Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

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Die Buhlerin

Taddeo, ein junger Predigermönch einer Stadt hatte einen großen Zulauf; als unerfahrener Mann war er darüber sehr stolz, maß auch seinem Geiste eine große Bedeutung bei.

Nun geschah es eines Tages, daß er durch die Straße ging, in der Mitte des Weges, mit gesenktem Haupt und ernster Gedanken, wie es einem Frommen zukommt, da schritt plötzlich aus einem Schwarm geputzter Buhlerinnen an einer Ecke eine auf ihn zu, und ehe er sich dessen versah, umarmte sie ihn; dann trat sie zurück. Er faßte sich schnell wieder, ergriff mit einer verächtlichen Gebärde seine Mönchskutte, zog sie an sich und ging weiter; hinter ihm aber lachten die Buhlerinnen wie über einen gelungenen Schwank.

Als er zu Hause angekommen, verharrte er noch lange in großer Entrüstung über die Schmach, welche ihm und seinem Orden angetan war, und er beschloß, sich an die Obrigkeit zu wenden und die Bestrafung der frechen Dirne zu erbitten. Aber indem er den Fuß auf die Schwelle hob, um auf das Rathaus zu gehen, kam ihm in den Sinn, daß auch sein Herr einen Kuß empfangen habe von einem Schlimmeren, als diese Buhlerin war; und er dachte, ob ihm nicht etwa Gott hier eine Prüfung gesendet oder Aufgabe. Deshalb wendete er sich wieder und kniete vor seinem kleinen Gebetpult, flehte um Verzeihung bei Gott wegen seines ungetreuen Vorhabens und bat um Erleuchtung, was er tun solle.

Da ward ihm die Eingebung, daß diese Seele ihm anvertraut sei, ihr zu helfen, daß sie sich erlöse aus ihrer Schmach und Schande.

Also machte er sich auf den Weg zu ihrer Wohnung und ging in ihre Stube, mit Zagen zwar vor dem Reden der Leute, aber doch freudigen Herzens, weil er meinte, er folge dem Gebote Gottes in ihm.

Sie ward sehr rot und verwirrt, als er eintrat und sie begrüßte mit einem frommen Spruch. Dann aber zeigte sie ein trotziges und hochmütiges Wesen. Und als der junge Priester sie anredete mit tröstenden Worten (denn er glaubte sie in seiner Unerfahrenheit bekümmert über ihren Stand), da prahlte sie sehr, daß sie schöne Kleider habe, und Essen nach ihrem Wohlgefallen, und die Männer hingen ihr an, welche sie wollte. Da wußte er nichts zu erwidern und wich von ihr verstörten Gemüts.

Wie er aber wieder in seiner Zelle war und nachdachte über ihr Reden und Wesen, erhob sich plötzlich in ihm eine Angst, denn ihm war, als habe er in der Buhlerin sein Ebenbild gesehen, und es wurde ihm recht bewußt, daß auch er trotzig und hochmütig war und baute auf den Zulauf der Leute zu ihm; und er fragte sich, ob nicht ein schändlicher Schmuck seiner Worte die Menschen zu ihm locke; denn den Ernst flieht die Welt und sucht ihn nicht.

Die Buhlerin aber, als der Mönch von ihr gegangen war, setzte sich hin zu weinen; denn sie hatte wohl seine mitleidigen Augen gesehen und fühlte darob einen Stachel in ihrem Herzen. Ihr Leben erschien ihr plötzlich verändert, wie eine Landschaft, wenn Wolken sich vor die leuchtende Sonne gezogen haben; denn jedes Ding hielt sie noch vollständig im Geiste wie zuerst, und doch hatte jedes einen ganz anderen Sinn bekommen.

Der Mönch wußte wohl, wie vielerlei Schlingen der Widersacher den Menschen stellt, und daß seine List am gefährlichsten wird im Zustande der Reue; denn da verleitet er uns zu Selbstbespiegelung und zu Handlungen, welche uns scheinbar Schmerzen bereiten, in Wahrheit aber Freude; denn die Wollust im selbstgesuchten Leiden ist die wahre Begier der Hölle.

