Julius Wolff
Das schwarze Weib
Julius Wolff

 << zurück weiter >> 

Zweites Kapitel.

Georg Metzler schuf sich Raum durch das Gedränge und eilte dorthin, wo der Tumult, statt sich zu legen, noch zu wachsen schien. Da kam ihm raschen Schrittes ein junger, kräftiger Mann entgegen, mit einem wild trotzigen Ausdruck in den grobgeschnittenen Zügen, aber gut gekleidet und gut bewehrt, der ihm die Hand hinstreckte und ihm lebhaft zurief: »Da bin ich, Jörg! konnte nicht früher eintreffen, denn meine Lieben alle wollten in Osterburken erst einmal trinken, und ehe die Fässer nicht leer waren, die sie erwischt hatten, kriegt' ich sie nicht von der Stelle. Jetzt hat die Feuchtigkeit von außen die innere niedergeschlagen; sie sind beinahe ganz nüchtern wieder.«

»Muß denn immer erst gesoffen sein, auch wenn es gilt, der Losung zu folgen?« sagte Metzler halb zornig, halb erfreut über die endliche Ankunft des längst Erwarteten. »Bringst du den Veltelin mit?«

»Nein! der Teufel mag wissen, wo er steckt! vermutlich in Würzburg.«

»Da schlag' ein Donnerwetter drein!«

»Nun, wir werden auch ohne ihn fertig. Hast du die Artikel verlesen lassen?«

»Nein! ist auch nicht nötig, sie kennen sie alle.«

»Hättest es immerhin tun können; es steckt eine Kraft darin, die mehr eint und bindet als alles Prädikantengewäsch.«

Der so mit Metzler sprach, war Jäcklein Rohrbach, ein Weinwirt aus dem Dorfe Böckingen bei Heilbronn, der sich im Neckartal eines weit verbreiteten Rufes erfreute, denn er war ein gescheiter, anschlägiger Kopf, vor keinem Wagnis zurückschreckend und wegen mancher bösen Händel berüchtigt. Er hatte im ganzen Neckartale Mahnbriefe ausgeschrieben, alle, die eine Waffe tragen könnten, sollten ohne Verzug zu ihm stoßen und ihm helfen, das Evangelium zu handhaben. Sonst würde er kommen und sie mit Gewalt holen und ihnen alles nehmen und verbrennen, was sie hätten. Da waren sie zu Hunderten ihm zugeströmt, und er brachte einen großen Haufen Bauern und verdorbener Leute mit, die er gut im Zügel hatte, weil er ihnen manchmal alle Freiheit ließ, wenn sie plündern oder schlemmen und demmen wollten, die er aber auch straff zusammenzuhalten wußte, wenn es ihm darauf ankam, denn sie kannten den Gewalttätigen, Jähzornigen und fürchteten ihn. Auch mit Barmitteln war er reichlich versehen, denn er hatte sich von den Stiftsherren zu Wimpfen seinen Besuch bei ihnen mit schwerem Gelde abkaufen lassen.

»Kommst eben recht,« sagte Metzler, »sie wollen auseinander, wollen auf und davon, des Wartens überdrüssig.«

»Oho! das fehlte gerade!« rief Jäcklein, »laß die Artikel verlesen! bist doch der Hauptmann hier?«

»Sie haben mich gewählt,« erwiderte Metzler, »wenn du einverstanden bist.«

»Wie sollt' ich nicht? Du bist der ältere; brauche dein Ansehen, daß sie bleiben!«

»Sprich du zu ihnen, Jäcklein! Dort, wo der Bundschuh steckt neben dem Feuer, ist die Stelle zum Reden.«

»Reden, reden! ich mache nicht gern viel Worte; aber eines wüßt' ich, das sie bannen würde. Welches ist die nächste Ritterburg von hier?«

»Die nächste Ritterburg? – der Boxberg, das feste Schloß der Junker von Rosenberg, ganz nahe hierbei,« sagte Metzler.

»Das ist zu fest für uns, das kriegen wir nicht ohne Karthaunen.«

»Nun, dann Giebelstadt.«

»Giebelstadt?« sprach Jäcklein, »richtig, Giebelstadt! und da sitzt ja –« doch ehe er weiterreden konnte, fühlte er sich am Ärmel gezupft, und als er sich umwandte, stand hinter ihm in der tiefen Dämmerung eine dunkle, gänzlich verhüllte Gestalt.

»Laß mich zu ihnen reden!« kam es erregt von bebenden Lippen.

