Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

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Der Barfüßer

Franziskus war eines armen Mannes Sohn, der sein Weib verloren hatte und allein haushaltete in einer engen und spitzen Hütte, deren Wände und Dach glänzend schwarz geworden waren vom Rauch. Der Rauch zog oben an der Spitze des vorderen Giebels hinaus durch das Windauge; zu den Zeiten des harten Frostes, wenn die geteilte Haustüre fest verschlossen war, kam nur ein schwaches Dämmerlicht des Tages in den Raum, sich matt auf den Firstbalken verteilend; und unten machte die offene Herdflamme etwa in einem Winkel einen Punkt blitzen auf einem geputzten Erzgezäh.

Sommers hütete Franziskus die Ziege und die beiden Schweine des Vaters, dann lag er, den Kopf auf die Hände gestemmt, im stillen Wald; die Schweine hatten sich eingewühlt im Moder, und die Ziege lag kauend, mit den unruhigen Augen, wie sie ihr vom Teufel eingesetzt waren. Er sah in einen Hohlweg hinein, über dem sich hohe Buchen wölbten, während unten im Feuchten dickes Farnkraut wucherte; oder er betrachtete den spielenden Widerschein des Wassers auf dem unbewegten Laub eines Astes, welcher überhing. Winters kauerte er an dem Herd, wo große Holzscheite knisternd brannten und in weiche Asche zerfielen, die über glühenden Kohlen lag; dann schnitzte er viereckige Brettchen, verzinkte sie an den Seiten und setzte sie zusammen zu kleinen Kästchen, welche er verklebte; er träumte sich, wie heimlich es in diesem engen und dunkeln Raum sein müßte, und er hätte ein ganz kleines Wesen sein mögen, um darin zu wohnen.

Der Vater war ein abgenütztes altes Männlein in verschrumpelten Lederhosen und einer braunen Jacke aus ganz steifem und dickem Stoff; Franziskus dachte, daß er später auch einmal Lederhosen und solche Jacke tragen würde. Abends, wenn er heimkam, stellte er eine schwere, blinkende Art sorglich in die Ecke, hängte den ehernen Kessel an den Haken über dem Herd, der an einer eisernen Kette vom Dach niederhing, und ließ darin allerhand durch das Feuer kochen.

Als Franziskus anfing, eine heisere Stimme zu bekommen und seine Glieder sich lang streckten aus Hosen und Ärmeln, kam einmal ein fremder Pfaffe in das Dorf, welcher vielerlei predigte, davon hier die Leute noch nichts gewußt hatten. Er hatte tiefliegende Augen, welche so scharf blickten, daß jeder zu Boden sah, der einen Blick davon empfangen. Seine Predigt war aber darüber, daß wir häufig sündigen, ohne uns dessen versehen zu sein, indem wir nur glauben, einer harmlosen und erlaubten Lust zu fröhnen, welches zum Beispiel das Baden ist, wobei die Sonne frei auf der Weiße unseres heimlich gehaltenen Körpers glänzt. Von den groben Sünden sei gar nicht zu sprechen. Nun scheine es zwar dem gewöhnlichen Mann, daß solches nicht so gefährlich sei, denn Christus ist ja doch für unsere Sünden gestorben. Aber man vergesse bei dieser Tröstung, daß wir der Vergebung, welche er erlangt habe, nur durch den Glauben teilhaftig werden; und derartige Wirkung habe nicht ein irgend welcher Glaube, sondern nur einer, welcher der allein rechte sei. Und nun sei das die große Gefahr für die menschliche Seele, daß niemand wisse, ob er gerade diesen rechten Glauben habe oder nicht vielleicht einen falschen, der ihm gar nichts nütze, so daß er nachher, wenn er in seiner Meinung ruhig sterbe, sich ganz und gar betrogen finde. Jedoch gebe es ein Zeichen, daran wir untrüglich unsere Sicherheit prüfen könnten. Wenn wir uns nämlich ganz beruhigen und von allen andern Gedanken, Furchten und Hoffnungen losgelöst, in unser Inneres schauen, so müsse das aussehen, wie eine ungetrübte Kristallkugel; wenn das aber nicht also ist und wir eine trübe und unbestimmte Angst finden, welche ohne Begrenzung in uns zu stießen scheint, so sei das ein sicheres Zeichen, daß wir in einem Betrüge leben.