Nach solchen Überlegungen ging er am nächsten Tage wieder zu der Buhlerin. Da er sie in einer mehr zerknirschten Stimmung fand wie vorher, so sprach er offen zu ihr alles. Sie werde selbst wissen, daß ihre Rede aus einem unwahrhaftigen Herzen gekommen sei. Aber wie er sie zu Hause sich überlegt habe, sei ihm klar geworden, daß solche Unwahrhaftigkeit gemein sei unter den Menschen und daß er selber in sie verfallen. Da habe ihm der Widersacher geraten, er solle sich vor ihr demütigen als der größere Sünder, etwa indem er ihr zu Füßen falle; und derartige Selbsterniedrigung werde vor Gott angenehm sein. Aber er wisse, daß solche Gedanken aus der Lüge kommen, deshalb folge er ihnen nicht; nur habe er ihr dieses sagen wollen und ihr seine Hilfe anbieten in barmherziger Meinung.

Dieses alles sprach er mit Tapferkeit, so schwer es ihm auch wurde; und als er erzählte von dem Gedanken seines Hochmutes, ihr zu Füßen zu fallen, da wurde er rot, als ein junger und unschuldiger Mensch.

Die Buhlerin aber blickte ihn an mit entsetztem Gesicht. Dann stieß sie einen lauten Schrei aus und stürzte in sich zusammen; und in so sonderbarer Stellung, auf den Knien aufrecht und den Kopf hochgerichtet, schrie sie: »Ich bin auf ewig verloren.«

Der Mönch war erschrocken über dieses Schreien, wiewohl er spürte, daß hier das Gewissen seine erste Bewegung machte. Sprach ihr viel zu und erreichte endlich, daß sie sich legte und schwieg. Und zuletzt erzählte sie ihm, was ihre Worte bedeutet. Sie sei ein einziges Kind einer armen Witwe gewesen und von der zu Hoffärtigkeit erzogen, indem die Mutter immer alle Arbeit getan und sie selber geputzt habe, also, daß ihre Gedanken nur auf Kleider und Vergnügen gegangen seien; sie habe schon als Kind Buhlerei und Unzucht getrieben zum großen Jammer ihrer Mutter, welche sie einst überrascht; und wie sie kaum eingesegnet gewesen, da habe ihr ein vornehmer Mann, der schon bei Jahren war, viel Geld gegeben, das sie dann ihr gezeigt, und sich gerühmt, daß ein so großer Herr sich zu ihr herablasse wegen ihrer Schönheit und Gesittung; und wie die Mutter sie ermahnt zum Christentum und gewarnt, auch sie habe strafen wollen, da sei sie heimlich entwichen; der aber sei das Herz gebrochen aus Kummer. Bis jetzt habe sie gedacht, die andern Menschen seien ebenso schlecht wie sie oder noch schlechter, mit Ausnahme ihrer toten Mutter, von welcher sie gemeint, sie sei dumm gewesen. Nun aber erkenne sie wohl, daß sie diese Jahre hindurch gar nicht die wahre Welt gesehen, sondern der Widersacher habe ihr einen Spiegel vorgehalten, in welchem sich Schattenbilder bewegten, als ob sie lebten, und dieser Spiegel sei ihr als die Welt erschienen und die Schattenbilder als die Menschen. Schon als er das erste Mal bei ihr gewesen sei, habe sie jedoch das Gefühl gehabt, er sei ein Mensch aus der wirklichen Welt, nicht aus dem teuflischen Scheine, der sie umgebe, denn er habe ein ganz anderes Gesicht und Spiel der Hände gehabt wie die Männer, welche sie sonst gekannt, so daß jene alle einer Art seien und er allein einer andern; und heute sei ihr das ganz klar geworden, als sie nämlich in seine Augen geschaut, wie er erzählte, der Widersacher habe ihm geraten, er solle ihr zu Füßen fallen, und er habe gespürt, daß das eine Einflüsterung vom Vater der Lüge sei; da habe die Wahrheit aus seinen Augen geschienen (denn es hätte dieselben Worte auch ein Lügner sagen können, und er selbst, wenn er sie noch einmal sagen würde, wäre ein Lügner); und mit diesem Augenblicke sei ihr die ganze Welt, in welcher sie bisher gelebt, in grauen Nebel aufgelöst, so daß sie selbst keine rechte Erinnerung mehr habe und Personen und Orte nicht mehr auseinanderhalten könne. Zugleich aber sei ihr auch klar geworden, daß sie selbst zu dieser Welt des Scheins gehöre und nie in die Welt der Wahrheit kommen könne; denn nun habe sie gesehen, was Wahrheit sei, und daß sie selber niemals solche Worte hätte finden können. Der Mönch suchte ihr Mut einzuflößen, daß Gott sie nicht verlassen werde, nachdem er begonnen habe, in ihr Reue zu erwecken. Aber sie verharrte bei ihrer Meinung, wiewohl er ihr unter Anziehung vieler Stellen aus den Vätern und der Schrift nachwies, daß die Kirche anders lehre. Und nachdem ihre Zwiegespräche sich mehrere Wochen wiederholt hatten ohne Ende, sagte sie schließlich klagend: ihr sei jetzt nur das Herz verbrannt, und es wäre doch viel besser gewesen, ihr wäre geblieben, wie ihr war, dann hätte sie doch wenigstens ein zeitliches Glück genossen; so aber habe sie beides nicht, weder zeitliches Wohlsein, noch ewige Seligkeit.

