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Achtes Kapitel.

Breisgau. Baden. Rheinpfalz.

Bildeten im Westen diese Elsaßer Haufen die erste Linie der großen deutschen Volksbewegung, so standen in zweiter Linie nur durch den Rhein von den Elsaßern getrennt, wie gesagt, wieder drei große Haufen, vom Schwarzwald herab, wo vorderösterreichische und markgräflich-badische und mancherlei andere Gebiete sich durchkreuzten, bis in die Pfalz, und in wenigen Stunden konnten die diesseits und jenseits des Rheins sich vereinigen.

Der Schwarzwaldhaufe unter Hans Müller von Bulgenbach bewegte sich in den ersten Tagen des Mai westlich, um in Verbindung mit andern Haufen aus dem Vorderösterreichischen und der Markgrafschaft das schöne und feste Freiburg im Breisgau einzunehmen. Schon als zu Ende des vorigen Jahres der längst gefürchtete Bundschuh sich in den obern Landen allenthalben zu regen anfing, waren die Edelleute von vielen Seiten her, aus dem Breisgau, dem Elsaß, dem Sundgau in das sichere Freiburg geflohen. Schreiben vom 17. Sept. 1524 im Stuttgarter Staatsarchiv. Wie der Adel, flüchteten geistliche Herren jedes Rangs Leib und Gut hinter die Mauern dieser festen Stadt; der Markgraf Ernst von Baden sich, seine Gemahlin und seine Kinder. Das viele geflüchtete Gut mußte lockend für die Bauern sein, und es hieß, keine Stadt sei heftiger gegen die Bauern als Freiburg; sie sei ein wahrer Sammelplatz, ein allgemeines Bollwerk für die Herren, für Fürsten, Prälaten und Adel; man müsse sie stürmen und dem Boden gleich machen.

Hans Müller von Bulgenbach verstärkte seinen Haufen mit jedem Schritt. Alle Gemeinden, die freiwillig oder gezwungen in die evangelische Brüderschaft eingetreten waren, mußten ihm Geld, Lebensmittel, Mannschaft, Büchsen und Pulver verabfolgen, theils schon zuvor, theils jetzt erst, da er ihrer bedurfte; die schon früher Mannschaft gestellt hatten, mußten ihre Zuzüge jetzt verstärken. Die längst verbrüderte Stadt Waldshut, eigentlich die Wiege des evangelischen Bundes, hatte am 22. April dreißig Bürger mit dem Stadtfähnlein, 126und am 3. Mai wieder eine kleine Schaar mit Geschütz auf Wägen zum Haufen des Schwarzwalde stoßen lassen.

Inder Abtei zu St. Blasien fürchtete man einen Besuch des Haufens. Der Abt packte den ganzen Kirchenschatz, im Werthe von 13,000 Gulden, in Fässer, um ihn nach Klingnau in der Schweiz zu flüchten. Die Fuhrleute fuhren in Waldshut damit ein, als wär es ein Weinwagen; man wußte aber oder ahnte den Inhalt der Fässer, die Bürger schlugen die Thore zu, hielten den Wagen an, fanden den Schatz und brachten ihn in die Gewölbe des Johanniterhauses. Der Vogt von Gutenberg und der Probst von Bernau hatten den Wagen geleitet. Diese beiden wurden einige Zeit in Waldshut zurückgehalten, der Kirchenschatz aber bis nach Ausgang des Kriegs; da gab ihn die Stadt an das Kloster zurück. Einige Tage darauf besetzten die Waldshuter das Schloß Gutenberg und die Probstei Gurtzwyl; beide gehörten zum Stift St. Blasien; es wurde hier weder zerstört noch gebrannt.

Am 4. Mai fingen streifende Bauern einen Bürger von Villingen, und, da diese Stadt so feindlich gegen die Bauern sich bewiesen hatte, und bei ihnen in Acht und Aberacht war, weil sie Bauern hatte niederhauen lassen, knüpften sie den Villinger an einem Baume auf, und zogen weiter. Der hängende Bürger griff in die Tasche, fand sein Messer, schnitt sich selbst ab und entwischte. Villinger Chronik, Handschrift.

In diesen Tagen ging, was der Abt Johann zu St. Blasien gefürchtet hatte, in Erfüllung. Einer der Unterhauptleute des Schwarzwaldhaufens, Conz Jehle von Niedermühle, aus der Daxbacher Einung, Hauptmann der Hauensteiner, erhielt die Weisung, den Artikelbrief an der großen reichen Abtei zu vollstrecken. Der erste Maitag wurde dem stolzen Gotteshaus ein schwerer Leidtag, es sah das Fähnlein der Hanensteiner in seinen Mauern, und das, was das Gotteshaus sich zum Heil gethan zu haben glaubte, die vorsichtige Flüchtung des Geldes und des Archivs, das wurde sein Verderben. Im Zorn darüber wütheten die Bauern. Conz Jehle, der Hauptmann, der nicht nur ein erfahrener Kriegsmann war, sondern ein wohlmeinender Mensch, wurde nicht oder wenig gehört: er suchte der Zerstörung, dem Vandalismus, der Rohheit Maß und Ziel zu setzen, aber die 127Bauern waren durch die guten Weine erhitzt, die sie in der Abtei fanden, und mit denen sie so verderblich umgingen, daß man in den Kellern bis an die Kniee im Wein gestanden sein soll. Mit dem Wein wirkte der alte Zorn über Leibeigenschaft und neueste Beeinträchtigung in hergebrachten Rechten bei denen, welche das Gotteshaus als die ihm mit Treue, Ehre, Leib und Gut Einverleibten ansah. Seine Freunde waren seine schädlichsten Feinde. Es geschah ihm wie einst Christus, der von seinen eigenen Schülern verlassen wurde. Eigene Worte des St. blasischen Berichterstatters. Die Brüder des Klosters hatten sich geflüchtet. Die Bücher wurden wie überall behandelt; im alten und neuen Münster, in allen Kapellen die Gemälde, die geschnitzten Bilder, die schönen Fenstergemälde, alle Zierrathen zerschlagen, des Frohnaltars Heiligthümer herausgewühlt, die Reliquien aus den Särgen geschüttet; was an Edelsteinen, Elfenbein, kostbaren Metallen dabei gefunden ward, ausgebrochen, als gute Beute: die Kunst, die Arbeit und die Freude edler Geister erlag hier unter den gemeinen Händen der Bauern, wie sie so oft erlag unter den edeln Fäusten der hochgeborenen Herren; der raubbegierige Finger drückte den Edelstein aus seiner kunstvollsten Fassung, und preßte das feinste Goldgetriebe zum Beuteknollen sich zusammen. Auch das Sakramenthäuschen wurde von den Wein- und Glaubenserhitzten Eroberern aufgebrochen und zerschlagen, die Hostien schütteten sie auf die Erde, und einer stieß sich mehrere lachend in den Mund; er wolle nun auf einmal genug Herrgotte essen, sagte er. Die Rohheit war so groß, daß selbst diejenigen Kunstwerke, die auch dem gemeinen Menschen in's Ohr und in's Herz dringen, nicht verschont wurden, nämlich das wundersame Glockenspiel der Abtei, das ihnen und allen ihren Geschlechtern zu Freude und Leid geläutet hatte. Von den zweiundzwanzig Glocken wurden zwanzig zerschlagen, verkauft, wohl auch zum Theil zu Kugeln umgegossen; nur die zwei größten, in dem Wendelstein, vermochten sie nicht herab zu bringen. Daß daraus Kugeln für die Geschütze gegossen wurden, wenn dies gleich nicht urkundlich gesagt wird, ist darum wahrscheinlich, weil der St. Blasier ausdrücklich erzählt, daß überall das Eisenwerk und Blei ausgerissen und daraus Kugeln gegossen wurden.

