Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

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Warum leben denn nur die Menschen!

Paul war ein junger Mann und der einzige Sohn begüterter Eltern, welche früh das Zeitliche gesegnet. Des Vaters erinnerte er sich als eines tadellos gekleideten, kränklichen, hochgewachsenen und überarbeiteten Menschen, der selten sprach, sehr streng mit dem Knaben war und ein starres und hartes Pflichtgefühl besaß; der Mutter als einer blassen Dame mit schwärmerischen Augen, welche sehr viel las. In der frühesten Kindheit Pauls geschah es, daß er zu den Füßen seiner Mutter saß, und sie ihn traurig ansah und die Worte sprach: »Warum leben denn nur die Menschen?« Diese Worte hatte er in kindlicher Weise mißverstanden und bei ihnen an den lieben Gott gedacht; dadurch hatten sie sich seinem Gedächtnis eingeprägt.

Er war in den Staatsdienst getreten, seinem Vater nacheifernd, welcher von allen gerühmt wurde, die ihn gekannt, als ein besonders begabter und tüchtiger Mann, der sicher noch Großes erreicht hätte, wäre er nicht so früh gestorben. Zur Zeit war er Assessor und wurde auf dem Polizeipräsidium als Hilfsarbeiter beschäftigt.

Bis dahin hatte er sein Leben ruhig und pflichtgemäß und ohne sonderliche Erregungen geführt, und in ihm war das Gefühl, daß man in anderer Weise gar nicht leben könne, wenn man nicht vielleicht ein Leichtsinniger sei und irgend eine gefährliche Leidenschaft habe, etwa für das Spiel oder die Weiber. Da erwachte plötzlich ein Trieb in ihm, welcher bis dahin mochte geschlummert haben, welcher derselbe war, der seine Mutter zu jenen Worten veranlaßt.

Von irgend einem Gesangverein von Arbeitern wurde angenommen, daß er politische Absichten habe, und es war ihm daher verboten, eine gewisse Verbindung aufrecht zu erhalten, die er mit andern ähnlichen Gesellschaften eingegangen. Von Bedeutsamkeit war das Ganze nicht, denn die Leute hatten nur freiheitsdurstige Lieder gesungen und unter einander Reden über einen baldigen Umschwung aller Dinge gehalten, wie sie zu tun pflegen, um eine gewisse Bewegung in ihr langweiliges Leben zu bringen. Ein eifriger Polizeibeamter machte ihnen darauf allerhand Umstände und erließ auch jenes Verbot. Der Verein hatte gegen das Verbot Einspruch erhoben und dicke Beschwerdeschriften eingereicht, und so war von beiden Seiten viele Quengelei zustande gekommen. Jetzt hatten die Leute nun einen Ausschuß von drei Mitgliedern ernannt, welche Noten einkaufen sollten, für den Versammlungsort sorgen, und ähnliches; und da nun einmal ein Aktenstück über den Verein vorhanden war, so mußte der junge Assessor in dieser Sache irgend etwas verfügen.

Wohl über eine Stunde brauchte er, um sich durch das dicke Bündel mit den verschiedenen Berichten, Eingaben, Verfügungen, Beschwerden, Entscheidungen, Depositionen, Klagen und Vorladungen durchzulesen. Dabei wurde ihm klar, daß hier wieder etwas geschehen konnte: denn der sogenannte Ausschuß durfte unzweifelhaft selbst wieder als Verein aufgefaßt werden, und wenn dieser, wie anzunehmen, politische Absichten hatte, so vermochte man ihm gleicherweise zu untersagen, mit andern Vereinen, also auch dem eigentlichen Gesangverein, in Verbindung zu treten. Als der junge Mann auf diesen Gedanken gekommen war, da sah er zufällig zum Fenster. Gegenüber dehnte sich eine rote Ziegelmauer; ganz glatt und gleichmäßig dehnte sie sich, nach oben und nach unten, und nach rechts und nach links. Auf dem Fenster saß ein Sperling, der hastig mit dem Kopf ruckte; wahrscheinlich war das ein Ausdruck der Liebe zu einem nicht sichtbaren Weibchen.

Da erwachte ganz plötzlich, ohne jede Vorbereitung, jener Trieb in ihm. Laut sprach er vor sich hin die Worte seiner Mutter: »Warum leben denn nur die Menschen!«

Wie ein nächtlicher Blitzschlag für einen Augenblick eine weite Gegend erhellt mit Dörfern, Äckern, Wald, Wiese, Fluß und Burgruine, und der Zuschauer hat das ganze Bild im Geiste, so wurde ihm in diesem Augenblick sein ganzes Leben, Denken, Streben und Wollen klar gezeigt.