Über solche Rede tadelte sie zwar der Mönch. Bald aber erfuhr er, daß sie sich wieder in den Schlamm ihrer Ausschweifungen gestürzt habe. Ja, sie legte es darauf an, ihn recht zu verhöhnen und seiner zu spotten, denn da in jenen Tagen ein Maskenumzug gehalten wurde, bei welchem die Gottheiten der alten Heiden auf Wagen standen, jede in ihrer besonderen Tracht, ließ sie sich daherfahren als die Göttin Venus, und waren auf ihrem Wagen angeschrieben Verse, welche lehrten, das höchste Gut sei die irdische Wollust, denn unser Leben sei nur kurz bemessen und mit dem Tode alles zu Ende.

Dem Mönch aber war in die Seele gekommen, daß dieses Herzens Umkehr ihm selber not sei, und er hatte eingesehen, daß in dem Gewirr von Menschen, welche auf der Erde leben, ohne daß sie voneinander wissen, immer einige füreinander bestimmt sind, sich kennen zu lernen und zu fördern, und vielleicht mußten zwei Menschen ihre Wege nur ein einziges Mal kreuzen, vorher und nachher sich nicht kennen und nicht sehen; aber in diesem einen Punkt sollten sie aufeinander wirken, daß jeder ein anderer Mensch würde. Deshalb ging er wieder zu ihr und ließ sich nicht erschrecken durch ihre spöttische Begrüßung. Sie rief ihm nämlich zu, jetzt wisse sie, weshalb er ihr beständig nachlaufe, nämlich aus Üppigkeit, weil er eine Liebe gefaßt habe zu ihr. Sie aber sei keine Mönchsdirne, denn mit den Geschorenen gäben sich nur solche ab, die kein anderer möchte; und sie könne noch viele Jahre ihr Leben führen, ehe sie zu dieser Not gebracht werde.

Auf diese Rede erwiderte er: »Ja, du hast recht, in meiner Seele ist eine Liebe zu dir entzündet, welche ich nicht mehr auslöschen kann.«

