Julius Wolff
Das schwarze Weib
Julius Wolff

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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Weinsberger Bluttat machte im ganzen Reiche einen erschütternden Eindruck. Es war ein schreckliches Beispiel ungezügelter Volksrache, eine Tat, deren Bericht mit allen Einzelheiten wie ein todverkündendes Gespenst unter den Lebenden umging, weil man auf ihre Nachahmung und Wiederholung überall gefaßt sein mußte, wo die Bauern die Sieger über ihre Herren sein würden. Mochte man sich auch sagen, daß Graf Helfenstein und viele seiner Standesgenossen für die Härte und Grausamkeit, mit der sie jahrelang ihre Untertanen behandelt und in Verzweiflung und Tod getrieben hatten, selber den Tod verdient hatten, so empörte sich doch das Gefühl menschlicher Gesittung, soweit es noch nicht ganz in blutlechzendem Hasse untergegangen war, gegen eine solche Art und Weise der Abrechnung und Vergeltung.

Die nächsten Folgen des gräßlichen Ereignisses waren sehr verschiedener Natur. Viele Ritter und Städte traten aus Angst, unter dem Drucke größeren oder geringeren Zwanges oder auch freiwillig in den Bund der Bauern. Die aber, die sich nicht dazu entschließen konnten, die noch den Glauben und die Zuversicht hatten, sich ihrer Haut zu wehren und den Aufstand mit den verfügbaren Streitmächten niederschlagen zu können, die rafften nun alle Kraft dazu einmütig zusammen. So groß nach dem bisher Vorgefallenen die Feindschaft und Erbitterung der gegeneinander Kämpfenden auch jetzt schon war, so erreichte sie doch nun einen Höhegrad, der alles Mitleid und Erbarmen erstickte und den Krieg zu einem Kampf aufs Messer machte. Ritterschwert, Bauernspieß und Henkerbeil sollten nun in ihrer bluttriefenden Arbeit miteinander wetteifern.

Das wußten alle, wenn sie auch nicht alle unter sich einig waren, was sie im Augenblicke der Gefahr tun oder lassen sollten. Besonders in den Städten waren die Elemente gemischt. Anhänger der Ritterschaft und des schwäbischen Bundes auf der einen und Mitverschworene oder Teilnehmer an der Sache der Bauern auf der anderen Seite standen sich in Rat und Gemeinde offen oder heimlich gegenüber und stritten miteinander über Anschluß oder Abwehr, und hüben wie drüben schlich der Verrat sich ein und machte Mut und Tapferkeit durch seine Tücke zu schanden. Wer immer der Sieger sein mochte, – seine Rache war zu fürchten und war unausbleiblich. Der Überwinder ließ den Unterliegenden seine Treue zu dem, dessen Sache er vertreten und verteidigt hatte, aufs schwerste büßen, weil sie die Sache des Feindes war.

Sowohl im Bauernrate, bei Hippler, Weigand, Berlin und anderen Leitern der Bewegung, die sich nicht persönlich am Kampfe beteiligten, als auch bei den obersten Hauptleuten wie Götz von Berlichingen und Metzler fand die Weinsberger Untat entschiedene Mißbilligung, und man war an diesen Stellen auf Jäcklein Rohrbach nicht gut zu sprechen. Aber das nicht allein, auch im Bauernheere und sogar bei denen, die Stadt und Schloß mitgestürmt hatten, erfuhr Jäckleins Vorgehen eine sehr ungleiche Beurteilung. Die einen frohlockten, daß den Grafen Helfenstein die ihm von tausend haßerfüllten Herzen gegönnte Rache ereilt hatte, die anderen schauderten davor zurück und schüttelten bedenklich die Köpfe, sich sagend, daß nun auch für sie nicht die mindeste Schonung mehr vonseiten der Gegner zu erwarten sei und man sie und die Ihrigen daheim fortan mit doppelter Strenge verfolgen und behandeln würde. Die Mißstimmung führte zur Zwietracht in Jäckleins eigenem Haufen, so daß sich eine Menge seiner Leute von ihm abwandten und zu Florian Geyers schwarzer Schar übergingen.