Der Handel mit dem Gesangverein war ihm gänzlich gleichgültig; auch dem Vorgänger, welcher ihn angefangen, war es gewiß gleichgültig gewesen. Trotzdem hatte er selber, wie der Vorgänger, ihn mit großer Kraft verfolgt. Der Grund war, daß es nun einmal so ein Gesetz gab, welches politischen Vereinen verbot, miteinander in Verbindung zu treten, und die Ursache, daß er vom Staate vor diesen Tisch gesetzt war, um auf dem beschriebenen Bogen, welcher ihm vom Sekretär vorgelegt wurde, Verfügungen zu treffen; deshalb strengte er sich an, Auslegungen und Begriffsbestimmungen zu finden. Offenbar war das eine ganz maschinenmäßige Tätigkeit, und wenn man eine Maschine bauen könnte, welche aus den vorhandenen Gesetzen Schlüsse zöge auf die ihr vorgelegten Aktenstücke, so würde diese die Sache viel besser machen; denn alles, was menschlich war an dem Wesen, welches vor dem Aktenbündel saß, bedeutete ja eine Verunreinigung des Denk- und Verfügungsprozesses, Ehrgeiz oder Bequemlichkeit, Mitleid oder Quengelsucht, Großherzigkeit oder Angst und alle andern menschlichen Eigenschaften.

Hierüber bekam er ein heftiges Mitleid mit sich selbst; und die rote Backsteinwand vor seinem Fenster verursachte ihm ein Gefühl, als sei er nur ein elender Sklave. Deshalb beschloß er, seinen Dienst aufzugeben.

Nun verkehrte er häufig im Hause eines reichen Oheims, der mit seiner Frau und einer einzigen Tochter unweit seiner Straße wohnte und sich in derselben Laufbahn befand wie er, natürlich auf einer weit höheren Stufe. Diese Tochter lachte immer über ihn, wenn er kam; denn sie war ein lustiges und rotbackiges Mädchen und er fühlte sich immer verlegen vor ihr. An jenem Tage ging er zu dem Oheim, fand aber nur die Tochter zu Hause. Diese fragte er, weshalb sie ihn immer auslache. Darüber wurde sie sehr rot, und dann sagte sie trotzig, daß das niemanden angehe, wenn sie heiter sei. Er sprach dann in ganz verlegener Weise, er denke immer, daß er etwas Lächerliches an sich habe. Da traten ihr die Tränen in die Augen, und sie hängte sich an seinen Hals und sagte, daß sie ihn liebe. Bei diesen Worten wurde ihm klar, daß er sie auch liebte, und dann dachte er, daß er ihr einen Kuß geben müsse (sie aber hatte ihn schon geküßt). Über diese Versuche lachte sie wieder und entschlüpfte aus seinen Armen, dann setzte sie sich auf den Tisch, baumelte mit den Beinen, und erklärte ihm, daß er einen ganz ungeschickten Schneider habe; plötzlich aber weinte sie wieder, und sagte, wenn er sie nicht lieb gehabt hätte, so hätte sie sterben müssen, und sie wolle ihm in allem folgen als seine Frau und gehorsam sein, und sie möchte ein kleines Hündchen sein, dann könnte sie doch immer bei ihm bleiben und zu seinen Füßen liegen. Über diese Reden zog in sein Herz ein wohliges Gefühl, und er schien sich sicher und geborgen, wie in einem guten und warmen Hause, wenn es draußen stürmt, und Dankbarkeit und Liebe wallten in ihm über, und er hätte mögen ihre Hand fassen, die Augen schließen, und traumlos in einem großen Dunkel schiffen.

Inzwischen kamen des kleinen Mädchens Eltern, und sie sprang ihrer Mutter entgegen und verbarg ihr Gesicht an deren Brust. Die Eltern wußten gleich das Geschehene aus den Mienen und freuten sich herzlich.