Sechs Tage lagerten die Hauensteiner in St. Blasien. Das 128benachbarte St. Blasische Haus zu Todtmoos wurde auf gleiche Weise heimgesucht. Doch weder hier noch in St. Blasien wurde gebrannt. Selbst die den Artikelbrief Vollstreckenden brannten im Verhältniß nur selten. Alle Geschichtschreiber bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts lassen gleich alle Klöster, so auch St. Blasien niederbrennen. St. Blasien verbrannte, aber erst im Jahre darauf, mitten im Frieden. Calmets Geschichte von Lothringen läßt die Bauern vom Elsaß überall nur schänden, morden und brennen. Die Wahrheit ist, was wir erzählt haben. Schänden, Morden und Brennen aber war Sache der lothringischen Herren, wie selbst der Junker Ulrich von Rappoltstein urkundlich bezeugt. Von da zogen sie dem hellen Haufen zu, der unter Hans Müller am 7. Mai über Wolterdingen nach Vöhrenbach sich bewegte. Unterwegs ließ Müller die Schlösser Zindelstein und Neufürstenberg einnehmen und verbrennen. Der Obervogt zu Fürstenberg hatte sich so gegen die Bauern benommen, daß sie ihn durch die Spieße jagten. Villingen lehnte Müllers Aufforderung zum Beitritt in die Brüderschaft abermals ab, und ohne sich mit seiner Belagerung aufzuhalten, zog der Letztere auf Triberg, nahm das Städtchen ein, erstürmte das Schloß, plünderte dieses und brannte es aus. Auch der Vogt dieses Schlosses, Odermann, sollte durch die Spieße, das Uracher Fähnlein bat für ihn und rettete ihn. Der Abt Nikolaus von St. Georgen ging dem Haufen mit seinen Mönchen entgegen, lud sie selbst bei sich zu Gast, und gewann mit seinem Wein, seinen Karpfen und seinen freundlichen Gesprächen, womit er seine Gäste bewirthete, sie so sehr, daß das Kloster ganz unversehrt blieb und weiter nicht belästigt wurde. Am 11. Mai brach der Haufe auf und zog über Furtwangen nach den Klöstern St. Märgen und St. Peter, restaurirte sich hier wieder, und stieg auf der gerade Freiburg zuführenden Straße in's Kirchzartner Thal herab, auf Freiburger Stadtgebiet, am 13. Mai. Die Burg Wißneck auf einem Bergvorsprunge dieses Thales, welche die beiden damals nach Freiburg führenden Straßen beherrschte und dem Freiburger Bürger, Freiherrn David von Landeck, gehörte, wurde, wie die Burg Landeck, von dem Haufen erstürmt und ausgebrannt, den Dörfern der Bundeseid abgenommen, und bei Kirchzarten das Lager geschlagen.

Der Oberste der Schwarzwälder hatte den Angriff auf Freiburg 129mit den einzelnen Haufen, die im Breisgau und in der Markgrafschaft schon zuvor in Waffen waren, verabredet.

In der Markgrafschaft Baden regierten damals des noch lebenden, aber geisteskranken Markgrafen Christoph beide Söhne, Ernst in der obern, Philipp in der untern Markgrafschaft. Da die markgräflichen Gebiete mit dem Vorderösterreichischen und mit dem Straßburgischen, selbst mit dem Hanauischen und Ebersteinischen sich gränzten und kreuzten, und von den einzelnen Haufen jeder fast aus allen diesen Gebieten Bauern unter sich zählte, so kann man diese Haufen nicht nach Herrschaften, sondern nur nach ihren Obersten richtig unterscheiden.

Da tritt uns zuerst der Haufe des Veltlin Hans Ziler aus Amoltern bei Kiechlingsbergen, unweit der Stadt Endingen, entgegen. Hans Ziler war lange als Kriegsmann im Dienste des Adels gewesen. Im Wirthshaus zu Kiechlingsbergen waren die ersten Fäden des Aufstandes geknüpft worden. Die Eingeweihten traten bald darauf weiter unten zu Weißweil am Rhein, unterhalb Kinzingen, auf einer einsamen Matte, zusammen, wo sie einen Steg hinter sich aufzogen, um vor jeder Ueberraschung sicher zu sein. Hier wurde das Letzte zum Aufstand vollends beschlossen, sie setzten sich mit dem Elsaßer Haufen von Ebersheim-Münster in Verbindung, ihre Boten brachten aus dem Lager von Kästenholz über den Rhein herüber die zwölf Artikel, wie es scheint die Deklaration, und auf diese wurde der Brüdereid geleistet; zu Schlettstadt wurde ihnen das Fähnlein gemacht, zu Sasheim ließen sie es zuerst fliegen, und der Hof des Klosters Thennenbach zu Kiechlingsbergen war es, dem sie den ersten Besuch abstatteten. Der Ordensgeistliche, der auf diesem Hofe saß, war längst zuvor aus Furcht vor dem Ausbruch der Unruhen hinweggegangen. Schon am 5. März, an der Pfaffenfaßnacht, als der Schaffner altem Brauch gemäß einige Kiechlingsberger bewirthete, hatte Wolf Krumeisen seine Gesinnung verrathen und gerufen: Trag nur auf, Pfaffe, was du hast; denn bald werden wir's uns selbst nehmen. Als sie nun wirklich kamen, um sich Alles selbst zu nehmen, da sah man Alles rührig, Männer, Weiber, Kinder, an der Beute Theil zu bekommen. Der heilige Geist wirkt in dem Volke, frohlockte Jäcklin Kurzmann, Gott will's also haben, es muß so sein! Der Kern 130dieses Haufens bildete sich aus der Umgegend des Kaiserstuhls. Neben Hans Ziler war Matthias Schuhmacher von Riegel Hauptmann. Die Geistlichkeit längs des Kaiserstuhls mußte die Schirmbriefe, welche für alle Haufen der evangelischen Brüderschaft gültig waren, theuer erkaufen, der Pfarrherr zu Jechtingen mußte 20 Goldgulden, Korn und Wein geben.