Den Franziskus durchfuhr dieses wie ein Schlag von einem unsichtbaren Wesen, von den Schultern bis zu den Knien, also, daß ihm das Herz zitterte. Er wußte jetzt mit einem Male, daß er diese Angst oft gehabt hatte, ohne daß sie ihm bewußt geworden war; und auch jetzt knickte sie ihm die Knie. Sie war von der Art, wie der Pfaffe sie beschrieben, ohne Begrenzung, und fließend, auf nichts Bestimmtes richtete sie sich; nur, er wußte nicht, was er morgen oder übermorgen machen sollte, er kam sich allein in der Welt und ausgestoßen vor, es war ihm, als ob er einen Menschen ermordet habe; und da er sich doch unschuldig solcher Tat wußte, so fand er keine weitere Erklärung, als daß er Mord begangen habe an seiner Seele.

Denn weshalb lebte er denn, und weshalb stand er zwischen diesen vielen Menschen, die mit halbgeöffnetem Mund und angstvollem Blick, als wären die Worte sichtbar, in das gerötete Antlitz des Pfaffen starrten?

Als er aber einen sah, welcher ganz anders erschien wie die übrige Menge, einen uralten Mann mit friedlichen Zügen, welcher die Augen halb geschlossen und den Kopf schräg hielt, da fühlte er einen plötzlichen Haß gegen diesen in sich hochsteigen, der ihn erst verwunderte und dann erschreckte.

Nun beschloß er, abseits zu gehen und ohne jeden Menschen zu leben. Er ließ sich das Haupt scheren und legte eine rauhe, härene Kutte um den bloßen Leib, welche durch einen geknoteten Strick zusammengehalten wurde, tat das Schuhzeug ab und ging barfüßig. Dann lief er in den dicken Wald und auf einen hohen, kahlen Berg, der mit Heide bewachsen war; von ihm herab blickte er auf den wellenförmigen, mooshügelgleichen Wald. Er stach viereckige Stücke aus der Heide und baute sie zusammen zu einer Hütte, in welcher er wohnen wollte, denn er gedachte in dieser großen Einsamkeit sein Inneres zu beschauen.

Jahrelang weilte er hier und sein Gemüt änderte sich. Zuerst hatte sich die Angst in Furcht verwandelt; das geschah bald. Er fürchtete sich vor dem dunkeln Strich des Waldes unten, und er fürchtete hinter sich, als komme von hinten eine schwere Macht über ihn. Dann wurde aus der Furcht Schwäche und Mutlosigkeit, aber die waren oftmals süß. So saß er wohl ganze Tage und Nächte und hatte die Hände in den Schoß gelegt, schaute, wie eine dünne Rauchwolke unten im Wald aus einer Köhlerbucht in die Höhe stieg und sich kringelte, und dachte, wie weil von ihm entfernt die Welt sei und die Menschen, so daß keinerlei Laut von ihnen zu ihm dringe, auch wenn sich wohl tausend zusammentäten, um zu schreien; und daß sie ihn gar nichts angingen und ihm nicht helfen könnten; denn wichtig war ja nur, was er ganz innen im Herzen fühlte, wo die Seele saß, was zuerst Angst gewesen war und dann Furcht und endlich Ohnmacht. Er wunderte sich, daß die Menschen so in ihren Dörfern herumwirren mochten, Vieh besorgen und den Pflug führen und vielerlei besprechen; denn es gab doch eigentlich nichts, das man einem hätte sagen mögen.

Oft auch kauerte er im letzten Winkel seiner dunkeln Höhle, hatte die Füße unter die Kutte gezogen, die Arme in die Ärmel gesteckt und den Kopf in der Kapuze verborgen; da war es ihm, als ob alles langsamer würde, allerhand sinnlose Worte kamen ihm vor die Seele; manche wurden zu Bildern, die sich still und gemach ablösten; und es wurde innen doch ruhiger.