»Judika, du!?« sprach Jäcklein verwundert.

»Ja, ich! ich halte sie, – verlaß dich drauf!« entgegnete die Vermummte, und ein durchdringender Blick flammte unter der Kaputze ihres Mantels hervor, die sie über den Kopf gezogen hatte.

»Was meinst du, Jörg?« fragte Jäcklein, »was Dummes sagt sie nicht, dafür steh' ich dir ein.«

»Weiberzungen!« brummte Metzler nach einem forschenden Blick auf die geheimnisvolle Erscheinung, »aber meinetwegen, wenn sie ihrer Sache so sicher ist.«

»Komm!« sprach Jäcklein und schritt voran, dem Hügel zu, sich Bahn brechend und beiseite schiebend und stoßend, wer ihm im Wege stand. Die Bauern murrten über diese Behandlung, die sie wohl von ihren Herren, aber nicht von ihresgleichen gewohnt waren, doch der ungestüm vorwärts Drängende achtete der Äußerungen ihres Unwillens nicht.

Die tief Verhüllte folgte ihrem Führer und Beschützer auf dem Fuße, und bald standen die beiden, allem Volke sichtbar, auf der Kuppe des Hügels. Die sie dort erblickten, glaubten, der im Mantel und Kapuze wäre ein Prädikant in langem, geistlichem Gewande und der kriegerisch Gekleidete neben ihm einer der Führer, der dem Sprecher zum Worte verhelfen wollte.

Jäcklein Rohrbach zog das Schwert, hielt es hoch empor, daß es im Widerschein des Feuers blinkte, und gebot der tausendköpfigen Versammlung Ruhe für den Redner. Das laute Stimmengewirr ward gedämpfter, alles drängte näher an den Hügel heran, um besser hören zu können, und dann ward es ringsum still. Jäcklein trat zurück in den Schatten.

Der vermeintliche Prädikant begann mit kräftiger, klangvoller Stimme: »Bauern, Brüder und Freunde!«

Die Bauern stutzten, – was ist das? ist das eines Mannes Stimme? Einer rief: »Wer spricht zu uns? Mann oder Weib?«

Mit einem schnellen Ruck warf der auf dem Hügel die Kapuze vom Haupte. Ein bleiches, edelgeformtes, von üppigem, kohlschwarzem Haar umwalltes Frauenantlitz zeigte sich, vom Feuer beleuchtet, auf der hochgewachsenen Gestalt, und die Nächststehenden erkannten auch den strengen, stolzen Blick der großen, dunklen Augen, die von schwarzen Brauen überschattet waren. Mutig, fast herausfordernd klang auch die Antwort auf die Frage, ob Mann oder Weib: »Ein Weib spricht zu euch, weil unter euch allen kein einziger Mann ist, der des Wortes begehrt hat oder seiner mächtig ist. Wollt ihr mich hören?«

»Nein! nein! ja! nein! was da! Weiber haben hier nicht mitzureden! Warum nicht? laßt sie reden! nein! herunter vom Platze! wo ist der Prädikant? Ruhe!« So schrie alles wild und wüst durcheinander, während die Umstrittene regungslos auf das Toben hinabsah.

Jäcklein Rohrbach trat wiederum vor, packte die aufgepflanzte Stange und rüttelte daran, daß der Bundschuh oben an ihrer Spitze herumwirbelte, und rief: »Ruhe verlange ich bei diesem Zeichen hier!«

Auch auf die, denen die Worte bei dem allgemeinen Lärm nicht verständlich geworden waren, machte das Schwenken des Bundessymbols Eindruck, so daß sich das Tosen legte und Jäcklein nun fortfahren konnte: »Die hier neben mir steht, ist die Jungfrau Judika Hofmännin aus Böckingen, sie spricht zu euch im Namen und im Auftrag eurer Hauptleute. Darum schweigt und hört, was sie euch zu sagen hat!« Tiefe Stille ward, und Jäcklein trat wieder zurück.