Nun wurde über die Zukunft des jungen Paares gesprochen, von Vermögen, Dienst und Beförderung, Wohnsitz, Einnahme und Verbrauch. Da stieg es ihm lähmend ins Herz, und es überfiel ihn eine große Angst und Befangenheit. Er sprach heimlich zu seiner Braut von seinen Gedanken, daß er den Dienst verlassen wolle. Sie küßte ihn und erwiderte, sie sei mit allem zufrieden, und was er tue, sei ihr recht. Aber er merkte wohl, daß sie sich bezwang, das zu sagen, und ihn drängte es, ihr zu antworten, er wolle seinen Plan aufgeben und lieber das tun, was sie mehr liebe. Er überwand zwar diesen Drang, aber nun fühlte er, daß sie einen Ausdruck von großer Dankbarkeit von ihm erwartete, dessen er jedoch nicht fähig war. So schieden sie in einer sonderbaren Erkältung.

Da kam ihm sein Gefühl wieder: Warum leben denn nur die Menschen? und es wurde ihm wieder klar, mit allen geringen Einzelheiten, daß er immer Unfreiheit fühlen werde, wenn er verehelicht sei, und daß irgend etwas in ihm gegen diese Unfreiheit ebenso stark ankämpfe, wie gegen das Sklaventum seiner bisherigen Tätigkeit. Schon jetzt war eine starke Fessel geschaffen, denn als er sich bedachte, wie er das Verhältnis zu der Base lösen könne, fühlte er große Schmerzen einer schwierigen Aufgabe. Trotzdem aber löste er es.

Nachdem er nun von Braut und Amt frei geworden, beschloß er, ein vom Vater ererbtes Gut zu übernehmen, um es selbst zu bewirtschaften, das bis dahin verpachtet gewesen war. Am ganz frühen Morgen ritt er über seine Felder; an den jungen Halmen hingen die blitzenden Tautropfen, das Pferd schnaubte fröhlich, und ihm war, als stiege er in einer frischen und reinen Luft, immer weiter über die wellige Saat mit dem blitzenden Tau. Sein Herz dehnte sich vor Stolz und Freude, und er fühlte eine sonderbare Kraft und Lust. Ganz unbegreiflich war es ihm, wie er selbst und sein Vater hatten solche Toren sein können, eine sinnlose Sklavenarbeit in einer staubigen Schreibstube zwischen den Mauern einer stinkenden Stadt diesem Herrenleben vorzuziehen. Er dachte lange darüber nach und fand am Ende keinen weiteren Grund, als bloße Gedankenlosigkeit, daß die Menschen nämlich ohne Prüfung sich in der Richtung irgendeines Anstoßes treiben lassen, den sie durch einen Zufall empfangen haben; nachher wundern sie sich, daß sie sich unglücklich fühlen und stellen die Frage: Warum leben denn nur die Menschen; diese Frage schien ihm jetzt ganz einfältig.

Indessen entstanden Schwierigkeiten aus dem Verhältnis zu den Leuten. Die angesessenen Arbeiter hatten seit undenklichen Zeiten von Vater auf Sohn hier auf dem Gute gewohnt und erwiesen ihm in der ersten Zeit eine treuherzige und zutrauliche Verehrung, denn sie dachten, daß es ihnen in allem besser gehen werde, wenn der Herr selber wirtschafte. Aber er konnte sich nicht recht in den Ton hineinfinden, welcher nötig war, und den er wohl kannte, denn er war, wider seinen Willen, einerseits zu höflich, andererseits zu wenig herzlich; und nach kurzer Zeit wurden die Leute verdrossener und weniger offenherzig und achtungsvoll; sie betrogen ihn, sagten ihm die Unwahrheit und machten sich untereinander über ihn lustig.

Noch schlimmer ging es mit den polnischen Arbeitern.

In den ersten Tagen seiner Anwesenheit waren die fremden Arbeiter angekommen; auf Leiterwagen waren sie mit ihren Koffern von der Bahnstation geholt; dann kommandierte ihnen der Vorarbeiter, und sie stellten sich in einer geraden Reihe auf, wie die Soldaten, Burschen und Mädchen, jeder sein Bündel vor sich. Der Arzt ging die Reihe entlang, alle streckten die Zunge aus und hielten die linke Hand vor, und der junge Doktor, mit rotem Gesicht und vielen Schmissen, besah die Zunge und befühlte den Puls, während er die Reihe entlang ging. Hinter ihm her schritt der Verwalter und forderte die Versicherungskarten ein. Zuweilen hielt ein Bursche oder Mädchen die Hand ungeschickt hin, dann schimpfte der Doktor; die nächststehenden Leute lachten verlegen, die ferneren blieben stumpfsinnig.

