Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

 << zurück weiter >> 

Der Gefangene

Folgender Vorfall ereignete sich nach einem alten Schriftsteller in der letzten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Ein junger schwedischer Offizier aus vornehmem Geschlecht machte eine Reise durch Deutschland, um Städte und Länder zu sehen und fremde Menschen wie neue Verhältnisse kennen zu lernen. Er kam in eine kleine Residenzstadt, deren Natur und Bewohner ihm recht zusagten, denn sie lag am Abhang eines Gebirges, das mit dichten und schwarzen Fichtenwäldern bedeckt war, und Bächlein sprangen durch die grünen Wiesen, Eisenhämmer pochten im Walde und machten des Nachts einen sichtbaren Schein, und die Menschen waren fröhlicher und zutulicher Art. Das alles erinnerte ihn so an seine Heimat, daß ihm weich ums Herz wurde. Und da es auf die Frühlingszeit ging, so verspürte er ein unbestimmtes Sehnen im Herzen.

Am Sonntag ging er in die Kirche und erbaute sich an dem frommen Gesang und der ehrenfesten Predigt. Nach der Predigt wurde das heilige Abendmahl gefeiert. Da öffnete sich der Stuhl der fürstlichen Herrschaften, und ein junges Fräulein schritt hervor, mit züchtig gesenkten Augen, die kniete auf dem Bänkchen vor dem Altar, faltete die Hände und schaute gläubig zu dem weißhaarigen und hochgewachsenen Priester in die Höhe, dessen Augen hell und gut leuchteten. Es geschah dem Fremden, als stehe ihm plötzlich das Herz still; und er betrachtete mit starren Augen das klare und reine Antlitz der Jungfrau.

Nun war ihm wie im Traum, daß er im Wald ging und in der Ferne hämmerte ein Specht. Dann hörte er auch, daß seine Geliebte die einzige Tochter des Fürsten war, von dem Fürsten erzählten die Leute, er sei roh und gewalttätig, die Prinzessin leide; das machte ihm aber geringe Gedanken. Immer zog es ihn dahin, wo er sie sehen konnte, und doch hatte er gar keinen bewußten Willen, in ihre Nähe zu kommen. Einmal fuhr sie an ihm vorbei mit Blitzschnelle, vier Pferde waren vor ihrem Wagen. Er grüßte, als sie schon vorüber war; aber sie blickte zurück; vielleicht hatte sie auch nicht zurückgeblickt.

Es klopfte an einem späten Abend an seine Tür. Als er öffnete, drückte ihm ein Mann ein Briefchen in die Hand und lief eilig und polternd die Stufen hinab. In dem Briefchen stand, er solle einen Zufluchtsort in seiner Heimat vorrichten, den Wagen für die Flucht vor der Stadt bereit halten und zu bestimmter Nachtstunde an einer kleinen Tür des Schlosses warten. Verwunderung spürte er gar nicht. Aber er wußte, das jetzt alles so kommen mußte, wie es bestimmt war über ihn; glücklich war er, daß er nur tun sollte, was ihm aufgetragen wurde. Schnell schrieb er in seine Heimat, bestellte einen Wagen. Es fiel ihm auf, daß ihm die Leute nicht nachsahen, wenn er durch die Straßen schritt. Auch wärmende Decken und Pelze besorgte er. Als der Abend kam, versah er sich mit Pistolen, lockerte seinen Degen, ging ohne Mantel. Lange wartete er unter der dunklen Wölbung der kleinen Tür. Zuweilen hörte er aus weiter Entfernung, wie ein harrendes Pferd auf Steinplatten schlug. Aber das waren nicht seine bestellten Pferde. Einen fallenden Stern sah er einmal. Und wärmend durchrieselte ihn das Glück.

Da warfen sich plötzlich mehrere Männer auf ihn, hielten seine Arme an den Leib gepreßt und verstopften ihm den Mund. Er wurde schnell gebunden und durch Gäßchen geschleppt, durch Türen und ein Tor zu einem Wagen. Zwei Männer stiegen mit ein, der Kutscher schlug auf die Pferde.

Auf eine hohe Burg brachten sie ihn, da bekam er ein Turmstübchen. Wie auf einen moosigen Waldgrund blickte er hin über weite Wälder. Oft zogen unter ihm Wolken, die sich wunderlich anhakten an Bergspitzen, und sich verzerrten zu fremdartigen Figuren. Lautlos war es, und nur selten drang morgens bei günstigem Wind ein leiser Ton von Vogelgezwitscher an sein Ohr.

