, er sollte dir gut tun. Schick nur mal deine Kleine zu mir. Hörst du? Tu es aber auch! Gleich morgen schick sie nur mal zu mir.«

Frau Purtaller versprach es, und bedankte sich noch einmal für Frau Köpkes Güte.

»Dafür mußt du nicht danken. Das ist Christenpflicht. Oder soll ich die Flasche Wein deinem Mann mitgeben?«

»Donia kommt gerne zu dir,« sagte die Kranke abwehrend.

Frau Köpke hätte gern mehr von dem Schicksal der Jugendfreundin gehört. Aber Frau Purtaller war sichtlich angegriffen von der Unterhaltung. »Ich komme bald wieder, Male,« sagte Frau Köpke. »Pfleg dich man recht, dann wirst du schon wieder werden.« Und Frau Köpke empfahl sich mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk getan zu haben. –

Die arme Male, wie krank sie war! Und die Kleine sah auch nur schlecht aus. Wie die armen Leute doch manchmal durchkommen müssen! Und das war nun ein studierter Mann! Er hatte sogar auf der Kanzel gestanden, und wohnte nun vier Treppen hoch in Schmutz und Elend!

Frau Köpke war froh, als sie wieder in bessere Straßen kam, und stärkte ihre gesunkenen Lebensgeister an den bunten Auslagen der Schaufenster. Bei einem blauen Kleide, das ihrer Hanna gut stehen würde, mußte sie aber doch plötzlich an die blasse Donia denken. Aber so ist nun einmal die Welt. Einige Leute sind rot und rund, und andere wieder sind blaß und schmal, und es geht nicht allen gleich gut. Wenn wir nur immer unsere Christenpflicht tun.

Ob sie den Kindern erzählte, daß sie in Frau Purtaller eine Jugendfreundin wiedergefunden hatte?

Vielleicht ein anderes Mal. So ein bißchen peinlich war es ihr doch, Herrn Purtallers wegen. Aber sie konnte es doch nicht unterlassen. »Denk dir, Hanna, Herrn Purtaller seine Frau ist eine alte Schulfreundin von mir, Malchen Schönemann.«

Aber Hanna nahm diese Mitteilung sehr gleichgültig auf.

»Das ist ja gelungen,« meinte sie. –

Am andern Tage kam Donia, den Wein zu holen. Hanna öffnete ihr.

Beide Mädchen musterten sich kritisch. Donia ein wenig schüchtern, Hanna ein wenig verwundert und von oben herab.

»Und?« fragte sie einsilbig.

»Ist Ihre Frau Mutter zu sprechen?« fragte Sidonia bescheiden.

»Was wünschen Sie?« fragte Hanna, die das Sie nicht mit einem Du erwidern mochte.

»Ich möchte den Wein für Frau Purtaller holen.«

»Ach so! Bitte, treten Sie näher.«

Donia trat bescheiden näher und blieb an der Tür auf dem Korridor stehen, bis Frau Köpke mit dem Wein kam: diese gab Donia die Hand, mit einem ermunternden, wohlwollenden Blick. Donia sah besser aus als zu Hause. Sie hatte ein frisches Band im Haar, und die blonde Fülle war angemessen geglättet. Das dürftige Kleid, obwohl rein und heil, war ihr jedoch reichlich kurz; ein paar lange, grobbestrumpfte Beine staken in plumpen Schuhen.

»Wie geht es deiner Mutter?« fragte Frau Köpke.

»Sie hat heute nacht sehr viel gehustet,« sagte Donia. »Aber heute morgen liegt sie still vor sich hin und schläft viel.«

»So, so. Sie soll nur recht viel schlafen. Grüße deine Mutter, und sie möchte sich an dem Wein stärken. Ich käm auch bald mal wieder vor. Kommt denn dein Vater heute?«

»Ich soll bestellen, er würde noch kommen,« sagte Donia.

»Hörst du, Hanna?« wandte sich Frau Köpke an diese, »sage es dem Bruder nachher.« Aber in diesem Augenblick kam Max die Treppe herausgestürmt, laut und pfeifend. Als er Donia sah, stutzte er und verstummte. Sie machte ihm bescheiden Platz.

Wer ist denn das? fragten seine Augen.

»Das ist Donia Purtaller, die Tochter deines Lehrers,« sagte Frau Köpke.

Max machte eine steife Verbeugung und starrte sie unverwandt an, so daß sie errötete.

»Ich danke auch vielmals,« sagte sie und reichte Frau Köpke ihre kleine, magere Hand. Und dann gab sie auch Hanna die Hand, und gab sie nach kurzem Zögern auch Max. Er nahm sie mit einem verlegenen Lächeln und zog sich dann mit rotem Kopf hinter seine Mutter zurück.

»Bringe Donia an die Haustür,« sagte Frau Köpke zu Hanna. Und Hanna geleitete Donia über die Diele bis auf die Straße.

»Es riecht hier immer so nach Fellen,« bemerkte sie entschuldigend.

»O bitte, das macht nichts,« erwiderte Donia.

Als Donia weg war, dachte Hanna: die roch auch nicht gut, so nach armen Leuten.

Oben wiederholte sie die Bemerkung, aber Frau Köpke verwies es ihr. »Wir können nicht alle gleich gut riechen,« sagte sie strenge.

Max fand übrigens nicht, daß Donia »muffig« gerochen hätte. »Du mit deiner Nase,« sagte er. »Was du immer alles riechst!« Hanna war empört über diesen Angriff auf ihre Nase.

»Morgen kommt übrigens Herr Purtaller wieder,« sagte sie scharf und schadenfroh.

»Freut mich,« rief Max.


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