»Brüder!« fing nun Judika von neuem an, »wißt ihr denn nicht, was uns vor allen Dingen am meisten Not tut? – Eintracht! Einigkeit! Wenn der eine ja sagt und der andere nein, wenn der eine bleiben und der andere abziehen will, wo es gilt, fest zusammzuhalten wie ein Sack voll verrosteter und verbogener Nägel, – ja dann ist unsere Sache von vornherein eine verlorene, dann könnt ihr zu Hause bleiben und euch weiterschinden und weiterducken, wie ihr es bisher getan habt. Ihr seid Tausende hier, aber ihr müßt ein Ohr sein, das rechte Wort zu hören, ein Mund, das rechte Wort zu sprechen, ein Wille, ein Geist muß in euch leben und weben. Ihr habt vorher gemurrt, habt gefragt, wozu ihr herbestellt wäret, was ihr hier solltet. Ja, ich frage euch: was wollt ihr? was verlangt ihr?«

Sie machte eine Pause, als wartete sie auf Antwort, und durch die atemlose Stille drangen aus der Menge zwei vereinzelte Rufe: »Brot! – Freiheit!« Und – Brot! Freiheit! kam es im Widerhall von der Berglehne zurück, daß es fast schauerlich klang.

»Freiheit wollt ihr?« sprach Judika weiter, »ja, schafft sie euch doch! glaubt ihr, daß ihr sie geschenkt kriegt oder euch kaufen könnt? womit denn? Habt ihr noch irgend etwas, womit ihr außer den Gülten und Beden noch etwas zahlen könntet? Nehmen sie euch denn nicht alles, alles, was ihr mit saurem Schweiß und blutender Hand erringt? Sie nehmen euch den Zehnten und mehr als den Zehnten von der kümmerlichen Frucht eures Ackers, das beste Gewand beim Todfall, das letzte Stück Vieh aus dem Stalle, sie nehmen euch das Mark aus euren Knochen für die Frondienste, die ihr euren Unterdrückern leisten müßt, sie nehmen euch die Zeit, in der ihr für euch selber schaffen könntet, wenn ihr nicht für eure Tyrannen roboten müßtet, ja, sie nehmen euch die rechte Hand zum Arbeiten, weil ihr euch erfrechtet, euer gutes Recht zu schützen, euer altes Herkommen zu wahren. Das Auge im Kopfe ist nicht sicher vor dem glühenden Eisen, und von Sonnenaufgang bis Untergang tönt es euch fort und fort ins Ohr: gib! gib! O es ist erbärmlich, davon zu reden! Was ist euch denn geblieben, um die Freiheit zu erlangen, die ihr begehrt? Nichts, als die harte, schwielige Bauernfaust und Schwert und Spieß und was ihr sonst noch an Waffen habt oder euch nehmt, wo ihr sie findet. Also braucht die Kraft, die in euch liegt, wenn ihr einig seid und zu Hunderttausenden aufsteht, alle für einen, einer für alle! Ihr müßt reine Bahn machen mit Gewalt, müßt draufgehen mit Knütteln und Keulen und den Junkern solche Ritterschläge geben, daß sie davon zu Tod geschlagen werden; es muß Menschenblut fließen wie Wasser auf der Erde; nur das ist eure Rettung, die letzte, die einzige!« –

Jauchzender Zuruf stieg von unten tausendstimmig zu ihr empor. »Gottes Fleisch! sie hat recht; nieder mit den Schelmen und Bösewichtern! wir müssen Köpfe haben!« Und dann wieder: »Ruhe! Ruhe! weiter, weiter, Hofmännin!«

»Gott hat es mir im Schlafe gegeben, was ich euch zu sagen habe, und es steckt mir im Herzen,« fuhr Judika fort. »Ihr seid ein arm, erschrocken, ganz zaghaft, einfältig Volk; wo wollt ihr euer Recht finden, wenn ihr es euch nicht selber nehmt? Bei den doctores juris? o die drehen euch aus jedem Wort eine Schlinge um den Hals, daß wahrlich das Lachen darum teuer ist. Nichts als bestochene Richter seht ihr auf den Stühlen sitzen, denn es ist heutzutage kein Amt so klein, daß es nicht hängenswert wäre. Nein, Brüder, ihr müßt euch selber helfen, müßt euch mit handgebender Treue geloben, einander männiglich beizustehen bei euren Briefen und Rechten und dem alten Herkommen, und wenn die Glocken gehen, so soll ein Nachbar dem anderen klopfen und mit ihm ausziehen zu bequemer Malstatt, und wenn die Dörfer so leer würden, daß nur die Goggelhahnen darin blieben, den Tag anzukrähen. Wer aber nicht mittun und helfen will, daß die Gerechtigkeit einen Fürgang gewinne, den müßt ihr einen Pfahl vors Haus setzen oder einen Galgen ankreiden und ihn brandmarken vor aller Welt. Denn was wollt ihr denn? nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! Und wo findet ihr die? wie sind die Gaben verteilt auf Erden, die doch allen Kindern Gottes gemeinsam sein sollen? Wie leben die Ritter und Pfaffen? und wie lebt ihr? Seht sie euch an! Scharlachwämser tragen sie oder seidne, mit silbernen Knöpfen besät und mit dicken Straußenfedern am zottlichen Hut. An brechenden Tafeln schmausen und schwelgen sie Tag für Tag in Üppigkeit und Überfluß und nehmen's hin ohne Dank und Segen, als wenn's so sein müßte. Und ihr? Nicht einmal euer eigen Brot essen dürft ihr, während jene vom Schweiße der Armen sich mästen. Ihr seid preisgegeben gleich den Feldgänsen, zu denen man des Jahres zweimal ein gutes Ansehen hat: einmal am Sankt Johannistag, wo man sie soll bis auf die Haut berupfen, und einmal am Sankt Martinstag, wo man sie gar soll braten; dazwischen wagt man sie auf die Weide zu den Füchsen und Wölfen. Ihr aber werdet von euren Peinigern tagtäglich berupft, so lange es an euch noch was zu rupfen gibt.