An diesen Haufen schloß sich der Vogt zu Munzingen, Hans Schechtelen, freiwillig an, nachdem die Edeln von Munzingen nach Freiburg sich geflüchtet hatten. Der Vogt rief die Gemeinde zusammen, als der Haufe in seine Nähe kam; er forderte sie auf, in die evangelische Brüderschaft zu treten, und gleich waren so viele dafür, daß sie drohten, Jedem, der sich weigere, einen Pfahl vor das Haus zu schlagen. Der Pfarrherr weigerte sich, vor der Gemeinde zu erscheinen; der Vogt ließ ihn an einem Strick vor dieselbe führen und nannte ihn einen Verräther. Nach Mengen schickte er an den Haufen, sie sollen kommen, er habe ein volles Haus. Der Haufe kam, das Schloß zu Munzingen wurde geplündert. Unter dem Haufen war auch der Pfarrherr zu Niederrimsingen, Andreas Mezger von Badenweiler, der mit seinen Bauern ausgezogen war. Er half Keller und Speicher leeren, und trug selbst drei Fruchtsäcke zu dem Wagen herab. Der erste, sagte er, ist die Frühmesse, der andere die Mittelmesse und der dritte das Frohnamt. Als das Schloß leer war, hieß es, das Wurmnest müsse zerstört werden. Der Pfarrherr setzte sich selbst auf das Dach und half es abdecken. Die Schlösser Höhingen, Daxwangen und Kranznau wurden auf den Boden ausgebrannt. Faßlin von Staufen und der lange Fischer waren Beutemeister, Hans Karrer stieß das Schloß Kranznau an, auf Befehl der Hauptleute. Auch die Nonnenabtei Wonnethal wurde von diesem Haufen ausgeraubt, wobei Claus Zimmermann von Malterdingen Beutemeister war, und sie ging in Flammen auf; ein Kiechlingsberger wars die erste Brandfackel darein. Auch die Städte Burgheim, Endingen und Kenzingen mußten sich den Bauern öffnen und zu ihnen schwören. Zu Endingen hatte Hans Ziler so viele von seiner Partei, daß er wohl wußte, daß er nur vor der Stadt zu erscheinen brauche, um sie sich geöffnet zu sehen. In Kenzingen hatte der Schultheiß des benachbarten Dorfes Herbelsheim Einverständnisse, und kannte die Gelegenheiten. Die österreichische 131Herrschaft Kenzingen war damals als Pfandschaft in den Händen Wolfs von Hirnheim, der als Rath bei der nach Tübingen geflüchteten Stuttgarter Regierung war. Er schrieb aus der Ferne nach Kenzingen, die Stadt solle sich ja nicht mit Geistlichen oder ihren Gütern belasten, um die Bauern nicht auf sich zu ziehen, und gleich darauf forderten die Bauern die Stadt auf, alles darin niedergelegte Gut von Klöstern und Geistlichen an den Haufen herauszugeben. Der Rath der Stadt weigerte sich dessen, trat aber, von allen Seiten bedrängt, in die evangelische Brüderschaft ein. An Wolf von Hirnheim schrieb der Rath, seine Pfandschaften zu retten, solle auch er zu den Bauern geloben, wie es schon so viele vor ihm gethan. Denn überall hatten in Hans Zilers Hand gezwungen, oder um dem Zwang zuvorzukommen, den Brudereid abgelegt: Freie, Edle, Grafen. Mit Graf Georg von Tübingen gab es einen Auftritt, ähnlich dem mit dem Grafen von Hohenlohe aus dem Grünbühl. »Bruder Georg,« sagte Jäcklin Kurzmann zu dem Breisgauischen Grafen, »dein Leib ist mein Leib, mein Leib dein Leib; dein Gut mein Gut, mein Gut dein Gut; wir sind alle gleiche Brüder in Christo.«

Daß Kenzingen so sehr bedrängt war, kam daher, daß nicht bloß der Haufe Hans Zilers, sondern auch ein Haufe aus der Ortenau sich zugleich davor legten. Die in der Stadt schätzten beide Haufen zusammen auf 12,000 Mann. Oberster Hauptmann des letztern Haufens war Georg Heid von Lahr; unter ihm standen als Hauptleute Jörg Schätzlin, Claus Schinimer, Hans Lehmann und Jakob Kursel. Der Haufe war zusammengeflossen aus dem Straßburgischen Amt Ettenheim, aus der dem Markgrafen Philipp zugefallenen Herrschaft Lahr und aus dem Diersburger Thale. Die Abtei Schuttern wurde zuerst von Georg Heid von Lahr heimgesucht. Der Abt floh nach Freiburg, und hinter sich konnte er die Flammensäulen seines ausgeplünderten Gotteshauses sehen. Auch die Abtei Gengenbach litt durch die Bauern, denen sich Bürger aus den der Abtei gehörigen Städten Gengenbach, Offenburg und Zell am Hammersbach anschlossen. Die Abtei Gengenbach verlor nichts durch Plünderung, wohl aber mußte sie anerkennen, daß fortan die Ortenauer von der Knechtschaft frei sein sollen. Denn bis daher hatten alle Ortenauer, männliche und weibliche, jedes Jahr einen Zinspfennig zum Zeichen ihrer 132Knechtschaft in die Reichsabtei zahlen müssen. Damit war es nun aus, und die Ortenauer blieben frei, da der Abt Philipp, ein Herr von Eselsberg, auch später ohne Erfolg beim Kaiser klagte. Das war Verlust genug für die Abtei zu dem Verluste der drei Städte Gengenbach, Offenburg und Zell hin, die ihre Dienstbarkeit ablösten und in den Reichsverband traten. Das Kloster Ettenheim-Münster, auf der Scheide zwischen dem Breisgau und der Ortenau, wurde ausgeleert und ausgebrannt. Auch Schlösser gingen im Rauch auf, das feste Haus Dautenstein dem Hans Werner von Pliessen, und die Ulmburg; der Edle, der auf der letzteren saß, verblutete unter den Händen der Bauern.

Oberster des Haufens der obern Markgrafschaft, d. h. der Herrschaften Röteln, Sausenberg und Badenweiler, war Hans Hammerstein; unter ihm befehligten als Hauptleute der Brekher von Schopfheim, Moriz Neidhard von Wolpach, Jakob Scherrer, Martin Lang, Hans Schmidlin von Badenweiler. Vor ihnen war Markgraf Ernst von seinem Schlosse Röteln mit seiner ganzen Familie nach Freiburg geflohen. Von hier aus schickte er Briefe, begleitet von Vermittlungsschreiben der Stadt Freiburg, worin er sich zu jeder Erleichterung ihrer Beschwerden bereit erklärte. In den ersten Tagen des Mai hielten sie Versammlungen zu Kandern und Badenweiler, und beriefen die Amtleute des entflohenen Markgrafen. Diese machten mannigfache Vorschläge und Erbietungen im Namen ihres Herrn. Die Bauern trauten dem Markgrafen nicht; sie wußten aus Erfahrung, daß Ernst nicht das volksfreundliche, menschlich-billige Herz seines Bruders Philipp hatte; sie beriefen sich aus die zwölf Artikel der Waldbauern, auf diese haben sie geschworen, und sie seien auf, ein anderes Regiment zu machen. Wolle Markgraf Ernst nichts sein, als des Kaisers Statthalter, und wolle er ihnen die zwölf Artikel zusagen, so wollen sie ihn bei seinen Schlössern und Herrschaften bleiben lassen. Als einem Herrn gehorchen werden sie fortan nur dem Kaiser oder dessen Statthalter; der Adel, als bevorrechteter Stand, müsse ganz aushören, jedes Amt mit Bauern besetzt werden und der Markgraf selbst nichts weiter als ein Bauer, ein großer freier Grundbesitzer sein. Das dünkte dem Markgrafen Ernst »erbärmlich anzuhören.« Für jetzt beschloß er: »Es Gott dem Allmächtigen und der Zeit zu befehlen.« Schreiben des Markgrafen an die Stadt Basel.

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Der Weigerung des Markgrafen, den Bauern irgend zu genügen, folgte der allgemeine Sturm. Die Schlösser Röteln, Sausenberg, Badenweiler wurden von ihnen genommen und besetzt; in Heitersheim, an der Gränze des österreichischen und des markgräflichen Gebiets, wo sie dem Sundgauer und Oberelsaßer Haufen die Hand bieten konnten, nahmen sie ihr Hauptquartier. Die zu St. Blasien gehörigen geistlichen Häuser zu Nollingen, Weitnau, Sitzenkirch, Bürglen, Gutnau und Krozingen wurden von ihnen ausgeleert. Die Amtleute wurden vertrieben, die Geistlichen hatten theils das gleiche Loos, theils mußten sie im Haufen mitziehen; doch entflohen die meisten zuvor. Im Lager zu Heitersheim vereinigte sich auch der Haufe vom Kaiserstuhl mit dem Haufen derer von Röteln-Badenweiler. Die vom Kaiserstuhl änderten hier in der Hauptmannschaft. Hans Ziler mußte dem Georg Müller sich nachgesetzt sehen, und er trat darüber ab und wurde als Hauptmann bei dem Ortenauer Haufen angenommen. Georg Müller war Rathsschreiber der Stadt Staufen, und hatte den Bauern Stadt und Schloß Staufen geöffnet. Zum Danke dafür machten die vom Kaiserstuhl ihn zum Obersten über ihre vier Fähnlein. Die Stadt Neuenburg wurde gemeinschaftlich belagert und bald zum Eintritt in die evangelische Brüderschaft genöthigt. Die Gotteshäuser von St. Ulrich und Sölden wurden von ihren eigenen Hintersassen ausgeleert. Auch die Schlösser Biengen, Kirchhofen und Bollschweil wurden ausgeplündert. Markgraf Ernst eilte von Freiburg nach Breisach, von da nach Straßburg, um Kriegsvolk zu werben wider seine Bauern. Er konnte keine Reisigen aufbringen. Selbst die Stadt Basel schlug ihm ihre bewaffnete Unterstützung ab. Er machte nun durch Abgeordnete dieser Stadt gütlich seinen Bauern die besten Anerbietungen. Sie blieben dabei, nur wenn Markgraf Ernst es bei Kaiser, Erzherzog und den andern Fürsten und Obrigkeiten dahin bringe, daß Alles, was er ihnen anbiete, auch den Andern, mit welchen sie in Brüderschaft und Einigung seien, zugestanden und gehalten werde, nur dann können sie stille stehen und Frieden machen. Die Stadt Basel übernahm es, die Unterhandlungen fortzusetzen, und Markgraf Ernst sagte derselben zu, durch sie oder andere sich weisen zu lassen, wenn die Beschwerden seiner Unterthanen gegründet erfunden würden.