Jäcklein, wenn auch nicht reumütig über seine Tat, so doch verdrossen über die ihm in lauten Worten oder schweigendem Verhalten gemachten Vorwürfe und erbost über Judikas Trennung von ihm, wurde nun noch rücksichtsloser in seinem Auftreten und noch blutgieriger in seiner Kampfesart. Voll unbändiger Wildheit wollte er alles verwüsten und vernichten, was ihm verdächtig vorkam, was nicht zweifellos gut bäurisch gesinnt war. In maßloser Überhebung erließ er auf eigene Faust befehlerische Schreiben, die mit den hochtönenden Worten anhuben: »Wir Jakob von Böckingen verkünden und entbieten usw.« Da riß den obersten Führern die Geduld. Götz von Berlichingen, Georg Metzler, Hans Reyter und andere Feldhauptleute richteten ein sehr ernstes Warnungsschreiben an ihn, daß er sich bei Vermeidung der Ungunst des hellen, christlichen Haufens solcher Eigenmächtigkeiten zu enthalten habe. Das Dekret wurde mit dem großen Petschaft der Bauern untersiegelt, das die Umschrift trug: »Gottes Wort bleibet in Ewigkeit.«

Darauf zog er sich, nachdem er das Kloster Amorbach, das größte und mächtigste im Odenwald, rein ausgeplündert und gänzlich zerstört hatte, grollend nach Maulbronn zurück, schlug sein Hauptquartier im Kloster auf und ließ es sich dort untätig, aber schwelgend und prassend eine Weile wohl sein.

Eine von den Städten, in denen schon, ehe sie unmittelbar bedroht waren, Zwiespalt in der Bürgerschaft über die zu ergreifende Parteinahme herrschte, war Heilbronn. Im Rate saßen nur Geschlechterherren und einige wenige Zunftmeister und andere Glieder des Gemeinwesens; aber die Herren hatten die Oberhand, führten strenges Regiment und sahen hochmütig auf die schlichten Bürgersleute herab, was diese bitter kränkte und zur Aufsässigkeit herausforderte. Beide Teile erblickten in ihren städtischen Streitigkeiten ein Abbild im kleinen von dem großen Kriege, der das Reich durchtobte. Die Bürger und Handwerker verstanden die Auflehnung des geringen Mannes gegen seine Bedrücker und fühlten ihm den Haß gegen diese nach, weil sie selber sich von den reichen Stadtgeschlechtern übervorteilt und gedemütigt wähnten und danach trachteten, dieses Joch von sich abzuschütteln und zu größerem Einfluß in der Gemeindeverwaltung zu gelangen. Namentlich die Zünfte strebten nach ausgedehnteren Rechten und Freiheiten und glaubten inmitten der allgemeinen Kriegswirren die Gelegenheit gekommen, ihre Wünsche durchzusetzen, wobei sie von vielen ihrer Mitbürger mit Wort und Tat unterstützt wurden.