Denkt an eure Frauen daheim! was ist ihr Schicksal? Ein noch traurigeres als das eure. Sie haben nicht Zeit, für ihr bißchen Häuslichkeit zu sorgen, die Kinder zu pflegen und dem Manne, wenn er abends todmüde heimkommt, im reinlichen Stübchen und am Herde, dem noch so bescheidenen, dürftigen Herde eine wohlige Stätte der Ruhe und des Friedens zu bereiten. Denn sie müssen sich gleich euch mit schwerer Arbeit plagen und werden zu Diensten entwürdigt, die nicht ihres Amtes sind und über ihre Kräfte gehen. Das bohrt sich tiefer und schmerzlicher in das Gemüt der Frauen als in das der Männer, die ihr zum Schaffen und Erwerben geboren seid und euren Groll austoben könnt, wäre es auch nur mit dem fühllosen Werkzeug, mit dem ihr für eure Herren ackern und roden, säen und ernten müßt. Die Frau duldet und schweigt, wenn sie nicht weint, und geht vor euren Augen zugrunde an körperlicher und seelischer Qual. O daß sie nicht schweigen wollten, eure Frauen, sondern euch Tag und Nacht aufwiegeln, das Joch abzuschütteln, und euch bohren und stacheln und hetzen wie ich!

Seht euch eure Kinder an! verwahrlost, verkümmert und verhungert sind sie, und ein noch schlimmeres Los steht ihnen bevor, als ihr jetzt zu tragen habt, wenn ein schlimmeres überhaupt noch denkbar ist. Das ist das einzige Erbe, das ihr ihnen hinterlaßt. O es ist ein Jammer, kläglich zu beweinen, daß sich ein frommer Heid', geschweige denn ein Christenmensch, in sein Herz hinein schämt. Da müßt ihr einmal dreinstoßen, mein' ich, sterben muß alles, was nach einem Rittersporn schmeckt, und ihr braucht euch darum kein Absoluz vom Ablaßkrämer zu kaufen. Nehmt den Spieß auf die Achsel und laßt die Bundesfahne fliegen, – nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!«

»Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! die Hellebard in die Rippen! es muß Köpfe regnen! nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!« so brüllten die Massen und schwenkten die Hüte und rasselten mit Schwertern und Spießen. »Weiter, weiter, Hofmännin! Du sagst uns das Rechte, dir wollen wir folgen!«

»Nicht aus den Bauern kommt der Pfeil und das mordliche Verderben,« fuhr Judika fort. »Freiheit und Wahrheit sind zu den Menschen herabgekommen, damit Knechtschaft und Irrtum ein Ende haben und alles frei wird, was Gott der Allmächtige gefreiet hat in Christo, seinem eingeborenen Sohn. Im Evangelium steht es geschrieben und verbrieft: alle Menschen sind gleich im Leben, wie sie es im Tode sind, und keiner soll vor dem anderen etwas voraus haben. Aber die Pfaffen wollen es nicht Wort haben; sie belügen und betrügen uns und wollen uns die heilige Schrift vorenthalten, die uns der große, gottbegnadete Mann, Doktor Martin Luther, gegeben hat, daß wir erlöst werden von allem Jammer und Elend, die zum Himmel schreien! Darum fort auch mit den Pfaffen! Wenn ein Mönch kommt und einen Käse fordert, so werft ihm einen vierpfündigen Stein an den Kopf und fegt ihn selber mit einem Besen über die Schwelle. Schickt die Schlösser in Feuer und Flammen gen Himmel und die Klöster hinterdrein, und wer euch daran hindern will, dessen Dank laßt ein warmes Blei sein! Wir sind die Bauern, die den Adel strafen und die Sünden des Volkes an den Sünden der Priester und Prälaten rächen wollen, und wenn der Papst sich zu seinen drei Kronen noch eine vierte auf den Kopf setzte!