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Ein anderer Haufe hatte sich in der Markgrafschaft Hochberg, der untern Markgrafschaft, gebildet. Oberster desselben war Klewi Rüdi. Unter diesem Haufen litt am meisten das reiche Kloster Thennenbach, das seinen Schaden auf mehr als 30,000 Gulden anschlug, also nach jetzigem Geldfuß gegen eine Drittels-Million.

Als Kenzingen von den vereinigten Haufen eingenommen war, besprach der Oberste der Schwarzwälder in dieser Stadt den allgemeinen Zug auf Freiburg mit den andern Obersten.

Während die Schwarzwälder den Zuzug der andern vor Freiburg erwarteten, besuchten sie die Nonnenabtei Günthersthal, und am 15. Mai vertrieben sie den Edeln Martin von Rechberg aus seiner Stadt an der Elz, aus Elzach, wenn nicht vielmehr der Haufe Klewi Rüdis dies ausführte.

In Freiburg selbst war die Noth groß; denn diese Hauptstadt des Breisgau's war von Kriegsvolk sehr entblöst, da sie die in ihrem Sold stehenden Landsknechte vor einigen Wochen den näher bedrängten Städten Villingen, Laufenburg und Seckingen zu Hülfe geschickt hatte. Auf alle ihre Schreiben kam ihr Niemand zu Hülfe, und so konnte sie den gefährlichsten Punkt, den Schloßberg, der die ganze Stadt beherrscht, nur mit 124 Mann besetzen. Aber Alles, Bürger, Adel, Geistliche, Studenten der Universität traten in die Waffen, und man besserte die Festungswerke aus; Mundvorrath und Geschütz war zur Genüge vorhanden. Als die Schwarzwälder bei Kirch-Zarten lagerten, schickten die Freiburger hinaus und ließen fragen, warum sie so im Lande herumziehen, und was sie namentlich hier wollen. Hans Müller von Bulgenbach antwortete schriftlich unter Anderem: »Ihr wisset der Herren Schinderei wohl, und es befremdet uns, daß ihr den Herren beholfen sein wollet, uns arme Bäuerlein aus dem Lande zu zwingen, noch länger widerrechtliche Gewalt zu dulden. Wir wollen, daß das Gotteswort dem gemeinen Manne verkündet und demselben nachgekommen werde, und begehren freundlich an euch, ihr wollet euch zu uns in unsere Brüderschaft verbinden, um brüderliche Liebe zu machen mit einem ewigen Frieden, und das göttliche Recht zu handhaben.« Noch am gleichen Tage schrieb er zum zweitenmal und drängender in die Stadt hinein. Erst des andern Tags kam die Antwort. Die Stadt sprach von ihrem Eid 135gegen Oesterreich, sie sei geneigt, etwaige Schindereien einzelner Herrschaften zu vermitteln, die Schwarzwälder möchten daher abziehen und bedenken, wie göttlich und selig es sei, im Frieden zu leben. Die Bauern schrieben gleich zurück, sie wollen ihre Herren bei Allem belassen, was sie nach göttlichem Recht zu fordern haben, aber mehr nicht, und die Herren sollen nur nicht ferner wie bisher sprechen, sie seien das Recht, und den armen Leuten nicht das Ihre mit Gewalt nehmen. Und am andern Tage, dem 16. Mai, schrieben die Schwarzwälder abermals, sie handeln nicht ohne ihre Brüder, die Breisgauischen Haufen. Freiburg solle und müsse in die Brüderschaft treten, und dazu sechs des Raths, sechs aus der Gemeinde in den Ring des Haufens herausschicken. Auf das hin rückte Hans Müller, der Oberst, sein Lager näher an die Stadt, und schickte als letzte Aufforderung die Worte hinein: Wollet ihr auch Brüder mit uns sein, so wollen wir mit euch als Brüder leben; wo nicht, so wollen wir in eure Stadt brechen, und wo ihr uns einen Mann schädiget, wollen wir keine Barmherzigkeit mit euch haben. Dieses Schreiben war unterzeichnet: Hans Müller, Hauptmann auf dem Schwarzwald, sammt den andern Hauptleuten und Räthen der heiligen evangelischen Brüderschaft.

Denn an diesem Tage, es war der 17. Mai, hatten sich die einzelnen Haufen des Breisgaus bereits um Freiburg zusammengezogen, und zwanzig fliegende Fähnlein konnte man von den Thürmen der Stadt aus zählen, westlich und nördlich die vom Kaiserstuhl der untern Markgrafschaft und der Ortenau, gegen das Kirch-Zarterthal und die Berge hin die Schwarzwälder, und neben diesen, auf dem Feld von St. Georgen, die von der obern Markgrafschaft. Nichts konnte mehr heraus oder hinein in die Stadt kommen. Diese antwortete auf die letzte Aufforderung nicht. Die Bauern besetzten zuerst die Karthause auf dem Johannisberge und plünderten sie aus. Dann gruben sie die Kanäle der Dreisam, das Wasser zu allen Brunnen und Mühlen in der Stadt, ab. Vier Bauern schlichen sich vor das Blockhaus auf dem Schloßberg, der kleine dortige Posten, überrascht, zog sich zurück, die Bauern winkten den Haufen herbei und das Blockhaus war genommen. Die edeln Herren in der Stadt saßen, wie ihr Brauch war, an dem schönen Maiabend vorm Ritter und 136tranken: da machten plötzlich gegen fünfhundert Hakenschüsse, die vom Schloßberge her auf den Münsterplatz fielen, ihnen bemerklich, was geschehen war; »wußte Niemand, wie es zuging.« Jedermann stand die ganze Nacht auf dem Fischmarkt in Wehr und Ordnung. In der Dunkelheit zogen die Bauern ihre Nothschlangen an Stricken den Berg hinauf und verschanzten sich droben, und mit dem Morgen begann die Beschießung der Stadt. Sie schossen so schwere Kugeln herein, daß manche Wände, ganze Häuser zusammenstürzten. Auch der Helm des Münsterthurms wurde herabgeschossen. Bald wird der Thurm zu Freiburg dem zu Kirch-Zarten gleich sein! jubelte die Rohheit. Es verlautete im Haufen, wenn sich die Stadt nicht selbst ergebe, müsse man Pfaffen, Adel und die großen Köpfe todtschlagen. Ja ein Bauer sagte: »könnt' ich Alle zu Freiburg mit einem Schuß umbringen, ich würde mich nicht sparen.« Der junge Adel in der Stadt wollte herausfallen, wurde aber hart vor dem Thore zurückgeschlagen, und einen Freiherrn von Falkenstein tödtete eine Geschützkugel. Mit fliegenden Fahnen zogen alle Haufen um die Stadt herum, um denen drinnen ihre Macht recht augenscheinlich zu machen.