Den Herren im Rat ward nicht wohl bei den immer lauter und drohender werdenden Kundgebungen gegen ihre bisher fast unbeschränkte Macht. Sie hatten einen kriegserfahrenen Mann, Hans Schulterlin, zum Stadthauptmann ernannt, ihm vier Quartiermeister untergeordnet und in allen Stadtvierteln Rotten gebildet, die dem Rate zur Wache und zur Wehr bei schwerer Strafe dienstbar und gehorsam sein sollten. Aber der geforderte Gehorsam stieß auf lebhaften Widerspruch. Viele Bürger erklärten, sie hätten kein Pulver, auf die Bauern zu schießen, und keine Spieße, in die Bauern zu stechen. Umtriebe, Streitigkeiten, ja Unruhen und Aufläufe fanden statt, die Gegner gerieten mit Worten, manchmal auch mit Fäusten und Waffen scharf aneinander, die Frauen mischten sich hinein und besonders auch die Geistlichkeit, denn die neue Lehre des Evangeliums war in Heilbronn noch nicht zur allgemeinen Annahme gelangt. Als die Bauern nun wirklich heranrückten, um die Stadt zu besetzen, versperrte ihnen der Rat die Tore, und von beiden Parteien in der Stadt wurden offene und geheime Verhandlungen über die Bedingungen der Übergabe mit den vor den Mauern Lagernden gepflogen. Die Verteidigung war selbst gegen die mehr zum Schein als zum durchschlagenden Erfolg unternommenen Angriffe eine lässige und schwache, und Florian Geyer wollte absichtlich keinen rechten Ernst damit machen, sondern die nahe bevorstehende Übergabe abwarten, weil er in einer unversehrten Stadt mehr Beute an Kriegsgerät und allen anderen brauchbaren Dingen zu machen hoffen konnte als in einer zerstörten.

Durch den fortgesetzten Hader zwischen Rat und Gemeinde kam es endlich dahin, daß die Stadt ohne eigentlichen Kampf übergeben wurde und die Bauern ihren Einzug hielten. Die Bürgerschaft wollte sich den Bedingungen, die Florian Geyer ihr vorschrieb, nicht ohne weiteres fügen. Ihm aber, dem Feldhauptmann, der den Krieg nicht des Krieges, sondern seiner Zwecke wegen führte, war es nicht darum zu tun, den Widerstand einer einzelnen überwundenen Stadt zu strafen und zu rächen. Er wollte sich darauf beschränken, den Heilbronnern ihre Geschütze und sonstigen Waffen sowie genügende Lebensmittel zum Unterhalt seiner Leute abzunehmen und im übrigen statt der Gewalt Gnade walten lassen.

Da war es Judika, die ihm unter vier Augen dieses gelinde Verfahren auf das dringendste widerriet. Sich im sicheren Besitz des geliebten, heißersehnten Mannes fühlend, war sie nun wieder ganz Kriegerin und dachte und wollte nichts anderes als den Krieg, über dessen höchste nationale Ziele Florian sie in wiederholten Gesprächen aufgeklärt hatte, mit aller Kraft und größter Entschiedenheit fortsetzen, um ihn so schnell wie möglich zu Ende zu bringen und die erstrebte Freiheit für alle und damit zugleich Lebens- und Liebesglück für sich selber zu erringen. Darum wollte sie von irgendwelcher Schonung, die als Schwäche gedeutet und dem siegreichen Fortgange des Kampfes nur hinderlich und nachteilig werden konnte, nichts wissen. Zudem haßte sie die reichen Städter und die üppigen Städterinnen fast ebensosehr wie die Herren und Frauen auf den Ritterschlössern und gönnte auch diesen Hochfahrenden jede Demütigung vonseiten derer, die sie bisher unter der Herrschsucht und Willkür der stolzen Stadtgeschlechter hatten beugen müssen.

»Du darfst hier keine Nachsicht üben, Florian!« sagte sie. »Wer uns als Feind entgegentritt, muß die Hand des Siegers an der Kehle fühlen, die Widerspenstigen müssen merken, daß wir, wo wir hinkommen, die Herren sind und ihnen unseren Willen zum Gesetz machen.«

»Mit ihrer Unterwerfung unter unseren Willen und ihre Gelobung in den Bund ist der Zweck erreicht,« erwiderte Florian.

