Ernst Constantin
Das warme Polarland
Ernst Constantin

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XXXI. Kapitel.

In der Jurazeit.

Der Abstieg war anfangs dem Aufstieg ähnlich. Es ging über Gletscher, welche denen auf der südlichen Seite nicht viel nachgaben.

Je tiefer sie hinunter kamen, desto nebeliger und wärmer wurde es. Von Pflanzen fanden sie Moose und Gräser.

Als sie noch tiefer kamen, trafen sie hohe Farnkräuter und Schachtelhalme.

Von den Bergen herab liefen überall Wasserbäche, die sich unten zu einem Flusse vereinigten. Das Wasser war lehmig und schmutzig und hatte eine ziemlich hohe Temperatur.

Als sie unten am Fuße des Gebirges angekommen waren, trafen sie seltsame Wälder. Es schienen lauter Palmen zu sein, die in der feuchtwarmen, dunstigen Atmosphäre riesig wucherten. Stellenweise trafen sie mächtige Pilze, unter denen sie wandern konnten, wie unter Säulenhallen.

Außerdem war alles totenstill. Kein Vogelgesang ließ sich vernehmen; dieses Land schien ausgestorben, kein lebendes Wesen regte sich.

Halt, nicht doch, eben flog ein Vogel vorüber, den der warme Nebel gespenstig vergrößerte. Da, wieder einer.

Wonström nahm seine Flinte und schoß, als wieder einer vorüberflog, denselben herunter. Sofort erkannten sie in ihm einen Archäopterix oder Altvogel.

Ihr Mundvorrat war bedenklich geschwunden; auch hatten sie lange eine frische Fleischnahrung entbehren müssen, deshalb warteten beide mit ihren gespannten Flinten, um noch einige Altvögel zu schießen.

Kurze Zeit darauf kam wieder ein Vogel dicht bei ihnen vorbeigeflogen. Dieser hatte einen anderen Flug als die Altvögel, er glich dem der Fledermäuse mehr.

Auf Eduard's Schuß stürzte er herab; wie erstaunte aber dieser, als er einen Vogel ohne Federn vor sich sah. Eine Fledermaus war es ebenfalls nicht, denn es hatte kein Fell.

Um dieses merkwürdige Wesen, welches die Größe einer Ente hatte, genauer zu betrachten, ergriff es Eduard. Kaum aber hatte er zugegriffen, als das Tier ihn empfindlich in die Hand biß, daß er mit einem Schmerzensschrei dieselbe zurückzog.

Es war nicht tot, sonder nur angeschossen, und da es sich so streitbar zeigte, mußte es totgeschlagen werden.

Eduard's Aufregung war groß, als er in dem nackten Flugtier einen Pterodaktylus (Flügelfinger) erkannte.

»Mich durchschleicht eine Ahnung,« meinte er, »als ob wir uns hier hinter den Bergen in einer noch viel älteren Zeit befinden. Ich glaube, hier herrscht noch die Jurazeit, denn dieser Pterodaktylus ist ein ausgesprochener Vertreter derselben. Sieh' nur, diese palmenartigen Bäume sind keine Palmen, sonder riesige Farrne und Schachtelhalme. Diese kolossalen Pilze, diese dicken Nebel, die warme, feuchte Luft, alles das trägt den Charakter der Jurazeit. Wenn wir hier weiter reisen, müssen wir die größte Vorsicht gebrauchen; denn wenn auch keine Löwen und Tiger zu fürchten sind, so können uns hier schreckliche blutgierige Rieseneidechsen oder Saurier gefährlich werden.«

»Wenn das so ist,« entgegnete Wonström, »so muß ich dich vor allen Dingen ersuchen, nicht wieder so leichtsinnig mit deinem Gewehr umzugehen, sonst könnte es uns passieren, daß wir einst als Zeitgenossen dieser Saurier in versteinerter Form von einer späteren Nachwelt ausgegraben würden.«

Nachdem sie noch einen Altvogel erlegt hatten, machten sie ein Feuer und brateten sich dieselben.

Währenddessen betrachteten sie den Pterodaktylus. Es war weder Vogel noch Fledermaus, sondern eine geflügelte Eidechse. Die häutigen Flügel befanden sich ähnlich wie bei den Fledermäusen, zwischen den Vorder- und Hinterbeinen. Seine Flügelweite betrug dreimal mehr als seine Körperlänge. Der verhältnismäßig sehr große Kopf war mit langen, scharfen Zähnen besetzt.

Nachdem sie sich gesättigt und ausgeruht hatten, nahmen sie ihre Säcke wieder auf den Rücken, die Stäbe in die Hand, und zogen wieder dem Norden zu.

Sie gingen einen Fluß entlang, der auf dem Gebirge entsprang und große Wassermengen mit sich führte. Je weiter sie kamen, desto größer wurde er, sodaß er bald den Namen Strohm verdiente.

An seinen Ufern wuchsen große Schilfgattungen, aus denen palmenartige Farrnkräuter und Cycadeen schossen.

Hohe Pandanus mit ihren seltsamen Wurzeln ragten hier und da in Gruppen empor und die Wälder waren hauptsächlich von araukarienartigen Nadelhölzer gebildet.

Die Wanderung war sehr beschwerlich, da fast alles Sumpf war. Sie mußten die aus dem Sumpf ragenden Felsen zum Gehen benützen und oft traf es sich, daß die Felsen plötzlich aufhörten und sie gezwungen waren, große Strecken wieder zurückzugehen, um eine andere Passage zu suchen. Schließlich aber konnten sie, ohne Gefahr zu laufen, in diesem Sumpf zu versinken, nicht mehr weiter nach Norden vordringen und so nahe am Ziele, schien ihr Plan, den Nordpol zu erreichen, nicht in Erfüllung zu gehen.

Nach ihren Berechnungen waren sie jetzt bis 88° 55' nördl. Breite und 30° östl. Länge gekommen, infolgedessen nur noch wenig über einen Grad zurückzulegen war.

Wonström stand da und kratzte sich hinter den Ohren, während Eduard ganz untröstlich zu sein schien. Endlich rief Wonström: »Können wir den Nordpol nicht zu Lande erreichen, so müssen wir versuchen, zu Wasser hinzukommen. An Baumaterial fehlt es hier nicht, und dieser Fluß scheint direkt nach Norden zu gehen.«

»Gut denn, zu Wasser!« sagte Eduard, »fangen wir sofort an, ein Schiff zu bauen.«

Dicht am Ufer dehnte sich ein kleiner Fichtenwald aus. Dorthinein gingen sie und suchten sich sogenannte stammdürre Stämme aus, weil diese bei großem Volumen eine geringe Schwere haben, und sägten die passenden ab.

Stamm für Stamm trugen sie an das Flußufer und begannen, als sie genügendes Material hatten, ein großes Floß zu bauen.


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