Paul Ernst
Prinzessin des Ostens
Paul Ernst

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Florisel und Meliade

Man liest in einem alten Buche diese Geschichte:

Es war einmal ein König, der hatte einen einzigen Sohn namens Florisel. Diesen erzog er zusammen mit einer Waise, welche er einst im Walde gefunden, und hatte sie Meliade genannt. Die beiden Kinder waren den ganzen Tag beieinander und spielten, und nachts schliefen sie in demselben Bettchen. Sie spielten aber auf einer großen Wiese, auf der sie überall gehen durften, und pflückten Marienblümchen und Stiefmütterchen, oder bliesen die Laternenblumen ab und machten aus den Stielen Ketten, und aus den Kälberkropfstielen machte Florisel Spitzen, Meliade aber war die Mutter und backte Kuchen aus nassem Sand mit einem Fingerhut. Und dann konnte Meliade schön singen, und ein Lied hatte sie, das sang sie immer, wenn Florisel seinen Kopf in ihren Schoß legte, und sie wickelte eine lange blonde Locke von seinem Kopf um ihren Finger; das Lied aber hieß so:

Überm Gras weht linder Wind
Und die Sonne scheint am Himmel;
Sieh, ein Prinzlein kommt geschwind
Angesprengt auf blankem Schimmel.

Gras und Klee und Tausendschön,
Terpendill und Hahnentritt
Und Pustblumen auf der Wiese stehn,
Schimmel frißt sich pumpeldick.

Kommt der Bauer angerannt.
Ach herrjeh, herrjemineh,
Schimmelchen wird angespannt,
Fräße lieber Gras und Klee.

Doch der Kutscher hat einen Rock,
Der von purem Golde blitzt,
Weil neben ihm auf seinem Bock
Eine richtige Prinzessin sitzt.

Als sie älter wurden, da mußte Florisel reiten und fechten, und Meliade lernte Spinnen und Nähen und allerhand künstliche Arbeiten, und auch die Laute schlagen lernte sie. Deshalb waren sie nicht mehr so viel zusammen, sie hatten aber untereinander abgemacht, daß sie sich heiraten wollten, wenn sie erst erwachsen wären, und Florisel sollte Vater sein und Meliade Mutter. Nun geschah es, daß ein fremder Ritter an den Hof des alten Königs kam, der erzählte von vielen fremden Ländern und schwierigen Arbeiten. Darüber entstammte Florisel, und er beschloß, seine kleine Rüstung anzulegen und sein Pferdchen zu besteigen und auch in die Welt hinaus zu ziehen, um zu versuchen, ob er Arbeiten vollführen könne, weil er ja doch von ordentlichen und stolzen Vorfahren abstammte. Da er aber dachte, daß sein Vater ihn noch nicht werde reiten lassen, weil er ihn für zu klein hielt, so beschloß er, seinen Plan niemandem zu verraten, außer, daß er von Meliade Abschied nehmen wollte und sie um ein Andenken bitten.

Das größte Abenteuer schien ihm zu sein, wenn er einen Kampf mit dem Alten vom Berge bestände, denn von diesem hatte der fremde Ritter besonders Merkwürdiges erzählt. Es wurde nämlich gesagt, daß der Alte ein Ungläubiger sei und meine, einer könne alles tun, was ihm beliebt. Und um diese Meinung zu verbreiten und zu gleicher Zeit seine teuflischen Absichten auszuführen, lockte er junge Leute an sich, denen er zuerst von seinem Unglauben predigte; dann führte er sie auf die oberste Spitze seines Berges in einen schönen Garten voller Wunder, der von einer hohen Mauer umgeben war; hier gab er ihnen einen Trank ein, durch welchen sie in einen tiefen Schlaf versetzt wurden und die Herrlichsten Dinge träumten, als geschähen sie ihnen wirklich; es knüpfte sich aber der Traum so völlig an die wunderbaren Dinge des Gartens an, daß auch ein anderer nicht hätte unterscheiden können, was Traum gewesen und was Wahrheit. Der Inhalt des Traumes aber war immer, daß der Jüngling vermeinte, in dem Irrgarten unter den ungewohnten Bäumen zu wandeln, deren duftende Dolden auf ihn herabhingen. Dann kam er auf eine freie Wiese des schönsten Grases; in deren Mitte saßen überaus prächtig gekleidete Jungfrauen mit Musikinstrumenten, welche ihn mit schön tönendem Gesänge und klingendem Saitenspiel empfingen, sich mit Anstand, erhoben und vor ihn traten; und ihre Fürstin, auf deren Stirn ein köstliches Diadem blitzte, umarmte und küßte ihn; und dann verbrachte er inmitten der Jungfrauen mit Gesang und Saitenspiel, wohlschmeckenden Speisen und feurigem Wein und allen Liebkosungen einen Tag, daß er wähnte, er sei im Paradiese und die Engel bedienten ihn. Plötzlich aber kam vom Himmel herab eine Dunkelheit über den Garten, und der Jüngling sah nichts, und fühlte, wie er getragen wurde und auf ein Ruhebett gelegt. Und indem er die Augen aufschlug, fand er sich in der Tat in einem Zimmer, ausgestreckt liegend auf einem Ruhebett.