In der Stadt selbst waren manche unter der Gemeinde, die entweder mit denen draußen im Verständniß waren, oder der Bauern Sache für ihre eigene ansahen. In offener Gemeinde rief einer: »Wer für die Bauern ist, stehe zu mir! ihre Sache ist eine heilige Sache, sie wird Fortgang haben.« Der Rath setzte ihn ins Gefängniß, mußte ihn aber den Zünften wieder freigeben. Auch bei den Wachen selbst nahm der Rath allerlei Untreu und Gefährlichkeit wahr, und er besorgte, sie möchten über die Mauern hinaus mit den Bauern allerlei böse Anschläge und Praktiken gemacht haben.

Auf das hin bat die Stadt um einen Stillstand. Am Sonntag Abend gewährte diesen Hans Müller bis Dienstags früh 4 Uhr. Inzwischen wurde unterhandelt; die Bauern bestanden auf dem Eintritt in die evangelische Brüderschaft und auf einem einfachen Ja oder Nein. Da das Ja bis zur Zeit nicht ausgesprochen wurde, hoben die Bauern wieder an zu schießen. Die drinnen baten um Verlängerung des Stillstands bis Morgens 8 Uhr. Es wurde wieder Sprache gehalten, und noch an diesem Tage, Dienstags 23. Mai, trat die Hauptstadt des Breisgau's zu den Bauern. Der Oberste 137der Schwarzwälder, und dreihundert Bauern mit ihm wurden sogleich in die Stadt mit gewehrter Hand eingelassen, um den Bürgern den Brudereid abzunehmen. Die Bürger der Stadt, eigentlich aber die darein geflüchteten Prälaten und Adeligen, zahlten 3000 Gulden Brandschatzung; dadurch kauften sie die Sicherheit ihrer Personen und ihrer Güter auf dem Lande. Die im Gebiet der Stadt liegenden Klöster und Gotteshäuser zu strafen, abzuthun, zwischen Stadt und Landschaft zu theilen, das sollte einer künftigen Berathung vorbehalten sein. Auch mußte die Stadt vier Geschütze und ein seidenes Fähnlein, daran das Wappen Altösterreichs, dazu eine Anzahl Mannschaft zum Haufen stellen.

Merkwürdig ist, daß auch bei diesem Vertrag, den hauptsächlich der Schwarzwälder Oberste abredete, der Erzherzog Ferdinand und das Haus Oesterreich eine Rolle wie im Hegau und Allgau spielt. Oesterreichs Landeshoheit wurde von dem Schwarzwälder und den andern Hauptleuten unbedingt anerkannt. Es ist bei Hans Müller von Bulgenbach dieses Eingehen in das österreichische Interesse hier darum nicht zu übersehen, weil es auch einiges Licht wirft auf sein eigenes Benehmen gegen Herzog Ulrich von Württemberg und gegen den württembergischen Haufen, ein Benehmen, das auf die Wendung des ganzen großen Krieges von Einfluß war. Hug, Villinger Chronik, Handschrift. Schreiben des Ulrich Zasius vom 2. Juni 1525. Hauptquelle: Schreiber, Taschenbuch für 1839, aus einer Reihe Urkunden der Archive von Freiburg, Waldkirch, Basel, Schaffhausen, und aus Handschriften der Zeitgenossen.

Nachdem sie den Eid und alles Uebrige empfangen hatten, zogen die Bauern ab am Abend vor Himmelfahrt, den 24. Mai. Bis zu dem Dorfe St. Georg geleitete sie Rath und Bürgerschaft der Stadt; hier hielten Abgeordnete der Stadt Breisach, um ihre Stadt mit den Bauern zu vertragen. Ehe wir aber dem weitern Gange der Dinge in dieser Gegend folgen, müssen wir hinabgehen in die Ortenau, die Pfalz und die an sie grenzenden Lande.

Der Haufe, den wir als einen Ortenauischen kennen gelernt haben, war nur ein Ueberrest zweier großer Haufen, welche sich in der Ortenau bereits wieder aufgelöst hatten. Der eine derselben war vor Oberkirch und später vor Offenburg gelagert, der andere 138hatte zu Schwarzach und zwischen Bühl und Steinbach, unweit Baden-Baden, seinen Stand. Das Gebiet des Aufstandes hier war theils österreichisch, theils straßburgisch, großentheils dem Markgrafen Philipp von Baden zugehörig.

Selbst in den Landen Philipps, eines Fürsten, der vor vielen andern seines Standes und seiner Zeit Wohlwollen und Einsehen hatte, war so viel Zündstoff im gemeinen Mann vorhanden, daß die markgräflichen Bauern um Durlach herum schon in den ersten Tagen der ausbrechenden großen Bewegung auf waren, und gegen dritthalbs tausend unter ihrem Hauptmann Hans Winkler vor Durlach sich legten. Die Bürger der Stadt boten den Bauern die Hand, sie setzten am Palmtag, den 9. April, ihren Amtmann gefangen und öffneten den Bauern die Thore. Auch Pforzheim nahmen die Letztern ein, plünderten und verwüsteten das Kloster Gottesau und verstärkten sich selbst aus dem württembergischen Schwarzwald. Besonders zeichneten sich in diesem Haufen die Bauern von Berghausen aus, und Markgraf Philipp glaubte im Anfang, durch Strenge diese schrecken zu können. Er schickte seine Reisigen nach Berghausen und ließ etliche Häuser anzünden. Es schien zu wirken; seine Bauern zerstreuten sich in ihre Hütten; als von der Grenze her ein Windzug kam, der sie schnell wieder aufwirbelte, von jener Landschaft her, welche als eine der ersten vor Jahren den Bundschuh aufgeworfen hatte. Es war der bereits früher kurz angeführte Haufen des Brurains, unter den Hauptleuten Friedrich Wurm und Johann von Hall.

Es waren meist zum Bisthum Speier gehörige Unterthanen, die zwischen dem Rhein und der Kraich, der Pfinzig und dem Unterschwarzwald saßen. In dem großen Dorfe Malsch traten in der Charwoche schon gegen 500 Bauern zusammen. Auf dem Bischofsstuhl zu Speyer saß damals Georg, ein Bruder des Rheinpfalzgrafen Ludwig. Sobald er durch ausgeschickte Kundschafter von dem Vorgang Genaueres hörte, suchte er sie durch gütliche Worte und Bitten vom Abfall zurückzuhalten, sowohl die in Malsch als die andern Flecken. Sie werden, antworteten sie zum Theil, sich zu dem halten, welcher der Stärkere wäre und sie zu schützen vermöchte. Die in Malsch selbst schickten Aufgebotsschreiben an die 139Nachbargemeinden umher, ihnen noch in selber Nacht wohlgerüstete Zuzüge nach Malsch zu schicken, und der göttlichen Gerechtigkeit einen Beistand zu thun; wo nicht, so sollten sie Leibs und Lebens unsicher sein. Sie fielen in den herrschaftlichen Stiftskeller zu Malsch und besetzten den nahen Pletzberg. Der Bischof gedachte, die Zeit möchte mehr Böses bringen und aus längerem Verzug Gefahr entstehen, er schickte den Edeln Hans von Bühel, genannt von Wachenheim, den Vogt im Brurain, mit seinen Reisigen ab. Ihm gab er eine Zahl Bauern zu, die sich gegen den Bischof alles Gehorsams erboten hatten, und unterwegs stieß der pfälzische Marschall von Habern mit zweihundert Reitern und etlichen leichten Geschützen zu ihm. Da jedoch das Lager der Bauern auf dem ringsum mit Wein bewachsenen Pletzberg durch die Rebpfähle gedeckt und ihm ohne großen Schaden mit Pferden nicht wohl beizukommen war, das herbeigeführte bäurische Fußvolk aber, statt gegen die auf dem Berg zu fechten, zu ihnen überging, mußten die Reiter wieder abziehen, und der Haufe vermehrte sich so schnell, namentlich auch aus den Rheinanwohnern, daß der Fürstbischof von seiner Burg Odenheim (Philippsburg) zu seinem Bruder, dem Churfürsten, nach Heidelberg flüchtete. Der ganze Brurain war in den Waffen, die Städte Bruchsal, Odenheim, Rotenburg, Kißlau schloßen sich dem Aufstand an, und alle umliegenden Flecken, und zwar die meisten davon gleich auf die erste Aufforderung. Diese Eroberungen, sagte man am Heidelberger Hof, seien nicht schwer gewesen, da Alle ringsum gleich bösen Geistes und keiner um ein Haar besser sei als der andere.