»Glaubst du, daß die, die nicht freiwillig, sondern gezwungen sich in den Bund geloben, ehrliche und zuverlässige Bundesgenossen sind? nimmermehr!« sprach Judika. »Sobald wir ihnen den Rücken kehren und abziehen, heben sie das aus Angst geduckte Haupt trotzig wieder empor und hetzen und erneuern den Widerstand gegen uns, wenn du ihnen die Macht und die Mittel dazu läßt. Und glaubst du, daß sie uns schonen würden, wenn wir die Unterliegenden wären? nimmermehr! Den Freunden jeden Vorschub, den Feinden jeden Nachteil! Die Gefährlichsten müssen für immer stumm gemacht, den Böswilligen muß alles genommen werden, womit sie uns später einmal schaden könnten, anders geht es nicht. Du kennst den Krieg besser als ich, Florian! muß ich dir erst das Schwert schärfen und Herz und Willen stählen?«

»Man merkt es, daß du aus Jäcklein Rohrbachs erbarmungsloser Schule kommst,« lächelte er.

»Um Furcht und Schrecken zu verbreiten, daß ihm alles gehorchte, alles vor ihm zitterte, dazu war die Weise gut, die er aufspielte,« erwiderte sie. »Ihn mußte ich oft von übertriebenen Grausamkeiten zurückzuhalten suchen, dich mit deinem guten, edlen Herzen muß ich anfeuern. Du denkst zu groß von den Menschen, geliebter Mann!«

»Der Feldherr darf nicht rauben und plündern wie ein Landsknecht oder Troßbube.«

»So laß die Landsknechte und Troßbuben plündern! befiel es nicht und verbiet es nicht! Sich bereichern sie an Beute, dich aber an Macht und geben deinen künftigen Forderungen einen Nachdruck, der besser wirkt als Drohungen, an die man nicht mehr glaubt, weil sie auch anderswo schon ausgesprochen, aber nicht ausgeführt wurden,« hielt Judika dem ritterlichen Freunde in immer dringenderem Tone vor. »Und gerade jetzt, gerade hier ist Strenge nötig,« fuhr sie fort. »Du willst in den Odenwald, um die Städte dort in den Bund der Bauern zu bringen. Liefere ihnen hier ein warnendes Beispiel, laß sie merken und erfahren, daß du mit Eisenschuhen niedertrittst, was sich dir in den Weg stellt, laß den Schrecken deinem Namen vorauseilen, und die Städte des Odenwaldes fallen ohne Schuß und Schwertstreich dir zu Füßen!«

»Sollte ihnen Weinsberg noch nicht genug schreckendes Beispiel sein?« sprach Florian.

»Das schlimmste davon kommt auf Jäckleins Kerbholz,« erwiderte sie. »Nun müssen sie auch dich noch fürchten lernen, dürfen nicht auf deine Gnade pochen, auf deine Großmut sich verlassen. In diesem Kriege muß der Sieger auch immer ein Rächer sein, und jeder, jeder muß fallen, der als Feind dir gegenüber noch aufrecht steht, bis auch der letzte gebrochen am Boden liegt.«

Er sah sie mit einem langen, innigen Blicke nachdenklich an und sagte dann: »Weißt du, was ich nicht möchte, Judika?«

»Nun?« frug sie gespannt, »was möchtest du nicht?«

»Dein Feind nicht sein,« lachte er.

»Bist du ja auch nicht, Liebster!« rief sie jubelnd, umschlang ihn feurig und küßte ihn.

»Judika,« begann er dann ernst, »wenn ich nur nach den Regeln einer unnachsichtigen Kriegführung handeln wollte, so hättest du recht mit deinem Rat zur Anwendung gnadenloser Strenge. Aber diese ist nicht überall am Platze, und oft kommt man mit Milde rascher zum Ziele. Wir sind hier die Herren in der Stadt; das wissen die Bürger und werden sich fügen, wenn auch widerwillig. Wollten wir sie unnötigerweise plagen und schröpfen, so würden wir uns bei ihnen verhaßt machen; sie würden sich von uns abwenden statt uns anzuhängen, und wir würden, in dem üblen Rufe stehend, nur Beutemacher zu sein, um so größere Mühe haben, auch noch andere Städte für uns zu gewinnen. Wo ich Widerstand finde, brech' ich ihn und versäume nicht, Hartnäckige dann und wann durch kleine Denkzettel an unsere Stärke zu erinnern; aber hier war das bis jetzt nicht erforderlich. Also vertraue mir, Geliebte, wie ich es einrichte und anordne. Ich kenne den Krieg, seine Hilfsmittel, seine Listen und seine Schrecken.«