So erhob er sich eines Morgens, als es um die Zeit des heranziehenden Winters war; bis tief hinein war ihm die Kälte gedrungen, bis an die Knochen, und es war fast, als ob in seiner Seele sogar der Frost sitze. Da wurde er gewahr, daß er wisse, was für ihn zu tun sei. Mit zitternden Händen knüpfte er den knotigen Strick los und trat vor die Hütte. Rauhreif starrte in weißen Spitzen rundherum an den klaren Storren des verästelten Gestrüpps. Er warf die Kutte vom Oberkörper zurück und begann sich zu geißeln. Als der Strick sich zum ersten Streich an seinem Ohre vorbeischwang, einen kleinen Luftzug verursachend, fühlte er einen wollüstigen Schmerz im Herzen. Die Knoten kamen mit einem heftigen Weh auf die Haut, und er zuckte nach vorn über. Dann biß er mit Stolz die Zähne zusammen und beim zweiten Schlag blieb er in gerader Haltung knien. Dann fiel es ihm ein, daß er sich gefreut hatte, wie die weiteren Schläge nicht schlimmer schmerzten als der erste, deshalb holte er mit größerer Wut aus, und mit jedem neuen Schlag nahm die Anstrengung des Ausholens zu; und es freute ihn nun, daß es immer mehr schmerzte, denn jetzt wurde auch die Haut aufgerissen und er dachte an das Glück, wenn er die rauhe und steife Kutte über den gestriemten und wunden Rücken streifen würde. Und endlich kam etwas ganz Wunderbares. Gleichzeitig war in ihm eine tödliche Furcht vor dem nächsten Schlage und eine seltsame Mattigkeit in Hand- und Armgelenk, als ob er möchte den Knotenstrick fallen lassen; aber er furchte die Stirn und biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten und holte mit besonderer Kraft aus und mit einem ganz neuen Ton, wie auf eine gefüllte Wasserblase, fiel der Strick auf den Rücken. Da jubelte sein Herz auf, daß er in die Höhe springen mußte, und beide Arme breitete er weit aus, und ein unbändiges Gefühl von Macht hatte er in sich. Er raufte an dem dürren Gestrüpp, zog einen großen Wasen heraus und warf ihn weithin, daß er den steilen Berg hinabkollerte, indem Erde in vielen kleinen Krümeln absprang. Er hüpfte und tanzte oben, daß ihm die halb abgestreifte Kutte um die Beine schlotterte, und dazu schrie er: »Ich kann, ich kann, ich kann.« Hätte er Bäume gehabt oben, so hätte er sich gegen die gestemmt und sie abgesplittert, daß krachend die hohen Wipfel zur Seite gesunken wären, steile Felsen hätte er mit Fußtritten umgeworfen.

Nun war es Zeit, hinabzusteigen zu den Hütten der redenden Menschen und in die Luft voller Rauchs der Herdfeuer. Er schritt durch Dörfer erhobenen Hauptes, und die Menschen wichen ihm aus und die Hunde wichen ihm aus und bellten nicht hinter ihm her, denn er hatte die Macht. Aber endlich wurde ihm der Kopf schwer und es war ihm, als habe er eine Eisenstange im Rücken und er taumelte auf den harten Boden einer Straße zu traumlosem Schlaf.

Langsam kam er zum Wachen; aber regungslos blieb er liegen und mochte die Augen nicht öffnen. Eine Süßigkeit war in ihm, die er noch nie geschmeckt hatte. Eine helle und klare Stimme sang ein Lied, dessen Sinn ihm nicht deutlich wurde; aber die Worte klangen so wunderbar und die jubelnden Töne. Und als die Stimme geendet, sang es in ihm weiter, es war von Liebe zu den guten Menschen, deren Augen lachen, und von dem Glück des frohen Sonnenscheins, und dem jungen Sprießen des Waldes im Frühling; und die Töne waren anfangs dieselben, die er gehört hatte; aber dann kam ihm an einer Stelle, daß er tirilieren mußte, wie die Lerche hoch oben in der hellen, sonnendurchschienenen Luft, und dann in glücklicher Sehnsucht schluchzen, wie die unsichtbare Nachtigall im mondbeglänzten Buschwerk, wenn klar der friedliche Weg sich hinzieht zu entfernten Ländern. Und in einem leisen, hellen und gleichen Ton klang der Halbschlaf aus.

Da öffnete er die Augen und sah sich in einer Hütte, wie seines Vaters gewesen war. Am Herd saß in weißem Gewand eine Jungfrau, die Hände in den Schoß gelegt, sinnend. Und als ihn jetzt die Striemen auf seinem Rücken schmerzten, mußte er heimlich lachen; was war das alles für eine Torheit gewesen! Jetzt war vollgefüllt sein Herz mit Glück, und leise floß das Glück über und floß durch alle seine Adern, bis in die Fingerspitzen. Es war ihm so, wie vor langer Zeit, da er als kleines Kind auf seines Vaters Schoß gesessen hatte; keine Unruhe war mehr in ihm; denn die ganzen Jahre, und auch zuletzt noch, als er sich geißelte, war Unruhe in ihm gewesen, das wußte er jetzt. Nun aber war ihm ganz sicher. Er hatte es gewiß, es konnte ihm ja nichts geschehen, stürzte doch nicht der Himmel ein, und die Erde stand fest und er selbst konnte wandeln auf der Erde, wie ihm beliebte, mit heiterem Gesicht.