Sie fielen nun aus dem Brurain mit fliegenden Fahnen in die eben gestillte Markgrafschaft Baden ein, vereinigten sich mit den unzufriedenen Bauern derselben, trieben in Kirchen und Klausen plündernd und wüstend sich um; und namentlich litten die Klöster Herrenalb und Frauenalb von ihren Besuchen.

Markgraf Philipp wählte, um sein Land nicht verheeren zu lassen, den Weg gütlicher Unterhandlungen mit den Bauern, er that jenen lieber ihren Willen, und trat mit ihnen in Vertrag.

Dasselbe that er auch in der Ortenau bei den beiden Haufen von Oberkirch und Schwarzach. Auf einem Tage zu Achern ließ er durch seine getreuen Räthe und durch die Räthe der Stadt 140Straßburg mit den Ortenauern Bauern gütlich handeln. Es wurde zugestanden, daß die beiden Bauernhaufen »nicht in arger oder boshafter Meinung, auch nicht ihren Herrschaften zuwider,« sondern darum zusammen gekommen, Besserung der Predigt und billge Erleichterung ihrer Beschwerden zu erlangen, und Markgraf Philipp und die Straßburgischen Räthe gewannen so sehr das Vertrauen der Bauern, daß diese ihre beiden Haufen in Frieden auflösten und nur einen Ausschuß zurückließen, um auf die Grundlage der zwölf Artikel gemeinschaftlich mit den Räthen ihrer Herrschaften ihre Beschwerden zu regeln und zu heben. Am 27. April gingen die Ortenauer friedlich zurück an ihren Herd; nur einzelne Rotten nahmen den gütlichen Austrag von Achern nicht an, bildeten jenen Lahrischen Haufen, und zogen unter Georg Heid ins Breisgau, wo wir sie fanden.

Am 22. Mai, auf dem Tage zu Renchen, wurde der Vertrag zwischen den Herrschaften und den Bauern der Ortenau vollendet, und am 25. gesiegelt und beschworen.

Nicht ganz zwar wurden darin die zwölf Artikel angenommen; ohne zu große Verletzung des Bestehenden hätte der Markgraf dieses nicht können. Aber große Erleichterungen räumte der Vertrag seinen und anderer Herrschaften Unterthanen ein: Wahl des Pfarrers durch den Lehensherrn mit Zurathziehung des Gerichts und eines Ausschusses der Ortsgemeinde; lautere schriftmäßige Predigt; Pensionirung nicht tüchtiger, bereits angestellter Geistlicher, Entlassung ohne Pension für die, welche Jetzt die Pfarreien besitzen, aber entweder noch Kinder, oder Jugendhalb zu den Pfarreien nicht tauglich wären; Aufhebung des kleinen Zehnten, Herabsetzung des Heu- und Hanfzehnten auf den Zwanzigsten, Einziehung des zur Besoldung der Pfarreien bleibenden Zehnten an Wein und Getreide durch ehrbare verordnete Personen, unter wesentlichen Erleichterungen in der Art des Bezugs; Aufhebung aller Stolgebühren, da vielmehr der Pfarrherr einem jeden Pfarrkind ohne alle besondere Belohnung gewärtig sein solle; Freizügigkeit; unbeschränkte Heirathsfreiheit; Entrichtung der Steuer und des Dienstes nur im Ort, da ein Jeder gesessen wäre, und Vergleichung der verschiedenen Herrschaften darüber unter sich selbst; Abschaffung der Leibeigenschaft, falls im heiligen Reich insgemein dies abgethan würde; Jagdfreiheit in Betreff des schädlichen 141Gewilds und des Geflügels; mit Ausnahme des grünen Antvogels und der Fasanen und des eigentlichen Wildprets, doch das Letztere so, daß die Herrschaften vorzusehen haben, damit solches den Armen an ihren Früchten und Gewächsen nicht schade, und daß Jedem zugelassen sein solle, seine Güter zu verzäunen, zu vergraben oder zu vermachen gegen das Gewild, und jedes Wildpret, was auf eigenem Grund und Boden begriffen würde, namentlich wilde Schweine, mit Jägerrecht zu fahen oder zu schießen; Rückgabe der Fischwasser, die seit Menschengedenken einer Gemeinde entzogen wären, an die letztere als ihre Allmand; Abgabe von Bau- und Brennholz nach Nothdurft und mit Ordnung an die Unterthanen; keine Frohnen als für die, welche von Alters her damit beschwert wären, und auch für diese nur so, daß jede Mannsperson ihrer Herrschaft nicht mehr als des Jahrs vier Tage zu frohnen, die Herrschaft aber dafür hinreichend Essen oder acht Pfennige statt des Essens zu geben schuldig wäre; Erleichterung der Gült nach Ertrag des Guts auf unparteiisches Erkenntniß hin; keine Strafansätze, als nach rechtlichem Erkenntniß durch unparteiische Geschworene, und Gericht nur an dem Ort, wo der Frevel begangen worden; Wiedergabe entzogener Wiesen, Aecker oder Allmanden an die Gemeinden; Aufhebung des Todfalls vom Augenblicke des Vertrags an; Reichung des Ehrschatzes bis zur allgemeinen Reichsreform in der Ermäßigung, daß nur, wo einer über 50 Gulden werth schuldfrei hinterlasse, die Erben eines halben Gulden werth reichen, bei 100 Gulden Verlassenschaft und darüber nicht über einen Gulden.

Diese und andere Erleichterungen gewährte Markgraf Philipp von Baden, als Theidigungsherr, und die Räthe der Stadt Straßburg als Theidigungsleute in ihrem Namen und im Namen der andern betheiligten Herrschaften, Bischof Wilhelms von Straßburg; Reinhards Grafen zu Zweibrücken und Herrn zu Bitsch und Lichtenberg; Wilhelms des Grafen zu Fürstenberg und Landvogts in der Ortenau; Philipps des Grafen zu Hanau; Wilhelm Hummels von Staufenberg; Wolfs von Windeck und ihrer mitverwandten Grafen, Herren und Ritter. So wußte ein edler Fürst die Bibel sich besser als Luther und Melanchthon, wie wir bald sehen werden, auszulegen, und dem Christenthum gemäß in den zwölf Artikeln das zu finden, was seinen Unterthanen zum Besten war. Entgegen der 142machiavellistischen Politik, welche lehrt, daß der Fürst gegen aufgestandene Unterthanen die Gewalt der Güte vorausgehen lassen, sie mit Uebermacht niederwerfen oder mit List hinhalten müsse, um ihnen zuletzt nichts zu geben; entgegen der fürstlichen Diplomatik, welche dem Volke niemals ein Recht des Kriegs und Friedens zugestehen und selbst in der gerechtesten Nothwehr gegen unerträglich werdende Ungerechtigkeiten nur Majestätsverbrechen und Rebellen sehen will, hatte Markgraf Philipp auf den Nothruf des Volkes gehört, den gewaltigen Naturschrei der gedrückten Menschheit; er hatte ihn verstanden, ihn und den Geist der Zeit, dem der alte Druck der Jahrhunderte widerstrebte, und der in geistlichen und weltlichen Verhältnissen auf Freiheit, wenigstens auf Freiheiten gerichtet war; und er hatte es erkannt, daß es eines christlichen Regenten Pflicht sei, durch Gerechtigkeit und Milde, durch Anerkennung der Grundsätze der Vernunft und des Christenthums, eher als durch Waffen und Trug die gestörte Ruhe im Innern des Staates herzustellen und in den Gemüthern das locker gewordene Band neu zu knüpfen, als dessen Schleife das Christenthum allein die wechselseitigen Rechte der Regierenden und Regierten anerkennt.