Er hatte im Ton einer sicheren Überlegenheit gesprochen, und Judika fühlte heraus, daß er ihren Einfluß in gewissen Schranken halten und sich von ihr nicht bestimmen und beherrschen lassen wollte. Daher erwiderte sie etwas unmutig: »Nun, du bist ja der Befehlende und wirst für dein Tun und Lassen Gründe haben, die ich nicht verstehe. Also handle nach deinem Ermessen und mit recht viel Milde, wenn du damit weiter zu kommen glaubst.«

So tat er auch und blieb bei seinem Entschlusse, gegen die Heilbronner nicht allzu strenge Maßregeln zu ergreifen. Jedoch ließ er es zu, daß die Beutemeister die geistlichen Häuser und Klöster, besonders Haus und Hof der Deutschherren um beträchtliche Summen brandschatzten, und drückte auch ein Auge zu, als er vernahm, daß unter der Hand doch hie und da in reichen Bürgerhäusern ein wenig gemaust und geplündert worden war. Die allgemeine Plünderung mußte der Rat mit schwerem Gelde von den Bauern loskaufen, mußte die Stadt in den Bund geloben, Geschütze und Pulver ausliefern und Fuhrwerke stellen.

Zu seinem Zuge in den Odenwald wollte Florian nur eine geringe Schar auserwählter Leute mitnehmen und die Hauptmasse unter Ehrenfried Kumpfs Befehl bis zu seiner Rückkehr in Heilbronn zurücklassen.

Mit der Ordnung dieser Dinge verging die Hälfte des folgenden Tages, und erst am Nachmittag konnte sich Florian von Judika, die in dem Hause des Patriziers Engelbert Uffsteiner wohnte, vor seinem Ritte verabschieden, den er in der nächsten Morgenfrühe antreten wollte und auf dem ihn zu begleiten sie sich geweigert hatte.

Als er das geräumige Wohngemach der Familie betrat, fand er dort die Herrin des Hauses und – kaum seinen Augen trauend – Judika in einem überaus kostbaren Gewande, an dessen Falten noch dieses und jenes zu ordnen Frau Elisabeth Uffsteiner eben beschäftigt war. Die Erwählte seines Herzens trug ein lang nachschleppendes Kleid von großgemustertem Goldbrokat; der Besatz an dem ringsherum tief ausgeschnittenen Mieder, an den weiten Ärmeln und am unteren breiten Saum war von veilchenblauem Sammet mit reicher Goldstickerei. Ein mit bunten Steinen besetzter Gürtel schlang sich um die Hüften und hing lang herab, und den Kopf schmückte eine weiße, golddurchwirkte Tüllhaube. Sie sah in dieser Kleidung so fürstlich stolz und prächtig aus, daß Florian seine Augen mit Entzücken auf der herrlichen Gestalt der Geliebten weiden ließ und sich zur Begrüßung der Hausfrau erst anschickte, als diese, unbemerkt von ihm, sich bereits aus dem Zimmer entfernt und ihn mit Judika allein gelassen hatte.