Der junge Herr hatte über diesen Vorgang ein eigenes Gefühl, welches so heftig war, daß er nicht auf dem Hofe bleiben konnte; er ging in seine Stube. Als er hier sich dieses Gefühl überlegte, da merkte er, daß er sich geschämt hatte. Darüber wunderte er sich sehr, noch mehr aber beunruhigte er sich, und in diesem Augenblick schien ihm plötzlich, als sei die Verwaltung seines Gutes eine ungeheuer schwere Last, die er nicht bewältigen könne, die ihn merkwürdigerweise aber auch eigentlich gar nicht anzugehen schien. In den ersten Tagen vermochte er nicht recht die polnischen Arbeiter zu behandeln; er scheute sich aber vor seinem Verwalter, überwand seinen Widerwillen, und sprach zu ihnen in demselben groben und verächtlichen Ton, mit dem sie von allen angeredet wurden, und der sie gar nicht zu beleidigen schien.

Nun geschah es, daß er auf eine Rübenbreite ging, wo verhackt werden sollte. Schon von weitem sah er die Reihe der Arbeiter, an der Stelle aber, wo die überflüssigen Kleidungsstücke und das Frühstück niedergelegt waren, traf er ein weibliches Wesen auf dem nassen Boden liegend, welches die Beine unter sich gezogen und den Rock über den Kopf geschlagen hatte. Er stieß sie mit dem Fuße an und rief ihr zu, weshalb sie nicht arbeite. Da schlug sie den Rock zurück und sah ihn mit zwei fieberglänzenden Augen mit ganz großen Pupillen an, sagte nichts, sondern richtete nur ihre entsetzlich traurigen Augen auf ihn. Da hatte er ein Grauen; er bezwang sich, ging zu den Arbeitenden und hörte hier, daß das Mädchen plötzlich erkrankt sei; der Aufseher schwatzte noch allerhand, brachte auch Anliegen vor, ihm aber war, als schüttle es ihn, und er konnte den Gedanken an diese Augen nicht los werden. In Eile ging er nach Hause, schloß sich in seinem Zimmer ein, und wanderte auf und ab in Gedanken und Furcht.

Daß er ganz allein in der Welt sei, hatte er schon lange gewußt; aber heute zum ersten Male machte ihm das schauerlich. Er war wie auf einer engen Felsenklippe in den feindlichen Meerwellen; hinter all dieser scheußlichen Demut der Leute lauerte doch die erbitterte Feindschaft; ihm selber aber waren die Menschen gänzlich gleichgültig, dieses Land gleichgültig, dieses Haus, sein ganzes Leben; und nur, wenn er des Morgens über die Felder ritt, da war etwas, was seinem Herzen wohl tat. Rechnete er die Löhne ab und was ihm gestohlen wurde, und dazu die Zinsen für die Hypothek, so blieb ihm als Ertrag seines Gutes gerade so viel, wie er selbst für sich allein persönlich verbrauchte; das war vielleicht das Dreifache von dem, was ein Tagelöhner bei ihm hatte; aber er hätte auch noch einfacher leben können, ohne irgend welches Opfer. Und darum mußte er auf einer einsamen Klippe stehen und sich Sorgen machen um sich und seine Leute und sich langweilen in Gleichgültigkeit! Ja, warum leben denn nur die Menschen?!

Da kam ihm der Gedanke, sich auf die Eisenbahn zu setzen und irgend wohin in eine ferne Gegend zu fahren, wo ihn kein Mensch kannte. Er gab seinem Verwalter die Anweisungen, ließ den Kutscher anspannen, fuhr zum Bahnhof, löste für den nächsten Zug eine Karte. Nachdem er viele Stunden gefahren war von Mittag bis zum andern Morgen, stieg er aus, bei einer kleinen Station, und ging aufs Geratewohl auf der Landstraße.