Weil er erst zwanzig Jahre alt war, und hier sollte er sein ganzes Leben gefangen bleiben, so dachte er, hier könne er wohl sechzig Jahre leben, und das war doch eigentlich ebenso, als wenn er sechzig Tage lebte oder sechzig Stunden. Ganz weit zurück lag ihm alles, seine Kindheit und sein Dienst, seine Kameraden, seine Reise, als seien schon die sechzig Jahre um, aber er war noch ein junger, bartloser Mann mit heller Stimme. Jeden Tag ritzte er mit dem Nagel ein Kreuz in die Wand, dreihundertfünfundsechzig Kreuze bedeuteten ein Jahr, das war eine lange Reihe von der Decke bis zum Boden, und dann noch eine halbe Reihe. Wenn er sechzig Jahre lang täglich ein Kreuz ritzte, so reichten die Wände, gerade aus, denn es war ja doch auch der große Ofen da und die Tür. Hart war es doch wohl, daß er ein solches Leben führen sollte. Nun dachte er nach, ob es ein Zufall gewesen sei, daß ihn dieses Geschick traf. Etwa, er hätte doch einen andern Reiseweg einschlagen können und die Prinzessin nie gesehen, oder an jenem Sonntag hätte er können die Kirche versäumen, dann hätte er seine Reise beendigt, wäre nach Hause zurückgekehrt, und vielleicht wäre Krieg gekommen, und er hätte sich ausgezeichnet und wäre ein berühmter Heerführer geworden. Alles lag vielleicht an einem zerbrochenen Rade oder einem zufälligen Kopfschmerz. Dann wäre doch eigentlich das Leben ein bloßes Spiel. Viele Jahre hatte er vor sich, über diese Frage nachzudenken, und er beschloß allen seinen Verstand anzustrengen, um sie zu lösen. Er ging auf und ab in seinem Stübchen, die Hände auf dem Rücken, immer vom Fenster zum Ofen und vom Ofen zum Fenster. So vergingen Jahre, und er hatte an seiner Stelle schon einen Gang in die Dielen eingetreten. Einmal empfand er ein großes Mitleiden mit sich, als er diesen Gang sah. Da wurde ihm klar, daß unser Schicksal aus unserm Innern kommt, und deshalb gibt es keinen Zufall im Leben. Er war so ein Mensch, der ein solches Schicksal haben mußte, und überall hätte ihn das getroffen. Ja, vielleicht war die äußere Ausgestaltung nur ein Schein, oder ein Traum, wie wir ja im gewöhnlichen Traume selber Geschichten bilden zu einem Geräusch oder einem Gefühl von außen. Denn was war das Wesentliche? Daß er hier auf und ab ging und nachdachte, und Krümchen streute für einen Zeisig, der an sein Fenster kam, und um den Zeisig hatte er viele Sorgen, daß der nicht von einem Raubvogel gefressen würde.

Auch hatte er den alten Burgwart gern und sein Töchterchen. Das Kind kam an den Nachmittagen zu ihm herauf, erzählte ihm, und er selbst erzählte dem kleinen Mädchen auch. Immer dieselben Geschichten besprachen sie, wie er von seinem König einmal eine goldene Denkmünze erhalten, und welche Farben sein Regiment hatte; er holte auch wohl seine Uniform aus dem Schrank und erklärte die Litzen und Schnüre. Sie sprach von ihren Hühnern, und wie vor Jahren einmal ein Fuchs in den Hof gekommen war. So wurde das Kind allmählich größer und kam dann seltener, endlich verheiratete sie sich und erschien in des Gefangenen Stübchen mit ihrem Mann, um ihn zu zeigen, der Mann drehte verlegen seine Mütze, sie sprach mit großer Schnelligkeit. Er schenkte ihnen einen großen Doppeltaler, den er noch besaß. Und dann hatte die Frau ein Kind und kam mit dem Kinde zuweilen zu ihm, und bald kam das Kind allein die Treppe heraufgekrochen, und bald sah das Kind so aus, wie die Mutter ausgesehen hatte, damals, als er hierher geführt ward in diese Burg. So lange war das schon her, er wunderte sich sehr darüber, zuweilen verwechselte er das Kind mit der Mutter. Noch schneller geschah es, daß dieses Mädchen ihm vorbeiging, heiratete, und wieder besuchten ihn die Kinder. Da erzählte ihm ein Kind, eine vornehme Dame sei vor dem Burgtor gewesen, ganz in schwarze Seide gekleidet, auf einem kostbaren Roß, und ein Diener sei bei ihr gewesen, und sie habe dem Vater viel Geld geboten, er solle sie zu dem Gefangenen lassen, der Vater aber habe gesagt, das gehe gegen seinen Eid, da habe der Diener eine Pistole in der Hand gehabt, und aus dem Gebüsch seien andere Leute getreten, mit Gewehren, der Vater aber habe die Brücke hochgezogen, da seien die Fremden wieder fortgeritten.

Als der Gefangene die Geschichte gehört hatte, ging er zum Schrank, nahm die alte Uniform heraus und zog sie an; sie paßte noch genau; nur machte es ihm Mühe, daß er aufrecht gehen mußte, wegen der Halsbinde. Dann öffnete er das Fenster und setzte sich ans Fenster. Es war aber Winter, und eine sehr kalte Luft zog herein und bewegte seine weißen, dünnen Haare. Lange Stunden saß er so am Fenster in seiner Uniform, bis es dunkelte. Da zog er die Uniform wieder aus, legte sie sorgsam in ihre alten Falten und hängte sie fort. In der Nacht aber erkrankte er schwer, denn er hatte sich eine heftige Erkältung der Lunge zugezogen, und weil sein geschwächter Körper den Stoß nicht vertragen konnte, so verfiel er in eine langsame Abnahme der Kräfte und starb nach einiger Zeit. Auf dem Totenbette aber sagte er: »Die vielen langen Jahre der Gefangenschaft sind versunken in meiner Seele, und ich muß mir erst die Reihen der Kreuze ansehen, die ich in die Wand geritzt habe, wenn ich will, daß ich überhaupt etwas von ihnen weiß. Aber den Tag in der Kirche habe ich behalten, und den Tag, da sie mir vorbeifuhr, und wie ich ihren Brief bekam, und daß sie meiner nicht vergessen hat, sondern mich jetzt hat befreien wollen. Dieser Dinge gedenke ich mit großer Freude, und einer größeren Freude bin ich gewiß nicht fähig. Deshalb sterbe ich als ein sehr glücklicher Mensch; denn es ist gewiß das höchste Glück, zu wissen, daß ein anderer an uns denkt in Liebe und ohne Falsch. Außer diesem aber erinnere ich mich noch an die kleinen grünen Blätter der Bäume im Frühjahr, welche klebrig sind.«


 << zurück weiter >>