Ernst Constantin
Das warme Polarland
Ernst Constantin

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XXXVII. Kapitel.

Über das Polareis.

Der Schneesturm hatte vier Tage angehalten, als wieder ruhiges Wetter eintrat.

Um aus ihrer Höhle herauszukommen, mußten sie sich durch den festgewehten Schnee vor dem Eingange herausarbeiten, was sehr beschwerlich war.

Endlich standen sie im Freien.

Sie sahen vor sich ein ödes Land, zum Teil reich mit Schnee bedeckt, zum Teil blosgeweht.

Als sie nach ihren Booten suchten, war nichts mehr davon zu finden; ebensowenig von den auf das Eis geschafften Gegenständen.

Es war ein schwerer Verlust; denn nun würden sie im günstigsten Falle nur mit dem nackten Leben in das gebildete Land gelangen. Alle ihre Mühe war umsonst gewesen. Besonders Eduard schien untröstlich über den Verlust; doch später beruhigte ihn das bekannte deutsche Sprichword: 'Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist'. Eduard suchte zu vergessen.

Sein Naturschatz war ihm jetzt um so wertvoller geworden; er trug ihn an einem Riemen, den er um seine Schultern legte, beständig in wasserdichter Umhüllung an seiner Seite.

Die Wanderung ging verhältnismäßig rasch nach Süden und Hans bewährte sich als Lastträger sehr gut. Er nährte sich von der spärlichen arktischen Pflanzenwelt, die er sehr gern nahm. Die Reise ging gut von statten und am 31. Mai waren sie am Südrande der Insel angelangt, welche sie 'Rettungsinsel' nannten.

Ein Glück war es, daß das Meer mit Eis bedeckt war, so konnten sie zu Fuß Grönland erreichen.

Vor ihnen lag das paläokrystische Meer, oder das Meer des alten Eises, das der Engländer Markham 1876 von Grant Land aus zum Teil mit Schlitten durchzogen hatte.

Mit Proviant waren sie gut versehen; denn es war ihnen gelungen, einige Eisfüchse zu erlegen. Für Hans hatten sie so viel als möglich von den Polarpflanzen gesammelt, die ihm am besten schmeckten. Unter diesen hatten sie auch eine Pflanze gefunden, die Wonström als ein vortreffliches Heil- und Vorbeugungsmittel gegen den Skorbut oder Scharbock, jener heimtückischen Krankheit, die nicht selten den Polarreisenden befällt und ihn auch öfters zum Tode führt. Sie nahmen davon einen guten Teil mit, um dasselbe täglich zu kauen.

Das Eis, über das sie wanderten, war nicht glatt und eben, sondern es war sogenanntes Packeis, das sich zu Blöcken von allen Größen bis zu zehn Meter Höhe aufgeschoben hatte.

Mit Schlitten wären sie schwerlich darüber hinweggekommen, zu Fuß dagegen ging es ganz gut, und Hans mit seinen langen Beinen stieg unverdrossen weiter.

Die Kälte plagte sie nicht, sondern mehr die Sonne, die mit ihren schrägen Strahlen über das glitzernde Eis strahlte.

Die Augen suchten vergebens einen dunklen Ruhepunkt, nirgends aber fanden sie einen solchen. Die Sehnerven schmerzten ihnen und zuletzt stellte sich die bekannte Schneeblindheit bei beiden ein. Sie währte zwei Tage. Jetzt fertigten sie sich Schneebrillen nach Art der Eskimos an, welche aus einem Stück Leder bestehen, in welchen vor den Augen ein dünner Schnitt gemacht ist. Diese bewährten sich sehr gut; denn die eigentümliche Krankheit kehrte nicht wieder.

Am 16. Juni betraten sie zum ersten Mal wieder bekanntes Land. Es war die Beaumont-Insel zwischen dem 82. und 83. Grad nördl. Breite gelegen.

Da die Jahreszeit schon so weit vorgeschritten war, reisten sie sofort weiter.

Sie wanderten teils an der Küste von Grönland hin, wo es Futter für Hans zur Genüge gab. Wenn ihnen Gletscher oder Meeresbusen dazwischen kamen, wanderten sie über das Eis, welches noch nicht gebrochen war.

Für sie gab es auch Nahrung genug und bei Kap Bryant hatten sie das Glück, einen Moschusochsen zu erlegen.

Weiter und weiter zogen sie südwestlich, bis sie an den von Dr. Kane entdeckten großen Humboltgletscher kamen.

