Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

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Christoffel und Ursula

Christoffel war der jüngste Sohn eines verarmten Ritters. Der alte Vater mit rotem Gesicht und schloweißem langen Haar und Bart steckte die Beine unter den langen Tisch in der großen Stube und sprach zuweilen mit sich selbst; wenn die Enkel Ball spielten und ihn etwa einer traf, welches auch wohl mit Absicht geschah, so machte er böse Augen, worüber die Enkel dann spaßten und lachten. Er rühmte sich häufig, daß zu seiner Zeit die Esse nicht kalt geworden sei, und daß immer Schweinernes oder Kälbernes auf dem Tisch gestanden habe in großen Schüsseln, so viel jeder wollte, aber die jetzige Jugend habe nicht Lust, weder zum Lernen, wie man den Harnisch putze und die Armbrustschnur drehe, noch zu ritterlichen Übungen und Kriegsfahrten. Die Schwägerin (denn der älteste Bruder war beweibt und die andern in der Fremde mit Ausnahme Christoffels) war über die Maßen zanksüchtig, hielt aber, wie böse Weibsleute pflegen, den Hausstand ordentlich und sauber und putzte den Buben fleißig die Näschen. Der Bruder mußte ihr gehorsamen und war ein schwacher, engbrüstiger Mann, denn er hatte in seiner Jugend einen Fall getan; und da er lesen gelernt hatte, so saß er viel über dicken Büchern in Schweinsleder gebunden, mit verwickelten Geschichten von Rittern und Zauberern; auch grub er fleißig zu sichern Mondzeiten nach einem heimlichen Schatz, der aus der Zeit der Vorväter unten im Turm verscharrt war, hatte auch schon ein recht tiefes Loch gewühlt, aber bis dahin nur ein alt verrostetes Gerät gefunden, etwa einen Bratenspieß, welchen er jedoch mit großer Sorgfältigkeit aufhob.

Der junge Knabe Christoffel, welcher zu der Zeit wohl an die sechzehn Jahre zählte, mußte für den Haushalt aufkommen, welches er auch ehrbarlich und unbekümmerten Sinnes tat. Derart zog er in des Morgens Frühe, wenn der Tau noch auf den Gräsern lag, in den Wald, wo die kleinen Vögel auf den Zweiglein zu singen begonnen und schoß etwa ein Reh, oder wenn sich eines Bauern Ziege verlaufen hatte, so brachte er das Tierlein mit und sperrte es in den Stall, wo die Schwägerin ein Schwein fett machte zur Winterzehrung an den Sonn- und Festtagen. Auch hatte er einmal einen Zug mitgemacht, wo sie einen reichen Kaufmann aufhoben, der sich um schweres Geld lösen mußte, davon er seinen Teil bekam, desgleichen einen Anzug (ohne den pelzbesetzten Mantel) des Fremden, welcher von gutem, festem Stoff war.

So begegnete er an einem Morgen einem alten Bauerweiblein, welches Gänse und Eier in die Stadt bringen wollte und hatte die Eier unten liegen in der Kiepe, die Gänse aber in einem Henkelkorb darüber festgebunden, also, daß sie mit ihren Hälsen hervorsahen und gefaßten Mutes mit ernsthaften Gesichtern nickten, wie das Weiblein rüstig fürbaß schritt. Vor dieses trat er hin und sprach tapfer: »Bäuerlein, deine Kiepe muß mein sein, denn wir seit dreien Tagen nichts gegessen haben wie trocken Brot sonder Salz, dieweil die Herren in den Städten dem Adel und armen Volk das Salz verteuern, also, daß es unerschwinglich wird, ganz zu geschweigen von den ausländischen Gewürzen.« Auf dieses fiel das Weiblein auf ihre Knie, schrie und bat, wie daß ihr Mann vom Baum gefallen wäre und sich ans Herz gestoßen und läge zu Hause auf dem Bette und könne nicht sprechen, verdrehe bloß traurig die Augen, dieweil sie sechs Kindlein hätten, und wolle sie zur Stadt zum Wasenmeister und ihm dieses bringen, daß er ihr einen Balsam gebe, um den Mann zu heilen. Darob erbarmte sich der Jungherr, denn es jammerte ihn des Weibleins und seiner sechs jungen Raben, daß sie sollten unversorgt sein und sprach: »Sei guten Muts, denn ich will dir deine Sache nicht nehmen, sondern gehe in die Stadt und kaufe einen Balsam, und so ihm der nicht hilft, so verschaffe dir ein getrocknet Krötenherz und binde ihm das um den Leib, so wird er genesen,« und hoffte, daß ihn Gott werde etwas anderes treffen lassen, welcher seine Geschöpfe nicht lasset verderben.

