Ernst Constantin
Das warme Polarland
Ernst Constantin

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XXII. Kapitel.

Eine gelehrte Mahlzeit.

Wonström betrachtete mit Wohlgefallen diese Gelehrten-Natur; denn wenn er auch zuerst für das Nächstliegende sorgte, so war seine Interesse für die ganze Sache doch ebenfalls sehr groß.

Ein Stück Schenkel von dem Riesen-Moa war fertig gebraten und beide ließen sich das etwas derbe Fleisch sehr wohl schmecken.

Unterdessen erzählte Eduard, was Zimmermann über die Riesenvögel geschrieben hatte.

Die Überreste jener Riesenvögel fand der berühmte Reisende Hochstätter in den Höhlen des Aorerethals auf Neuseeland in einer Lage, aus der zu schließen war, daß sie in die Fundorte nicht etwa hingeschwemmt waren, sondern daß sie dort ihre Wohnungen hatten.

Die Moas bevölkerten alle Ebenen und Waldungen Neuseelands. Die Eingeborenen besitzen noch poetische Ueberlieferungen, in welchem die Jagdzüge und Schmausereien beschrieben werden, welche nach Moajagden veranstaltet wurden. Ganze Knochenhügel, Überreste solcher Mahlzeiten, sind aufgefunden worden. Ihre Ahnen sollen mit diesem Dinornis (schrecklicher Vogel) gar hartnäckige Kämpfe gehabt haben.

Aus dem geht hervor, daß diese Vögel noch mit dem Menschen zusammen gelebt haben.

Während der afrikanische Strauß nur zwei Zehen hat, hatte der Moa drei, wie der australische Emu und der amerikanische Nandu.

Wonström, mit den Zähnen noch in voller Thätigkeit, sagte: »Jetzt glaube ich auch, daß wir einen solchen Riesen-Moa vor uns haben, aber merkwürdig ist es doch, daß deren Gebeine nur in Neuseeland gefunden werden. Wir befinden uns jetzt auf der entgegengesetzten Halbkugel; wie sollte von Neuseeland ein solcher Vogel zu uns kommen?«

»Auch auf der nördlichen Halbkugel sind Spuren solcher Riesenvögel gefunden worden. Unter den nordamerikanischen Vogelfährten, 'Ornithichnites' genannt, vom griechischem 'Ornix' Vogel, und 'Ichnos', Fußtritt, befanden sich Füße von 19-20 Zoll Länge und die Schrittweite betrug 7-10 Fuß.

Es ist dies etwas Ungeheueres und deutet auf einen Riesenvogel, von welchem wir gar keinen Begriff haben. Vielleicht waren diese Vögel die Stammväter des wunderbaren Vogels 'Rock', der in den Sagen der Orientalen eine so große Rolle spielt.

Diese 'Ornithichnites giganteus' wurden in roten Sandstein gefunden, also müssen die Vögel schon in der Jurazeit gelebt haben.«

»Ja, dann kann es ja möglich sein, daß wir in einer viel älteren Zeit leben als in der Diluvialzeit, vielleicht existiert hier noch die Jurazeit,« fiel Wonström ein.

Eduard schüttelte den Kopf und erwiederte: »Nein, in der Jurazeit gab es noch keine Eichen, Buchen und Ahorne, sondern Cycaden, Fichten, welche den Araukarien in Chili nicht unähnlich sehen, gewaltige Farne, Schachtelhalme, Moose und Pilze. Schlanke Pandanus erhoben ihre stelzenartigen Stämme auf Luftwurzeln und waren geziert mit langen, schraubenförmig gestellten Blättern, zwischen denen große Nüsse hingen. Buschige Cypressen bedeckten die feuchten Niederungen.

Die ältesten Eichen, Nußbäume und myrtenartigen Pflanzen fand man in der Kreidezeit, die aber viel jünger als die Juraformation ist.

Solchen Pflanzenreichtum wie er hier ist, findet man in der Secundär-Formation überhaupt noch nicht, sondern erst in der Tertiär-Formation. Wir können höchstens in der Eocän- oder Miocänzeit leben, und da war der Archäopteryx schon längst ausgestorben; aber es ist unzweifelhaft, daß dies hier einer ist, aber wo er herkommt, ist mir unerklärlich.«

»Vielleicht klärt sich später alles noch auf, wenn wir unsere neue Heimat in der Hauptsache durchforscht haben, vielleicht finden wir, daß sich die Gelehrten geirrt haben,« meinte Wonström.

»O, das ist ganz unmöglich, daß sich die Gelehrten geirrt hätten. Das, woraus sie den Bau der Erde, d. i. die Schöpfungsgeschichte, zusammensetzen, liegt so klar vor ihnen wie ein deutlich geschriebenes Buch.

Die Gegenden um die beiden Erdpole herum sind mit ewigem Eis und Schnee bedeckt. Beim Äquator, der sich um die ganze Erde gleich weit von beiden Polen zieht, ist die heiße Zone.

In alter Zeit aber war es in den polaren Gegenden ebenfalls wärmer, wovon wir untrügliche Beweise haben.

So hat man in Grönland hauptsächlich im Norden Graphit- und Kohlenlager gefunden. Spitzbergen ist ebenfalls reich an Kohlenlagern.

Kohle entstand weit vor der Jurazeit, als die Temperatur auf der ganzen Erdoberfläche noch ziemlich gleich war. Sie entstand aus den damaligen Pflanzen, von denen noch einige Gattungen in userer Zeit leben; Schachtelhalme, Farne, Lycopodien, Sigilarien, Lepidodendren bilden den Urstoff der Steinkohle.