Heimlich schloß er die Augen und wartete mit wohligem Behagen. Als die Jungfrau leise aufgestanden war und aus der Tür gegangen, folgte er ihr unbemerkt, und zog weiter seines Weges unbekümmerten Sinnes, wie ein Vöglein, das auch fliegt, wohin es will und überall eine Heimat hat. Und voller Dankbarkeit dachte er, daß wir doch alles Glück in unserem Herzen haben, und wenn wir stehen oder gehen, so fließt es still aus uns heraus und macht alles golden. Nicht an gestern dachte er und nicht an heute; sein Mund lachte und alle Menschen sahen fröhlich aus, wenn sie ihn erblickten; wie ein Kind trat er in ihre Kreise, das seine Seligkeit mit sich bringt und an alle austeilt von seinem Reichtum. Und wenn er so pilgerte, so fügte sich ihm Satz zu Satz, wohlgeformt und klingend, und er sang seine Gedanken leise vor sich hin in den Tönen, welche sie haben mußten; denn er wußte es genau, wie jeden Klanges Natur war, und wenn er einen etwa nicht gleich hatte, so suchte er probend, bis er ihn fand.

So stand er einst am Rande des Buchenwaldes im Frühling. Ein warmer Regen war gefallen, und an den braunen, dünnen Zweigen hingen die hellen und schlaffen Blättchen; nach würziger Erde roch es; gegen den Himmel abgezeichnet führte ein Mann den Pflug, der von langsam schreitenden Stieren gezogen war. Da fühlte er eine rechte Müdigkeit; aber nicht so, wie früher oft, sie kam nur aus dem Körper und war nur eine Sehnsucht nach Ausruhen auf einem runden Stein am Wege; doch auf seinen Händen sah er sonderbare braune Flecke; und als wollte ihm das Herz still stehen, wußte er plötzlich, daß er den Aussatz habe. Er drückte mit dem Finger auf einen Flecken und siehe, er ging weg. Dann drückte er auf einen zweiten, schon mit Neugierde, aber ohne Schrecken, und währenddessen kam der erste wieder blaß zum Vorschein, langsam. Nun wußte er wohl, wie diese Flecken endlich zu Geschwüren ausbrechen würden unter großen Schmerzen, und wie dann die Glieder, ermüdet von den Leiden, endlich ohne Gefühl werden und sich eins nach dem andern vom Körper lösen in den Gelenken; und wie endlich nur ein unförmiger und schwärender Rumpf übrig bleibt, allen Menschen ein Entsetzen; aber wiewohl er sich das vorhielt, auch daß er ganz allein leben müsse mit einer Klapper in der Hand, um die Leute vor sich zu warnen, wenn ihm welche nahe kamen, so hatte er doch keinen Kummer, zu seiner sehr großen Verwunderung; sondern die große Fröhlichkeit, welche er im Herzen hatte, sagte ihm immer, daß man sich an die Schmerzen gewöhne und daß die Einsamkeit bewirken werde, daß er immer mehr und stärker über solche Dinge nachdenke, die ihm wichtig erschienen; und wenn er auch nun wegen seiner Krankheit wohl nur noch zehn Jahre leben dürfe, so sei das doch auch recht, denn wenn er in dieser Zeit immer ein heiteres Gemüt habe, so sei sein Leben doch länger als das eines Mürrischen oder Geizigen, der nur so wühle, wie ein Hamster und doch schließlich um alles betrogen sei. Die Fröhlichkeit seines Herzens aber war ihm von dem guten Gott im Himmel gegeben, nicht, daß er sie verdient hätte; deshalb wollte er sie dankbar genießen. Denn er wußte wohl von seinen früheren Zuständen, daß wir selbst uns weder unsere Fröhlichkeit geben können, noch unsere Traurigkeit, und daß auch unsere Gedanken gehen und kommen, wie sie uns geschickt werden vom Vater; und wenn er bedachte, daß die meisten Menschen wähnen, solches alles komme von äußeren Dingen her, von Wohlleben oder Not, so schienen ihm die Menschen alle so unvernünftig, daß er ihr Leben gar nicht verstand, als wären sie ihm ganz fremd, etwa eine Art Tiere, wie Biber oder Hornissen, welche ihre Bauten haben und in ihnen leben, ohne daß wir wissen können, welche Gedanken sie dabei denken, und ob sie nicht vielleicht nur künstlich gebildete Maschinen sind.