Indem er aber noch mit dem Weiblein sprach und ihm darlegte, wie das Krötenherz bereitet werden müsse, und das Weiblein dachte schon, wie es seine Eier und Gänse mit Vorteil verkaufen wollte in der Stadt, weil es erst versuchen mochte, ob das Krötenherz nichts hülfe, weil solches Mittel doch nichts kostete und die Leute in den Städten allewege habgierig sind und nichts umsonst hergeben, da kamen zufällig über sie sechs wohlbewaffnete Bürger, welche den Junker Christoffel wohl kannten, daß er auf der Landstraße gelegen hatte, und umringten ihn. Und obwohl der Junker Christoffel sich mit gutem Mut wehrte und einen von ihnen über den Kopf schlug mit seinem Schwert, daß er hinfiel und noch einen an der Hand verwundete, ergriffen sie ihn doch und nahmen ihm seine Waffen weg, banden ihn und trieben ihn vorwärts. Denn wo die Bürger einen Ritter übermannen konnten, der ihnen einmal Schaden getan hatte, da ergriffen sie ihn aus Bosheit und Geiz und brachten ihn in ihre Stadt und richteten ihn; denn sie waren sehr hochmütig über ihren Galgen und es schien ihnen ein besonderer Schmuck, wenn sie einen Ritter an ihn hängen konnten, und wenn er ein armer Ritter war, der keine goldenen Sporen hatte, so machten sie ihm welche (waren aber nur vergoldet) und schnallten sie ihm an, bevor sie ihn richteten.

Nun wurde der Junker Christoffel unter einem großen Auflauf der Jugend durch die Stadt geführt, und meinten die, so ihn gefangen, etwas Rechtes getan zu haben, wiewohl sie in Übermacht gewesen waren, und die Bürger in Schurzfell und Hemdsärmeln standen in den Haustüren, die Frauen und Bürgermädchen aber guckten aus den kleinen Fensterlein, wo sie eilig ihre Myrten- und Balsaminentöpfe weggeräumt hatten, und mag wohl mancher Blumenscherben zerbrochen sein in der Hast, und waren die Männer wohl froh, die Frauen und Mägdlein aber dauerte das junge Blut, denn der Junker Christoffel war ein gar stattlicher Mann und begannen ihm die ersten Härlein unter der Nase zu sprießen, welche er sorgsam mit Wachs in die Höhe gedreht hatte. Und zottelte das Weiblein mit seiner Kiepe hinterher, dessen er so barmherzig geschont hatte, und weinte um ihn, und die Gänse reckten ihre Hälse und gigackten, indem sie ihre Schnäbel öffneten und die dünnen Zungen zeigten, als ob ihnen unser Herrgott eingebe, auch um den ehrlichen Jüngling zu klagen, welcher trutziglich dahinschritt in seinen Banden.

Also kamen sie auch an dem Haus eines wohlbegüterten Färbermeisters vorbei, welcher dastand mit seinen sechs Gesellen und hatten alle die nackten Arme übergeschlagen, welche dunkelblau waren von der Küpe bis unter den Ellbogen, und war der Färbermeister einer von den ersten Ratsherren, weil er die Worte wohl zu setzen wußte und so geläufig redete, wie ein Doktor. Aus dem Fenster aber guckte sein einziges Töchterlein, welches jetzt sechzehn Jahre alt wurde und mannbar, und füllten sich ihre unschuldigen Äuglein mit Tränen aus Barmherzigkeit über das frische Leben, und da die Gesellen Späße machten, gab sie ihnen einen ernstlichen Verweis; und so fügte es Gott, daß ihr mitleidiger Blick sich traf mit dem jammervollen des tapfern Junkers und daß in ihrer beider Herzen die Liebe schnell angezündet wurde, also, daß sie plötzlich errötete bis fast hinter die Ohren, worüber der Altgesell einen ernsthaften Witz machte, welchem sie jedoch kecklich antwortete; denn dem weiblichen Geschlecht gegeben ist, immer seines Geistes gegenwärtig zu sein.