Da nun auch in der kalten Zone große Steinkohlenlager gefunden werden, dort, wo jetzt nur niedrige Moose und Flechten vegetieren können, so muß es unumstößlich wahr sein, daß vor geraumen Zeiten die Erde bei den Polen auch warm war, sonst hätten solche große Pflanzen nicht wachsen können.

In Grönland und auf dem südlichen Polarlande 'Kerguelen' wurden ganze versteinerte Wälder aufgefunden.

Die früheren Baumstämme sind von einer mineralischen Masse durchdrungen worden, und diese ist an die Stelle der organischen Teile getreten. Solche mineralische Substanzen sind z. B. kohlensaurer Kalk, Kiesel, Schwerspat, Flußspat, Eisenstein u. s. w.

Diese Versteinerungen und Kohlenlager sind also der sichere Beweis, daß die Erde früher in der Gegend der Pole wärmer war und die Erde von den Polen nach dem Äquator zu sich immer mehr vereist.«

»Ja, das leuchtet mir allerdings auch ein,« ließ sich Wonström vernehmen, »und man kann daraus den Schluß fassen, daß die Erde einst ganz vereisen wird.«

»Jawohl, das wird zuverlässig geschehen,« entgegnete Eduard, »denn wir können ja die verschiedenen Zustände an den übrigen Himmelskörpern beobachten.

Die Erde ist bekanntlich ebenfalls ein sogenannter Stern im Weltenraum und zwar einer von den kleinsten.

Dadurch, daß wir annahmen, die Erde vereist sich immer mehr und mehr, können wir folgern, daß sie einst viel heißer war als jetzt, ja wir können getrost behaupten, daß sie einst glühend war.

Diesen Zustand beobachten wir noch an unserer Sonne, die indeß auch schon anfängt, sich abzukühlen, da in diesem feurigen Körper viele dunkle Flecken bemerkt worden sind, also Masse, die nicht mehr glühend ist.

In unserem Mond sehen wir einen an der Oberfläche schon vollständig abgekühlten Weltkörper.

Die vielen Vulkane und Mondkrater sind alle erloschen; keine Pflanze und kein Tier lebt auf dem Monde; alles ist kalt und tot. Ja, es wird sogar bezweifelt, daß der Mond von einer Lufthülle umgeben ist. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Mond auch einst wie unsere Erde belebt war, als er die Wärme unserer Erde hatte.«

»Das klingt alles recht glaubhaft,« warf Wonström ein, »aber wie kommt es denn, daß der eine Weltkörper zum größten Teil noch glühend ist, während der andere nur noch warm und wieder ein anderer schon vollständig kalt ist; meiner Ansicht nach müßten sie doch dann gleich warm sein.«

»Das kommt von ihrer verschiedenen Größe her. Wenn gleiche Körper zu gleicher Zeit gleich glühend gemacht werden, so kühlt der kleinere zuerst ab, dann der nächst größere und so fort.

Hier stehen die Größenverhältnisse nach den Bessel'schen Berechnungen sogar in Zahlen.

Inhalt der Sonne: 351,215,941,727,000,000 Kilometer.

Inhalt der Erde: 1,082,841,315,400 Kilometer.

Inhalt des Mondes: 13,368,500,000 Kilometer.

Sonach wäre die Erde 81 mal größer als der Mond und die Sonne 324,410 mal größer als die Erde.«

Lächelnd überzeugte sich Wonström, daß es so schwarz auf weiß im Buche stand und meinte: »Die Herren haben die Sache aber genau gemessen.«

»Was die Genauigkeit dieser Zahlen betrifft,« fuhr Eduard fort, »so stimmen die Gelehrten freilich nicht alle überein, aber was kommt es auf ein paar Millionen und bei der Sonne auf ein paar Billionen an? Eine Billion ist für uns eine ebenso unfaßbare Zahl als eine Trillion.

Seit Christi Geburt sind erst eine sechzehntel Billion Sekunden verflossen.«

»Ja, ja, das gebe ich schon zu,« sagte Wonström, »aber ich muß noch einmal auf das Vereisen der Erde zurückkommen.

Wie ich mich erinnere, soll die Erde früher schon einmal vereist gewesen sein.«

»Allerdings ist nach der Tertiärzeit, also vor verhältnismäßig kurzer Zeit, wo der Mensch schon in Europa an einzelnen Stellen existierte, eine Kälteperiode eingetreten, welche die ganze nördliche Erdhälfte umfaßte, Die meisten Spuren, welche man früher einer allgemeinen Sintflut zugeschrieben hatte, rührte von dieser Eiszeit her. Über die Ursachen dieser Kälteperiode ist man noch nicht ganz im klaren; man hat dieselben einesteils aus allgemeinen astronomischen Verhältnissen, andernteils aus Veränderungen der geographischen Bildung zu erklären gesucht. Im großen und ganzen ändert diese kurze Eiszeit aber nichts an den vorhergegangenen Ausführungen. Die Kälte dringt von der Umgegend der Pole nach dem Äquator zu bis es auf der Erde nur noch einen schmalen, bewohnbaren Gürtel gibt.«

»Wie soll ich mir aber da das warme Polarland erklären,« rief Wonström.

»Da kann ich dir jetzt wahrhaftig keine Antwort geben, wenn der Golfstrom, den du doch selbst als Ursache angegeben hast, dir nicht genügt, doch ich werde bei gelegener Zeit sehen, ob ich aus meinem Buche nicht die Antwort ziehen kann.«


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