Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

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Trude

Gleich am Markt in einer alten kleinen Stadt preßte sich ein Häuschen, vor dem war ein hoher Tritt mit eisernem Geländer und blanken Messingkugeln; dahinter zog sich ein großer Garten mit schönen Obstbäumen den Berg hinan, wo oben eine Dörrhütte gebaut war; von hier aus sah man über die unregelmäßigen Bäume und über das Städtchen mit den roten Dächern und runden Bäumen dazwischen und einer ganz hohen Pappelallee und über einen Fluß, der in der Sonne blitzte, ein grünes Wiesental, und einen sich gerade dehnenden Bergzug mit dunklem Wald.

In dem Häuschen lebte ein freundliches altes Ehepaar mit einem Töchterchen. Die beiden Alten hatten sich erst recht Hat geheiratet, nachdem sie dreißig Jahre lang heimlich verlobt gewesen waren, denn die Eltern des Mannes wollten bei ihren Lebzeiten ihre Einwilligung zu der Ehe nicht geben. So erzogen sie in ihrem Alter noch das zarte Kindchen, das wohl kaum achtzehn Jahre alt sein konnte; es sah aber viel jünger aus nach seiner Figur, nach dem Gesicht vielleicht ein wenig älter. Es war ein blasses und schüchternes Wesen, das keine Freundin hatte, zu der es in der Dämmerstunde hinüberhuschte, sondern es lebte ganz allein mit den Eltern. Der Mann war ein frommer Handwerksmeister gewesen, hatte aber jetzt, bei seinen Jahren, die Tätigkeit aufgegeben und saß still am Fenster, in dem Myrten und Geranien standen. Er freute sich am meisten über eine Sammlung von schönen alten Gulden und Talern, die noch sein Großvater zusammengebracht hatte. Am Sonntagnachmittag kramte er sie aus auf dem runden Tisch, putzte sie auch wohl mit Kreide und Branntwein und erklärte dem neugierigen Töchterchen allerhand Erbauliches, was auf den alten Stullen geprägt war: bei den Pilgertalern, daß wir durch diese Welt wandern müssen und endlich in das himmlische Reich gelangen, wie ein Pilgrim fürbaß geht und abends an seinen Ort kommt; der Glockentaler mahnte uns an den Sonntag, wo die Kirchenglocken uns rufen, Gottes Wort anzuhören, und wir dürfen da nicht an neue Kleider denken oder andern weltlichen Putz; und der Wildemannsgulden zeigte uns, wie die Menschen beschaffen waren in den heidnischen Zeiten, ehe ihnen das Christentum gepredigt wurde, wie sie sich da gar nicht schämten, sondern ganz nackt herumgingen, und nur einen Lendenschurz trugen. Während solcher Reden setzte dann das Mütterchen den Kaffee in einer braunen Kanne auf den Tisch, indem sie andächtig und oft mit einem frommen Tränlein im Auge den Erklärungen lauschte.

Nun hatten die Nachbarsleute einen Sohn, der zahlte damals wohl zwanzig Jahre und besuchte seit zwei Semestern die Universität. Dieser war immer ein stiller und kluger Knabe gewesen, der hinter den Büchern gesessen hatte, und deshalb hatten die Eltern auch gemeint, es sei gut, wenn sie ihn das kleine Vermögen verstudieren ließen, und vielleicht bekomme er auch Stipendien und könne Stunden geben. Er hatte eine herzliche Freundschaft zu der kleinen Trude (denn so hieß das Mädchen) und nicht nur in der ersten Kindheit, sondern auch später, in der Zeit, wo die Knaben hochmütig werden und mit den Mädchen nicht spielen mögen, und noch später, wo sie verlegen sind und in der Tanzstunde nicht wissen, was sie mit ihnen reden sollen. Wenn er jetzt in den Ferien zu Hause war, so erzählte er ihr vieles von der Universität und von einem Professor, der ihn zu einem Teeabend eingeladen hatte, und besonders von der Wissenschaft, wie die das höchste sei, was es gebe, und ein Mensch sei nur glücklich, wenn er sich ganz ihr widme, und seine Eltern möchten wohl, daß er Lehrer werden solle, aber er wolle ein »Soldat der Wissenschaft« werden (das war sein Lieblingsausdruck: Soldat der Wissenschaft): er wisse auch schon eine Aufgabe, denn man müsse sich auf etwas Besonderes beschränken, und das Herumschweifen tauge nichts, nämlich, er wolle mitarbeiten an dem Neudruck eines alten Schriftstellers, den Trude nicht kannte. Zwar wisse er, daß man große Opfer bringen müsse für solchen Zweck des Lebens, denn zum Beispiel werde er mit diesen Arbeiten kaum soviel verdienen, daß er selbst leben könne, und er werde deshalb nie eine Familie zu begründen vermögen; aber gern verzichte er auf solches alles, wenn er nur zu dieser Tätigkeit gelangen könne.

Die kleine Trude bedachte sich derartige Reden lange. Und als sie eines Abends wieder mit ihm zusammen im Garten saß, sagte sie, daß sie das sehr gut finde, daß er sich nicht verheiraten wolle, und sie selbst wolle sich auch nicht verheiraten. Und als sie so sprach, wurde sie sehr verlegen und schämte sich.