Indem die Jünglinge solchen Traum für Wahrheit hielten und dem Betrüger glaubten, welcher ihnen vorredete, daß dieser Garten das Paradies sei, und er habe den Schlüssel und könne einlassen, wen er wolle, kamen sie ganz in seine Gewalt, denn die genossenen Süßigkeiten waren so reizender Art, daß sie schwermütig wurden aus Sehnsucht nach ihnen und keinen Willen mehr hatten, und alles taten, was der Alte ihnen auftrug, weil er ihnen versprach, sie wieder in das Paradies einzulassen. Er hielt aber dieses Versprechen nie, und was er ihnen auftrug, das waren die größten Schandtaten und Verbrechen der Welt, als Mord, Raub, Meineid, Treubruch und ähnliches. Gegen diesen teuflischen Alten dachte der junge Florisel zu ziehen, wollte ihn ausfordern und töten. Und nach seinem Plane nahm er Abschied von Meliade, erzählte ihr sein Vorhaben und eilte heimlich fort. Er hatte aber viele Gefahren, Hindernisse und Abenteuer, also, daß er sich recht verspätete und nach viel längerer Zeit bei dem Alten eintraf, als er sich berechnet und Meliade beim Abschied gesagt, denn er hatte ihr alles genau angegeben und die Zeit genannt, wo er wieder zurückkehren werde. Wie er nun nicht kam, und auch eine Nachricht von ihm traf nicht ein, da dachte Meliade, ihm sei ein Unglück geschehen bei dem Alten, und weil sie ihn lieb hatte, so meinte sie, daß sie ihm vielleicht helfen könne, und deshalb faßte sie sich Mut und beschloß, sich zu verkleiden in Jünglingsgewänder, um ihm nachzugehen. Sie ging aus dem Hause und sah sich nicht um, denn sie hatte Furcht, ihr Vorhaben möchte sie reuen, wenn sie das Fenster ihres Schlafkämmerchens sähe, in welchem Blumen in Scherben standen. Und sie gelangte ohne Aufenthalt zu dem Schloß des Alten, und das war gerade an demselben Tage, wo Florisel angekommen war.

Um aber einen guten Zutritt bei dem Alten zu bekommen, hatte sich Meliade Folgendes ausgedacht. Der Vater Florisels bewahrte in seiner Schatzkammer unter vielen anderen Kostbarkeiten die Haut mit den Federn eines Vogels, welcher aus dem Paradiese gekommen war. Es geschieht nämlich, daß Vögel, welche im Paradiese leben, zu hoch in die Lüfte fliegen, oben durch widrige Winde verschlagen werden und sich nicht wieder in ihre Heimat zurückfinden. Diese werden dann, wenn sie ermattet auf die Erde herabsinken, von den Menschen gefangen und ihre Haut wird an reiche Könige verkauft. Die ist aber das Prächtigste, was man sich vorstellen kann, sämtliche Farben sind auf dem unendlich zarten und seinen Gefieder, und sie leuchten wie die Sterne, und zum Zeichen, daß der Vogel aus dem Paradiese stammt, fehlen ihm die Füße, denn er erhält sich in seiner Heimat immer schwebend und ernährt sich von den kostbaren Düften, welche von den Blumen dort aufsteigen.

Die Haut eines solchen Vogels bewahrte Florisels Vater in seiner gewölbten Schatzkammer; und als Meliade sich auf ihren Weg machte, entwendete sie heimlich die Kostbarkeit, weil sie gedachte, den bösen Alten durch solches Geschenk günstig zu stimmen. Deshalb legte sie die Haut vor seine Füße, als sie zu ihm geführt ward, und erzählte ihm die Geschichte des Vogels.

Als aber der Ungläubige diese wunderbaren und köstlichen Federn sah, welche nicht aus dieser Welt entstammten, und deren Anblick schon bei den Guten eine Seligkeit erzeugte, da erschrak er heftig und schrie: »Nun sehe ich, daß es in Wahrheit doch ein Paradies gibt und einen Gott, der es geschaffen, und daß ich verflucht bin auf ewig für meine Freveltaten.« Damit zerriß er sein Gewand in großer Angst und Bekümmernis. Meliade jedoch, wie sie ihn schwach sah, fragte kecklich nach Florisel, und da sagte der Alte, daß er ihn vor wenigen Stunden in den Garten gebracht und habe ihm den Schlaftrunk gegeben. Da entriß ihm Meliade den Schlüssel und eilte in den Garten, um Florisel zu suchen.