Nach einer Weile holte er einen Stromer ein. Dieser begann ein Gespräch mit ihm. Er hatte zerrissene Stiefel und zerlumpte Kleider und ein aufgedunsenes Gesicht eines Säufers. Bald fing er an, sein Leben zu erzählen in einer seltsamen Mischung von Wahrheit und phrasenhafter Lüge; es schien ihm der Sinn für den Unterschied von beidem verloren gegangen zu sein. Er sei von gutem Herkommen und der Sohn eines Professors. Als Beweis sagte er den Anfangsvers der Ilias in griechischer Sprache her. Er habe studiert und sei Gymnasiallehrer geworden. Da sei plötzlich das Bewußtsein vom Unwert alles Daseins über ihn gekommen, als er nämlich durch Zufall das Rhinozeroslied gelesen, ein berühmtes altbuddhistisches Lehrgedicht. Das habe ihn so unruhig gemacht, daß er wie wahnsinnig herumgegangen sei, bis er gefunden habe, daß die Unruhe gestillt wurde durch Trinken. Dann hätten ihn schlechte Menschen verklagt, und er habe seine Stelle verloren und sei zuletzt Landstreicher geworden; als solcher aber fühle er sich endlich glücklich, und wenn er nicht in seiner früheren Zeit sich den Trunk so angewöhnt hätte, daß er nicht mehr von ihm lassen könne, so würde er jetzt das allerwünschenswerteste Leben führen. Dann trug er mit branntweinzerstörter Stimme vor:

»Vater und Mutter verlassend, die Gattin auch und die Kinder, Reichen Güterbesitz, Korn und Verwandte und, was Sonst auch ein Gegenstand ist, nach dem die Menschen verlangen, Wie das Rhinozeros schweift einsam, so wandre allein. Schlingen die alle nur sind, Glück ist darin nicht zu finden, Freude bringen nicht oft, Schmerz desto häufiger sie; Was die Angel dem Fisch, sind sie dir; solches erkennend Wie das Rhinozeros schweift einsam, so wandre allein. Hast du die Bande zerrissen, bist durch das Netz du gebrochen, Wie sich im Wasser ein Fisch aus der Gefangenschaft löst: Kehre so wenig zurück wie zur Brandstätte das Feuer; Wie das Rhinozeros schweift einsam, so wandre allein.«

Dieser Vortrag wirkte mit einer peinlichen Läppischkeit. Der Gutsbesitzer schwieg und ging schneller. Aber der Stromer beschleunigte gleichfalls seinen Gang. Nachdem auch er eine Weile geschwiegen hatte, begann er von neuem und verglich die Menschheit mit einem Ameisenhaufen, und behauptete, es komme nicht darauf an, ob jemand auf den Haufen trete und Hunderte von den Tieren töte. Dann bettelte er ihn unvermittelt an. Der andere suchte nach seiner Geldtasche und fand sie nicht; er hatte sie wohl irgendwo liegen lassen; unter dem höhnischen Blick des Stromers wurde er verlegen; da fing dieser an zu schimpfen und sagte, er wolle ihn doch nicht umsonst unterhalten haben, und es sei eine Lüge, daß er kein Geld bei sich trage. Paul ging auf die andere Seite der Landstraße, der Stromer folgte ihm mit drohenden Worten. Da faßte er seinen Stock fester, trat vor ihn hin und sagte ihm, daß er selbst der Stärkere von ihnen beiden sei. Der Stromer warf ihm einen schiefen Blick zu und blieb hinter ihm; als er nach einer Weile zurückblickte, sah er ihn am Grabenrand sitzen und stumpfsinnig vor sich Hinsehen; und er wußte, wenn er jetzt umkehrte und an ihm vorbeiginge, so würde der Mensch gleichmütig die Hand ausstrecken und ihn nochmals anbetteln. Dabei wurde es ihm klar, daß dieser Mann wirklich glücklich war.

Es gab wohl für jeden eine bestimmte Art zu leben, bei welcher er glücklich wurde, nur schien es doch recht schwer zu sein, die zu finden. Merkwürdig war, daß die Menschen doch leben wollten, auch wenn sie ihre Art nicht fanden.

Da ihm dieser Gedanke in derselben Form lange im Kopfe verharrte, ohne daß er weiter kam, so wurde er endlich ganz müde. So fuhr er nach Berlin zurück und kam mit dem Vater seiner früheren Braut zusammen. Dieser war sehr einsichtsvoll, behauptete, daß einem natürlich unser Leben nicht genügen könne, so lange man jung und kraftvoll sei, es gebe aber nur ein Mittel gegen die Schwermut, welche aus diesem Umstand entstehe, daß man nämlich heirate und dadurch Ärger und Sorgen bekomme in Beziehung zu Menschen, die man lieb habe und gewissermaßen für Teile seines Selbst halte; und dazu müsse man eine Arbeit leisten, welche ja töricht sein könne, aber doch allgemein geachtet sein müsse. Und da er nun gar nicht wußte, was er eigentlich tun sollte, so befolgte er diese Ratschläge und tat dasselbe wie alle andern Menschen, indem er sich nämlich treiben ließ.


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