Nun, hoff' ich, wißt ihr, was ihr zu tun habt. Zündet Kreitfeuer auf den Höhen an, und beim Glockenstreich rottet euch zusammen zu Tausenden und aber und aber Tausenden, schafft euch Kartaunen und Schlangen und Falkonetlein, fordert Pulver und Blei von den Junkern, womit ihr ihnen die Zwingburgen niederlegt! Und welche Stadt euch die Tore nicht öffnen will, der fliegt wie Kraniche über die Mauern und schreibt der wohlweisen Ehrbarkeit und der Gemeinheit euren Willen vor! Und welcher Junker sich nicht auf die zwölf Artikel in den Bund schwört, den laßt über die Klinge springen oder schickt ihn durch die Gasse und rennt ihm den Spieß in die Rippen! Denn der Teufel des Übermutes, der in den Junkern steckt, ist nicht zu bannen ohne den Henker, und wenn ihr das Übel nicht an der Wurzel heilt, so werdet ihr niemals wieder für euren sauer erworbenen Pfennig ein geschmalztes Brot zu essen kriegen.

Was ihr aber auch tut, liebe Brüder, im Glauben dürft ihr nicht baufällig werden. Haltet fest am Wort Gottes und seinem heiligen Evangelium, das uns die Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf Erden verkündet. Verpflichtet euch mit schweren Eiden zu heimlichen Anschlägen, und dann zieht herum wie die Krähen in der Luft, wohin der Geist und die Notdurft euch weisen, zur Rache, zur Rache und noch einmal zur Rache! Legt Feuer auf die Büsche und schwingt die Brandfackel, bis es im Reiche keine anderen Häuser mehr gibt als Bauernhäuser auf dem Lande und Bürgerhäuser in den Städten. Ziehet hin mit großer Furie und mit der Losung: Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! denn Gottes Wort bleibet in Ewigkeit!«

Damit schloß die Rednerin und ihre Worte hatten gezündet. Endloser, stürmischer Jubel scholl ihr aus dem ganzen Lager brausend und donnernd, die Luft erschütternd entgegen. Die Tausende alle waren in wildester Erregung; sie schüttelten sich die Hände, schlugen sich derb auf die Schulter und riefen wie berauscht einander zu: »Die kann's! die hat's uns gesagt, wie's einem ums Herz ist. Nieder mit den Rittern und Junkern, den Schlössern und Klöstern! Die Hofmännin soll uns führen, sie soll uns die Bundesfahne vortragen auf dem Wege zur Freiheit, und Blut soll fließen wie Wasser auf der Erde, Blut, Blut, Blut!!«

So tobten sie fort und fort, als Judikas schwarze Gestalt schon nicht mehr sichtbar war im Scheine des Feuers auf dem Hügel. Sie war einige Schritte zurückgetreten; ihre Brust wogte, und ein tiefes Beben ging durch ihren Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Jäcklein Rohrbach reichte ihr die Hand und nickte ihr zu: »Hast's gut gemacht, Judika! Thomas Münzer hätt' es nicht besser machen können, wie du das Eisen geschmiedet hast auf dem Amboß der Not und der Rache. Jetzt gehen sie mit dir durch dick und dünn, gehen durchs Feuer für dich, und allen voran einer, – du weißt, wer!« Und er sah sie prüfend an, umschlang ihre ganze Gestalt mit einem glühenden Blicke. Sie antwortete ihm nicht, bei seinen letzten Worten und dem begehrlichen Blicke runzelte sie die schwarzen Brauen, und zwischen ihnen zeigte sich eine tiefe Falte auf der Stirn. Als sich der Lärm auf den Wiesen noch immer nicht legte, schaute sie auf die durcheinander wirbelnde Menge da unten ein Weilchen sinnend hinab. In ihren Augen lag jetzt etwas Schwärmerisches und auf ihren sonst so ernsten Zügen eine stolze Anmut, die ihnen für gewöhnlich fehlte und ihre eigentümliche Schönheit noch erhöhte.

