Felix Dahn
Gelimer
Felix Dahn

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Drittes Kapitel.

Hoch oben, auf dem Kapitolium der Stadt, ragte das Palatium, der Königspalast der Asdingen: nicht ein einzelnes Haus, vielmehr ein ganzer Inbegriff von Gebäuden.

Ursprünglich angelegt als »Akropolis«, als Hochstadt, Hochfeste, zur Beherrschung der Unterstadt und zur Ausschau über die beiden Häfen hin über die See, war das umfassende Bauwerk von Geiserich und dessen Nachfolgern nur wenig verändert worden: der Palast sollte Burg bleiben und geeignet, die Karthager im Zaum zu halten. Ein schmaler Aufstieg führte von dem Hafenquai empor: er mündete in einem engen, festgemauerten, von einem Turm überhöhten Festungsthor. Aus diesem Thore gelangte man in den viereckigen, einem weiten Hofe vergleichbaren Platz, der auf allen Seiten von den zum Palast gehörigen Bauten umschlossen war: die Nordseite, nach dem Meere zu, füllte das »Königshaus«, in welchem der Herrscher selbst mit seiner Sippe wohnte: die Keller desselben führten tief in die Burgfelsen hinunter: oft und oft hatten sie als Kerker, zumal für Staatsverbrecher, gedient. Auf der Ostseite des Königshauses, nur durch einen schmalen Zwischenraum von ihm getrennt, lag das »Prinzenhaus«, diesem gegenüber das Zeughaus; die nach der Stadt geneigte Südseite war durch die Festungsmauer, deren Thor und Turm gesperrt.

Im Erdgeschosse des Prinzenhauses bildete den stattlichsten Raum eine reichgeschmückte, säulengetragene Halle. In ihrer Mitte, auf einem Citrustische, prangte ein hoher, eherner, reichvergoldeter Henkelkrug und mehrere Becher verschiedener Formen: stark duftete daraus der dunkelrote Wein. Ein Ruhebett, mit einem Zebrafell bespreitet, stand daneben.

Auf demselben saßen, in traulichster Umschlingung dicht aneinander geschmiegt, »der Schönste der Vandalen« und ein wahrlich nicht minder schönes junges Weib. Den Helm, geschmückt mit den silberglänzenden Schwungfedern des weißen Reihers, hatte der Jüngling abgelegt: frei flutete das dunkelblonde Gelock in langen Ringen auf seine Schultern: es mischte sich dabei mit dem ganz hellgelben, fast weißen, frei vom Wirbel fallenden Haar der jungen Frau, die eifrig bemüht war, ihm die schwere Brünne zu lösen: sie ließ nun die klirrende zu Helm und Schwertgurt niedergleiten auf den Marmor-Estrich des Saales. Sie strich ihm jetzt, den liebevollen Blick an seinem edeln Antlitz weidend, mit beiden weichen Händen die vordrängenden Locken aus den Schläfen und sah ihm dann freudestrahlend in die fröhlichen, lachenden Augen.

»Hab' ich dich wieder? Halt' ich dich in meinen Armen?« sprach sie leise, verhalten, innig, beide Arme auf seine Schultern legend und die Hände auf seinem Nacken faltend. »O du viel Süße!« rief er entgegen, riß sie an das hochklopfende Herz und bedeckte ihr Augen und Wangen und die schwellenden Lippen mit brennenden Küssen. »O Hilde, mein Glück, mein Weib! Wie hat mich dein verlangt! Wie sehnte ich mich nach dir – Nacht und Tag – immerdar!« »Es sind fast vierzig Tage,« seufzte sie. »Volle vierzig. – Ach, wie ward mir's lange!« – »O du, du hattest es viel leichter! Mit dem Bruder, mit den Genossen, dich tummeln, lustig reiten und fröhlich streiten in Feindesland! – Ich aber! – Ich mußte hier sitzen – im Frauengemach! – Sitzen und weben und harren – thatenlos. Ach hätt' ich dabei sein dürfen! – An deiner Seite dahinjagen auf feurigem Roß, neben dir reiten und fechten und endlich – zugleich mit dir – fallen. Nach Heldenleben – ein Heldentod!« Sie sprang auf: die graublauen Augen blitzten wundersam: sie warf das wogende Haar in den Nacken und hob beide Arme begeistert empor.