Derart ward der Junker in ein fest Gefängnis gebracht, und gab man ihm nichts zu essen, denn des Morgens eine Mehlsuppe und zu Mittag ein Stück schieres Brot, und zu trinken einen Becher sauern Weins, welches ihm freilich nicht ungewohnt war, denn er war bei karger Kost gesund und kräftig aufgewachsen, wo die reichen Stadtherren bei Braten und Gemüs und Süßigkeiten aufgeblasen werden und weißes Fleisch kriegen, das schlapp ist. Aber alsbald traten die gottlosen Bürger zum Gericht zusammen und indem er nicht leugnen konnte, daß er auf der Landstraße gelegen hatte mit seinen Kumpanen, so verurteilten sie ihn zum Strang, und sollte das Gericht gleich den andern Tag vollzogen werden.

Als die fromme Ursula, denn so hieß die Tochter des Färbermeisters, das vernommen hatte, weil ihr Vater nach Hause kam und viel lästerliche Reden führte wider den Adel, ward sie herzlich betrübt, ging zu ihrer Muhme, weinte und sprach: »Liebe Muhme, wenn sie den Junker Christoffel zu Tode führen, so will ich ins Wasser gehen und mich ersäufen, denn ich habe ihn lieb, und wenn er am Leben bliebe, so wollte ich ihm wohl nachlaufen, wenn ich ihn nicht anders kriegen könnte, denn er ein Junker ist und ich eines Färbermeisters Tochter. Aber lieber wäre es mir, wenn ich ihn heiraten könnte und wir lebten ehrbar zusammen und zögen unsere Kinder rechtlich auf zum Handwerk.« Über diese Rede war die Muhme herzlich erschrocken und strafte sie erst über solche leichtfertigen Worte, aber nachher hub sie auch an zu weinen, und saßen die beiden Weiblein im Oberstübchen auf einer Truhe, in welcher Äpfel lagen noch vom vorigen Jahre her, welche schön rochen, sie lagen aber zwischen der Wäsche, und es rannen ihnen die Tränen über die Backen, daß ihre Kleider naß wurden. Und die Muhme wollte die gutherzige Jungfrau trösten und gab ihr einen Apfel, welcher so frisch war, als wie eben vom Baum genommen, und die Jungfrau aß. Und dann redete die Muhme folgendermaßen: »Es ist eine alte Sitte hier, wenn ein armer Sünder zum Richtplatz geführt wird und steht unter dem Galgen, und eine reine Jungfrau, eines ehrlichen Bürgers Tochter, tritt vor und spricht: diesen will ich ehelichen, so ist der Mann seiner Schuld ledig und kann ihm nichts fürder geschehen, wenn er die Jungfrau ehelicht; aber es bedenkt sich wohl manche, Galgenfleisch zu kaufen und weiß ich auch nicht, ob es gut tut.«

Über dieses wurde die Jungfrau recht froh, und sie beschloß bei sich, also zu handeln; denn sie dachte, wenn er auch adeliger Herkunft wäre, so möchte er doch lieber ein wohlgewachsenes und nicht unbemitteltes Jungfräulein heiraten, auch wenn sie nicht seines Standes wäre, wie mit des Seilers Töchterlein den Brauttanz wagen, zu dem der Wind aufspielt. Und dann überlegte sie, wenn er auch später von ihr als einer Unebenbürtigen wegliefe, so hätte sie ihn doch von einem schimpflichen Tod gerettet und er werde auch dann gewiß immer ein dankbares Herz für sie haben, womit sie sich zu begnügen dachte; aber sie hoffte bei sich, sie wolle ihn schon so lieb halten, daß er immer bei ihr bliebe aus freien Stücken, weil es ihm so gut bei ihr gefiele.