»Judika!« rief er nun voll Staunen aus, »wo hast du das her? hat dir's die Frau dieses Hauses verehrt?«

»Nein,« erwiderte sie in holder Verlegenheit vor seinen schwelgenden Backen, »Rottmeister Schellenschmidt brachte mir das köstliche Beutestück, und Frau Uffsteiner ließ mir nicht Ruhe mit Zureden, es doch einmal anzuziehen. Da gab ich endlich nach, einmal und nicht wieder. Es war auch nicht meine Absicht, mich von dir darin sehen zu lassen, du hast mich, zu meiner Beschämung, überrascht.«

»Warum denn? es ist ja wundervoll! Aber –«

»Es ist nicht vom Weinsberger Schlosse, wie Schellenschmidt mich versicherte,« fiel sie ihm ins Wort, seiner Frage zuvorkommend, »und ich will's auch nicht behalten.«

»Doch, doch!« sprach er schnell, »das mußt du öfter tragen, mir zur Freude!«

»Nein, Liebster!« sagte sie, »ich darf nicht vornehm tun, muß bleiben, was ich bin, wenn ich das Vertrauen unserer Bauern nicht verlieren will.«

Er ging um sie herum und betrachtete sie sich ganz genau. Sie ließ es sich gern gefallen, blinzelte ihn unter ihren langen, schwarzen Wimpern schelmisch an und lächelte dazu so vergnügt, daß zwischen den roten Lippen die Zähne wie blendend weiße Perlen glänzten. Ihre große, schlanke Gestalt, ihren herrlichen Wuchs und stolzen Bau der Glieder umschwebte in der prächtigen Gewandung ein so bestrickender Reiz hoheitlicher Anmut, daß er von der verführerischen Schönheit der Heißgeliebten wie berauscht war. »O könnt' ich dich doch öfter so sehen, meine Judika!« rief er schwärmerisch aus.

Sie hielt den Kopf schief und lugte ihn neckisch von der Seite an, schüttelte jedoch entschieden verneinend. Dabei geriet die Haube ins Schwanken, und als Judika sie befestigen wollte, dann aber abnahm, mochte sich wohl die Nadel in dem nur leicht aufgesteckten Haar gelöst haben, denn es rollte ihr lang über den Rücken hinab, so daß sich ihr bloßer Hals und Nacken mit den edel geschwungenen Linien nun doppelt schön von dem dunklen Gelock abhob und Florian nicht müde wurde, seine jungfräuliche Heldin mit freudetrunkener Bewunderung anzuschauen.

»Weißt du was?« rief er, »Meister Lucas Cranach soll dich so malen für mich!«

Sie lachte hell auf: »Was du dir denkst! – das Kleid ist nicht mein, ich nehm' es nicht.«

»Behalt' es doch, Judika!« sprach er, »Du glaubst nicht, wie schön du darin aussiehst!«

»Magst du mich in einem geraubten Schmucke sehen, den vor mir eine andere getragen?«

»Nein, du hast recht,« erwiderte er, »aber nun weiß ich doch, wie ich dich künftig zu kleiden habe.«

Sie schlug errötend die Augen nieder. Aber dann erhob sie sie wieder zu ihm, und mit einem süß beredten Lächeln sich wonnig an ihn schmiegend flüsterte sie: »Dein schwarzes Weib bin und bleib' ich in jedem Gewande.«

Ihm schwoll und glühte das Herz. Stürmisch umschlang er sie, preßte die in seinen starken Armen vor Seligkeit und Lust Erbebende fest an sich und küßte sie leidenschaftlich auf Hals und Schultern. Dann standen sie, Auge in Auge versenkend, Körper an Körper gedrängt, und während seine Hand kosend in dem üppigen, weichen Schwarzhaar auf ihrem Nacken wühlte, drang und sprang es ihm aus voller Seele: »O Judika, wie lieb' ich dich! wie dank' ich dem Schicksal, daß es dich mir gab! Es wird mir sehr schwer, mich von dir zu trennen; komm doch mit in den Odenwald!«

»Das darf ich nicht, Liebster,« erwiderte sie leise seufzend, »so herzlich gern ich's täte. Man würde es uns falsch auslegen; darum laß mich hier bei den Bauern, zu denen ich vorläufig noch gehöre.«

»So bleibe ganz und so lange in Heilbronn, bis der Krieg aus ist und ich dich mit dem Brautkranz im wehenden Haar nach Giebelstadt heimführen kann.«