Und er hatte in sich und außer sich seinen Lohn dafür, nicht nur vor Gott und Nachwelt, sondern auch in seiner Zeit. Als wollten sie der Welt zeigen, wie sie Menschen und Christen sein können, wenn man auf ihre Bitten, Wünsche und Forderungen höre, und wie sie nur Brutalität mit Brutalität zurückweisen: alle die Bauern, welche die Uebereinkunft von Achern angenommen hatten, sah man bis zum Abschluß des Vertrags von Renchen weder einem andern Haufen zuziehen, noch Jemand beschädigen, und nach demselben blieben sie in Ruhe und in Treue gegen ihre Herrschaften. Markgraf Philipp hatte das Vertrauen alles Volks, weit über die Gränzen seines Landes. Mehrere Berichte im Stuttgarter Staatsarchiv. Aktenstücke der Verträge zu Achern und Renchen in den Materialien S. 124-140. Alte Handschrift bei Schunk. Haarer Lateinisch und Deutsch.

Auch der Haufe des Brurains verließ sogleich nach dem Vertrag, den der Markgraf mit den Seinen geschlossen, die Markgrafschaft, und zog in's Bisthum Speier, mit ihm die Bewegungslustigen 143der Durlacher Bauern. In sieben Abtheilungen setzten gegen vierthalbtausend, ungefähr die Hälfte des vereinigten Haufens, bei dem Dorfe Schreck über den Rhein, und überschwemmten den Speiergau. Sie lagerten sich namentlich in dem Kloster Hördt und in dem Klosterhof Mechtersheim, und leerten hier vollends Keller und Kornspeicher von dem, was ihre Vorgänger übergelassen hatten; dann fuhren sie bei Rheinsheim wieder über den Rhein zurück, und vereinigten sich bei Philippsburg wieder mit der andern Hälfte ihres Haufens, die des Raths geworden war, auf die Stadt Speyer zu ziehen, und die dortige Geistlichkeit zu strafen.

Ihre Vorgänger im Kloster Hördt waren Rheinpfälzer. In der Rheinpfalz selbst nämlich hatte zwar Pfalzgraf Ludwig, der Kurfürst, Alles gethan, um sein Land vor der Ansteckung des um sich greifenden Brandes zu wahren; dennoch fielen die Funken auch auf diesen Boden herüber, und das eine Zeitlang glimmende Feuer flammte auf.

In einem schönen Dorfe bei Landau, in Nußdorf, war acht Tage nach Ostern Kirchweih. Auf der Nußdorfer Kirchweih pflegten immer viele Bauern aus den umliegenden Dörfern zusammen zu kommen. Hier war es nun auch, wo 200 Bauern zusammenschwuren, einen Haufen zu machen. Noch in derselben Nacht lagerten sie bei dem Mönchshof Gailweiler auf einem Berge. Von hier aus schickten sie einzelne Rotten in die umliegenden Dörfer, diese weckten die Bauern aus dem Schlaf, beredeten durch gute und böse Worte viele zu ihrem Bund, und vermehrten sich in dieser selben Nacht so, daß die Morgenröthe wohl 500 auf dem Berge fand. Sie beschlossen, in das Siebeltinger Thal zu fallen, und die Bauern desselben auch zu ihrem Haufen zu bringen. Zeitlich erfuhr diese Dinge Jakob von Fleckenstein, der churpfälzische Vogt zu Germersheim, er machte sich in derselben Nacht mit seinen Reisigen auf in's Siebeltinger Thal, das in sein Amt gehörte, und beredete die dasigen Bauern, daß sie ihm zusagten, mit ihm gegen die Unruhigen von Gailweiler ziehen zu wollen. Als die Letztern dies hörten, gingen sie, im Gefühl, noch zu schwach zu sein, auseinander, wie Rauch in den Wind auf, und der Vogt ritt heim nach Germersheim, in gutem Trost, daß Alles ruhig bleiben werde; er hatte sie an ihre Pflichten erinnert. Nach 144wenigen Tagen lief es an demselben Orte von allen Seiten rührig zusammen, junge und alte Bauern schwärmten in das Stift Klingenmünster, in das Kloster Hördt, in das Johanniterhaus zu Hambach, in den Mönchshof zu Mechtersheim, aßen und tranken Tag und Nacht, und eigneten sich die schönen Viehheerden zu.

Sie hatten zum Vorwand ihres Zusammentritts genommen, sie wollen dem beschornen oder Kolbenhaufen, der gerade in Anweiler sich gesetzt hatte, Widerstand thun. Es waren meist Bauern aus den Dörfern Neukastel, Magdeburg, Kirchweiler und dem Siebeltinger Thale, die sich unter diesem Vorwand zusammengethan und sich jetzt mit den Nußdorfern und Gailweilern vereinigt hatten. So reichten hier diese Schwärme den Haufen des untern Elsaßes die Hand. Klöster, Flecken, Schlösser rings herum nahmen sie ein; das Kloster Eisenstall verwüsteten sie mit Feuer, wie das Frauenkloster zu Heylsbruck; Bechingen und andere Burgen brannten sie aus, so Kropfberg am Gebirg; in das Schloß des Hans von Dalberg legten sie bloß eine Besatzung. Dann vereinigten sich alle zum Abthun der Schlösser und Klöster zerstreuten Schaaren, zogen hinab auf Winzingen und schlugen ihr Lager auf dem Viehberg bei Neustadt an der Hardt, am 30. April. Am 1. Mai schon öffneten die Bürger in dem wohlbefestigten Neustadt ihre Thore, geschreckt durch die Drohungen der Bauern. Die Bürger selbst zwangen den Amtmann darin, die Bedingungen derselben anzunehmen, und die Hauptleute nahmen ihr Hauptquartier in der Stadt.

In den gleichen Tagen sammelten sich auch die Bauern, zuerst nur bei 300, im Gebiet des Grafen von Leiningen bei Bockenheim. Sie verstärkten sich aus Pfedersheim, und zogen weiter von Ort zu Ort, immer wachsend, auf Hochheim bei Worms, luden sich Mittags den 30. April im dasigen Nonnenkloster zu Gast, und kehrten am Abend bei den Klosterfrauen zu Liebenau ein. Von da ging es in das Stift Neuhausen, wo zwei der Stiftsherren sich an sie anschlossen, Philipp Schindel und Sixt Mayer; sie erfreuten sich an den Stiftsvorräthen, und zogen nach dem Schloß Flörsheim, das den Edeln von Dalberg gehörte, wo sie bald eingelassen wurden, gegen 40 Mann zum Mitzug nöthigten und sechs Doppelhaken mit fortnahmen, alle Bürger aber in ihren Bund beeidigten. Von da ging der Zug nach dem unter Mainzischer und Pfälzischer Herrschaft stehenden Osthofen, 145sie verwüsteten das dasige Stift, zwangen alle umher gesessenen Bauern zu ihrer Brüderschaft, und lagerten sich darauf in dem großen Leiningischen Flecken Bechtheim. Von hier aus fielen sie in Westhofen ein, dem schönsten Orte dieser Landschaft, setzten sich über den Trümmern der Rosenburg hinter Westhofen, und standen so, 3000 stark, im Churpfälzischen Amt Alzei.