Und so zogen nun am andern Morgen in der Frühe die Gewappneten aus nach dem Galgenberge und hatten den jungen Herrn zwischen sich, welchem sie die Hände kreuzweise gebunden, und ein Pfaffe tröstete ihn und sprach: »Kurzer Tod, seliger Tod«, und folgte viel Volks hinterher. Und als sie unter dem Galgen standen, legte der Meister ihm den Strick um den Hals, zog seine Kappe ab und bat ihn, er möchte ihm verzeihen, weil er nur tue, was seines Amtes Schuldigkeit sei, und antwortete der Knabe: »Möchte ich doch lieber der Henker sein und mich meines Lebens freuen, wie so jung sterben, da mir nichts fehlet, und ich alle Glieder wohl gewachsen habe; aber wenn es denn so ist, so befehle ich Gott meine arme Seele und hoffe, er werde in Barmherzigkeit verfahren mit ihr.« Und als er das gesagt hatte und alle Leute still schwiegen und ihre Kappen abnahmen und beteten für den unschuldigen Jüngling, daß Gott seiner Seele gnädig sein möge, da trat die Jungfrau hervor und wiewohl sie ganz blaß war und ihre Äuglein vor Scham niederschlug, sprach sie doch mit fester Stimme: »Lieben Mitbürger, ihr kennt mich, daß ich eines ehrlichen Bürgers Tochter bin und eine ehrbare Jungfrau, und weil es ein altes Recht ist, daß eine solche einen armen Sünder vom Tode frei machen kann, wenn sie ihn ehelichen will, so frage ich hiermit den Junker Christoffel, ob er mich als sein rechtmäßiges Ehegemahl erkennen will.«

Dem Jüngling war nicht anders, als habe ein Engel vom Himmel geredet und hätte er wohl auch einer Alten und Häßlichen erwidert »Ja«; und wiewohl er in seiner großen Angst zuerst gar nicht das Mägdlein erkannte, welches ihn so liebreich angeblickt hatte auf seinem bösen Wege und hatte ihm damals der Liebesgott seinen Pfeil ins Herz geschossen, sah er doch nunmehr, wer sie war und freute sich über sein ganzes Gesicht und sagte aus vollem Herzen, er wolle wohl, wenn das wirklich altes Recht sei und die E. und G. Herren vom Ratsregiment wollten es ihm lassen zugute kommen.

Es entstand nun ein großes Rumoren in dem umstehenden Volk, denn der Vater des tapferen Mägdleins war recht ungehalten, welcher gedacht hatte, sie solle den Altgesellen heiraten, welcher guter Leute Kind war, ein Leipziger, und geschickter Mann in seinem Fach, wiewohl ein wenig gnatzig und trug auch eine Perücke, weil er sein gewachsenes Haar verloren hatte in einem bösen Fieber, und am Sonntag eine kohlschwarze, aber an den Werktagen eine fuchsige, weil ihr die Farbe ausgegangen war. Gab also der Vater dem Maidlein einen Backenstreich und verwies ihr zornig ihr Vorhaben. Kamen aber die andern Ratsherrn, welche ihm lange neideten, weil sie vornehm waren, und er war von den Handwerksmeistern abgeordnet und redete viel gegen sie in der Ratsversammlung; diese freuten sich über den Vorfall, denn sie hielten es für einen guten Schabernack, daß er solchen Schwiegersohn kriege, der ihm nichts nützen konnte in seiner Hantierung, meinten auch, dann würde er sich fürder nicht so viel ums gemeine Wesen kümmern, sprachen also auf ihn ein und bewiesen ihm aus den alten Gesetzen, daß er das Mägdlein nicht hindern dürfe an solcher Guttat, und kam der Pfaffe hinzu und sagte, daß er sie gleich einander geben müßte unter dem Galgen, und müßte das Mägdlein den Strick halten, der um des Junkers Hals gelegt war; und das Jungfräulein weinte wohl klare Tränen über den Backenstreich, und weil es sich arg schämte, denn die Herren lachten und ihr Vater machte ein böses Gesicht, blieb aber fest bei ihrem Vorhaben. Also gab ihr der Bürgermeister, welcher ein gut alt Mann war, den Strick in die Hand, und der Pfaff traute sie unter dem Galgen, und zog der Bürgermeister seine Börse und reichte ihr eine schöne alte Goldmünze zur Verehrung und streichelte ihr den Kopf und lobte sie sehr, den Junker aber vermahnte er aufs ernstlichste, daß er solche Frau hochhalten und lieben solle, welches nicht wäre nötig gewesen, denn schon hatten Liebe und Dankbarkeit ihre Hütten aufgeschlagen in dem edeln Herzen dieses Knaben. Nunmehr gingen alle nach Hause, und dachte der ehrbare Färbermeister gute Miene zum bösen Spiel zu machen, da nichts zu ändern war und er durch sein Brummen die Sache nur böser gemacht hätte. Rief also sein Gesinde zu Haus, schloß die Fensterladen, setzte zween Leuchter auf den Tisch und das Bibelbuch dazwischen, und las ein schönes Kapitel aus der hl. Schrift vor, ermahnte alsdann seinen Eidam und küßte seine Tochter unter herzlichen Tränen, und war keiner, der nicht gerührt gewesen wäre, sonderlich die Weibsleute, außer der Altgeselle, welcher trutziglich vortrat und seinen Abschied erbat; welchen er ihm auch gab und dazu sagte: »Du siehest wohl, daß ein solches feines Kräutlein nicht für dich Kahlkopf gewachsen war.« Und ging die Haustüre den ganzen Tag, denn die guten Weiber freuten sich alle über die Tapferkeit und Guttat des Mägdleins und schickten viele Geschenke zur Hochzeit, also daß sie mehr kriegten, als hätte sie eine richtige Freierei gehabt, und sparten noch die Unkosten des Hochzeitsmahles.