»Ich sollte dich allein kämpfen lassen?« sprach sie erregt. »Nein, geliebter Mann! das Glück, das uns beiden aus der Ferne winkt, will ich auch selber erkämpfen helfen, und wenn du fällst, will ich auch an deiner Seite fallen dürfen. Die Freiheit, die wir zusammen errungen haben, wenn wir am Leben bleiben, soll uns den Weg zu deiner Burg mit Rosen bestreuen; nicht so?«

Er sah ihr tief in die leuchtenden Augen und nickte ihr innig zu. Dann reichten sie sich die Hände zu treuem Druck und sprachen kein Wort dabei, denn jeder wußte, was der andere dachte.

Nun mußte er fort, um seine Gefolgschaft für morgen zu mustern. »Lebewohl!« sprach er, »und auf Wiedersehen, meine Judika!«

»Fliege, mein Geyer, fliege!« rief sie hoffnungsfroh, »breite deine Schwingen über den Odenwald aus und kehre bald wieder! zu allen Stunden werd' ich sehnsüchtig deiner gedenken.«

Er schied, und sie begab sich hinauf in ihr Zimmer, um das Prachtkleid abzulegen und sich wieder in ihr schwarzes Gewand zu hüllen.

Als Florian, das berückende Bild der Geliebten im Geiste mit sich tragend, durch die Gassen nach seiner Wohnung schritt, von Bürgern und Kriegsleuten ehrfurchtsvoll gegrüßt, hielt er mit der Linken den Griff seines Schwertes umspannt, und mit Gedanken und Wünschen wallte es ihm in der Brust kampfmutig auf: hilf mir, du alte, gute Klinge! zaudre nicht, schone nicht, schlage durch Harnisch und Haut und bahne mir stürmend den Weg zum Sieg der Freiheit und zum Glück der Liebe!

Während Judika die Kleider wechselte, summte sie ein Lied vor sich hin, das sie einst von des Grafen Spielmann Melchior Nonnenmacher gelernt hatte:

Was hängst du an dem Rittersmann!
Er sieht dich nicht bei Wege an,
Du bist ihm zu geringe.
So sprach das arme Mägdelein
In ihres Herzens Angst und Pein,
Wie sie das Leid bezwinge.

Da hielt er schon vor ihrer Tür,
Rief hoch vom Rosse: »Komm herfür!
Will dir ein Wörtlein sagen.
Ich denke deiner Tag und Nacht,
Nun aber reit' ich in die Schlacht,
Muß Leib und Leben wagen.

Doch hat mein gutes Schwert gesiegt,
Daß tot der Feind am Boden liegt,
Komm' ich, um dich zu werben.
Und kehr' ich wieder nimmerdar,
So weißt du jetzt, daß dein ich war
Im Leben und im Sterben.«

»O nimm mich mit ins Feld hinein,
Laß mich dein Knapp und Bube sein
Und Helm und Schild dir reichen!
Ich diene dir, bist du gesund,
Ich warte deiner, bist du wund,
Will wanken nicht und weichen.«

Er sah sie an und nahm sie mit,
Und wo er stand und wo er stritt,
Da stand auch sie im Streite.
Er sank dahin in seinem Blut,
Ihr brach das Herz dabei, sie ruht
Im Grab an seiner Seite.

Eine düstere Ahnung überkam sie bei dem Liede, und schwermütig wiederholte sie leise die letzten Zeilen:

Ihr brach das Herz dabei, sie ruht
Im Grab an seiner Seite.

Sie seufzte und starrte ein Weilchen still vor sich hin. Aber dann kam ihr der alte frohe Mut zurück, sie schüttelte heftig das Haupt, daß ihr das Haar um den Nacken flog, und sang mit lauter, lustiger Stimme noch einmal:

Doch hat mein gutes Schwert gesiegt,
Daß tot der Feind am Boden liegt,
Komm' ich, um dich zu werben.

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