Zärtlich zog sie der Gatte wieder zu sich nieder. »Mein hochgemutes Weib, meine Hilde,« lächelte er. »Mit weissagendem Sinn hat dein Ahn dir den Namen gekoren nach der Walküren herrlicher Führerin. Wie dank ich ihm so viel, des großen Gotenkönigs Waffenmeister, dem alten Hildebrand! Mit dem Namen ging die Artung auf dich über. Und seine Zucht und Lehre that wohl das Beste.« Hilde nickte: »Die frühverstorbenen Eltern hab' ich kaum gekannt. Solang ich denken konnte, wußte ich mich in des weißbärtigen Helden Schutz und Pflege: in dem Palast zu Ravenna schloß er mich in seinen Gemächern eifrig, eifersüchtig ab von den frommen Schwestern, den Religiösen, und von den Priestern, welche meine Jugendgenossinnen – so die schöne Mataswintha – erzogen. Mit seinem andern Pflegling, dem frühverwaisten, dunkellockigen Teja, zusammen wuchs ich auf. Freund Teja lehrte mich Harfe schlagen, aber auch Speere werfen und Speere fangen mit dem Schild. Und später, da der König und mehr noch seine Tochter Antalaswintha, die hochgelehrte Frau, darauf bestanden, daß ich bei Frauen und bei Priestern lerne, – wie mürrisch doch« – sie lächelte bei der Erinnerung – »wie brummig dazwischen durch scheltend der Urgroßvater mir abends abfragte, was mich den Tag über die Nonnen gelehrt! Hatte ich die Sprüche und lateinischen Lieder aufgesagt – etwa das »Deus pater ingenite« oder – von Sedulius – »Salve sancta parens« – mehr als die Anfänge weiß ich kaum mehr!« – lachte sie fröhlich – »dann schüttelte er wohl das mächtige Haupt, schalt leise in den langen, weißen Rauschebart und rief: »Komm, Hilde! Ins Freie! Komm ans Meer! Dort erzähl' ich dir von den alten Göttern und den alten Helden unsres Volkes!« Dann führte er mich weit, weit von dem volkreichen Hafen in die Einsamkeit eines öden, wilden Werders, wo die Möwen kreischten und der Wildschwan nistete im Meerschilf: – da setzten wir uns auf den Sand und während die weißschäumigen Wellen bis dicht an unsere Füße rollten, erzählte er! Und wie erzählte er, der alte Hildebrand! Daß mein Auge nur an seinen Lippen hängen konnte, wie ich, beide Ellbogen auf seine Kniee gestützt, zu ihm emporschaute. Wie blitzte dann sein meergraues Auge, wie flog sein weißes Haar im Abendwind! Seine Stimme bebte in Begeisterung: – er wußte gar nicht mehr, wo er weilte: er sah das alles, was er sprach, oft – abgerissen – sang. Und war er dann zu Ende, so erwachte er wie aus einem Traumgesicht, sprang auf und lachte dann wohl vergnüglich, mir über das Haupt streichend: »So! so! Nun hab' ich sie dir wieder aus der Seele geblasen, die Heiligen, mit ihrer dumpfen, süßlichen Sanftheit, wie der Nordwind durchs offene Kirchenfenster den Weihrauchqualm verbläst.« Aber sie hatten schon vorher nicht recht gehaftet,« lächelte sie.

»Und so wuchsest du auf,« sprach er, den Finger drohend erhebend, »als halbe Heidin, wie Gelimer dich schilt. Aber als ganze Heldin, die an nichts so völlig glaubt als an ihres Volkes Herrlichkeit.« »Und an die deine – und an deine Liebe!« hauchte sie innig und küßte ihn auf die Stirne, – »Doch wahr ist es,« fuhr sie fort: – »Wäret ihr Vandalen nicht meiner Goten nächste Stammgenossen, – ich weiß nicht, ob ich dich hätte lieben können – ach nein: lieben müssen! – als du, von Schwager Gelimer gesendet, kamst um mich zu werben. So aber: dich sehen und dich lieben, das war eins! Gelimer dank' ich den Geliebten und all' mein Glück! – Stets will ich daran denken: das soll mich an ihn binden, wenn sonst,« fügte sie langsam, sinnend bei, »mich manches beinah heftig abstoßen will von ihm.«

»Der Bruder wollte durch diesen Ehebund die Verfeindung lösen, die Kluft überbrücken, welche seit – seit jener blutigen That Hilderichs beide Reiche trennt. Es ist nicht gelungen! Nur uns, nicht unsre Völker hat er einen können. – Er ist voll schwerer Sorgen, voll finsterer Gedanken.« »Ja: oft mein' ich: er ist siech,« sprach sie kopfschüttelnd. »Er? – Der stärkste Held unsres Heeres! Nur er – kaum Bruder Zazo noch – biegt mir den ausgestreckten Schwertarm.« – »Nicht krank am Leib –, siech an der Seele. – Aber still: da kommt er. Sieh, wie traurig, wie düster! – Ist das die Stirn, das Antlitz eines Siegers?«

 


 


 << zurück weiter >>