Plötzlich sprang aus dem Gedränge ein Bauer auf die Stelle, wo eben noch Judika gestanden hatte. Es war ein riesenhafter, nicht mehr junger Mensch in zerlumpter Kleidung und von einem verzweifelt wüsten Ausdruck im Gesicht und in den blutdürstig flackernden Augen. Er schwang eine wuchtige Keule über dem von zerzaustem Haar und Bart umflatterten Kopfe und schrie mit gewaltiger, weithin dröhnender Stimme: »Brüder! hört mich! Was uns das schwarze Weib da gesagt hat, das geht zu Herzen, das ist die wahre Losung. Jetzt sind wir einig. Hand hoch, wer sich zuschwört zum Dreinstoßen, zum Brennen und Niederreißen, zur Rache bis aufs Blut!«

Alle hoben sie die Hände hoch und die Waffen und brüllten: »Ja, ja! wir sind einig! Rache bis aufs Blut! Hurrah das schwarze Weib! hurrah! hurrah!«

Da hatte Judika Hofmann einen neuen Namen erhalten, sie hieß fortan im ganzen Bauernheere »das schwarze Weib«.

Georg Metzler war mit den meisten anderen Führern in die Nähe des Hügels gekommen, wo sich Jäcklein und Judika befanden, um mit ihnen zu beraten, was nun geschehen sollte. Die Verlesung der zwölf Artikel war jetzt nicht mehr möglich; dazu waren die Massen viel zu erregt. Es ward daher beschlossen, die Versammlung bei der späten Stunde aufzuheben. Jeder sollte suchen, wo er für die Nacht ein Unterkommen fände. In den nächsten Wochen sollten die einzelnen Landsmannschaften auf eigene Faust und Willkür hausen und umherziehen, um Waffen und Mundvorrat zu erbeuten, vor allem aber bemüht sein, sich durch Zuzug zu verstärken und soviel wie möglich Ritter und Städte durch Schwören auf die zwölf Artikel zum Eintritt in den Bund zu bewegen. Wer sich des weigerte, mit dem sollte kurzer Prozeß gemacht werden. Zum nächsten Vollmond aber – bis dahin waren noch zwölf Tage – sollten sich alle in dem reichen Cisterzienserkloster Schöntal an der Jaxt zu einer gemeinsamen großen Aktion wieder zusammenfinden und einen kriegserfahrenen obersten Feldhauptmann wählen.

Die Führer der größeren Haufen, denen sich kleinere anschlossen, einigten sich über die Gebiete, die sie, um sich nicht gegenseitig zu behindern, getrennt voneinander, aber durch Boten und Kundschafter in Verbindung bleibend, durchziehen wollten, und teilten ihren Landsleuten den Beschluß mit. Darauf begann der allgemeine Aufbruch. Einzelne Haufen machten sich, manche schweigend, andere lärmend, singend und johlend, auf den Weg zu benachbarten Dörfern, um ein Obdach für die Nacht zu finden. Andere suchten Schutz unter den Bäumen des Waldes oder blieben um die Feuer gelagert, diese aufs neue anschürend, um sich an ihnen zu wärmen.

An Judika trat eine Frau, ihr Kind auf dem Arm, mit ihrem Mann heran und sagte schlicht und treuherzig: »Du hast auch für unsere armen Kinder gesprochen; komm mit zu uns und schlafe bei uns! wir wohnen in Unterschüpf, und eine Lagerstatt findet sich schon noch für dich in unserer Armut, wenn du auch aussiehst, als hättest du schon besser, viel besser geruht.« Judika nickte still vor sich hin und unterdrückte einen aufsteigenden Seufzer in ihrer Brust. Dann nahm sie das Anerbieten dankend an und ging mit dem Paare. Jäcklein Rohrbach sah ihnen mit finsterem Blicke nach, wie sie im Dunkel verschwanden. Dann rief er die Seinigen alle zu einem weiten Kreise um sich her und gebot ihnen kurz und streng: »Wir bleiben zusammen, niemand trennt sich vom Haufen, morgen ziehen wir weiter.«

Auf den Wiesen des Schüpfergrundes ward es allmählich still. Die Feuer loderten hell oder schwelten im Verlöschen, wenn sie niemand mehr mit frischem Reisig nährte. Von dem einen tönte deutliches Schnarchen, von dem anderen halblautes Gespräch durch die Nacht hin. Das Feuer auf dem Hügel aber, wo Judika gestanden und geredet hatte, blieb einsam und erstarb in verglimmenden Kohlen und zerstiebender Asche.


 << zurück weiter >>