Das Land war hier an der ganzen Küste scharf abgekantet und stieg zum Teil in geraden Felswänden bis 300 Meter senkrecht empor.

Hier hatten sie wieder einen fürchterlichen Schneesturm auszuhalten, bei welchem das Eis brach und sich nach der Baffin-Bai in Bewegung setzte.

Jetzt hörte die Fußwanderung auf, indem sie sich auf eine treibende Eisscholle mit ihrem treuen, langbeinigen Begleiter begaben, die mit ihren anderen Genossen nach Süden trieb.

Sie durchsegelten das Kane-Bassin und den Smith-Kanal, weiter bei Kap Alexander vorbei, ohne daß irgend eine Stockung eingetreten wäre.

Diese Fahrt war sehr langsam und der Vorrat von Kräutern für Hans geschwunden, ehe sie an dem Walfisch-Sund vorüber waren. An's Land konnten sie nicht, weil es ihnen an ein Fahrzeug zum Übersetzen fehlte, und so mußte denn der arme Hans hungern.

Auch den beiden Freunden fehlte es oft an den nötigen Nahrungsmitteln, und es herrschte stets große Freude, wenn eine Robbe geschossen wurde.

Hans war schon acht Tage lang ohne Nahrung gewesen und fast zum Skelett abgemagert, als es Eduard gelang, einen kleinen Seehund zu schießen. Beim Zerteilen warf er dem Riesenstrauß den Aufbruch hin und sieh', er verschlang ihn. – Mit solchen geringen Portionen wurde sein Leben hingefristet; denn es hätte doch möglich sein können, daß sie bald einen Walfischfahrer in der Melville-Bai antreffen würden, der sie und ihren Hans aufnehmen würde.

Es war der 6. August, als sie aus dem Smithsund in die Baffin-Bai trieben.

Die Nahrungsnot war auf's Höchste gestiegen; denn die beiden Freunde benagten aus Hunger die Jagdsäcke und das Lederzeug.

Hans lag auf dem Eise matt und kraftlos und vermochte sich nicht mehr zu erheben; denn es war den beiden schon lange nicht mehr gelungen, irgend ein lebendes Wesen zu erlegen.

Fortwährend schauten sie auf dem Horizont mit dem Fernrohr herum, ob sich nicht die Mastspitze eines Schiffes zeigen wollte, doch vergeblich, sie sahen nichts als Himmel, Wasser und Eis.

Endlich, als die Not den Gipfel erreicht hatte, beschloß man, den treuen Hans zu töten.

Wohl klingt es schrecklich, wenn man vom Töten eines Tieres spricht, das so treu und ergeben gedient hat, wie Hans, ja, dem man es allein zu verdanken hatte, daß man über das Meer des alten Eises gekommen war; doch haben sich Menschen unter ähnlichen Umständen nicht schon selbst unter einander getötet, um sich dann aufzuessen, damit sie nicht des Hungertodes sterben? Die Verzweiflung hatte sie gepackt und angesichts des Todes kennt das menschliche Herz keine Schranken mehr.

Wir werden es auch Eduard und Wonström verzeihen, wenn sie ihren Hans, der ja schon so dem Tode nahe war, töteten und ihr eigenes Leben mit seinem wenigen Fleisch zu erhalten suchten.

Über fünf Wochen, bis zum 11. September, trieben sie in der Baffin-Bai herum und hatten schrecklich mit dem Hunger zu kämpfen, als sie eines Mittag's ein Segel unter dem 72. Grad nördlicher Breite auf sich zukommen sahen.

Ein schwacher Ruf der Freude entrang sich ihren entkräfteten Kehlen und sofort wurde ein Stück Segeltuch als Flagge an eine Flinte gebunden. Mit der anderen schossen sie wiederholt in die Luft, obgleich nicht daran zu denken war, daß die Luft den Knall bis zum Schiffe tragen konnte.

Aber es war vom lieben Gott beschlossen, daß sie gerettet werden sollten. Der Mann im Krähenneste an der Spitze des Mastkorbes hatte sie erblickt, als das Schiff näherkam, und bald hatten sie die Freude, zu sehen, daß ein Boot ausgesetzt wurde, welches die beiden Irrfahrer auch bald an Bord brachte. Sie waren gerettet.

Es war die 'Fanny', ein englicher Walfischfahrer von Quebec, welcher eben im Begriffe stand, die Baffin-Bai zu verlassen.

Die beiden Geretteten waren von den ausgestandenen Leiden so entkräftet, daß sie in eine achttägige Krankheit verfielen, aus der sie wie zu einem neuen Leben wieder erwachten.