Am Abend aber führte der alte Meister ein langes und vernünftiges Gespräch mit dem Eidam, und freute sich sehr, weil derselbige ihm in vielen Dingen recht gab, was er nicht aus Schalkheit tat, sondern weil ihm seines Schwiegervaters Worte richtig erschienen. Sprach der alt Mann, wie daß Adam von seiner Hände Arbeit gelebt habe, und daß die Färberei gar alten und edeln Ursprungs sei, indem schon der Prophet Jesaia von einem Färber spricht, wie geschrieben steht: »Aber der Herr sprach zu Jesaia: gehe hinaus, Ahas entgegen, du und dein Sohn Sear-Jasub, an das Ende der Wasserröhren am obern Teiche, am Wege beim Acker des Färbers,« allwo der Meister wahrscheinlich seine Tuche gespannt hat. Hinwiederum klagte der Junker, daß dem Adel sein Brot gestohlen werde, indem mit dem Überhandnehmen der gottlosen Erfindung des Feuerrohrs kein ehrlicher Ritter sich mehr dem Kriegshandwerk zuwenden könne, sondern nur allerhand verdorben Volk, das zu Hause nicht gut tue. Er wolle aber seines Schwiegers Brot nicht umsonst essen, vielmehr sich umsehen nach einer Bedienung bei der Stadt, welche denn einen Kriegsmann wohl brauchen könne. Dessen war der alt Mann zwar nicht recht zufrieden, denn ihn dauerte das schöne Geschäft, das einstens in fremde Hände kommen sollte, sagte aber nichts, sondern gedachte dieses Weitere der Zeit zu überlassen, welche wohl Rat findet für allerlei noch schwierigere Dinge. Also gingen sie zu Bette und erfreute sich der Jüngling seiner geliebten Magd, welche er auch von Tag zu Tag immer mehr in sein Herz schloß.

Zwar hatte er kein sonderliches Glück, wie er um eine Bedienung bei der Stadt nachsuchte, denn die Bürger wollten einen Mann haben, der mit Büchsen umzugehen wisse: und er verdiente sich nur ab und zu einen Groschen, indem er einen reichen Kaufherrn begleitete, um ihn zu beschützen, wenn ihn welche anfallen sollten. Das machte ihn gar traurig. Aber seine vielgeliebte Ursula wirtschaftete mit freudigem Gesicht im Hause und schloß große Schränke auf und zu, wo viel Linnenzeug aufgehoben lag, bereitete auch das Essen, welches schmackhaft war, und die Gesellen lobten es mit Bescheidenheit. So strich sie ihm oft über die Stirn, wenn er untätig da saß, küßte und tröstete ihn, und hatte immer heitere Worte, denn sie wußte wohl, er schämte sich, weil er nichts Rechtes in den Haushalt zu bringen wußte. Sie hatte aber ein festes Vertrauen zu Gott, der bis dahin alles so gut geführet, daß er auch weiterhin alles zum Besten leiten werde.