Aber nach kaum zwei Jahren, wie der Student seine Universitätszeit eben beendete, kam die Nachricht nach Hause, daß er sich verlobt habe. Seine Eltern waren recht böse, denn sie hätten eine andere Braut lieber gemocht, diese war nur die Tochter seiner Wirtsleute, bei denen er gewohnt; es hatte auch niemand vorher von seiner Absicht gewußt, und wie er gefragt wurde, sagte er, es sei sehr schnell gekommen für sie beide. Diese neue Braut war aber recht hochmütig, rümpfte die Nase über die niedrigen Stübchen der Eltern und ließ sich von der Mutter in allem bedienen, statt ihr behilflich zu sein, also, daß man merkte, sie wolle etwas Besonderes vorstellen, das ihr aber nicht gelang.

Die kleine Trude verblühte sehr schnell und saß mit einem winzigen und spitzen Gesichtchen am Fenster gebückt auf ihre Näharbeit, indes die beiden Eltern langsam älter wurden.

Da kam, wenige Jahre nach Mr Verlobung, der junge Kandidat als Lehrer in seine Heimatstadt; er machte Hochzeit und zog in das Häuschen seiner Eltern, die gestorben waren. Aber die Ehe war nicht glücklich, denn beide Gatten machten keine freundlichen Gesichter, sondern sahen niedergeschlagen und ärgerlich aus.

Eines Tages, als Trude allein in ihrem Garten saß bei dem Dörrhäuschen und weit hinausblickte über den blinkenden Fluß bis zu der gerade sich dehnenden Bergwand gegenüber, trat ihr Freund durch das Pförtchen, kam herauf und setzte sich zu ihr. Er wollte mit einem Scherz seine Rede beginnen, aber das Wort stockte ihm in der Kehle, und plötzlich fing er ganz herzbrechend an zu weinen und legte seinen Kopf auf ihre Schulter.

Erst war ihr, als wolle ihr das Herz still stehen vor Schreck und Verlegenheit, aber dann streichelte sie sein Haar, und wie er schluchzte, streichelte sie immer sein Haar. Zuletzt hob er sein Gesicht zu ihrer Schulter und legte den Kopf zurück gegen die Lehne der Bank, hielt die Hand vor die Augen aus Scham. Da küßte sie ihn leise auf die Stirn mit kühlen Lippen und ging fort, mit leisen Schritten, und indem sie ihr Kleidchen hochhob, um nicht zu rascheln.

Von dieser Zeit an wurde sie sehr krank, und endlich mußte sie sich ins Bett legen. Nebenan die Eheleute erwarteten ein Kindchen, und es war abgemacht, daß sie Pate werden sollte. Deshalb hatte sie angefangen an einem Taufkleidchen zu sticken. Sie saß aufrecht in ihrem Bett und hatte ein glückliches Gesicht, wenn sie daran arbeitete.

Als das Kleidchen fertig war, ließ sie den jungen Oberlehrer rufen, und ihre Eltern mußten aus dem Zimmer gehen, weil sie mit ihm allein reden wollte. Dann sprach sie zu ihm, daß sie von dem, was sie jetzt sagen wolle, nie etwas würde erzählt haben, aber jetzt müsse sie bald sterben, und da schäme sie sich nicht mehr, denn etwas Unrechtes sei es ja nicht. Sie habe ihn von Kindheit an lieb gehabt, weil er immer so still und bescheiden gewesen sei und nicht wie die andern, und sie habe nie anders gedacht, als sie würden sich einmal heiraten, und seine seligen Eltern hätten das auch gern gehabt, das habe sie wohl gemerkt, weil seine Mutter immer so lieb zu ihr gewesen sei. Als er ihr damals gesagt habe, daß er nicht heiraten könne, sei sie zuerst sehr traurig gewesen, dann aber habe sie sich gefaßt und gemeint, daß einem Menschen doch nicht alles Glück beschieden sei, und es sei doch auch jetzt schon so wunderschön, daß man es sich gar nicht schöner wünschte, wenn man nicht wüßte, daß eine rechte Ehe doch das höchste sei; auch wisse man nicht, wozu alles gut ist, denn so sehr kräftig sei sie doch nie gewesen, und das ehelose Leben möchte vielleicht besser für sie sein. Und auch als er sich verlobt habe, sei sie noch ganz gefaßt gewesen, zwar recht traurig, aber sie hätte sich gedacht, sein ältestes Kind solle ihr Patchen werden und oft bei ihr spielen, und sie wolle ihm dann später einmal ihr Vermögen vermachen, denn sie habe nicht gemeint, daß sie so früh sterben werde. Aber als sie gemerkt, daß er so unglücklich sei, da sei sie ganz untröstlich geworden und habe sich auch Vorwürfe gemacht, denn das sei ihr gleich anfangs bewußt gewesen, daß seine jetzige Frau mehr Schuld an der Verlobung gehabt wie er, und vielleicht, wenn sie sich nicht so geschämt hätte und hatte ihm etwas gesagt, so wäre alles anders geworden. Jetzt sei das nun nicht zu ändern, und vielleicht habe es Gott so gewollt. Und darum bitte sie ihn nun, er möge Geduld haben mit seinem Weibe, denn es möchte alles nur schlimmer werden durch Ungeduldigkeit. Sie wisse wohl, daß ein solcher Rat nicht viel wert sei; aber sie habe sich überlegt, wie sie ihm helfen könne, und da sei ihr nichts weiteres eingefallen, wie dieses wenige.

Nach diesen Worten entließ sie ihn. Und als der Mann nach Hause ging, bedachte er, daß er noch nicht dreißig Jahre alt war, und das Leben, das er noch vor sich hatte, erschien ihm plötzlich als ein langer, langer Gang in einem Dunkel, das ihm Schmerzen in der Seele machte.


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