Als sie soweit wieder hergestellt waren, daß sie ihre Erlebnisse während der zwei Jahre erzählen konnten, glaubten die biederen Seeleute, die ausgestandenen Leiden hätten die beiden Freunde im Kopfe verwirrt, doch hatten diese einige Beweise für die Richtigkeit ihrer Erzählung.

Mit ängstlicher Sorgfalt hatte Eduard den Kopf mit einem Stück Hals, an welchem sich noch die borstenartigen Federn befanden, und einen Fuß von ihrem treuen Hans aufbewahrt; ebenso hatte er eine Kralle von dem von Wonström erlegten Megatherium, das teilweise zerbrochene Skelett eines Archäopterix und ein gleiches von einem Pterodactylus in seinem Jagdsack geborgen. Allerdings verstanden die braven Seebären nichts von Secundär- und Tertiärzeit, doch die Größe der Kralle von dem Riesenfaultier und Kopf und Bein des Riesenmoa imponierte ihnen.

Am 13. Oktober trafen sie in Quebec ein und begaben sich sofort zum deutschen Konsul. Dieser gab ihnen das nötige Geld, mit welchem sie sich wieder mit zivilisierter Kleidung versahen, und da am 15. Oktober ein Schiff die Anker lichtete, welches Liverpool zum Ziel hatte, so sehen wir unsere Freunde zwei Tage darauf an Bord der Elisabeth dem alten Europa zudampfen.

Während der Fahrt schrieb Eduard einen Brief an den berühmten Geographen, Professor Dr. Petermann in Gotha, von dem er wußte, daß er sich ganz besonders für Nordpolfahrten interessierte. In diesem Brief teilte er ihm den Untergang des Isbjörn im Norden von Nowaja Semlja mit, ihre wunderbare Fahrt nach Norden und bat um Auskunft, wohin er und Wonström sich wenden sollte, um ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu verwerten.

Dann nannte Eduard ein Hotel in Hamburg, wohin er bat, die Antwort zu richten.

In Liverpool trafen die beiden Freunde ein Schiff, mit dem sie, ohne großen Aufenthalt zu haben, nach Hamburg fuhren.

Sie mochten ungefähr fünf Tage in Hamburg sein, als ein Kellner eine Karte brachte mit der Aufschrift

Prof. Dr. August Petermann,
Gotha.

Im nächsten Augenblick trat der verdienstvolle Gelehrte selbst in ihr Zimmer.

Er begrüßte sie wie ein paar alte Bekannte und kam dann gleich auf den Zweck seiner Reise zu sprechen.

Als er den Brief empfing, hatte er erst geglaubt, ein Spaßvogel mache sich einen schlechten Witz, oder ein Irrsinniger habe ihn geschrieben; doch die genauen Umstände, die bezüglich des Isbjörn angegeben waren, veranlaßten ihn, den Inhalt des Briefes genauer zu nehmen. Schließlich bestimmte ihn der klare Sinn des Briefes und die Beteuerung der Wahrheit, an die Echtheit des fast Unmöglichen zu glauben. Kurz, er habe sich entschlossen, die Sache persönlich zu untersuchen.

Von der Mannschaft des Isbjörn war nichts wieder gehört worden, jedenfalls ist sie bei jenem schrecklichen Sturme zugrunde gegangen.

Als Dr. Petermann Einsicht von dem Naturschatz und der Karte mit den neu entdeckten Ländern genommen und das Skelett des Archäopteryx, des Pterodaktylus u. s. w. gesehen hatte, war er von der Wahrheit der merkwürdigen Angaben überzeugt. Er bat um einstweilige Überlassung des 'Naturschatzes' und der Präparate, weil er diese den wissenschaftlichen Gesellschaften vorlegen wollte. Dann versprach er weiter für Wonström und Eduard zu sorgen, die, wie er meinte, von der gesamten Welt belohnt werden würden, wenn erst ihre Erfolge und ihre Namen bekannt werden.


Die Geschichte bricht nun hier ab, weil die beiden Freunde erst vor ganz kurzer Zeit von ihrer merkwürdigen Reise zurückkehrten, und weitere Berichte noch nicht bekannt sind.

Wie sie ihr Glück machen, wird uns jedenfalls ein späteres Buch erzählen, und daß sie durch diese Reise ihr Glück machen werden, dafür garantiert der große Gelehrte, Professor Dr. August Petermann in Gotha.


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