Nun war der Junker freundlich und höflich gegen jedermann und auch die Gesellen hatten ihn, gern, und freuten sich auch, daß dem Altgesellen seine Freierei schief gegangen war; und weil er besonders stark von Leibeskräften war, so baten sie ihn, manchmal mit anzufassen, wenn etwas Schweres gehoben oder getragen werden sollte. Auch zeigte ihm der Meister die vielen schönen Farben, über welche er sich sehr ergötzte, und machte ihm immer mehr Spaß, also daß er oftmals ganze Tage in der Werkstätte mitschaffte, wie er denn anstellig und geschickt war zu allerlei Hantierung, und an solchen Tagen war er fröhlich und guter Laune, umfaßte dann auch wohl seine vielgeliebte Ursula, wenn sie mit Schürze und Löffel da stand und etwa einen Erbsenbrei rührte, und hub sie in die Höhe, indem er sie herzlich küßte.

So kam denn die Zeit herbei, daß die fromme und fröhliche Ursula eines Knäbleins genas, welches sie Christoffel nannten, und stund der Bürgermeister mit Gevatter, aus besonderer Freundschaft zu dem Pärlein. Und hatte der alte Meister ihm vorher einen Auftrag gegeben, wie zum Scherz, daß er solle ein groß Kübel mit Krappfarbe bereiten und einen Ballen Wollenstoff färben, welches als das Schwierigste in der Kunst gilt, denn eine große Fertigkeit erfordert wird, damit nicht Streifen oder Flecken auf dem Zeug entstehen. Dieses hatte er zu großer Zufriedenheit ausgerichtet, und war der alte Meister mit dem Ballen zu der Zunft gegangen, hatte ihnen seine Geschichte vorgestellt, welche sie wohl wußten, und sie gebeten, weil er so viele Jahre für das gemeine Wohl gearbeitet habe ohne einen Groschen Gewinn, und nun ein alt Mann sei, sie sollten aus besonderer Liebe zu ihm seinen Eidam in die Zunft aufnehmen, dieweil er ja sein Meisterstück, welches eben dieser Ballen war, sonder Fehl geliefert habe. Und die Meister bedachten sich, und wiewohl es gegen die Satzungen war, so beschlossen sie doch, aus besonderer Gunst diesem Ansinnen zu willfahren. Luden ihn demnach an dem Tage, wo die Taufe sein sollte, vor sich, und nachdem alle Fragen und Antworten geschehen waren und sonst alles, was Sitte und Gebrauch, ist, gaben sie ihm einen schönen Meisterbrief, auf Pergament geschrieben, mit allerhand bunten Tinten und einem großen Siegel daran, worüber er recht erstaunt und noch mehr erfreut war; ging dann mit dem Kindlein und der Mutter und den Paten in die Kirche, als ein Meister gekleidet, welches der Schwieger gleichfalls vorgesehen hatte, und lobte Gott.

Hierauf zeigte er einen großen Eifer in seiner Hantierung und freute sich der alte Vater sehr, als er sah, wie gut er einschlug, vermeinte fast, es sei sein Werk gewesen, daß dieser Jüngling von dem schimpflichen Tod errettet sei. Er hatte aber ein stilles und fröhliches Wesen, machte wenig Worte, und war sehr liebreich gegen seine liebe Ursula und den kleinen Christoffel; ging auch nicht in die Gasthäuser, sondern blieb fleißig daheim und las nützliche und fromme Bücher.

So war mehr denn ein Jahr verflossen und es zog bereits der Frühling wieder ins Land. Hinter der Werkstätte aber grüßte ein Gärtlein, groß als eine Stube, wo ein alter Apfelbaum stand, ein Hasenschnäuzchen, der in jedem Herbst reichliche Früchte trug, viele Scheffel. Dieser war mit Blüten voll besät, weißen und rosenfarbenen, daß es eine Lust war, ihn anzusehen; und setzte sich ein Vöglein mit einem roten Brüstchen auf die oberste Spitze und sang ein Frühlingslied, also daß man so recht sah, wie es fröhlich war über den Sonnenschein und die klare Luft. Dieses nun sah der Meister Christoffel, und zog eine große Trauer in sein Herz. Denn er gedachte des Waldes, wie da die Rehlein sprangen und ein würziger Duft war, welcher die Brust stärket. Seine Frau aber merkte wohl, was ihm war, denn wo Liebe ist, da sind nicht Worte nötig, und wissen die Menschen alles voneinander. Verfiel nun in eine große Angst, daß ihr geliebter Mann möchte von ihr gehen, und betete zu Gott, daß er ihr beistünde.