Als sie das gehört, wurde sie ganz blaß und fast ohnmächtig; und dann begannen ihr die Tränen aus den Augen zu quellen und in runden Tropfen über die Backen zu laufen, und nicht anders, denn einer reinen und unschuldigen Jungfrau stieg die Scham in ihr auf. Aber es war die Scham über ihn. Dann sprach sie voller Schmerzen: »Ehe ich dich kannte, dachte ich nie über andere Dinge nach, wie über Putz, Vergnügen und allerlei Leichtfertigkeit, und noch nicht einmal leibliche Sorgen um den nächsten Tag kamen mir in den Sinn. Aber als du zu mir sprachst, sah ich, daß es Menschen gibt, auf denen die Welt ruht, denn Menschen von meiner und meiner Freunde Art halten nicht die Welt. Und wenn ich auch wußte, daß ich keinen Teil hatte an diesem Leben, so schien es mir doch ein Glück, daß es das gab. Aber jetzt ist das alles eingestürzt, und ich sehe wieder nur die leeren und flachen Fratzen in des Widersachers Spiegel, und sonst gibt es nichts.«

Da erwiderte der Mönch, und auch ihm kamen Tränen in die Augen, daß er wohl wisse, wie schlecht sein Sinnen sei, und daß er nicht nur fehle gegen sein Gelübde, sondern auch gegen ihre Seele. Deshalb habe er viele Tage zu Gott gebetet, er möge ihn befreien von solcher Versuchung; aber seine Liebe sei nur heftiger geworden. Und nun sei ihm in den Sinn gekommen, er wolle sie selbst bitten, daß sie für ihn zu Gott bete, ihn zu retten aus seiner unzüchtigen Liebe zu ihr. Die Frau sah ihn starr an und erwiderte: »Du weißt, daß ich seit meiner Kindheit nicht mehr gebetet habe; erst aus Leichtfertigkeit, und seit ich dieses Leben führte, weil ich wußte, daß eine solche Sünderin Gott doch nicht erhören wird. Aber um dieses, was du mir gesagt hast, will ich stehen zu Gott, und nicht eher will ich mich erheben von den Knien, bis er mir meine Bitte gewährt hat. Denn wohl bin ich unwert zu ihm zu reden, aber dieses muß er mir gewähren.«

Und so schnitt sie sich ihre langen goldenen Haare ab und verbrannte ihre kostbaren Kleider, zog ein graues Gewand an mit einem Bußgürtel darunter, und ging mit nackten Füßen in ein entlegenes Nonnenkloster, dort zu beten vor einer Lampe; und hier kniete sie und zwang ihr Wesen zurück und rang mit sich, und nachdem sie viele Stunden mit sich gerungen hatte, kam sie zu den kurzen Worten: »Herr, rette jenen«; und dann kämpfte sie wieder ohne Unterlaß, und legte sich mit ausgebreiteten Armen auf den kalten Steinboden, lange Stunden. Die guten Nonnen hielten sich von weitem, scheu über die Büßende, denn der Tag verrann und die Pfeiler des Kirchleins strebten ins Ungewisse, und sie hielten ihre Andacht, und der Abend verrann, und es begannen die Nachtstunden, und um Mitternacht sangen die Nonnen und am Morgen, und die Fremde lag noch immer da und betete.

Und mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie gelegen und gerungen im Gebet, da erhob sie sich endlich, und die Nonnen halfen ihr in die Höhe und stützten sie. Sie aber hatte ein ganz anderes Aussehen bekommen, und ein Glanz strahlte von ihrem Gesicht, und jubelnd sprach sie: »Ja, es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, denn über hundert Gerechte.« Dann hieß sie den Mönch rufen; und als der gekommen war, küßte sie seine Hand und sprach: »Ich verstehe jetzt deinen Willen und daß du nur, mir zu helfen, dich bezichtigt hast einer leichtfertigen Liebe zu mir. Und siehe, du hast mich befreit durch deinen Plan.«

So änderte sie ihr Leben, ward eine fleißige Arbeiterin, welche sich das Mühseligste aussuchte und den geringsten Lohn nahm, und half doch noch anderen von ihrem Verdienst; und lebte in frommer Heiterkeit, Gott liebend und zu ihm betend stündlich.

Der Mönch aber prüfte sich und fand, daß er desgleichen ein anderer geworden. Denn es war ihm lebendig nunmehr, daß es ein heimliches Band gibt, welches alle Menschen aneinander kettet, ohne unser Denken und Wollen, aller Stolz aber auf unser Selbst und unsere Gaben, Leistungen und Können erschien ihm töricht.


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