In dem Garten war ein Gesang von vielen Vögeln, und ein Duft, welcher Sehnsucht im Herzen erzeugte. Von großen Baumästen in der Höhe hingen Blütentrauben herab, und Dolden öffneten sich nach oben auf Sträuchern, welche gerade Zweige hatten. Der Boden war glatt von hellgrünem Grase, zwischen dem blühten wunderliche rote Blumen. Meliade wurde der Atem fast benommen, aber sie ging mit Mut weiter.

Sie fand bald Florisel, wie er schlief unter einem ruhigen Baum mit breiten Blättern. Die linke Hand hatte er über die Brust gelegt und zwischen den leicht geöffneten Lippen hervor ging der Atem. Sie schrie laut auf vor Freude und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund. Aber sein Gesicht verzog sich gar nicht und er schlief unverändert weiter. Da fiel ihr eine heftige Angst aufs Herz und sie erfaßte seine Hand, ihn aufzurichten. Aber die Hand lag willenlos auf ihren Fingern. Sie rief laut seinen Namen, aber indem überflog ein seliges Lächeln sein Gesicht, und Meliade dachte, jetzt träumt er von dem Paradiese. Da drängten sich ihr die Tränen vom Herzen aus den Augen und fielen in großen Tropfen auf Florisels Gesicht, und sie neigte sich lange über ihn, seinen Kopf mit beiden Händen fassend; und sie dachte, daß er jetzt träumte, wie er von den Jungfrauen empfangen wurde, und wie die vornehmste Jungfrau ihn umarmte und küßte, und ihr war, als müßte ihr das Herz brechen. Da besann sie sich, wischte die Tränen aus dem Gesicht und setzte sich aufrecht und begann zu singen, wie sie früher getan:

Überm Gras weht linder Wind
Und die Sonne scheint am Himmel;
Sieh, ein Prinzlein kommt geschwind
Angesprengt auf blankem Schimmel.

Gras und Klee und Tausendschön,
Terpendill und Hahnentritt
Und Pustblumen auf der Wiese stehn,
Schimmel frißt sich pumpeldick.

Kommt der Bauer angerannt.
Ach herrjeh, herrjemineh,
Schimmelchen wird angespannt,
Fräße lieber Gras und Klee.

Doch der Kutscher hat einen Rock,
Der von purem Golde blitzt,
Weil neben ihm auf seinem Bock
Eine richtige Prinzessin sitzt.

Als Meliade ihren Gesang beendet hatte, lichtete sich Florisel auf und öffnete ganz weit die Augen. Da erkannte er Meliade, fiel ihr um den Hals und küßte sie, und die beiden freuten sich sehr.

Dann begann Florisel sich recht zu schämen, daß er seinen Plan so übel zu Ende geführt; aber Meliade tröstete ihn und sagte, daß er doch wohl zu jung sei für solches Unternehmen, und wenn er erst zu seinen Jahren komme, dann werde er diesen Unfall wieder gut machen. Das gelobte Florisel bei sich.

Wie sie aber so froh waren, da erzählten sie sich immer mehr, und dachten auch an später. Und ihre Hoffnungen waren wie ein Bäumchen, das im Frühjahr sprießt aus einer schwarzen Buchecker, welche den Winter durch unter Schmutz, Unrat und braunen Blättern gelegen hat. Erst kommen die beiden Keimlinge an die Luft, freuen sich der schönen Sonne, der Frühlingsvöglein und des lustigen Windes. Und das Wetter wird immer heiterer, der letzte Schnee verschwindet und der Rasen begrünt sich, bunte Blumen sprießen auf, und Schmetterlinge kommen; und das Bäumchen reckt sich, und wie die Sonne ihm so warm ins Herz scheint, wachsen ihm die beiden ersten wirklichen Buchenblätter, die ganz so aussehen, wie bei den großen Bäumen. Und wenn es die himmelhohen Bäume mit den glatten Stämmen sieht, die sich leise bewegen im Winde, und deren Äste hoch oben sich kreuzen unter dem sonnendurchleuchteten Laube, so reckt es sich immer höher vor Glück, Freude und Hoffnung.

So dachten sie und sprachen. Da blitzte vor ihnen in einem Sonnenstrahl eine große dunkle Herzkirsche an dem Baum. Meliade erhob sich, pflückte sie und nahm sie halb zwischen die Zähne, und Florisel küßte sie und biß dabei die andere Hälfte der Kirsche ab. Aber plötzlich wurde ihnen trüb vor den Augen, denn die Frucht des Baumes war sehr giftig; und ohne daß sie einen Schmerz empfanden oder eine Furcht hatten, starben sie, nur in Verwunderung über den Schleier vor sich; und sie hatten sich im Tode die Hand gegeben.


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