Da mag ihr wohl der böse Feind eine List eingeblasen haben, welchen es ja immer bost, wenn Menschen einträchtiglich beieinander bleiben. Fiel ihr also ein, daß ihr Mann in der Werkstatt nur Holzschlappen trug wegen der Feuchtigkeit auf dem Boden, und im Hause zog er dünne Schlafschühchen an, welche sie ihm gestickt hatte, mit schönen blauen und roten Blumen darauf; aber daß er mit diesen nicht auf die Straße oder aus der Stadt gehen konnte. Stieg nun in die Oberkammer, wo seine Schuhe und Stiefel standen und versteckte sie heimlich, vermeinend in ihrem einfältigen Herzen, daß sie ihn so zu Hause halten wolle. Kam nun der Meister Christoffel auf die Oberkammer und fand, daß seine Schuhe fehlten. Darüber gingen ihm traurige Gedanken auf, wie als ob er hier als ein Gefangener gehalten werde, und wurde seine Lust nach dem Walde nur noch größer. Ging also zu seinem Weib und machte böse Augen, wie sie noch nie gesehen hatte, und fragte nach seinem Schuhzeug. Da schossen der armen Frau die Tränen in die Augen und sie griff zu dem Schürzenzipfel; aber indem bedachte sie sich, daß sie Unrecht getan habe und daß er ihr Herr sei und nach seinem Belieben handeln könne, holte ihm also demütig sein Schuhzeug; und er sprach kein Wort, zog es an, nahm seine Armbrust und seinen Hut und ging weg. Und so saß nun die Frau weinend zu Hause und ihr Vater sprach zu ihr viele Worte, die ihr fast einfältig vorkamen, aber er meinte es gut mit ihr. Der Meister Christoffel aber schritt in den Wald und das Herz tat sich ihm auf, als das Laub, welches vom vorigen Jahre her noch lag, unter seinen Füßen rauschte, und wie er auf einen Hügel kam, sah er über den weiten braunen Wald hin und zur Rechten sah er die Stadt mit ihren Türmen und zur Linken ganz weit auf einem Hügel das Haus seines Vaters, klein wie ein Nadelköpfchen. Nahm dann ein Stück Brot aus der Tasche, lagerte sich und aß. So trieb er sich den Tag im Wald umher, schoß auf Eichkätzchen und anderes Ungeziefer, das dem Wald und Wilde schadet, denn die jagdbaren Tiere waren zu abgemagert von des Winters karger Zeit.

So fiel ihm denn bei, daß es doch nur aus übergroßer Liebe geschehen war, daß sein Weib ihn nicht fortlassen wollte, und hatte er Sehnsucht nach ihr und dem kleinen Christoffel, auch tat sie ihm leid, als er an den kläglichen und demütigen Blick dachte, wie er wegging; denn sie hatte doch fest gemeint, er komme nicht wieder, und doch hatte sie ihn nicht weiter gehalten, nachdem ihr kindischer Plan also vereitelt war. Darüber hatte er solches Erbarmen, daß ihm eine Träne ins Auge kam, und so machte er sich eilig wieder auf den Rückweg, kam auch noch an, ehe die Tore geschlossen wurden.

Und als er in das Haus trat, lief seine liebe Frau aus der Stubentür heraus, auf ihn zu, und er sah noch, wie sie rasch ihre Tränen verwischte, damit er nichts merken sollte, und fiel ihm um den Hals und sagte mit fröhlicher Stimme: »Hat es dir im Wald gefallen, lieber Christoffel? Das ist doch schön, daß du solches Vergnügen gehabt, du versitzt mir ganz in der Stadt, solche Freude mußt du dir mehr machen.« Über welche Liebe er so gerührt ward, daß er gar nichts sagen konnte, sondern küßte sie nur auf ihren Mund.

Die beiden bekamen aber noch viele Kinder und lebten in Liebe, Eintracht und Fröhlichkeit, bis sie ganz alte Leute wurden und langsam verhutzelten wie die Äpfelchen, und dann starben sie ab.


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