So legte er denn die Tracht der Miselsüchtigen an, trug die Klapper und bat um Almosen, die legte man ihm auf den Weg, und er las sie auf mit dankbarem Herzen; denn die Menschen mühten sich doch schwer um ihres Lebens Unterhalt, und von ihrem sauern Schweiß gaben sie ihm, der nichts tat, sondern lebte, wie ein Vöglein auf seinem Zweige. Und sah er blühende Jungfrauen, welche ihn mitleidig anblickten oder einen jungen Knecht, welcher stolz daherging in seiner frischen Kraft, so dachte er bei sich: »Ihr lieben Jungfrauen und Junggesellen, ihr mögt doch heiraten und Kinder kriegen in sichern und reinlichen Häusern, und die sollen sich freuen ihrer selbst und des Sonnenscheins und ihres Milchsüppchens und Haferbreis, und Mann und Weib sollen sich freuen über die Kinder mit der pfirsichfarbenen Haut und den unschuldigen großen Augen, und alle Menschen sollen leben in Glück und ohne Sorge, wie die Blumen des Feldes, die jeden Frühling kommen, unbekümmert, und wachsen und tragen Früchte, und im Herbste vergehen sie ohne Nöte und schwere Gedanken.«

Und solcher Gesinnung wanderte er seine Straße, dichtete und sang, und seine Augen strahlten. Kinder horchten ihm zu und junge Leute unter der Linde des Abends im Dorfe, und der Wandersmann, der auf dem Wege pilgerte. Einer sang seine Lieder nach und ein anderer und alle teilten sich mit, und so wurde Land auf, Land ab gesungen, was ihm an sein Herz gerührt hatte, und alle Spielmeister pfiffen und andere Spielleute führten den Gesang, daß er lustig zu hören war und den Menschen sich die Seele auftat. Und endlich saß er eines Abends auf einem Stein, der vor einem Dorfe lag und die Abendglocken läuteten in den noch hellen Himmel. Er dachte nach über die Gabe, die er von Gott bekommen hatte, daß allen Menschen ein Schein von Glück über das Gesicht strahlte, wenn sie ihn erblickten, wiewohl er doch grausig anzusehen war für das leibliche Auge, denn er schleppte sich fort mit Stützen, die er unter den Händen hatte, weil die Beine fast ganz geschwunden waren durch die Krankheit. Und als die letzten Töne der Glocke verhallt waren, da sang ein Vöglein in tiefen Lauten, als wollte es wetteifern mit dem Munde des Erzes. Darauf aber kamen die Landleute auf der dunkelnden Straße heimgeschritten, Sensen und ander Gerät auf dem Rücken. Vorauf ging eine junge Dirne, hochgeschürzt und fest ausschreitend, die sang mit einer Stimme, in welcher es oftmals klang, wie die Glocke, und er erkannte ein Lied, das er einst gedichtet hatte, als das erste von allen, die er sang, wie er jenes Tages heimlich entwichen war von den Leuten, bei denen er geschlafen und von der weißen Jungfrau, welche glänzte, wie ein Engel. Damals stäubte die gelbe Fruchtbarkeit über den Roggenacker und er selbst war trunken in seinem Herzen; das erstemal war das gewesen damals, da hatte er von der Lerche gesungen, die sich jubelnd in die Lüfte schwingt, und unten im Korn, wohlig verborgen lauschen die lieben Jungen, und leise zittert es über die Halme, wie von Freude, welche Ja nickt.

Als das braune Mägdlein bei ihm vorbeikam und einen Blick auf seine unglückselige Gestalt warf, da war es, als wenn sie zuerst stockte, aber dann sah sie in sein verklärtes Gesicht und singend breitete sie die Arme aus. Da wurde ihm ganz leicht zu Sinn, und ihm schien der Weg sich in den Himmel zu dehnen und die Landleute deuchten ihm Engel zu sein, welche ihm entgegenkamen, das gesunde und starke Mädchen aber vor ihm mit den ausgebreiteten Armen war wie eine Begleiterin zu den jenseitigen Auen, wo lauter Licht und klare Lust ist und unter ihm die fröhliche Welt sich hinzog mit blitzenden Strömen und mit Feldern, über denen die gelbe Fruchtbarkeit stäubte.


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