Am pfälzischen Hofe, wo man sich über die reißenden Fortschritte des Aufstandes mit Sprüchwörtern, wie: »gleich und gleich gesellt sich gern,« und »ein Bauer gleicht dem andern, wie eine Milch der andern« zu trösten suchte, hatte man gerade um diese Zeit den Marschall Wilhelm von Habern mit 300 Pferden und 500 zu Fuß nach Alzei als Besatzung geschickt, um weitern Abfall zu verhüten. Unterwegs vernahm er, daß die Bauern zu Westhofen lagern, und er richtete seinen Zug dahin. Wie die Bauern das hörten, zogen sich auch die, welche noch in Westhofen lagen, aus dem Flecken auf die rebenumkränzte Rosenburg, und stellten sich kampffertig. Des Marschalls heiße Kampflust fand sie jedoch, wollte er nicht Viele der Seinen aufopfern, hinter den Weinbergen unangreifbar. Er ließ dreimal seine Geschütze unter sie gehen. Aber der Marschall selbst weiß nichts von einem Erfolg dieser Beschießung zu rühmen; nur als es dunkelte, und die Bauern, die kein Geschütz hatten, von dem Weinberg herab in den Flecken und noch in derselben Nacht auf den Haufen bei Neustadt sich zurückzogen, will er gegen sechzig Bauern, vielleicht wehrlose Westhofer, durch seine Reisigen erstochen haben. Denn der Rückzug des Haufens war so wenig eine Flucht, geschah so in Ordnung, Muße und Siegesfreudigkeit, daß sie sich auf dem Zug von Westhofen bis Neustadt noch durch neue Brüder vermehrten, und der Marschall an Nachsetzen oder Angriff nicht dachte. Sie aber lagerten sich im Flecken Wachenheim, das nahe Kloster Limpurg bot reichlichen Unterhalt, und sie thaten Alles von hier aus, um die ganze Umgegend sich zu verbrüdern.

Churfürst Ludwig von der Pfalz, der noch lange nicht Kriegsvolk genug beisammen hatte, um mit Gewalt vorzugehen, berieth sich mit seinen Räthen, wie dem Uebel auf gütlichem Wege Einhalt gethan werden möchte. Unterhandlungen, wie die zu Achern, lagen nahe; noch näher bot sich ein Vorgang im Speierischen.

146

Als der Brurainisch-Speierische Haufen über Odenheim (Philippsburg) auf die Stadt Speier zog, hatte sich Bischof Georg selbst entschieden. Diese Stadt war seit lange wegen ihrer an die Bischöfe verlorenen Reichsfreiheit mit der Geistlichkeit in Zwiespalt, und der neuen Lehre sehr zugethan. Die Domherren versahen sich so wenig Gutes, daß sie baten, Bürger der Stadt werden zu dürfen. Der Rath schrieb an den Rath von Heilbronn, ob man daselbst die Geistlichen in's Bürgerrecht aufgenommen. Um so mehr fürchtete der Bischof, es möchte die innere Gährung in der Stadt mit dem bäurischen Aufstand sich verschmelzen, sobald die Bauern sich vor die Thore legten, und es möchten so die reichen Schätze des Domstifts mit der Hauptstadt verloren gehen. Er nahm sein Kreuz auf sich und ritt mit dem wormsischen Kämmerer Dietrich von Dalberg und Bernhard Göler von Ravensburg zu den Thoren Heidelbergs hinaus, und ritt fort und fort bis in's Lager der Bauern, von denen er sicheres Geleit erlangt hatte. Hier schloß er, wie viele andere Herren vor ihm gethan, persönlich mit seinen Unterthanen einen Vertrag ab; und damit sie desto schneller hinwegzögen, ließ er ihnen zusagen, daß die Geistlichen der Stadt Speier ihnen aus 200 Maltern Brod, 25 Fuder Wein und für 100 Gulden Fleisch nach Rheinhausen nachschicken sollen. Es war am 30. April, die Bauern brachen ihr Lager ab, und gingen, nachdem sie den Vertrag durch einen letzten Schmaus gefeiert, ruhig auseinander mit Urlaub ihrer Hauptleute, welche ihren Sitz in Bruchsal nahmen, mit der Kanzlei und einer kleinen Schaar; hier blieben sie mit den Dörfern in solcher Verbindung, daß sie schnell, sobald sie wollten, 5000 bis 6000 Bewaffnete unter ihre Fahne versammeln konnten.

Wie sein Bruder, der Bischof, that nun auch der Churfürst von der Pfalz selbst. Er meldete seinen Bauern, daß er sich mit ihnen in einen gütlichen Vertrag einlassen wolle. Die Bürger von Neustadt vermittelten zwischen ihm und den Bauern. Hauptleute und Räthe des bei Winzingen auf dem Viehberg gelagerten Haufens bestimmten Tag, Stunde und Ort zur Verhandlung, der Churfürst solle persönlich am nächsten Tage, Mittwoch den 10. Mai, nach Sonnenaufgang, auf freiem Felde bei dem Dorfe Forst mit seinen Räthen sich einfinden, doch nicht mit mehr als dreißig Pferden, 147unter wechselseitigem sicherem Geleit. Der Churfürst erschien, und es erschienen auch zuvor schon am selben Ort die verordneten Hauptleute und Räthe der Bauern, und empfingen mit Ehrerbietung den Fürsten. Das Gespräch, die Unterhandlung begann, und siehe da, mit fliegenden Fähnlein, in Reih und Glied, rückten die beiden Haufen von Wachenheim und Winzingen, an die 8000, heran und stellten sich in der Ferne auf. Nach längerer Verhandlung kam man von beiden Seiten gütlich überein, daß die Klagen der Bauern auf einem demnächst abzuhaltenden Landtag gehört, ihre begründeten Beschwerden auf den Grund der zwölf Artikel gehoben werden sollen. Worüber sie sich der 12 Artikel halb vergleichen, das solle seine Wege haben; das, worüber sie sich nicht vertragen könnten, der Entscheidung der Stände des Reichs anheimgestellt werden. Dagegen sollen die Bauern die eingenommenen Schlösser, Städte und Flecken ihren Herrschaften zurückgeben, nichts mehr aus denselben beziehen, ihre Haufen auflösen und zu ihrem Herd und Geschäft zurückkehren. Ludwig sagte allen Verzeihung, völlige Straflosigkeit, seine ganze Gnade zu. Beiderseitig wurde der Vergleich beschworen. Auf das zogen beide Haufen in ihre alten Lager zurück; der Churfürst ritt, begleitet von der Neustädter Bürgerschaft, wieder in Neustadt ein. Am folgenden Tage erschienen die Hauptleute der Bauern wieder vor dem Churfürsten, um mit ihm den Ort und die Zeit des allgemeinen Landtags festzusetzen. Der Fürst zog sie an seine Tafel. Da sah man Bauern und Landesherrn zusammensitzen, zusammen essen und trinken. Er hatte, so schien's, ein Herz zu ihnen und sie zu ihm; er bestimmte Ort und Tag, und entließ sie gnädig. Dann ritt er heim nach Heidelberg, und schrieb sogleich in der ganzen Pfalz den allgemeinen Landtag auf Pfingsten nach Heidelberg aus, mit dem Befehl an alle seine Herren, Ritter und Amtleute, »nichts gegen den Vertrag zu thun



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